Jetzt auf See und dann kein Schiff

Mission Lifeline Flagge unter unserer Backbord Saling

Ich erinnere mich noch sehr gut an den ersten Seenot-Moment in meinem Leben: wir segeln zu dritt auf der Nordadria als von Lee eine schwarze Wand aufzieht. Das Grosssegel bekommen wir gerade noch runter, die Fock, ohnehin schon eine kleine Solent Jib, reißt als 12 Windstärken in unser Rigg knallen. Wir sind urplötzlich nur noch einen kleinen weiteren Riss von einer Seenot  entfernt, mitten auf der kochenden Adria mit einem kaputten Vorsegel und einem kaum laufenden Diesel.

Als ich die Funke anschmeisse, höre ich auf Kanal 16 lauter Mayday-Rufe; nur deswegen setze ich selbst keinen ab. Das verzweifelte Rufen eines Jungen auf einer schwedischen Yacht klingt mir heute noch in den Ohren. Nach alter Tradition nehmen wir unsere persönlichen Papiere an uns, damit wir später identifiziert werden können, falls wir das Schiff verlieren und kämpfen uns 12 Stunden durch den nicht nachlassenden Sturm.

Ich kann meiner inneren Tankanzeige zusehen, wie mein Körper in der nassen und zehrenden Umgebung an Kraft verliert. Viel länger hätten wir nicht durchgehalten, als wir in Mali Losin Schutz in einer Bucht finden.

Die raue, aufgewühlte See lässt im gesündesten Selbstvertrauen einen kalten Horror entstehen, den sich Landratten einfach nicht vorstellen können.

Dabei lag zwischen uns und dem Untergang noch eine seegängige Jacht, und eine Seenotrettungsorganisation, die uns ohne zu zögern einen Hubschrauber aus Pula geschickt hätte; ich kann also nur schwach erahnen, was es heißt, entkräftet, durstig und am ganzen Wesen klamm an einem Stück Plastik treibend, sich dieser Hoffnung fressenden Kraft gegenüber zu sehen.

„Jetzt auf See und dann kein Schiff“

Meine Omi angesichts schlechten Wetters.

Meine Vorfahren waren Fischer aus einem kleinen Dorf an der Elbe; in früheren Zeiten war es normal, Verwandte und ganze Männergenerationen an die Nordsee zu verlieren. Vielleicht entstammt dieser Erfahrung mein tiefer Respekt gegenüber Seenotretter_innen und dem Kodex, der auf See alle Menschen gleich macht. Denn das sind wir alle, die wir auf den Meeren fahren – im Angesicht der grauen, Lebenskraft saugenden See.

Seenotrettung ist kein Verbrechen sondern menschliche Pflicht; jahrtausendealt.

Blick von der Mole

Episode 1 des ersten Bandes der „Seglergeschichten“

Seit Tagen schon wehte ein strenger Ostwind in die Bucht von Paralia, drückte das Wasser von einem Teil des kleinen Meeres in die andere. Die Mole des kleinen Hafens an der Nordküste der großen Bucht, der denselben Namen trug, widerstand schon seit hundert Jahren dem Lecken der Wellen. Schob das, was an Energie übrig war, peitschend über ihren Rand.

Wie jeden Abend, pünktlich zum Sonnenuntergang, machte sich Tobijjah Langström auf den Weg, die drei Flaggen am Südende der Mole einzuholen; nur um sie am darauf folgenden Morgen wieder aufzuhissen. Von links aus gesehen die Flagge des Landes, dann die der Provinz, in der Paralia lag und zuletzt die stolze Flagge des kleinen Ortes. Letztere erneuerte er öfter. Sie sollte sauber flattern und sich nicht zerfleddert seinen Gästen zeigen, die seinen Hafen meist nach einer kräftezehrenden Überfahrt zum Einklarieren aufsuchten. Zum Land, zu Staaten an sich hatte Tobijjah, der von seinen Freunden „Toba“ genannt wurde, keine ernsthafte Beziehung. Nationalstolz lag ihm fern, so wie große Ambitionen oder Prahlerei. Die war ihm sogar ausgesprochen zuwider.

