" /> Metalust & Subdiskurse: November 2005 Archive

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30.11.05

Nich' immer nur Pop, Leude!

"Von Tokio Hotel aus (ja, nochmal) trifft man mitten in die aktuelle Situation von Pop und Politik, denn von da aus kann man nachdenken: Über die Rolle des Zeichens, das jetzt endgültig auf der anderen Seite angekommen scheint, was - kein Grund zur Trauer - nicht heißt, dass es von da nicht irgendwann seinen Weg zurückfinden könnte... " (Existenzielles Besserwissen)

Merke: Ohne Diedrichsen kommt man schon mal gar nicht aus, und sei's auch nur, um wie Herr Porschardt sich ...

... gegen diesen zu positionieren und eine Schein-Diskussion über die Notwendigkeit des FDP-Wählens als Popist anzuzetteln. Da offensichtlich sich alle fürchterlich langweilen, diskutieren sie dann mit (ich ja auch, und auch der hier).

Dort, in die Gegenwart, findet sich unter anderem Bemerkenswertes zitiert: „Heute haben sich nur die Vorzeichen geändert“, sagt Dietmar Dath, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Früher herrschte die Meinung: Pop sei etwas für Dumme und deswegen schlecht. Heute heißt es: Dieter Bohlen ist etwas für Dumme, also ist es gut.“ Und ein guter Abriß über die Historie des Popjournalismus ist dort auf verfaßt.

Aber zurück zum existentiellen Besserwissen. Erstaunlich ist, was so alles als selbstverständlich vorausgesetzt sich dort findet. dafür muß man den text dann einfach nur, dem obigen text folgend, weiterlesen.

Z.B. wird dort die Behauptung formuliert, den Mainstream gäbe es nicht mehr, der sei in Bröckchen aufgesplittet. Oder auch auch der Gedanke, das Zeichen sei jetzt endgültig auf der anderen Seite angekommen. Welches denn? Und auf welcher Seite? Dann geht der Text noch weiter, einfach dort lesen. Als stärkster Tobak wird die These formuliert, daß man sich von sowas wie Öffentlichkeit verabschieden müsse und deshalb auch gleich mit von der Gegenkultur. Diese Öffentlichkeit sei durch Zielgrupppen faktisch ersetzt. Weil man sich auf die eigene Ökonomie der Nische konzentriere. Na, und dann eben der unerläßliche Diedrichsen, der die Bildung von Horden statt Banden verkünde ...

Das liest sich zwar alles ganz locker weg, aber was meint der Autor?

Zur Vertiefung verweist er auf die Neue Züricher Zeitung. Zitat: "Das Beispiel der deutschen Boygroup Tokio Hotel zeigt: Die einst subversive Symbolik der Popkultur verliert sich in den Posen eines pubertären «radical chic». Kritik und Subversion manifestieren sich im Pop heute eher in der Gegen-Ökonomie von Nischen."

Da wird zunächst einmal die Sache mit dem Zeichen klarer. Wer klärt? Klar, Diedrichsen. «Die Popmusik ist in einer Phase angelangt, in der das Zeichen nicht mehr auf seine Bedeutung verweist, sondern geil ist, weil es wohlgeformt ist», so wird er zitiert. War das denn jemals anders? Hat die Tolle von Elvis auf ihre Bedeutung verwiesen, und fand der die nicht geil? Fand der Punk die Sicherheitsnadel ungeil, und war ihm deren mit Bedeutung geschwängert sein so bewußt wie dem Interpreten, Herrn Diedrichsen zum Beispiel?

Wenigstens habe ich mittlerweile begriffen, daß ich mich hier schon wieder mit dem Gleichen beschäftige wie bereits vor ein paar Tagen: Mercedes Bunz. Und wahrscheinlich ist der BLOG-Eintrag als Zusammenfassung seines eigenen Artikels zu verstehen?

Egal. Der Text in der Neuen Züricher Zeitung schreitet unaufhaltsam fort. Zentrale Gedanken sind die folgenden: Es gibt keinen Generationskonflikt mehr, über den Pop sich definieren könne. Okay, darin kann man dann in der Tat sowas wie eine Bedeutung von der Elvis-Tolle sehen. Aber war der subversiv? Ich fand den immer eher ziemlich offensiv ...

Es gäbe eine Vielfalt von Medien, steht da weiter. Und Antwort auf all das sei die Ökonomie der Nische, die im wesentlichen darin besteht, daß ein paar Bands und ein paar Kumpels sich zusammentun und gemeinsam wirtschaften.

Das ist alles sehr und sehr sympathisch, aber 1.) ist kein einziges dieser Phänomene neu oder der Jetzt-Zeit-Punkt einer Jahrzehnte währenden Entwicklung und 2.) ist das mit dem Arm durch die Brust ins Auge - oder wie auch immer dieser Sprach-Gag nun genau sich auch formulieren mag - argumentiert. Es fällt dann nämlich plötzlich der folgende Satz:

"Man muss einen Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse werfen, wenn man verstehen will, welche Beziehung heutzutage zwischen Popmusik und Politik besteht."

Ja, eben! Das war nur nie anders. Am besten fängt man da auch lieber gleich mit an, will man Pop beschreiben, und zaubert das dann nicht als A-Ha-Effekt hinterher zur Verblüffung aller aus irgendeinem alten Hut. Die Subversion irgendwelcher Zeichen, die von Seite zu Seite wechseln, bringen diagnostisch wenig.

Problem dieses ganzen Gedankenganges ist, daß ästhetisch-immanente Betrachtungen bei wirklicher Politik sowieso nie landen, sondern z.B. im Punk immer schon als ästhetisierte Politik auf den Plan trat und somit auch immer "nur" Lifestyle-Politiken waren, dies häufig im Rahmen eines - in der Tat - Generationskonfliktes: Ob nun freie Liebe oder No Future, über "Make Love, not war" als politische Forderung kam Pop doch nie hinaus, und das hieße auch, ihm ein bißchen zu viel zuzumuten.

Auf der Ebene der Lebensstile konnte er tatsächlich immer mal wieder was wirken, weil Stil eben ein Begriff aus der Welt der Ästhetik ist. Aber sonst? Die Wirkung von Pop ist auch deshalb so flüchtig wie ein Geschmacks-Wechsel in Sachen Klamotten - auch so ist erklärlich, warum z.B. einige Punks dann rechte Skins wurden. So erklärt sich auch das Nervtötende vieler linker Glaubensbekenntnisse (bis hin zu "Give Peace a Chance"): Ästhetisierte Moral landet eben allzu häufig beim Kitsch, das kann man in jeder katholischen Kirche auch beobachten ... und natürlich auch mögen.

Auch die Ökonomie der Nische hat man früher unter anderem schlicht Nachbarschaftshilfe genannt, und die war auch damals schon gut... in der Alternativkultur der frühen 80er ist sie auch offensiv als Politik aufgetreten, und wenn sowas dann bei dem rauskäme, was Mercedes Bunz beschreibt, dann wäre das ja super! Hat mit Pop aber nur insofern was zu tun, ob's nun gerade cool ist oder nicht, in Nischen statt in Banken zu arbeiten ...

Diese ganze unterschwellige Frustration, nicht mehr über "Zeichen" rebellieren zu können, geht doch völlig an den Problemen der Gegenwart vorbei. Fuck Tokio Hotel, die sind einfach völlig irrelevant. Über die braucht man sich wirklich nur den Kopf zu zerbrechen, wenn man ästhetisch-immanent bleibt. Dann braucht man auch Fiske und all diesen ganzen anderen, kulturwissenschaftlichen Thesen-Ballast.

Will man über Politik reden, kommt man aber auch prächtig ohne aus. Das popkulturelle Zeichen, das mir beispielsweise erklärt, wie ich als Kommunalpolitiker den gepflasterten Zugangsweg zum Baggersee finanziere, habe ich noch nicht gehört ... "Im Tretboot in Seenot" ist es mit Sicherheit nicht.

Grundsätzliche Wertvorstellungen lassen sich vielleicht auch noch im Pop formulieren: "Dies ist unser Haus!" z.B. setzt schon sowas voraus wie wert-orientierte Politik, könnte diese aber selbst niemals vollständig artikulieren. Auch "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern". Da wird und wurde immer schon sehr viel aufgehoben in Pop, was er selbst gar nicht einlösen kann. Das blieb Signal, das dann auf größere politische Zusammenhänge verwies wie als ein Symptom eben dieser. Dann kann man aber auch gleich über Politik reden und deren Symptome dann halt anhören und genießen ....

Und auch sonst: Die Behauptung der Nicht-Existenz eines Mainstreams ist schlicht falsch. "Hölle, Hölle, Hölle" ist so einer. Grönemeyer im selben Sinne. Natürlich ist der Mainstream diversifizierter und komplexer geworden, aber den gibt's noch. Teil dessen ist z.B., daß eigentlich schon seit (spätetestens) Mitte der 80er immer weniger Leute Bereitschaft zeigen, sich einer "Szene" oder "Tribe" zuzuordnen und z.B. verschiedenste Musik-Stile parallel hören, aber genau diese Medien-Nutzung ist halt der Mainstream. Und besonders viele Tribe-Zugehörige waren das eh nie. Das ist fürchterlich frustrierend für Pop-Journalisten, deshalb erfinden die ja ständig welche. Was nichts anderes als ein Symptom dafür ist, daß Pop eben lange nicht so weit reicht und so tief dringt, wie viele es gerne hätten.

Die Behauptung der Abwesenheit von Öffentlichkeit und die Strukturierung einer Gesellschaft nach Zielgruppen rechtfertigt all das noch lange nicht. Eine solche Behauptung bedeutet lediglich die Übernahme einer bestimmten Systemperspektive, nämlich der ökonomischen. Bei der Öffentlichkeit ist's wie beim Mainstream: Die ist lediglich komplexer, aber deshalb ja noch lange nicht nicht mehr vorhanden.

Also lieber gleich über Politik, Gesellschaft und Politik reden, als in komplizierten Umwegen Tokio Hotel zu durchleuchten. Den Mercedes Bunz zu lesen macht trotzdem Spaß ... Danke.

Wenn das dabei rauskommt ....

... daß jenes Land, das rund um die Homo-Ehe im Vorfeld des Wahlkampfes eine große Schlacht traditionaler Moral entfachte und so zur zweiten Amtszeit des Herrn Bush beitrug, wenn dabei rauskommt, daß westliche Gesellschaften tatsächlich statt neo-christlicher Normalisierung in Abgrenzung zu den systematisch menschenverachtenden Regimen des Nahen Ostens (ja, Israel nehme ich da ganz ausdrücklich aus, nur gut, daß es das da auch gibt!!!) auch zu Hause wieder auf Menschenrechte setzen, dann besteht doch noch Hoffnung...

Nun warte ich jedoch auf Signale, die katholische Kirche unter Herrn Ratzinger endlich zum Thema für den Verfassungschutz zu machen. Es kann nicht sein, daß eine solche gegen die Grundrechte gerichtete Agitation auch noch durch Abführung der Kirchensteuer staatlich gefördert wird.

Übrigens stützt dieser unglaubliche und entsetzliche Schwachsinn, Tetesteron-Spitzen zu verabreichen, all das, was ich seit Tagen hier so alles schreibe ...

Maximo Park - mal'n Hype zu Recht!

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Morgendliches Erstaunen: DIE ZEIT schreibt Vernünftiges über Popmusik! War ja auch erst gegen Maximo Park, weil die SPEX die so hochjubelte. Dann hörte ich sie und war wider Erwarten begeistert. Und sie provozieren zudem Fragen wie die Folgende:

"An dieser Stelle muss deshalb noch einmal gefragt werden: Warum wird alles, was seine Wurzeln im Vertrauten hat, so heruntergemacht? Wir mögen es, wenn Bands nach den Achtzigern klingen – so sie sich, wie Maximo Park, besser anhören, als alles, an das wir uns aus den Achtzigern erinnern können. (Und übrigens auch besser klingen als Bloc Party, mit denen sie immer in einem Atemzug genannt werden.)"

Da kann man jedem Satz aus vollem Herzen zustimmen und ergänzen, daß ja Richard Strauß auch nicht vorzuwerfen war, daß er sich so nach 19. Jahrhundert, nach Wagner, anhören würde ... dafür konnte man dem freilich vieles andere vorwerfen. Bin heilfroh, daß bestimmte Soundwelten der späten 70er und 80er sich refomuliert finden bei Bands wie Maximo Park. Ist halt wie bei den alten Meistern und den modernen Klassikern von Michelangelo bis Van Gogh - wer sich auf diese nicht bezieht, malt halt Scheiße. Und wer ohne Kant philosophiert, sollte es lieber auch gleich bleiben lassen ...

Abzug in der B-Note dennoch:"Und irgendwann muss es dann wohl vorbei gewesen sein mit dem Kunststudentengehabe". Was ist denn nun schon wieder gegen Kunststudentengehabe einzuwenden? Bushidos schwuler Student ist derzeit einfach allgegenwärtig ... das können die so sympathisch schreibenden ZEIT-Autorinnen aber auch nicht wissen, die lesen ja nicht mein Blog. Und sehnen sich nach leidenschaftlichen Männern. Und das ist ja verständlich und nachvollziehbar ...

29.11.05

Schwarz und Schwul

Achtung, Grundsatzreferat. Aus gegebenem, tagesaktuellem Anlaß. Einer aus dem anderen Leben - jenem außerhalb des BLOGS.

Heute in der Hamburger Morgenpost - ein Bericht über Neuinfektionen bei AIDS. Fallbeispiel: Eine alleinerziehende Mutter. Ein wirklich mitfühlender Artikel - dies ist zumindest die Intention des Autoren, und das kann man ja anerkennen.

Rechts daneben: Ein Info-Kasten. Dort spricht die CDU. Ich zitiere hier absichtlich nur jene Sätze, um die's im folgenden gehen wird. Nämlich nicht um AIDS. Nicht, daß es da nicht genug zu sagen gäbe ...

Zitat:

"Hauptrisikogruppe, mit unzureichendem Schutzverhalten, sind schwule Männer zwischen 25- und 29 Jahren, so Dietrich Wersich (CDU). Eine zweite Hochrisikogruppe seien Zuwanderer aus Asien, Afrika und Osteuropa."

Es soll hier auch keine Barebacking-Diskussion folgen. Diese Sätze in sich sind skandalös. Worin besteht der Infomationsgehalt? Asiaten, paßt auf beim Ficken? Über 29 kann man auch ohne Kondom loslegen? Oder nicht doch: Paßt auf, bevor ihr mit Asiaten fickt? Und: Dann liegen uns die Homos später auch nur auf der Tasche mit ihren scheißteuren Medikamenten? Wie zum Teufel kommt man auf eine Eingrenzung der Altersgruppe von 25-29???????????

Eine der diversen Weisheiten von Foucault besagt, daß oft gar nicht primär relevant ist, ob eine Aussage als wahr oder falsch gilt. Relevant sei, was in spezifischen historischen Situationen überhaupt problematisiert wird.

Daß also diese beiden Gruppen mit so einem Scheinbegriff wie "Hochrisikogruppen" belegt werden: Das ist nicht zufällig analog zu jenen Leitartikeln in DIE ZEIT und anderswo, die wahlweise jeden (!) Araber oder Muslim zur tickenden Terroristenzeitbombe erklären. Auch 'n Hochrisiko. (Ist mir jetzt auch zu öde, schon wieder zu betonen, daß ich Islamisten für gemeingefährlich halte ... ja, halte ich!!!) Überall tickende Zeitbomben! Wir müssen uns schützen!

Bezeichnend auch, daß nicht etwa von "Schwarzafrikanern" die Rede ist. Da schreibt man dezent nur Afrikaner. An die traut man sich noch nicht wirklich ran. Deutschland ist doch nicht rassistisch!

Und wehe dem oder der Schwarzen, die von allseits verbreitetem Rassismus im Alltag oder gar Über- und Angriffen zu berichten weiß. Alles Quatsch! Die paar Nazis! Wir sind Deutschland, und wir sind jetzt gut! Solche Reaktionen müssen so dermaßen weh tun ... sie wurden mehrfach mir berichtet. Da reagieren Polizisten und Auf-der-Schanze-und-in-Berlin-Mitte-Latte-Macchiato-Trinker gleich. Wieso, ist doch alles cool! Mach Dich mal locker!

Zurück zum obigen Mopo-Zitat. Da steckt implizit der "Arschficker" mit drin. Als sei nicht die Missionarsstellung unter Heterosexuellen gerade für Frauen nun auch nicht ohne in Sachen Infektionsrisiko. Als gäbe es nicht auch Heterosexuelle, die Analverkehr praktizieren. Überhaupt dieser Irrglaube, schwule Sexualität sei auf Analverkehr reduzierbar. Oder eben "Schwanzlutschen" .... diese Genitalfixierung dessen, was als Sexualität definiert wird, ist ja eh seltsam.

Auch kein Zufall: Eine alleinerziehende Mutter dient als Fallbeispiel der AIDS-Berichterstattung. Das Flittchen. Weiß die überhaupt, wer der Vater ist? Gauweiler hat damals von "Menschen mit hamsterhaftem Sexualverhalten" gesprochen... warum nicht ein Familienvater als Fallbeispiel?

Zurück zu den Schwulen. Nehme einmal mehr Bezug auf Noah Sows Blog. Dort diskutiert sie in Auseinandersetzung mit zwei Kommentatoren die Frage, ob es relevant sei, ob ein Fußballer schwul ist oder nicht. Die Kommentatoren hatten behauptet, dieses spiele doch keine Rolle.

