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31.10.05

Das Böse und der Haß

Glucksmann.jpg

Der Herr Glucksmann. Im obigen Interview mit der FR (und, wohl differenzierter, in seinem aktuellen Buch "Haß")versucht er sich darin, eine universelle und zeitlose Theorie des Hasses einer solchen entgegenzusetzen, die so etwas wie Haß in konkreten sozioökonomischen Bedingungen erst wachsen und gedeihen sieht. Na, so ganz so weit geht er dann doch nicht, aber fast. Und hat wie üblich halb Recht, nötigt mich zumindest, die eine oder andere unten im Eintrag "Kernige Türken" vorgenommene Behauptung zumindest zu relativieren. Und doch soll dem im folgenden noch eine andere Lektüre des Wochenendes entgegengehalten werden ...

Es sei zitiert aus obiger Ausgabe der FRANKFURTER RUNDSCHAU:

FRAGE: Wie ist es möglich, daß Milliarden Menschen mit ihrer Unterdrückung und und Benachteiligung leben und andere sich in menschliche Zeitbomben verwandeln?

Antwort: Man müßte eher umgekehrt fragen: Wie ist es möglich, daß die meisten Menschen den Hass unter Kontrolle behalten? Haß ist keine simple Begleiterscheinung. Es ist keine logische Folge von ökonomischen, psychologischen oder politischen Umständen. In gewisser Weise braucht er günstige Umstände. Man könnte beispielsweise sagen, aber nicht einmal da bin ich sicher, daß Elend ein günstiger Umstand ist, der zur Verzweiflung und Ausbrüchen des Hasses führen kann. Aber dann gäbe es ja bei den Reichen keinen Haß ...

FRAGE: Sie meinen, wir sollten uns die üblichen Erklärungsmuster sparen?

Antwort: Ja, weil sie im Kern legitimieren und grundsätzlich in die Irre führen. Haß ist alles andere als eine Begleiterscheinung ungünstiger Lebensverhältnisse. Wie erklärt man sonst, daß es seit Menschengedenken unsagbar schwierige Situationen gibt, ohne daß diese automatisch zu einem auslöschenden Haß führen?

Zitatende. Später verweist er noch darauf, der Herr Glucksmann (Herr Broder würde es irgendwie schaffen, mir angesichts des "Herr Glucksmann" jetzt irgendwie Antisemitismus unterzujubeln, ganz egal wie, Hauptsache daß!), daß Haß etwas mit Kulturverlust zu tun habe, aber gleichzeitig auch das Resultat der Arbeit an sich selbst sei, sich für Haß bereit zu machen. Und erklärt es zur großen Stärke der Philosphie, dem Bösen ins Auge zu sehen.

Da reibt man sich doch etwas verwundert die Augen. Erstens, weil dieser Interviewer gar keine Fragen stellt, sondern nur Anlässe gibt, irgendetwas zu sagen. Ganz schlecht. Zweitens, weil Andre Glucksmann sich ständig widerspricht. Viertens, weil DAS BÖSE eigentlich Thema der Religion ist, Philosophie beschäftigt sich normalerweise lieber gleich mit dem Guten - was ja falsch sein kann. Und fünftens, weil völlig unklar bleibt, was er mit Haß sinnvoll meinen kann, so wie er den beschreibt - außer: "Wille, auszulöschen". So definiert er es auch weiter oben im selben Interview "Haß heißt, den anderen vernichten wollen". Willensmetaphysik, wie bei Schopenhauer und Nietzsche?

Aber auch diese Aussagen da oben haben es in sich.

1.) Wer auf soziale Situationen rekurriert und diese als Ursache von Gefühlen deutet, legitimiert "im Kern", behauptet derPhilosoph. Was ja falsch ist, aber typisch für diese invertierten Altlinken. Es gibt eine Differenz zwischen Erklärung und Rechtfertigung, wie es eine zwischen Sein und Sollen gibt, da können noch so viele noch so oft das Gegenteil behaupten.

2.) Er beschreibt ein Gefühl - oder einen Affekt, vielleicht sogar Stimmungen, da differenziert er nicht -, das unter bestimmten Umständen sozusagen aktiviert wird, unter der Oberfläche der Kultur gleichzeitig als Disposition sich bereit hält, das aber, um aktiviert zu werden, Arbeit an sich selbst erfordert. Das verwirrt, weil's irgendwo zwischen einer Variante vulgärfreudianischer Triebtheorie und dem Kamasutra angesiedelt ist, was Andre Glucksmann da sagt. Als Fan der Sprachanalyse (die ich selbst zu schlecht nur beherrsche, Herr Glucksmann aber offensichtlich auch nicht) und eines Gilbert Ryle verstören mich diese metaphysisch aufgeladenen Begrifflichkeiten. Da stimmt was nicht.

Haß als Dispostionsbegriff würde in etwa bedeuten: Wie das Glas dazu neigt, zerbrechlich zu sein, so neigt Mensch dazu, Haß zu empfinden. Auch Gläser zerbrechen ja normalerweise nicht, sondern nur, wenn man sie beispielsweise runterwirft. Aber unter Umständen - Glucksmann spricht von Elend - eben doch.

Soweit könnte ich mich ja damit anfreunden. Schlimm ist ja nur die diskurstrategische Bedeutung von dem substantialisierten Haß ("ich hasse" kann man sinnvoll formulieren, ob es "den Haß" gibt, bezweifel ich).

Herr Glucksmann weist zu Recht darauf hin, daß es keinerlei logische Notwendigkeit von Gefühlen wie Haß unter bestimmten soziookönomischen Bedingungen gibt, keine zwangsläufige Auslösung. Da hat er Recht. Das behauptet doch aber auch niemand ernsthaft. Alleine jedoch die Unterstellung, das würden all die sozioökonmischen Erklärer behaupten, ist reine Rhetorik.

Diese nutzt er diese ganz offensichtlich nur und ausschließlich dazu, Positionen, die sozio-ökonomische Erklärungsmuster heranziehen, zu diskreditieren. Und setzt dem dann "Der Haß" und "Das Böse" entegegen. Um umgekehrt doch wieder Umstände anzunehmen, in denen dieses oder jenes Gefühl gedeiht. Das ist 1.) ein Rückfall vor die Aufklärung, glaube ich und 2.) auch noch widersprüchlich.

Daß dann auch noch Seneca folgend Arbeit an sich selbst erforderlich sein soll, diese substantialisierten "in mir" irgendwo hausenden Gefühle "freizusetzen", zu mobilisieren oder kulturverfallend zu kultivieren oder was auch immer ist doch ganz schön viel Psychoanalyse. Und die ist eben unter anderem auch immer schon deskriptiv ein Akt der Manipulation. Mir erscheint da höherer Unsinn am Werke sein zu wollen ... bei allem Respekt vor der Biographie und den sonstigen Aktivitäten und Positionen von Andre Glucksmann. Das alles erklärt nichts und suggeriert sehr viel ...

Präzisieren muß ich dennoch, was vor ein paar Tagen ich schrieb im Eintrag zu "kernige Türken": Natürlich ist eine sozioökonomische Situation nie hinreichend zur Beschreibung individuellen Verhaltens, und natürlich gibt's auch jede Menge Hassender, die nicht sozial deklassiert sind. Und es ist gut, daß Herr Glucksmann darauf hinweist und daß da erweiterte Ansätze nötig sind.

Um ergänzend auch noch einen ungleich sinnvolleren Ansatz zu zitieren, sei auf eine Rezension in der ZEIT vom 27.10. verwiesen. Da ist jenseits religiöser Sehnsüchte die Vernunft am Werke. Es geht um das Buch "Täter" von Harald Welzer, erschienen bei S. Fischer.

Dieser Mann hat das Handeln von Nazi-Schergen im 3. Reich untersucht und ist dabei Fragen wie der folgenden auf den Grund gegangen: "Warum waren fast alle "normalen Männer" in Einheiten wie dem Reserve-Polizeibataillon 45 bereit zu töten, wenn auch mit einem unterschiedlichen Grad von Begeisterung, Gleichgültigkeit oder Abscheu?" Und, weiter im Zitat: "Im Mittelpunkt der NS-Herrschaft stand für Welzer die Neudefinition der menschlichen Gemeinschaft, und zwar von einer integrativen, dem Menschenbild der Aufklärung verpflichteten hin zu einer ausgrenzenden, auf Rassismus und Antsisemtismus basierenden."

Das sollte sich auch der eine oder andere Scheinliberale und Leitkultur-Theoretiker mal schleunigst hinter die Löffel schreiben. Weil Deutschland keine bürgerliche Revolution zustande gebracht hatte, so faßt der Rezensent Welzer zusammen, tradierten sich Begriffe wie Ehre oder Ungleichheit auch positiv konnotiert - da wuchsen Adelsmentalitäten weiter stark verzweigt durch die Köppe, sozusagen.

Desweiteren kam es Welzers Ansicht nach zu einer "kollektiven Nobilitierung" in Abgrenzung zu den als minderwertig behaupteten Juden - wer nix wird, wird deutsch, sozusagen, und Juden hatte man da zuvor rassistisch rausdefiniert (Vgl. hierzu z.B. Raoul Hilsberg, Die Vernichtung der europäischen Juden). Als weitere Bedingung nennt Welzer in einem exitenzialistischen Denkmotiv eine Angst vor der eigenen Freiheit und Verantwortung und somit eine Flucht ins heideggersche "Man", ins Kollektiv, das individuelle Entscheidungen dann abnahmn.

Diese spezifisch deutschen Bedingungen von 1933 bezeichnet er als "normativen Referenzrahmen", in dem das jeweilige, individuelle Handeln situiert ist. Und, Zitat aus dem ZEIT-Artikel: "Jede künftige Täterforschung muß also versuchen, die richtige Mischung aus kulturellen und situativen Faktoren und deren Wechselwirkung zu finden - und darf sie nicht nebeneinander stellen."

Wie erfrischend klar liest sich sowas neben dem suggestiven Sog der Glucksmannschen Begriffe! Fehlt nur ein Begriff von Gesellschaft, wie leider seit der Auseinandersetzung zwischen Sozial- und Kulturgeschichte so oft.

Dennoch: Das steht auch quer zu aktuellen Lagern in der politischen Diskussion in Deutschland. Die Elite-Theoretiker beispielweise, die Ungleichheit mittlerweile sogar einfordern, wissen so, in wessen Tradition sie stehen: In der von Adelsgesellschaften. Das sind noch lange keine Nazis, sie fordern jedoch Bedingungen, unter denen diese vortrefflich gedeihen könnten. Die existentialistische Furcht vor eigenen Freiheit wird vulgärliberal umgedeutelt in die Angst, sich selbst um seine Rente zu kümmern - Humbug, Herr Welzer meint was ganz anderes. Und Herr Stoiber nennt in einem Atemzuge mit dem Christentum die Aufklärung und klagt doch vor dem Verfassungsgericht gegen die Homo-Ehe.... in der Tat lächerlich, wer sich so alles auf die Aufklärung beruft. Das ist bei vielen schlicht ein Chiffre, das nur und ausschließlich zur Vulgär-Islamophobie legitimieren soll (womit jetzt ausdrücklich nicht der Kampf gegen Islamisten gemeint ist!!!, sondern das Unter-Verdacht-Stellen des türkischen Gemüsehändlers gegenüber - ja, beweisen Sie doch erst mal, daß Sie ihre Frau nicht schlagen, bevor wir miteinander reden! Und kulturell passen wir eh nicht zusammen, Sie Mullah!).

Klar ist, daß man sich mit Ansätzen wie jenen Welzers auch aktuellen Problemlagen viel besser annähern kann, als wenn man dieser ganzen anti-linken Rhetorik nachplappert. Und daß der eigentliche Kampf jener um den normativen Referenzrahmen ist ... ich bin dabei!

Helloween

Laut Morgenmagazin-Tagesschau stellt der Präsident der Bundesärztekammer fest: So wie derzeit sei das Gesundheitssystem einfach nicht mehr finanzierbar. Unter aktuellen Bedingungen könne nicht mal mehr unbedingt notwendige Medizin für alle finanziert werden. Soll er in einem Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung gesagt haben, wer auch immer Präsident bei einer dieser faktisch Deutschland regierenden Lobby-Organisationen sein mag - auf der Seite der Neuen Osnabrücker Zeitung fand ich das Interview nicht. Macht nix - auch so ist ja klar, daß zumindest Herr Clement sich über solche Aussagen freut, denn wer füttert Parasiten auch noch an, sorry, Menschen mit parasitärem Verhalten? Die tilgt man. Wie 'nen Kredit. Aber gegen den Clement hat ja u.a. wegen Volksverhetzung laut der FR vom Wochenende die Linkspartei Strafanzeige gestellt. Erinnert sei zudem ...

... an einen Aufsatz von Niklas Luhmann, Jenseits von Barbarei, in: M. Miller/H.-G. Soeffner (Hg.), Modernität und Barbarei, Frankfurt/M. 1996, in dem er als einer der zentralen Probleme des neuen Jahrtausends recht treffsicher jenes von Inklusion und Exklusion beschreibt...

Zudem: Wer einmal auch nur die Techniker-Krankenkasse in Hamburg-Barmbek spaziert ist, sieht, wo die Gelder bleiben. Neulich auch Diskussion mit einer netten Dame meiner BARMER, die mich wieder zu irgendeinem Tai-Chi oder ähnlichem Quatsch überreden wollte. Diese Krankenkasse bombadiert mich ständig mit völlig überflüssigen Broschüren und Seminar-Einladungen, möchte nicht wissen, wieviel Geld in dieser Hinsicht fließt - das teilte ich dieser Dame mit, und als Reaktion hatte sie dann stellvertretend wenigstens ein schlechtes Gewissen und hat mich aus dem Verteiler genommen.

Ebenso empörend ist die Beitragsbemessung-Grenze: Bin aus Überzeugung und im Glauben ans Solidarsystem weiterhin gesetzlich versichert, allerdings freiwillig. Liege gar nicht so unknapp über der Grenze und finde das einen Skandal. Natürlich müßte ich wesentlich mehr bezahlen als jemand, der 1000 Euro weniger als ich brutto verdient. Stattdessen ist der Fall, daß selbst die Vorstände meiner Firma, die, keine Ahnung wie viel genau die kriegen, aber wahrscheinlich das 5-fache von mir, auch entschieden mehr zum Gesundheitssystem beitragen müßten, weil Gesundheit eben zur Grundlage der Freiheit gehört, liebe Schein- und Neoliberale. Ist aber nicht so: Die scheren allesamt aus und überlassen die gesamte Finazierung jenen, die bis zu 3500,- Euro (ungefähr) verdienen. Oder zahlten genausoviel wie ich, wenn sie denn drinenen blieben. Und lassen jene unterhalb der Beitragsmesse dann in Zukunft auch noch fröhlich verrecken, während sie selbst wahrscheinlich schon vorab das Spenderherz finanziert haben ... das ist Wahrheit eines falsch verstandenen Liberalismus: Wer hat, darf leben, wer nicht, darf spuken. Schreibt sich Helloween eigentlich mit a oder e?

30.10.05

Tracklist Sonntag nachmittag

1.) Rio Reiser - This Boy. Ohne Worte. Als hätte sich Rio Reiser an einem nebligen Nachmittag im November '84 unsterblich in Georgette Dee verliebt. Wahrscheinlich irgendwo bei Celle. In Uetze z.B., oder Schillerslage. Toll
2.) Kettcar - Tränengas im High-End-Leben. Ich liebe diese Band ja auch. Auch wenn mir diese Mischung aus bedeutungsschwanger und abgeklärt, ja, die Suggestion von Alterweisheit tierisch auf den Geist geht. Trotzdem toll.
3.) Die Sterne - Das Weltall ist zu weit (und der Rest ist schon verteilt). Die kann ich ja nicht ausstehen, vielleicht, weil sie so sympathisch sind. Aber der Song ist gut.

4.) Foyer des Artes - Olympia. Max Goldt macht einen auf Bauhouse oder so und läßt im Hintergrund sogar die Pauken schlagen (oder schlug er selbst?). Düsternis und Dramatik mit fetten Streichern, die triefen, die Streicher - und das Ganze von '82. Offensichtlich hat er beim Digital Remastering des ersten Foyer des Artes-Album damals nicht enthaltene Stücke dann doch drauf gebracht, und erstaunt stellt man fest, daß der ganze Früh-NDW-Kram eher überflüssige Fingerübungen für späteres Wirken waren, ja, auch Wissenswertes über Erlangen, ein paar englische Songs aber ziemlich großartig daherkommen und von Marc Almond zu Zeiten von Torment & Torreros nicht schöner hätten aufgenommen werden können.
5.) Martha & The Muffins - This is the Ice Age. Von 81. Von der heute morgen promoteten CD im aktuellen Rolling Stone. Fantastisch, coole Funk-Riffs und kühles New Wave-Feeling. Musik vor der House-Ära war einfach besser.
6.) Marianne Faithful - Falling from Grace, vom gerade erschienenen "Live in Hollywood"-Album. Diese Stimme fräst sich durch Haut und Knochen mitten in die Seele hinein, und die Arrangements sind herrlich - irgendwo zwischen jazzrockigem Bigband-Sound und Las Vegas. Gruselige Synthie-Einlagen. Macht Spaß.
7.) Goldfrap - Twist. Viele mochten ja das "Black Cherry"-Album nicht. Habe ich nie verstanden. Das pflügt sich so lustvoll durch Soundfelder und wühlt in der Effektkiste, gibt sich bei Twist auch fast wie der Soundtrack zu Fantasy-Filmen, in denen Einhörner bei Sternenglanz über grünblaue Wiesen springen. Rein musikalisch. Auf den Text habe ich nie geachtet.
8.) Spectrum - How You Satisfy Me. So'n Ding, das auch kolossal nerven kann. Aber toll psychedelish. In Hannover, Mitte der 80er, im Steintor-Viertel, da gab es einen Club, der Gun Club hieß. Der war schwarz und dreckig. Und dieser Song hört sich so an, wie die Kneipe aussah. Wahrscheinlich war ich auch mal zeitgleich mit H.P. Baxxter dort, wie im Sox ja auch. Das Disco unter dem Kröpcke-Hochhaus. Kennt man ja.
9.) Mando Diao - Added Family. Da klingt Chris Isaak zwischen den Akkorden hindurch, viel USA-on-the-road-Feeling rein musiklaisch, viel Beatles. Viel Konsens. Schön. Finde ja, man muß Musik über die Stimmung, die sie erschließt, sich auch selbst erschließen, deshalb hat die Spex meistens Unrecht und Musikwissenschaftler sowieso. Dieser Song ist unter anderem für Feuerzeuge bei Konzerten geschrieben. Glaube ich. Kann aber falsch liegen. Was nichts macht. Weil's nicht wichtig ist.
10.) Wo wir gerade bei Feuerzeugen waren: Hard-Fi - Move On Now. Ein Song, ein Klischee. Ich liebe Song-Klischees.
11.) Remy Shand - the colour of the day. Dieses The Way I Feel-Album finde ich ja immer wieder auf's neue sensationell, so zeitlos, so soulig, so whoooooooowowowowhoooooooaaaaaaa!
12.) Nach so viel Inszenierung des (Wohl)-Fühligen nun dessen Wahrheit im (Unwohl)-Fühligen - Rio Reiser singt Gimme Shelter.
13.) Arcade Fire - Neighborhood 1 (Tunnels). Das ist ja ein Album, das in seiner Größe ohne weiteres an Filme wie Moulin Rouge heranreicht. Überragend. Ich stelle gerade fest, daß es nach neuer Zeit schon um 17 h dunkel wird. Schön ist das nicht ...
14.) Patrick Wolf - The Railway House. Mit Moulin Rouge hat der ja auch viel zu tun, dieser fahle Jüngling, dieses genial-ätherische Wesen ...
15.) The Radio Department - Pulling Our Weight. Einer von diesen Songs, an denen ich mich nicht satt hören kann. Wenn man das hört und dabei aus ICE-Fenstern auf's herbstliche Deutschland schaut, hat man das Gefühl, daß eine Leben in tieferer Harmonie mit sich selbst und seinen Sinnen nicht möglich ist (und das im ICE!!!) ...
16.) Dann doch noch mal Kettcar - Die Wahrheit ist, man hat uns nichts getan. Was meint der da eigentlich mit dem, was er singt? Egal, hörst ich gut an ... ist Kettcar etwa die neue Mitte? Kann nicht sein, dann gingen sie zum HSV ...
17.) Au Pairs - Repetition. Ach, waren das Zeiten. 'ne Maxwell-Cassette war's, und auch frisch in Hamburg, '87, habe ich die noch hoch und runter gehört.Iin einer WG am Neuen Pferdemarkt. Als man noch in den Dschungel (gegenüber vom jetzigen, neben der Tankstelle) und ins Subito ging. Und als XY meinen Glauben an die Menschheit nachhaltig zerstörte ... seitdem war WG-Leben für mich unmöglich. Was gut war. Hat Energien freigesetzt.
18.) Nochmal Mando Diao, Ringing Bells, hat tatsächlich was Weihnachtliches. Tom wirft mir ja immer vor, daß ich so'n Mensch sei, der sich immer nur die Balladen von Alben pflückt. Aber der ist ja auch Zappaist. Dieser Song besticht auf jeden Fall durch seine Belangslosigkeit, und sowas braucht man ja bei Mini-Disc-Mixen. MP3-Sticks, mich bekommt ihr nicht!!!
19.) The Nits - Moon and Stars. Auch so ein Pferdemarkt-Song, selbe Zeit, immer wieder hörenswert, wie ein Hauch von Musical durch den Song schwebt und ihn ins Zeitlose transzendiert .... große Kunst. Mittendrin so ein Schlagzeug-Solo. Spannend, weiter geht's. Jetzt auch sowas wie Bläser. Steigerung in der Wiederholung, für den einen oder anderen ist das ja auch das Geheimnis der gelingenden Sexualität.
20.) Dashboard Confessional - Shirts & Gloves. Meiner Ansicht ja DIE Super-Band des neuen Jahrhunderts. Den habe ich sogar an meinem Kühlschrank hängen, den Sänger, als Foto, zum Morgens anschauen. Wer sich gegen diese Musik noch wehrt, ist selber Schuld. Die läßt kritische Distanz nicht zu. Die geht direkt ins Herz.
21.) Und, zum krönenden Abschluß eines musikalischen Sonntag-Nachmittag, zum dritten Mal Rio Reiser - Rauchhaus-Song. Der paßt immer und überall hin, vor allem zum Schluß ...


