Das Böse und der Haß

Der Herr Glucksmann. Im obigen Interview mit der FR (und, wohl differenzierter, in seinem aktuellen Buch "Haß")versucht er sich darin, eine universelle und zeitlose Theorie des Hasses einer solchen entgegenzusetzen, die so etwas wie Haß in konkreten sozioökonomischen Bedingungen erst wachsen und gedeihen sieht. Na, so ganz so weit geht er dann doch nicht, aber fast. Und hat wie üblich halb Recht, nötigt mich zumindest, die eine oder andere unten im Eintrag "Kernige Türken" vorgenommene Behauptung zumindest zu relativieren. Und doch soll dem im folgenden noch eine andere Lektüre des Wochenendes entgegengehalten werden ...
Es sei zitiert aus obiger Ausgabe der FRANKFURTER RUNDSCHAU:
FRAGE: Wie ist es möglich, daß Milliarden Menschen mit ihrer Unterdrückung und und Benachteiligung leben und andere sich in menschliche Zeitbomben verwandeln?
Antwort: Man müßte eher umgekehrt fragen: Wie ist es möglich, daß die meisten Menschen den Hass unter Kontrolle behalten? Haß ist keine simple Begleiterscheinung. Es ist keine logische Folge von ökonomischen, psychologischen oder politischen Umständen. In gewisser Weise braucht er günstige Umstände. Man könnte beispielsweise sagen, aber nicht einmal da bin ich sicher, daß Elend ein günstiger Umstand ist, der zur Verzweiflung und Ausbrüchen des Hasses führen kann. Aber dann gäbe es ja bei den Reichen keinen Haß ...
FRAGE: Sie meinen, wir sollten uns die üblichen Erklärungsmuster sparen?
Antwort: Ja, weil sie im Kern legitimieren und grundsätzlich in die Irre führen. Haß ist alles andere als eine Begleiterscheinung ungünstiger Lebensverhältnisse. Wie erklärt man sonst, daß es seit Menschengedenken unsagbar schwierige Situationen gibt, ohne daß diese automatisch zu einem auslöschenden Haß führen?
Zitatende. Später verweist er noch darauf, der Herr Glucksmann (Herr Broder würde es irgendwie schaffen, mir angesichts des "Herr Glucksmann" jetzt irgendwie Antisemitismus unterzujubeln, ganz egal wie, Hauptsache daß!), daß Haß etwas mit Kulturverlust zu tun habe, aber gleichzeitig auch das Resultat der Arbeit an sich selbst sei, sich für Haß bereit zu machen. Und erklärt es zur großen Stärke der Philosphie, dem Bösen ins Auge zu sehen.
Da reibt man sich doch etwas verwundert die Augen. Erstens, weil dieser Interviewer gar keine Fragen stellt, sondern nur Anlässe gibt, irgendetwas zu sagen. Ganz schlecht. Zweitens, weil Andre Glucksmann sich ständig widerspricht. Viertens, weil DAS BÖSE eigentlich Thema der Religion ist, Philosophie beschäftigt sich normalerweise lieber gleich mit dem Guten - was ja falsch sein kann. Und fünftens, weil völlig unklar bleibt, was er mit Haß sinnvoll meinen kann, so wie er den beschreibt - außer: "Wille, auszulöschen". So definiert er es auch weiter oben im selben Interview "Haß heißt, den anderen vernichten wollen". Willensmetaphysik, wie bei Schopenhauer und Nietzsche?
Aber auch diese Aussagen da oben haben es in sich.
1.) Wer auf soziale Situationen rekurriert und diese als Ursache von Gefühlen deutet, legitimiert "im Kern", behauptet derPhilosoph. Was ja falsch ist, aber typisch für diese invertierten Altlinken. Es gibt eine Differenz zwischen Erklärung und Rechtfertigung, wie es eine zwischen Sein und Sollen gibt, da können noch so viele noch so oft das Gegenteil behaupten.
