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Natural Mystic

La vie en rose.jpg

Foto: Naturklinik Michelrieth


"Pflanzen haben vielerlei Gesprächsstoff. Häufig unterhalten sie sich z.B. über die Attacken von Insekten."

Spiegel 26.06.06, S. 114

So sagt's Ian Baldwin. Der hat den multiplen Überwachungsmöglichkeiten des ganz alltäglichen Lebens eine neue Variante hinzugefügt: Er belauscht Gewächse. Im Dienste der Wissenschaft. Am Max-Planck-Institut für Chemische Ökologie in Jena. Die Pointe: Alles ist Infomation. Auch der Duft der Rose. Ob's stimmt?


"Die Sprache des Grünzeugs: Reine Chemie. Das Vokabular: ein Sammelsurium giftiger Wirksubstanzen und hochpotenter Duftstoffe. Sogar Selbstgespräche führen die grünen Schwatzmäuler. Erstaunt ist der Forscher drüber kaum: "Versetzen Sie sich einmal in eine Pflanze: Sie sind festgewachsen, Sie sind die Basis der Nahrungskette, und alle um sie herum will sie auffressen."

Ebd.

Schön ist das nicht. Wie man sich wohl als Feldsalat fühlt? Die Lima-Bohne immerhin ist pfiffig genug, z.B. bei Spinnmilben-Befall - die fiesen Viecher kenne ich nur allzu gut! - per Duftstoff Ameisen und andere animalische Feinschmecker herbeizurufen. Die ekligen, winzigen, gelben Spinninsekten werden dann genüßlich vertilgt. Der soeben erwhnte Feldsalat hat's hingegen schwer: Feldfrüchte seien in dieser Hinsicht ziemlich dumm. Weil die Kompetenz zur Selbstverteidigung nie Zuchtziel war, so Baldwin.

Hallelujah, wenn solche Texte in die falschen Hände fallen, dann landet man auf diesem Wege wieder ratzfatz in den eliminatorischen Biologismen des 19. Jahrhunderts. Wahrscheinlich bringt wie üblich die Fragestellung die falschen Antworten hervor - ...


... wer weiß, worüber die sonst so reden? Vielleicht verkünden sie Duft-Lyrik? Preisen den Schöpfergott? Vielleicht singen sie? Das wäre lernenswerter denn "Schädlingsbekämpfung", weil das Bild vom Parasiten im Volkskörper ja bis heute eines der widerlichsten Bilder ist und ebensolche Ergebnisse hervorbringt. Man denke nur an die Verschärfung des Asylrechtsparagraphen vor gar nicht allzu langer Zeit. Widerlich.

Wenn sie denn sängen, dann sollte dieses deutsche Publikum in den Arenen ihnen einfach mal lauschen. Ist ja unerträglich, dieses ewige "Ohne Holland fahren wir nach Berlin!" und "Steht auf, wenn ihr Deutsche seid!". Extremst unhöfllich. Warum singen die nicht zu.B. Holland in sanfter, liebevoller Ironie Gute Nacht, Freunde, es ist Zeit für euch, zu gehen?" zu? Mit all den Danksagungen im Text?

Seltsam jedoch, daß auch auf französischer Seite gestern so wenig Großartiges geschmettert wurde. Immer nur "Allez-Les-Bleus". Als hätten die nicht eine Tradition, eben jene des Chansons, die so unermeßlich reich ist - und gerade in Kombination mit sogenannten "Immigrantenkulturen" (die meisten der Jungs und Mädels sind ja dort geboren und nicht minder französisch als Herr Sarkozy). Trotzdem: Mando Diao, Les Negresses Vertes und andere zeigen fabulös, wie man Kulturen fortschreibt. Alleine der französische Hip Hop hat so viel Wucht. Und dann immer nur der eine Chor ... "Allez-les-Bleus ...

Immerhin haben die Franzosen gestern den Pflanzen ganz genau zugehört. Haben wohl bei Hameln auf einem Sessel wie dem obigen gesessen und sich informiert, die Rosen auf dem Bezug sprachen zu ihnen. Und was da taktisch bei rauskam - ich fand das schon weltmeisterlich. Diese ganzen, spanischen Vorort-Disco-Schnösel haben sie mal eben auflaufen lassen, die hatten kaum eine Chance - um dann die eigenen Möglichkeiten vortrefflich zu nutzen. Hätte Henry nicht ständig im Abseits rumgestanden: Sie hätten 5:1 gewonnen. Vielleicht hat der Sesselbzug ihnen aber auch einfach nur ein paar Weisen von Brel, dem Belgier, vorgesungen - "La ne vie ne fait pas de cadeau", z.B.. Oder von Serge Gainsbourg was Schönes - auch dieses wundervolle Je t'aime - moi non plaus" kann ja inspirieren. Oder er hat was von der Saiian Supa Crew vorgerappt. Oder er hat mit Benjamin Biolay den Jogger sur le plage beschworen. Das rezipierten dann die Spieler als "Leben heißt Konzentration in Schönheit", sonst bekommt man solche Musik ja nicht zustande. Und so hypnotisierten sie dann die Jünglinge aus dem wundervollen Spanien, daß diese einfach untergehen mußten ...

Schade, daß Ghana wahrscheinlich ein Hotel ohne Blumenmuster auf den Sesseln bezogen hat. Das Spiel konnte ich nicht sehen, aber das Vorbeilaufen am Restaurant, wo Zè Roberto gerade das 3:0 schoß, hat mir völlig gereicht. Denen hätte ich alles, wirklich alles gegönnt, den Ghanaern ...

Bleibt nur ein Paradox in der Analyse des Naturschönen hier im Blog offen: Wie kann die Schönheit der Pflanze, also das, was sie zeigt, wenn sie nicht naturwissenschaftlich objektiviert wird, sein, wenn diese Kommunizieren? Adorno lehrte doch:

"Die Kommunikation der Kunstwerke mit dem Auswendigen jedoch, mit der Welt, vor der sie selig oder unselig sich verschließen, geschieht durch-Nicht-Kommunikation; darin eben erweisen sie sich als gebrochen."

Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie, Frankfurt/M. 1973, S. 15

Gut, Pfanzen sind halt keine Kunstwerke. Doch wenn sie wirklich dichten und singen würden? Kommunikation als Begriffliche tilgt das Besondere, so Adorno - ist da der Duft ein Ausweg? Aus kommunikativen Zusammenhängen entläßt auch dieser nicht, mein After Shave hat z.B. den dämlichen Slogan "separate men from boys", ausgesprochen beknackt, zum Glück weiß das keiner.

Wahrscheinlich kann jedoch aus dem angeführten Adorno-Zitat dann eben doch nur der Schluß gezogen werden, daß Fußball keine Kunstform ist, sondern allenfalls Kunsthandwerk, weil Fußball selbst Kommunikation ist. Aus der Pflicht, der Poesie und nicht etwas der wissenschaftlich objektivierten Selbstverteidigung der Pflanze zu lernen, entläßt uns dieses Diktum nicht: Denn es könnte ja sein, daß genau diese der Weg zum Besonderen ist ...


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