"Kernige Türken"

"Wahrscheinlich hat Deutschland längst wieder eine nationale Farbe, ein positives Selbstgefühl, und man wird es rückblickend identifizieren können. Aber nach allem, was in der deutschen Geschichte geschehen ist, wird es einen gebrochenen, tragischen Zug behalten (...).Nur: Werden wir damit, mit dieser Gebrochenheit, kernige Türken gewinnen können?"

So findet sich das geschrieben in der Süddeutsche Zeitung, zitiert nach in http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,382216,00.html, verfaßt hat es demzufolge Gustav Seibt. Das läßt ja tief blicken ...

... auch hinsichtlich des Themas des Artikels, der aufgewärmten Leitkultur-Fragenstellerei. Zunächst: Die Farbe, die nationale, ist ganz klar Weiß ... Und: Auch hinsichtlich eines Kerns dieser ganzen Debatte, die glaubt, hier würde einfach nur so westliche Kultur gegen islamische Kultur ins Feld geführt,von beiden Seiten, ist die Formulierung vielsagend.

Es geht nämlich doch um soziale Differenzen, um einen Kampf um den Zugang um Ressorucen, in den mitten hinein Fragen der Geschlechtsidentitätskonstruktion ragen. Und sowas wie Popkultur auch. Deshalb, genau deshalb ist es so wichtig zwischen KULTUR und Gesellschaft zu unterscheiden. KULTUR beschreibt Mentalitäten, Gewohnheiten, Sichtweisen, Traditionen. Gesellschaft beschreibt Instituionen, Wirtschaftsformen, Regierungsformen, Produktionsverhältnisse, Besitzverhältnisse. Je weiter sich beides (auch voneinander) ausdifferenziert, desto moderner die Gesellschaft (und KULTUR zieht dann nach oder auch nicht). In modernen Gesellschaften bedingt Gesellschaft KULTUR. Dann greift auch vieles, was der Diagnostiker Marx geschrieben hat - als politischer Philosoph war er eh selten wirklich zu gebrauchen.

Drum: Alle dreschen völlig zu Recht auf Bushido ein, und doch sind die ganzen türkischen Jungs oft so atemberaubend sexy, wie kaum ein deutsches Pendant. Das ist ja ziemlich lustig, daß nun ausgerechnet das Bild der "kernigen Türken" da oben aus dem Es des Autors aufsteigt, um einmal kurz Freud zu bemühen und den dann möglichst schnell wieder zu vergessen. Deshalb tut es not, a.) mal wieder die Zusammenhänge zwischen individueller Identitätskonstruktion und sozio-ökonomischer Situation zu beleuchten, anstatt reihenweise Jugendknäste zu erschaffen und b.) auch Fragen des Stolzes mal wieder ernst zu nehmen und c.) endlich mal tiefgründig zu untersuchen, wo Identität und Unterscheid zwischen Deklassierten in den USA und in Europa liegen.

Beim Thema "kernige Türken" (wo ja der Autor durchaus einen gewissen Neid durchblicken läßt) bündeln sich diese Fragen. Dieser Machismo vieler Türken ist ja ebenso wie jener der afroamerikanischer Hip Hopper immer auch (nicht nur) der Versuch, eine sozioökonomische Ohnmachtssituation mit den zur Verfügung stehenden Mitteln umzukehren. Das rechtfertigt nichts, erklärt aber vieles, und EMMA-Reflexe sind da irgendwie richtig und ebenso irgendwie völlig verfehlt. Nehme dem Menschen die Würde und jede Chance in einer Gesellschaft, und im schlimmsten Fall ist er dann total sexy und geht Schwule klatschen.

Schlimm ist, da haben die Scheinliberalen Recht, daß genau derartige, traditional linke Erklärungsmuster allzu oft als Legitimationsdiskurs für allerlei Formen der Gewalt herhalten müssen.

Ebenso so schlimm ist jedoch, daß in den meisten medialen Feldern diese Erklärungsversuche gar nicht mehr stattfinden, weil eben der ganz alltägliche Kaptilismus nicht mehr in Frage gestellt wird und lediglich das Recht dann eben dessen ganz normale Folgewirkungen ganz wie in China in den Griff bekommen soll.

Da fordern bis zum unsäglichen Herr diLorenzo alle "Integration", wahrscheinlich u.a. in dieses schlaffe Bild von Mann, das Deutsche so abgeben, obgleich sie doch ganz real kaum jemandem mit "türkischen Migrationshintergrund" (schreckliche Formulierung) auch nur den Hauch einer Chance geben, im Spiel um ökonomische Macht mitzuspielen. Außer vielleicht im Fußball ...

Auch so ergeben sich die Parallelgesellschaften (die ja nicht immer auch Parallel´-KULTURen sind) - wenn mir ein Kölner Taxifahrer erzählt, viele der dortigen, von türkischen Fahreren betriebenen Taxen würden mit Schwarzgeld bezahlt, weiß ich a.) nicht, ob das stimmt, ich zitiere nur, b.) heißt da ja nur genau die Forderung radikaler Neoliberaler erfüllen, die ja finden, eigentlich solle es sowas wie Schwarzgeld gar nicht geben dürfen, sondern nur Geld, weil der Staat sich aus allem raushalten solle und somit c.) eben eine kapitalismusimmanente Avantgarde in Form eines eigenen Wirtschaftskreislaufes, der strikt nach Angebot und Nachfrage funktioniert.

Aber darüber redet kein Schwein, stattdessen sind die Türken allesamt selbst schuld daran, nicht mistpielen zu dürfen, weil sie sich ja nicht integrieren wollten. Da reproduziert sich strukturell diese unsägliche Behauptung, die Juden selbst seien Schuld am Antisemitismus. Allzu oft genau aus den Mündern jener, die den Antisemitismus zu Recht geißeln ...

Problem ist aber, ganz klassisch links gedacht, daß die einzig denkbare Problemlösung eben darin liegt, Besitz- und Produktionsverhältnisse (nicht individuelle Eigentumsverhältnisse!, das ist ein Unterschied!) in Frage zu stellen. Und übermäßige Machtkonzentrationsprozesse nicht auch noch pseudo-liberal zu legitimieren.

Natürlich freut sich der iranische Präsident jetzt gerade diebisch, daß alle Angst vor ihm haben - das war bei Sadam Hussein ja nicht anders und ist auch bei der ganz normalen Streetgang so, ganz egal, ob türkisch, rußlanddeutsch oder neonazistisch. So gewinnt man schlicht schlicht Stolz zurück, wenn man sich ohnmächtig oder gar gedemütigt fühlt. Wie gesagt: Das rechtfertigt nichts, erklärt aber vieles. Und weist Lösungswege, die jenseits der Debatte liegen, ob denn Leichen, aus guten Gründen und mit viel Befreiungspathos aufgeladen produziert, besser seien als Leichen, die aus Haß in die Luft gesprengt wurden ... tot sind die nämlich alle gleichermaßen.

Girls, Girrls, Grrrls

RARE TRAX.jpg

Quelle: Rolling Stone 11/05

Man kann den Rolling Stone gar nicht genug rühmen für die beiliegenden CDs. Da kann die Konkurrenz schlicht einpacken, ob Spex oder Visions, egal. Oft guter Überblick über Neuerscheinungen - und dann die RARE TRAX, da finden sich immer wieder Perlen, alles ist liebevoll zusammengestellt. So auch die aktuell "Female Fronted Post Punk: Girls, Girrls, Grrrls." Suuuuuuuper! Daß ich ...

... Bands wie die Au Pairs schon wieder fast vergessen hatte, obgleich deren Cassette damals bis zu ihrer Selbstaufgabe ununterbrochen im Tape-Deck dudelte, ist eigentlich verwerflich. Jetzt singen hier gerade die Slits "I heard it through the grapevine", auch die unvergessenen Martah & The Muffins sind vertreten und eine Wiederentdeckung mehr als wert.

Schade nur, daß die Compilation sich auf den anglo-amerikanischen Raum beschränkt, Östro 430 hätten zumindest auch Raritätenwert ("Sexueller Notstand, was Dir bleibt ist Deine Hand, drum nimm Dir ein paar Pornos, und pinn sie an die Wand"; "Die merken nicht, die merken nicht, daß sie selber stinken, vor lauterSelbstzufriedenheit, die wägen sich in Sicherheit!" - nur zwei Textbeispiele der Düsseldorferinnen aus der frühen NDW). Auch Hans-A-Plast hätten dazu gepaßt ("Du bist so'n geiler Lederhosentyp"), auch wenn's keine reine Girl-Band war, und daß Malariah fehlen, ist schon ein kleiner Faux-Pas. Sei's drum, glaube ja immer noch, daß die frühen 80er Bezugspunkt aller aktuellen Debatten sein müßten, und zu genau diesen liefert die CD dann 'nen passenden Soundtrack. Danke, Rolling Stone!

29.10.05

Nachschlag zu KULTUR versus Kultur

Vielleicht lasse ich mich ja von den Scheinliberalen langsam auch zu sehr faszinieren. Aber das liegt wohl daran, daß im Gegensatz zu vielen anderen sie zumindest die richtigen Fragen stellen - gut, eigentlich stellen die gar keine Fragen, weltbildtechnisch sitzen die fest im Sattel, aber sie benennen und thematisieren offen die Probleme, um die's aktuell geht. Heutiges Beispiel: http://www.achgut.de/dadgd/view_article.php?aid=1266&ref=0. Wie üblich ziemlich richtig hinsichtlich dessen, was da über Leute wie den iranischen Präsidenten ...

... geschrieben steht, wie üblich in "PSL" (Peter Scholl-Latour) auf den Richtigen verbal eindreschend, wie üblich völlig zu Recht jene Postionen geißelnd, die Opfer zu Tätern machen und jeden Terroranschlag und jede noch so üble Hetzrede irgendwie relativieren wollen. Natürlich hat weder Herr van Gogh eine gerechte Strafe erhalten, noch sind zu Recht Flugzeuge in World Trade Center geflogen. NATÜRLICH NICHT!

Wie üblich ähnelt sich jedoch die Kritik dem Kritisierten an. Als sei's okay gewesen, was Herr van Gogh von sich gegeben hat, als gäbe es nicht verdammt viel der Politik der USA zu kristisieren und als dürfe man nicht auch auch das eine oder andere an Israel kritisieren, ohne daß einem gleich unterstellt wird, man sei dann a priori auch gleich anti-amerikanisch, antisemitisch oder würde gar das Existenzrecht von Israel in Frage stellen oder in dieser Kritik gar in einem Atemzuge mit ihr auch gleich Terrorf legitimieren. Nein, dem ist NICHT so!

Anti-amerikanisch ist als Begriff eh komplett idiotisch; ich finde Herrn Bush weiterhin in vielerlei Hinsicht völlig katastrophal und liebe trotzdem Joan Baez, Aretha Franklin, Elvis Presley, Tenesse Williams, Arminsted Maupin und und und und. Ich bin doch auch nicht frankophob, wenn ich Le Pen gruselig finde. Ich verehre Else Lasker Schüler, Hannah Arendt, Erich Mühsam und Ernst Toller und Theodor W. Adorno aus je unterschiedlichen Gründen und auch nicht in jeder Hinsicht und wundere mich trotzdem oft über Herrn Scharon.

Diese entdifferenzierte Perspektive, z.B. jene von Herrn Broder in vielen Fällen, sitzt zumindest hinsichtlich der Behandlung der USA (nicht derer Israels) letztlich dem Zerrbild der Islamisten von den USA ebenso auf wie der Freund/Feind-Rhetorik eines Herrn Bush und verleibt beides gleichermaßen der eigenen Position ein.

Das treibt mich zur Verzweiflung, weil eben immer auch so vieles so richtig ist. Und weil diese grotesken Frontstellungen zunehmend wirklich alle möglichen Debatten prägen. Da wird die Welt zum Duell, weil viele wollen, daß sie das wird. Ich will das nicht. Ich will die USA und Teile - Teile!!!!! - ihres Gesellschaftsmodells weiterhin enstetzlich finden dürfen, und die Anschläge auf das World Trade Center noch viel, viel entsetzlicher. Ich will das, was Herr Raddatz sagt, zu undifferenziert finden dürfen und trotzdem diese Mordaufrufe gegen ihn empörend und schier unglaublich und verwerflich.

Kurz: Ich muß noch lange nicht dem zustimmen, was Herr Bush, Herr Raddatz und Herr van Gogh so von sich geben, und in der Tat stimme ich dem auch nicht zu, nur weil diese noch viel fürchterlichere Gegner haben, bei denen von Zustimmungsfähigkeit überhaupt gar keine Rede mehr sein kann. Die Scheinliberalen folgen aber genau dieser Argumentationsstruktur, und das ist schlimm.

KULTUR versus Kultur

FR-Kommentar2.jpg

Mando Diao singen hier gerade im Hintergrund, "Hurricane Bar" heißt das Album. Musik, die Spaß macht, weil sie alles nach frisch gekauften Stoffturnschuhen Riechende und nach Knackarsch in Lederhose Klingende aus Fifties-Highschool-Rock, Sixties-Bluesrock a la Stones, Folk & Beat, Glam und Softpunk einsammelt und gut zusammengekocht haben. Mit diesem typisch skandinavischem Gefühl für Style zu ganz viel jungenhaftem Pathos kombiniert, genau so, daß es nicht nervt. Sondern so, daß man sich beim Hören ganz frisch postpubertär im Bauch und auch ein wenig zwischen den Beinen fühlt. Die höre ich jetzt ...

... immer, wenn St. Pauli Auswärts spielt. In Wattenscheid gung's ja ganz knapp gut, SUUUUUUUUUUUUUPER!

Daß der oben gescannte Kommentar aus der gestrigen FR dann doch ärgert, trübt die Stimmung bis heute. Da liebt man diese Zeitung heiß und innig dafür, daß wenigstens eine, nur diese eine Stimme im Blätterwald sich noch Neo- und Scheinliberalen entzieht und trotzig weiter gute Gründe auch für Gewerkschaftspositionen liefert. Und dann das. Eine Begriffsschlampigkeit ohnegleichen. Zwar symptomatisch für viele der aktuellen, bundesrepublikanischen Debatten, aber trotzdem.

Der Kern des Sprach-Pfuschs: Zwei verschiedene Verwendungsweisen des Begriffs "Kultur" werden geradezu abenteuerlich vermischt, und suggestiv noch dazu. Da wird die Leitkultur-Forderung des Herrn Lammert mal eben kurzgeschlossen mit der Frage der Nachfolge von Frau Weiss und der Kulturpolitik auch im allgemeinen zudem. Mit der abenteuerlichen Conclusio: "Man kann aber nicht kulturell eine Leitfunktion für etwas reklamieren, das man politisch dann als drittrangig behandelt."

Aaaargh! Das wäre dann in der Tat noch dramatischer, wenn der Herr Lammert das mit Leitkultur gemeint hätte - 'nen Klassiker-Kanon oder irgendwas dergleichen, Wagner, Goethe, Ernst Jünger, wasweißich. Hat er aber gar nicht. Welchen Kulturbegriff er vorraussetzt, wenn er sowas sagt, würde mich zwar auch interessieren, aber den meinte er nicht. Er meinte jenen, der auch von "Kulturen" spricht, den der Ethnologen, Popkulturphilosophen, Postmodernen, auch den der Scheinliberalen. Den der Subkulturen, der westlichen- und islamischen Kulturen, den der Essenkulturen, der Kultur-Beutel, eben jenen, der (fast immer) explizit oder implizit sich als Gegensatz zu "Natur" konstituiert.

Diese Begriffsverwirrung ist deshalb so erwähnenswert, weil ja auch Herr Lammert das zwar meint, aber dann von was ganz anderem redet. Nämlich von Werten und Rechten z.B.. Und indem er diese als Kulturformen deutelt, entzieht er deren eigener Begründung schlicht die Grundlage und schafft das Einfallstor für all die Kulturkämpfe, die weltweit derzeit toben. Menschenrechte z.B. sind ausformulierte Grundlagen der gelingenden Intersubjektivität überhaupt, ganz egal in welcher Kultur, und sind selbst nicht auf Kulturspezifisches reduzierbar. Da sitzt man mitten im fruchtbaren Feld der Moral und nicht der Kulturwissenschaft, wenn man die allseits und überall einfordern möchte, die Menschenrechte.

Der weitergedachte Postmodernismus, der frei den belgischen Neonazis der frühen 90er (z.B.) folgend auf kulturellen Differenzen aufbauend dann "Ausländer raus!" oder auch "Muslime raus!" fordert (strukturell argumentieren auch all die Scheinliberalen bis zu Henryk Broder so, wenn ich's richtig verstehe), bewegt sich in diesem Denk-Paradigma, das nur verschiedene Kulturen in Relation zueinander versetzen vermag und dann auf Verträglichkeit und Unverträglichkeit hin untersucht . Und da unterscheiden sich dann oft (nicht immer, Joschka Fischer, der das meiner Meinung nach auch ist, argumentiert anders) nur und ausschließlich in dieser einen Hinsicht die selbsernannten Transantlantiker auch nicht groß von jenen Islamisten, die in ihrer üblen und gemeingefährlichen Hetze Israel als Brückenkopf des Westens gegen die islamische Kultur behaupten, was ja so formuliert auch dummes Zeug ist (wegen des "gegen"), das sich aber genau jener Totalisierung des Kulturbegriffs verdankt, der in diesem Fall sich zu allem Überfluß auch noch mit Glauben vermischt.

Wenn man dann noch, wie obiger Artikel, das auch noch vermischt mit einem Begriff von Kultur, der traditionell Kunst meinte, dann ist der Begriffsbrei endgültig übergekocht und fängt auf der Herdplatte an zu stinken.

Insofern ein Plädoyer dafür, die eigenen Begriffe auch immer neu zu überdenken. Also - jetzt einer Notation des tollsten Philosophie-Lehrers Herbert Schnädelbach folgend - a.) zwischen KULTUR und Kultur unterscheiden. Erstere meint dann die "Kulturen", der zweite Kunst und ihr Drumherum. Und dann ist letzere eben Teil von KULTUR, kann diese spiegeln, thematisieren und kritisieren als eine mögliche Form der Selbstreflektion von KULTUR. Davon zu unterscheiden sei MORAL, dahin gehören die Menschenrechte und die Lammertschen Werte (u.a.). Diese läßt sich begründen, in verschiedenen Formen, ist aber a.) ein anderer Modus zur Kritik von KULTUR als Kultur und selbst nicht auf ihre Genese in KULTURellen Zusammenhängen reduzierbar, weil u.a. seit Kant zwischen Genese und Geltung eben zu unterscheiden ist.

Über MORAL landet man dann bei Demokratie und Recht und Rationalität und formuliert auch einen Begriff von Gesellschaft. Zu den unzähligen Weisheiten des Jürgen Habermas gehört ja, KULTUR und Gesellschaft unterschieden zu haben. Im Falle von Gesellschaft ist man dann a.) bei einer Institutionen- und Systemtheorie und b.) bei verschiedenen Formen der Rationalität und somit auch bei verschiedenen Begründungsformen. Die jetzt auszuführen, erforderte eine eigene Doktorarbeit ...

Eine der diversen Folgen aus dieser Grundbgrifflichkeit, die in jeder Hinsicht dem ganz normalen Gerede entnommen ist, ist, daß z.B. Demokratie eben gar nicht sebst als zu exportierende KULTUR verstanden werden kann, sondern schlicht als rational. Rationalität impliziert diese, und Rationalität ist ein menschliches Vermögen wie auch die Sinne. Wer Rationalität angreift, kann genau so gut das Gucken angreifen. Rationalität ermöglicht KULTUR und Gesellschaft, ist aber nicht in besondere KULTURen oder Gesellschaften hineinzuverbannen, es sei denn, man plädiert wie die Mullahs für Glauben satt Vernunft (und das machen die ja). Und dann fangen die Probleme an, weil Gluabe und Rationalität aufeinanderprallen, nicht einfach nur zwei Kulturen ...

So aber sind sie zumindest anders beschrieben, die Probleme, als Herr Lammert oder die FR das tun. Und das ist ja immerhin ein Anfang ....

28.10.05

Too schei-schei ...

Also jetzt nicht etwas "Scheiße", sondern "Shy". Aber Rio Reiser in seiner so traumhaften Version des ollen Kajagoogoo-(oder waren es Talk Talk?) Hits singt das rein phonetisch so wie da oben geschrieben. Habe wieder mal Jahre zu spät mir die "Rio Reiser am Klavier"-CDs zugelegt - und bin einfach nur hin und weg. Morgens dürfte das man das einfach nicht hören, dazu ist's viel zu intensiv. Wie ungeheuer wichtig dieser Mann für alle deutsche Rock- und Popmusik ...

... ist und war, kann man ja derzeit von der Hansen-Band bis Kettcar verfolgen. Und gerade diese Mischung aus "Privat"-Aufnahmen aus dem Nachlaß auf den Klavier-CDs ist fast schon eine Blaupause für wirklich alles Aktuelle in diesem Land. In seiner Trashigkeit, seiner Sehnsucht, seinem Fühlen ganz tief unten aus dem Bauch heraus und seiner Unfertigkeit. Aber auch in seiner Klasse. Und seinem Lernen aus '68, anstatt dieses zu bashen - auch in dieser Ratlosigkeit, die 'ne Utopie, was ganz, ganz Großes gebären will und sie dann noch nicht mal im Privaten findet. Und genau deshalb LEBEN will ... Wenn's 'nen Soundtrack für das, was manche völlig falsch die Berliner Republik nennen, gibt, dann die Musik dieses Mannes. Der vereint der ja nachweislich sogar Ost und West.