Das ist falsch. Vielleicht wäre das 1995 sogar so gewesen, ich bezweifel dies. Auch Schwule werden in ziemlich kar gesteckten Grenzen lediglich toleriert und in bestimmten Kontexten noch nicht einmal das. Soll heißen: Da gibt es welche, die tolerieren, und andere, die toleriert werden. Die, die tolerieren - klar, daß es denen schlicht egal ist. Sie haben ja die Macht ...

Auch die These, Homosexualität sei doch eh nur ein diskursives und dann internalisiertes Konstrukt von Wissensdiskursen hilft praktisch auch dann nur herzlich wenig, wenn es wahr ist. Es wirkt ja, es gilt. Die meisten Tolerierer sind mit ihren Ängsten und Aversionen beschäftigt - auch und gerade in einem sozialen Raum, in dem Intimität, Zuneigung und geteilte Emotionen zwischen Männern so sichtbar und gegenwärtig sind wie in jenem des Fußballs. Wo die Allergie gegen vermeindlich Effiminiertes aus jeder Fankurve schreit. Die "schwulen Stundenten", die Bushido so haßt, halt. Was hatte ein Markus Lotter bei uns am Millerntor zu leiden, wenn er einen Rollkragenpullover unter dem Trikot trug ...

Hat irgendjemand den mittlerweile häufiger anzutreffenden, schwulen Kommissar in einer heißen Sexszene zur besten Sendezeit gesehen? Liebe - die ist okay. Die fügt sich dem 50er-Jahre-Kitsch-Bild, das Heterosexuelle von ihrem eigenen Gefühlsleben haben ... aber die offensive Darstellung schwuler Sexualität, dafür bekommst Du auf die Nase. Zwangsläufig. Die ist nur in Knast-Vergewaltigungsszenen oder bei Serienkillern erlaubt. Schwule will man süß finden ... aber bloß nicht mit so richtiger, männlicher Sexualität ausgestattet. Da reichen sich Alice Schwarzer und der Papst die Hand. Und gegen all diese vom Mainstream gewollten Zuschreibungen vögeln sie genau in jenem Alter an, da der normale Deutsche Kinder macht, ficken ohne Kondom querbeet und steigern so die Infektionsrate ....

Nächster Punkt: Ab irgendeinem Alter - und auch ab einer bestimmten Hierarchieebene - werden schwule Lebensentwürfe vom ach so toleranten Umfeld schlicht als defizitär empfunden. Wo 'n schwuler Fußballer vielleicht noch 'ne Überlebenschance hätte - ein schwuler Trainer? Niemals!!! Da wird der Kleinfamilien-Glücksentwurf dann totalitär. Wer nicht die Kinderfotos beim Smalltalk auspackt, kann nicht im selben Sinne socializen. Das hat u.U. sogar - liebe Marktliberale - knallhart ökonomische Konsequenzen. Weil's freischwebende Konkurrenz ohne Einbindung in soziale Netzwerke eben nicht gibt. Da muß man schon sehr mehr viel können als die Konkurrenz, um genau dieser Ideologie nicht geopfert zu werden ... bezeichnend, daß gerade Fußballer so überdurchschnittlich häufig schon so früh Kinder in die Welt setzen.

Genau an diesem Punkt setzen auch viele Rassismen ein. Schwarz = Lust. Na, so 'ne heiße Affäre, okay. Die macht das Bier doch auch mit den Backenzähnen auf! Oder den Arschbacken .... hähähä!

Aber das totalitäre Familienglück zeigt sich lieber ethnisch rein ... alle reden immer über die Zwangsverheiratungen unter Muslimen. Deutsche Kultur folgt nicht diesem direkten Zwang. Die spannt die Netze anders. Ein weiße Frau, die einen Schwarzen zum Familienvater wählt? Fragt sie mal, wie deren christliche Anverwandschaft da reagiert, die schwarzen Väter ... unsere freiheitlich-westlichen Werte! Lachhaft ...

Eine Szene, gar nicht so lang her, in der U-Bahn erlebt: Ein junger Lehrer und drei dunkelhaarige Kinder auf einem Vierersitz in der U-Bahn. Die Kids haben die Füße auf die Kante des gegenüber liegenden Sitzes gestellt. Ein älterer, propperer Herr im gelben Genscher-Pullunder kommt vorbei: "Sagen Sie ihren Bastarden mal, sie sollen ihre Füße da runter nehmen." Ich habe mit Lehrer und den Kids gegen den Pullunder-Träger verbal geschossen. Sonst keiner ...

Das alles ist nicht neu. Es erfährt nur aktuell neue Relevanz. Auch wegen des Papstes. Aber auch, weil der gesellschaftliche Mainstream aktuell sich zu schließen beginnt. Weil er Identität erneut aus der Abgrenzung gegen DAS ANDERE speist. Wir sind all das, was die bösen Muslime nicht sind. Deshalb werden Herr Broder und die anderen notwendig Homophobie und allerlei andere Formen der Menschenverachtung hervorbringen. Selbst wenn sie's subjektiv gar nicht wollten. So etwas ensteht strukturell notwendig.

Der selbstgerechte Mainstream ist wieder bereit, Toleranz auch zu entziehen. So lauten ja die Slogans: "Keine falsche Toleranz".

Auch, weil alte Formen des Sichtbaren ihre Renaissance erfahren. Van der Vaart wird Vater! Seite 1 der BILD-ZEITUNG. Wowereit zeigt man nur, wenn er Christiansen knutscht ... und Schwarze nur dann, wie sie entweder die House-, Hip Hop- oder Disco-Variante des Roberto Blanco geben. Oder aber als Gangsta in allen Modifikationen Vorurteile bestätigen. Bushido käme auch nicht in die New York Times, würde er sich nicht als "Staatsfeind Nr. 1" gebährden. Anders will man die alle auch gar nicht sehen ... keine Chance.

Alle verstehen sich als ach so liberal, weltoffen und fühlen sich so unglaublich wohl dabei, so ganz mit sich im Reinen. Das ist ganz klassisch Ideologie - weil unter diesem Oberflächenphänomen aktuell die neue Normalität sich formiert, festigt und selber feiert. Mit ihrer geballten Brutalität...

PS: Zur Vertiefung einfach bei Bedarf auch das hier lesen.

Mein Hund hat geerbt!

Willy.jpg

Na gut, so richtig gut scannen läßt sich das Bullterrier-Quietsch-Tier nicht, aber Danke nochmal, Noah!

Augsburgs wilde Szene

Keine Ahnung, warum im Städte-Streit - nachzulesen u.a. unter http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,387218,00.html - nicht schon das folgende Kriterium herangezogen und leidenschaftlich diskutiert wurde: http://www.sueddeutsche.de/,trt2m1/wissen/artikel/241/65176/.

Der Artikel verschweigt zweierlei:

1.) Inmitten Bayerns ist die Kopfschmerzendichte deshalb am höchsten, weil allerlei Weißbier bzw. Weizenbier-Varianten Brummschädel geradezu notwendig hervorbringen.

2.) Und: Am lustigsten ist's gar nicht in Metropolen wie Hamburg oder Berlin. Da masturbiert man nur fröhlich auf die eigene Wichtigkeit, die tollsten (und grundsätzlich gänzlich irrelevanten, überflüssigen, nervtötenden) Szenephänomene und tanzt um allerlei Hypes wie um's goldene Kalb.

Richtige Spaß-Fähigkeit erwirbt hat man hingegen nur und ausschließlich nur in Städten mit Einwohnerzahlen unter 250.000. Kann man auch nachlesen unter http://www.whudat.de/?p=495. Holsteiner Fun-Export in's satte, selbstgefällige Hamburg ... und Berlin ist ja noch nicht mal satt, sondern nur selbstgefällig. Als Conclusio der bundesweiten Kopfschmerz-Konkurrenz ist also nur zulässig die folgende: Je trinkfreudiger die Provinz-Metropole, desto mehr.

Somit plädiere ich hier für die Verlegung der Bahn-Zentrale nach Augsburg. Die Jungs und Mädels von der Bahn, die ständig hochaggressiven Verbalinjurien in verspäteteten und überfüllten Zügen ausgesetzt sind, müssen doch auch mal Spaß haben. Und, ganz ehrlich: So jemanden wie Herrn Mehdorn will ich hier auch gar nicht haben ... und Herrn von Beust gönne ich rein gar nichts. Schon gar keinen politischen Erfolg ...


28.11.05

Fragen Sie Herrn Regener oder wie führe ich wirklich schlecht ein Interview?

Der Nachwuchs. Auch nicht besser als die Altvorderen. Heute scheint der Tag der Jounalismus-Kritik zu sein. Da pflügt man so querbeet durch die blühenden Äcker des Netzes und findet tief verbuddelt auf der DIE ZEIT-Homepage ein Interview mit Sven Regener. Freut sich auf anregende Lektüre - und dann sowas: http://zuender.zeit.de/2005/47/svenregener. Bis auf die letzte Frage wirklich ein gutes Beispiel ....

... für fast schon klassische Interviewer-Fehler. Jetzt also mal so richtig didaktisch:

Fehler 1: Bleibe allgemein, statt spezifisch zu fragen. Frage z.B., warum eine Band nur Liebeslieder singt, und Du bekommst garantiert auch eine allgemeine, langweilige Antwort. "Das Liebeslied ist die Mutter aller Liebeslieder", so lautet sie in diesem Fall. Poesie-Album. Dann wirft Sven Regener außerordentlich kooperativ noch ein paar Köder aus, die, geschluckt, noch viel Interessantes hätten hervorbringen können. Nämlich Erläuterungen, was das Besondere am Element of Crimeschen Liebeslied ist. Aus welchen Erfahrungen es sich speist. Und ob sich da z.B. eine andere Form der Liebe als jene von Julie oder Maximo Park ihre Worte sucht. Nix da: Komplett unsensibel geht der Interviewer - fast brutal schon - darüber hinweg.

Fehler 2: Bewege Dich gedanklich in abstrakten Begriffsoppositionen. Im vorliegenden Fall: Politik versus Liebeslied, Subkultur versus Mainstream. Da sind Postionsbestimmungen zwangsläufig die Antwort. Und die sind immer langweilig.

Fehler 3: Bediene alle Klischees über Deinen Interviewpartner bereits in der Fragestellung. Das findet ein Regener mittlerweile wenigstens nur noch öde, Blixa Bargeld hätte in Best-Zeiten nur noch wutentbrannt Sätze über die Selbstreferentialität der Medien dem Interviewer vor die Füße gekotzt, Sätze, die jene Medien zielsicher torpedieren, in denen alle nur noch von allen abschreiben, und er hätte damit Recht gehabt. Ist nämlich Denkfaulheit. Schon diese Eingangsfrage, die auf Depri-Touch abzielt - gaaaaanz schlechter Einstieg. Respektlos.

Fehler 4: Frage nach Bereichen, die über die Erfahrungswelt Deines Gegenübers hinausgehen. Jeder mit auch nur einem Hauch von Medienerfahrung wird abblocken. "Wie fühlt sich heute jung sein an?" "Ich war damals jung". Das will man lesen, das eröffnet neue Sichtweisen ...

Fehler 5: Bediene auch noch allgemeine Klischees, die nichts mit Deinem Gegenüber zu tun haben. Zitat: "Wie lebst du als Projektionsfläche für Sehnsüchte und Vorstellungen damit, dass sich Menschen über deine Texte ein Bild von dir machen? Stört dich das?" Was soll der Mann denn da antworten? "Ich fühle mich damit so schlecht! Jeden Morgen wache ich schweißgebadet in meiner Blümchen-Bettwäsche auf und denke: Scheiße, was die Leute so alles in mich hineinprojizieren, all ihre Sehnsüchte und Vorstellungen, das bin doch alles gar nicht ich! Dieses Bild, das die von mir haben! Das hat mein Leben verändert!" Wer sagt denn sowas?

Quintessenz der Fehler: Bereite Dich nicht vor, denke bloß nicht selber nach, laß Dich bloß nicht auf Dein Gegenüber ein und fasel stattdessen drauflos ...

Wahrscheinlich habe ich nur wieder eine riesengroße Wissenslücke darüber, wer im Zuender schreibt, weil das alles Zehntklässler sind, journalistische Laien, denen man ein Podium bieten möchte, denen gegenüber wäre all das oben Geschriebene wirklich ungerecht, und deshalb läßt man da auch Markus Kavka schreiben, in so einen Kontext paßt seine Reflektion über die Religion ja auch wirklich gut. Falls dem nicht so sein sollte, frage ich mich in der Tat, ob DIE ZEIT beim Online-Journalismus auf Ausbildung mittlerweile lieber gleich ganz verzichtet?

Wie-Worte und Wer-Worte

Noah hat Recht: http://www.blogfrei.de/noahsow/2005/11/super_kommentar_werner_kevin.html#comments - köstlich"!

Lieblingssatz:

"Genausogut könnte man versuchen, Autos in Gesprochenes zu stecken oder Orgasmen in Butterbrotapier einzuwickeln und in der Mittagspause zu bekommen."

... wobei ja - jetzt mal wieder voll auf die olle Spaßbremse getreten - Sven Regener sich genau dieses Tricks bedient, wenn er Landschaftsgärtner sein will, wo die Neurosen wuchern ... das nur so am Rande ...

Da fehlte ja noch was ...

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(Quelle: http://www.bildergalerie-basisstpauli.de/displayimage.php?album=124&pos=36)

vom Wochenende...

Hilde-Schändung und auf nach zurück!

Spiegel.jpg

"Keine Experimente" wagt der SPIEGEL und nimmt, na klar, nunmehr mal wieder die 50er Jahre auf den Titel. Kein Wunder, daß dies geschieht, kurz nachdem Frau Kanzler losgemerkelt hat. Eine Frechheit ist's, dann auch noch von der großen Knef profitieren zu wollen, indem man sie zentral positioniert. Sie ist doch die Personifizierung dessen, was Deutschland ...

in den 5oern so alles nicht war ...

Immer wieder diese blöden 50er. Daß deutsche Selbstbesinnung sich fortwährend dort situiert, ist gleichermaßen aussagekräftig und nervtötend. Als habe es die Zeit davor gar nicht gegeben, immer neues Aufwärmen der Stunde Null, der Totalisierung von Wirtschaft, Gemütlichkeit, von dicken Vätern, Nylon und Prüderie. Armer Jimmy Dean, für diese Zeit zu stehen - großartiger Elvis, der hat sie dann alle nachhaltig aufgemischt.

Immer wieder das Ignorieren dessen, daß die uns heute bestimmende Zeitenwende im Übergang von den 70ern zu den 80ern stattfand und daß man sich, um aktuelle Entwicklungen zu verstehen, doch lieber mal um die Zeit 1890-1933 kümmern sollte.

Ist auch völlig gleichgültig, was im SPIEGEL dann wirklich steht - ich weigere mich, dieses Zeitungs-Ding auch nur in die Hände zu nehmen. Dieser Filmplakat-Kitsch auf dem Titel ist schon abschreckend genug. Insofern sei der heutmorgige Eintrag des bloggenden Tourette-Syndroms ix http://wirres.net/article/articleview/3301/1/6/, der ja völlig zu Recht Berichte zur SAT1-Luftbrückenschmonzette geißelt (wenn ich's denn richtig verstehe, vielleicht geißelt er ja auch Popkulturjunkie und ich hab's nicht gemerkt), auch auf diesen so unerträglichen Spiegel-Titel bezogen. Der schlichtweg in den falschen Mythen wildert ... es lebe der Bikini. Kotz.

27.11.05

Pop, Politik und Ästhetik

Kurz vor Erscheinen der 98. D:Bug habe ich nun die Nr. 97 quergelesen. Mittendrin eine Kontroverse um, na klar, den Liberalismus. Knüpft unmittelbar an ein ein Gespräch rund um's kleine Derby gestern unweit der Müllverbrennungsanlage Stellingens:

Der Macher der Internet-Präsenz einer größeren deutschen Illustrierten war mit uns im, na ja, Stadion mag man das ja nicht nennen. Er ist ein Glücksbringer. Immer, wenn er mit zu St. Pauli-Spielen kommt, gewinnen wir. Netter Typ. Kluger Kopf. Ich mag den. Ist allerdings Mitglied beim FC Bayern München - das bleibt zunächst noch undiskutiert.

Als Thema kommt auf: Blogs. Nee, die seien doch schon wieder out. Sie würden ja auch demnächst ihre Homepage relaunchen, aber sie nennen das dann lieber gleich anders. Machen ja derzeit schon alle anderen ...

Nächster Smalltalk: "You'll never walk alone". Warum denn St. Pauli-Fans das sängen. Das sei doch auch nur so eine Mode in Fußballstadien ... ich entgegnete, daß es ja auch so eine Mode sei, sich gegen Fan-Moden in Stadien abzugrenzen. Ha!

Nächster Smalltalk: Er fände es ja schön, daß Jugendmannschaften von Bundesligisten in der Regionalliga gegen Vereine wie den FC St. Pauli unter Profi-Bedingungen trainieren könnten. Das sei doch eine tolle Ausbildung.

Ich bekam trotz Sieges-Euphorie einen mittelschweren Wutanfall. Einfach, weil genau das ein Beispiel dafür ist, daß die Freiheit der Wirtschaftlsliberalen eben nichts anderes ist als Freiheit für Konzentrationsprozesse und Zementierung der Verhältnisse zugunsten der Großen auf Kosten der Kleinen.

Interessant in diesem Zusammenhang ist ein Eintrag auf der Seite der Achse des Guten: http://www.achgut.de/dadgd/view_article.php?aid=1378&ref=0.

Weil da sich selbst als liberal verstehende Autoren mal nicht in abstrakten Kampfbegriffen vor sich hindiskutieren, sondern differenzieren.

