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Phonologie und Phonetik zum Trotze: Leidenschaft, schaff neue Lieder!

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Foto: Der kleine Garten

Tja, da muß man erst mal rüberkommen. Das 1:1 war schon saucool. Tja, da muß man erst mal durchkommen. Lehmann hat schon die Qualität einer liebevoll gehegten Hecke wie jener dort oben auf dem Bild. Die Ukrainer hingegen - schade!!! - wußten trotz Zwischenhoch keine Schneisen in das italienische Stellungsspiel-Labyrinth zu schlagen. So'n Barock-Garten ist schon ein gutes Bild für Spiele, die von Defensiv-Taktiken leben.

Ich frage mich ja auch heute noch, wieso Herr Peckermann oderwiederheißt seine besten Spieler vom Platz genommen hat. Empfehlen kann ich jedoch jedem, ...

... beim Elmeterschießen mal eben mit dem Hund Gassi zu gehen (Klinsmanns "Da gehen die Gefühle mit einem Gassi" kannte ich da noch nicht, schönes Bild!). Man erlebt das Geschehen auf dem Platz hautnah mit, ohne es zu sehen. Dieser Wechsel zwischen totaler Stille und eruptiven, phonologischen Schallwellen (Phonologie war doch die Lehre von den kleinsten, bedeutungstragenden Einheiten?), ein Wechsel, der bis zu einem unbezweifekbaren Höhepunkt sich steigert, an dem man weiß: "Oooops, das haben wir ja tatsächlich gewonnen!", all dieses in Spannung hörend zu genießen ist viel sinnlicher, als dabei auf Bildschirme zu starren. Die Leere der Straßen atmen und dabei lauschen, das macht das Spiel erfahrbarer als diese Enge inmitten eines Mobs - na ja, bei St. Pauli-Spielen würde ich das Gegenteil behaupten. Aber Deutschsein kennt ja Grenzen, und zum Glück sind das aktuell nicht die von 1939.

Wobei man nörgelnd konstatieren muß: Deutsche haben keine Lieder, zumindest keine für's Stadion. Da schwärmen alle von dieser vermeindlich ach so tollen Stimmung in den Stadien, und vorm Fernseher hört man fast nur Pfiffe. Ich finde das außerordentlich unhöflich. Da wohnt wohl direkt unter der Oberfläche ein "Wixer, Arschloch, Hurensohn" in der Seele des Saalpublikums. Wenigstens gibt es nun eine melodiöse Variante des "Deutschland, Deutschland" statt dieses abgehackten Konsonanten-Ausstoßens, "DEUTSCHLAND!" mit Ausrufungszeichen, das damals schon Charlie Chaplin so vortrefflich karrikierte. Phonetisch ist dieses tonale Ausspucken, "deutsch", ja auch nicht wirklich schön. Können wir heute ja nix für.

Wie schön ließe sich eine "Allemagne" singen, selbst ein "Germany" würde trotz holprigen Anfangs gegen Ende des Wortes einfach nur swingen. Auch "Tedeska" ließe sich voll Pathos in verdi-eske Dimensionen hinträllern, wenn das zweite "e" man dehnte ... na ja, stattdessen dann eben erst diese doofen "ohne Holland"-Gesänge, und nun vor allem langweilige Importe aus dem Vereinsfußball - mal im Ernst, wer fährt denn abgesehen von Final-Spielen gerne nach Berlin?-, Anspielungen auf den "Nationalen Widerstand" beim "Steht auf, wenn ihr Deutsche seid", die lediglich vom Charme der Schwulen-Hymne leben, "Go West" halt, auf nach Kalifornien, in San Francisco sind wir keine Minderheit. So steckt dann doch die Subversion im Zeichen selbst.