In einer Woche durch die deutschen Metropolen getingelt, Berlin, Hamburg und Köln (München ist ja keine) und eigentlich wieder ganz glücklich, hier zu leben. Auch wenn Berlin nervt und Köln mich erdrückt - ist schon alles ganz klasse. Das laß ich mir auch weder von Scheinliberalen noch Neoliberalen noch Neonazis noch Frau Merkel nehmen, allen Leitkultur-Theoretikern zum Trotz mag ich den Facettenreichtum ganz alltäglicher Eindrücke und auch das, was Kneipen am Eigelstein von Moabit oder St. Pauli unterscheidet ...

Auch wenn der Taxifahrer in Köln jetzt auf die Phillipinen auswandern will, dann aber immer mal nach Köln reisen möchte, weil er die Jahreszeiten so vermissen wird ... jetzt läuft hier auch gerade der Arbeitslosen-Reggae, Mina! Es gibt also wirklich viele gute Gründe, auch heute noch Rio Reiser gegen Beckstein, Clement und Herrn Lammert ins Feld zu führen ... "ich will rot, rot und die Freiheit, ich will rot"! ;-)

26.10.05

Die Nr. 1, die Nr. 1 ...

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Quelle: http://www.bloedesvolk.de

... die Nr. 1 im Pott sind wir ... ein Morgen, da gelegentliche Glücks-Schluchzer die Stimmung prägen und sogar der Kater sich wohlig anfühlt. 4 zu 0!!!! Dieses Leben hat sich gelohnt! Danke an alle, die gestern dabei waren, Danke an die so unglaublich fairen Fans des VFL Bochum, Danke an diese, unsere Mannschaft, Danke, Danke, Danke, ich liebe euch alle!

25.10.05

Keine Tränen im Taxi, aber Tränen zuhause

Maaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaan war das schöööööööööön! 4:0 gegen den Ersten der zweiten Liga. Sie haben gespielt wie die Götter. Jedem einzelnen würde ich stundenlang die Füße küssen. JEDEM! Es war soooooooooooooooooo überragend!!!!
Die Worte fehlen, aber es sei erwähnt: Nach dem Spiel. Viele Bochumer waren schon gegangen. Unsere Mannschaft, die auf aber sowas von verdienter Ehrenrunde war - Bochum hatte eine einzige Chance!!!!!!!!!!!!!!!! - kommt an der Bochumer Fankurve vorbei. Und sie stimmen an, die Mannen in Blau-Weiß, die Bochum-Fans: "St. Pauli, St. Pauli!", starten die Welle, starten das Hände hoch und "Hey, Hey!"!. Unsere Mannschaft macht mit. Wird von Bochum-Fans bejubelt. Und das ganze Stadion, mehr als Zehntausend stimmen an: "VFL, VFL!" Eben Pro-Bochum. Laut. So laut. Und so schön ....

Heimat

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Wo bereits seit Tagen hier die ganz großen Begriffe durch meinen Blog schwirren, jetzt auch mal dieser: Heimat. Einfach, weil es immer so scheußlich ist, am Bahnhof Zoo in Berlin zu stehen. Und sich dann immer wieder so überwältigend anfühlt, in Hamburg anzukommen ...

... den Sturmtiefhimmel vom Sonnenuntergang so dramatisch erleuchtet zu sehen, Wolkenfetzen hängen tief und ein Licht ist, als würde ein himmlisches Freudenfeuer 'nen St.Pauli-Sieg schon mal vorab einleuchten wollen ...

Berlin ist immer so grau, und in Hamburg leuchten die Farben ... am Bahnhof Zoo zu stehen, das ist immer wie das neue Deutschland über sich ausgeschüttet zu fühlen, als habe jemand einen Sack mit vertrocknetem Kirmes-Müll über mir entleert ... da ist gehen wie Waten ... in Hamburg ankommen ist Zukunft. Ist für mich Heimat. Will keine Leitkultur, will altehrwürdigen Lokalpatriotismus. Will lieben den breiten Barmbeker Slang und Hessen, Sachsen, Bayern, Rheinländer oft auch weiter mögen und sie doch als etwas ganz eigenes betrachten ... auch die aus dem Ruhrpott. Bochumer zum Beispiel. Gegen die spielen wir gleich. Den Verein mag ich. Weil er nicht so ist wie wir ...

24.10.05

... jetzt also auch Herr Clement höchstpersönlich ...

Nicht, daß das bei dem überraschend wäre. Oder daß er im tagespolitischen Geschäft noch eine erhebliche Rolle spielen würde. Aber laut der heutigen Ausgabe der FRANKFURTER RUNDSCHAU hat der Mann jetzt auch tief in die Begriffskiste des 19. Jahrhunderts gegriffen und implizit von Wirtsvölkern, ausdrücklich nur von Parasiten gesprochen: "In der Chemnitzer Freien Presse bekräftige er am Wochenende, er könne es nicht zulassen, daß Menschen auf Kosten anderer lebten: "Das nenne ich parasitäres Verhalten"." Wie vornehm, nur das Verhalten mit Blutegel-Metaphern zu belegen und nicht etwa die Menschen selbst. Insofern spräche er dann wohl auch von wirtsvölkischem Verhalten, vermute ich, ich weiß es nicht ... Herr Clement?
Diese Menschenverachtung ertrage ich geradezu physisch nicht.
Müntes Heuschrecken waren auch gruselig, schon wegen der biblischen Dimension des Vergleiches - aber das Bild von Investoren, die auf kurzfristigen Gewinn gerichtet Betriebe abgrasen und dann leer gefressen zurücklassen, war wenigstens als Bild präzise, wenn auch sprachlich schlicht unter aller Sau und nicht minder menschenverachtend. Aber das Ziel zumindest war richtig ausgesucht - denn wer hierzulande auf wessen Kosten lebt, das hat's ganz gut getroffen ...

Foto zu heute morgen

gegengerade2.jpg

Quelle: http://www.bildergalerie-basisstpauli.de

.. da ging ja was schief. Erik, Philosophie studiert zu haben ist ja hoffentlich nix Schlimmes, oder? ;-)

(... wie zum Teufel antworte ich eigentlich auf der Kommentar-Ebene auf Kommentare?)

Vielfalt statt Einfalt

Zwischen zwei Spielen, Liga Samstag und Pokal morgen, kann man schon mal ein Bild nach dem anderen aus dem Millerntor-Stadion hochladen. Auch, um den Rest dieses Eintrags zu versinnbildlichen, sozusagen. Die Diskussion rund um den Liberalismus ist ja gerade in Blogs genau richtig angesiedelt, sind sie doch in sich schon Medien, die ...

... eben nicht den Mechanismen z.B. von Großverlagen oder Fernsehsendern unterworfen sind. Was jetzt gar nix Grundsätzliches gegen diese Mechanismen ist.

Insofern sei prompt reagiert auf http://www.ordnungspolitik.ch/2005/10/22/etatistischer-liberalismus/. Einfach, weil immer wieder sich zeigt, daß eben jene liberalen Positionen, die in Opposition zu Staat und Gleichheit sich positionieren, schon grundbegrifflich nicht so ganz auf der Höhe der Debatte sind, die z.B. Mitte der 8oer Jahre den Streit rund um die Postmoderne prägte. Ich zitiere:

"Wenn nun aber ein bedingter Liberalismus propagiert wird, der die Erfüllung bestimmter Vorleistungen voraussetzt, wird der liberale Gedanke pervertiert. Wer die “Gleichheit aller als Kriterium einer liberalen Gesellschaftsordnung” betrachtet, verlässt die Grundprinzipien liberalen Denkens. Es stellen sich dann nämlich die Fragen, welche Voraussetzungen in welchem Ausmass erfüllt sein müssen, womit wiederum die Begründung kollektiver Interventionen angesprochen ist, der man ursprünglich skeptisch gegenüberstand."

Und:

"Der einzige Ausweg aus diesem Paradox besteht darin, diese Spielart des Liberalismus so zu bezeichnen wie er im Kern ist: als etatistischen Liberalismus oder - vielleicht noch ehrlicher - als liberalistischen Etatismus."

Wie man sowas bezeichnet ist ja zunächst einmal nur hinsichtlich der Grundbegrifflichkeit relevant. Mag z.B. im Kontext des sogenannten "real-existierenden Sozialismus" in der Tat die Opposition Staat versus Freiheit ein hinreichendes Begriffspaar zur Beschreibung der Gesellschaft gewesen sein, so kann man die dort anzuwendenden Begriffe nicht mal eben in komplexere Gesellschaften hineinprojizieren, ohne bei falschen Ergebnissen zu landen.

Es ist schlicht von Fall zu Fall zu unterscheiden, ob der Staat in demokratischen Verfassungen Freiheitsrechte formuliert und idealerweise auch zu schützen hat oder ob es sich um staatliche Interventionen handelt, die Freiheitsrechte einschränken. Eine allgemeiner Gegensatz existiert nicht, zumindest nicht im Falle der meisten westlichen Gesellschaften. Im besten Fall ermöglicht der Staat freies Handeln, wobei das nicht heißt, daß alles freie Handeln nur vom Staat ermöglicht sei. Da gibt's ja unzählige andere Varianten.

Um zwischen der Formulierung und dem Schutz von Freiheitsrechten und ungerechtfertigten, staatlichen Interventionen zu uneterscheiden, muß man jedoch zunächst das Verhältnis Staat und Demokratie selbst zum Thema machen, ist Demokratie doch nichts anderes als politische Freiheit, die ihrerseits eben auch individuelle Freiheitsrechte notwendig vorraussetzt, um sich eine solche auch schimpfen zu lassen. Was "Vorleistungen" da oben heißen soll, verstehe ich nicht, es geht um die Vorrausetzung (nicht Vorleistung) jeder Demokratie, die sich zu Recht so nennt.

Zum Thema Gleichheit: Genau in diesem Punkt gibt es viel mit Unsinn gepolsterte Rhetorik, weil eben nicht zwischen formaler einerseits und materialer bzw. substanzieller Gleichheit andererseits unterschieden wird. Gleichheit im formalen Sinne heißt eben nicht Gleichförmigkeit, Uniformität oder identische Überweisungen auf die Konten aller.

Die gesamte kantisch-liberale Tradition behauptet die rational begründbare, formale Gleichheit im Sinne gleicher Rechte für alle ungeachtet dessen, was sie konkret so alles sind (wobei, exakter gesprochen, die Regeln, denen rationale Begründung folgt, selbst diese formale Gleichheit enthalten bzw. man sie im Zuge des Begründens notwendig voraussetzen muß, das zu Habermas).

Ein Liberalismus, der dieses nicht vorraussetzt, ist eben gar keiner, beraubt sich seiner eigenen Grundlage und ist zudem in Deutschland meiner Ansicht nach auch verfassungsfeindlich, weil (abgesehen vom Schutz der Ehe) die Verfassung ja sehr vernünftig ist und deren Autoren unter dem Eindruck des Dritten Reiches um genau die von mir behaupteten Differenzierungen wußten - und die wußten auch verdammt gut, was Unfreiheit konkret bedeuten kann ...

Würde in dieser ganzen Diskussion bis hin zu Herrn Westerwelle oder Henkel a.) mal vernünftig zwischen diesen beiden Gleichheitsbegriffen unterschieden und b.) das Verhältnis Staat/Freiheit nicht als Dichotomie oder Oppositionspaar behandelt, sondern würde deutlicher differenziert werden, käme ganz viel Falsches erst gar nicht mehr zustande ...

23.10.05

Wohlig-warmer Sonntag + das Grundgesetz

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(Quelle: http://www.fc42.de)

Ach, der Herr Boll! Wat hat der uns glücklich gemacht gestern! Genau wie der Hauke Brückner! Draußen warme Farben, drinnen warme Gefühle, und jetzt haben auch noch die Kieler gegen die HSV-Amateure 0:3 verloren, und da freut man sich sogar mal über 'nen HSVII-Sieg. Mike Lariah anerkennt sogar den Support von der Haupttribüne, aus den Boxen dringt wie seit Tagen schon Kettcars "An den Landungsbrücken raus", und ebenso summt seit Lesen des aktuellesten Eintrages auf http://www.ringfahndung.de ...

... ununterbrochen der Artikel 14 des Grundgesetzes durch meine Hirnwindungen: "Eigentum verpflichtet!" Erik zitiert dort zustimmend Worte eines Hamburger CDU-Senators, des Herrn Uldalls, der angesichts des betriebswirtschaftlich unsinnigen Schließens von Hamburger Aluminium-Werken durch irgendwelche Norweger eben diesen Grundgesetz-Artkel erwähnte.

Überraschend ist, wie überraschend das ist, daß ein CDU-Politiker solche verantwortungsethischen Grundsätze im Grundgesetze zitiert. Was wieder zu den Scheinliberalen überleitet: Deren freies Spiel im metaphysischen aufgeladenen Marktgeschehen postuliert eben diese Verantwortung vorzugsweise nur dann, wenn es darum geht, Muslime verbal oder auch darüber hinaus platt zu machen. Was so Norweger da in Hamburg treiben, liegt für sie dann wieder nur an linken Restbeständen im "etaistischen", deutschen Recht (daß Staat und Demokratie eben zusammengehören, verstehen die ja nicht - in wem oder was sollen demokratische Prozesse sich denn eigentlich sonst instituionalisieren?). Oder den Gwerkschaften. Oder Konstantin Wecker, zentraler Pfeiler der "Leitkultur" (vergleiche einmal mehr http://www.statler-and-waldorf.de).

Was diesen Grundgesetzartikel aber darüber hinaus wie Melodien ins Ohr dringen läßt, ist seine Fortschreibungsfähigkeit: "Eigentum verpflichtet zu X". Also nicht ix, sonder X.

Also z.B. : "Eigentum verpflichtet zur Gewinnmaximierung". "Eigentum verpflichtet zum Ausschalten der Konkurrenz". "Eigentum verpflichtet zu Bescheidenheit". Usw. Das ist so formuliert, als müsse da noch was hinter ...

22.10.05

So werdet ihr auch heute jubeln!

jeton+fabio.jpg

(Quelle: http://www.fcstpauli.de)

Dieses Foto muß aus gegebenem Anlaß einfach zitiert werden. Weil nämlich uns auch heute eine ähhliche Überraschung widerfahren wird wie bei dem Spiel in der letzten Saison gegen Braunschweig. Da wurde dieses Foto geschossen. Als, vom Verletzungspech gebeutelt, keiner im Stadion mehr irgendwas auch nur erhoffte und dann 'ne wilde B-Mannschaft über den Platz pflügte, mein absoluter Lieblingsspieler Jeton Arifi ein tolles Tor schoß und die von Trainer Bergmann ansonsten lahmgelegte Energie der Mannschaft ungezügelt , frisch und mitreißend den Stammspielern zeigte, wie man's macht. Außerdem wurden wir in der letzten Saison im Heimspiel gegen Osnabrück krude verhoyzert, und die Sprüche von Chef-Proll Pelle Wollitz (oder Wolle Pepitz?) vor dem Rückspiel waren schlicht 'ne Frechheit. Obwohl Osnabrück ja an sich ganz okay ist als Verein. Mein Tipp: 2 :1 für uns.

21.10.05

La Tristesse

Man dankt ja immer, wenn andere dem eigenen Denken neuen Input schenken. Heute Dank an: Camille de Toledo. Komplett ignorant der Literatur gegenüber, wie zumeist - ganz abgesehen von Krimis - ich nun mal bin, habe ich natürlich keine Ahnung, wer das eigentlich ist. Also auch Dank an die taz, die heute ein Interview mit ihm abdruckt: http://www.taz.de/pt/2005/10/21/a0147.nf/text. Da fallen Sätze wie z.B.:

"Einer, der sich für einzigartig hält, der Poseur des Individuellen, der am meisten verbreitete Individualist der Welt. "Think different" für alle. Sie sind Sklaven, aber sie merken es nicht. Sie sind die Schlimmsten."

Toll! Vollste Zustimmung! Auch sonst: Ein Genuß, dieses wilde, wütende Denken, das sich da äußert, zu lesen - und doch auch ein Beispiel ...

... für die aktuelle Begriffslosigkeit der Kapitalismuskritik. Da muß langsam Abhilfe geschaffen werden. Denn ob Neoliberale, Neonazis oder Schein-Liberale (siehe den Eintrag gestern), allen drei Strömungen ist es gelungen, den eigenen Begriffswelten sowas wie "Hipness" zu verpassen. Obgleich die ja auch zumeist dem 19. Jahrhundert entstammmen, diese Begriffe.

Camille de Toledo formuliert das so: "Das so genannte freiheitlich-demokratische System ist in sich abgeschlossen, sprich ignorant. Seit dem Mauerfall herrscht im Westen die ökonomische Rationalität von Produkt und Service, Merchandising und Konsum. Sie verbreitet sich rasant, dabei ist sie zynisch, hohl und lackiert. Stellen Sie sich vor, Sie sind Christoph Kolumbus und wollen wissen, was am Ende des Meeres ist, und einer kommt und sagt, lass es, wir wissen es schon, es ist auf unserer Karte. Es gibt kein Außerhalb in dieser Ordnung, deshalb haben wir ein Atemproblem. "

Genau richtig. Und und Aber::

"Alles ist heute so arrangiert, dass man kauft. Dahinter steht eine sehr eindimensionale Idee des Verlangens - es sei subjektiv und erwerblich. Ich verlange, also kaufe ich. Gilles Deleuze wies schon vor langem darauf hin, dass Verlangen durch dich hindurchfließt. Verlangen ist Flux. Schauen Sie sich Sex im Internet an, DIE heutige Macht der Entkörperlichung des Verlangens. Wichtig wäre, unter den Lesern von Männer- oder Frauenmagazinen ein Bewusstsein dafür zu schärfen, dass Verlangen uns nicht gehört."

Da hat man es mal wieder. Später im Interview spielt Herr de Toledeo auch explizit auf die Romantik an. Jener sei der Rationalismus der Aufklärung ja auch nicht genug gewesen, und drum bräuchten wir jetzt analog etwas über den Kapitalismus Hinausgehendes, dieser sei nicht genug. Unter Berufung auf diese Romantik macht Herr de Toledo ebenso wie in der zweiten Hälfte des zweiten, obigen Zitates die falschen Schubladen auf und wirft darin auch noch alles durcheinander, was zuvor so schön vorbereitet war.

Berufe Dich nie, und sei's nur beispielhaft, auf die Romantik, es könnte Wagner dabei rauskommen. Etwas künstlerisch Gigantisches, Überwaltigendes, das politisch jedoch fatal sich auswirkt. Sowas wie der Kreationismus christlicher Fanatiker in den USA halt, der Kumpel der Schein-Liberalen. Die aus dem Gedanken, daß ein totalisierter Szientismus nicht ausreicht zur Welterklärung, dann auch gleich folgern, daß die Schöpfungsgeschichte buchstäblich wahr sein müsse. Wer die Bibel so liest, hat aber ja eh einen an der Waffel ...

Um somit auch zur zweiten Hälfte des zweiten, obigen Zitates zu kommen: Es ist in der Tat bitter nötig, die Kulturkritik Adornos und Horkheimers und ein bißchen auch die Erich Fromms wieder aufzugreifen und diese im Gegensatz zu den postmodernen 80ern nicht als Vernunftkritik zu rezipieren, sondern ganz im Geiste der 68er als Kapitalismuskritik zu rekonstruieren. Also den Warencharakter von allem und jedem, auch zwischenmenschlichen Beziehungen ("Gibt's für mich als Angebot überhaupt 'ne Nachfrage, und wenn nicht, muß ich das Angebot marktfähig umgestalten, indem ich z.B. in's Fitneßcenter gehe?", "Ist dieser Typ da meinem Marktwert äquivalent?", "Entspricht der potenzielle Sex mit diesem Typen da ungefähr dem, was ich dafür ausgebe, wenn ich ihn heute zum Essen einlade, oder investiere ich nicht lieber gleich in einen Escort-Service?" usw.) herauszuarbeiten und zu geißeln, das ist nötiger denn je zuvor.

Dann jedoch gleich dazu überzugehen, ein Verlangen, das nicht mir gehöre, als Flux durch mich hindurchfließen zu lassen und aus der Perspektive dieser metaphysischen Konstruktion heraus Erotikseiten im internet zu kritisieren, ist eben tatsächlich zu viel Romantik. Und wird auch Deleuze nicht gerecht. Natürlich gehört unser Verlangen insofern nicht uns, daß allerlei Definitionen des Sex kursieren und das, was wir Sex nennen, immer auch gesellschaftlichen Prägungen unterliegt.

Deshalb kann man trotzdem wixen bis der Arzt kommt, wenn einen im Internet irgendwas geil macht, meine Güte, das schließt doch andere Varianten des Sexuellen überhaupt nicht aus und totalisiert auch nicht spezifisch kapitalistische Weisen der Intersubjektivität, so z.B. den allgemeinen Glauben an die Käuflichkeit. Und körperlich ist 'ne Hand am Schwanz schließlich auch dann, wenn's die eigene ist ..

Wo bleiben sie, die neuen Begrifflichkeiten? Romantik, Esoterik, schlichte Reformulierungen marxistischer Topoi oder Empire-Mystik reichen nicht aus. Man gebe mir ein Stipendium und ich bin dabei, sie zu entwickeln!!!

Für-Sich- und Für-Andere-Sein

Freedom2.jpg

Das Bild als Nachtrag zum Eintrag von gestern. Dank an The Unnamed bei Flickr. Hier tönt gerade Patrice aus den Boxen, es dringen Bob Marley-Sätze wie " 'cause a hungry man is an angry man" ins innere Ohr. Und eben "Get up, stand up, stand up for your rights". Ist Paul Weller eigentlich noch überzeugter Sozialist? Laut Sartre ist der Mensch bestimmt durch ein Defizit an Sein. Das ist was Schönes. Das existentielle Loch füllt man dann Tag für Tag durch Handeln und sich-neu-entwerfen wieder auf. Ich bin bereit! Denn das macht Spaß ...

20.10.05

Liberalismus?