In manchen Momenten frage ich mich, ob wir Massenarbeitslosigkeit auch dann hätten, wenn es keine AGs gäbe. Während im klassischen Unternehmertum eben auch Verantwortung noch 'ne Rolle spielte , ist dieser Begriff beim Shareholder-Value ja nicht mehr up to date. Da gibt's nur Kosten und Gewinne.

Das hat viel zu tun mit der Relation FC St. Pauli versus Bayern München. Aber nix mit dem Quatsch, den ein Herr Christian Moser in der D:Bug schreibt. Kostprobe:

"Auch in Deutschland ist der Begriff der Personalität der am meisten umkämpfte Begriff, wenn von Neoliberalismus geschwafelt wird. Als unterschwellige Hookline tönt dazu: Staatliche Monopole und Bürokratien handeln richtig und altruistisch. Die individuelle Entscheidungsfreiheit wird somit kollektiviert und an Vater Staat delegiert." (Christian Moser, "Wir sind hier nicht in London, Dierk", D:Bug 11/05, S. 61) Na, und so weiter ... teils gähn, teils dumm, teils falsch.

Ich persönlich kenne niemanden, der auch nur eine der oben Neoliberalismus-Kritikern untergeschobene Behauptung jemals formuliert hätte. Und die Frage der Personalität ist sowieso noch einmal eine ganz andere und hat rein gar nix damit zu tun ...

Die Kritik gegen Folgen des Neoliberismus, die zumindest in meinen persönlichen Umfeld sich formiert, setzt ja gerade auf den Wert der Individualität, der persönlichen Rechte und Handlungsfreiheiten. Die eben von den Propagandisten des Neoliberalen zwar lauthals verkündet, aber faktisch negiert würden. Weil da immer nur wenige auf Kosten vieler leben. Und die anderen keine Chance haben und aufgrund der Ergebnisse neoliberalen Handelns auch endgültig keine mehr haben sollen ...

Aufweichung des Kündigungsschutzes, beispielsweise, bewirkt allenfalls eine "Freiheit von" - nämlich dem Job. Eine "Freiheit zu" vermögen die Neo- und Scheinliberalen noch nicht einmal zu denken. Die denken in Kategorien der rein negativen Freiheit - ein einziges "Platz da, hier komm ich!"

Weil sie immer nur in der Staat-Individuum-Relation verbleiben, diese Demagogen (während sie parallel ihr Lobby-System verstärken), ist das so. Auch die gesamte ältere, kritische Theorie blieb immer in der Gesellschaft-Subjekt-Relation verhaftet. Und der Foucault der Macht-Theorie den Relationen Subjekt-Wissen, Individuum-Praktik, Individuum-Diskurs.

Kein Wunder, daß Foucault später die Freundschaft suchte. Das hält ja sonst auch keiner aus. Als habe er Habermas gelesen...

Um so interessanter eine Erwiederung in der D:Bug auf diesen Blödsinn des Herrn Moser (und des Herrn Porchardt gleich mit). Die Antwort sucht im Pop den Ort der Solidarität, die dem Neoliberalismus sich entgegenstellt. Zumindest ein wenig. Mercedes Bunz schreibt dort:

"Und an dieser Stelle wird es wieder politisch, weil wir uns in einer diskursiven Kultur geradezu zwanghafter Individualisierung befinden - und zwar von links wie rechts. Die Frage, wohin man die Rebellion beim Pop packt, ist also letzten Endes politisch. Es gibt hier durchaus Konkurrenzmodelle. Pop verstanden als inviduelle Rebellion steht für eine Politik der Vereinzelung. Pop verstanden als Politik der Nische steht dagegen für eine Kultur des Zusammenhangs. Hier geht es eben nicht um "das mutige Individuum, das nach oben strebt" (Pop bei Porschardt). Hier geht es immer um mehrere Ohren, nicht um zwei". (Mercedes Bunz, "Wie krank ist das denn? Neoliberale Poptheorie", D:Bug 11/05, S. 62)

Mit Nische meint er - oder sie, ich bleib mal beim er - (wenn ich's richtig verstehe): Eine sowohl ökonomische Nische als auch verschiedene geteilte Lebensformen, die sich dem Mainstream entziehen. Er begreift das als Gegenbegriff zu jenem der Subkultur, der über Rebellion sich konstituiere.

Richtig ist das in der Stoßrichtung: Will man diesen Individuum-Verständnisweisen, die immer nur die Relation zu Staat, Gesellschaft, Diskurs etc. des Einzelnen beschreiben, etwas entgegensetzen, muß man sich ins Dickicht der Intersubjektivität in allen ihren Spielarten begeben. Um letztlich irgendwann - den gibt es meiner Ansicht nach noch nicht - einen Begriff der Solidarität zu entwickeln, der den Mechanismen realen Wirtschaftens sich gewachsen zeigt.

Pop kann diesen nicht liefern, weil Ästhetik keine Solidarität begründen kann. Er kann "Szenen" konstituieren, innerhalb derer man sich versteht, das ist aber keine Solidarität im engeren Sinne, sondern eben vor allem Distinktion von anderen Szenen oder dem Mainstream und bleibt somit immer an das Paradigma der Rebellion gekoppelt.

Deshalb die eingangs zitierten Sätze unseres Fußball-Glücksbringers über die Moden: Pop zielt auf ästhetische Elitenbildung oder aber stützt den Mainstream. Eine andere Wahl hat Pop nicht. Und zumeist infiltriert das Elitäre binnen kurzem den Mainstream, und dann nennt man auf seiner Internetpräsenz den Blog eben lieber nicht mehr Blog...

In bestimmten historischen Phasen konnte Pop emanzipatorisch wirken - so z.B. in den 50ern und 60ern des letzten Jahrhunderts. Weil das ästhetische Paradigma der Rebellion zum Glück dazu in der Lage ist, eine Pluralität der Lebensstile über den Umweg des "Coolmachens" zu bewirken. Genau so operiert ja auch der Hip Hop: Er macht eben Underdogs cool und kann ihnen so - als Folgewirkung - Gehör verschaffen.

Solidarität hingegen kann nur die andere Ebene bewirken: Die ökonomische Nische. Das Zusammenarbeiten. Das ist ganz klassisch links, und schon Durkheim hat versucht, Solidarität aus der Arbeitsteilung heraus quasi organisch abzuleiten.

Und aktuell ist eben das Dilemma, das so viele an genau diesem Zusammenhang - Arbeitsteilung - gar nicht mehr partiziperen ... darauf hat in der Tat keine einzige mir bekannte linke Position bisher eine Antwort gefunden.

Die Neoliberalen mit ihrem "Entrechtet sie!" aber auch nicht.

Es müssen Möglichkeiten gesucht werden eines solidarischen Wirtschaftens auf der Mikroebene - vollste Zustimmung, Mercedes Bunz. Es gab solche Versuche z.B. in den frühen 80ern, in der Alternativbewegung, und im Kontext des Techno.

Von der Politik kann man verlangen, viel gezielter gegen Strukturen vorzugehen, die die oben zitierten Konzentrationsprozesse ermöglichen. Das wäre dann wirklich liberal. Nicht Staatswirtschaft fordern - bloß nicht!!!
Aber doch das Schaffen von Rahmenbedingungen, die solidarisches Networking und unabhängiges Operieren auch kleinerer Unternehmen ermöglichen, die somit auch - Zustimmung - Nischenkulturen hervorbringen.

Statt zuzulassen, daß Monstren wie Bayern München ein ganzes System von Ligen nur zu ihrem Nutzen strukturieren, diktieren und infolge dessen auch dominieren. Um dann als barmherziger Samariter aus der Kiste zu springen und bei uns Benifizspiele zu geben, als seien's nicht auch sie, die strukturell dafür sorgen, daß ein Verein nach dem anderen in den Ruin getrieben wird. Von wegen freies Konkurrieren! Alles Quatsch!

Pop ist aber nicht der Ort, wo man suchen müßte, will man Solidarität. Pop ist nur Symptom, Ausdruck oder Katalysator sozialer Prozesse, und eben auch eine Ware, und Waren wirken nicht solidarisch. Das können nur Menschen sein.

Die ganze Neoliberalen und Scheinliberalen attackieren ja gerade den Begriff des Sozialen so hartnäckig, weil sie ganz genau wissen, daß auch sie auf intersubjektive Zusammenhänge genetisch wie normativ immer schon bezogen sind. Daß ihnen das stinkt, mag an ihrer zu starken Mutterbindung liegen, oder sie wollen einfach nicht zugeben, daß ihre Harvard-Buisness-School-Kumpel ihnen die richtigen Tipps für Anlagen und den nächsten Vorstandsjob besorgen.

Dieses notwendige Bezogensein begleitet jeden noch so herorischen Rambo-Diskurs aus dieser Ecke des Denkens als Schatten spürbar mit. Ihre Eremiten-Theorien bringen wirklich niemanden auch nur einen Schritt voran ... da hat Mercedes Bunz einfach recht.

Aber Pop isses nicht. Suchen wir weiter ....

Das Fliewatüt

Der schwarzgelb geringelte Leuchtturm. Die dreieckige Burg.

Muß etwas mit dem unaufhaltsam nahenden Weihnachten zu tun haben, daß ständig mir Erinnerungsfetzen aus der eigenen Kindheit durch den Kopf schwirren.

Aktueller Anlaß: Ein Beitrag in der immer wieder hervorragenden, allerdings zur didaktischen Schnarchnasigkeit gelegentlich dann doch tendierenden WDR-Sendung Cosmo TV. http://www.wdr.de/tv/cosmotv/.

Die berichteten über das, worüber auch ich hier schrieb: http://www.blogfrei.de/metalust/2005/11/5_freunde_schluempfe_und_nutel.html#more.

In Cosmo TV erzählte eine sehr sympathische Korpulenz in der mobilen Blue-Box von "Robbi, Tobbi und das Fliewatüt". Mehr dazu auch unter http://www.netgefluester.de/2005/11/16/robbi-tobbi-und-das-fliewatuut/.

Ganze Welten gingen da auf .in mir ... da riecht man Tannen, sieht Schalen mit Marzipankartoffeln und Spekulatius vor sich, auf Weihnachtsservietten deponiert. Auf einem Teakholz-Tisch. Unsere ...

... Nachbarn hatten die Abenteuerreise von Robbi und Tobbi auf Schallplatte - so fasziniert haben wir gelauscht, so gebannt, so ganz im Flow des Geschehens. Dunkel fühlte sich da noch anders an, damals, als Kind, und so ein Gefühl der Geborgenheit im Hören dieser Geschichte erinnere ich, wie man später noch in den besten Momenten es niemals mehr hatte ...

Weihnachten macht wunderlich. Und "Last Christmas" von Wham wird in Berlin ganz offensichtlich später gespielt als hier in Hamburg: http://qualle.blogsport.de/. Dafür kommen auch dort dann prompt Kindheitserinnerungen hoch, wenn's um Weihnachten geht. Und auf den FC St. Pauli wird gelinkt. Kein Wunder, in der Stadt von Hertha BSC, da hat man was zu kompensieren ;-) ...

Gemeinsame Erfahrungen

"Wer kennt das nicht? Man steht in Norwegen an den Filetiertisch mit seinem Floating oder Thermoanzug und filetiert seine Beute und anschließend sieht man aus wie sau. Da man ständig am Rand von den Tisch ran gekommen ist, und sich richtig schön eingedreckt hat. "

(Quelle: http://www.naffen.de/forum/showthread.php?p=117658#post117658)

Klar, wer kennt das nicht?

26.11.05

Hamburg ist braun-weiß!

Manche Fußballspiele sind wie Wundpflaster für's eigene Seelenleben, wo kaum verschorft noch manches abwechselnd schmerzt und juckt, was in den letzten Jahren ...

... ich als St. Paulianer so erlebte. Ein 4 zu O in diesem ekligen Vorstadt-Klotz von Stadion ist so ein Spiel. Die ersten 25 Minuten ist die zweite Mannschaft dieses so staubtrockenen, uncharismatischen Fußballkonzerns irgendwie besser, aber wir schießen die Tore. Die ersten 10 Minuten der zweiten Halbzeit haben diese so geschmacklos eingekleideten Rautenträger bessere Chancen, aber durch traumhaft rausgespielte Tore dann doch das 3 und 4 zu 0 für uns.

Mazingu-Dinzey, was habe ich über Dich gelästert! Habe behauptet, Du lähmtest ein ganzes Team! Mea Culpa! Du bist ein Gott!

Boll und Brückner, wie ihr bei jedem Schritt, jedem Sprint, jeder Grätsche diesen Verein lebt und so die besten Männner auf dem Platz wart - Danke! Denkmäler müßte man euch bauen!

Thimo Schultz, wie Du so unermüdlich ackerst, störst, rennst, probierst, Ideen lieferst und die so coole Vorlage zum 2 zu O lieferst, dann auch noch dieses so traumhafte 3 zu 0 schießt (Riesen-Gratulation an Sulentic für die Vorlagen zum 3 und 4 zu 0) - so nordish by nature, so St. Pauliesk - bist ein Glücksgriff, Mann! Machst Mordsspaß!

Jeton Arifi, nicht alles lief bei Dir rund, aber spätestens beim NDR-Bericht sah man wieder, daß Du in Sachen Ballbehandlung und Eleganz und Spielwitz den Rest des Kaders in den Schatten stellst - Du bist St. Pauli und wirst noch ein Gigant!

Felix Luz, wie Du unaufhörlich 3 Spieler auf Dich ziehst und kämpfst und immer wieder nachsetzt und nachsetzt und nachsetzt (ein Luz ist ein Luz ist ein Luz, sozusagen) und durch schiere Präsenz und Hartnäckigkeit und Penetranz uns zu Siegen führst - Danke, daß Du da bist!

Auch an alle anderen da auf dem Platz - Danke, Danke, Danke!

Wenn ich Truller da an der Seitenlinie jubeln sehe und dann an das erste Erstliga-Derby damals 2001 denke, als der Andre Trulsen noch zwei Tore gemacht hat und der so queitschbunte St. Pauli-Block sich gar nicht mehr einkriegte vor Jubel und Euphorie - all diese uniformierten Blauweißen auf der anderen Seite des Stadions wirkten da nur noch wie maschinell hergestellt´. Da krieg ich die Tränen, wenn ich dran denk....

Da ist man einfach nur glücklich ... immer wieder schoß er mir durch den Kopf, der Satz eines Kollegen neulich, eine meiner Dokus sei doch eher St. Pauli als Bayern München gewesen ... der meinte das ernsthaft kritisch ... dann steht man da in diesem Parkhaus-ähnlichen Event-Tempel, sieht sich das bunte, laute, leidenschaftliche Volk um sich herum an, ist voll des Glücks und weiß einmal mehr, warum man das Millerntor so liebt - und freut sich diebisch über den Kommentar, die eigenen Dokus seien wie St. Pauli. Wiird auch weiterhin nicht mitmischen bei diesem Irrglauben, man müsse wie die Bayern sein oder gar wie der AOL ... lieber als St. Paulianer in der 3 Liga rumgurken, als bei diesen ferngesteuerten Geldsack-Vereinen sich auch noch einzubilden, deren eitel-schillernder Bombast sei Größe ... nee, nee, nee, auch in Zukunft werden meine Dokus weiter wie St. Pauli sein. Heute war wieder so ein Tag, wo sehr genau ich spürte, euphorisch, glückstrunken und begeistert, wieso das so ist.

Anerkennung, Respekt für und Würdigung von Josef Joffe

Das meine ich sogar völlig ernst und ohne auch nur den leisesten Hauch der Ironie. Zu allem, was über den Irak-Krieg geschrieben wurde, kam von ihm stets das intelligenteste, das am tiefsten durchdachte und am saubersten argumentierte. Ohne seinen Schlüssen zu folgen, kann man dem Mann noch wirklich ETWAS LERNEN. Was ja ansonsten bei Zeitungslektüren in Zeiten des Markwortismus und des Austschen Boulevardismus nur noch gelegentlich der Fall ist. http://www.zeit.de/2005/48/Realismus?page=3 ist das heutige Beispiel. Ich stimme den Schlüssen nicht zu, und ein George W. Bush ist auch wirklich nur und ausschließlich in der von Joffe genannten Hinsicht "Kantianer". Aber nichtsdestrotz bedarf das alles einer entscheidenden Ergänzung:

»Beschäft’ge stets die schwindlichten Gemüter / Mit fremdem Zwist.« Das zitiert Josef Joffe im Kontext der Diktaturen, die durch Aggression nach außen das Innen zu stabilisieren suchen. So Leute wie Bismarck halt. Joffe ergänzt auch, daß dieses Handeln bei Demokratien keineswegs unmöglich sei.

Womit ein weiterer Kern des Problems berührt (ist in diesem Fall ja eher Kiwi denn Pfirsich): Dieses ganze Bushsche, in Oppositionsbegriffen strukturierte Weltbild - Demokratie/Diktatur, Freund/Feind, Freier Westen/kommunistisches China, Christentum/islam - taugt nix. Es dient lediglich dem Unterbinden jeglicher Selbstreflektion, weil in diesem Weltbild man immer schon automatisch selbst der Gute ist.

Das Großartige an Kant ist ja gerade, daß er a.) die logische Ebene über dem Begriffspaar aufsucht, immer schon - jetzt in Watzlawick-Termini beschrieben - Metakommunikation betreibt, denkmöglich macht und einfordert und b.) genau dadurch auch das Medium von Kritik beschreibt und c.) immer die Vorraussetzungen genau dieser Metakommunkation und Kritik mit-thematisiert, ohne die beides hinfällig würde.