Toba huschte gekonnt unter einer Gischtwolke durch und begann die Flaggen einzuholen, als ein später Gast von See aus anrollte. Die über Tage aufgebauten Wellen schoben die Segelyacht von einer auf die andere Seite. Der Skipper, das konnte er sehen, hatte alle Mühe, das Boot auf die kleine Einfahrt zwischen den Molenköpfen zuzusteuern; wie ein Betrunkener wankte das Schiff bedrohlich hin und her, ehe es mit heftigen Schwung auf der größten Welle in den Hafen glitt. Danach beruhigte es sich schnell und Toba sah den Steuermann aufatmen.

Die Flaggen unter dem Arm winkte er dem Menschen unter dem dicken Ölzeug zu und deutete auf einen Steg in der Nähe, von dem er wusste, dass dort noch Plätze frei waren. Toba konnte nicht erkennen, wer sich unter der tief im Gesicht sitzenden Kapuze verbarg. Hätte er es gesehen, wäre ihm wahrscheinlich der Schreck in die Glieder gefahren. So aber schlug er arglos und entspannt seinen Kragen auf und versuchte möglichst trocken sein Büro zu erreichen. Es war inzwischen beinahe dunkel und die Kälte der Frühlingsnacht senkte sich schnell auf den kleinen Hafen.

Flüchtige Ewigkeit

Heute gab es kein Morgenrot; der Himmel sandte keinen Hinweis gen Erde, dass er sich um was schert. Mit feuchten, grauen Fingern griffen mies gelaunte Wolken nach allem Lebendigen, saugten alle Energie aus mir heraus.

Ich betrat die Bodega gerade in dem Moment, als Du die Spülmaschine einräumtest, stoisch ruhig und mir abgewandt, umgeben von dieser Selbstverständlichkeit, die natürliche Schönheit ausstrahlt, mitten im Raum stehend, nicht aufdringlich aber unübersehbar.

In den Sekunden, die Du benötigst, Dich umzudrehen und mich mit Deinem offenen Blick fragend anzulachen, habe ich einen ganzen Film in mir durchgeschaut, in dem Dein blonder Zopf eine Hauptrolle spielt. Ich lächele schief und bestelle mir einen Café Solo.

Als Du mich nach meiner Meinung zu diesem Sauwetter fragst, legst Du den Kopf schräg  auf Deine Schulter und spielst unbewusst mit der Schleife Deiner Baristaschürze. Sekunden, die in meiner Erinnerung später zu Stunden gerinnen.

Ich trinke viel zu schnell und stelle meine leere Tasse auf den Tresen, lege ein paar Münzen dazu und nehme noch einen tiefen Blick und dieses vertraute Lachen mit auf den Weg.

Die Sonne hat Löcher in die Wolkendecke gerissen, als ich verliebt in den Moment auf die Strasse trete; einem anderen Leben entgegen.

Freundschaft mit der Fröhlichkeit

Für Julius, zur Konfirmation.

Deine unerschütterliche Fröhlichkeit aus Kindertagen,

In den Frühling des Lebens tragen;

Auch wenn Zweifel und Wehen in Dir wühlen,

Die Seelen Deiner Nächsten zu erfühlen.

Denn mit des Anderen Glück, kommt die Heiterkeit zurück.

Wenn Dir Freundschaft zum Frohsinn gelingt, Dich nichts vom Weg abbringt.

tow away zone

„Abschleppen“ – aus dem Alltag eines fiesen Trolls

„Du, Frau Schlägel, kannst Du mal bitte rüberkommen?“, frage ich meine Kollegin ein Büro weiter. „Jaaahaa, Moooment“, flötet es von nebenan.

Wie ich dieses Langziehen von Vokalen hasse. Als sie dann vor meinem Schreibtisch steht, zeige ich aus dem Fenster:

„Sag mal, kannst Du das Kennzeichen da unten lesen?“
„Jahaaaa, HH-V0-9999. – Wiesooo?“

„Nix, Danke. Machst Du die Tür zu, wenn Du rausgehst?“.