Langsam lohnt das Bloggen sich wirklich. Das stößt man auf ein ganzes Netzwerk von Bloggern, die sich selbst als liberal verstehen. Und liest quer durch die Seiten, wie bereits gestern, da gings um Statler & Waldorf. Da geht man Schritt für Schritt die Blogroll durch und kommt immer mehr ins Staunen. EInfach, weil ein so geschlossenes Weltbild jenseits der Weltreligionen mir seit dem Marxismus-Leninismus nicht mehr über den Weg gelaufen ist (und der war weiß Gott schlimm genug!!!), ein so klares Scheiden zwischen Gut und Böse im Sinne der reinen Parteilichkeit. Da ist mir bisher was entgangen ...

... wahrscheinlich, weil im Job dann eben doch immer Pop- und Jugendkultur im Mittelpunkt von allem steht. Spätestens dann, wenn man diese ganzen "liberalen" Seiten liest, stellt man fest, daß die eigene Intuition nicht trog: Daß unter der gefälligen Oberfläche dieses ganzen Popkultur-Totalitarismus in all seinen Spielarten, also von Beckmann bis Polylux, von RTL-aktuell bis zu http://www.popkulturjunkie.de Extremismen in allen Spielarten glänzend gedeihen. Wofür die ganze Popkultur-Fraktion, zu der rein beruflich ich auch zähle, nur insofern was kann, daß zumeist sie eben bunte, postmoderne Beliebigkeit totalisiert, eine schleimige Sauce über alles gießt, wobei letzteres ich in keiner meiner beruflichen Arbeiten getan habe. Mitschuld bin ich aber trotzdem.

Neben dem auch mit (Underground-)-Pop-Symbolik spielenden Neonazismus finden sich nun aber auch "liberale", extremistische Topoi, die wirklich verwundern. Ganz schlimm: http://myblog.de/politicallyincorrect. Das ist Hetze, reine Hetze (insofern übernehme ich bezugnehmend auf dieses berühmte Urteil irgendeines Hamburger Gerichts keinerlei Verantwortung für den Inhalt der verlinkten Seite, ich bin mir nicht sicher, ob das nicht zum Teil strafrechtlich relevnat ist, was da steht).

Symptomatisch für dieses ganze Posse, die offensichtlich mit Carl Schmitt als Wesen des Politischen die Unterscheidung "Freund/Feind" begreift, ist alleine schon der Name dieser Haßprediger-Seite. Man kann PC-Übertreibungen zwar für individuell lästig und psychologisch ungesund halten, dennoch enthält sie in ihrem Kern das, was zumindest ich unter Liberalismus verstehe: Eine politische Position, die Freiheit in ihren Mittelpunkt stellt und die Vorraussetzungen eben dieser auch z.B. im Recht verwirklicht sehen will.

Um dies sinnvoll fordern zu können, muß man jedoch auch in kantischer Tradition das universelle, gleiche Recht aller ungeachtet ihrer Hautfarbe, sexuellen Orientierung, religiösen Überzeugung etc. auf Freiheit fordern. Daraus folgt dann:

1.) Eine Forderung nach Gerechtigkeit, weil "gleiches Recht für alle gleichermaßen" eben Gerechtigkeit ist, und da gibt's dann eher ethisch-Liberale wie mich, die daraus auch die Forderung nach Verteilungsgerechtigkeit ableiten, und solche, die genau das als Unfreiheit deuten. Und dann kann man auf der Ebene der Empirie weiter diskutieren. Okay.
2.)Die PC ergibt sich aus eben diesen Grundannahmen ebenso, und Ergebnis ist dann die Forderung nach einer pluralistischen Gesellschaft. Sanktioniert werden jene, die Pluralität gefährden.

So wird auf vielen dieser Seiten aber gar nicht diskutiert. Obgleich, und das ist mir klar, man mit solchen Argumenten - so z.B. DIE ZEIT damals - auch den Irak-Krieg rechtfertigen kann. Gegen den war ich, kurzgefaßt, weil der Zweck nicht die Mittel heiligt, nimmt man die Differenz zwischen strategischer und verständigungsorienter Vernunft ernst, ist Moral in letzterer verortet. Da man mit mit einem Sadam Hussein schlecht verständigungsorientiert und gemeinschaftlich dsikutieren kann, gab's in dem Fall zumindest keine morolische Lösung, behaupte ich. Offensichtlich andere, aber eben keine moralische. Man kann prinzipiell nicht moralisch unmoralisches Handeln begründen. Was ein Dilemma ist. Man kann zudem nicht als christlicher Fanatiker - als solchen sehe ich George W. Bush - sein Handeln moralisch dergestalt aufladen, weil man als solcher eben unmoralisch argumentiert und handelt. Wie eigentlich immer, wenn ein Kurzschluß von Moral, Politik und Religion stattfindet und wirksam wird. Das sehe ich als dezidiert liberalen Standpunkt. Liberalismus ist eben der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit und somit immer auch säkular. Religion ist wichtig, aber ein anderer Diskurs- und Begründungstyp.

Inwiefern z.B. aus isralischer Perspektive das auch alles gar nicht so begründet wurde, sondern als ein reiner Akt der Selbstverteidigung legitimiert war, darüber lernt man viel auf diesen ganzen Seiten, und das ist gut so (man korrigiere mich, wenn ich diesen Part falsch verstanden habe). Das sind aber komplett andere Begründungsmodi, die mit liberaler Ethik nur insofern etwas zu tun hat, daß Israel eben eine Insel des Pluralismus inmitten eines brutal bedrohlichen Umfeldes ist. Unmittelbar aus obigen Prinzipien ist das meiner Ansicht nach nicht ableitbar, mittelbar vielleicht.

Darin erschöpft sich aber auch schon der liberale Gestus dieser Seiten, die samt und sonders der Blogroll von http://www.statler-and-waldorf.de/ zu entnehmen sind.

Da werden Feindbilder beschworen, und es wird gegen Personen gehetzt. Da wird undifferenziert Islamophobie verbreitet und das betrieben, was man traditionell "Ausländerfeindlichkeit" nannte. Bei aller Zustimmung - siehe oben - , daß Islamismus in seinen terroristischen Auswüchsen hier nichts zu suchen hat (und überhaupt nirgends)und man genau hinschauen muß, wo islamische oder islamistische Praxis, ganz ungeachtet der ideell-religiösen Ausrichtung des Islams, rein praktisch Nährboden für verfassungsfeindliche Tendenzen bildet: Die Art und Weise, wie dort auf alle und jeden Muslim draufgedroschen wird, ähnelt sich doch stark - zum Glück noch nicht völlig - den ärgsten Feinden eines wohlverstandenen Liberalismus an. Und das sind für mich immer noch die Nazis. Falls ich da irgendwas nicht verstanden habe, erkläre man mir die Differenz.

In anderen Landstrichen - vielleicht sogar der amerikansichen Provinz - ist vielleicht auch die christliche Kirche ein solcher Feind eines wohhlverstandenen Libralismus. "Wir sind Papst" ist ja auch im selben Sinne für Gewalt gegen Schwule verantwortlich wie ein islamistischer Haßprediger u.U. für dieselbe Handlung. Nur daß homophobe Christen, Gott sei Dank, eben noch nicht jenen vernichtend wirkenden Flächenbrand in Hirnen und jenen Organisationsgrad erreicht haben wie das islamistische Pendant.

Im Parteiprogramm der Linkspartei aber habe ich deutlich mehr ethisch-liberale Akzente gefunden als z.B. in jenem der Schily-SPD. Um jetzt das Folgende vorzubereiten - vielleicht haben ja auch viele in dieser Partei mehr aus der DDR-Bürgerrechtsbewegung gelernt als z.B. eine Frau Lengsfeld, die dazu gehörte, die aber dann mittels Parteimitgliedschaft mit einem Beckstein kungelte, oder irre ich mich?

Was mich noch nachhaltiger erstaunt, ist, wie Henryk M. Broder - http://www.henryk-broder.de in der Mitte dieses Netzwerks thront. Den kenne ich viel zu wenig als Autor, vieles, was ich auf seiner Seite entdecke, finde ich großartig, anderes, z.B. seinen Artikel zu dem afrikanischen Dorf im Zoo Augsburg, fand ich unglaublich ärgerlich. Egal. Wichtige Figur im deutschen Journalismus, höchster Respekt. Vielleicht kennt er die auch nicht alle, die sich da um ihn herum gruppieren. Aber selbst auf der Seite der Achse des Guten, an der er partizpiert, findet sich diese Freund/Feind-Schlacht, diese völlig undifferenzierte Diskreditieren um des Diskreditieren willens statt:
http://www.achgut.de/dadgd/view_article.php?aid=1219&ref=0.
Durch den Text bin ich, ehrlich gesagt, gar nicht durchgestiegen - hatte wenigstens Stasi-Vorwürfe erwartet. Aber was Bisky da zugeschoben wird, ist doch meines Wissens schlicht übliche Praxis im ausufernden, bundesdeutschen Rechtswesen. Kohl deckelt doch meines Wissens auch bis heute seine Stasi-Akte, und alle möglichen Politiker klagen ständig wegen sowas, und die CDU hat rund um den Spendenskandal alles mögliche veranstaltet, was nun weiß Gott auch nicht sauber war. Das kann man alles mit guten Gründen kritsieren, aber jetzt lediglich auf den einen das Scheinwerferlicht zu richten, ist meiner Ansicht weder liberal, noch antiliberal, das ist politischer Kampf um des Zerstörens willen. Und dem Bedürfnis, in Hexenjagd-Manier grundsätzlich jeden Andersdenkenden dem Reich des Bösen zuzuschlagen, je nachdem, wie's gerade in den eigenen Kram paßt. Besonders demokratisch kann ich das auch nicht finden. Da formiert sich ein Mob. Unter dem Banner des Liberalismus. Ich verstehe nicht, daß jemand wie Herr Broder das fördert. Beim besten Willen nicht ... aber vielleicht kennt er diese Verlautbarungen ja auch gar nicht. Hoffentlich.

19.10.05

Blair Witch, Jamaica und Dank an Statler

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Da kaufe ich mir auf einmal sowas wie das da oben. Und sehe das, was ich sexy fand, als ich noch nicht einmal wußte, was das ist, "sexy", auf einmal als Bestandteil ausgerechnet der vom F.A.Z.-Feuilleton herausgebenen Reihe "Klassiker der Comic-Literatur". Dabei schreiben doch im F.A.Z.Feuilleton so Leute wie Edo Reents, was ja alles über dieses aussagt. Nichtsdestotrotz würde ich gerne wissen, was das für eine Gruppe von Menschen war, die soeben im stockdustren Park im Kreis stand und sich irgendwelche Stangen zuwarf. Hatte irgendwie was Schwarzmagisches, Ritualhaftes. Gruselig. So ein Hauch von Blair Witch inmitten von Hamburg ... auch was Franz heute erzählte und überhaupt den zu treffen, ...

war schön. Der war gerade auf Jamaica, suchte nach Ska-CDs und fand in den dortigen Läden einzig und alleine eine einzige irgendeiner deutschen Band, die er schon besitzt. Und er berichtete, daß alle Insulaner dort den ganzen Tag ihre supertollen Karossen polieren und sie einen richtig harten TÜV dort haben. Auch, daß auf Homosexualität dort 6 Jahre Knast steht, womit man weiß, woher diese Homohasser-Fascho-Reggae-Mucker ihre Ideen haben. Was mich darin bestärkte, Bob Marley lieber zu Hause zu hören und auf solche Inseln gar nicht erst zu wollen ... dann doch lieber Ibiza.

Am tollsten heute war aber, den Blog http://www.statler-and-waldorf.de/ entdeckt zu haben. Da steht wirklich fast alles drin, worüber ich mich täglich so aufrege, das aber erfrischend sachlich und argumentativ. Deshalb sind die Texte zumindest teilweise mindestens 87% aller Leitartikel und Fernseh-Kommentare und Edo Reents-Artikel sowieso schon mal deutlich überlegen.

Bei Statler findet sich ein Linke verachtender, komplett durchideologisierter Ökonomismus, der sich in Rambo-Attitude auf die eigene Schulter klopft (vielleicht dabei auch nebenbei noch ohne mit der Wimper zu zucken selbst mit Nadel und Faden 'ne Platzwunde näht, Fuck the Gesundheitssystem!), wenn er andere als "Sozialromantiker" zu diskreditieren versucht oder als "Sozialpopulisten" so richtig böse in die Pfanne haut. Der vergibt ganz selbstbewußt Schulnoten an Minister, hat die Welt und das Leben in einem stilistischen Blick, der Models aus der Rasierklingenwerbung ähnelt - Sprache, fest entschlossen und natürlich im Gegensatz zu allen, die jenseits ökonomistischen Seminar-Wissens selber denken, in jeder Hinsicht einfach nur realistisch.

Herr Statler regt sich sogar darüber auf, daß vor Fußballübertragungen so'n Tuntenscheiß (das hat er wörtlich so nicht geschrieben!, nur sinngemäß) wie Bronski-Beat im WDR gespielt würde (um dann wahrscheinlich irgendwann zur Melodie von "Go West" 'nen Fußball-Club im Stadion zu besingen). Schiebt dann noch irgendsowas wie "Zielgruppe" und "Kündigungsgrund" in den Text - wie 'nen verbalen Schmiß, zack, den einst im Kaiserreich stolze Nationalökonomie-Studenten burschenschaftlich korrekt im Gesichte trugen. Suuuuuuuuuuuuuuuper! An Herrn Statler kann man sich so richtig abarbeiten! Danke!

Irgendwann folgt hier noch eine genaue Diskussion seines Kurz-Essays zur Frage "Arbeiter als Globalisierungsverlierer?" Da wird nämlich in der Tat gnadenlos jedes Klischee, das im gesellschaftlichen Subsystem "Wirtschaft" derzeit alle nachbeten (ein Großteil des bundesdeutschen Journalistenklasse ist Teil dieses Subsystems), recht pointiert aufbereitet und zugleich das begriffliche Skelett, um das dieses Denken sich gruppiert, geradezu überdeutlich.

Vorab jedoch schon mal was anderes, lustiges: Im genannten Kurz-Essay tritt Politik im Wesentlichen als eine Art Störfaktor im globalen Vertragsabschluß-Geschehen auf den Plan, also frei dem Motto folgend (war das von Herrn rexrodt?) "Wirtschaft wird in der Wirtschaft gemacht!".

Weiter oben auf der selben Seite geißelt dann das Autoren-Subjekt das Demokratie-Verständnis der Linkspartei. Weil diese eben nicht akzeptieren wollten, was das Parlament entschieden hat, wenn es Lothar Bisky nicht wählt.

Das ist 1.) bemerkenswert, weil man sich ja fragen kann, wozu man Demokratie überhaupt braucht in einer Welt, deren idealer Zustand ein freies Verhandeln von Verträgen sei. Alles andere regeln dann halt Angebot und Nachfrage, oder nicht? 2.) Das hierin sich zeigende Verständnis von real-existierender Demokratie gleicht in etwa dem einer Bürgerinitiative oder einer Klassensprecherwahl. Was typisch für Vulgär-Liberalismus ist ... schon rein deskriptiv schafft der einfach nicht mehr.

Den komplexen Mechanismen des gesellschaftlichen Subsystems Politik hingegen wird eine solche Kritik nicht gerecht. Da braucht es dann auch Diskursanalyse, Institutionenanalyse, einen Begriff von Geschichte, eine Kenntnis des Spezifischen an einer Parteien-Demokratie, die ja nichts Schlechtes ist, eine wenigstens vage Vorstellung davon, wie Systeme sich schließen und alles andere dann als Umwelt begreifen und vieles darüber hinaus.

Und genau darin liegt ja das Desaster begründet, daß genau die von Statler so gelungen verkörperte - wirklich Respekt!, ohne jede ironie! - Spielart des Liberalismus flächendeckend anrichtet: Es reduziert Welt auf scharnierartige Begriffswelten, am liebsten auf begriffliche Paare wie: Wirtschaft/Staat, Angebot/Nachfrage, Freiheit/Sozialismus, Realität/Sozialromantik, zack,zack, setzt vereinzelt diese fast schon transzendental (z.B. jenes Begriffspaar Angebot/Nachfrage), als seien sie so eine Art Vorraussetzung der gelingenden Weltbeschreibung überhaupt. Aus solchen Begriffen werden dann Gesetzmäßigkeiten abgeleitet, und daß das alles in der realen Welt gar nicht funktioniert, liegt nur daran, daß die reine Lehre sich eben noch nicht verwirklicht fände, weil die Politiker zu feige sind und das Volk nur aus "Besitzstandswahrern" bestünde.

Das alles ist freilich nicht viel mehr als ganz klassische Metaphysik, und ein Schelm ist Statler, daß er dann Links ausgerechnet zu David Hume und Immanuel Kant auf seiner Seite installiert. Als sei's nicht Hume gewesen, der Kant aus dem dogmatischen Schlummer erweckte ...

Einigkeit und Recht und Freiheit

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Das Bild oben ist eigentlich eine Art Mosaik, gebaut aus einer Cola-Dose, von meinem Schwager einst in Untersuchungshaft gefertigt. Der saß da zu Unrecht, wurde nach einem erschütternden Prozeß auch zu Unrecht verurteilt (unter anderem, weil die lange U-Haft retrospektiv legitimiert werden mußte, mutmaße ich) mit einem Urteil, das als Philosophie-Erstsemester-Hausarbeit wegen ungebührlicher Polemik, krasser Logikfehler und komplett falscher Sach-Behauptungen zur Schein-Vergabe mit Sicherheit nicht geführt hätte. Das hätten noch Tutoren dem Erstsemester um die Ohren gehauen. Aber wie Justiz so funktioniert, kann man ja ...

... unter anderem bei http://www.lawblog.de nachlesen - da dachte ich erst, das sei der so großartige Anwalt meines Schwagers, der Herr Doll, der das schreibt. Für den Sohn des Vizepräsididenten eines Finanzgerichts und eines Mitglieds am Niedersächsischen Staatsgerichtshofes war es eine brutale Erfahrung und komplette Desillusionierung, der realen Justizpraxis beizuwohnen.

Passend ist das Bild jedoch auch zur Nicht-Wahl des Lothar Bisky zum Bundestagsvizepräsidenten und somit auch der Art und Weise, wie die sogenannte "Wieder-"Vereinigung vollzogen wurde und die schreiende Arroganz Personen wie Lothar Bisky gegenüber. Man muß den politisch nicht toll finden und hat ihn dennoch zu respektieren.

Dann guckt man mal nach, ob z.B. http://www.ostblog.de da was zu schreibt und findet ganz anderes, noch viel Erschütternderes: Daß in Verlautbarungen staatlicher Sozialingenieure auf einmal wieder der Begriff "Parasiten" für sogenannte "Sozialbetrüger" Verwendung findet. Natürlich mit dem ausdrücklichen Zusatz, daß dieser Begriff ja nicht auf Menschen anzuwenden sei. Wer sich auch nur ein bißchen mit der Geschichte des Präfaschismus, mit Gobineau und Konsorten beschäftigt hat und Hitlers so widerwärtige "Theorie" der "Wirtsvölker" zu akademischen Zwecken las, den befällt da in der Tat das nackte Grausen ...

18.10.05

Bundestagspräsident Lammert sein Bock

Faux-Pas erster Güte des frisch gekürten zweiten Mannes im Staate: http://www.queer.de/news_detail.php?article_id=3645&PHPSESSID=6641f7024b5e520675c85c9a25c88c43 - das läßt tief blicken, daß ausgerechnet der offen schwule Bundestagsabgeordnete Volker Beck sich in dieser begrifflichen Form in's Freudsche Fehlleistungslabyrinth von CDU-Politikerhirnen gefressen hat. Wo doch CDU-eigene "Homosexuelle" sich erst von Leuten wie Herrn Schill outen lassen, um dann den Rest ihres Lebens ganz besonders betont präsidial durch die Medienlandschaft zu lächeln. Was ja ganz furchtbar sein muß für das präsidial lächelnde Individuum. Daß man auch ja nicht - jetzt ganz generelll über schwule Politiker gesagt, keinem Einzelnen unterstellt - an's schlichte ...

... Rammeln bei ihrem Anblick denkt, wie z.B. Böcke es halt tun und wie der Begriff "homosexuell" es auch impliziert (zum Glück gab's ja Jahrzehnte der Begriffspolitik und mittlerweile Worte wie "queer"), auch heute noch, und das war jetzt ganz ausdrücklich keine Aussage über Herrn von Beust, noch über Herrn Lammert, sondern eine ganz allgemeine über reduktive Vorstellungswelten des gemeinen Heteros an sich und seiner Ängste (oder auch seiner Angstlust).

Und daß der Herr von Beust dann als eine Art Gegenschlag das Vorurteil, daß Schwule grundsätzlich ganz besonders kultiviert seien, offen auslebt, da kann ich nun wirklich nix für. Dem zu entrinnen, diesem Vorurteil des Kultiviertseins, bin ich ja zu den pöbelnden Rentnern auf die Hauptribüne des FC St. Pauli geflüchtet. Kultiviert isses da nicht, auch wenn die Gegengerade zur eigenen Selbstbestätigung das Vorurteil pflegt, dort säßen alle im Smoking und würden Champagner süppeln. Z.B. Mike Lariah glaubt das.

Wobei weit über den kapitalen Bock des Herrn Lammert hinausgesprungen noch surfprotokolltechnisch zu vermerken ist , daß auf der immer wieder hervorragenden Seite http://www.etuxx.de darüber diskutiert wird, ob Fetischismus und SM ein subversives Potenzial in sich bergen würden oder ob man Sneaker aufgrund ihres Warencharakters nicht doch lieber verbrennen solle (oder so ähnlich wird das da gesagt).