Diese Bush-Dialektik hingegen schafft nur riesengroße, dunkle Flecken im Denken. Weil sie z.B. Demokratie gar nicht näher spezifiziert. Diese ist ja nicht durch schlichtes Abstimmen definiert. Sie ruht ihrerseits auf Vorrausetzungen - diese beschreibt Kant im Durchgang durch die "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten", die "Kritik der praktischen Vernunft" bis hin zur "Metaphysik der Sitten".

Fakt ist jedoch, daß Bush und seine bundesdeutschen Nachbeter von Schily bis zum Kosmoblog genau diese ignorieren und an ihre Stelle eine Rhetorik gegen das Andere setzen. Und das intendiert. Um einen ihnen gemäßen, kulturellen und gesellschaftlichen Mainstream - und nur diesen - zu legitimieren, Bürgerrechte auszuhebeln und zu diskreditieren und insbesondere auch Fragen nach der Legitimität des eigenen Wirtschaftssystems gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Man muß diese Faktoren mit bedenken, will man sinnvoll über die Bushsche Irak-Politik reden. Man kann nicht nur auf die anderen schielen und sich selbst aus dem Schneider wähnen, will man halbwegs wahrhaftig bleiben - und vor allem: Will man Demokrat bleiben.

Ich finde auch den Iran und China schlimmer als die USA. Ich finde auch Versuche, z.B. Kommunismus neu zu denken, weder besonders erfolgsversprechend noch überhaupt wünschenswert. Das alles enthebt jedoch nicht der Notwendigkeit, die eigene Gesellschaft, die eigene Kultur, das eigene politische Systems auch weiterhin zu hinterfragen und permanent auf Recht und Unrecht seiner konkreten Realisierung hin abzuklopfen. Das ist nämlich die Vorraussetzung gelingender Demokratie. So, wie im Grundgesetz sich das ja auch geschrieben findet ... die Bushsche Projektion alles Bösen nach außen widerspricht diesem komplett.

Über die neue Mitte ganz nach oben!

Auswärtssieg-Kreis.jpg

(Quelle: http://www.fc42.de)

So'n Auswärtsspielsiegeskreis werden wir auch heute sehen!

Denn ich quäle mich heute dahin, in diesen neudeutschen Protz im Hamburger Vorort. AOL-Arena nennt sich das Ding. Ein Event-Veranstaltungs-Center - sowas ähnliches wie die Köln-Arena oder die Preussag-Arena in Hannover. Mit so einer einer "Gleich treten hier wahlweise die Scorpions oder Westernhagen auf"-Atmosphäre.

Dahin muß ich heute, an den Ort, wo nur dank sauteurer Einkäufe vorgefertigten Spielermaterials wieder in der Bundesliga oben mitgespielt wird. Dieser Aufbau-unfähige, sogenannte "Dinosaurier" ...

... unter den Bundesligisten - ich finde das den armen Dinos gegenüber nicht nett, diesen Verein so zu nennen. Die 'nen Alex Meier nach Frankfurt abschieben und bei der Zusammenstellung des Kaders vor allem auf Medienwirksamkeit achten ...na gut, bei van der Vaart hat's ja sogar mal geklappt.

Dieser ja wirklich begnadete Fußballer spielt da vor Menschen, die freiwillig Lotto King Karls "Hamburg, meine Perle" mitsingen - ein Lied, das ich, der ich Hamburg über alles liebe, schlicht als Beleidigung meiner Gefühle empfinde. Dieser falsche Liedermacher-Pathos, der alle richtigen Liedermacher schlicht verhohnepiepelt, die Hook-Line, die keine ist ... da sehnt man sich beinahe nach Walter Scheels "Hoch auf dem gelben Wagen", wenn man das hört, der war da eindeutiger. Na ja, nicht ganz, aber fast ...

In diesem Pseudo-Tempel mit Familieneck sitzen, wennn die AOL-Profis dort spielen, dann knackärschige Gymnasiasten und freuen sich, mal so richtig die Sau rauslassen zu können. Ansonsten eher oberflächlich mit der Tünche der Zivilisation überzogen, denken sie dort: Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein! Und unter Mensch-Sein verstehen sie dann kehlige Ausrufe wie "Du Schwuchtel!", "Dachpappe!" und Schlimmeres. Alles Bushidos im Bauche - da, wo sich tiefe Gefühle eingegraben haben, die, würden sie denn vertont, sich anhörten wie "Geh doch nach Hause, Du Scheiße!".

Bestimmt gibt's da 'nen harten Kern, der seinen Verein heiß und innig liebt, sein Leben mit diesem lebt - diese meine ich nicht. Die können nix dafür. Aber diese schlagermovisierte Masse, die Gröhlen und "Ficken!" brüllen dann für so richtig Spaß hält, die ansonsten übernormalisiert durch ihr jämmerliches Dasein taumelt, fremdgesteuert und über allerlei Jeans- und Sneaker-Marken und vielfältige Varianten von Handy-Verträgen sich definierend insgeheim im Groll gegen alles leben, was neben den Toten Hosen, Yvonne Catterfield und Robbie Williams noch andere CDs im Ikea-Regal stehen hat, die meine ich. Die neue Mitte also, die über kurz über lang im Lagnese-Familienblock landen und verenden wird: Die machen für mich aus, was diesen Verein da im Vorort ausmacht. Nicht, daß sie alle Nazis wären, die Ära ist beim AOL dann wohl doch vorbei ... nein, sie sind die, die unter ihrer Baseballkappe mit Bushido "schwule Studenten" hassen und es nur beim Fußball auch wirklich zugeben. Hat es neulich in einem Interview gesagt, das Bushido-Symptom, den Satz mit den schwulen Studenten. Er meint damit gar nicht real wahlweise queer, gay, homosexuell oder gleichgeschlechtlich lebende, liebende und Sex machende Menschen. Er meint auch nicht wirklich Akademiker. Er ist da eher so einer wie Statler: http://www.statler-and-waldorf.de/?p=884. Ich zitiere:

"Man weiß ziemlich genau, daß ein Musikredakteur bei WDR2 seinen Beruf verfehlt hat, wenn ausgerechnet kurz vor der Fußball-Bundesliga-Halbzeitkonferenz ein kopfstimmig gesungenes Lied von Bronski Beat gesendet wird. Da hat offensichtlich jemand ein völlig schiefes Bild von seiner Zielgruppe."

Also so einer, der halt richtige Mannsbilder statt Weicheiern erwartet. Wobei Homophobie über Zielgruppendefinitionen zu legitimieren - da ist dann doch nicht Bushidos Stil. Er haßt ja schwule Studenten. So Typen wie meinen aktuellen Praktikanten, der dann auf dem Hans-Albers-Platz nach einem kurzen "Was willst Du, Brillenschlange?" erst mal so richtig eine verpaßt bekam.

Davon träumen sie auch, die La-Ola-Wellen-Surfer in der AOL-Arena. Wobei, ihre Amateure unterstützen sie ja eher mäßig. Die riechen nicht nach Geld. Das stinkt den Fans dann ...

Alles Gründe genug, da heute zu siegen. Das ist mal'n Kulturkampf, der sich lohnt ....

25.11.05

Von wegen "in Würde ruhen"!

Warum weidet sich die Medien-Nation eigentlich so ausgiebig an toten Kindern? Natürlich ist der Fall Jessica entsetzlich und macht fassungslos und erfordert wohl auch kollektive Trauerarbeit - ein Rätsel ist mir dennoch, warum nun seitdem immer wieder so endlos schrecklich dieses Schicksal referiert wird und, ob TV oder Print, allesamt offensichtlich gar nicht genug bekommen können von der Schilderung noch der grausigsten Details? Warum brauchen die das?????????????

Du bist nichtssagend

Was will der Mann uns eigentlich sagen: http://blog.sueddeutsche.de/inpeace/eintrag.php?id=19? Solche Texte sind ärgerlich. Die locken auch Deppen wie mich ...

... in den Text hinein, immer auch der Suche nach dem nächsten Aufreger, und das auch noch mit Begriffs-Anachronismen wie "Betroffenheits-Stadl" (also der Paraphrasierung eines Dieter Krebs "Ich bin der Martin"-Revivals, dabei war das schon '88 - oder wann das war - dem damals angesagten "Zeitgeist" weit hinterher hinkend und allenfalls bis 1983 eine treffende Satire). Dann liefert der so betont schwungvolle Autor mir eine Information, die ich seit Tagen in allerlei anderen Blogs auch schon entdeckt habe und reiht stapelweise Suggestives um diese Info herum, um letztlich doch nichts so richtig zu sagen. (Ver-)Endet in folgender Schein-Conclusio:

"Wie dem auch sei: Glück scheint der Kampagne kaum beschieden - fatal für jeden Aufbruchsgeist, der sich auf sie noch stützen wollte.

Denn offenbar spricht die Empörung gegen die Kampage inzwischen doch weitaus mehr Leute an, als die Kampagne selber erreichen konnte.

Ist das jetzt dann vielleicht Deutschland? "

Was will der denn? Ein fröhliches "Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt?" Ein positives Deutschland-Bild? Ein Fanal gegen ewige Miesmacher entzünden? Kulturkritik? Oder sich einfach nur diffus überlegen fühlen, wie man das als Mann so macht (ich ja auch)? Der Mensch als Pose? Dann ist er wirklich tief in '88 steckengeblieben ...

Man kommt nicht drumherum, die Süddeutsche Zeitung und ihre bloggende Peripherie , die meistzitierte, zunehmend für das wahre Fachblatt für Irrelevanz zu halten ... und daß ich jetzt auch noch, und sei's nur indirekt, über diese völlig überflüssige Kampagne geschrieben habe, dafür schäme ich mich hiermit öffentlich.

24.11.05

Boys, Boys, Boys

the_teens_gross.jpg

Nein, um Sabrina geht's im folgenden nicht.

Stattdessen um das, was durch meinen Kopf eher schleppend sich bewegt, wenn ich kurz vor dem Einschlafen noch mal durch's Programm zappe und - mein zweites Mal - Tokio Hotel sehe (bei 1Live Krone - warum gibt es 1Live Krone?). Dann kurz die Fassung verliere. Wie kann man diesen Kindern das nur antun? Die sind ja fast noch prä-pubertär ... dann gebe ich mich weiter ...

... dem freien Flow der Assoziationen hin, grübel drüber, daß Echt und Take That eigentlich doch ziemlich cool waren, drehe den Countdown weiter zurück in Richtung eigener Geburt und frage mich: Was machen wohl heute die Jungs von The Teens? Sowas wie The Teens hat sich eher aus Versehen direkt neben dem Kalk, der Biene Maja und TriTop irgendwo in den eigenen Gehirnwindungen abgelagert als Sediment aus eigener, grauer Vorzeit ... leben die noch?

Über The Best Boygroup ever diskutieren auch angeregt Menschen unter: http://forum.cinefacts.de/showthread.php?t=140821

Wäre, hätte, wenn ...

Eine meiner Lieblingslektüren (einfach, weil ich im Grunde genommen in sehr vielen Fällen der gegenteiligen Ansicht bin wie der Autor, den aber trotzdem schätze, weil man an ihm die eigene Postion so gut überprüfen kann), stellt heute unmißverständlich klar: Am Krieg sind vor allem jene schuld, die gegen ihn waren!

Konkret an jenem im Irak. Nachzulesen unter: http://blog.zeit.de/kosmoblog/?p=133

Ich stimme dem keineswegs zu, ...

... aber strukturell ist das schon interessant: Wenn, wer gegen etwas ist, schuld an genau dem ist, wogegen er ist, wie soll man sich denn dann sinnvoll verhalten?

Die wohl plausibelste Möglichkeit wäre: Radikal dafür sein! Der Umkehrschluß also!

Das kann ich hier aber noch nicht einmal guten Gewissens aufschreiben, für was ich so alles sein müßte, damit es verschwindet ...

Eigentlich schreibt er es aber auch so, der Herr Speck: Es müssen nur ausreichend viele geschlossen so tun, als seien sie für etwas, dann geschieht dies nicht. Das war ja in etwa die Merkel/Stoiber-Position im vorletzten Wahlkampf. Wir wollen doch gar keinen Krieg, wir wollen nur damit drohen! Ich habe Saddam damals immmer bibbernd in der Ecke hocken sehen angesichts dieser Aussagen ... o Schreck, dachte er! Hoffentlich wählen die die nicht!

Diese logische Struktur muß man nur mal für sich durchspielen mit anderen Beispielen als dem Irak-Krieg - so tun, als sei man für etwas, damit es nicht geschieht ... je nachdem, was für Beispiele man wählt, kommen da aber die dollsten Sachen bei raus ...

Daß letztlich diese ganzen moralischen Dilemmata, die sich um den Irak-Krieg herum ranken, nicht ausdiskutiert sind, da stimme ich Herrn Speck dann doch zu. Sind 'se nicht. Noch lange nicht. Es waren nicht immer die besten Gründe , die dagegen sprachen ...

Wäre nicht ausgerechnet dieser homphobe Lobbyist, der das Land von Tenessee Williams, Joan Baez, das Land der Ramones (um nur 3 zu nennen) und von Adam Green in eine nichtrauchende, verlogene, bigotte, prüde (usw. usw.) Kulturwüste rückverwandeln will, der Feldherr, einer, dem jedes Mittel recht ist, widerspreche es auch noch so sehr und noch so brutal dem proklamierten Zweck - dann könnte man sogar sinnvoll diskutieren, was Herr Speck da schreibt. So fällt's schwer ...

Nachgereicht ...

... die Links zum Papst-Bushido-Bündnis.

Zu Bushido: http://www.queer.de/szene_politik_deutschland_detail.php?article_id=3811&ptitle=Bushido%20darf%20weiter%20rappen; unten auf der Seite findet sich dann auch der Link zum im vorherigen Eintrag sinngemäß zitierten WAMS-Interview. In diesem legt ja der Herr Rapper geradezu schäublische, rhetorische Dimensionen an den Tag. Wobei bei allem, was er so absondert, doch immer mit zu betonen ist, daß ...

... er letztlich auch nur den Gesetzen des Marketings folgt, und wer will, daß diese die Diskurse in dieser Gesellschaft dominieren und strukturieren, der sollte sich auch über jemanden wie Bushido nicht aufregen. Gehört halt dazu, zum Ringelreihetanzen um's Götzen-Duo Angebot und Nachfrage, und wer es mit solchen Sprüchen bis in die New York Times schafft, hat das Wesen des ungezügelt freien Marktes einfach nur ziemlich gut begriffen.

Ich will keine Marketing-Dominanz und darf mich deshalb über ihn aufregen ... noch viel zynischer als Bushidos Spiel auf der Popkultur-Klaviatur der Rebellion bei sofortiger Rücknahme derselben gebärdet sich ja auch stattdessen lieber gleich die Staatsanwaltschaft - Zitat queer.de-: "Auch seien die Aussagen Bushidos keine Beleidigung, da Schwule "keine beleidigungsfähige Personenmehrheit" seien".

Was soll das denn heißen? Daß man Bevölkerungsgruppen nicht im selben Sinne wie Personen beleidigen kann, wäre zwar auch Unsinn, aber wenigstens verständlich. Aber - conclusio aus dem Satz - daß nur Personenmehrheiten nunmehr beleidigungsfähig sein sollen, das hat dann wohl auch der Papst vernommen ... auch hier der Link zum Thema: http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,386433,00.html.

Was der Herr aus Bayern an der Spitze seines katholischen Weltkonzerns mit seinen Erlassen legitimiert, kann man in mehreren Einträgen bei http://www.ostblog.de/ nachlesen. Nämlich unter anderem einen schier unsäglichen Umgang mit Schwulen in Polen. Auch ein Demo-Aufruf genau dagegen findet sich dort. Wer in Berlin ist - hingehen!

23.11.05

Das Papst-Bushido-Bündnis

Herr Ratz begibt sich auf die Hatz: Soeben per NDR2-Nachrichten hat er nachgelegt, der Mann im Vatikan, bei dem zunehmend deutlich wird, daß er "das Christentum" in seiner katholischen Variante lieber über Macht denn über Liebe definieren will. Was dann auch der zentrale Unterschied zwischen schwarzer und weißer Magie ist, das am Rande ...

Alle drei, vier Wochen begibt er sich erneut an den News-Ticker, um der Salami-Taktik folgend Schwule aus der katholischen Kirche zu verbannen. Was ja nicht so schlimm hinsichtlich dessen ist, daß man da sowieso lieber nicht sein sollte - was aber schlimm ist hinsichtlich dessen, daß zum Klima in allerlei Gesellschaften es beiträgt. Scheibe 1 der Propagandaschlacht gegen eh schon weltweit Gegängelte, Gemordete und sonstwie Sanktionierte: Priester dürfen Schwule nur dann werden, wenn sie's seit 3 Jahren nicht mehr sind.

Immerhin schützt man so junge Männer vor etwas derart Blödem wie dem Zölibat, und auch sonst kann man sich folgende Szene gut vorstellen: Irgendwo in einer hübschen Taverne unweit des Vatikan sitzen Bushido und der Papst beisammen. Bushido wiederholt seine Worte aus dem berühmten WELT-Interview, sinngemäß zitiert: "Ich finde ja auch Golf uncool. So finde ich halt auch Schwulsein uncool. Was ja nicht heißt, daß ich nicht auch mit Golfspielern etwas zu tun haben könnte ....", und der Papst nickt weise, zustimmend und barmherzig.

Daß freilich diese so berühmte Headline der BILD auch und gerade angesichts dessen, daß nun CSU-Mitglieder in der Regierung sitzen, in neuem Licht erscheint, ist klar: "Wir sind Papst!" Es tobt ein Kampf um's Wir. Vorneweg: Der Benedikt, der Benedikt ...

