Nich' immer nur Pop, Leude!
"Von Tokio Hotel aus (ja, nochmal) trifft man mitten in die aktuelle Situation von Pop und Politik, denn von da aus kann man nachdenken: Über die Rolle des Zeichens, das jetzt endgültig auf der anderen Seite angekommen scheint, was - kein Grund zur Trauer - nicht heißt, dass es von da nicht irgendwann seinen Weg zurückfinden könnte... " (Existenzielles Besserwissen)
Merke: Ohne Diedrichsen kommt man schon mal gar nicht aus, und sei's auch nur, um wie Herr Porschardt sich ...
... gegen diesen zu positionieren und eine Schein-Diskussion über die Notwendigkeit des FDP-Wählens als Popist anzuzetteln. Da offensichtlich sich alle fürchterlich langweilen, diskutieren sie dann mit (ich ja auch, und auch der hier).
Dort, in die Gegenwart, findet sich unter anderem Bemerkenswertes zitiert: „Heute haben sich nur die Vorzeichen geändert“, sagt Dietmar Dath, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Früher herrschte die Meinung: Pop sei etwas für Dumme und deswegen schlecht. Heute heißt es: Dieter Bohlen ist etwas für Dumme, also ist es gut.“ Und ein guter Abriß über die Historie des Popjournalismus ist dort auf verfaßt.
Aber zurück zum existentiellen Besserwissen. Erstaunlich ist, was so alles als selbstverständlich vorausgesetzt sich dort findet. dafür muß man den text dann einfach nur, dem obigen text folgend, weiterlesen.
Z.B. wird dort die Behauptung formuliert, den Mainstream gäbe es nicht mehr, der sei in Bröckchen aufgesplittet. Oder auch auch der Gedanke, das Zeichen sei jetzt endgültig auf der anderen Seite angekommen. Welches denn? Und auf welcher Seite? Dann geht der Text noch weiter, einfach dort lesen. Als stärkster Tobak wird die These formuliert, daß man sich von sowas wie Öffentlichkeit verabschieden müsse und deshalb auch gleich mit von der Gegenkultur. Diese Öffentlichkeit sei durch Zielgrupppen faktisch ersetzt. Weil man sich auf die eigene Ökonomie der Nische konzentriere. Na, und dann eben der unerläßliche Diedrichsen, der die Bildung von Horden statt Banden verkünde ...
Das liest sich zwar alles ganz locker weg, aber was meint der Autor?
Zur Vertiefung verweist er auf die Neue Züricher Zeitung. Zitat: "Das Beispiel der deutschen Boygroup Tokio Hotel zeigt: Die einst subversive Symbolik der Popkultur verliert sich in den Posen eines pubertären «radical chic». Kritik und Subversion manifestieren sich im Pop heute eher in der Gegen-Ökonomie von Nischen."
Da wird zunächst einmal die Sache mit dem Zeichen klarer. Wer klärt? Klar, Diedrichsen. «Die Popmusik ist in einer Phase angelangt, in der das Zeichen nicht mehr auf seine Bedeutung verweist, sondern geil ist, weil es wohlgeformt ist», so wird er zitiert. War das denn jemals anders? Hat die Tolle von Elvis auf ihre Bedeutung verwiesen, und fand der die nicht geil? Fand der Punk die Sicherheitsnadel ungeil, und war ihm deren mit Bedeutung geschwängert sein so bewußt wie dem Interpreten, Herrn Diedrichsen zum Beispiel?
Wenigstens habe ich mittlerweile begriffen, daß ich mich hier schon wieder mit dem Gleichen beschäftige wie bereits vor ein paar Tagen: Mercedes Bunz. Und wahrscheinlich ist der BLOG-Eintrag als Zusammenfassung seines eigenen Artikels zu verstehen?
Egal. Der Text in der Neuen Züricher Zeitung schreitet unaufhaltsam fort. Zentrale Gedanken sind die folgenden: Es gibt keinen Generationskonflikt mehr, über den Pop sich definieren könne. Okay, darin kann man dann in der Tat sowas wie eine Bedeutung von der Elvis-Tolle sehen. Aber war der subversiv? Ich fand den immer eher ziemlich offensiv ...
Es gäbe eine Vielfalt von Medien, steht da weiter. Und Antwort auf all das sei die Ökonomie der Nische, die im wesentlichen darin besteht, daß ein paar Bands und ein paar Kumpels sich zusammentun und gemeinsam wirtschaften.
Das ist alles sehr und sehr sympathisch, aber 1.) ist kein einziges dieser Phänomene neu oder der Jetzt-Zeit-Punkt einer Jahrzehnte währenden Entwicklung und 2.) ist das mit dem Arm durch die Brust ins Auge - oder wie auch immer dieser Sprach-Gag nun genau sich auch formulieren mag - argumentiert. Es fällt dann nämlich plötzlich der folgende Satz:
"Man muss einen Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse werfen, wenn man verstehen will, welche Beziehung heutzutage zwischen Popmusik und Politik besteht."