Im vierten Stock des „World Cruise and Finance Center“ hat man eine Spitzensicht auf die kleine kurze Eckstraße, die größenwahnsinnig „Lange Straße“ heisst. Hier parken die ganzen „Unmarked Paketboten“ immer, wie ich die schmierigen Subunternehmer der ehemaligen Bundespost immer nenne. Ich notiere mir dann die Kennzeichen, oder lasse sie von Frau Schlägel, also von Marion, notieren und rufe dann die Polizei.

Wenn ich Glück habe, meine Quote liegt bei grandiosen 25% (wenn meine EBITDA-Quote dieses Jahr nur auch so hoch wäre, aber das hat mir ja der Einkauf versemmelt mit diesem Panamadeal). Heute ist ein besonders schönes Exemplar an der Reihe. Übergewicht, beige-blondierte Fisselhaare unter einer HSV-Kappe. „Love the Armory“ steht auf seinem T-Shirt, was wie eine Tätowierung aussieht.

Was auch immer das heissen soll.
Weiss der Spinner bestimmt selber nicht.

Die Polizei erscheint. Hurrah, heute ist mein Glückstag: Zwei „Bulletten“. Eine blonder als die andere.

Der Mann gestikuliert. Herrlich, einer von der Sorte, die denken, sie können sich mit ihrem Charme herausreden. Sind ja Mädchen, die ihm da gegenüber stehen. Hat sich der Typ in den letzten zehn Jahren mal im Spiegel angesehen? Auf Machos, die unsere Auffahrt blockieren und dann auch noch anzüglich werden, können die Polizeimeisterinnen sicher besonders gut.

Das Telefon klingelt, meine Frau ist dran. Was wir denn nun mit dem Elternabend machen heute Abend. „Ich muss noch länger arbeiten, Schatz – ich kann nicht, rufe zurück“, wimmele ich sie ab. Als ich wieder heruntersehe auf die Straße vor meinem Gebäude, sind alle in ihre Fahrzeige gestiegen. Schade, hab ich das Schönste verpasst?

Na, das kann sie, meine saubere Ehefrau; mir den schönsten Moment des Tages versauen.

„Ach, komm, mach Dir nix draus“, denke ich mir und hefte fein säuberlich und mit einem Lächeln auf dem Gesicht meine Fotos vom heutigen Fang in den Tumblr-Blog und drehe zur Entspannung eine Runde bei welt.de , Flüchtlingsartikel kommentieren. …

 

Photo credit: gregorywass on VisualHunt / CC BY-NC-SA

„Wir haben die schrecklichste Bombe der Weltgeschichte entdeckt.“

„Wir trafen uns heute um 11:00 Uhr. Das heißt, Stalin, Churchill und der US-Präsident. Aber ich hatte vorher eine sehr wichtige Sitzung mit Lord Mountbatten und General Marshall. Wir haben die schrecklichste Bombe der Weltgeschichte entdeckt. Es kann die Feuerzerstörung sein, die in der Euphrat-Tal-Ära nach Noah und seiner fabelhaften Arche prophezeit wurde. Jedenfalls glauben wir, dass wir den Weg gefunden haben, um einen Zerfall des Atoms herbeizuführen. Ein Experiment in der Wüste von New Mexico war ein Startschuss – um es milde auszudrücken. Dreizehn Pfund des Sprengstoffs verursachten einen Krater, sechshundert Fuß tief und zwölfhundert Fuß im Durchmesser, stießen über einen Stahlturm eine halbe Meile entfernt, und schlugen Männer zehntausend Meter entfernt nieder.“

  • Tagebuch von President Harry Truman, am 25. Juli 1945

Genau 12 Tage, bevor die erste Atombombe auf Hiroshima abgeworfen wurde, erläuterte der Präsident seine Diskussionen über den Einsatz der Atombombe. Der auffälligste Teil dieser Passage ist Trumans Wunsch, die Bombe nur für Militärangehörige einzusetzen – nicht für Zivilisten. Hiroshima wurde wegen seines Marinehafens und seines großen militärischen Hauptquartiers ausgewählt. Das zweite Ziel sollte ursprünglich Kyoto, die alte Hauptstadt Japans, sein, aber Truman glaubte, dass das Abwerfen der Bombe auf Tokio oder Kyoto zu übermäßigen zivilen Verlusten führen würde.