22.11.05

Kanzlerin Merkel

Was fühle ich eigentlich an so einem Tag, da Angela Merkel zur Kanzlerin der BRD gewählt wurde?


Zwei Kanzlerwechsel habe ich ja immerhin schon erlebt. Der erste war Empörung pur – erinnere mich gut, wie kein Unterricht an meiner Schule mehr stattfand und alle völlig entgeistert auf die Bildschirme starrten, als Genscher und Lambsdorff Kohl zum Kanzler machten. Man sprach sogar von „genschern“ damals, von Kehrtwenden um 180 Grad, ein neues „Tu-Wort“.

Und alle hatten Angst vor der geistig-morlalischen Wende, mit der Kohl uns drohte. Man nannte ihn Birne und gackerte über Oggersheim, fassungslos, und alle schämten sich, von nun an von diesem Typen in der ganzen Welt repräsentiert sich zu sehen.

Konstantin Wecker malte auf seiner (eigentlich sehr schönen) „Im Namen des Whansinns“-Platte den Teufel eines brutalen Unterdrückungsregimes an die Wand – auch wenn’s ganz so schlimm dann doch nicht kam, ist Grönemeyer im Nachhinein zuzustimmen. Der sagte einst in einem Interview, dass Kohl vor allem eines schaffte: Das ganze Volk auf sein eigenes Niveau zu reduzieren. SAT1 und RTL halfen tatkräftig mit, der Focus und andere zogen nach …Annette Humpe kommentierte trocken nur: "Jedes Volks hat den Kanzler, den es verident." Nun also Merkel ...

Ich kann bis heute nicht Kohls Weg der Neu-Vereinigung besonders glorreich finden, und auch sonst ist el eben formal so was wie Pur, Wolfgang Petry oder die Schwarzwaldklinik, die man ja alle auf ihre Art auch groß finden kann. Nur dass der Dauer-Kanzler zudem auch noch so unerträglich arrogant war in seiner Bauernschläue. Und genau das zum Leitprinzip politischer Führung erhob: Die Überheblichkeit des Dumpfen und Schnöden, das auf seine stagnierten geistigen Fähigkeiten und die eigene Ignoranz dann auch noch stolz ist. Nur diesem Prinzip hat wirklich er zum Sieg verholfen … kein Wunder, dass gerade ein kultivierter Großgeist wie Richard von Weiszäcker sein wichtigster Gegenspieler war.

Dann ging’s über zu Schröder – den hatten doch sehr viele eher in Kauf genommen, weil sie glaubten, Lafontaine alleine schaffte es nicht, die Wahlen zu gewinnen. Gut, nehmen wir den mal hin, dachten sie (und ich), der Schröder fischt in der Mitte und gibt den pointensicheren Medienkanzler, und ansonsten schauen wir mal, was denn an rot-grün realitätstauglich ist.

Nix da: Ratzfatz schlug Lafontaine sich in die Büsche, Bomben flogen auf den Serbien, Roland Koch eröffnete die mit Abstand widerwärtigste, ausländerfeindliche Hetze, die man bis dato auf dieser politischen Ebene erlebt hatte – und was blieb, war Hans Eichel in Berlin.

Und wesentlich mehr kam dann ja auch nicht mehr: Die Agenda 2010 ist ja auch nur die Fortsetzung des Eichel mit anderen Mitteln.

Also: Eine Idee und viele Flops. Selbst die Homo-Ehe, gut gemeint, wurde ängstlich vergurkt – nur Pflichten, keine Rechte, das war’s. Ein neues Staatsbürgerrecht wurde feige nicht weiter verfochten – kläglich ging Rot-Grün am eigenen Opportunismus zugrunde …

Ach ja, da gab’s ja noch das „Nein“ zum Irak-Krieg. Irgendwie zustimmungsfähig, ist ja sympathisch, dass die wiederholt kriegstreibende Nation nun so vehement dagegen sich sperrt – aber die eigentlich wichtigen Fragen rund um den Irak-Krieg wurden von der Fischer-Schröder-Regierung zu dem Zeitpunkt schon gar nicht mehr diskutiert. Das tun andere seitdem – auch weiterhin …

Da reduzierte man sich selbst auf Normalität, Selbstverständlichkeit, Eigenständigkeit, alles so ganz formal und kaum darüber hianus, und überließ einem George W. Bush das Verkünden von globalen Visionen – auf Bibelspruch-Niveau. Nix weit und breit, was dem bisher wirklich Alternativen entgegengehalten hätte …

Während die selbstgefälligen Brioni-Träger immer dann, wenn’s gerade passte, “Globalisierung“ krähten, ganz unspezifisch, einfach so "Globalsierung", Wortfetisch, Klappe zu, Bebel tot, ansonsten ließen sie Europa oder die Welt in Ruhe. Okay, eine europäische Verfassungsinitiave, am Volk vorbei geschmuggelt, gab’s auch noch, aber sonst …

Genau das ist, was sich rächt: Da braucht man nur in die scheinliberalen Schriften sich zu vertiefen, die als diskursive Avantgarde nun hierzulande zunehmend lauter beten und vor dem schwulenfeindlichen Evangikalen in Washington niederknien Dievon „großen Auftritten“ reden, wenn dieser – zu Recht – von China Menschrechte einfordert, während – zu Unrecht – bei ihm zu Hause oder in Guantanamo so was wie Menschrechte ihm und seinen Kampfgenossen schlicht am Arsch vorbei geht.

Dann lese ich in der heißgeliebten FR den Kommentar zur großen Koalition und reibe erstaunt mir die Augen: Da wird, juchhu, Pragmatismus gefeiert, im Morgenmagazin reden in jeder Hinsicht überflüssige Politikwissenschaftler (also überflüssig der konkrete, der da sprach, nicht die Politikwissenschaft) von den kompetenten Ministern, die nunmehr statt Parteisoldatentum - endlich! - der Sache (welcher denn?) sich widmen würden. Wow! Sachbearbeiter sind’s nun wirklich nicht, die der Republik derzeit fehlen … es fehlen Visionen. Neue, linke Visionen. Nix anderes als vor allem das …

Das also fühlt man am Tag, als Merkel Kanzlerin wurde. Ziemlich wenig Gefühle für Faru Kanzlerin selbst – noch nicht mal so richtige tiefe Antipathie wie ewig gegen Kohl, nicht diese klammheimliche Bewunderung wie einst für Strauß, den man politisch fürchtete und verachtete und der doch so nachhaltig beeindruckte. Nicht diesen Ekel wie bei Roland Koch, nicht dieses sich-angeschleimt-fühlen wie bei Herrn Wulff aus Niedersachsen. Auch nicht dieses Schmunzeln, das Schröder immer hervorruft ...

Nein: Eigentlich fühlt man gar nichts außer Erleichterung, dass Schröder endlich weg ist, nachdem er die Sozialdemokratie fast in den Abgrund zog und nur durch einen furiosen Endspurt dann dem Scheintod noch entriß …

Es wird so weitergehen. Allerlei Leitartikler werden sich irgendetwas Interessantes an der Frau suchen, nicht finden und trotzdem herbeischreiben, um sich nicht zu Tode zu langweilen. Ihr wird Eiseskälte und politisches Geschick zugesprochen werden, alle werden sie wieder plötzlich immer mal wieder locker und menschlich finden, um dann ihr nur das "Knipser"-Talent zuzugestehen und sonst gar nix. Aber ein Vakuum wird sie bleiben … das, je nach Kalkül, sich dann mit irgendwas auffüllt, was gerade auf der Tagesordnung steht.

Und dieser ganze, falsche Pathos, dieser gnadenlos verlogene Kitsch eines George W. Bush wird hierzulande zeitverzögert wirken. Wenn den in den USA schon lange keiner mehr haben will, werden hier die Propagandaschlachten und Kulturkämpfe toben, wird diese ganze Gut und Böse-Scheiße wirken – und die Gefahr ist groß, dass Frau Merkel zu diesem Zeitpunkt keine andere Chance mehr sehen wird, als genau das sich dann einzuverleiben …


Türkisch lernen!

Schande über mich, dass ich in all der Zeit nie selbst drauf gekommen bin, sondern dass erst ein Kollege in einem auf Intercity getrimmten Interregio (die’s ja’ nicht mehr gibt?) irgendwo auf der Höhe von Rüsselsheim die Frage stellt, wieso eigentlich Türkisch an bundesrepublikanischen Schulen nicht wie Englisch oder Französisch auch als Unterrichtsfach gelehrt wird? Damit jene, die’s nicht können, es lernen? Hiermit erhebe ich genau dies als schleunigst einzulösende, politische Forderung!

Da, wo man herkommt …

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Immer wieder seltsam, am Grab des eigenen Vaters vorbeizufahren. Mit dem ICE, dann kurz zu winken. Am alten Weg zur Grundschule auch noch entlangzugleiten, wo ich als Kind keine Ahnung hatte, was so alles auf mich zukommen würde. Wo wir eine groteske Version von Bill Haleys „Rock Around The Clock“ vor uns hinsangen, als Grundschulkinder, „1, 2,3,4, Leichen im Sarg, 5,6,7,8 Leichen im Sarg – Deckel drauf, der Sarg ist voll, die Leichen tanzen Rock’n’Roll“ …
Dann an diesem Reihenhaus vorbeizufahren,

... in dem man die ersten zwanzig Jahre verbracht hat … jedes Mal sind’s andere Bilder, die da hochkommen. Heute komischerweise Harmen. Denn der war und ist toll. Den habe ich wirklich geliebt … leider ‚ne Hete. Auch wenn’s für niemanden außer mir interessant ist: Diese Sätze hier seien verstanden als Hommage an einen tollen Menschen. Schön war’s mit ihm, auch wenn er ‚ne Hete war. Deshalb auch ein echtes Star-Portrait von ihm, von damals, jetzt mal hochgeladen …

Dann Durchfahrt durch den hannöversche Hauptbahnhof. Den haben sie ja zur Expo sogar ganz hübsch gemacht.
Damals ging man in der Passerelle, einer Fußgänerzone unter dem Bahnhof, immer Weihnachtsgeschenke kaufen, Kitsch und Tinnnef, Glasglocken und Ton-Tiere, wie man so verschenkte zu Zeiten, als alle auf einmal ein eigenes Tee-Service zu Hause hatten und sich zum Vanille-Tee trinken trafen.

An Wochenenden, abends, konnte man sich durch die Passerelle früher nicht hindurch trauen. Da hatten die Glatzen, von der Bahnpolizei flankiert, ihr Territorium. Und da sie ja nur Ökos, Punks, Penner und Waver verprügelten, fand die Bahnpolizei die offensichtlich sogar ganz hilfreich. Die griff erst ein, als die Nazis irgendwann auch auf „normale“ Leute einprügelten…

Bin ich bei einem Interview mit Scooter mit denen zusammen drauf gekommen, gemeinsame Erinnerung. Von deren Musik mag man ja halten, was man will, die zu interviewen war immer supernett. Lustig, spaßig, aber auch kein Stück blöd. Als sie damals erzählten, was sie so fühlten, nachdem Westbam sie nach dem Erfolg von „Hyper, Hyper“ zum Allerschlimmsten überhaupt erklärte, ging das unter die Haut – und machte nur einmal mehr bewusst, wie menschenverachtend diese ganze Credibility-Kacke oft ist.

Die waren damals Waver, als die Glatzen die Passerelle aufmischten. Und auch oft auf der Flucht. Sie erzählten, wie sie fast nur noch mit dem Taxi durch Hannover-City fuhren…

Keine Ahnung, wie das heute ist in Hannover-City. Bin alle 5 Jahre noch da unterwegs.

Am schönsten war’s einst, als ich, aus Mainz kommend, im Radio immer mal wieder Kurzberichte über das Spiel Hannover 96 – FC St. Pauli hörte. In der zweiten Liga war das, in der Aufstiegssaison, im Herbst, kalt war es, und es sah zu dem Zeitpunkt so aus, als sei Hannover 96 unter Ehrmanntraut unser Hauptaufstiegs-Konkurrent.

Da hörte ich dann durch meinen Kopfhörer im ICE die Chöre im Hintergrund der Berichterstattung, nur „St. Pauli – St. Pauli!“ Ein Spitzenspiel, toller Fußball, hieß es immer wieder. Dann fiel auch noch das 1:0 für Hannover.

Der Zug fuhr ein in Hannover-Hbf. Da musste ich einfach aus dem Zug springen, direkt ins Taxi, direkt zum Stadion, das damals noch Niedersachsen-Stadion hieß. Kam in meiner alten Heimat auf das Stadion zuspaziert – und hörte wieder nur „St. Pauli- St. Pauli“, durch die halbe Stadt hörte man das, über den Maschsee wehte es. Das war so einer der Momente, in denen man wirklich weiß, wo man hingehört … die zweite Halbzeit hatte gerade angefangen, als ich meinen Platz einnahm. Na ja, und Markus Lotter schoß das Tor zum 1 zu 1, gar nicht so lange, nachdem ich das Stadion betreten hatte …

Die Konsistenz von Putenfleisch

Ich finde es nicht in Ordnung, wenn Taxifahrerinnen einem auf dem Weg zum Bahnhof lang und breit davon berichten, wie sie auf sie sogenanntes Ekelfleisch stießen. Da sitzt man da, komplett verpennt, auf dem Rücksitz, ist viel zu früh aufgestanden und mit nüchternem Magen, in dem der Kaffee Wellen schlägt, in’s Taxi gestiegen – und bekommt detailliert bereichtet, wie sie die frisch gekaufte Pute aus dem Paket holte, wie sie dran roch, wie sie es befühlte und ihr klar war: Das ist nicht mehr gut, das Fleisch. Ihr Mann hätte das ja gar nicht gemerkt, der sagte zu ihr, alles sei doch in Ordnung, und so stark habe es ja auch gar nicht gerochen – aber sie wäre es ja immer, die kochen müsse, und wisse deshalb ganz genau Bescheid über die Konsistenz von Putenfleisch ….

21.11.05

Kevin

Unter http://www.blogfrei.de/noahsow findet sich derzeit eine Diskussion des "Werner"-Begriffs - einfach nachlesen. Ergänzend zu all den zutreffenden Worten möchte ich ganz eklig-kulturkonservativ noch einen Begriff einführen, der einfach auch mal Eingang finden muß in alles, was derzeit so gedacht, verfaßt und geschrieben wird: "Kevin". Mit ...

... Herrn Kuranyi hat das ausdrücklich nix zu tun!

Kevin ist ein Denken, das wie SMS, Mails oder - ja! - viele Blog-Einträge strukturiert ist. Vorreiter neben einigen von Noah genannten Leuten, die ganz offensichtlich über kein "Werner" verfügen, ist z.B. Helmut Markwort, der Focus-Kästchen-Mann. Der Konsumierbar-Macher. Der Zettelkasten-Totalisierer. Der Punktuelle. Der, bei dem Werner im Minus-Bereich als sein Gegenteil "Kevin" auf den Plan tritt und Unheil stiftet ...

Leute mit zuviel Kevin finden Zusammenhänge zwischen zwei Sätzen, im schlimmsten Fall sogar zwischen 2 Worten schon total anstrengend und überflüssig. Das sind Ausrufer, Empörer, Netzwerk-Denker - solche, die synktaktisch abenteuerliche 3-Wort-Reihungen zu einem System aus lockeren Maschen stricken, immer unter dem Motto: Hauptsache, es hört sich gut an, aber bloß nix sagen! Die referieren auf nix mehr, schon gar nicht auf's Gegenüber ... und hasten so dermaßen zerfleddert von Eindruck zu Eindruck, daß sie noch nicht mal mehr das Hier & Jetzt genießen können ... und das Schlimmste ist: Daß sie ihr Wortfetzenwerk dann auch noch saucool finden!

Je länger ich hier blogge, desto mehr näher ich mich stilistisch dem Wort zum Sonntag an. Was für eine pastorale Scheiße. Aber trotzdem wahr! Deshalb veröffentliche ich das jetzt trotzdem! Alleine schon, weil der Wortwust in Praktikantentexten mich immer wieder zu Tränen der Verzweiflung treibt ...

20.11.05

5 Freunde, Schlümpfe und Nutella

Vorab: Kirsch-Lollis habe ich definitiv nicht gemocht! Und auch sonst weiß ich nicht, was ich davon halten soll:
http://www.becoming-german.de/home.htm.

Kurz beschrieben findet sich das auch unter: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/21/21328/1.html.

Ist ja bestimmt nett gemeint und künstlerisch wertvoll (und ein netter Zeitvertreib allemal), aber ich weigere mich einfach ...

... in meiner Kindheit auch nur irgendetwas mit Bayern, Schwaben oder Rheinländern gemein gehabt zu haben. Ich komme aus dem ziemlich scheußlichen Langenhagen bei Hannover und stehe dazu, ein zum St. Paulianismus konvertierter, verstockter Niedersachse zu sein - zudem in meinem Geburtsort ein Stadion nach meinem Vater benannt ist, was mich sehr,sehr stolz macht. Aber ich streite die Möglichkeit einer deutschen Kindheit kategorisch ab!

Selbst dann, wenn die Hessen, Pfälzer und Eifel-Bewohner auch Nutella gegessen haben, 5 Freunde- und ???-Bücher verschlangen und mit Schlümpfen spielten und einen kurzen Sommer lang "Slime" toll fanden, dann war das für die etwas ganz anderes als für mich!

