in Dialoge

Kiels Bahnhof ist ein Kopfbahnhof. Das passt irgendwie. Die Kieler Förde legt ihre Stirn quasi an den Kopf des Bahnnetzes. Hier endet alles, oder beginnt. Kiel ist Transformation.

Ich bin früh dran, an diesem Sonntag ist nicht viel los. Meine Bahnfahrkarte habe ich schon und setze mich mit einem Eis von Giovanni auf die Bank auf Gleis 3. Schräg neben mir sitzt ein Mann, hinter mir eine blondierte Frau um die 40. Sean, so stellt sich der Mann in holprigem Deutsch vor, will nach Hamburg, und er fragt Christine – so heißt die Dame – und mich, ob das hier das richtige Gleis ist. Ja, das ist es.

Pause. Sean dreht sich um und weint. Sein Vater sei vor drei Stunden gestorben, er müsse nun nach Irland. Schnell. Sein Atem riecht nach ertränkter Trauer. Seine Augen sind rot unterlaufen. Christine will nach Dortmund, ihre Mutter hat Krebs. Es geht ihr nicht gut. Aber Hoffnung hat sie. Das freut uns. Irgendwas in mir will, dass ich aufstehe und weg gehe. Weg von dem Leid, als ob es ansteckend wäre. Oder weil ich nicht dazu gehöre, ich weiß es nicht. Das erfahrene Leid ist schon zu verwittert, um im Anblick des frischen nicht unhöflich zu wirken, und das kommende eben noch nicht da. Und ängstigend, wie es neben mir auf der Bank sitzt.

Ich sage nicht viel, höre ihnen zu. Sean fliegt über Hannover, hofft, seinen Flug noch zu erwischen. Ich überlege gerade fieberhaft, was „Beileid“ auf englisch heisst, als beide aufstehen und innerhalb der gelben Markierung ein wenig das Gleis runter rauchen gehen. Ich wünsche ihnen eine sichere Reise.

Dann steige in den IC, vorbei an zwei knutschenden Paaren. Und das Leid wird heller. Der Himmel bricht auf, und ich denke an Sean als die runden grünen Hügel vor Kiel an mir vorbei ziehen. Mein Beileid. My heartfelt sympathy.

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Ergänze mich:

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