Hymnus auf Cristiano Ronaldo

Foto: Soulcatcherstudio
Nee, diese Art Schönheit wie jene des Fotos aus den zwanziger Jahren war's gestern nicht. Und doch möchte man wissen, wie jener Kurt Bloßfeldt, der's schoß, wohl die Nackenlinie, die Augenbraue, den Spann eines Cristiano Ronaldo fotografiert hätte. Welche Urform er identifiziert hätte - veröffentlicht wurde dieses Foto des Rittersporn, der derzeit nicht nur Rosen begleitend in Parks verschwenderisch blüht, so blau wie jene Blume der Romantik, in einem Buch namens "Urformen der Kunst" 1928. Interessant könnte das sein, weil Bela Rethy gestern ja nicht müde wurde, die "brotlose Kunst" und das Spiel "für die Galerie" des immer neu Ausgepfiffenen zu betonen. "Effizienz" und "Party" und "schwarz-rot-geil" sind ja die Stichworte, die ...
... von dieser WM verbleiben werden - deshalb ist Cristiano Ronaldo für mich neben Zidane der Spieler der WM.
Weil beide sich je anders diesem Trend versperrten und das selbstverliebte "Weltmeister der Herzen", dieses aufgewärmte Schalke-Zitat von einst, boykottierten. Zidane, weil er die Arbeitsmarktgesetze konterkarriert, wo jeder jetzt im Klinsmann das langersehnte Positiv-Antlitz des Managers zu erblicken wünscht, der durch Kuranyi und Owomoyela-Entlassungen die Wirtschaft schon wieder flott bekäme im Gegensatz zum Merkel-Forsch. Zidane hingegen wahrt als vermeindlich altes Eisen, als Heiliges des Fußballs diesem seine Aura - weil sein überirdisches Schweben Kriterien wie "Effizienz" gar nicht zuläßt, dazu ist es zu schön. Da kommen Vergleiche mit grünen Sacco-Trägern und jungenhaft grinsenden Bundespräsidenten gar nicht in den Sinn.
Und Cristiano Ronaldo eben, weil er die Opernbühne sucht und Oper einfach schöner ist als DJ Ötzi. Und die Lyrik einer Verdi-Arie schöner ist als der Kommentar von Bela Rethy. Dieser Junge als pure Emotion, dessen Tränen und zweckvergessene Übersteiger fast jene Intensität und Leichtigkeit zugleich atmen, wie in Puccinis "Un bel dri, vedremo", dieser weltschönsten Passage aus Madame Butterfly, sie sich zeigt. Sein kindisches Schmollen, seine divenhaften Pirouhetten - sie brachten Kultur in die Zweiteilungswünschewünsche rooneyhafter Felder der Fußballwelt. Und seine Tränen waren Balsam auf dieses inflationäre "Geil!"-Gegröhle.
Statt Pfiffen hätte er gerade im Zelebrieren der Zweckfreiheit für jeden Schritt, für jeden Schuß, der daneben ging, für jeden Fehlpaß und jedes Sich-zärtlich-fast-Anschmiegen an's Grün des Rasens ohne jeden Anlaß eine Antwort verdient, wie dieser grandiose Chor in Bellinis "Norma" ihn der trällernden Casta Diva entgegenwogen läßt. Diesen sollte man mal in Stadien anstimmen. Cristiano Ronaldos reine Körperlichkeit, rein, weil von Gefühl durchdrungen und nicht den mechanistischen Gesetzen der Fitness folgend, ist eben das Gegenteil der Statik des Fotos dort oben, das Pracht kunstvoll auf ein Ornament reduziert. Pathos ist Weltgefühl, Ornament ist nur Struktur und somit wahr statt erfüllt.
Großartig ist dieses Foto da oben freilich trotzdem, da hatte Walter Benjamin schon Recht:
"Wer diese Sammlung von Pflanzenfotos zustande brachte, kann mehr als Brot essen. Er hat in jener großen Überprüfung des Wahrnehmungsinventars, die unser Weltbild noch unabsehbar verändern wird, das Seine geleistet. (...) "Urformen der Kunst" - gewiß. Was kann das aber anderes heißen als Urformen der Natur? Fomen also, die niemals ein bloßes Vorbild der Kunst, sondern von Beginn an als Urformen in allem Geschaffenen am Werke waren. Im übrigen muß es dem nüchternsten Betrachter zu denken geben, wie hier die Vergrößerung des Großen - z.B. der Pflanze oder ihrer Knospe oder des Blattes - in so ganz andere Formenreiche hineinführt, wie die des Kleinen, etwa der Pflanzenzelle im Mikroskop. Und wenn wir uns sagen, daß neue Maler wie Klee und noch mehr Kandinski seit langem damit beschäftigt sind, mit den Reichen uns anzufreunden, in die das Mikroskop uns brsch und gewaltsam entführen möchte, so begegnen in diesen vergrößerten Pflanzen eher vegetabilische "Stilformen"."Walter Benjamin, Neues von Blumen, in ders: Medienästhetische Schriften, Frankfurt/M. 2002, S. 294-295
Walter Benjamin ist jener Theoretiker, der wohl am frühsten und intensivsten forschte,wie technische Innovationen im Bereich des Medialen unsere Wahrnehmung und auch unser Verhalten formen. Und man stelle sich die WM mal ohne Fernsehen vor - undenkbar, daß geschehen wäre, was geschah. Die Sichtbarkeit der Feiernden produziert das Feiern, heizt es an - und alle folgen brav den Regeln der BRAVO-Supershow und kreischen. Die Differenz zu Teenie-Demos, als Take That sich auflösten, ist unerheblich - die Kamera bestimmte auch da, wann geweint wurde.
Was ja alles nix macht. Das Spiel gestern war super, die Stimmung danach wirklich berauschend. War schön. Da wehte ein ganz, ganz kleines bißchen Millerntor durch die Republik - nur ein ganz, ganz kleines bißchen, weil wir über uns lachen, während wir feiern und einen besseren Musikgeschmack haben. Insofern sei auch nix vermiest: Der ornamentalen Statik des Rittersporns dort oben, so großartig sie fotografiert sein mag, ist die fernsehgesteuerte Massenglückseligkeit allemal vorzuziehen, wenn's denn die Menschen Freude macht. Und die Schweini-Tore waren auch super. Und trotz alledem ist es es schöner, wenn Cristiano Ronaldo sein Trikot auszieht - nicht nur wegen dieses wundervolleren Oberkörpers. Sondern weil dieser als Indiviuum mit allen Zicken der Masse sich verweigert und nicht dem Zwecke dient. Als Zweck an sich erscheint auf den Bildschirmen.
So, und nun Allez-Les-Bleus und vive la France!

Kommentare
Chapeau!
Verfasst von: Sergej | 11.07.06 13:29
Merci!
Verfasst von: MomoRules | 11.07.06 19:56
ich liebe dich ronaldo17
Verfasst von: elif berber | 30.07.06 19:09