Die Kindheit, die ich soeben dort auf der Seite empfangen habe, beinhaltet zudem auch eine Begeisterung für die "Polonaise, Blankenese". Niemals! Ich gebe zu, "Herbert" desselben Interpreten lustig gefunden zu haben, aber nur, weil der Freund meiner Mutter so hieß. Ich gebe sogar "Kreuzberger Nächte sind lang" und "Das Lied der Schlümpfe" zu. Aber niemals Polononaise-Blankenese. Niemals!

Auch das hier gleich anschließend stehende mag ja als empfangene Erinnerung erfrischend spezifisch sein, entspricht aber nicht dem Original-Erleben!

"Andere Erinnerungen:

(Mit einer Wahrscheinlichkeit von 72,73%)


Diese Erinnerungen gehören unbedingt zu Deiner Kindheit in Deutschland dazu!

Neubausiedlungen, die halbfertig waren. Große Baupleiten, so dass die Baustellen für lange Zeit brach lagen und für uns hervorragende Spielplätze boten. Konflikte mit belgischen Kindern, die in einer nahen Siedlung lebten. Ihre Eltern arbeiteten auf einem Nato-Stützpunkt. Die Eltern sah man meistens in Uniform, die Kinder besuchten eine eigene Schule. Es kam zu offenen Auseinandersetzungen. Mir heute unverständlich. War damals aber so.Ich denke, dass es zu der Zeit viele Städte mit Nato-Stützpunkten und diesen Rvialitäten unter den Jugendlichen gab."

Tatsächlich gab es auch bei uns enorm viele Kasernen, insbesondere die englischen Soldaten bei Celle haben ja allerlei Jugendkulturelles in die hannöversche Inennstadt importiert, was z.B. in der "Roten Kuh" sich zeigte (um die ich ängstlich immer einen großen Bogen gemacht habe). Aber Belgier? Gebaut wurde schon viel, aber gespielt haben wir da nicht auf den Baustellen. Wir sind auf dem Reemstma-Gelände mit dem Hund spazieren gegangen und haben in der Stadtbibliothek herumgehangen, waren Schwimmen und so. Vorstadtleben: Nicht Fisch, nicht Fleisch - viele Straßen, wo nix los war, kaum Natur. Und da konstruiert jemand 'ne deutsche Kindheit ... Kirschlollis! Daß ich nicht lache!


Addiere + Zitiere

Vielleicht habe ich ja irgendwas Grundsätzliches über Journalismus nach 12 Jahren teiljournalistischer Tätigkeit auch noch nicht begriffen. Aber solche Artikel verstören mich immer:http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/377/60317/. Was soll das sein? Eine ...

... Bestandsaufnahme? Ein buntes Panorama des Angedachten? Eine Aufzählung, um Zeilenhonorar zu erschleichen?

Da gehen gute Gedanken über in sattsam Bekanntes, und als zwar richtige, aber viel zu schwammige Conclusio kommt hinten heraus, daß es mehr Aufstiegschancen für Immigranten gebe müsse, während nichstdestotrotz Xenophobie zunehmen würde. Na toll. Dafür brauche ich keine SZ-Artikel, um das zu wissen.

Als Headline wird gewählt, was dem Artikel selbst gerade mal ein Satz Wert ist: 47% der hier lebenden Türken würden nicht so sein wollen wie die Deutschen.

Das würde mich nun wirklich näher interessieren, was es denn ist, was sie nicht werden wollen, wie sehen sie diese "Deutschen", was genau lehnen sie ab - nix da, diese Statistik wird ebenso hingerotzt, wie das Desaster der "national befreiten Zonen" nebenbei angerissen wird und allerlei sonstiges dann eben auch. Die Bildunterschriften unter irgendwelchen Wölfen (warum Wölfe?) verkünden dann ebenso unspezifisch das Ende der Multi-Kulti-Harmonie, was wiederum eher suggestiv im Text sich eingewoben findet, bevor am nächsten Faß die Autorin nippt.

Das sind meiner Ansicht nach ernstzunehmende, handwerkliche Fehler - in Headlines und Bildunterschriften etwas zu suggerieren, was 1.) im Text sich nicht eingelöst findet (viele lesen schließlich nur Headline und Bildunterschrift) und 2.) eben zum beschriebenen Phänomen Xenophobie so auch noch beizutragen. Das wirkt intendiert. Auch macht eine Summe von Andeutungen noch keinen Text. So bleibt man ratlos zurück und ärgert sich, daß auch die SZ partiell nur noch vom Schnipsel lebt, statt den Zusammenhang wenigstens zu suchen ...

19.11.05

Luhmann über Inklusion und Exklusion

Glaube ja ernsthaft und fest entschlossen, daß eine profunde Analytik der Gegenwart bei Niklas Luhmann anknüpfen muß. Man sollte einfach dessen intendierte, politische Implikation ignorieren - dieser Gestus des abgeklärten, ironischen Konservativen verdeckt nur die enorme, gedankliche Sprengkraft seines Werkes. Was er über Kulturtheorien und die Problematik des Ausschlusses von immer mehr Menschen aus der Gesellschaft denkt, das sei im folgenden beschrieben. Kenne das ...

... Werk von Luhmann natürlich viel zu wenig und hatte nie die Zeit, mich wirklich einzulesen. Kann mich deshalb auch irren.

Um so spannender, einen eher randständigen Aufsatz von ihm wieder zu lesen: Niklas Luhmann, Jenseits von Barbarei, in: M. Miller/ H-G. Soeffner, Modernität und Barbarei, Soziologische Zeitdiagnosen am Ende des 20.Jahrhunderts, Frankfurt/M. 1996.

Auch insgesamt eine spannende Sammlung, Vorträge im Rahmen einer Hamburger Tagung 1996 von Jan Philipp Reemstma über Zygmunt Baumann bis zu Ulrich Beck. Gerade zu den ganzen Konflikten zwischen DEM ISLAM und DER WESTLICHEN WELT (gibt's ja beides so nicht) finden sich eher indirekt dort ganz viele Ansätze , wahrscheinlich auch, weil es vor dem 11. September geschrieben wurde. Zum Thema Nation und Nationalismus ist ja auch nicht zufällig die Literatur vor 1989 oft die erhellendere ...

Luhmann erzeugt in seinem Beitrag wie üblich so eine Mischung aus teils breitem Grinsen und schallendem Gelächter (weil in seiner ureigenen Ironie er eine gute Pointe nach der anderen im Theoretiker-Streit wie Ohrfeigen verteilt), teils Kopfschütteln, teils Empörung - aber auch immer wieder aufrechte Verblüffung angesichts vieler Gedanken, einfach, weil diese zumindest mir neu sind.

Der Aufsatz sei in seiner Gänze jetzt hier nicht zusammengefaßt. Insgesamt kreist er um das Begriffspaar Inklusion und Exklusion. Drei zentrale Gedanken picke ich heraus, weil sie mir gerade in den Kram passen. Ganze viele andere Gedanken im Text passen mir da allerdings gar nicht hin.

ASYMETRISCHE GEGENBEGRIFFE:

Luhmann beginnt seine Gedankenführung bei der Analyse asymetrischer Gegenbegriffe. So z.B.: Die Hellenen und die Barbaren. Also ein Begriffspaar, in dem einer der Begriffe als höherwertiger als der andere begriffen wird, die aber strikt gegensätzlich positioniert sind. Diese seien gleichermaßen Modi von Inklusion und Exklusion - ganz schlicht: Einerseits Wir, andererseits die Anderen, und wir sind besser.

Alleine schon die Figur "asymetrische Gegenbegriffe" ist ja zur Analyse der aktuellen, globalen Situation ziemlich hilfreich - bezeichnend, daß ja beide Seiten derer, die glauben, die Welt sei derzeit durch einen großen Kulturkampf geprägt (was ja so gar nicht stimmt), genau diese Begriffspaare zur Geltung bringen und jeweils der anderen Seite die Barbarei in die Schuhe schieben. Laut Watzlawick hilft da nur Metakommunikation ...

Luhmann hingegen behauptet, im Zuge der historischen Entwicklung hätten sich einerseits zunächst Gesellschaftsbeschreibungen durchgesetzt, die All-Inklusion präferieren - "Alle Menschen werden Brüder", "Menschenrechte für alle", "Keiner soll hungern", "globaler Markt". Diese All-Inklusion ließe ein Denk-Modell wie jenes der Barbarei dann verschwinden - eben die oben genannten, asymetrischen Gegenbegriffe. Die "Barbaren" sind nunmehr nicht mehr das Andere, stattdessen z.B. therapierbar, indem Gesellschaft sie integriert - gebt den Leute Arbeit, dann fackeln sie keine Autos mehr ab, ist so ein Begreifen im Rahmen der Immanenz oder All-Inklusion. Luhmann findet das totalitär, ich finde das richtig. Für ihn ist es ein "Denken ohne Außen", wie z.B. auch das kantische Subjekt eines sei, das mache die theoretische Behandlung des unerreichbaren Ding an sich als Denknotwendigkeit deutlich. Aktuell haben wir freilich die Gegenbewegung zur All-Inklusion: Ganz gleich, ob man nun findet, daß Gesellschaft integrieren solle oder daß die wieder zu Barbaren erklärten das von sich aus endlich mal tun sollen - man bewegt sich immer auf dem Boden von etwas, was man auch Gemeinschaftsforderung nennen kann.

KULTUR:

Sodann zaubert der Meisterdenker eine geradezu irrwitzig komische These aus dem Hut. Es sei ztiert:

"Im selben Kontext (er meint den Übergang in die Moderne, MR) kommt es zur Erfindung von "Kultur". (...) Kultur ist zunächst einfach die Verdoppelung aller Artefakte, Texte eingeschlossen. Neben ihrem unmittelbaren Gebrauchssinn gewinnen sie einen zweiten Sinn, eben als Dokumente einer Kultur. Töpfe sind einerseits Töpfe, zum anderen aber auch Anzeichen einer bestimmten Kultur, die sich durch die Art ihrer Töpfe von anderen Kulturen unterscheidet. Und was für Töpfe gilt, gilt auch für Religionen. Im Kielwasser der neuen Kultursemantik verändert sich auch der alte, auf Herkunft bezogene Begriff der Nation. Nationenvergleiche waren auch früher schon üblich gewesen (...), nehmen aber jetzt die Form von Kulturvergleichen an. Dabei haben Nationen den kommunikationspraktischen Vorteil, Eigennamen zu haben, so daß man nicht in die Verlegenheit kommt, erklären zu müssen, worüber man eigentlich redet." Luhmann 1996, S. 225-226

Schön!!!!! Natürlich verschweigt Luhmann intendiert den republikanischen Nationsbegriff, der - anders als dieser unsägliche, deutsche Kulturnationsbegriff - gar nicht inhaltlich, sondern formal bestimmt ist (Staatsbürger, die auf einem bestimmten Territorium leben, bilden eine demokratische Gemeinschaft, ganz unabhängig von Ethnie und Tischsitten). Macht nix, das bietet auch so schon genug argumentative Munition in aktuellen Debatten ... die ja auch vorzugsweise mit Eigennamen in der oben genannten Hinsicht operieren.

Und weiter: "Dem Interesse an Kultur liegt also ein Interesse am Vergleichen zu Grunde. (...) Man findet jetzt eine merkwürdige Wiederkehr der assymetrischen Gegenbegrifflichkeit. Denn der Standpunkt, von dem aus verglichen wird, beschreibt seine Befunde unter dem Gesichtspunkt von Kultur, während die Kulturen, die so verglichen werden, zumeist gar nicht wissen, daß sie Kulturen sind. (...)". Das lasse ich mal so stehen. Das wirkt für sich.

GESELLSCHAFT:

Im Fortgang des Textes macht Luhmann nun den U-Turn. Nach der These von der All-Inklusion verweist er nun außertheoretisch auf existente Exklusion.

"Zur Überraschung der Wohlgesinnten muß man feststellen, daß es doch Exklusionen gibt, und zwar massenhaft und in einer Art von Elend, die sich jeder Beschreibung entzieht. Jeder, der einen Besuch in den Favelas südamerikanischer Großstädte wagt und lebend wieder herauskommt, kann davon berichten. Aber schon ein Besuch in den Siedlungen, die die Stillegung des Kohlebergbaus in Wales hinterlassen hat, kann davon überzeugen. (...)
Wir wissen: Es ist von Ausbeutung die Rede oder von sozialer Unterdrückung (...), von einer Verschärfung des Gegensatzes von Zentrum und Peripherie. Das alles sind jedoch Theorien, die noch vom Desiderat der Allinklusion beherrscht sind und folglich Adressaten für Vorwürfe suchen: Der Kapitalismus, die herrschende Allianz von Finanz- und Industriekapital mit dem Militär oder mit den mächtigen Familien des Landes. Wenn man jedoch genau hinsieht, findet man nichts, was auszubeuten oder zu unterdrücken wäre. Man findet eine in der Fremd- und Selbstwahrnehmung aufs Körperliche reduzierte Existenz, die den nächsten Tag zu erreichen sucht. (...) Und wenn man das, was man so sieht, hineinrechnet, könnte man auf die Idee kommen, daß dies die Leitdifferenz des nächsten Jahrtausends sein könnte: Inklusion und Exklusion." Luhmann 1996, S. 227-228.

Das sitzt dann wie ein Pfahl im Fleische des eigenen Denkens. Weil's eben in vierlei Hinsicht einfach richtig ist (in ebenso vieler Hinsicht auch nicht, ist aber ein Apell, genau auszuarbeiten, in welcher Hinsicht nicht). Richtig in zweierlei Richtungen gedacht: Diese ganzen Anti-Wohlfahrtsstaat-Rhetoriker sollten sich wohl in der Tat Favellas anschauen, bevor sie gegen sozialstaatliche Interventionen in Pariser Vororten polemisieren. Auch in den USA, in Afrika, in allen Industriegesellschaften und allen anderen auch werden sich massenhaft Rausgeworfene finden. Menschen, die noch nicht einmal mehr ausgebeutet werden.

Ein schrecklicher Satz, aber genau in diese Richtung weist eben auch die hiesige Entwicklung: Wenn man Merkel zwischendurch mal ernst nimmt, dann ist eines ihrer Plädoyers in der Hinsicht zu verstehen, daß insbesondere in der "Spitzentechnologie" Deutschland nun wieder Weltspitze werden solle. Es ist aber relativ unwahrscheinlich, daß Gen-Biotechnologie-Labor-Firlefanz-Jobs auch nur irgendwas an der Massenarbeitslosigkeit ändern werden.

Der zunehmende Wegfall der Möglichkeit von Ausbeutung ist in der Tat das so himmelschreiend Empörende und doch auch Ratlosigkeit Verursachende. Es wird immer mehr Menschen geben, die unter gegebenen, gesellschaftlichen Prämissen schlichtweg niemand mehr braucht. Und ich denke, daß Luhmann Recht haben könnte, daß genau um dieses Problem herum sich immer mehr weitere Probleme scharen werden im Verlauf des nächsten Jahrtausends.

Auch glaube ich, daß Luhmanns Theorie der ausdifferenzierten Teilfunktionssysteme den Weg einer Antwort weist. "Denn funktionale Differenzierung kann, anders als die Selbstdarstellung der Systeme es behauptet, die postulierte Vollinklusion nicht realisieren. Funktionssysteme schließen, wenn sie rational operieren, Personen aus oder marginalisieren sie so stark, daß dies Konsequenzen hat für den Zugang zu anderen Funktionssystemen. Keine Ausbildung, keine Arbeit, kein Einkommen, keine regulären Ehen, Kinder ohne registrierte Geburt, ohne Ausweis, ohne Zugang zu an sich vorgesehenen Anspruchsberechtigungen, keine Beteiligung an Politik, kein Zugang zur Rechtsberatung, zur Polizei oder zu Gerichten - die Liste ließe sich verlängern, und sie betrifft, je nach Umständen, Marginalisierungen bis hin zu gänzlichem Ausschluß." Luhmann 1996, S. 228

Da mache ich eine tiefe Verbeugung vor diesem Denker. Dieses ganze abwertende Gerede z.B. von Parallelgesellschaften und rechtsfreienen Räumen übersieht ja, daß z.B. in Köln-Mühlheim sich schlicht neue, funktionale Teilsysteme in Sachen Recht und Wirtschaft formieren, um der Marginalisierung entgegenzuwirken. Faktisch gibt es da Ansätze zur Parallelgesellschaft, aber in einem ganz anderen Sinne, als die unterscheidungsfreudigen Kulturtheoretiker dieses glauben. Weil 1.) diese nur genau der gleichen Rationalität folgen wie die anderen funktionalen Teilsysteme derselben Gesamtgesellschaft auch, hier gar keine Differenz im Kerne lauert und 2.) die Alternative hierzu südamerikanische Favellas sind. Das sollen die Parallel-Gesellschafts-Theoretiker dann aber auch offen sagen, das sie das wollen.

Luhmann wird nicht müde zu betonen, daß Gesellschaftstheorien, die von irgendeinem existenten Konsens, einem Zentrum ausgehen, einfach nicht auf der Höhe der Zeit sind. Er nimmt das so hin, und doch, man spürt auch seine Unruhe.

Ich habe sein Denken - gegen seine Intention - immer als einen Appell aufgefaßt, 1.) nicht unterkomplex in der Beschreibung zu bleiben, aber 2.) die Rechte des Individuums gegen die Rationalität der funktionalen Teilsysteme in Stellung zu bringen und daraufhin zu überlegen, wie denn das überhaupt möglich kann. Luhmanns Beschreibung schließt das letztlich aus. Habermas' Beschreibung von Gesellschaft als System und Lebenswelt habe ich immer in diesem Sinne verstanden. Und, 3.) eben im Gegensatz zu seiner Behauptung, daß Vollinklusion totalitär sei, der Marginalisierung von immer mehr Menschen entgegenzuwirken ist und somit auch fortschreitender Exklusion, aber auf einer anderen Basis als jener der Systemrationalität. Nur welcher?