Da empfehle ich nur jedem, im Dezember eifrig TRACKS auf ARTE zu schauen, da wird nämlich genau das diskutiert werden ... abgesehen davon ist die Fragestellung so schon merkwürdig, weil man sich sexuellen Praktiken, will man sie politisch deuten, ganz anders annähern muß, behaupte ich. Und dann ist nicht der Turnschuh ggf. zu verbrennen, weil den jemand so sexy findet, sondern dann ist ein System des Warenfetischismus und der Verdinglichungstendenzen ist Bereichen, wo die eigentlich so viel nicht zu suchen haben sollten, ganz allgemein zu kritisieren; gesellschaftliche Machtverhältnisse und Ideologien und deren allgemeines Sich-Abbilden in konkreten Beziehungen sind ganz allgemein zu analysieren, und es sind nicht etwa deren Symptome an den Pranger zu stellen. So z.B. das eine oder andere Begehren des einen oder anderen, am Pranger zu stehen oder Latexunterwäsche toll zu finden, was ja auch ganz andere Gründe haben kann und zudem auch noch Spaß macht, demjenigen, so daß die Gründe dann auch egal sind. So tief hinabsteigen in das 68er-Erbe, das gesellschaftliche Verhältnisse und individuelle Pysche mit großem, moralischem Gestus kurzschloß, muß man nur in manchen, aber wirklich nicht allen Fällen. Sonst gibt man wieder Individuen auf die Glocke und pfuscht verbal in deren Lebensgestaltung herum, anstatt die Struktur zu Recht zu geißeln. Was jetzt alles nur erwähnt sei, um dem Titel dieses Blogs endlich mal sowas wie eine Legitimation widerfahren zu lassen...

Wobei ich doch noch mein Unverständnis darüber zum Ausdruck bringen muß, daß in so irrsinnig vielen Blogs als News z.B. der neue James Bond gepostet wird. Als würde das nicht in allen erdenklichen, sonstigen Medien auch schon breitgetreten und per News-Ticker und morgendlicher Zeitungslektüre sowieso allseits verbreitet.

Offensichtlich haben die Bayern gerade ein Tor geschossen, die Nachbarn jubeln ...

Da freut man sich, wenn man nach langem Surfen quer durch die Blogsphäre oder wie immer man das nennt dann bei MC Winkel landet, den sowieso alle außer mir als Neu-Blogger lange schon in und auswendig kennen, der wirklich richtig lustig erzählt und Fernsehpreise, Plattenveröffentlichungen und Tourdaten da läßt, wo sie eh schon immer behandelt wurden ...

Ode an den Herbst

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Endlich nicht mehr dieses grelle, sommerliche Sonnenlicht, und das mitten im Oktober. Gut, schöne Tage waren es schon. Aber schön ist auch das Kuscheln auf's Sofa. Schön ist's, sich in den Parka zu schmiegen und in ein warmes Zuhause zu kommen. Schön ist's, zu melancholischer Musik den Rückzug zu genießen und im eigenen Seelendunkel all die Lichter zu finden. Den Hund auf den Schoß nehmen und kitschige Bücher lesen. Durch leere Parks im Dunkeln zu streifen, wo es niemanden schert, ob der Hund nun frei läuft oder nicht. Herbst ist Kitsch, und Kitsch ist Sinn. Und schön ist's, sich auf den nächsten Frühling zu freuen ...

17.10.05

Gerechtigkeit + ein Plädoyer für's Hirnficken

Heute im Park belauscht: Ein recht attraktiver Mann, ins Handy sprechend: "Kommt immer d'rauf an, wer der Richter ist. Wenn's eine von diesen Sozialdemokratischen mit den Doppelnamen ist, die im Zweifel immer für die Frau entscheiden, hast Du keine Chance." Ist als Anekdote unwitzig und kein Stück unterhaltsam. Ist aber ausssagekräftig ...

Wie ja auch der Begriff "Hirnficken". Heute in den staubigen Archiven von http://www.blogbar.defand ich den. Bin ja ein großer Fan dieser Praxis ...


... also dessen, was da wohl gemeint ist und in RTL-Manier als irgendwie belästigend oder eben nicht unterhaltsam bzw. "erfolgsträchtig" (um halbwegs im fortpfanzungsgeschwängerten Bild zu bleiben) definiert sich findet. Es gibt auch geistige Orgasmen, und gegen Masturbation, welche ja gelegentlich als Spezialfall des Hirnfickens auftritt, habe ich auch nichts. Dem muß man auch nicht christlich Liebe entgegenhalten und auch Pornographie ist nicht immer schlimm, nur leider zu oft.

Pornographisch ist unsere Gesellschaft auch gar nicht durchgängig. Das läßt sich schon gar nicht aus dem Erlebnis ableiten, daß man die süßen, coolen Jungs nicht kriegt. Um denen dann irgendwie ins narzißtische gewendete Porno-Abkünftigkeit zu unterstellen. Was'n Quatsch. Lesen konnte man den ja bei http://www.spiegel.de

Und, zurück zum Thema Hirnficken: Intellektuellenfeindlichkeit gehört auch zur Geschichte des Präfaschismus. Eine Gesellschaft, in der sperrige Sprache und komplexe Gedanken a priori unter Verdacht gestellt werden, zensiert auch nicht weniger, als es einst in der DDR üblich war, nur die Sanktionen sind weniger hart.

Eine Gesellschaft, in der alle den ganzen Tag abwechselnd masturbieren, von mir aus mit heruntergelassener Hose am Computer, und dann verbal durch's mentale Spermawellendickicht von Hirnfickern wie Adorno, Foucault, Habermas, Kant surfen (das Bild ist zwar irgendwie eklig, aber konsequent) - endlos könnte ich Namen aufzählen - stelle ich mir als eine schöne Gesellschaft vor. Weil sie eben Sex mit Personen nicht ausschließt und Kommunikation in einer Vielfalt und einem Reichtum stattfinden ließe, von der in einer sich selbst auf Slogans und Entertainment reduzierenden Kultur allenfalls geträumt werden kann. Fun ist ein Stahlbad, und das Kollektiv der Lacher parodiert die Menscheit, sag ich da nur mit dem guten, alten Theodor W. ...

Das Wahre

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16.10.05

Freiheit

Guido Westerwelle ist kein Liberaler! Zumindest dem Wortsinne nach nicht. Da guckt man das erste Mal seit Monaten das neudeutsche Parlament, Sabine Christiansen, und reibt sich verstört die Augen. Guido Westerwelle ist deshalb kein Liberaler ...

... weil er den Unterschied, den so oft diskutierten, der z.B. im Mittelpunkt von Sartres "Die Zeit der Reife" steht, zwischen "Freiheit von" und "Freiheit zu" noch nicht einmal im Ansatz begriffen hat. Ein wirklicher Liberaler würde z.B. für ein sofortiges Aussetzen des geltenden Erbrechts plädieren und für Gesamtschulen zudem. Ein Verbot des Vererbens an Kinder und Kindeskinder, zum Beispiel. Also für wirkliche Chancengleichheit der Individuen. Sein Freiheitsbegriff hingegen zementiert aktuelle Besitzverhältnisse und hat mit Freiheit schlicht einen Scheißdreck zu tun.
Herr Wulff aus Niedersachensen sagt seit seit Stunden nichts, wirklich nichts, wirkt aber sympathisch dabei. Die Rolle hat er gut gelernt, und diverse Marktforschungsinstitute manipulieren ihn ja drum seit Monaten in die Popularität hinein. Herr Schily zeigt, daß er noch argumentieren und differenzieren kann, und Herr Kuhn sagt zwischendurch irrsinnig richtige Sachen, und keiner bekommt es mit. Z.B. hält er gegen die all die Merkelschen, an jeder Realität vorbeischießenden Thesen, wenn man auch radikale Formen der diversen Gen- und Biotechnologien zulassen würde, dann würde Deutschland boomen. Herr Kuhn von DIE GRÜNEN entgegnet zu Recht, daß ein paar High-Tech-Arbeitsplätze auch nicht viel ändern, man vielmehr schauen müsse, wie man auch geringer Qualifizierte an den Arbeitsmarkt zurück brächte. Völlig richtig. Herr Wulff entgegnet, wir bräuchten Zuversicht statt Angst und müßten die Reformen jetzt anpacken. Meine Güte, wie kann ein so hochbezahlter Politiker sich selbst so auf flache Slogans reduzieren?

Schnellbuslinie 36

Ich mag Omis, Opis, Rentner, Rentnerinnen, würdige und unwürdige alte Menschen wirklich gerne. Daß auch an Wochenden jedoch sie ganze Busse besetzen und man samt Hund keinen Platz mehr findet, das ist schlicht unfair der arbeitenden Bevölkerung gegenüber. Man fühlt sich plötzlich, als würden gleich Heizdecken verkauft, sitzt einem ganzen Bus voller identischer Frisuren gegenüber und muß den Hund auf den Schoß nehmen. Muß ertragen, daß ältere Damen, deren Outfit plus Make up glatt eines meiner Monatsgehälter verschlingen würden, unaufhörlich auf meinen Hund einquatschen "Du hast es schwer, ja, Du hast es ja so schwer". Denn es stimmt nicht, wie einem ja auch ständig unterstellt wird, so, als dürfe man sein Single-Leben nicht genießen dürfen, daß ich einen Hund mir als "Kontakthund" halte. Gemein. Zudem sowieso alle hübschen Typen und auch reiferen Männer hier im Viertel, die wegen Hundekontakten man trifft, entweder eine Freundin haben oder gar verheiratet sind. Selbst wenn es ein sogenannter Kontakthund wäre also: Keine Chance! Also, liebe 65+-Personen, räumt am Wochenende die Busse, die habt ihr doch in der Woche schon ganz für euch ...

Die neue Mitte kriegt sie alle

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Allein schon, weil das "e" dazu neigt, sich zu stark an den rechten Rand zu drängen. Alleine schon, weil ein Thema wie der Fernsehpreis in Blogs lediglich belegt, daß die Faszination der Mainstream-Medien dann doch als Sog die Welt verschluckt, verdaut - na, und was dann danach so passiert, eben auch. Wer einmal da gewesen ist, im Coloneum, bekommt doch nur 'nen dicken Hals angesichts dieser kläglichen Sehnsucht nach Hollywoodeskem auf deutschem Boden und der ...

... so niederschmetternden Selbstreferentialität der Branche. Da schiebt man sich einfach wechselseitig Preise zu - ohne jede Begründung. Wo der Grimme-Preis noch mit maximalem Aufwand seine eigenen Kriterien und Diskussionen transparent und somit sinnvoller Diskussion zugänglich macht, ist der Fernsehpreis ein konstruiertes Event, um die eigenen Programmflächen zu füllen und sich selbst grundlos zu feiern. Schlimm genug, daß ich da jetzt auch noch drüber schreibe - das ist schlimmer, als Jamba zu promoten. Da ist jede pseudoironische Distanz einfach unmöglich, weil der Gegenstand der Berichterstattung diese schlicht auffrißt und gut durchgekaut in die Sinn begrenzenden Rinnsteine alltäglichen Wortmülls und Bilderschrotts spuckt. Neben Kaugummis, tote Blätter, Scherben aus braunem Glas und leere Zigarettenschachteln. Somit schäme ich mich hiermit, das Thema aufgegriffen zu haben, verlinke auch nicht und zitiere stattdessen zustimmend Philip Roth aus der gestrigen Frankfurter Rundschau:

"Jeder kann das sein, was er sein will - Stripteasetänzer, Milchmann, Affe oder Kuh."

Gegenfrage: Eine Kuh?

"Warum nicht, wenn es demjenigen gut tut."

Ist auf jeden Fall besser, Kuh zu sein, als vom Fernsehpreis zu berichten ....

15.10.05

Tracklist Samstag nachmittag

1.) Eels - To lick your boots. Ist vielleicht nicht jedermanns Sache, aber genau darüber singt der da ja auch in diesem Song. Der Song ist einfach schön, rein musikalisch.
2.) Hard-Fi - Tied up too tight. Kann ja mal vorkommen und bleibt ein wenig bei dem, was Eels da textlich vorgegeben hat. Ist nach Eels so richtig "ALLESwollen" statt Abgeklärtheit. Toll. Nein, ich schreibe heute nicht mehr über Fußball. Nein, ich schäme mich auch nicht mehr, nicht in Kiel zu sein. Nein, solange dieser Trainer bei uns Trainer bleibt, komme ich noch nicht mal mehr auf den Gedanken, ein Auswärts-Spiel zu besuchen. Daß Lübeck sich ausgerechnet von den hellblauen Leverkusenern hat verprügeln lassen, tröstet mich auch nur wenig.
3.) The Free Designs - I found love. Diese gesammelten musikalisch ...

... und stimmlich ungelenken, einmal durch die Folk-Mühle gedrehten Adaptionen der frühen Velvet Underground mag ich ja fast immer gerne. Knüpft auch an den Anfang der Geschichte da oben an: Der eine oder andere findet ja auch Liebe, wenn er tied up too tight boots lickt. Da ist man kurz neidisch, und derjenige welche hat dabei wahrscheinlich mehr Spaß als all diese Menschen, die in Einehe mit Kindern hausen und dann stattdessen ihre erotische Fantasie in Bilderform im eigenen Blog veröffentlichen ... wobei das eine ja das andere nicht ausschließt.
4.) Hansen Band - Kreisen. Ist das jetzt Kettcar die zweite? Wie bedeutungsschwanger diese ganzen neuen Liedermacher und Liedermacher-Bands allein schon die Akkorde aneinanderreihen ist erstaunlich. Aber immer so ein Hauch von City, ja, die mit "Am Fenster", so ein Genuschel im Gesang, um jeden Pathos zu bremsen, der das Ganze dann auch nur ganz entfernt schlageresk wirken lassen könnte - warum eigentlich? Vicky Lenadros mit "Ich liebe das Leben" oder Tanja Berg mit "Komm wieder, wenn Du frei bist" (noch'n Kommentar zu Tied up too tight) sind doch ganz ironiefrei großartig. Laut Live-Ticker jetzt Abpfiff. Dann hoffe ich mal, daß Herr Bergmann jetzt wieder Jugendkoordinator wird, da war der richtig gut.
5.) Nach diesen leicht schleimigen Hansens brauche ich jetzt wieder eine Prise weltgewandte Melancholie, richtigen Wortwitz und 'ne Prise Sarkasmus. Also Element of Crime, Straßenbahn des Grauens.
6.) Als so eine Art Tagesmotto: The Coral - Far from the crowd. Die armen Schweine da in Kiel müssen sich jetzt ja noch 'ne Rückfahrt antun, während ich bei allerfeinstem Wetter hier sitze und blogge. Weil der Park mir einfach noch zu voll ist. Peer-Arne ist mit Juno da schon viel früher hingegangen, anstatt sich das Elend am Live-Ticker anzutun.
7.) Rio Reiser - Land in Sicht. Nach einem so derartigen Tiefpunkt kann es ja nur aufwärts gehen, sach ich mal ... "Chaoten seid ihr, echt", spricht er gerade zu Publikum, und damit meint er bestimmt die Spieler des FC St. Pauli.
8.) Danach kann nur Kettcar - Landungsbrücken raus kommen.
9.) Funny van Dannen - Leben auf fremden Planeten. Das ist ja der einzige, der verstanden hat, was an den Liedermachern wie Reinhard Mey, Hannes Wader, Jürgen Slopianka, Franz Josef Degenhardt so großartig war und ist. Also der einzige von denen, die mit einer gewissen Credibility versehen in der Musiklandschaft spazieren gehen. Bin aktuell Funny van Dannen-süchtig.
10.) Erdmöbel - Au Pair Girl. Habe ja schon mal zugegeben, daß ich mir gerne was von den New Noises aus dem Rolling Stone zusammenmixe, auch wenn Hans Hoff da immer so schlechte, meistens völlig falsche Kriterien anlegende TV-Kritiken schreibt. Singt bei Erdmöbel der alte Keimzeit-Sänger? Muß ich mal checken. Ist auch so'n betont relaxtes Genuschel, als habe sich die von Pankow beschworene Langeweile der DDR da eingebrannt mitsamt ihrer kuscheligen Seiten.
11.) Aufwachen! Also wieder Schwung in die Bude, mit noch mal Hard-Fi, Cash Machine. In diesem Song leben gleichzeitig die Geister der guten Seiten der Disco wie auch der von The Clash, eine Hauch von New Wave sorgt für wohligen Schauer, und alle zusammen fühlen sich wohl darin.
12.) Als Disco, The Clash und New Wave sich formierten, war sie lange schon jenseits von Eden und feierte doch ein Comeback, das bis heute Gänsehäute fast notwendig wachsen läßt: Marianne Faithful, die böse, alte Frau. Trouble in mind. Davon hat sie jede Menge durchlebt, und so unendlich dreckig konnte noch nicht einmal die Knef singen ... und so unendlich schön ... ist gerade eine Live in Hollywood CD/DVD erschienen. Lohnt sich.Toll! Besser, als den Whiskey selbst zu trinken ..
13.) Patrick Wolf - Teignmouth. Der Junge singt so, als hätten ihn Marc Almond und Rufus Wainwright in einer geradezu selbstzerfleischend destruktiven Beziehung gezeugt und an ihn jeden Morgen Bright Eyes - Digital ash in a digital urn verfrühstückt. Dieser so hübsche Jüngling könnte auch ohne weiteres als Coverboy einer Neuausgabe von Thomas Manns Zauberberg posieren. Sein "Wind in the wires"-Album ist sensationell großartig, zweifellos.
14.) Aus unerfindlichen Gründen liegt hier gerade das erste Coldplay-Album rum, also mal eben Don't Panic auf den Wolf angesetzt, ihn jagend, paßt ganz gut dahinter ...
15.) Noch mal Eels - I#m going to stop pretending that I didn't break your heart. Ja, lieber Thomas Roth, 1993 noch auf der Stage School und als Saaldienstler in Schmidt's Tivoli, beschäftigt, komm vorbei und sing ihn mir vor, diesen Song. Der ist traumhaft, überragend, einfach überirdisch wunderschön, dieser Song. Damals hast Du volltrunken "Why God Why" aus Miß Saigon an der Bar des Tivolis geschmettert ... kennt den jemand, falls das hier jemand liest? Weiß jemand, was der jetzt macht?
16.) Gang of four - We live as we dream, Alone (2005 Version). Was soll man zu denen schon groß schreiben?

Gutes Schlußwort. Bergmann raus.


Wie soll man's überstehen?

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Warum zum Teufel gibt es diese scheußlichen Schlüsselspiele, bei denen es um so furchtbar viel geht? Schäme mich hiermit öffentlich, nicht beim Spiel in Kiel dabei zu sein. Ohne eine Ausrüstung wie die obige - Dank an Hansecowboy - steht man diesen Live-Ticker bei http://www.basisstpauli.deheute bestimmt nicht durch. Ich will raus aus dieser Drecks-Liga! Liebe Spieler, diese Forderung ist euch zwar nicht neu, doch nehmt sie ernst: Kämpft! Macht es, wie Jena es euch vorgemacht hat - immer dieses eine, entscheidende Mal mehr nachsetzen, statt 'nen tollen Paß spielen zu wollen! Bitte, Bitte, stürzt uns und euch nicht in die große Depression!

Kettcar singen gerade passend dazu: "na denn herzlichen glückwunsch. noch ein ganz kleines stück jungs. das böse fiese leben erdrückt uns. ich mein: hat nichts zu bedeuten, kostet halt nur leben. meins, deins, seins - ich würd mal sagen, von jedem. es ist auch nur die angst, die bellt, wenn ein königreich zerfällt. in ziemlich genau gleich große Teile. past und present future und selbstmitleid für alle. jeder bringt sich selbst nach Haus und fast vernünftig aber raus. die kuh vom eis und was es heißt, ab jetzt wird eingetauscht." Dann doch lieber ein kräftiges "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" oder ein nicht tröstendes, sondern jubilierendes You'll never walk alone, so kräftig, lustvoll und euphorisch, daß die Kieler Förde Wellen schlägt, weil ihr heute siegt!

14.10.05

Die Elbe spuckt euch wieder aus!

Da schau ich so'n Hamburg-Portrait auf dem ZDF-Doku-Kanal mir an, bin gerade dabei, mich innerlich zu echauffieren, und dann steht da unter "Schnitt" im Abspann die eigene, beste Freundin als Cutterin. Kurzer Schreck. Gut, superschön montiert war es in der Tat. Aber daß man mit Slogans wie "Der Hafen rückt jetzt wieder in den Mittelpunkt der Stadt" sowas wie diese unverschämt häßlichen, postmodernen Bauten unten in Neumühlen - unter anderem von der EDEL - zu legitimieren versucht, ist ärgerlich. Dann wird noch per Off-Text rumposaunt, daß Hamburg ja nicht nur Alster, sondern eben auch Elbe sei, was ja stimmt, aber nicht so, wie's in der Doku dargestellt wird. Dann denk ich so vor mich hin, daß genau die, die sowas sagen - der hochrespektable Theo Sommer z.B., der der einzige Interview-Partner ins Ganze war - bitte fortbleiben sollen von der Elbe. Na gut, Herr Sommer, das nehm ich zurück, soll dann doch gerne zu UNS stoßen, aber nicht diese anderen sonoren Gestalten - Elbe ab Teufelsbrück, okay, joggt und golft doch da rum, aber bitte nicht davor stadteinwärts von hier aus gesehen. Wenn sie wenigstens sich auf die Hafencity beschränken würde, diese Leute, die glauben, Stadt lebe einzig durch Architektur-Großprojekte und Kultur von oben. Das ist lediglich die zwar notwendige, aber eben nur halbe Miete, und die andere Hälfte wird in Hamburg mittlerweile mit Platzverbot belegt. Konnte man auch in der Doku sehen: Container-Terminals ohne arbeitende Menschen, und das wurde noch als Modernität in Konkurrenz mit Rotterdam gefeiert. Bestimmt findet sich auch ein Mäzen für gesponsorte Zuschauer-Roboter für die Elbphilharmonie. Kultur ohne Erfahrung und auf Straßen und an Stränden und in Parks (mit Hunden!) gelebtes Leben ist keine. Eine Elbphilharmonie ohne Punks auf der Reeperbahn ist toter Stein. Für den hat der aktuelle Senat ja eine Vorliebe, sei's bei Knästen oder der Elbrandbebauung - alles Spontane, Lebendige, Improvisierte jenseits hochkommerzialisierter, verordneter Vergnügungsevents hingegen wird nach Berlin vertrieben. Was hier bleibt, sind staatstragende, betagte Feuilletonisten ...
Der Abspann verkündete konsequent, daß diese Reportage/Doku in Kooperation mit DIE ZEIT entstanden sei, sogar das DIE ZEIT-Wappen wurde lang und breit thematisiert, als sei DIE ZEIT Hamburg, dem ist aber gar nicht nicht so - sie ist ein traditionsreiches, wichtiges Stück davon, aber beispielsweise der HINNERK ist ebenso Hamburg ... der kann nur keine Dokus finanzieren.
Die Elbe zwischen Landungsbrücken und Övelgönne war so lange Zeit UNSER, und die, die z.B. bei Westbam das Hamburg-Klischee formen (der hat ja die These, die Popper seinen die einzige Jugendkultur, die Hamburg je hervorgebracht habe), blieben auch brav an der Alster, wo sie hingehören.
So reibt man sich, wie so oft, die Augen in dieser Mischung aus Tränen und stumpfem Staunen, das Hamburger Stadtpolitik derzeit alltäglich hervorbringt. Hofft, daß diese Architekten, die die Hafencity entwerfen und trotz hoher Reflektion und intensiver Recherche nur Scheußlichkeiten in die Welt setzen, auch genau dort bleiben und sehnt sich nach den Pontons und den Brachflächen jenseits des Speichers damals, die gab's mal, als die Vorhut der Privatisierung des Elbblicks noch nicht so weit vorgerückt war ... und ich mit Skinheadmädchen II im Walkman mich so freute, auf diesen Fluß schauen zu dürfen ... wieso der ZDF-Doku-Kanal so eine Form des Werbefilms für's Halbwahre fördert und ermöglicht, ist mir bei allem, so hohen Respekt vor dem Autor doch ein Rätsel ... wobei mir Fred neulich eh sagte, meine Dokus seien ja eher FC St. Pauli als Bayern München. Da war ich richtig stolz drauf ...

