Jetzt auf See und dann kein Schiff

Mission Lifeline Flagge unter unserer Backbord Saling

Ich erinnere mich noch sehr gut an den ersten Seenot-Moment in meinem Leben: wir segeln zu dritt auf der Nordadria als von Lee eine schwarze Wand aufzieht. Das Grosssegel bekommen wir gerade noch runter, die Fock, ohnehin schon eine kleine Solent Jib, reißt als 12 Windstärken in unser Rigg knallen. Wir sind urplötzlich nur noch einen kleinen weiteren Riss von einer Seenot  entfernt, mitten auf der kochenden Adria mit einem kaputten Vorsegel und einem kaum laufenden Diesel.

Als ich die Funke anschmeisse, höre ich auf Kanal 16 lauter Mayday-Rufe; nur deswegen setze ich selbst keinen ab. Das verzweifelte Rufen eines Jungen auf einer schwedischen Yacht klingt mir heute noch in den Ohren. Nach alter Tradition nehmen wir unsere persönlichen Papiere an uns, damit wir später identifiziert werden können, falls wir das Schiff verlieren und kämpfen uns 12 Stunden durch den nicht nachlassenden Sturm.

Ich kann meiner inneren Tankanzeige zusehen, wie mein Körper in der nassen und zehrenden Umgebung an Kraft verliert. Viel länger hätten wir nicht durchgehalten, als wir in Mali Losin Schutz in einer Bucht finden.

Die raue, aufgewühlte See lässt im gesündesten Selbstvertrauen einen kalten Horror entstehen, den sich Landratten einfach nicht vorstellen können.

Dabei lag zwischen uns und dem Untergang noch eine seegängige Jacht, und eine Seenotrettungsorganisation, die uns ohne zu zögern einen Hubschrauber aus Pula geschickt hätte; ich kann also nur schwach erahnen, was es heißt, entkräftet, durstig und am ganzen Wesen klamm an einem Stück Plastik treibend, sich dieser Hoffnung fressenden Kraft gegenüber zu sehen.

„Jetzt auf See und dann kein Schiff“

Meine Omi angesichts schlechten Wetters.

Meine Vorfahren waren Fischer aus einem kleinen Dorf an der Elbe; in früheren Zeiten war es normal, Verwandte und ganze Männergenerationen an die Nordsee zu verlieren. Vielleicht entstammt dieser Erfahrung mein tiefer Respekt gegenüber Seenotretter_innen und dem Kodex, der auf See alle Menschen gleich macht. Denn das sind wir alle, die wir auf den Meeren fahren – im Angesicht der grauen, Lebenskraft saugenden See.

Seenotrettung ist kein Verbrechen sondern menschliche Pflicht; jahrtausendealt.

Blick von der Mole

Episode 1 des ersten Bandes der „Seglergeschichten“

Seit Tagen schon wehte ein strenger Ostwind in die Bucht von Paralia, drückte das Wasser von einem Teil des kleinen Meeres in die andere. Die Mole des kleinen Hafens an der Nordküste der großen Bucht, der denselben Namen trug, widerstand schon seit hundert Jahren dem Lecken der Wellen. Schob das, was an Energie übrig war, peitschend über ihren Rand.

Wie jeden Abend, pünktlich zum Sonnenuntergang, machte sich Tobijjah Langström auf den Weg, die drei Flaggen am Südende der Mole einzuholen; nur um sie am darauf folgenden Morgen wieder aufzuhissen. Von links aus gesehen die Flagge des Landes, dann die der Provinz, in der Paralia lag und zuletzt die stolze Flagge des kleinen Ortes. Letztere erneuerte er öfter. Sie sollte sauber flattern und sich nicht zerfleddert seinen Gästen zeigen, die seinen Hafen meist nach einer kräftezehrenden Überfahrt zum Einklarieren aufsuchten. Zum Land, zu Staaten an sich hatte Tobijjah, der von seinen Freunden „Toba“ genannt wurde, keine ernsthafte Beziehung. Nationalstolz lag ihm fern, so wie große Ambitionen oder Prahlerei. Die war ihm sogar ausgesprochen zuwider.

Toba huschte gekonnt unter einer Gischtwolke durch und begann die Flaggen einzuholen, als ein später Gast von See aus anrollte. Die über Tage aufgebauten Wellen schoben die Segelyacht von einer auf die andere Seite. Der Skipper, das konnte er sehen, hatte alle Mühe, das Boot auf die kleine Einfahrt zwischen den Molenköpfen zuzusteuern; wie ein Betrunkener wankte das Schiff bedrohlich hin und her, ehe es mit heftigen Schwung auf der größten Welle in den Hafen glitt. Danach beruhigte es sich schnell und Toba sah den Steuermann aufatmen.

Die Flaggen unter dem Arm winkte er dem Menschen unter dem dicken Ölzeug zu und deutete auf einen Steg in der Nähe, von dem er wusste, dass dort noch Plätze frei waren. Toba konnte nicht erkennen, wer sich unter der tief im Gesicht sitzenden Kapuze verbarg. Hätte er es gesehen, wäre ihm wahrscheinlich der Schreck in die Glieder gefahren. So aber schlug er arglos und entspannt seinen Kragen auf und versuchte möglichst trocken sein Büro zu erreichen. Es war inzwischen beinahe dunkel und die Kälte der Frühlingsnacht senkte sich schnell auf den kleinen Hafen.

Flüchtige Ewigkeit

Heute gab es kein Morgenrot; der Himmel sandte keinen Hinweis gen Erde, dass er sich um was schert. Mit feuchten, grauen Fingern griffen mies gelaunte Wolken nach allem Lebendigen, saugten alle Energie aus mir heraus.

Ich betrat die Bodega gerade in dem Moment, als Du die Spülmaschine einräumtest, stoisch ruhig und mir abgewandt, umgeben von dieser Selbstverständlichkeit, die natürliche Schönheit ausstrahlt, mitten im Raum stehend, nicht aufdringlich aber unübersehbar.

In den Sekunden, die Du benötigst, Dich umzudrehen und mich mit Deinem offenen Blick fragend anzulachen, habe ich einen ganzen Film in mir durchgeschaut, in dem Dein blonder Zopf eine Hauptrolle spielt. Ich lächele schief und bestelle mir einen Café Solo.

Als Du mich nach meiner Meinung zu diesem Sauwetter fragst, legst Du den Kopf schräg  auf Deine Schulter und spielst unbewusst mit der Schleife Deiner Baristaschürze. Sekunden, die in meiner Erinnerung später zu Stunden gerinnen.

Ich trinke viel zu schnell und stelle meine leere Tasse auf den Tresen, lege ein paar Münzen dazu und nehme noch einen tiefen Blick und dieses vertraute Lachen mit auf den Weg.

Die Sonne hat Löcher in die Wolkendecke gerissen, als ich verliebt in den Moment auf die Strasse trete; einem anderen Leben entgegen.