Aber was passiert stattdessen:

1.) Die Rationalität eines gesellschaftlichen Teilsystems beginnt zunehmend, alle anderen zu infiltrieren. Wie das innerhalb der Luhmannschen Theorie als möglich angedacht ist - dazu würde ich gerne mal 'nen Luhmann-Kenner befragen. Dazu kenne ich ihn zu wenig. Nein, Marx ist da nicht die Antwort. Der hat Luhmann lediglich vorbereitet.

2.) Allerlei Kulturdebatten überlagern die Selbstbeschrebung westlicher Gesellschaften - im oben genannten Sinne: Eher aus Gründen des Distinktionsgewinnes. Ganz extrem jene, die jede Selbstkritik westlicher Gesellschaften unterbinden wollen mit dem Argument, daß doch im Orient alles sowieso viel schlimmer sei. Was ja stimmt. Ich finde es da auch viel schlimmer bis hin zu entsetzlich, die politische Verfassung in Ländern wie dem Iran z.B.. Deshalb finde ich hier aber noch lange nicht alles toll. Und hier habe ich schlicht mehr Möglichkeiten, mitzumischen.

Beide Punkte haben die gleiche Konsequenz: Sie verdrängen analytisch komplexe Modelle aus dominanten Diskursen und ersetzen sie durch asymetrische Gegenbegriffe: Sozialstaat versus freier Markt, Islam versus westliche Gesellschaft etc.. Da kann ja nix bei rauskommen - dann doch lieber Luhman lesen und dessen eigenen Schlüssen aus dem eigenen Denken die eigenen Schlüsse entgegensetzen ... und vor allem mal wieder über Gesellschaft reden statt über Töpfe.


Ha! Sogenannte Marktliberale und die Gerechtigkeit!

So kriegt man sie - glaube ich jedenfalls-, die Hüter des "freien Marktes", die ja sowas wie Staat in jeder Hinsicht nur als blöde Intervention in die hehren Werte ungezügelten Wirtschaftens betrachten wollen. Der Fall Hoyzer gibt wirklich viel her: http://www.statler-and-waldorf.de/?p=979. Ganz plötzlich Empörung, daß da, wo's um Geld geht ...

... Straßmaßzumessungen höher ausfallen als im Falle z.B. der Körperverletzung.

Was ja, soweit ich weiß, dem deutschen Rechtssystem immanent ist, dieses Prinzip. Auch eines dieser Themen, die ich schon immer mal intensiver recherchieren wollte, wo ich jedoch nie dazu kam ...

Der einzige Prozeß, dem ich einmal beiwohnte (schlimm war das, hat meinen Glauben in das Rechtssystem nachhaltig erschüttert, den ich Richter-Sohn bis dato hatte), fand vor einer unerträglich-wilhelminischen Wirtschaftsstrafrechtskammer statt. Abgesehen davon, daß die Strafkammervon realem Wirtschaften schlichtweg gar keine Ahnung hatte (da wurde z.B. behauptet, der Angeklagte habe doch wissen müssen, daß ein "Weltkonzern" einem Dienstleister eine Auftragsbestätigung schon deshalb zukommen lasse müsse, weil sonst der "Weltkonzern"-interne, buchhalterische Ablauf nicht gewährleistet sei. Was dummes Zeug ist: Der ist dazu da, den Dienstleister zu schützen), wurde damals genau dies deutlich: In der Tat werden z.B. Betrugsfälle, in denen es um viel Geld geht, ungleich härter geahndet als Vergewaltigung oder Körperverletzung. Und das übrigens schon auf der Ebene des Ermittlungsverfahrens: Je mehr Geld, desto länger die U-Haft.

Daß nun aber gerade die Scheinliberalen sich darüber so wortreich ereifern, entbehrt nicht einer gewissen Komik: Sind's doch ihre Götzen, Kapital und Markt, die da zur Disposition stehen und beschädigt sich finden. So erklärt sich die Härte der Sanktion. Und das ist nichts weiteres als ein Symptom für die Dominanz genau jenes Diskurses, für den ein Statler symptomatisch steht. Und ich wette: Wäre Bayern München oder die Champions-League betroffen gewesen, nicht Pokal und Regionalliga, das Urteil wäre noch höher ausgefallen.

Wie ja sowieso die Scheinethik der Scheinliberalen ein Kriterium dafür, daß Körperverletzung etwas Schlimmes ist, gar nicht aus sich heraus hervorbringen kann. Da müssen die dann Umwege gehen und (wie im Falle der französischen Krawalle ja geschehen) eben behaupten: Gäbe es hier wirklich freien Markt und die Eigenverantwortung des Indiviuums, dann hätten wir auch keine Gewalt!

Wobei schon die "Eigenverantwortung des Individuums" eben ein Konzept der Rechte und Pflichten voraussetzt, das Marktgeschehen selbst nicht hervorbringen kann. Genau diese Rechte sind's jedoch auch, die der Markt (DER MARKT gibt's ja eh nicht) selbst nicht schützen können kann als dem Konkurrenzprinzip verpflichtetes System. Und z.B. Fairnessregeln beim Konkurrieren sind immer schon etwas, was hinzukommt, nichts, was sich aus "dem Markt" selbst ergäbe.

So legitimiert sich ja ein Rechtssystem. Auch der Schiedsrichter beim Fußball ist so begründet. So landet man auch bei Moral. Nur daß, dekliniert man diese Moral durch, klar wird 1.) daß diese primär ist und keine Folgewirkung, sie ist eine Vorraussetzung und Möglichkeitsbedingung und 2.) dekliniert man sie wirklich konsequent durch, dann tritt die Möglichkeitsbedingung schlicht in Widerspruch zu dem, was sie ermöglicht, und ist so auch Medium der Kritik an entfesselten Marktkräften.

Genau das ist ja einer der Grundgedanken, die hinter einer Konstruktion wie der "sozialen Marktwirtschaft", die ich als Idee weiterhin sehr überzeugend finde, die aber aktuell allseits zur Disposition gestellt wird.

Die Postionen eines - symptomatisch gelesenen - Statler können aber die Kritik am Hoyzer-Urteil, die er formuliert, weder hervorbringen noch begründen. Da betritt er ein Feld, das eigentlich zentrales Thema aktueller Debatten sein sollte - die würden dann ganz anders geführt.

Es sei denn, er deutet Körperverletzung als Beschädigung von "Human Resources", die man ja auch brauche zum erfolgreichen Wirtschaften ... was dann in der Tat der reine Zynismus des freien Marktes wäre. Manchmal befürchte ich, daß genau dieser sich durchsetzen wird. Werde dann pessimistisch und lese Adorno ...

17.11.05

Vitamin-C-Verlust

15 Minuten Ärger kosten den Körper 300 Miligramm Vitamin C, hat soeben im Morgenmagazin ein älterer Herr verkündet. Wann ist ein Mensch ein Mensch, möchte man da den mich auch oft Vitamin C kostenden Deutschrock-Knödel Herbert Grönemeyer paraphrasieren. Und nach der Zeitungslektüre der letzten Tage bin ich offensichtlich ein Fall für eine schwere Grippe.

16.11.05

Es lebe die Inquisition!

Ein Fall, da kulturelle Traditionen intervenieren, wenn's um Rechte geht: Der Umgang mit Geständnisssen vor deutschen Gerichten. Aktueller Anlaß: Der Hoyzer-Prozeß, nachzulesen u.a. unter http://www.faz.net/s/RubAEA2EF5995314224B44A0426A77BD700/Doc~E58DE0A2095624304B0096C71C3A47987~ATpl~Ecommon~Scontent.html.

Die Staatsanwaltschaft plädiert dafür, die Strafe für den geständigen Hoyzer zur Bewährung auszusetzen, die des Mitangeklagten Marks jedoch nicht. Eben weil dieser nicht gestanden hat. Das wird dann als mangelde Schuldeinsicht ausgelegt. Schlimm daran ist, daß ...

.. dies in Deustchland übliche Gerichtspraxis ist: Gestehe, und es wird Dir strafmildernd ausgelegt.

Absurd daran ist, daß dies extrem häufig stattfindet, man frage nur erfahrene Strafrechtsanwälte. So etwas wie eine Undschuldsvermutung stört viele Richter nur bei der Arbeit. Am besten, man gesteht gleich, ganz unabhängig davon, ob man etwas getan hat oder nicht. Dann ist die Chance, glimpflich davonzukommen, ungleich höher, als wenn man auf seinem Recht beharrt.

Das ist strukturell ein wenig wie die Wasserprobe: Wer ertrinkt, ist unschuldig, wer nicht, wird verbrannt...

Zur deutschen Kultur leitet dies aus aktuellem Anlaß über: Offensichtlich ist's hier tief verwurzelt, andere zu nötigen, das Bild, was man von ihnen hat hat, erst anzunehmen und dann fortwährend zu beichten und Besserung zu geloben. Wer's nicht tut, der wird sanktioniert ....

Nachtrag nach der Urteilsverkündung:

Mich in der Tat überraschend ist das Urteil gegenteilig ausgefallen, wie man z.B. unter http://www.ringfahndung.de nachlesen kann (wobei dieser Spruch mit dem "mit dem Rücken zur Wand duschen" schon mehr als grenzwertig ist, Erik, echt!).

Wahrscheinlich hat die Richterin mein kurzes Textchen vorher gelesen ;-) ...

Es gibt also auch Richter, die nicht zu eng mit der Staatsanwaltschaft kungeln, wahscheinlich sogar sehr viele, sich nicht deren Logik des Ermittlungsverfahrens beugen und auch Geständnissen nicht nur funktionalen Wert beimessen mit Blick auf eine Vereinfachung der Verfahrensprozedur. Was jetzt nicht heißt, daß ich harte Verurteilungen irgendwie billigen möchte oder sonst irgendwas in die Richtung ... das ist eine ganz andere Diskussion.

Daß Hoyzer uns auch gegen Osnabrück schlicht verpfiffen hat, glaube ich ja immer noch, aber das möchte ich hier ganz ausdrücklich nicht behaupten (Glaube ist ja keine Behauptung ...).

15.11.05

Deutsche Männer schlagen keine Frauen!

Die Ahnung wird zur Gewißheit: Diese ganzen scheinliberalen Blog-Autoren, über die ich mich seit geraumer Zeit ereifer, sind tatsächlich die Avantgarde dessen, was kurz darauf in den "Mainstream"-Medien sich findet. Ob sie nun ihrerseits ein Symptom für diskursive Strömungen sind oder allerlei Gemeingefährliches selbst initiieren, ist dabei unerheblich: Mir macht das langsam richtig Angst. Heutiger Beleg: http://www.zeit.de/online/2005/46/integration_komm. Das liest sich zusammengepatchworked aus der Achse des Guten, den Freunden der offenen Gesellschaft und auch der unsäglichen Frau Eussner. Das kann man in einem solchen Kästchen-System wie einem Blog schon gar nicht mehr en detail diskutieren, diesen Wust komplett desorientierten Thesenmülls, der durchgängig eben jenes Allgemeinheitsniveau beibehält, das eine sinnvolle Diskussion dann aber auch auf jeden Fall verhindert.

Was für Leute lassen die denn da schreiben bei DIE ZEIT? Mir treibt's fast die Tränen der Verzweiflung in die Augen ... zwei Beispiele nur:

"In Frankreich fackelt die zweite Einwanderergeneration aus dem Maghreb und Afrika in großem Stil Autos ab, in Großbritannien verbrannten Selbstmordattentäter, die aus scheinbar gut integrierten, in einigen Fällen sogar recht wohlhabenden Familien stammten, ihre Opfer, während in Holland der Filmemacher van Gogh in einem Ritualmord umgebracht wurde und Parlamentarier unter Polizeischutz im Versteck leben müssen. Anstatt "Staat" oder "Gesellschaft" die Schuld zuzuschieben und Täter zu Opfern zu machen, sollte man eine ehrliche Bilanz ziehen."

Natürlich: Alle außer dem Autor und den ihm Zustimmenden sind genau zu dieser ehrlichen Bilanz nicht bereit oder fähig. Was für eine plumpe Talkshow-Rhetorik.

Ich war heute mittag türkisch essen, in seinem sehr freundlichen Restaurant. Ich wohne in einem Viertel, in dem alle möglichen Nationalitäten friedlich zusammenleben und arbeite in einem, da sind's noch mehr. Vor meiner Haustür wurde noch kein Van Gogh ermordet, und auch die Attentäter vom 11. September, die hier in meiner Heimatstadt wohnten, gibt's hier keineswegs massenhaft.

Was hier im Denken solcher Autoren passiert, ist doch offenkundig - das ist jetzt eine Denkfigur von Norbert Elias - die Generalisierung der Negativ-Stereotype der Minderheit und ebenso die Generalisierung der Postiv-Stereotype der Mehrheit. Was für ein Desaster!

Allein sozioökonomisch erklärt vielleicht Uli Honeß solche Flächenbrände wie in Frankreich. Da sind's auch gerade viele, klar. Die werden auch so weitermachen, solange der Herr Autor so schreibt.

Was hinzukommt zu sozioökonomischen Bedingungen ist oft gar nicht Immigranten-spezifisch ist: Das sind mediale Mechanismen, das sind psychologische Phänomene, die eher indirekt aus Ohnmachtsgefühlen und Machtbedürfnissen erwachsen und vieles andere mehr. Aber nix davon ließe Schlüsse zu, wie der Herr Zeit-Autor sie zieht. Dann hätten z.B. auch die Geiselnehmer von Gladbek oder der Amok-Läufer von Erfurth 'nen islamischen Hintergrund.

Noch'n Zitat:

"Die Mehrheitsgesellschaft darf nicht überfordert werden, sonst erntet man Rassismus und Rechtsextremismus. Genauso wichtig ist die Einsicht, dass wachsende Vielfalt in europäischen Ländern auf Dauer das Mindestmaß an gemeinsamer Kultur unterminiert, dessen es bedarf, um einen großzügigen Sozialstaat zu erhalten. "

Herzlichen Glückwunsch! Das verblüfft. Genau jene, die der Lieblings-Denk-Figur folgen, alle außer ihnen würden Täter zu Opfern erklären, machen nun genau dasselbe: Eine bessere Legitimation für allerlei Formen der rechten Gewalt kann man ja gar nicht formulieren! Rassisten aller Welt, der Mann versteht euch! Tunten, zieht den Fummel aus, es könnte sonst die arme Mehrheitsgesellschaft überfordern! Paßt auf, daß ihr nicht in Gruppen auftretet, man könnte denken, ihr seid viele! So etwas Gruseliges habe ich wirklich lange nirgends mehr gelesen ...

Und dann schon wieder dieser Quatsch von der gemeinsamen Kultur! Es geht nicht um "Kultur"! Wenn, dann um Rechte von Individuen und um eine universelle MORAL. Die hat in derTat geachtet zu werden, von allen hier, auch von Bushido und Fler und wie sie alle heißen.

Bei all dem Geschwätz, das in diesem Artikel sich findet, ist das aber offenbar schon eine Überforderung des Autoren, sich klar zu machen, über was er eigentlich redet. Somit wird diese These von der französischen IIntifada auch gleich nachgeplappert, Multikulti zur Ideologie erklärt - was einem nicht paßt, nennt man dann halt "Ideologie", ganz unabhängig davon, worum es sich handelt.

Auch schön immer wieder diese These von den verschiedenen Immigrantengruppen, wo einige eben ganz brav seien und andere nicht. Wenn Leute wie der ZEIT-Autor auch seit mehr als einem Jahrzehnt islamophob - die Debatte über die vermeindlich importierte Drogendealer-Kultur bei schwarzafrikanischen "Scheinasylanten" ist ja mittlerweile abgeflaut - vor sich hin hetzen, ist's vielleicht auch gar nicht so erstaunlich, daß es auf diesem Feld Probleme gibt.

Hätte wir eine ebenso lange sinophobe Strömungen, würden sich jetzt genau die gleichen Autoren über konfuzianischen Kollektivismus und der Verweigerung des Wertes der Individualität, der so tief in der chinesischen Kultur verankert ist, wahlweise ergötzen oder ereifern. Na, und die Geschichte von den Wasserfoltern und so, die kennt man ja auch, und ein Volk, das sowas wie Mao und die Kulturrevolution hervorgebracht hat, da weiß man ja, woran man ist. Man muß doch nur mal an so Filme wie "Die durch die Hölle gehen" denken, da sieht man, wie die Asiaten so drauf sind ... ja, die tun ganz lieb und angepaßt. Aber was hinter dieser Fassade so vor sich geht ... gerade diese Selbstkontrolle und Emotionslosigkeit zeigt doch nur deren Grausamkeit!

Leude: Bei Neo-Nazis, Rußlanddeutschen etc. gibt's genau den gleichen Machismo und Männlichkeitswahn(z.B.)! Das kann man gar nicht oft genug betonen. Und, würde ich solche Artikel wie jenen, um den es hier geht, lesen - ich würde an Stelle der Muslime auch mit wehenden Fahnen nur noch meine Religion leben. Die ja oft genug auch nicht als politischer Islam auftritt.

Ich kann es auch tatsächlich nicht ertragen, wenn in bestimmten Homo-Kneipen demonstrativ Heteros miteinander rumknutschen. Es gibt ein Recht auf unter-sich-sein - oder geht der Herr Zeit-Autor zu Integrationszwecken zwei Mal die Woche wahlweise mit Kaninchen-Züchtern, Schützen - oder Karnevalsvereinen essen? DAS ist deutsche Kultur. Das Grundgesetz behandelt Rechte.