Tatsächlich wurde nach dem Krieg enthüllt, dass Kyoto von der Bombe verschont blieb, weil der Kriegsminister, General Stimson, in Kyoto Flitterwochen verbracht hatte und die Stadt besonders liebte. Wie wir wissen, war die überwiegende Mehrheit der Opfer Zivilisten, insbesondere ältere Menschen und Kinder. Truman wurde in den Tagen nach der zweiten Atombombenexplosion von Schuldgefühlen geplagt. Der damalige Handelsminister Henry Wallace schrieb, dass Truman einen Stopp für weitere Pläne zur Bombardierung Japans angeordnet habe, indem er erklärte: „Ihm gefiel die Idee nicht, wie er sagte, all diese Kinder zu töten.”

Photo credit: Costa Rica Bill on Visual Hunt / CC BY-NC

Resonanzboden

CC by visualhunt

Harmonien brauchen Resonanz. Wie Wellen, die sich an einem hellen Strand 🏝 brechen und ihr Dasein in einem charakteristischen Meeresrauschen vollenden, brechen sich die Töne unseres Wirkens, der Sound dessen, was uns widerfährt oder was wir selbst tun, an all den Kinken und Facetten unseres Lebens.

Vereinen sich zu einem einzigartigen Klang, der mit jedem Jahr voller und runder wird. ;)

Nu auf See …

Seenotrettungskreuzer – Photo credit: abbilder on Visual Hunt / CC BY-ND

Dieses Gefühl, wenn Gischt und Regen sich vereinen und vom Sturm getrieben, wie eiskalte Nadeln in das Gesicht stechen; einem den Atem raubend nur einen Wunsch zulassen: so schnell wie möglich hinein in den sicheren, ach irgendeinen Hafen, das kenne ich auch.

“Jetzt auf See und dann kein Schiff”

Und die Hochachtung ist kaum zu beschreiben, wenn man Geschichten von Männern liest, die freiwillig den anderen Weg gehen; vom sicheren Hafen in das klamme Inferno hinaus steuern, um anderen – vielleicht irgendwann auch mir – zu Hilfe zu eilen.

„Die beiden Pole eines ausgeprägt modernen Empfindens sind Nostalgie und Utopie“

„Wie wundervoll das alles im Rückblick erscheint. Wie sehr man sich wünschte, dass ein wenig von der Kühnheit, dem Optimismus, der Verachtung für den Kommerz überlebt hätte. Die beiden Pole eines ausgeprägt modernen Empfindens sind Nostalgie und Utopie.

Das vielleicht interessanteste Merkmal der Zeit, die heute als die Sechziger Jahre etikettiert wird, war die Tatsache, dass es so wenig Nostalgie gab. In diesem Sinne handelte es sich tatsächlich um einen utopischen Moment.“ (Susan Sontag)

An einem Nachmittag im Jahr 1966 begegnen sich Susan Sonntag und der Radiomann Jonathan Cott auf dem Campus von Berkeley zufällig und zum ersten Mal. 1978 treffen sie sich wieder; zu einem Interview, das legendär werden sollte. Erst in Sontags Pariser Wohnung, dann in ihrem Loft in New York. „„Die beiden Pole eines ausgeprägt modernen Empfindens sind Nostalgie und Utopie““ weiterlesen

Nick Hornby: Warum Vinyl-Platten wichtig sind – und was Wertschätzung damit zu tun hat

Mein erstes Importalbum: Ma Simba Bele – Unknown Cases. Importiert von Rocco Records in Hamburg und liebevoll angehört – immer wieder.

Nick Hornby, elder statesman der britischen Popkultur, hat dem Magazin „Reverb“ ein Interview gegeben, in dem es um Vinyl und das Besondere daran geht.

Interessanterweise beschreibt Nick Hornby am Beispiel des – immer noch nicht ausgestorbenen – Schallplattenalbum, was an der digitalen Welt derzeit im Argen liegt und wieso analoge Produkte uns den Dingen, die wir lieben wieder näher bringen.

Why is vinyl important?
I don’t think it’s important, really.