Recht & Ordnung

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Es ist gut, einen Hund im Büro zu haben, der verschiedene Schlangenarten fortwährend bekämpft - rotblaue ebenso wie dunkelbraune. Auch nehme ich hiermit zurück, daß es über Jürgen Habermas wenig brauchbare Blog-Einträge gebe. Da finden sich doch Unmengen, und das spendet Hoffnung. Zuvor jedoch der nachzureichende Link zum Erdferkel:http://erdferkel.supersized.org (komisch, daß ich hier immer so schreibe, als läse das alles überhaupt jemand).
Hoffnung gibt die Habermas-Fülle in Blogs, weil er eben einer von jenen ist, die - wie auch die Autoren des Grundgesetzes - davon ausgehen, daß Demokratie ein unhintergehbares, normatives Fundament vorraussetzt, das nicht selbst durch Mehrheitsentscheidungen revidierbar ist. Recht betrachtet er zwar als funktionale Ergänzung zu einer rationalistischen, universellen Moral (wobei Universalisierbarkeit selbst Kriterium für Moralität ist, siehe Kant), aber nicht etwa als eine, die zu ihren Vorraussetzungen in Widerspruch treten dürfte, will sie denn im Sinne der Rechtsstaatlichkeit im modernen, westlichen Sinne verstanden werden.
Die Hamburger Bürgerschaft interessiert das - so stellt es sich zumindest dem von demokratischen Prinzipien nachhaltig überzeugten Wähler dar, vielleicht bin ich aber auch nur zu blöd - einen Scheißdreck. Sie will - so scheint es - ungeachtet dessen Gesetze erlassen. Bin juristischer Laie, http://www.lawblog.de wüßte das Agieren dieser Demokraten juristisch besser zu deuten, eine rechtsphilosophische Deutung traue ich mir sehr wohl zu. Zitat:

"Es muss daher aus Gründen der Rechtssicherheit ausdrücklich klargestellt werden, dass die Vorschriften
dieses Gesetzes nicht nur der Abwehr einer Gefahr im klassischen, gefahrenabwehrrechtlichen Sinne
dienen, sondern auch ein Schutz der Bevölkerung im Vorfeld, also eine Vorsorge vor von x potenziell ausgehenden Gefahren beabsichtigt ist."

Hier ist scheißegal, von dem Gefahr potenziell ausgehen könnte - ist ja immer immer auch eine Frage der eigenen Ängste, was man gerade so als gefährlich empfindet. Doch Hamburgs Politik folgt jetzt plötzlich Emotionen wie Angst bei dem Erlassen von Gesetzen. In diesem Fall geht auch nicht etwa um Atomkraftwerke. Es ist vielmehr die Formulierung einer sich in einem Gesetzentwurf befindlichen Rechtsnorm, die faktisch sanktioniert, bevor etwas stattgefunden hat.

Ein ähnliches Prinzip also wie beispielsweise bei der politisch von einigen gewollten, aber verfassungsfeindlichen - jawohl, nicht etwa nicht der Verfassung gemäßen, sondern meiner Ansicht nach verfassungsfeindlichen - Sicherungsverwahrung.

Analoges gibt es auch bei der Datei Gewalttäter Sport. Dort jedoch muß man wenigstens mal neben einem Hooligan gestanden haben, um potenziell nicht ausreisen zu dürfen und andere Sanktionen zu erleiden. Übertragen auf das Beispiel der Fußballfans und dem Geiste des Gesetzentwurfes folgend wäre obige Rechtsnorm dahingehend anzuwenden, daß Fußballfans prinzipielle nur noch in Handschellen und mit Fußfesseln durch die Welt spazieren dürften, weil es ja immer sein könnte, daß sie auf Fans verfeindeter Vereine treffen und dann ganz plötzlich losprügeln oder die von wenigen Fußballfans gelegentlich betriebene Randale eigentlich jederzeit auch grundlos veranstalten könnten. Was ja unwiderlegbar - streng logisch - nicht auszuschleißen ist, potenziell möglich ist ja vieles. Was so weit entfernt von der Erfahrungswelt von Fans bei Auswärtsfahrten auch in der Tat nicht ist, aber auf diese Auswärtsfahrt beschränkt bleibt, was aber auch schon schlimm genug ist. Denn daß die 99,5 % Fußballfans, die zu so etwas nicht neigen, damit auch ein Problem haben, wenn sie in Ketten durch die Welt spazieren - ganz egal, Hauptsache, es beruhigt "die Bevölkerung" und deren unterschwellig stets präsente Furcht vor Fußballfans.

Wie gesagt, es geht hier um das Prinzip der oben formulierten Rechtsnorm, nicht um die Differenz zwischen den Gegenstände oder Personen, die von ihr betroffen sind.

Noch so ein Ding:
"§ 2 Absatz 4 des Gesetzentwurfes enthält - entsprechend dem Vorbild des nordrhein-westfälischen
xxx - eine Beweislastumkehr." Gruselig, daß das da einfach so steht.

Faktisch gibt es das häufiger vor Gerichten - man muß nur mal versuchen, den einen oder anderen Richter davon zu überzeugen, daß man etwas nicht getan hat, z.B. betrogen. Der glaubt das einfach nicht, und der Rest des Prozesses läuft faktisch darauf hinaus, daß aufgrund dieses Un-Glaubens der Angeklagte im wesentlichen damit beschäftigt ist, seine Unschuld zu beweisen, während umgekehrt der Versuch des Beweisens des Betruges gar nicht mehr so richtig stattfindet. Gibt ja - prinzipiell zu Recht - die Unabhängigkleit und freie Beweiswürdigung der Richter.

Daß diese faktisch oft anzutreffende Situation - die viele Anwälte aus ihrer täglichen Praxis bestätigen - nun jedoch rechtlich - da unterscheiden ja Juristen, zwischen rechtlich und faktisch - sich in Gesetzesform manifestiert, ist grotesk und meiner Ansicht nach das normative Fundament unserer Rechtsordnung schlicht aushebelnd.

Sind nur zwei Zitate aus einem aktuell Bürgerschaft und Senat vorliegenden Gesetzentwurf: Präventive Sanktion und Umkehr der Beweislast. Das sind Rechtsprinzipien, die meiner Ansicht nach in andere Formen denkbarer politischer Regime gehören. Daß auch Grundsätze wie die freie Entfaltung der Persönlichkeit und jenes der Verhältnismäßigkeit schlicht mit Füßen getreten werden, daß es einen Enteignungsparagaphen gibt (meines Wissens gibt es im Grundgesetz nur einen Sozialisierungsparagraphen, das Eigentum ist geschützt, man korrigiere mich, wenn das nicht stimmt), daß hier die Spanne zwischen rechtlich und faktisch in schlicht völlig pervertierter Form insofern auf den Kopf gestellt wird, insofern das Rechtliche auf das Faktische überhaupt keinen fundierten Bezug mehr nimmt - das alles führt dazu, daß man sich fragt, um was für eine Form von Vereinigung es sich eigentlich handelt bei der Hamburger Bürgerschaft und dem Senat.

Es ist auch völlig gleichgültig, was hier geregelt wird in der Gesetzesvorlage, die hier zitiert sich findet. Deutsches Recht ist aus guten Gründen auf Rechtsprinzipien gegründet, denen konkrete Gesetze dann eben nicht widersprechen dürfen. Warum nur zum Teufel interessiert das die in der Hamburger Bürgerschaft vertretenen Parteien nicht weiter? Warum begeben sie sich zur Grundlage ihrer eigenen Legitimation so drastisch in Widerspruch?

Es gebe mir Antwort, wer's versteht.

Das Schöne

Aschenbecherklein.jpg

Arbeitsreiche Tage produzieren nicht immer auch schöne Ergebnisse. Auch den Warencharakter des Unschönen, Markenbuilding, kann man an obigem Foto studieren. Vielleicht liegt die Empfindung oder das Urteil des Unschönen auch nur darin begründet, daß wir eben doch dem Naturschönen verhaftet bleiben selbst dann, wenn allesamt im Netz unterwegs sind. Immerhin findet man bei dem googleschen Blogsearch interessantere Einträge zum Stichwort "Aschenbecher" als z.B. zu Herbert Schnädelbach, Niklas Luhmann oder Jürgen Habermas. Obgleich es einen ganzen amerikanischen Blog zu "habermasian reflections" gibt, da muß ich den link nachliefern, wenn ich den jetzt suche, ist das Bild da oben wieder weg. Weil: Trotz allem, trotz seines gelegentlich schilyesken, staatstragendem Pathos ist der Mann immer noch das beste Mittel gegen kulturellen Isolationismus, auch wenn französische Kollegen das manchmal nicht verstehen wollen, diese Dezisionisten, da denkt man dann an Marcuse versus Existentialismus. Auch wenn diagnostisch freilich Luhmann dem Marcuses Intentionen reformulierenden Habermas überlegen ist und man einen Denker, der so gewaltig und richtig gegen strategisches Handeln wettert, nicht als Mittel zu etwas benutzen sollte. Herbert Schnädelbach hat uns Zweckrationalität nach Max Weber immer anhand des "Gutzum" aus "Hallo Spencer" erläutert. Ebenso muß ich den Link zu Erdferkels unmoralischem Aschenbecher nachreichen, ein Eintrag, der zwar schon im August erschien, bei dem man aber viel darüber erfährt, wie es ist, nachts durch Kaiserslautern zu laufen und über Übergriffe amerikanischer Soldaten zu phantasieren, und das muß nicht, kann aber auch was was Schönes sein ... also, jetzt nicht unbedingt der vom Erdferkel phantasierte Übergriff, aber ... na ja .. eigentlich schreibe ich das nur, weil über die gestrige Ausgabe von DIE ZEIT gar nicht so viel zu meckern gibt. Da stürzt man dann halt kurz in Sinnkrisen und kompensiert das dadurch, daß man die EELS-CD einlegt und genießt.

13.10.05

Wurst unterm Tisch und auf'm Tisch

Wissende Leser diagnostizieren korrekt: Es geht um Malta in der Überschrift. Die Insel mit den Bussen, die so dauerhaft auf Altersheime vorbereitet. Wo Wasser aus der Dusche eher krabbelt denn fließt. So ist er zu einer Art Grandseigneur der satirischen Alltagsbeobachtung geworden - vom anarchischen Post-Punk-Dada-Chronisten des "Ungeduscht, geduzt und ausgebuht" zum gesetzten Herren mit der sonoren Stimme, der die Vielfalt seiner Ausdrucksmöglichkeiten in Würde bündelt und dosiert ... war schon lustig. Gestern, bei Max Goldt. Er hat ja keine Wahl, man kann ja nicht ...

... ewig den hüpfenden Schrill-Bubi mit blondiertem Haar geben. So kommt man jedoch, dort sitzend unter Gründgens-Logen im Jugenstil-Theater, ins Grübeln. Über das eigene Etabliertsein. Und, wie passend: Um Wissenlücken mit Einkäufen zu stopfen legte ich mir just gestern die erste CD von Kettcar zu (kannte nur die zweite), also gewissermaßen das Gegenteil von Max Goldt. Da fragt man sich dann, ob das jetzt eine Wolf Maahn-Auferstehung ist - nichts gegen den, mit dem auf dem selben Podium habe ich die unvergleichliche Noah Sow kennengelernt und freu mich da bis heute drüber - oder ob sie was ganz neucooles sind, weil sie uncool sind. Als ich die für unsere Sendung ablehnte, tat ich's ja auch mit dem Argument, daß das so Früh-80er-mäßig für mich sei, wie Bands, die bei Friedens- und Solidaritätsfesten mit Irgendwas im Welfengarten spielten, und unsere Zuschauer das in der Regel nicht honorieren würden. Weil's nicht wild genug sei. Kann ja völlig verfehlt sein, der Gedanke, weil der Zuschauer gerade im Meßfehlerbereich des Quotenerhebens sowieso eine Art fiktionaler Konstruktion ist. Auf jeden Fall singen diese Kettcar in dem so rätselhaften, großartigen, musikalisch eigentlich geradezu verwerflichen "An den Landungsbrücken raus": "Als man ankam wollte man werden , die Geschichte schreiben, die Doofen sollten sterben, der Plan als man damals nach Hamburg kam ...". paßt zu Fluch und Segen des Arriviertseins des Max Goldt. Den Song hat Sven mir geschickt, per mail, bevor er das Millerntor, den Hafen und was man so alle liebt in dieser Stadt verlassen mußte, um samt Familie und Firma zur puren Existenzsicherung nach Berlin umzusiedeln. Das war 'ne mail mit mehr als einer Träne im Augenwinkel, schriftliches im Taxi weinen - und ich durfte hier bleiben, und spätestens beim nächsten Spiel, wenn ich auf meiner Haupttribüne sitze und mit diesem so einzigartigen Hamburger Himmel und dem Geschehen im Stadion und vielen guten Astra, eben den schönsten Stücken der Stadt verschmelze, denke ich wieder an Sven und bin sooooooo froh, nicht im Exil zu sein ... sondern Zuhause.

12.10.05

Könnten Bienen fliegen

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Sich morgens auf den Abend freuen ist etwas Schönes. Da summt man "Penis, Vagina" vor sich hin und ergänzt es durch ein rhythmisches "Walter Giller, Nadia Tiller", erinnert das Lied vom eingecremeten Arbeiter und stellt sich den unter gewissen Umständen sogar ganz anregend vor, sucht nacht dem genauen Text des unvergeßlichen "Könnten Bienen fliegen", diese Strophe mit den Pferden ... "Könnten Pferde galoppieren", und dann sitzen die doch nur im Rollstuhl und rauchen Selbstgedrehte. Endete mit "könnten Menschen lieben", das Lied. Fällt mir nicht mehr genau ein, der Text. Habe ich einst im Vollrausch an die Clowand bei Katharina geschrieben, weil ich so in Ole verknallt war, den aus Munster. Meine ersten Worte damals zu ihm waren "Du heißt genau wie der geistig Behinderte, den ich gerade betreue!" Damals war ich Zivi, und im Flirt bin ich bis heute nicht sonderlich geübt ... Heute bin ich froh, daß einst Max Goldt mit seinem Foyer des Artes mich lehrte, daß schimmliges Brot selten von Vorteil sei. Heute abend liest im er Schauspielhaus. Da geh ich hin! Damals, irgendwann Ende ...

der 80er, habe ich eine Lesung von ihm im Westwerk gesehen und gehört. Selten sowas Großartiges erlebt. Am Schönsten die Geschichte von dem Mann beim Arzt mit dem widerlichen Geschwür auf dem Rücken, der dann unter ekelschwanger-ätzenden Ausrufen des Arztes vor allen Leuten im Wartezimmer als besonders widerliches Beispeil von Krankheit vorgeführt wird ... damals hatte der noch nicht mal für die Titanic geschrieben, der Max Goldt. Manchmal sehe ich, ihm sei Dank, das Lenor-Gewissen neben mir stehen ... von der spanischen Marquesa namens Teresa ließe ich mich jedoch auch heute noch nicht locken ...

11.10.05

Zu viel Käse

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Es sind diesen kurzen Momente, da man plötzlich erstaunt hinter die Fassade des eigenen Lebens blinzelt. Wo man zu tief in das eigene Sein hineinblickt und sich wundert über die Gestaltung der eigenen Tage und Wochen. Da will ich den Gouda aus dem Kühlschrank holen und stelle ganz plötzlich fest, daß mittlerweile 3 noch frischverpackte Stücke des goldigen Billig-Genusses dort lagern. War mir bis dato nicht aufgefallen. Weil eben jeden Samstag wieder ich zum SPAR auf dem Großneumarkt latsche und routinemäßig und gedankenverloren ins immer selbe Fach des Kühlregals greife. Das ist interpretationsfähig ... allein schon weil "zu viel Käse" ein ähnlich universeller Ausruf ist wie "Autsch!" - oder eben Amen.

Gegen die, die das Unpopuläre wollen

Um mal was zu zitieren, was mir gar nicht und gleichzeitig in vielen Hinsichten in den Kram paßt:

"Ich lese in den Beiträgen dauernd "es ist Zeit das Land zu verlassen".
Labert nicht - tut es. Auf Menschen die nicht realisieren daß sie in einem der reichsten und mit den größten sozialen Segnungen ausgestatteten Land leben können wir gut verzichten. Und dann habt Ihr auch Gelegenheit das mit dem Land zu vergleichen, wo ihr hingeht. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß wir eine Nation von Meckerern und Stänkerern sind ohne auch nur im Ansatz zu fragen, was wir selbst zur Verbesserung der Situation tun können.
Viele Beiträge zeigen daß man Polemik und flotte Sprüche und persönliche Angriffe für eine "politische Diskussion" hält. Von Sachauseinandersetzung keine Spur. Aber fröhlich auf "die da oben" einprügeln , die sollen das gefälligst machen!! Wenn dann aber wie von Frau Merkel unpopuläre Vorschläge kommen, dann wählt man halt doch den Volkschauspieler - der ist ja auch schließlich keine Frau und sieht im Fernsehen so gut aus, und darauf kommmt es bekanntlich ja bei den anstehenden Problemen an.
Armes Deutschland. Aber ich bleibe." Gepostet von Libero am 10 Oktober. 2005 - 21:28 im Blog von Oswald Metzgerhttp://blog.focus.msn.de/metzger

Der ist aus 3 Gründen zitierfähig:

1.) Er hat ja Recht, daß es wenig Sinn macht, jetzt in diesem seltsamen Selbsthaß auf's Land, in dem man lebt, nur einzudreschen. Denke auch, daß in Relation zu vielen anderen Staaten in Deutschland vieles entstanden ist, für das auch weiterhin es sich einzusetzen lohnt. Auch reicht es nicht, ein "die da oben" zu konstruieren in Zeiten, da a.) Dank Maastricht und anderer Kohlscher Erbhöfe Politik sich aus Gestaltungsmöglichkeiten freiwillig verabschiedet hat und b.) selbst dann, wenn Politik noch wirken könnte, ein "die da oben" noch lange nicht gemeinschaftliche Versuche ersetzen kann, das eigene Leben möglichst im eigenen Sinne zu gestalten. Leute wie ich zumindest haben die Chance, das auch zu tun, andere nicht im selben Sinne.
2.) Die Beschwerde über Polemik ist freilich nicht dem Blog-Prinzip, zumindest dem, wie ich's verstehe, angemessen. Blog sind kein Journalismus.-Ersatz, sondern eine neue literarische Form mit dem Schwerpunkt auf dem Kommentar. Das macht ja diese News-artigen Blogs so langweilig und Blog wie http://wirres.net , http://www.lawblog.de und auch meinen aktuellen Lieblings-Blog, http://www.koelnboy.com so interessant. Mit ganz unterschiedlichen Stilmitteln nutzen die das Potenzial neuer Erzähl- und Darstellungsweisen und bauen dabei das Subjektive und Flüchtig-Hingerotzte lsutvoll aus. Nehemen das Erlebnis selbst - und sei's Lektüre im Netz - als Strukturprinzip, nicht die Strukturierung des Realen als Gegenstand. In meiner journalistischen Arbeit käme ich ja auch nicht auf die Idee, Sätze wie "Merkel klebt" zu verwenden, da gehören die auch nicht hin. Da gilt Ausgewogenheit und der Versuch des Objektiven. Im Blog hingegen sind "flotte Sprüche" und Polemik auch hingehörig.
3.) Typisch für diese Frustrierten-Kritik der Merkelschen Kolonnen in all ihren Spielarten ist ja, daß selbst in der Regel sie sich in Plattitüden und Polemik erschöpft. Diese Leuten sagen nix außer ein mehrfach variiertes "Think positive!", ein Prinzip, das zeitweise Psychotherapeuten die Praxen füllte. Um dann auf den vermeindlichen Volksschauspieler Schröder einzudreschen und das mangelnde, merkelsche Charisma als Tugend zu verkaufen. Wie billig. Im Gegensatz zu Merkel hat Schröder wenigstens noch einen Rahmen nachgereicht, in dem sein Handeln stünde, nämlich den sozialen Ausgleich unter zeitgemäßen Bedingungen.

