Ja, ja, die Liebe ...

Wie kommt die Journaille eigentlich dazu, einem allenfalls übermäßig rustikalen Fußball-Spieler den Spitznamen "Kannibale" einzubrennen, so, wie man das auch bei Kälbern im Western sehen kann? Der hat gestern schließlich nicht ein Stück der Schenkel des Cristiano Ronaldo abgebissen, sondern nur außerordentlich fies zugetreten.
Ist wohl Neues aus dem Exotismus-Paradigma, und das alles nur, weil Columbus, der Depp, dachte, er sei in Asien unterwegs. Kaum hat jemand 'nen Marokkaner als Vater, schlägt das Archaische im Europäer gnadenlos zu mittels des Blicks auf den Anderen. Eben so gnadenlos, wie die beiden christlich-europäischen Mannschaften da gestern zutraten, zuschlugen und zeigten, daß sie's mißverstanden haben, diese Sache mit dem Fußball als Kampfsport.
Hat der Khalid Boulahrouz das eigentlich an der Müllverbrennungsanlange gelernt? Da sollen ja tatsächlich archaische Riten gang und gäbe sein, außer im Langnese-Familieneck. Van der Vaart hat sich so dermaßen für das geschämt, was er dort alles gelernt hat, daß er lieber völlig untergetaucht ist - Boulahrouz hingegen hat so gespielt, wie sich das anhört, wenn die da in Stellingen das seit Jahrzehnten falsche "Wer wird deutscher Meister? anstimmen. Völler (wie fühlt man sich wohl, wenn man morgens in den Spiegel guckt und das Gesicht von Rudi Völler sieht?) und Jauch hatten wohl recht, daß dieses Neid-Foul an dem Jungen, der die "geileren Weiber" (Fußballersprech, Worte wie das Gesicht von Rooney) abkriegt, der Knackpunkt zur Eskalation war. Aber wenigstens ...
... war diese auf 90 Minuten gestreckte Prügelei ungleich unterhaltsamer als der spielerische Tranquilizer mit den Briten des nachmittags. Habe aus Langeweile abgeschaltet. Das muß 'ne Taktik sein: Den Gegner so lange anöden, bis der einzig charismatische Spieler aus dem Team - wohl ebenfalls, um sich die Zeit zu vertreiben - dann sich selbst zitiert und 'nen coolen Freistoß "reinmacht".
Was packte mich die Sehnsucht nach dem Samstag-Abend! Trotz dieser unterschwellig anti-argentinischen Zwischentöne des Linienrichter-Gespanns. Das war das Positiv zum Negativ dieses Kolonialisten-Kicks gestern abend: Leidenschaft, Wille und wohlverstandener Kampfgeist. Die Mexikaner werde ich ja vermissen. Kann man nicht einfach die Portugiesen und Holländer disqualifizieren wegen zu viel van Damme-gucken, und stattdessen die Mexikaner weiter spielen lassen? So, wie die drauf waren, würden die die Engländer einfach niederrennen.
Belibt nur die Frage offen, wieso mir eigentlich bei "Kannibale" als erstes die Venusfliegenfalle einfällt. Die frßt sich ja nicht selbst oder ihre Artgenossen. Sondern Venusfliegen. Oder einfach nur Fliegen? Hat sie mit der Venus anderweitig zu tun? Ist die vielleicht Ausdruck der alles verschlingenden Liebe, die einen gut verdaut, aber regungslos zurückläßt, manchmal? Das wäre dann auch die Antwort, wieso sie mir bei den Kannibalen als allererstes einfiel ...