Nick Hornby: I skip tracks all the time, I listen to things for twenty seconds before deciding whether I like them

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„Meine Lieblingssportarten sind Forellenangeln, Wandern, Schießen, Fußball und Boxen.“

„Mein Name ist Ernest Miller Hemingway Ich wurde am 21. Juli 1899 geboren. Meine Lieblingsautoren sind Kipling, O. Henry und Steuart Edward White. Meine Lieblingsblume ist Orchideen und Tigerlilien. Meine Lieblingssportarten sind Forellenangeln, Wandern, Schießen, Fußball und Boxen. Meine Lieblingsfächer sind Englisch, Zoologie und Chemie. Ich beabsichtige zu reisen und zu schreiben.“

Dies ist der erste Tagebucheintrag des neunjährigen Ernest Hemingway.

Schon als Kind können wir die Züge jenes direkten und vereinfachten Schreibstils erkennen, für den Hemingway bekannt wurde.

Erster Eintrag 1908 – vor 110 Jahren

Viele neunjährige Jungen haben Vorstellungen davon, was sie werden wollen, wenn sie groß sind, aber selten werden solche Visionen wahr. Im Falle von Hemingway hingegen schrieb und reiste er tatsächlich ausgiebig.

Die Unschuld des Tagebucheintrags ist weit entfernt von den Ereignissen, die sich 52 Jahre später ereigneten: nach einer langen Geschichte von Alkoholismus und psychischen Erkrankungen tötete sich Hemingway im Alter von 61 Jahren.

Ich habe meine ersten Schritte als Tagebuchschreiber als Heranwachsender getan, mit dem festen Wunsch, es Philippe Djian in Betty Blue gleich zu tun und ein Schriftsteller mit einem geschliffenen und unverwechselbaren Stil zu werden. Das viele Biertrinken hat mir auch gefallen.

Bevor das Wort „Blog“ oder „Weblog“ erfunden wurde, bevor alle Welt in Timelines schrieb, vertrauten die Menschen ihre Gedanken und Erlebnisse einem Tagebuch an. Einem „Journal“, wie es damals vornehm französisch hieß.

Photo credit: Franck Vervial on Visual hunt / CC BY-NC-ND

Podcasting mit Musik: wie tauglich ist die GEMA Podcast Lizenz

Ich podcaste seit einem Vierteljahr nun regelmäßig. Das Intro des 19:10 St. Pauli Podcast haben wir selbst komponiert und ansonsten die Werke anderer – wie schon beim Bloggen schmerzhaft gelernt – Stichwort Abmahnung – gemieden, wie das Weihwasser.

Dennoch: Musik und Podcast gehört irgendwie zusammen – so wie St. Pauli und Popkultur – und so kam schnell der Tag, an dem wir in unserem Podcast lizenzpflichtige Musik spielen wollten.

Wer in seinem Podcast Musik spielen will, muss Rechte einkaufen. Pauschal geht das bei der GEMA

Die Gema bietet schon seit über zehn Jahren einen speziellen Tarif für Podcaster an: Die Lizenz zur Nutzung des GEMA-Repertoires in Ihrem Podcast.

An diese Lizenz sind einige Bedingungen geknüpft, die ich im folgenden bewerten möchte… (Tim Pritlove hat die erste Version damals „angstgeladene Scheiße“ genannt, ist sie das immer noch?)

Bedingungen der Gema Podcast Lizenz:

  1. Musikstücke müssen an- und abmoderiert werden

    und zwar in der Form, dass man, wie die vielgehassten Radiomoderatoren meiner Jugend, wie Willem, in die Musikstücke hinein spricht. Ich vermute, dass damit vermieden werden soll, dass sich Hörer oder andere aus Podcasts die Musikstücke extrahieren.

    Fazit: Das ist gut machbar und passt zum Flow eines sprachegetriebenen Formates ganz gut. Fühlt sich beinahe, wie im Radio an – nennt mich Willem ;)

  2. Nur 50% des Musikstückes dürfen gespielt werden.

    Fazit: Das ist schon doof und der Ärger beginnt schon bei der Frage, „was ist denn genau die Hälfte eines Songs?“. Trotzdem, auch diese willkürliche Regel ist handlebar.

