Geil. Stimmung ist gut.
Ich werde es ihr nie verzeihen, daß sie ausgerechnet an meinem Geburstag vor die Wand fuhr. Nicht, daß sie etwas dafür konnte. Sie ist ja noch nicht mal selbst gefahren. Aber jedes Jahr am eigenen Jubeltag in den Nachrichten den Jahrestags ihres Ablebens zelebriert zu sehen und zu hören, nee, das ist nicht schön. David Austin hat damals sogar eine Rose (die oben wohnt auf meinem Balkon, ich weiß aber nicht ganz genau, ob das nun Yellow Charles Austin ist oder nicht) nach ihr benannt, an english rose namens England's Rose. Den Namen mußte er zurückziehen. Ist mir entfallen, warum. Vielleicht hat das englische Königshaus das ja als Marke schützen lassen? Keine Ahnung. Zuzutrauen wär's ihm. Und Austin, dieser neureiche Aufsteiger unter den Rosenzüchtern, ein einfacher Bauer, und dann am symbolischen Kapital des Adels sich nähren - nee, nix da.
Ich glaube ja, daß, wer heute mit England jubelt - falls es da überhaupt was zu jubeln geben wird -, insgeheim davon träumt, ein Adliger zu sein. Statt im Unterhaus die Mühen der Ebene zu bewältigen, im Oberhaus edle Marken süppeln, das wär geil. Dann wär ...
... die Stimmung gut. Typisch großbürgertümliche Sehnsüchte des Kleinbürgers halt.
Vollprolls wie Rooney sind dann im Fantasieleben die Arbeiter aus den Fabriken von einst, denen man gerne wohlwollend-patriarchal ein paar Almosen rüberwachsen ließe, um das eigene Sein als Ausbeuter nicht ganz so doll zu merken. Die Spieler mit Popstar-Attitude sind die Hoffnarren. Hat Adam Smith ja die Philosophie zu verfaßt: Einerseits egoistisch sein, die unsichtbare Hand, die wird's schon richten. Andererseits dann im moralischen dem Mitgefühl Raum geben - da, wo's nix kostet. Und ansonsten in die Oper gehen - na gut, heute legt man eine credible CD ein.
Bordieu hat sowas in "Die feinen Unterschiede" vortrefflich anlysiert: Wie das Bürgertum Distinktionsgewinne daraus zieht, nicht wie dickbäuchiger Pöbel beim Grillfest zu sitzen und einfach nur Spaß zu haben. Stattdessen durch Klassik-Smalltalk sich erheben über das Plumpe des Gassenhauers, den man einfachnur lustvoll mitschmettern kann - so eine Prise Adorno halt im Habitus. Hauptsache, sich unterscheiden. Die einen genießen es dann, wenigstens bei der WM endlich mal das zu tun, worauf sie Lust haben, nämlich Bier zu trinken. Andere bleiben bei der internalisierten Geschmacks- und somit Selbstkontrolle, dem Zwang zum Selbstzwang:
"So liegt denn auch dem reinen Geschmack nichts weiter zugrunde als Ablehnung oder besser, Ekel vor den Gegenständen, die sich "zum Genusse aufdränge(n) wie Ekel vor vor jenem groben, vulgären Geschmack, der sich in diesem aufgezwungenen Genuß auch noch gefällt."
Bourdieu, Pierre, Die feinen Unterschiede, Frankfurt/M. 1996, S. 761
... so Bourdieu in Auseinandersetzung mit Kant. Nun ist's so, daß dergestalt ein David Beckham sich sehr wohl aufdrängen kann, aber das aktuelle Spiel der englischen Mannschaft? Nee. Von daher mögen sie bitte ausscheiden heute. Ecuador ist mir da doch unglech sympathischer. Trotz dieses paralysierten Standfußballs gegen die deutsche Mannschaft.
Na, und die, die deutsche Mannschaft ... man, warum soll man da noch in den Chor der Schwärmenden einstimmen? Weil er Recht hat! Sensationell, diese ersten 40 Minuten. Das war wirklich Traumfußball. Es tut mir zwar weh, Larsson und Ljundberg verlieren zu sehen, ebenso, zuschauen zu müssen, wie ersterer Elfmeter verschießt; aber das war ganz großer Fußball gestern. Klose ist schier unglaublich - und, keiner hat's gemerkt, wir haben einen echten Lyriker als Torschützen, und das meine ich sogar ironiefrei!
Was ist mir - dann doch - oft die schwerfällige Langatmigkeit deutscher, die rhetorisch überschwängliche Maniriertheit farnzösischer Philosophen auf den Geist gegangen, buchstäblich. Dann warf man einen Blick in die angloamerikanische Schreibe und fand Sätze, so klar wie Quellwasser, fein gewürzt mit einem Hauch von Ironie und doch so prägnant wie die Hooklines guter Popsongs.
Nun ist genau das auch hierzulande vor die Mikrophone getreten. Gute Schreiber erkennt man daran, daß die mit dem Gewohnten brechen und Satz für Satz die Worte suchen, die eben am besten passen, statt im Fundus des Vorformulierten all das zu stapeln, was Eleganz nur suggeriert. Insofern bin ich z.B. kein guter Autor. Poldi ist's. Die aktuelle Zeit weiß zu vermerken:
"Reden ist nicht doch nicht sein Job. Wenn er doch spricht, eher intuitiv, dann sind seine Sätze sogar unfreiwillig wahrer als die jener Mannschaftskollegen, die dreimal nachdenken, bevor sie was sagen. Zu seiner Rolle als Teenie-Schwarm sagt er:"Ich will kein Idol sein. Das sollen andere machen." Machen, nicht sein. Seine Beschreibung des Besuchs der Kanzlerin im Mannschaftshotel hat ebenfalls einen Schuß Weisheit: "Sie hat uns viel Glück gewünscht, dann ist sie weggerannt.""
Sussebach, Henning, Stürmer sorglos, in: Die Zeit, 22. Juni 2006, S. 58
Das alles stellt der Herr Sussebach zwar reichlich schön überfheblich fest - dabei ist's doch großartig! Die Beatles haben mit "Yeah, Yeah, Yeah!" schließlich auch mehr zum Ausdruck gebracht als, wasweißich, Derrida mit der Grammatologie, und ebenso pointiert, wie er spricht, schießt der Junge jetzt auch seine Tore. Und wer würde auf dieses Strahlen danach verzichten wollen? Das ist ja besser als manche Zigarette danach. Suuuuuuuuuper! Darauf ein Bit. Ach nee, das geht dann doch zu weit. Lieber 'n Astra.