Ein "Don't cry for me, Argentina" hätte ich als Stadiongesang trotzdem schöner gefunden. Von mir aus auch ein "Buenos Dias, Argentina". Oder ein Tango - gibt's da 'nen bekannten? Der Kriminal-Tango, den kennt doch der eine oder andere noch, der hätte zur Spannung des Spiels gepaßt. Selbst Pochers "Schwarz und weiß" hätte ich okay gefunden, und zur Deeskalation nach Spielschluß liber mal ein trauerndes Abschiedslied anstimmen, "Bye, Bye, Baby love" zum Beispiel, selbst ein "Jungens, kommt bald wieder!" hätte die Nationalgeschichte charmant umgedeutet. "O happy day" gehört sowieso in die Fankurven, versuche meine Gegengeraden-Freunde schon länger zu überzeugen, das ein "O St. Pauli" doch in diesem Duktus gar als Kanon erschallen und pralle Freude verkünden könnte. Während des Spiels ein "Ob es so oder so oder anders kommt, so wie es kommt, so ist es Recht, es kommt sowieso nie so, wie man es gerne möcht" , Dank an Lena Valaitis, brächte echten Fußballzauber in die Stadien und ein Spiel auf den Punkt. Na, das gestern dann doch nicht, auf den Elfmeterpunkt schon gar nicht. Aber sonst.

Nee, von alledem nix zu hören, stattdessen alberne "Südländer"-Theorien von Günther Netzer. Diese könnten nicht verlieren, sagt er, anderes wiederum deutet der Kulturtheorist als "Ausdrucksgeschehen" "der Südländer" - hat der zu viel PI gelesen?

Wahrscheinlich stricken die Eussners dieser Welt angesichts der kurzen Tumulte nach Spielende schon an der Konstruktion eines islamischen Hintergrunds, habe lange Texte zu Argentinarabia verfaßt, allein schon, weil da "rabiat" mit drin steckte.

Der Liberiathan, steht auch schon im Schützengraben bereit. Das ist dieses Diskursmonster, das mental irgendwo vor dem 1. Weltkrieg sich bewegt und mit ca. 5 Thesen mittleren Niveaus alles zermalmen möchte. Das schießt sich bestimmt schon mal auf den französischen Erbfeind ein, der heute abend spielt, in geübter Heckenschützenmanier - der Liberiathan ist zumeist so francophob wie seine geistigen Großväter, obgleich es da auch Ausnahmen gibt. Der wird irgendeine Begründung für die Ausfälle der argentinischen Spieler finden, die mit der Wirkung von Sozialsystemen und einer Renaissance linken Denkens in Buenes Aires zusammenhängt und im Zuge dessen vorsichtshalber schon die Unterstützung neuer Diktatoren durch die USA fordern, um dieses Problems Herr zu werden. Sowas hat in Südamerika schließlich Tradition. Und die Schweden sind nur deshalb nicht so ausgerastet wie die Argentinier, weil ihr Sozialsystem sie alle so passiv gemacht hat, und unter Preisgabe der Eigenverantwortung haben die dann eben das Spiel verloren. Wovor man sich dann ekelt, so, wie man's vor Insekten tut.

Der Liberiathan versucht ja schon, Klinsi für sich zu vereinnahmen. Mit Worthülsen wie "Klinsmann kämpft für seine Vorstellungen von selbstverantwortlichen Spielern, Teamgeist, Eigenmotivation und konsequentem Leistungsdenken" (FAZ, via B.L.O.G.) suggeriert das Monster, es würde etwas sagen. Dieser Duktus wirkt nicht umsonst ein wenig wie DDR-Kader-Rhetorik - die immergleichen Schlagworte so aneinander reihen, daß Herrschaftswissen sich tarnt in frohen Botschaften.

Die Freude am Spiel der Mannschaft kann das alles nicht trüben - ist es doch offenkundig Leidenschaft und die gelungene Kompensation eigener Defizite, die sie antreibt. Und so etwas Wundervolles wie Leidenschaft muß man nun wirklich nicht in "Eigenmotivation" umbenennen - es sei denn, man klebt wie Netzer an gedanklichen Fliegenfängern und hängt zappelnd daran rum - am dem, was man nicht ist, nämlich ein "Südländer" ...

Wer weiß, vielleicht bringt diese WM ja sogar noch eigene Lieder hervor, solche voller Leidenschaft, voller Intensität, voller Wissen um die eigenen Schwächen und dem Willen, am Ende dann einfach nur Spaß zu haben. Mit Anderen, nicht gegen sie.

Kommentare

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Wir sind Geistesverwandte?!?

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