  3. Der Podcast darf nur unter zwei URLs angeboten werden.

    Fazit: Eine vollkommen unklare Regelung, die völlig außer Acht lässt, dass bspw. der MP3-Feed zwar genau eine URL ist, dieser aber bspw. bei Itunes oder Podcast.de unter anderen URLs abrufbar ist

  4. Laufzeiten/ Kosten pro Monat:

    LAUFZEIT 1 MONAT LAUFZEIT 2 MONATE LAUFZEIT 3 MONATE
    Intro/Outro, Euro 5,00 pro Monat 10 Euro 15 Euro
    Intro/Outro + 5 Songs je Monat, Euro 10,00 pro Monat 10 Euro 20 Euro 30 Euro
    Intro/Outro + 31 Songs je Monat, Euro 30,00 pro Monat 30 Euro 60 Euro 90 Euro

    Wenn ich das richtig verstanden habe, dann läuft die Podcast Lizenz der GEMA je Folge/Episode eines Podcast, d.h. ab VÖ solange, wie die Episode im Internet abrufbar ist. Das bedeutet aber, dass man mitnichten für 10 Euro eine Art Musikflatrate bekommt, sondern dass man je Episode, die GEMA-pflichtige Musik nutzt, zahlt. Das sind dann bei wöchentlichen Folgen schnell über 3.000 EUR Lizenzkosten im Jahr – und bleiben die Folgen online, geht das Zahlen munter weiter.

    Fazit: Für kleine Podcasts, die keine signifikanten Einnahmen generieren ist das eine echte Kostenfalle. Einzige Möglichkeit: die Podcast-Folgen nach Ablauf der Lizenz um die Musik bereinigen – so habe ich das gemacht. Ist aber ein Heidenaufwand.

  5. Die einzelnen Podcast-Folgen dürfen (inkl. Musik) nur 30 Minuten lang sein.
    Fazit: Willkürlicher Humbug. Ich kaufe eine Lizenz für fünf oder bis zu 31 Songs und darf die Folgen nicht länger als 30 Minuten lang werden lassen?

Fazit: Podcasten mit Musik macht mehr Spaß, der Benefit rechtfertigt aber den Aufwand nicht, weder den zeitlichen noch den monetären. Danke GEMA :(

Was willst Du wirklich ..? – eine Übung

Wann vergisst Du alles um Dich herum? Und falls Deine Antwort lautet „’Der Bergdoktor‘ schauen, bis ich alle Staffeln auswendig kann“ oder „meinem Goldfisch Morsesprache per Wasserblasen-Furzen beibringen“: Worum geht es Dir dabei wirklich, was ist der Kern, den Du auf eine andere Tätigkeit übertragen könntest? …

so beschreibt Blogger Tim Schlunzig eine von sieben Fragen, deren Beantwortung mich näher an das bringen sollen, was ich im Grunde meines Herzens tun möchte.

Eine interessante Lektüre – und Übung, die man sich nicht durch skeptisches Nachdenken vermiesen lassen sollte.

Ich war auf jeden Fall von der Klarheit des Ergebnisses überrascht. Als ich anfing nachzudenken, was denn der Kern dessen sei, was mich die Zeit vergessen lässt, mich in den berühmten „Flow“ bringt, erschien ein Begriff in meiner inneren Timeline – genau einer: „Was willst Du wirklich ..? – eine Übung“ weiterlesen

Gefällig 1.500 Stück gute abgelagerte Cigarren

Herrn Paul Koegel. Magdeburg !
Remscheid, 11. Mai 1869

Senden Sie mir gefl. (gefällig) wieder sobald als möglich:
1500 Stück gute abgelagerte Cigarren „Flor de Ynes“
wie erhalten á Thr (Taler) 22 pro mille (lat.: je Tausend)
500 Stück do (dito, ebenso) Rio Sella á Thr 18 ײ ײ
Ihrer gefl. Versandtsanzeige entgegensehend,

Zeichnet in aller Achtung
A Mannesmann

Adam: „OMG it’s Friday“

Freitag

Ich kann nichts daran ändern, die Namensgebung geht unaufhörlich weiter. Ich hatte einen so schönen Namen für dieses Gelände; er war hübsch und melodisch – Der Garten Eden.