2.) Er beschreibt ein Gefühl - oder einen Affekt, vielleicht sogar Stimmungen, da differenziert er nicht -, das unter bestimmten Umständen sozusagen aktiviert wird, unter der Oberfläche der Kultur gleichzeitig als Disposition sich bereit hält, das aber, um aktiviert zu werden, Arbeit an sich selbst erfordert. Das verwirrt, weil's irgendwo zwischen einer Variante vulgärfreudianischer Triebtheorie und dem Kamasutra angesiedelt ist, was Andre Glucksmann da sagt. Als Fan der Sprachanalyse (die ich selbst zu schlecht nur beherrsche, Herr Glucksmann aber offensichtlich auch nicht) und eines Gilbert Ryle verstören mich diese metaphysisch aufgeladenen Begrifflichkeiten. Da stimmt was nicht.
Haß als Dispostionsbegriff würde in etwa bedeuten: Wie das Glas dazu neigt, zerbrechlich zu sein, so neigt Mensch dazu, Haß zu empfinden. Auch Gläser zerbrechen ja normalerweise nicht, sondern nur, wenn man sie beispielsweise runterwirft. Aber unter Umständen - Glucksmann spricht von Elend - eben doch.
Soweit könnte ich mich ja damit anfreunden. Schlimm ist ja nur die diskurstrategische Bedeutung von dem substantialisierten Haß ("ich hasse" kann man sinnvoll formulieren, ob es "den Haß" gibt, bezweifel ich).
Herr Glucksmann weist zu Recht darauf hin, daß es keinerlei logische Notwendigkeit von Gefühlen wie Haß unter bestimmten soziookönomischen Bedingungen gibt, keine zwangsläufige Auslösung. Da hat er Recht. Das behauptet doch aber auch niemand ernsthaft. Alleine jedoch die Unterstellung, das würden all die sozioökonmischen Erklärer behaupten, ist reine Rhetorik.
Diese nutzt er diese ganz offensichtlich nur und ausschließlich dazu, Positionen, die sozio-ökonomische Erklärungsmuster heranziehen, zu diskreditieren. Und setzt dem dann "Der Haß" und "Das Böse" entegegen. Um umgekehrt doch wieder Umstände anzunehmen, in denen dieses oder jenes Gefühl gedeiht. Das ist 1.) ein Rückfall vor die Aufklärung, glaube ich und 2.) auch noch widersprüchlich.
Daß dann auch noch Seneca folgend Arbeit an sich selbst erforderlich sein soll, diese substantialisierten "in mir" irgendwo hausenden Gefühle "freizusetzen", zu mobilisieren oder kulturverfallend zu kultivieren oder was auch immer ist doch ganz schön viel Psychoanalyse. Und die ist eben unter anderem auch immer schon deskriptiv ein Akt der Manipulation. Mir erscheint da höherer Unsinn am Werke sein zu wollen ... bei allem Respekt vor der Biographie und den sonstigen Aktivitäten und Positionen von Andre Glucksmann. Das alles erklärt nichts und suggeriert sehr viel ...
Präzisieren muß ich dennoch, was vor ein paar Tagen ich schrieb im Eintrag zu "kernige Türken": Natürlich ist eine sozioökonomische Situation nie hinreichend zur Beschreibung individuellen Verhaltens, und natürlich gibt's auch jede Menge Hassender, die nicht sozial deklassiert sind. Und es ist gut, daß Herr Glucksmann darauf hinweist und daß da erweiterte Ansätze nötig sind.
Um ergänzend auch noch einen ungleich sinnvolleren Ansatz zu zitieren, sei auf eine Rezension in der ZEIT vom 27.10. verwiesen. Da ist jenseits religiöser Sehnsüchte die Vernunft am Werke. Es geht um das Buch "Täter" von Harald Welzer, erschienen bei S. Fischer.
