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Cogito Interruptus

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Foto: Wolfgang Hawerkamp

Mmmmmh ... solch ein Foto ist ein Beleg für die Verknüpfung der Sinne. Man sieht's, und man riecht den Lavendel und fühlt sich gleich frischer. Ob Zinedine Zidane aus solchen Anblicken einst seine Virtuosität zog, ob dieser Duft ihm seine ungeheure Leichtigkeit und Eleganz verliehen hat? Oder ist er nie aus dem "Problemviertel" La Castellane herausgekommen in seiner Kindheit, um ein wenig weiter nördlich die so unglaubliche Landschaft der Provence mit all ihren Düften einzuatmen, um Bilder wie jenes oben als zen-hafte Meditationen, als Kraftquelle inmitten des Straßenstraubs der wirklich heftigen Hafenstadt Marseille in sich zu tragen? Als ich dort war, in Marseille, Ostern 1987, da habe ich mich nachhaltig gegruselt auf dem Weg durch die Gassen hinauf zu jenem Haus, in dessen Garten am Morgen nach dem Bier wir Ostereier suchten. Weil eine Freundin von mir dort als Au Pair-Mädchen arbeitete.

Es gibt Spiele, da setzt dann das "Ich denke" kurzzeitig aus ...


... und man ist sowas von mitten im Geschehen, daß selbst das "kühle Medium" Fernsehen die Nähe zum Ereignis nicht mehr mit Distanz zu versehen vermag. Wohl deshalb:

"Kühle Medien liefern Informationen von geringer Detailpräzision, zwingen den Empfänger, die Lücken selbstständig aufzufüllen, und beanspruchen dadurch seine ganze Person mit allen Sinnen und Fähigkeiten. Sie "beteiligen" ihn, aber in Form einer Halluzination, die ihn ganz erfüllt. Die Drucktechnik und das Kino sind heiße Medien, das Fernsehen ist kühl."

Umberto Eco, Cogito Interruptus, in ders.: Gott und die Welt, München 1985, S. 253

Aha. Eco rezensiert im Zitat Marshall MacLuhan. Das Spiel der Franzosen gestern gegen die Brasilianer war so eins, wo die Halluzination ihr Glücksversprechen einlöste - habe da mehr mitgefiebert als beim Deutschland-Argentinien-Spiel.

Wenn ich Henry, Thuram, Zidane auf dem Platz stehen sehe, dann steht zugleich etwas mit auf dem Spielfeld, was selbst die Riots nicht hinwegfegen konnten, was sie vielleicht sogar bestätigten: Diese ungeuere, symbolische Wucht der WM '98. Nämlich daß Ethnien Schall und Rauch sind. Und multiethnische Nationen hoffentlich nur ein Zwischenschritt sind hin zum einem pluralen Miteinander. Große Worte ... und was Zidane da gestern zauberte, auch da setzte kurz das Denken aus. Da schien - aktiv Lücken füllend und halluzinierend - Ballett kurz wie eine plumpe Veranstaltung, da wirkte Samba wie Marschieren.

Habe nicht verstanden, daß alle an der ersten Halbzeit so rumnörgelten, ganz so, wie andere am Brötchen knabbern: Schon da wirkten die Ronaldos und Ronaldinhos wie Schuljungen, wie hypnotisiert nicht zuletzt von Zidane. Ein großes Spiel, so verdient gewonnen - und wer Zeichen lesen kann, der wußte das sehr früh, daß das nix würde für die Brasilianer. Erst dieser Gesangsauftritt von Pelé: Wie kann man sich nur freiwllig selbst so demütigen? Ein Niedergangssymptom - oder ein zeichen? Dann, als Lucio der Schuß von Henry ins Wanken und ins Fallen brachte: Da lagen sie schon, bevor noch ein Tor gefallen war, am Boden. Da war die Sache klar.

Zu dieser, meiner Wahrnehmung schrieb Umberto Eco bereits 1967:

"Cogito Interruptus ist typisch für jene, die überall in der Welt Symbole sehen. So der Verrückte (der uns zum Beispiel ein Streichholzheftchen unter die Nase hält, uns lange und tief in die Augen blickt und schließlich bedeutungsvoll sagt: "Seht ihr, es sind genau sieben ...", in der Erwartung, daß wir den verborgenen Sinn dieses unwiderlegbaren Zeichens erfassen); so auch der Bewohner eines symbolischen Universums, dem jeder Gegenstand und jedes Ereignis zum Zeichen für etwas Überirdisches wird, das alle bereits vorhanden wissen und nur noch bestägtig sehen wollen.