Und damit zum Zentrum dessen, was dieses Posting so interessant macht: Merkel steht ja genau gegen all das, was dieses Land lebenswert macht. Kopfpauschale statt Bürgerversicherung - da ist trotz der Vision der Senkung sogenannter Lohnnebenkosten eben eine Solidarität nach dem Fürsorge-Prinzip, wo Arme Reichen danken müssen für deren Mäzenatentum, anstatt über Rechte zu verfügen. Ihre Partei hat gegen die Homo-Ehe geklagt, mit Hetze gegen vermeindliche "Ausländer" Hessen gewonnen und kramt immer wieder auf's Neue Leitkultur-Begriffe hervor, die der Vielfalt deutscher Lebenswelten diametral entgegensteht. Sie feiert sich als Personifizierung eines vermeindlichen Gegen-68, obgleich sie a.) ganz offensichtöich gar nicht weiß, was das ist, und b.) damit eine Attacke gegen jene historische Situation fuhr, die Deutschland überhaupt erst lebenswert machte, wirkungsgeschichtlich. Die stützt faktisch Menschen wie Herrn Beckstein, deren reaktionäres Schwadronieren uns strukturell direkt ins Kaiserreich oder Schlimmeres - jetzt Mielke zu erwähnen, wäre wahrscheinlich eine Beleidigung, deshalb erwähne ich den hiermit ausdrücklich nicht und vergleicheHerrn Beckstein auch nicht mit dem - zurückkatapultieren würde. Die steht für eine Entsolidariserung der Gesellschaft, die nach amerikanschem Vorbild dieses Manko durch ein Vulgär-Christentum, wie auch der Papst selbst es mittlerweile vetritt, kompensieren will. Alles in Light-Versionen, aber schlimm genug. Das alles ist unter Umständen bald wieder populär.
Dieses Gefasel über die unpopulären Vorschläge, die der Frau den Wahlsieg gekostet hätten, ist doch an sich zutiefst undemokratisch. Politiker sind dazu da, Volkswillen in Handeln umzumünzen, und da haben sie Lösungen zu suchen und nicht irgendwelchen technokratsichen Quatsch zu verbreiten, der sich Börsenkursen unterwirft und das wohl des Großteils der Bevölkerung überhaupt nicht im Auge hat,stattdessen Eliten fordert. Deshalb waren die Vorschläge ja zu Recht unpopulär. Dem Wortsinne nach eben gegen den Souverän - ich weiß, für viele Unwort des Jahres - gerichtet, anstatt diesen ernst zu nehmen ... höre gerade Joan Baez, freu mich, daß es Stonewall gab, daß es 68 gab, daß es den Tunix-Kongreß, Hausbesetzungen und Alternativkultur und mehrere Friedesbewegungen gab, daß es eine DDR-Bürgerrechtsbewegung und dort auch Dissidenten gab und Feeliuing B. zudem, daß es Brecht und Kant und Adorno und Habermas und Hannes Wader und Ideal und Der Plan und Georgette Dee gab und gibt und daß Wir Sind Helden und Kettcar sich bemühen, dieses Erbe fotzuschreiebn und werde meinerseits nicht auf "Die da oben" warten, wenn's darum geht, Frau Merkel und ihre verdrehte Variante des Heideggerschen Seins nach der Kehre das alles nicht kaputt machen zu lassen. Das ist nämlich das, wofür sie steht ... die Zerstörung der Aspekte Deutschlands, das ich heiß und innig liebe!!!

10.10.05

Wohin denn merkeln, schließ mir, Herr, das Hirn

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Auf Hard-Fi muß ich einfach noch einmal zurückkommen. Deren Album "Stars of CCTV" ist nämlich wirklich sensationell. Lange nicht mehr so viel Spaß gehabt bei 'nem Album. Das lebt aus seiner Energie und nicht wie diese ganzen verschrobenen, hypig aufgemotzten Understatement-Varianten aus der Konzeption. Ist eben wie The Libertines und Maximo Park, aber nicht wie The Strokes oder die gänzlich überflüssigen Franz Ferdinand. Daß ganze Städte Hard-Fi zudem mit diesem häßlichen, schwarz-gelben Überwachungskamera-Pict zugepflastert haben spricht zudem für sie. Ist eigentlich 'nen Kommentar zum heutigen Tage, da Frau Merkel antritt, uns alle in Zukunft mit tiefer Scham zu belegen ... wie ein Belag auf der Zunge wird ihre Regentschaft sich anfühlen. Merkel klebt. Sie ist das Gegenteil von Stil und hat ihren ...

... Job ja auch nur wegen eines Artikels in der FAZ, als der Rest der CDU zu feige war, sich von Kohls Spendeneinsammelgebahren zu distanzieren. Genau daran sollte man heute erinnern, genau so macht die Frau Politik. Punktgenau Interventionen in Machtkampfen und ansonsten nicht viel mehr als der Versuch, so eine Art Mainstream aus den Wirtschafts- und Feuilletonseiten einschlägiger Gazetten herauszuspüren. Mit der Hard-Fi-Kamera hat das viel zu tun. Die ist auch ein grelles Ding, das plötzlich überall auftaucht. Und wenn's wie oben an Gittern klebt, hat man auch die CDU-Innenpolitik in ihrer Häßlichkeit und Simplizität ins Bild gesetzt. Ansonsten bleibt eben nur die allgegenwärtige Kamera, die nichts mehr sieht, weil sie zu viel erfassen will ...

Was reimt sich auf Kardamom?

Ganesha.jpg
Ist so wichtig auch nicht. Hauptsache, es schmeckt. Bin mir ja sicher, daß Hindu-Gottheiten das Rad des Lebens am Laufen halten, z.B. Ganesha, der Elefantengott. Und deshalb schmeckt indisches Essen so köstlich. Man nehme 35 grüne Kardamom-Kapseln und bemühe sich, sie mit ein wenig Wasser zu einer Paste zu verrühren. Gebe diese mit 2 Teelöffeln schwarzem Pfeffer in ein wenig heißes Öl und schwitze sie 2-3 Minuten an. Dann kommt 1 kg Lamm hinzu, 1 TL Kurkuma, 1 TL Chili-Pulver und 2 TL gemahlener Koriander. 10 Minuten braten, viel Wenden, daß nix ansetzt. 3 Tomaten und 125 ml Joghurt dazugeben und das ganze gar köcheln. Je nachdem, wie hoch die gewünschte Geschmacksintensität dann sein soll, kann man bis zu 1l Wasser hinzuschütten und dann dieses Wunder von Lamm in Kardamom genießen ... spüren, wie sich die Gefäße weiten und Leben pur über Geschmacksnerven durch alle Zellen dringt ... mir und Ben hat's gestern super geschmeckt!

09.10.05

Medien über Medien

Sie wurden wüst gescholten. Vom Kanzler, vor Millionenpublikum. Und ein Inneninister namens Schily nimmt das Heft des Handelns in die Hand und läuft Amok gegen den Cicero. DIE MEDIEN. Immerhin, ganz vereinzelt wird jetzt die eigene Rolle thematisiert. Was dabei raus kommt, kann unterschiedlicher nicht sein. Das macht den Vergleich lohnend. Giovanni di Lorenzo schreibt in DIE ZEIT wie üblich Nichtssagendes und versteht alles falsch. So kann das, was die FRANKFURTER RUNDSCHAU dazu schreibt, auch als Kommentar zum obersten DIE ZEIT-Nivellierer gelten ...

Weil: Nivellieren verstehe ja zumindest ich als Abschneiden der Spitzen und Tiefen, und stellt man sich das als eine Kurve vor, dann wird diese flach. Ein tiefgreifendes Mißverständis des vermeindlich Populären macht DIE ZEIT ja mittlerweile beliebig, und ähnlich unwichtig und doch ärgerlich auch die Gedanken des Chefs. Erschienen ist das bereits vorletzte Woche. Oben drüber steht scheinbar zustimmungsfähig: "Wenn Journalisten Stimmung machen, setzen sie ihr höchstes Gut aufs Spiel: Die Glaubwürdigkeit." Als könnten Journalisten umhin, Stimmung zu machen. Selbst das nüchterne Aufbereiten von Fakten erzeugt Stimmungen. Selbst wenn sich Journalisten für eine Partei aussprechen, eine Kandidatin mit Gründen favorisieren, dann ist das ja noch lange nicht unglaubwürdig. Weil man es eben falsch oder richtig finden kann. Dem entgegengesetzt steigt Herr Dilorenzo dann mit einem "Vielleicht" am Anfang seines Textes bereits tief hinein in die Pfütze seiner üblichen Uneindeutigkeit. Wer etwas sagen will, steigt nicht mit "Vielleicht" in Texte ein. Dann jedoch behauptet er eine ganz eindeutige Blamage der Medien, weil diese auch einen klaren schwarz-gelben Sieg erwartet hätten. Wieso ist das eine Blamage? Das ist falsch vermutet oder prognostiziert, aber was hat das mit "blamieren" zu tun? Blamieren tut man sich vielleicht, wenn man aus der Rolle fällt - etwas Peinliches tut, beispielsweise im Vollrausch als gutsituierter Familienvater die 16-jähirge Nachbarstochter anbaggert oder als Bundeskanzler die Gnade der späten Geburt beschwört, aber doch nicht, wenn man glaubt, das Volk könne Frau Merkel wählen ...
Immerhin: Im Gegensatz zu sonst so manchem Artikel begründet Herr DiLorenzo anschließend. Sonst wird er ja nur mal sagen dürfen wollen. "Das Sensorium für die Menschen außerhalb des politischen Geschäfts ist stumpf geworden." Okay, Zustimmung. Dann plänkelt er noch ein wenig vor sich über Rituale innerhalb des eigenen "politischen Betriebes" und formuliert Triviales wie z.B. die Politikern zugeschriebene Position: "Jeder positive Bericht ist objektiv, jede Kritik aber eine Kampagne". Das enthält so etwas Pubertäres, als seien Politiker dann etwas, dem schülerzeitungshaft man wie der Schulsprecher dem Lehrer gegenüber sich zu verhalten habe. Und er plaudert aus seinem Bild von DIE MEDIEN, auch ein wenig aus dem Nähkästchen, von verschiedenen Großverlagen, von politischen Korrespondenten, die "über Dekaden auf eine Partei und auf wenige Politiker spezialisiert" seinen, "ihnen wird er mit den Jahren zum Duzfreund und zeitweiligen Berater. Die jüngeren Kollegen hatten zum Aufbau solcher Beziehungen nicht mehr die Zeit und auch nicht die Lust." Außerdem seien sie eben parteiunabhängiger und würden scheinbar undogmatisch sich eben von Thema zu Thema immer wieder neue, eigene Meinungen bilden.
Genau hier freilich hat man nun mal dem Herrn Dilorenzo auf die Finger zu klopfen. 1.) In seinem gesamten Artikel geht es um Großverlage und Zeitungen. Das z.B. von Schröder zentral gegeißelte Medium, das Fernsehen, findet hier gar nicht statt. Das ist freilich das Dilemma von einem, der selbst sich offensichtlich als Teil eines politischen Geschäfts sieht, wobei dann auch die "politics", die Machtkämpfe und Strategien in und zwischen eben diesen Großverlagen, in seine Wahrnehmung hineinspielen. Nur so erklärt sich die Conclusio des Artikels, die Glaubwürdigkeit von DIE MEDIEN würde eben auch aufgrund von Ununterscheidbarkeit der großen Blätter und des Verzichts, sich wechelseitig zu kritisieren, entstehen. Das Argument der Ununterscheidbarkeit ist stichhaltig, der Herr ZEIT-Verwässerer trägt ja aktiv dazu bei. Das ist aber zugleich eine derartig absurde Binneperspektive, daß eine grundsätzlich ansetzende Medienkritik so überhaupt nicht stattfinden kann. Man kann nicht Radio und Fernsehen außen vorlassen und schon gar nicht eben diesen nivellierenden Begriff des Populären, der doch genau führt, auf kurzfristige Pointen zu setzen und je nach "Treffer, versenkt" Journalismus zu betreiben. Es ist Quatsch, dieses "Bei jedem Thema neu" zu feiern, zeigt es doch lediglich, daß kurzfristiges, auf den Effekt zielendes Denken eben jenes in einem angemessenen Kontext situierte mittlerweile ersetzt.
Die Antwort der Frankfurter Rundschau auf dieses verlagsweltimmanente Verfehlen (fast) aller entscheidenden Pointen: ""Es geht aber nicht nur um die eitlen Auftritte Einzelner. Es lassen sich auch strukturelle Bedingungen ausmachen. Da ist zunächst die Dynamik, die sich aus der Nähe zischen Politikern, Lobbyisten und Journalisten ergibt." Damit meint Herr Stephan Hebel, Autor des Leitartikels der gestrigen Ausgabe der FR, wohl auch Herrn DiLorenzo, siehe oben.""Wer erlebt hat, wie erst in Hinterzimmern und dann in vielen "Leitmedien" das Wort Reform zum Synonym für Staats- und Sozialabbau umgedeutet wurde, mag etwas von den meist unbewußten Verlernprozessen ahnen, die da ablaufen. Wer hier noch Worte wie Aufklärung oder Gerechtigkeit im Munde führt, muß aufpassen, nicht hämisch-mitleidig ins Abseits gelächelt zu werden." Ein Unterschied ums Ganze: Herr DiLorenzo setzt, ganz der Lieschen-Müller-Schule treu seiend, bei Journalisten-Biographien an und redet von Zeit und Lust, die diese haben. Die FR diagnostiziert Strukturelles - und ist näher an der Wahrheit. Herr DiLorenzo beschreibt Inhalte wie das Votieren für eine Partei. Die FR deutet eine Diskursanalyse an, in der manches Wahre und Richtige nicht mehr als wahr und richtig gilt, weil eine Durchmischung der medialen, ökonomistischen und politischen Diskurse unter nur einem Vorzeichen, dem neoliberalen Nachgeplapper ohne Sinn und Verstand, sich längst vollzogen hat. Und genau darin liegt der Glaubwürdigkeitsverlust der Medien: Daß sie eben trotz sprachlicher Glättung, radikaler Personalisierung von allem und jedem und "Popularität" der eigenen Produkte, alles ja vermeindlich leser- und zuschauerfreundliche Prinzipien, sich von der Lebenswirklichkeit breiter Bevölkerungsteile schlicht abgekoppelt haben und stattdessen in einem Berliner Phrasenbrei gedanklich verrecken. Mit Worten der FR: "Die lautstark aufbereitete Vereinfachung erscheint verkaufsfördernder als die differenzierte Auseinandersetzung mit komplexen Verhältnissen." Das schreiben Sie sich bitte hinter die Löffel, Herr DiLorenzo (wie schreibt man den jetzt eigentlich wirklich?). "Hinzu kommt: In Zeiten von Personalabbau und Arbeitsverdichtung wird nicht nur Recherche zum Luxus." Somit schreiben all jene, die im Zeichen der vermeindlich alternativlosen Wahrheit für einen bestimmten Reformbegriff votieren und diesen totalisieren, sich ihre eigene Existenz-Basis weg. Wo keine Recherche mehr stattfindet und keine Reflektion erlaubt mehr scheint, da gilt nur noch bloße Meinung ... und sei sie auch so eingeschränkt nur Welt begreifend wie die von Herrn DiLorenzo. Genau darin liegt derGglaubwürdigkeitsverlust von DIE MEDIEN ... Meinung kann ich mir, statt sie mir von Journalisten vorbeten zu lassen, weit unterhaltsamer in der Eckkneipe besorgen. Oder in einem Blog ....

Der Herr Gender

Manchmal, ganz plötzlich inspiriert es doch: Das Fernsehen. heute, am verschlafenen Sonntag-Morgen bleibe ich stumpf zappend an einem Film mit dem Titel "Gelesen, Gelacht, Gelocht" hängen. Ein auch im Bild agierender Autor namens Thomas Leif demaskiert lustvoll, originell montiert und erzählt "Die Beraterrepublik". Mehr dazu unter http://www.phoenix.de. Stellt dar all die intitutionalisierten Absurdiitäten, die mit mehrstelligen Millionenbeträgen staatlich gesponsort klamm und heimlich Macht und Diskurshoheit in der Republik erobert haben: McKinsey, Roland Berger und Co. Diese praxisfernen Ideologen, die ihrem Harvard-Buisnes-School-orientierten reinen Zahlenwissen folgend ganze Landstriche und komplexe Instutionen durchscannen, auf daß diese auch dann das Geld nicht einspielen, das sie zuvor für die Berater ausgegeben haben. Lieblingsbeschäftigung solcher Leute:

Virtuelle Kosten erfinden und durch diese instituionsinterne Abteilungen erst zu gängeln und zu geißeln, um sie dann durch ein faktisches Mehr an Bürokratie vollends zu lähmen. Hintergrund ist, daß diverse Infastruktur- und interne Dienstleistungen in komplexen Wirtschaftssystemen sich selbst nicht refinanzieren, sondern als interne Dienstleistungen genutzt werden. Die Kosten für diese tauchen in der Regel als Verwaltungsumlagen in den Budgets wertschöpfender Abteilungen auf. Um nun die wertschöpfenden Nutzer der internen Dienstleitungsstruktur zu disziplinieren, stellt man z.B. 5 Euro pro Video-Band, das aus einem Archiv geholt wird, z.B. Redaktionen in Rechnung. Plötzlich haben diese immense Kosten auf der Uhr, wenn sie das interne Archiv nutzen - Kosten, die in der Regel höher sind als die ursprüngliche Verwaltungsumlage (weil auch dieses übrigens eine beliebte Methode ist, versteckte Gewinne zu erzielen). Um diese zu vermeiden, gehen die Redaktionen lieber gleich an externe Archive und lizensieren für teures Geld dort Bildmaterialien, weil sich das in Budgets besser darstellen läßt als die Schuld an internern Verwaltungskosten. Faktisch werden die Kosten so jedoch viel höher, zudem die realen Kosten, die entstehen, um Bänder zu lagern und Archive zu organisieren, in keiner Relation zu den von Beratern erfundenen, virtuellen Kosten von 5 Euro stehen. Bei der Festlegung solcher Summen geht's um Eigen-Marketing der Berater, und 5 Euro hören sich so schön rund an ....
Zweiter Effekt ist, daß die internen Ressourcen nicht mehr genutzt werden, was sich auf die Produktqualität negativ auswirkt und zudem geradezu zwangsläufig den Ruf nach "Outsourcing" der sich nun gar nicht mehr refinazierenden, internen Dienstleistungsabteilung nach sich zieht.
Im Zuge der Umwandlung in eine vermeindlich sich selbst tragende, wirtschaftliche Einheit - z.B. eine GmbH - passiert dann eben spiegelbildlich das makroökonomische Desaster mit dem einst eigenen Archiv ... es werden 50% des Personals gefeuert, aufgrund von Beratern und der Sozialabgaben, die entstehen, weil übertall 50% des Personals gefeuert werden, und in der Regel ist das Archiv als eigenständige Einheit binnen kurzem pleite. Es gibt ein paar Arbeitslose mehr, tolle Ressorucen werden geschreddert und die Berater haben sich eine goldene Nase verdient.
Der Effekt auf das Muttersystem, das sein ursprüngliches Subsystem in die Umwelt entließ, bleibt wirksam: Die Programme werden schlechter und teurer, es fällt zusätzlicher Personlaufwand an, der sich numehr um die Arbeit mit Fremdarchiven kümmert. Um sich das leisten zu können, feuert man ein paar Redakteure und hat am Ende ähnliche Kosten wie zuvor bei den ursprünglich von den Beratern als zu hoch empfundenen Verwaltungsumlagen, aber weniger Leute, die sich um's Produzieren kümmern.
So ins Detail ging die Doku nicht, die Kernthese, daß Gutachten a.) eh nix bewirken, weil zumeist sie in Papierkörben landen und b.) interne Strukturen wie Verwaltungen eines Bundeslandes selbst jederzeit in der Lage wären, die Diagnostik selbst vorzunehmen, diese Resource jedoch ungenutzt bleibt und deshalb faktische doppelte Kosten entstehen, eben die für die eigene Verwaltung und jene für die Berater, wurde von Herrn Leif äußerst lustvoll, intelligent und informativ breitgetreten.
Am lustigsten war der Herr einer freiwilligen Feuerwehr irgendeines Dorfes irgendwo in Deutschland. Der war beteiligt an der hoch budgetierten Arbeitsgruppe "Gender-Mainstreaming". Und erläutertete wortreich, dieses Programm sei eben nach seinem Erfinder, dem Herrn Gender, benannt ...

08.10.05

Überall sind Lebewesen

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Wenn das mal kein Bild für Sneakerfetischisten ist ... und die Art, wie der Mann mit den unglaublichen Augen seinen Hals dem Betrachter entgegenreckt, entspricht dem, was Günther Bloch http://www.hundeschule-eifel.de in seinem Buch "Der Wolf im Hundepelz" als Imponierverhalten beschreibt: Wenn ich meinem Gegenüber den Hals entgegenrecke und ihm somit meine verletztlichste Stelle präsentiere, demonstriere ich Dominanz. Was ja nix macht, Jungs sind ja eh oft wie die Hunde. Diese hier sind Hard-Fi, und deren Album ist ziemlich sensationell großartig. Macht Spaß, hat Schwung, ist sexy. Beinahe wären sie gestern noch auf unsere Party gekommen, die Jungs von der Band, weil meine elfengleiche, blonde Volontairin sie beim interview so bezaubert hat, daß sie von ihr zur Party eingeladen werden wollten. Waren aber doch nicht da. Dafür hat die unvergleichliche Noah Sow http://www.noahsow.de uns ein Akustik-Set geschenkt, und das war traumhaft. Wie die Party sowieso - Dank Tom und Monique und Gerd und Fred und Gondo und seinem Hundekorb für Momo und all den anderen, ungenannten. Auch wenn Hamed mir wieder zu Unrecht unterstellte, ich sei islamophob, dabei liegt mir das völlig fern - und dann fliertet der ständig und merkt das noch nicht mal. Nur Erik Hauth war nicht da http://www.ringfahndung.de, obwohl er eingeladen war. Und so weiß ich immer noch nicht, wie ich dieses scheußliche Layout hier ändern kann, weil ich ja nicht so der Movable-Typ bin ...

