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Taktik als "supplement": Frankreisch, Frankreisch Teil 3

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Na, ein Sturm auf die Bastille war das ja gestern abend nicht gerade. Trotz völligem Entflammtsein für meine Franzosen taten mir die Portugiesen leid, wie sie vergeblich ein Spiel als Zurückweisung durchleben mußten. Sozusagen. Ausgebremstes Begehren war das, als sie gegen dieses Abwehrbollerk anrannten, gegen in dieser Hinsicht höchst souveränen Franzosen, die ihre Kräfte schonten .... oha. Darf man Souveränität seit Agamben noch sagen? Oder hat gar ...

... Derrida den Begriff, jenen der Rousseauschen Volkssouveränität, der gerade in Thuram, in Vieira und Zidane so vollkommen sich verkörpert, schon längst dekonstruiert, und steht das Wort somit lange schon auf dem Index der Postmoderne?

Es gibt inmitten der sowieso außerdordentlich rätselhaften "Grammatologie" von Derrida diese noch rätselhaftere Seite 249. Dort wird der - wie sagt man sowas bei Derrida? Begriff ist da bestimmt falsch ... hmmmm - na, dann eben das Supplement eingeführt. In Auseinandersetzung mit Rousseau und dessen Präsenz bei sich als Natur. Und dann kommt dieses Zitat, fällt über den Leser her, wie's in der Hörbuch-Version nicht möglich wäre, das nicht wegen seines Inhaltes verwirrt, sondern nur, aber nachhaltig, weil die Quelle fehlt. Hat's Derrida nur erfunden? Und wenn, spielte das in seiner Philosophie überhaupt eine Rolle?

"Die Sprachen sind dazu geschaffen, um gesprochen zu werden, die Schrift dient nur als Supplement zum gesprochenen Wort ... Das gesprochene Wort stellt mit Hilfe von konventionellen Zeichen den Gedanken dar, während die Schrift iherseits das gesprochene Wort darstellt. Folglich ist die Schrift nur eine mittelbre Darstellung des Gedankens."

Jacques Derrida, Grammatologie, Frankfurt/M. 1990, 3. Auflage, S. 249

Ich vermute, daß das von Rousseau ist. Und daß an dieser Stelle Derrida seine These von der "Schriftvergessenheit" vorbereitet. Ich kann das nur vermuten, weil ich bei Derrida mehr als 2 Seiten nie lesen konnte, ohne genervt zu sein.

Bei alller Liebe zu den Franzosen verkörpert er das, was oft an Geduld und Verständnis nagt, wenn man mit dem einen oder anderen Pariser spricht: Dieses wortreiche Nichts-Sagen, das als Stil und Ästhetik der Kultivierung des Selbst, das spircht, in großen Wolken der Rhetorik eben dieses feiert. Diese Verweigerung jedes Sich-Festlegens auf etwas, weil das schon Unterwerfung unter die Dominanz des Anderen bedeutet. Diese Dissens-Sehnsucht zu Selbstdurchsetzungszwecken.

Wobei das Spielerische des Gebahrens nicht ignoriert werden darf - das rationale Sich-Einigen-Wollen deutscher Geschäftspartner erscheint ihnen dann plump und unhöflich, beendet es doch dieses lustvolle Spiel des Redens und Schreibens, das so ernst nun auch wieder nicht gemeint ist - das steckt ein verschmitztes Lächeln in all den großen Gesten, und ignoriert man dies, erscheint man wie die Tanks von einst in ihren Augen.

Die ganze Debatte rund um die Postmoderne, der ganze Streit zwischen dem Habermas-Umfeld und den "Postmodernen" läßt sich wohl auf diese Differenz - ha! - zurückführen. Die Reaktion der französischen Philosophen war oft ein Schwanken zwischen Erschrecken und Betroffensein angesichts der Angriffe, und wohl auch angesichts dessen, daß zum Teil diese berechtigt waren - und doch auch einem Amüsement, daß das Spiel weiter genießen wollte. Insofern dieses Spiel jedoch zum Supplement für's Denken werden, kann es dann doch nervtöten - also weiter mit Derrida:

"Ebenso treten die Kunst, die techne, das Bild, die Repräsentation, die Konvention usw. als Supplement der Natur auf und werden durch jede dieser kulminierenden Funktionen bereichert. Diese Art der Supplementarität determiniert in bestimmter Hinsicht alle begrifflichen Gegensätze, in die Rousseau den Begriff der Natur einschreibt, insofern dieser sich genügen sollte.

Aber das Supplement supplementiert. Es gesellt sich nur bei, um zu ersetzen. Es kommt hinzu oder setzt sich unmerklich an-(die)-Stelle-von; wenn es auffüllt, dann so, wie man eine Leere füllt. Wenn es repräsentiert und Bild wird, dann wird es Bild durch das vorangegangene Fehlen einer Präsenz."

a.a.O., S. 250

Versuchen wir also, das gestrige Spiel so zu lesen, wie Derrida Rousseau liest. Da stellt sich dann zunächst die Frage: Repräsentiert die Taktik das Spiel? Und wenn ja, was ersetzt sie, an die Stelle welcher Leere tritt sie? Ist sie techne, ist sie Kunst? Waren die Portugiesen die Natur, insbesondere Cristiano Ronaldo, dieses offene Buch der Emotionen, der sehnsüchtig immer neu aus nicht nachvollziehbren Anlässen an den Rasen sich schmiegte und eins mit ihm werden wollte, und waren die Franzosen sein Supplement, das durch die Differenz zu ihm sich konstituierte und verschob im wohlorganisierten Spiel der Zeichen? Waren die Portugiesen einfach nicht fähig, die franzöische Abwehr zu dekonstruieren? Oder trat techne an die Stelle der Kunst im Spiel der Franzosen, an Stelle jener Ästhetik, die gegen Brasilien noch gezeigt wurde oder gar sich zeigte? Und repräsentiert die Konvention des Defensivspiels die Taktik oder ist sie eine solche, dann aber kein Supplement mehr?

Vielleicht hilft es weiter, bezieht man es auf eines dieser berühmten Rosen-Bilder von Redouté. Ist dieses ein Supplement für die Rose, und ist die Rose selbst dann so etwas wie das gesprochene Wort? Sind Rosen als Kultur-Erzeugnisse Koventionen? Und worin besteht der Unterschied, wenn ich "Rose" schreibe, "Rose" sage oder, wie oben, eine Rose male?

Man merkt: Derrida verführt zu, gelinde gesagt, außerordentlich seltsamen Fragen. Daß jedoch Taktik gestern das Fußballspielen ersetzte, das ist der Fall. Hoffentlich sind die wenigstens gut erholt für's Endspiel, um die Italiener zu schlagen ... und entwickeln sich dann so prachtvoll wie jene Rose dort oben einst im Garten der Kaiserin Josefine. Und Les Bleus überwuchern dann die Festungen des italienischen Spiels, Henry oder Zidane schlagen sich durch's Dickicht und küssen den schöne Prinzen, daß er erwacht ... schießen also das alles entscheidende Tor. Auf daß die darauf folgenden "Vive la France"-Rufe all jenen Deutschen, die sowas singen wie "Die Nr. 1 der Welt sind wir" in den Ohren klingeln. Da gibt es nämlich eine alles entscheidende Differenz ....

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Zidane Siegespruch:
"wir leben zusammen
wir sterben zusammen"

www.europa-von-unten.net

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