Aber Cogito Interruptus ist auch typisch für jene, die überall in der Welt nicht Symbole, sondern Symptome sehen: untrügliche Vorzeichen für etwas, das nicht im Jenseits, oder im Diesseits verborgen ist, sondern früher oder später geschehen wird."

a.a.O., S. 245-46

Daß diese Mechanismen viel mit selbsterfüllenden Prophezeiungen zu tun haben, konnte man gestern beim Spiel Portugal-England sehen. Das "Daß!" des Elfmeterschießens als Symbol für die kommende Niederlage. Hähähä - gestern war eigentlich der bisher schönste Spieltag: England raus, Frankreich weiter, schön!

Viel hat der Cogito Interruptus aber auch mit der politischen Blogosphäre zu tun. Die einen hören nur "Moscheenbau" und wittern Eurabia, andere wahlweise "Beck" oder "Steuern", und schon ist der Weg zur Knechtschaft beschritten. Dritte hören "Wettbewerb", und schon denken sie nicht an hübsche Lavendelsträucher auf dem Wochenmarkt statt bei Blume 2000, sondern an Arbeitslosigkeit. Wettbewerb wird dann zum Symptom dieser. Oder eher Umgekehrt? Egal. Auch bei einem Fußballspiel mit 11 Leuten aus einem Land auf dem Platz an "Integration" zu denken, könnte dem Cogito Interruptus zuzuordnen sein. Muß aber nicht so sein ...

Dabei ist magisches Denken in außerpolitischen Zusammenhängen was ganz Wundervolles. Gerade im Fußballfandasein wird ja versucht, den Cogito Interruptus als aktives Ritual im Sinne der Eigenverantwortung zu zelebrieren. Auch Fans ihrer selbst oder ihrer Mannschaft wie z.B. Metzelder rasieren sich derzeit nicht mehr. Andere essen immer zur selben Zeit die gleiche Wurst am selben Stand vor jedem Spiel ihres Vereins, weil beim letzten Mal das Spiel gewonnen wurde. Von stinkenden Klamotten, so lange nicht gewaschen, schweige ich lieber ...
Ich glaube übrigens, daß Frankreich Weltmeister wird. Gegen die verlieren wir im Finale. Jetzt muß ich nur noch die passenden Zeichen dafür finden und mich derweil weiterwundern über ein anderes Element Ecoschen Denkens, das surreal und schön zugleich ist:

"Und eines Tages, dieweil ich verwundert die unsinnigen Bewegungen auf dem Spielfeld verfolgte, ward mir auf einmal ganz sonderbar ums Gemüt und mir schien, als tauchte die hohe Mittagsonne Menschen und Dinge jäh in ein gleißendes Licht, das alles erstarren ließ, dergestalt, daß sich vor meinem Augen ein sinnloses Welttheater enstpann. Es war dasselbe Gefühl, das ich später (...) als das Gefühl der "alltäglichen Irrealität" entdecken sollte, doch damals war ich erst dreizehn und interpretierte es mir auf meine Weise: Zum erstenmal zweifelte ich an der Existenz Gottes und hielt die Welt für eine Fiktion ohne Zweck und Ziel. (...) seither, ich kann es nicht leugnen, hat sich Fußball für mich stets mit der Abwesenheit von Zweck und Ziel verbunden, mit der Vanitas allen Strebens und mit dem Gedanken, daß Gott nichts anderes sein (oder nichtsein) kann als ein Nichts. Und darum habe ich (wohl als einziger unter den Lebenden) Fußball stets mit den negativen Philosophien assoziiert."

Umberto Eco, Die Fußball-WM und ihr Staat, in: a.a.O., S. 194-195

Angesichts des Weltmeistertitel-Strebens mag das absurd erscheinen - wobei zu bemerken ist, daß das Nirvana in manchem Herzschlag-Spiel als erstrebenswertes Nicht-Ziel für Momente nur sehr wohl in Frage kommt. Auch, daß negative Theologie und zweckfreie Ästhetik oder die Ästhetik des Zweckfreien sich bestens verstehen, das kann man bei Adorno lernen.

Zidanes Spiel auf jeden Fall erlaubt diese ästhetische Einstellung zur Welt, da ist er weder Symptom noch Zeichen, sondern ganz er selbst - und man kann seine Kunst am Ball genießen, so wie den Anblick von Lavendelfeldern, und darf Ergebnisse, Siege und das Ziel des Spiels für ein paar Minuten vergessen - ihm gebührt unermeßlicher Dank dafür.


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