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Gewinnen kann doch jeder ...

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Foto: Alte Bäume erleben

"Eines Tages lagen die Apfelbäume entwurzelt auf der Wiese. Sie waren alt und brachten keinen Ertrag mehr. Sie lagen dort ein paar Wochen. Sie fingen an zu blühen. Jedes mal wenn ich auf meinem Spaziergang an diesen entwurzelten Bäumen vorbei kam, bewunderte ich ihre Lebenskraft und mich erfaßte Trauer, weil sie keine Chance zum überleben mehr hatten."

Schöne Seite, diese Alte Bäume erleben-Seite. Nun haben wir ja eigentlich eine junge Mannschaft, insofern ist das Bild schief und trotzdem schön. Eine, die so vortreffllich erblühte, um jetzt doch nicht dier erhofften Früchte zu tragen. Aber man muß es den Italienern, dieser unsympathischten Mannschaft (nicht Nation!) des Turniers, zugestehen: Die haben die Säge schon ziemlich zielsicher angesetzt. 120 Minuten gegen den Sturm anlaufen führt dann eben doch zur Entwurzelung, wenn man's nicht packt, auf diesem mitzusegeln. Die deutsche Mannschaft hat gegen die Logik dieses Spiels angespielt. Das geht schief.

Der gestrige Abend schien mir ...

... fast wie eine Karrikatur des bisherigen Turniers. Vielleicht lag das nur an der Alki-WG gegenüber. Die sind im ganzen Viertel bekannt, weil einer der ihren so unglaublich laut ist. Dessen abendlicher, phonstarker Diskussionsstil gehört zum natürlichen Soundtrack dieser Straße. Lustig war's, als hier in der Straße Filmarbeiten liefen, wahrscheinlich für das Großstadtrevier, und der gute Mann lautstark lallend das Team nachhaltig aus der Fassung brachte, weil er fortwährend vom Balkon gröhlte: "Wenn ihr Komparsen braucht, sind wir dabei" - so laut, so penetrant, daß diese gar keine Antwort wußten.

Manchmal befällt sie das Gefühl der Nutzlosigkeit, dann fangen sie an, dem türkischen Gemüsehändler beim Aufräumen und Fegen zu helfen. Damit ist der dann vollauf beschäftigt - eine Hilfe ist es nicht wirklich, aber er kümmert sich um die "Jungs", die wohl irgendwas zwischen 50 und 60 sind. Typische Schicksale im Deutschland 2006 - auf denen rumzuhacken, sie würden ihrer Eigenverantwortung nicht gerecht, macht gar keinen Sinn. Es ist gut, daß es die gibt. Einfach so. Denn die sind einfach so. Und das ist gut.

Deren intensives und mit aufbrandenden Laut-Gewittern versehenes Länderspiel-Gucken begleitet mein Leben seit Jahren. Gestern haben sie erstmals die Nationalhymne gesungen. Wahrscheinlich, weil das ZDF die Videotext-Seitenzahl mit den "Lyrics" einblendete. Das war schaurig-schön: Inbrünstig und mit tiefen Gefühlen aufgeladen - ein verlebter Altherrenchor, der keinen Ton traf und doch aufging im Gesang, ganz ergriffen von sich selbst.

Der Gesang legte etwas frei, was typisch ist für diese WM. "Die Nummer 1 der Welt sind wir!" wurde - ziemlich dämlich - gesungen da in Dortmund. Dabei geht's doch die ganze Zeit nur um das wechselseitig solidarische Zusammenleben mit dem türkischen Gemüsehändler. Schauen wir mal, ob sich die ganzen Taumelnden da nach diesem Spiel noch dran erinnern ... daß sie Gastgeber sind, nicht Auspfeiffende. Was haben die da gestern noch gesungen? "Ihr seid nur ein Pizzabäckerland?" Habe es nicht genau verstanden ...

Jetzt kann ich hoffentlich ohne schlechtes Gewissen mit Frankreich durch das Endspiel mich fiebern. Diese Gesänge gestern belegten jedoch auch etwas Schönes: Daß wir nur regionale Kulturen des Feierns haben - außer in Berlin, da wird nur gepfiffen. Durchgängig wurden Gesänge aus dem Vereinsfußball übertragen - eben auch die Nr. 1 im Pott, die seit dem Bochum-Spiel übrigens wir sind. Habe am lautesten gejubelt, als die St. Pauli-Fahne inmitten des Fan-Geschehens geschwenkt wurde.

Nach dem letzten Heimspiel der letzten Saison lief am Millerntor so ein herrlicher Song, weiß bis heute nicht, von wem der war - "Gewinnen kann doch jeder!" oder so war der Refrain. Tolle Gitarren-Ballade. Bringt auf den Punkt, worum's jetzt geht: Umdeuten.

"An einem stürmischen Tag, (..) als ich an einer Straßenecke gegen den Wind ankämpfte, kam ein Mann rasch um die Ecke gebogen und stieß in seiner Eile hart mit mir zusammen. Bevor er sich von seinem Schreck erholt hatte und etwas sagen konnte, sah ich umständlich auf meine Uhr, als hätte er sich nach der Zeit erkundigt, und sagte höflich: "Es ist genau zehn Minuten vor zwei", obwohl es fast vier Uhr war, und ging weiter. Mehrere Häuser weiter drehte ich mich um und sah, daß er mir immer noch nachblickte, offenbar noch immer verwirrt und befremdet über meine Bemerkung."

Paul Watzlawick, John Weakland, Richard Fisch, Lösungen, Bern/Stuttgart/Wien 1974, S. 125

So der Psychiater Milton Erickson. Und ich sach ma': Besser ein guter Verlierer sein als die Nr. 1 der Welt. Und gefällt noch weiterblühen ...

Kommentare

Nach dem letzten Heimspiel der letzten Saison lief am Millerntor so ein herrlicher Song, weiß bis heute nicht, von wem der war - "Gewinnen kann doch jeder!" oder so war der Refrain. Tolle Gitarren-Ballade

Folgender Link sollte dir helfen ;)
http://www.der-w.de/j2ee/nordend_as_gewinnenkann.html

Danke!!!!

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