Insgeheim nenne ich es noch weiter so, sage es aber nicht mehr laut. Das neue Geschöpf sagt, daß es hier nur Wald, Felsen und Landschaft gibt, und daß es deshalb keine Ähnlichkeit mit einem Garten hat. Es sagt, daß es wie ein Park aussieht und daher ein Park ist.

Deshalb muß es – natürlich ohne meine Zustimmung – in Niagara Wasserfall Park umbenannt werden. Das erscheint mir ganz schön willkürlich. Und schon steht da ein Schild:

Betreten des Rasens
verboten

Ich fühle mich nicht mehr so glücklich wie früher.

 

 

 


Aus:

Auszüge aus Adams Tagebuch
Mark Twain

Aus dem Originalmanuskript übersetzt 2003 von Arno Niemer
Quelle: Gutenberg SPIEGEL

Rotorblätter in der Nacht

Aufruf zur G20 Demo – abblätternd. L: Altona

Bekenntnis eines G20-Feiglings

Der Hubschrauber, der letze Nacht über mein Haus flog, hat mich erschreckt, hat mir die Tage vor und an G20 wieder ins Gedächtnis rotiert. Eine Minute nur stand er über unserem Dach, so wie die drei Polizeihubschrauber Anfang Juli die ganze Nacht. Dann – nach einer kleinen Ewigkeit – flog er weiter; vermutlich, um einen Schwerverletzten ins nahe Altonaer Krankenhaus zu fliegen.

Eine gute Sache also, dieser Hubschrauber. Eigentlich; aber seit dem Scholzschen „Fest der Demokratie“, als sich die Kanzlerin in Tateinheit mit dem Hamburger Bürgermeister einen Haufen von Chaoten und Despoten in die Stadt ein- und sich von der Polizei unbehelligt eine organisierte und spontane Wut entlud, führen alltägliche urbane Geräusche zu einer anderen biochemischen Reaktion, als vorher. „Rotorblätter in der Nacht“ weiterlesen

Jedes Mal, wenn es wärmer wird, vergessen meine Nachbarn über mir die Grundlagen der Physik.

tl; dr Balkonpflanzen gießen ohne Rücksicht ist asozial!


Es sind die ersten schönen Tage des Jahres, auch zum Feierabend ist es noch warm. Da beschleicht den Homo Metropolis eine Panik, die ihn alle Regeln der Höflichkeit und auch die der elementaren Physik (6. Klasse) vergessen lässt: Die Balkonpflanzen könnten sterben, wenn ich sie nicht sofort gieße, ach was übergieße, die armen Dinger; und mit dem groben Ausflussstück werden literweise Liebe und Zuneigung ausgeschüttet.

Die landet dann bei mir auf dem Schoß, auf der Schulter oder dem Abendbrot und ganz ehrlich?, ich finde das nicht mehr witzig, nicht tolerabel und echt asozial. Da wird auf Hinweis noch nicht einmal runtergeschaut, um sich zu entschuldigen. Geschweige denn vorher!

Ich habe meinen Nachbarn ganz oben (für die drunter gilt: je weiter oben desto rücksichtsloser; als wäre das eine Art Naturgesetz?) und den anderen Balkonpflanzenretter heute einen Brief geschrieben.

 

Im Wortlaut:

Liebe Nachbarn,

vielen Dank, aber ich hatte schon geduscht.

Ich weiß, es fällt jedes Jahr von Neuem schwer, sich an den Physikunterricht zu erinnern – Wasser fällt von oben nach unten – und da wohne ich.

Gießen ohne Rücksicht ist asozial!

Autogramm

Eben bei Tengelmann in München Moosach: ich bezahle meinen Einkauf mit EC-Karte. Als die Kassiererin routiniert den Bon und den EC-Beleg aus dem kleinen Drucker zieht, sagt sie, „Hier bitte noch ein Autogramm“.

„Für wen?“, lautet meine Antwort, während ich sie anlächele.
„Fur Michi“, sagt sie und lächelt zurück. :)