07.10.05

Mit Kunden einen trinken gehen

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Dann doch'n Schädel. Soviel Bier ja sonst eher beim Fuball inhalierend - bin ich gar nicht mehr gewohnt. Da war man plötzlich in Kneipen, in die man nie reinwollte und wo's dann doch ganz schön war - dem Mandaley oder so am Pferdemarkt. Und freut sich, noch im Irgendwo des Restalkohols sich selbst suchend, daß es so nett sein kann, mit Kunden einen trinken zu gehen. Weil's sich freundschaftlich anfühlte. So weiß man dann des Morgens wieder, daß erfolgreiches Wirtschaften eher ein Nebeneffekt von wechselseitigem Vertrauen und Teamwork ist, nicht das Resultat von Gewinnmaximierungsstreben, stumpfem Gepose und Sichselbstverkaufenstrategien: Mein Wort zum Freitag. Und müßte jetzt, so leicht zerschlagen, Buddah folgen und sehne mich doch nach Shiva ....

06.10.05

Die Frustrierten

Ist ja zur Mode geworden: Böse, unzulänglich und ungerechtfertigt ist, wer frustriert ist. Heute im MoMa war es der Herr Merz, der von der CDU. Den mag ich zwar auch nicht, aber seine Kritik an Frau Merkel wurde von ARD-Offiziellen darauf zurückgeführt, daß er eben frustriert sei, weil er keine Chance für sich Kabinett sähe. Vorher nutzte in berühmten Zitaten der Vorsitzende einer christlichen Partei diesen Ausdruck zur Diffamierung ganzer Landstriche. Ja, Leude, kann's dennn wahr sein? Nur wer frustriert ist, kann bewegen! Ein bißchen mehr Verständnis für jene bitteschön, die noch in der Lage sind zu artikulieren, daß ihre Bedürfnisse nun auch mal dran sind! Es ist boshaft, dieses rhetorische Mittel zu nutzen und zeigt ein Menschenbild, das ungefähr dem unsäglichen "Willkommen auf der Erfolgsschiene!" im Zuge Metropolitan, Gott habe ihn selig, entspricht ... und das sollte, gemeinsam mit der New Economy, nun langsam mal untergegangen sein. Ich bin stolz auf meine Frustration!

Hi Ix!

Bin zu blöd, diese Software richtig zu bedienen, stamme noch aus der Schreibmaschinengeneration (ganz knapp aber nur!). Deshalb statt Antwort auf Kommentar-Ebene neuer Eintrag. Ja, läuft auf Ringfahndung, diese Seite, bin aber ein ganz eigenständig denkender Mensch und auch kein verkappter Erik-Klon und war aufgrund von Kämpfen mit der Software auch noch nicht in der Lage, ganz ordentlich ein Impressum anzulegen, sorry, folgt. Formal war meine Kritik an Deinem Eintrag, weil das Boulevardeske eben ein Strukturprinzip ist und nicht primär eine Frage der Inhalte: Man geht die Person an, anstatt bei der Sache zu bleiben. Finde ja inhaltlich die Kritik an der Ringfahndung plausibel, Du bist nur ziemlich persönlich geworden, daß das Gefühl sich einstellte, es ginge um das Vorführen Eriks únd nicht etwa um dessen Vorgehen im Rahmen eines Blogs. Und der Boulevard vermengt eben diese beiden Ebenen konstant, deshalb ist ja z.B. auch der Spiegel streckenweise als Boulevard-Medium zu begreifen. Und die Personalilsierung im Rahmen des Politischen ist auch boulevardesk und deshalb so gemeingefährlich, herr Schröder. Da geht's um Vorführen und Schlachten. Und das hat mich geärgert. Was jetzt zunächst mal gar nicht Deine inhaltliche Kritik tangiert ...

05.10.05

Dieser Hund klagt an!

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Das ist nämlich einer auf diesem Riesenfoto. Bin nur zu blöd, es zu verkleinern. Zunächst klagt er ix von http://wirres.net an, weil der nicht weiß, wie man kritisiert, ohne Personen zu diskreditieren. Schreibe ich nicht, weil Erik von http://www.ringfahndung.de mir hier das Bloggen ermöglicht, sondern auch, weil dieser ein guter Typ ist, und zudem, weil der Versuch des öffentlichen Schlachtens von Personen eben boulevardesk sind. Und wer boulevardesk agiert, sollte auch im Glashaus bleiben. Da ist selbst jener Hund dort oben empört, der zuvor wirres.net so gerne mochte wegen des tiefen Verständnisses für die demütigende Haltung des Hundes beim Scheißen.
Und wo wir schon beim öffentlichen Schlachten von Personen sind: Das gönne ich noch nicht einmal Horst Becker von der GAL Hamburg. Ich wüte hier seit Wochen gegen den Richtigen mit falschem Namen - nicht Behrens, sondern Horst Becker heißt er. Hiermit schäme ich mich öffentlich, bei der letzten Bürgerschaftswahl eine Partei gewählt zu haben, die Herrn Becker in ihren Reihen duldet. Ich zitiere:

"Eben deshalb empfinde ich Ihr Verhalten als anmaßend und werfe Ihnen Realitätsverlust vor: Sie denken, Sie HABEN das Problem. In Wirklichkeit SIND Sie das Problem." Nachlesen kann man solche Sätze eines gewählten Volksvertreters an seine Wähler unterhttp://www.doggy-x.de.

Conclusio:

1.) Bevölkerungsteile sind anmaßend, wenn sie das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben einfordern.
2.) Bevölkerungsteile sind ein Problem. Das zum Thema "Liebe Wähler ..:"

Weiter: "Das Kollektiv der (...) hat sich nicht im Mindesten lernfähig oder wenigstens einsichtig gezeigt, bekommt es aus sich selbst heraus nicht fertig, die Belästigung bzw. Gefährdung zu reduzieren. Deshalb wird der Gesetzgeber tätig und versucht jene Dinge zu gewährleisten, die eigentlich in Ihrer Pflicht gelegen hätten."

Das ist in der Tat eine interessante Sicht der Dinge. Gewählte Volksvertreter konstruieren also Kollektive und nehmen diese dann in eine Art Kollektivhaftung - weil diese in ihrer Gesamtheit a.) nicht lernfähig und b.) nicht "einsichtig" (ja, in was denn?) seien. Das Kollektiv als Rechtssubjekt, sozusagen ...

Das ist eine mir in der Tat neue Sicht des Politischen ... diese Konstruktion des Kollektivs und dessen Einsichts- und Lernfähigkeit als Rechtsgrundlage. K-Gruppenvergangenheit, oder wie kommt der Mann auf solche absurden Konstruktionen, die weder deskriptiv noch normativ auch nur halbwegs realitätsbezogenen sind, als Beschreibung der Grundlage seiner eigenen Handlungen?

Auch das nicht schlecht: "In meinem letzten Schreiben hatte ich darauf hingewiesen, dass Sie sich nach meinen Eindrücken mit Ihrem Auftreten im Ausschuss nicht genutzt haben".

Da fehlt nur noch ein "Du böses Kind! Da hast Du's! Heute zur Strafe ohne Essen ins Bett!" Das ist ein volkspädagogischer Impetus, der zum Himmel schreit. Der sieht sich als eine Art Erziehungsberechtigter der Leute, die ihn gewählt haben! Na ja, Volkserziehung hat in Deutschland ja auch Tradition ... in genau dieser steht der Herr normalerweise mit Sicherheit nicht. Warum nur agiert er denn dann so?

"Ihre freundliche Einladung zum Gassi-Gehen werde ich nicht annehmen. Selbst wenn mir dabei die Chance entgeht, vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben zu sehen, wie ein Hundehalter einen Hundehaufen entfernt. Ich brauche die Zeit nötiger dazu, regelmäßig Hundekot von meinem Grundstück bzw. dem Gehweg davor zu entfernen. Und damit ist dann mein Bedarf am Genuss von Hunde-Notdurft mehr als gedeckt."

Es ist schlicht egal, ob's hier um ein Hundegesetz oder etwas geht. Schlimm ist der Gestus des Herren und seine Art und Weise, an sich demokratische Prozesse zu diskreditieren. Und daß er hier final in einem Brief an eine Bürgerin der Stadt Hamburgs in einer kruden Mischung aus persönlicher Betroffenheit durch etwas, Rachsucht und Unterstellungen falscher Sachverhalte (ich persönlich kenne nur Hundehalter, die die Scheiße ihrer Hunde wegräumen, außer den Omis, die sich nicht mehr bücken können; natürlich liegt noch was rum, aber seit es die schwarzen Tütchen gibt immer weniger, und ich bin im Gegensatz zur Meinung von Herrn Becker nicht für anderen verantwortlich, sondern habe individuell verfassungsgemäße Rechte, und außerdem findet doch jeder Bußgelder gegen Hundehaufen richtig, das begründet aber keinen Leinenzwang in Grünanlagen, da wird sogar noch Scheiße instrumentalisiert) sich in eine unzulässige Form der Verwaltung individueller Lebensentwürfe hineinsteigert ist seines Amtes als Fraktionsvorsitzender schlicht unwürdig.

Das ist ja insgesamt so interessant, die ganze Diskussion rund um das Hundegesetz, weil man hier Schritt für Schritt das reale Funktionieren von Politik so hautnah nachvollziehen kann. Und da graust es.

Herr Becker handelt ja noch irgendwie nach Gründen, nur den Falschen, aus einem offensichtlich persönlichen Ressentiment und einem zur DDR analog zumindest scheindenden Verwaltungsverständnis heraus, und zieht sogar noch individuelle Psychopathologien zur Begründung heran. Zitat nach Doggy-x: "Wir stellen in der Abwägung die Belange der Menschen (Gehbehinderte, Ältere, Phobiker, Kinder und Jugendliche, Sportler,Erholungsuchende) in der Wichtigkeit über jene der Hunde."

Grotesk ist der Punkt "Phobiker". Und das ist in der Tat ein Skandal. Das taucht auch in dem Bericht über einen Tag der offenen Tür im Hamburger Rathaus auf, nachzulesen bei: http://www.hundelobby.de. Zitat: "Dem hielt Christian Maaß entgegen, dass es doch aber gerade die wenigen, spektakulären Fälle wären, die durch die Medien für Verunsicherung innerhalb der Bevölkerung sorgten. Daneben müsse man auch dem Sicherheitsgefühl der Bürger Rechnung tragen, denn nicht alle Menschen könnten angstfrei mit Hunden umgehen und auch deren Bedürfnisse müssten die Politiker vertreten."

Das ist ein Schein-Argument, das aber als solches zunehmend Debatten in der BRD bestimmt. Hier werden für die politische Klasse gerade zweckmäßige Ängste instrumentalisiert. Das Schöne an der Hunde-Debatte für Politiker ist ja, daß sie 1.) die politisch grundsätzlich immer funktionierenden, formal zu beschreibenden Mechanismen der Hetze z.B. gegen Ausländer mit gewendeten Inhalten problemlos auf Hunde anwenden können mit der gleichen politischen Wirkung, aber unter dem Anschein politischer Korrektheit und 2.) daß sie suggerieren, Poltik könne noch wirklich was ausrichten, was zum Beispiel beim Thema Arbeitsplätze ja seit 15 jahren ad absurdum geführt wird.

Daß Emotionen wie individuelle Ängste nunmehr als Grundlage für Gesetzesvorhaben herhalten sollen, kann nicht dem Geiste der verfassung entstprechen. Mir machen die Herren Kusch, Schily, Becker, Maaß und allen voran Herr Dressel von der SPD auch eine Heidenangst, aber die hindert ja auch niemand durch neue Gesetzesentwürfe am Handeln. Meine Güte, mit Ängsten muß man in der Großstadt schon fertig werden, und wer's nicht wird, gehört zu Therapeuten und nicht in den Kronzeugenstand von Poltikern wie Herrn Maaß!!! Um mein Sicherheitsgefühl schert sich doch kein Schwein, und das erwarte ich auch gar nicht - wenn z.B. die katholische Kirche gegen Schwule hetzt, verbietet die ja auch niemand. Und dieser Papast z.B. macht mir wirklich eine Schweineangst, und die ist weit rationaler als die vor den meisten Hunden ... vor gewaltätigen Nazis will ich geschützt werden. Ich will aber nicht, daß potenzielles Nazi-Sein bereits unter Strafe gestellt wird, sondern nur faktisches ... Präventiv-Justiz ist verfassungsfeindlich.

Diese Angstmasche - das sind alles Argumente wie jene, die einst eine Ausgangssperre für Jugendliche forderten. Da hatten ja auch irgendwelche Leute Angst ...

Am obigen Zitat zugleich entlarvend ist, daß zugegeben wird, daß wirklich schlimme Vorfälle eben höchst selten sind. Aber gerade das Faktum, daß sie "spektakulär" sind und damit auf die stumpfe Volksseele einwirken, soll nun dafür herhalten, Menschen ihr Recht freie Entfaltung der Persönlichkeit zu nehmen. Einerseits schelten sie einhellig das "Skandalisieren", um andererseits genau damit Gesetze zu begründen!

Und dieses ganze hochnaotpeinliche Gegeneinanderausspielen von Gehbehinderten und Sportlern gegen Hunde. Was für ein Quatsch!!!! Wenn sie doch wissen, daß herzlich wenig passiert, ist das hinfällig - außerdem spielen sie hier Schwache gegen mich aus, und das ist eben Polemik und kein Argument. Da kann man mit derselben Berechtigung fordern, daß Gehbehinderte Parkverbot erhalten, weil sie ständig Joggern den Weg versperren ...

Auch das "Belästigungsgargument" fällt ja oft, wenn z.B. ein Spastiker am Nebentisch sabbert. Ausgangssperre! Wenn das Kollektiv der Spastiker es nicht aus Einsicht und eigener Kraft schafft, dieses widerwärtige Sabbern ein für allemal zu unterlassen, muß der Gesetzgeber halt tätig werden ... eine Schwester von meiner Hündin Momo lebt jetzt als Therapiehund bei einem autistischen Mädchen, daß diese besser mit der Welt klar kommt. Das zur Whrheit über Hunde. Aber auch die scheißt bestimmt Leuten wie Herrn Becker den Vorgarten dicht ...

Es sind Hybris und Ressentiment, die Leute wie Herrn Becker steuern. Hybris, weil sie sich anmaßen, nicht etwa eine verfassungsgemäß geschützte Freiheit als Grundlage ihres Handelns zu begreifen. Sondern als ein Gut, das Menschengruppen - "Kollektiven!" - per Verwaltungsakt ggf. auch zu nehmen ist, wenn sie damit - des Herrn becker Ansicht nach - eben einfach nicht umgehen können. Genau dieses "Wir wissen schon, was gut für alle ist, und regulieren euch notfalls auch ganz natürliche Konflikte auf Kosten von Minderheiten weg!" macht ja parteiübergreifend gerade diese Stadt kaputt. Treibt ihr noch die letzte Kreativität aus und ersetzt diese durch hochkommerzialisierte Massenevents und Elb-Philharmonie und ansonsten Grabesruhe. Dank Verwaltungstätern wie Herrn Becker blutet Hamburg aus ... und in genau diesen Kontext gehört die Diskussion über das Hundegesetz. Wer dafür ist, plädiert für die sterbende Stadt...


04.10.05

Element of Crime hören

Ist ja sowas, wie, naja, Weihnachten, nur eben alle paar Jahre wieder. Schönes Ritual, das im besten Fall warm ums Herz stimmt. Und vertraut. Neues Element of Crime-Album hören. Weiß noch, als "Damals hinterm Mond" erschien, das erste, deutschsprachige Album der Band. Und ich Woche um Woche nur noch dieses Album hörte. Und immer dachte "Das bin ich!", was ja falsch war und trotzdem stimmte. "Ein völlig nutzloser Mensch ist verliebt", "Mach das Licht aus, wenn Du gehst", "Ein Dosenfisch stürzt sich lachend ins Meer". War die Zeit, als allseits Dance und Party jede Melancholie mit tiefer Ächtung belegte. Als jedes Nachdenken mit einem "Spaßbremse" belegt wurde - für 'nen Philosophie-Studenten war das alles schlicht unverständlich, fremd, Exil. Als alle Ecstasy in sich hineinstopften und ich ...

... der einzige Bierrtrinker weit und breit war. Mich immer wunderte, warum die alle immer so gut drauf sind und so eine Irrsinns-Kondition haben. Habe dann eben auch die Dance- und - Grins- und Strahlemann-Grimasse aufgesetzt, bin auch ins Fitneßcente gegangenr, na ja, und dann ging's 'ne Weile ja ganz gut ... ich schob halt weg, was ich war, und bei der ersten ernsten Affäre brach's dann doch wieder hervor ...

Heimlich, dem Party-Wahn im Camelot und Or, später E.D.K entrinnend, hörte ich zu Hause Georgette Dee. Und eben Element of Crime. Träumte vom wahren Leben im Falschen. Ein Stück davon habe ich mittlerweile gefunden ...

Hört sich auch wieder sehr vertraut an, was er da singt, der Herr Regener. Ist ruhiger, nicht so hektisch wie z.B. streckenweise "Weißes Papier", nicht so feige, was Eindeutigkeit, Zynismusfreiheit und Entschwurbelung im Text betrifft. Mehr Mut zum Kitsch, gut so.

Und diese Gitarre, ich weiß noch, wie ich mich schon damals beim ersten Konzert im Westwerk in die Sounds von dem damals blondierten, kleinen Männchen schlicht verliebt habe. Es gibt ja Bands wie BAP, die sich noch nach Besetzungswechseln anhören wie immer, und die sind dann nicht vertraut und heimelig, die langweilen und nerven. Bei Element of Crime wie auch beim Lesen des Herrn Lehmann spüre ich immer, was "Heimat" meint. Die schleppt sich so energetisch wahr daher und dahin, die Musik, und ich fühle mich in ihr Zuhause und sage einfach nur einmal mehr Danke. "Finger weg von meiner Paranoia, die war mir immer lieb und teuer, nie ließ sie mich so kalt im Stich wie Du". Danke für solche Zeilen, meine ich.

Just sing a little louder: Kauder, Kauder!

Die Stunde der Apparatschiks naht. Wenn ich Herrn Kauder von der CDU schon des Morgens verbal marschieren höre, dringt dessen Sprachduktus durch meine Verschlafenheit und ruft gaaaaaaanz dunkle Erinnerungen an Filme wie "Hurra, Hurra, die Schule brennt" wach. Da waren die Lehrer immer so Typen wie Herr Kauder.Das nährt die Hoffnung: Wenn Schröder endlich weg ist, nachdem er die Sozialdemokratie so egomanisch ihrer historischen Substanz beraubte, was dann auch der letzte Wahlkampf nicht mehr wettmachte, schaffen es Typen wie der Herr Kauder, binnen 4 Jahren durch ihr pure Medienpräsenz die CDU auf 10 % herunterzubringen. Dem stellen sich lustvolle Rote wie Wowereit dann entgegen, und endlich gibt's rot-rot-grün. Oder, noch besser, die SPD verwandelt sich wieder in eine sozialdemokratische Partei, und man braucht die Linkspartei gar nicht mehr. Da Herrn Kauder das durchaus zuzutrauen ist, als führender Antityp die CDU auf 10% herunterzubringen, plädiere ich für obigen Gesang in den Fankurven der Republik. Und dann close ups von wahlweise HSV- oder Hertha-Fans oder solchen Leuten halt dazu montieren, und vielleicht wird dann der Traum von 7 % gar wahr ...

03.10.05

3.10. - Verstopfung: Das Wort zur Einheit

Alle regen sich - zu Recht, gibt ja die schwarzen Beutel - über Hundescheiße auf. Hat aber mal jemand eine Hund erlebt, der scheißen will, aber nicht kann? Habe ich heute morgen und das war ganz schön schrecklich. Die Kleine fiepte nur noch rum und war ganz verzweifelt ... ging ans Herz. Sie dachte, ich könne da was tun ... aber was macht man da? Kann kein Zufall sein, daß gerade heute ihr das widerfährt ...

01.10.05

Bitte nicht!

Nicht, daß dieser Tag in die Geschichte eingeht als jener, da der FC St. Pauli den Aufstieg vermasselte und dann langsam, aber sicher zerbrach ... da ist man auf einmal fast neidisch auf des Gegners Mannschaft, wenn die eigene Trupppe nur hilflos rumwuselt und 1 zu 2 verliert ... trotzdem ist's gruslig, da gegnerische Fans zu sehen, die sowas wie 1. Weltkriegs-Euphorie verbreiten und singen, als würden sie marschieren. Selbst wenn sie lustig wurden, waren ja fast liebevoll im Inhalt mancher Gesänge - da wehte was Miltaristisches aus dem Jena-Block durch's Stadion ... das machte die Niederlage symbolisch noch schlimmer ...

Schlammcatchen und ein Morgengebet

Da will man brav in die Hundeschule, um gegen alle Gehorsamstests gewappnet zu sein, und dann sowas von Wetter ... Blick aus dem Fenster ist ja fast wie Blick ins Aquarium, gleich kommt bestimmt 'nen Zitterrochen zwischen meinen Rosen hindurchgeschwommen ... das dürfte das Spiel gegen Jena zu einem echten Schlammcatchen ausraten. Wenigstens muß man sich bei so 'nem Wetter nicht über mangelnden Spielfluß dann aufregen, weil der da eh nicht stattfinden kann. Und irgendwie ist's ja sogar immer ganz sexy, wenn die Jungs durch den Schlamm robben ... bitte, bitte, bitte, gewinnen heute! Lübeck hat schon wieder vorgelegt, Essen gewinnt heute unter Garantie gegen Osnabrück, und wenn Kiel die kleinen Kölner nicht an die Wand spielt, käme das ja einem Wunder gleich .... bitte, bitte, seid Kampfschweine und versenkt sie! Und, bitte, bitte, Herr Bergmann, lassen Sie diesen Dummsinn mit den "hängenden Spitzen" sein! Kein Wunder, daß bei der Ansage das Flügelspiel nur bis kurz hinter der Mittellinie stattfindet, dann alle nach innen ziehen und sich auf den Füßen rumstehen. Und, bitte Jeton Arifi spielen lassen! Der kann wenigstens Flanken schlagen und gefährliche Freistöße treten! Amen.

Mit freundlicher Unterstützung durch:
ringfahndung.de