Im deutschen Fahnenmeer
Mehr als 100 Deutschland Fahnen haben meine Tochter und ich am Sonntag auf einer Fahrt quer durch die Stadt gezählt.
Wir selbst hatten keine dran. Um Gottes Willen! Da halten wir es mit Thomas Hüetlin, der heute auf Spiegel Online schreibt, dass er jederzeit lieber zu Fuß gehen würde als mit einer Deutschland Fahne am Auto durch die Gegend zu fahren. Ich kann ihn gut verstehen und Teile seine Argumente…teilweise!
Natürlich, „dass wir im letzten Jahrhundert gleich zwei Mal total versagt haben und uns feige in die Kolonnenprojekte des Kleinbürgertums einreihten anstatt uns für die Freiheit zu entscheiden“ lastet warnend und zu Recht bis heute auf dem Bewusstsein der deutschen Nation.
Im Überschwang nationaler Glückseeligkeit die Deutschland Fahne zu schwenken - Damit tun sich viele Deutsche glücklicherweise schwer.
Neben der historischen Dimension führt Hüetlin auch eine untergeordnete, ästhetische an, um seine schwarz-rot-goldene Abneigung zu erklären. Für ihn ist „…Schwarz-Rot-Gold eine Farbkombination für Gartenzwerge, in der wahrscheinlich nicht einmal Naomi Campbell gut aussehen würde.“ Hmmm? Stimmt doch gar nicht! Naomi Campbell sieht immer gut aus. Und eine hübsche Angolanerin in ihren schwarz-rot-goldenen Landesfarben kann ich mir auch ganz ansehnlich vorstellen. Also muss es eine Frage der Perspektive sein. Und aus deutscher Perspektive liegt das Problem wohl daran, dass man sich eine schöne, schwarze Frau als Repräsentantin der deutschen Farben derzeit noch gar nicht vorstellen kann.
Leider, denn wer würde bei diesem Anblick an Gartenzwerge denken?
Höchstens diejenigen, die selbst welche im Garten stehen haben, die gedankenlos ihren völkischen Rassismus ausleben und schwarze Nationalspieler wie Asamoah, Odonkor und Owomoyela allein aufgrund ihrer Hautfarbe in Frage stellen. Und davon, so konnte man sich in den Wochen vor der WM überzeugen, gibt es leider noch immer zu Viele. Das Problem beim Fahneschwenken liegt nicht nur in der deutschen Geschichte sondern auch in der Gegenwart. Vor allem der ewig Gestrigen.
Doch von denen lassen wir uns die WM nicht versauen. Nicht nach dem Eröffnungsspiel. Da haben mich meine Kinder (haben einen Großvater aus Burundi) und ihre Freunde (ein Deutsch-Ungar, ein Deutsch-Südafrikaner und ein Deutsch-Deutscher) mich in Nationalmannschaftstrikots und Fanschals empfangen. Ein Asamoah Trikot in XL hatten sie mir übergestreift, bevor ich mich setzen konnte.
Bei der Nationalhymne standen alle grinsend auf und sangen aus voller Kehle mit. Ich hab sie zuletzt gesungen, als ich von meiner Grundschullehrerin, Typ Eva Braun, dazu genötigt wurde. Alle Strophen.Traumatische Erinnerungen. Aber jetzt: „Einigkeit und Recht und Freiheit…“. Woher kennen die den Text? Eigentlich ist der gar nicht so schlecht. Na gut, über Begriff „Vaterland“ könnte man sich ereifern, aber…ich stehe ja bereits und singe mit bzw. lasse mir die Textlücken nicht anmerken. Beim 1:0 wackelt das Ganze Haus. Ich bin bei Länderspielen ja auch recht impulsiv, aber das Fenster aufreißen und die Freude lauthals mit der ganzen Strasse teilen? Albtraum! Hochnot peinlich! Reaktionär! Noch vor 4 Jahren hätte ich mit solchen Leuten nichts zu tun haben wollen. Und jetzt machen es meine eigenen Kinder und ihre Freunde. Meckern, Fenster schließen, erklären, Stimmung abwürgen? Nein! Einfach lassen? Warum eigentlich nicht?
Schwarze + Weisse Deutsche Kids in Deutschlandtrikots, die in deutschen Clubs kicken und ihre Nationalmannschaft anfeuern. Ohne übertriebenen Patriotismus, ohne jeden völkischen Chauvinismus… Davon brauchen wir mehr. Ich werde mein DFB-AsamoahTrikot jetzt bei jedem WM Auftritt UNSERER Mannschaft tragen.
Eine Deutschland-Fahne kommt mir dennoch nicht ans Auto.
