Blick von der Mole

Photo credit: Karrez Majik on Visual Hunt / CC BY-NC-ND

Episode 1 des ersten Bandes der „Seglergeschichten“

Seit Tagen schon wehte ein strenger Ostwind in die Bucht von Paralia, drückte das Wasser von einem Teil des kleinen Meeres in die andere. Die Mole des kleinen Hafens an der Nordküste der großen Bucht, der denselben Namen trug, widerstand schon seit hundert Jahren dem Lecken der Wellen. Schob das, was an Energie übrig war, peitschend über ihren Rand.

Wie jeden Abend, pünktlich zum Sonnenuntergang, machte sich Tobijjah Langström auf den Weg, die drei Flaggen am Südende der Mole einzuholen; nur um sie am darauf folgenden Morgen wieder aufzuhissen. Von links aus gesehen die Flagge des Landes, dann die der Provinz, in der Paralia lag und zuletzt die stolze Flagge des kleinen Ortes. Letztere erneuerte er öfter. Sie sollte sauber flattern und sich nicht zerfleddert seinen Gästen zeigen, die seinen Hafen meist nach einer kräftezehrenden Überfahrt zum Einklarieren aufsuchten. Zum Land, zu Staaten an sich hatte Tobijjah, der von seinen Freunden „Toba“ genannt wurde, keine ernsthafte Beziehung. Nationalstolz lag ihm fern, so wie große Ambitionen oder Prahlerei. Die war ihm sogar ausgesprochen zuwider.

Toba huschte gekonnt unter einer Gischtwolke durch und begann die Flaggen einzuholen, als ein später Gast von See aus anrollte. Die über Tage aufgebauten Wellen schoben die Segelyacht von einer auf die andere Seite. Der Skipper, das konnte er sehen, hatte alle Mühe, das Boot auf die kleine Einfahrt zwischen den Molenköpfen zuzusteuern; wie ein Betrunkener wankte das Schiff bedrohlich hin und her, ehe es mit heftigen Schwung auf der größten Welle in den Hafen glitt. Danach beruhigte es sich schnell und Toba sah den Steuermann aufatmen.

Die Flaggen unter dem Arm winkte er dem Menschen unter dem dicken Ölzeug zu und deutete auf einen Steg in der Nähe, von dem er wusste, dass dort noch Plätze frei waren. Toba konnte nicht erkennen, wer sich unter der tief im Gesicht sitzenden Kapuze verbarg. Hätte er es gesehen, wäre ihm wahrscheinlich der Schreck in die Glieder gefahren. So aber schlug er arglos und entspannt seinen Kragen auf und versuchte möglichst trocken sein Büro zu erreichen. Es war inzwischen beinahe dunkel und die Kälte der Frühlingsnacht senkte sich schnell auf den kleinen Hafen.

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Alte Zöpfe #ecritureautomatique – Kehraus, alles muss raus. Das globalisierte Schweden wirft Bäume aus dem Fenster. Nadeln verkletten mein Haar, wie Konfetti bei der Einlaufparade. Alt ist das nun, was gestern noch lila strahlte. Raus damit; aus Herzen und Köpfen.
Nur meine Gärtnerin mahnt, ‚lass die alten Blütenstände stehen, sonst wissen die Neuen nicht, wie sie sich entfalten sollen‘. #garten #hortensie – stoisch streben sie immer noch gen Himmel. Der kalte Ostwind zerrt an ihnen, immerfort. Einsame, tapfere Platzhalter.