Dieser Mann hat das Handeln von Nazi-Schergen im 3. Reich untersucht und ist dabei Fragen wie der folgenden auf den Grund gegangen: "Warum waren fast alle "normalen Männer" in Einheiten wie dem Reserve-Polizeibataillon 45 bereit zu töten, wenn auch mit einem unterschiedlichen Grad von Begeisterung, Gleichgültigkeit oder Abscheu?" Und, weiter im Zitat: "Im Mittelpunkt der NS-Herrschaft stand für Welzer die Neudefinition der menschlichen Gemeinschaft, und zwar von einer integrativen, dem Menschenbild der Aufklärung verpflichteten hin zu einer ausgrenzenden, auf Rassismus und Antsisemtismus basierenden."
Das sollte sich auch der eine oder andere Scheinliberale und Leitkultur-Theoretiker mal schleunigst hinter die Löffel schreiben. Weil Deutschland keine bürgerliche Revolution zustande gebracht hatte, so faßt der Rezensent Welzer zusammen, tradierten sich Begriffe wie Ehre oder Ungleichheit auch positiv konnotiert - da wuchsen Adelsmentalitäten weiter stark verzweigt durch die Köppe, sozusagen.
Desweiteren kam es Welzers Ansicht nach zu einer "kollektiven Nobilitierung" in Abgrenzung zu den als minderwertig behaupteten Juden - wer nix wird, wird deutsch, sozusagen, und Juden hatte man da zuvor rassistisch rausdefiniert (Vgl. hierzu z.B. Raoul Hilsberg, Die Vernichtung der europäischen Juden). Als weitere Bedingung nennt Welzer in einem exitenzialistischen Denkmotiv eine Angst vor der eigenen Freiheit und Verantwortung und somit eine Flucht ins heideggersche "Man", ins Kollektiv, das individuelle Entscheidungen dann abnahmn.
Diese spezifisch deutschen Bedingungen von 1933 bezeichnet er als "normativen Referenzrahmen", in dem das jeweilige, individuelle Handeln situiert ist. Und, Zitat aus dem ZEIT-Artikel: "Jede künftige Täterforschung muß also versuchen, die richtige Mischung aus kulturellen und situativen Faktoren und deren Wechselwirkung zu finden - und darf sie nicht nebeneinander stellen."
Wie erfrischend klar liest sich sowas neben dem suggestiven Sog der Glucksmannschen Begriffe! Fehlt nur ein Begriff von Gesellschaft, wie leider seit der Auseinandersetzung zwischen Sozial- und Kulturgeschichte so oft.
Dennoch: Das steht auch quer zu aktuellen Lagern in der politischen Diskussion in Deutschland. Die Elite-Theoretiker beispielweise, die Ungleichheit mittlerweile sogar einfordern, wissen so, in wessen Tradition sie stehen: In der von Adelsgesellschaften. Das sind noch lange keine Nazis, sie fordern jedoch Bedingungen, unter denen diese vortrefflich gedeihen könnten. Die existentialistische Furcht vor eigenen Freiheit wird vulgärliberal umgedeutelt in die Angst, sich selbst um seine Rente zu kümmern - Humbug, Herr Welzer meint was ganz anderes. Und Herr Stoiber nennt in einem Atemzuge mit dem Christentum die Aufklärung und klagt doch vor dem Verfassungsgericht gegen die Homo-Ehe.... in der Tat lächerlich, wer sich so alles auf die Aufklärung beruft. Das ist bei vielen schlicht ein Chiffre, das nur und ausschließlich zur Vulgär-Islamophobie legitimieren soll (womit jetzt ausdrücklich nicht der Kampf gegen Islamisten gemeint ist!!!, sondern das Unter-Verdacht-Stellen des türkischen Gemüsehändlers gegenüber - ja, beweisen Sie doch erst mal, daß Sie ihre Frau nicht schlagen, bevor wir miteinander reden! Und kulturell passen wir eh nicht zusammen, Sie Mullah!).
Klar ist, daß man sich mit Ansätzen wie jenen Welzers auch aktuellen Problemlagen viel besser annähern kann, als wenn man dieser ganzen anti-linken Rhetorik nachplappert. Und daß der eigentliche Kampf jener um den normativen Referenzrahmen ist ... ich bin dabei!






