Ja, eben! Das war nur nie anders. Am besten fängt man da auch lieber gleich mit an, will man Pop beschreiben, und zaubert das dann nicht als A-Ha-Effekt hinterher zur Verblüffung aller aus irgendeinem alten Hut. Die Subversion irgendwelcher Zeichen, die von Seite zu Seite wechseln, bringen diagnostisch wenig.
Problem dieses ganzen Gedankenganges ist, daß ästhetisch-immanente Betrachtungen bei wirklicher Politik sowieso nie landen, sondern z.B. im Punk immer schon als ästhetisierte Politik auf den Plan trat und somit auch immer "nur" Lifestyle-Politiken waren, dies häufig im Rahmen eines - in der Tat - Generationskonfliktes: Ob nun freie Liebe oder No Future, über "Make Love, not war" als politische Forderung kam Pop doch nie hinaus, und das hieße auch, ihm ein bißchen zu viel zuzumuten.
Auf der Ebene der Lebensstile konnte er tatsächlich immer mal wieder was wirken, weil Stil eben ein Begriff aus der Welt der Ästhetik ist. Aber sonst? Die Wirkung von Pop ist auch deshalb so flüchtig wie ein Geschmacks-Wechsel in Sachen Klamotten - auch so ist erklärlich, warum z.B. einige Punks dann rechte Skins wurden. So erklärt sich auch das Nervtötende vieler linker Glaubensbekenntnisse (bis hin zu "Give Peace a Chance"): Ästhetisierte Moral landet eben allzu häufig beim Kitsch, das kann man in jeder katholischen Kirche auch beobachten ... und natürlich auch mögen.
Auch die Ökonomie der Nische hat man früher unter anderem schlicht Nachbarschaftshilfe genannt, und die war auch damals schon gut... in der Alternativkultur der frühen 80er ist sie auch offensiv als Politik aufgetreten, und wenn sowas dann bei dem rauskäme, was Mercedes Bunz beschreibt, dann wäre das ja super! Hat mit Pop aber nur insofern was zu tun, ob's nun gerade cool ist oder nicht, in Nischen statt in Banken zu arbeiten ...
Diese ganze unterschwellige Frustration, nicht mehr über "Zeichen" rebellieren zu können, geht doch völlig an den Problemen der Gegenwart vorbei. Fuck Tokio Hotel, die sind einfach völlig irrelevant. Über die braucht man sich wirklich nur den Kopf zu zerbrechen, wenn man ästhetisch-immanent bleibt. Dann braucht man auch Fiske und all diesen ganzen anderen, kulturwissenschaftlichen Thesen-Ballast.
Will man über Politik reden, kommt man aber auch prächtig ohne aus. Das popkulturelle Zeichen, das mir beispielsweise erklärt, wie ich als Kommunalpolitiker den gepflasterten Zugangsweg zum Baggersee finanziere, habe ich noch nicht gehört ... "Im Tretboot in Seenot" ist es mit Sicherheit nicht.
Grundsätzliche Wertvorstellungen lassen sich vielleicht auch noch im Pop formulieren: "Dies ist unser Haus!" z.B. setzt schon sowas voraus wie wert-orientierte Politik, könnte diese aber selbst niemals vollständig artikulieren. Auch "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern". Da wird und wurde immer schon sehr viel aufgehoben in Pop, was er selbst gar nicht einlösen kann. Das blieb Signal, das dann auf größere politische Zusammenhänge verwies wie als ein Symptom eben dieser. Dann kann man aber auch gleich über Politik reden und deren Symptome dann halt anhören und genießen ....
Und auch sonst: Die Behauptung der Nicht-Existenz eines Mainstreams ist schlicht falsch. "Hölle, Hölle, Hölle" ist so einer. Grönemeyer im selben Sinne. Natürlich ist der Mainstream diversifizierter und komplexer geworden, aber den gibt's noch. Teil dessen ist z.B., daß eigentlich schon seit (spätetestens) Mitte der 80er immer weniger Leute Bereitschaft zeigen, sich einer "Szene" oder "Tribe" zuzuordnen und z.B. verschiedenste Musik-Stile parallel hören, aber genau diese Medien-Nutzung ist halt der Mainstream. Und besonders viele Tribe-Zugehörige waren das eh nie. Das ist fürchterlich frustrierend für Pop-Journalisten, deshalb erfinden die ja ständig welche. Was nichts anderes als ein Symptom dafür ist, daß Pop eben lange nicht so weit reicht und so tief dringt, wie viele es gerne hätten.
Die Behauptung der Abwesenheit von Öffentlichkeit und die Strukturierung einer Gesellschaft nach Zielgruppen rechtfertigt all das noch lange nicht. Eine solche Behauptung bedeutet lediglich die Übernahme einer bestimmten Systemperspektive, nämlich der ökonomischen. Bei der Öffentlichkeit ist's wie beim Mainstream: Die ist lediglich komplexer, aber deshalb ja noch lange nicht nicht mehr vorhanden.
Also lieber gleich über Politik, Gesellschaft und Politik reden, als in komplizierten Umwegen Tokio Hotel zu durchleuchten. Den Mercedes Bunz zu lesen macht trotzdem Spaß ... Danke.
