Und, um eines noch loszuwerden: Das Perfideste an diesem ganzen Geschreibe ist ja immer das Schönreden dessen, was unter eigener Kultur verstanden wird. Alle ereifern sich über "Ehrenmorde". Wenn's die denn massenhaft gäbe, würden sie's auch zu Recht tun, keine Frage. Irgendwo habe ich heute jedoch gelesen - reiche den Link nach - daß in Berlin derzeit 5 solche Fälle vor Gericht stehen. Bei wieviel Muslimen? 500.000? In 4 der 5 Fälle seien es zudem Ex-Ehemänner.

Möchte gerne mal Statistiken über häusliche Gewalt in "deutschen Familien" lesen. Möchte wissen, wie viele Ex-Ehemänner ihre Frauen vergewaltigen und umbringen, wie viele Brüder ihre Schwestern schlagen oder als "Nutte" beschimpfen etc. . Haben die dann alle wahlweise ein Integrationsproblem, oder ist's die Inquisition, die Hexenverbrennung oder was auch immer, was da durchkommt?

Man, man, man, wenn solche Leute so weiterschreiben, dann Gnade uns Gott ... ich fühle mich in der Tat persönlich von dem Mann bedroht.


Homophobia

Wo ich schon gerade beim Thema Homophobie war: Einen schier großartigen Text, den bestimmt schon alle kennen, den ich aber noch nicht kannte bis heute, muß ich jetzt einfach verlinken: http://gigi.x-berg.de/texte/globalizing. Allerhöchsten Respekt! Bin tief beeindruckt!

St. Pauli ist Leidenschaft!

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(Quelle: BILD-Zeitung, 14.11.2005)

Da kann man ja glatt neidisch werden auf den Dinzeyda links - ein journalistischer Beleg dafür, daß der FC St. Pauli von Leidenschaft und Emotionen lebt! Warum die BILD aber unbedingt das "belohnt" in Anführungsstriche setzen muß ... klarer Fall von Homophobie. Oder der zuständige Redakteur würde lieber von anderen Spielern als Arifi geknutscht werden. Was ich nicht verstünde ...

(PS: Ich mochte das ja früher, wenn man Cassetten für Freunde so beklebt hat, daß noch Buchstabenreste ins Ausgeschnittene ragen)

Das Foucault-Zufalls-Zitat des Tages

Heute: Michel Foucault, Sexualität und Wahrheit: Der Willen zum Wissen, Frankfurt/M. 1983, S.65

"Zweifellos als muß man die Hypothese fallenlassen, wonach die modernen industriellen Gesellschaften ein Zeitalter verschärfter Sexualunterdrückung eingeleitet haben. Wir wohnen nicht nur einer sichtbaren Explosion der häretischen Sexualitäten bei. Sondern vor allem - und das ist der Punkt, auf den es ankommt - sichert hier ein Dispositiv, das sich - selbst wenn es sich örtlich auf Verbotsprozeduren stützt - erheblich vom Gesetz unterscheidet, durch ein Netz untereinander verketteter Mechanismen die Wucherung der Lustarten und die Vermehrung disparater Sexualitäten."

Eine seiner größten Thesen, durch Zufall aufgeblättert, bis heute eine Herausforderung. So aus dem Kontext gerissen liest sich das fast neoconhaft - isses aber nicht. Ist ein Gedanken-Sprengsatz der wegweisenden Art, einer, der Tunnel in Gebirge reißt, kein gedanklicher Terrorakt.

Noch schöner wäre aus aktuellem Anlaß natürlich die Passage über die orientalische Ars Erotica gewesen, aber die blätter ich auch noch irgendwann auf ...

Geile Säue

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So, dann schaue ich mal über meine eigene Seite und stelle in tiefgreifendem Erschrecken fest, daß alle Klischees bedienend lauter alte Diven zu sehen sind. Also, denke ich mir, mach ich's doch wie Erik und suche mal so 'ne richtig "geile Sau" von Pornstar, nur eben schwul. Grübel rum, und der einzige, der mir namentlich bekannt ist, ist Tag Adams. Also gebe ich unter Google-Bild-Suche "Tag Adams" ein, und was taucht auf: Unter anderem das Bild da oben! War also wieder nix mit Sex sells ...

Die schönsten Regenlieder

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Aus gegebenem Anlaß - das Wetter halt - schießen sie einem durch die gesammelten Sinne (vor allem jene, die Feuchtigkeit erfassen): Die schönsten Regenlieder! Mein Alltime Favorite ist ja immer wieder Dalidas "Am Tag, als Regen kam". Oder auch Alexandras "Es ist Novemebr und der Regen dringt durch die Kleider auf die Haut. Ich geh alleine auf den Wegen die mir vom Sommer her vertraut: Was ist das Ziel in diesem Spiel das der Natur seit je gefiel?". Allein schon, weil die Vorstellung von Naturzielen so schön ist .... ja, Erik, auch Madonnas "Rain" fand ich immer trivial, während bei meinem einzigen Bonnie Tyler-Konzert, als der Wolkenbruch just zu den ersten Tönen von "Total Eclipse of the Heart" losplatzte, ein so richtig deftiger Wolkenbruch, es einfach wunderschön anzusehen war, wie genau im Rhythmus dieser großartigen Hymne die Regenschirme, einer nach dem anderen, sich öffneten ...

"German Angst" in Australien?

Na sowas. Nachdem alle Leitartikler der britischen Presse nachplapperten, als nicht furios und eindeutig das Merkel die Wahl gewann, zustimmend "The German Angst" beschworen und so gar nicht einsehen wollten, daß das Pochen auf Arbeitnehmerrechte die einzig mögliche, denkbare und vernünftige globale Perspektive ist, jetzt das: http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID4954744_TYP6_THE_NAV_REF3_BAB,00.html.

Als sei Australien 'ne deutsche Kolonie gewesen ... jetzt wird wahrscheinlich "The German Angst" zur schlimmeren Epidemie als die Vogelgrippe erklärt und ganz Australien zur Besitzstandswahrernation erklärt, die ja schon in den Strafkolonien, aus denen sie hervorgegangen ist, Versorgungsmentalität quasi genetisch verankert bekam - was'n Quatsch: Global werden muß der politisch Kampf gegen die Nivellierung nach unten zugunsten weniger. Also: Danke, Australien, ihr macht schon mal mit!

14.11.05

Jeff Buckley hören!

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Sein Album "Grace" habe ich sooooo geliebt und liebe es bis heute. Samstag dann zufällig am "live a l'Olympia"-Album vorbeigelaufen und es gekauft. Ohne Worte - das ist mehr als Musik. Insbesondere der erste und die letzten beiden Songs - "Lover, you should have come over", "Hallelujah" und "What will you say". Ein Beleg dafür, daß Spiritualität seit Bach von den institutionalisierten Konfessionen in die Musik emigriert ist und da auch hingehört. Und daß sie in der Politik rein gar nichts zu suchen hat ...

Kein Wunder, daß der Fluß sich diesen wundervollen Jungen geschnappt hat und ihn gar nicht mehr hergeben wollte ...

"Empörungskultur"

"Empörungskultur" - so hat Peer Steinbrück gestern im Christansen-Kabinett die Reaktionen auf den Koalitionsvertrag eingeordnet. Finde ich ziemlich lustig. Gehöre zwar selbst oft und gerne zu den schlagartig Empörten, aber von Herrn Steinbrück lasse ich mir dafür sogar gerne verbale Ohrfeigen verpassen....

Das Foucault-Zufalls-Zitat des Tages

Heute: Michel Foucault, Die Ordnung der Dinge, Frankfurt/M. 1988 (7. Auflage), S. 302:

"So errichtet sich von der Kritik her (...) eine grundlegende Korrelation: auf der einen Seite Metaphysiken des Objektes, genauer Metaphysiken jenes nie objektivierbaren Grundes, von dem die Gegenstände zu unserer oberflächlichen Erkenntnis kommen; und auf der anderen Seite Philosophien, die sich allein die Boabachtung genau dessen zur Aufgabe machen, was einer positiven Erkenntnis gegeben wird."

Foucault unstersucht hier Grundstrukturen der "Episteme", der Wissensysteme der Moderne bzw. jene Prämissen, denen die Wissenschaften der Moderne uneingestandenermaßen folgen. Ein Dogmatismismus, der sich spaltet, um in sich selbst eine Stütze zu finden (oder so ähnlich), schreibt er häufiger.

Spannend daran ist freilich nicht das Zitat selbst, sondern der Grundansatz: Eben jene Elemente aufsuchen, nach denen das, was später Foucault Diskurs nannte, strukturiert ist, jene impliziten Vorraussetzungen und immanenten Hierarchien und Wechselbeziehungen, ohne die er zusammenbräche wie ein Ballon, aus dem man die Luft läßt ... Vorbild bis heute.

Was Foucault jedoch auch für wirkungsgeschichtliche Desaster hervorgebracht hat, beschreibt ziemlich lustig Michael Holmes unter http://www.fdog-berlin.de/index.php/341.

13.11.05

Grobes Foul auf'm Bolzplatz

Blödes Wortspiel, das mit dem Bolzplatz, wenn man sich im folgenden zum wiederholten Male über Norbert Bolz aufregen will - ich geb's ja zu.

Ja, aufregen will: Emotionen haben ja oft Gründe, und was der große Verabschieder der Gutenberg-Galaxis seit geraumer Zeit absondert, kann man wirklich nur als karnevaleske Autosuggestion inneruniversitärer Zirkel bezeichnen. Der Denker mit der Pappnase, so wird es einst in den zeitgeistorientierten, also kulturgeschichtlichen Fußnoten stehen ... heutiger Anlaß, sich mit ihm zu beschäftigen: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/19/19017/1.html.

Es sei zitiert:

"Ist in dieser Medienwelt, die Sie beschreiben, Platz für Journalisten mit Idealen?

Norbert Bolz: Journalisten müssen Abschied nehmen von ihrem alten Aufklärungsideal. Ein Medienunternehmen ist in erster Linie ein Wirtschaftsunternehmen. Das größte Problem liegt in den Köpfen der Journalisten selbst: Sie sollten weniger an sich und mehr an ihre Kunden denken. Die entscheidende Frage ist heute: Wie fasziniere ich meine Leser, Zuhörer oder Zuschauer in Zeiten, in denen es unzählige Medienangebote gibt.

(...)

Wie soll man sich aus unkritischen Medien informieren?

Norbert Bolz: Es gibt keinen Grund zum Pessimismus. Die Angebotsvielfalt in den Medien und die Informationschancen von uns Mediennutzern nehmen enorm zu. Wir haben wirklich unglaublich viele Möglichkeiten, uns über die Welt zu informieren. Nur sind die einzelnen Berichte nicht mehr so voller vordergründiger Kritik und Reflexion wie noch vor 20 Jahren. Stattdessen erleben wir einen regelrechten Wettbewerb der Meinungen und Informationen.

Ein guter Kommentar gibt Orientierung. Ist Orientierung etwa unwichtig?

Norbert Bolz: Orientierung wird natürlich immer wichtiger. Aber Orientierung wird eben nicht mehr durch Meinungen vermittelt. Wir beobachten derzeit eine Art Entthronung der Meinungsführer. Es gibt zwar noch jede Menge Kommentare und Meinungen, aber wir orientieren uns nicht mehr an Meinungen, sondern nur noch an Themen."

So weit, so schlecht. Im Fortgang des Interviews greift der Professor aus Berlin dann noch die Luhmannsche Polemik gegen das Moralisieren als billige Komplexitätsreduktion auf (was nur dann funktioniert, wenn man wie Bolz als Kern von Moral die Teilung zwischen Gut und schlecht vermutet).

Als sein Hauptangriffsziel wird natürlich die Political Correctness angegeben, gähn, mittlerweile gibt es ja schon sowas wie eine Politcal Uncorrectness, die selbst vorgibt, was korrekt sei und was nicht, wobei dann eben das politisch Unkorrekte als korrekt gilt. Ansonsten setzt der Mann auf Satiren und Glossen und flüchtet sich so denkfeige in die Ironie.

Man könnte also präzisieren: Der Mann ist nicht nur der Denker mit der Pappnase, sondern so eine Art wahrer Heino unter den deutschen Professoren - nur daß er gar nicht merkt, wie er als Persiflage all dessen Interviews gibt, was spätestens seit 1990 längst schal geworden in den Katakomben der Postmoderne rumsteht und was nie wirklich jemand gebrauchen konnte ...

Zurück zum obigen Lang-Zitat: In der ersten Antwort formuliert er Alternativen, die sich so gar nicht stellen.

Weil
1.) das Mediensystem wie auch seine "Kunden" sich ausdifferenzieren und es sowohl jede Menge Zentren als auch Nischen gibt, in denen auf Aufklärung wert gelegt wird. Die politischen Magazinsendungen werden ja nicht etwa aus Zuschauermangel gekürzt, sondern weil Leute wie Bolz so daherreden, wie sie daherreden, und - von Staatsknete bezahlt! - selbstgefällig alles durcheinander bringen.
2.) man auch äußerst unterhaltsam aufklären kann.

Ansonsten ist das ganze Gerede nur eine Variante des immer schon falschen Reduzierens der Welt auf Angebot und Nachfrage, die es ja so jungfräulich rein gar nicht gibt, sondern die als Weltbeschreibung auch nur eine der von Luhmann enttarnten Komplexitätsreduktionen ist.

Wenigstens spricht der Mann offen aus, daß ein reiner Ökonomismus dazu da ist, ein für allemal die Werte der Aufklärung zu beerdigen.

In der zweiten Antwort stimmt er dann - der Frage ausweichend - Punkt 1.) oben zu und widerspricht in jeder Hinsicht seiner ersten Antwort. Eine gibt eine Vielfalt von Informationsmöglichkeiten, behauptet er zu Recht, es ist nur überhaupt nicht ersichtlich, wieso das aufklärerischen Impulsen zuwiderlaufen sollte.

Informationsbeschaffung ist ja Aufklärung - Nicht-Wissen weicht Wissen. Ob das nun an Themen sich orientiert, über die Informationen man sich beschafft, oder ob man wie die Scheinliberalen von Statler bis Miersch sich nur kreisförmig und wechselseitig in den eigenen Vorurteilen bestätigt: Das genau ist ja der Unterschied zwischen Aufkläung und bloßer Meinung.

Wer freilich ständig Begriffe so definiert, daß sie - abweichend vom allgemeinen Gebrauch - dann eben der eigenen, denunziatorischen Absicht dienen, kommt selbst über eine in sich zirkulierende, aber trendy aufgeplusterte Meinung auch nicht hinaus.

Insofern ist die Gleichsetzung von Aufklärung mit 1.) vordergründiger Kritik und 2.) Reflexion, und die beiden dann auch noch in einem Atemzug genannt, nichts anderes als ein grobes Foul.

Zudem Herr Bolz ja selbst so tut, als würde er reflektieren, und mehr als vordergründig ist seine Kritik auch nicht. Ist Herr Bolz etwa ein Aufklärer? Den harten Bedingungen eines Wirtschaftsunternehmens, das sich am Markt positionieren muß, muß er zumindest sich nicht stellen - ich schon, und viele Aufträge erhalte ich wegen meines mir eigenen Aufklärungs-Impulses. Andere Aufträge nur, um zu unterhalten, aber das ist dann ja auch okay ...

Schlimm an all diesem Gerede ist nur, daß sich so was - nachgeplappert - ausbreitet in relevanten Diskursen. Da lob ich mir doch die Blogosphäre - im Gegensatz zu manchen Räumen in Berliner Universitäten wird da vereinzelt sogar richtig argumentiert. Bleibt als Fazit nur: Feuert Bolz!

"Der Gipfel des Ruhms ist CNN"

Wie üblich findet sich das Interessanteste zu den Krawallen in Frankreich in der Frankfurter Rundschau. In der Online-Ausgabe leider nicht, aber da ich diese Zeitung sogar doppelt abonniert habe, um eine so wichtige Instituion zu stützen, zitiere ich jetzt einfach ausführlich.

Unter anderem findet sich dort ein Interview ...

... mit dem Gewaltforscher Michel Wieviorka, der in Paris lehrt. Und der bestätigt, daß Popmechanismen das Geschehen dort nachhaltiger strukturieren als der Islam.

"Es ist leerer Ausdruckswille, eben weil es keine Worte gibt, keine Führer, keine Organisation, keine Ideologie, nichts davon ist vorhanden, nur blinde Gewalt."

Und: "Schließlich haben sie das nicht in der Schule, sondern von den Medien gelernt. Die Medien kommen, wenn sie Autos verbrennen. Und je mehr man verbrennt, desto mehr kommen. Und wenn wirklich viele brennen, kommen sogar die internationalen Medien. Der Gipfel des Ruhms ist CNN. Als ich in Straßburg Jugendliche befragte, erzählten sie mir stolz, daß ein landesweiter Privatsender gekommen sei. Die Jungs von nebenan hatten es nur ins Regionalfernsehen geschafft. Darum geht es ihnen."

Nun ist der Kampf um die Resourcen Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit immer unmittelbar an den Kampf um Anerkennung (Axel Honneth) geknüpft... schlimm genug, daß Medien, die Sichtbarkeit generieren, eben den Krawall so viel attraktiver finden als vieles andere.

"Es gibt drei dramarturgische Regeln: Konflikt, Konflikt, Konflikt!" steht z.B. in dem schlauen Buch "Wie man einen verdammt guten Roman schreibt" sinngemäß (der Autor fällt mir gerade nicht ein). Diese Regel konstituiert in Zeiten dramatisierter Berichterstattung dann eben auch neue Regeln der Sichtbarkeit ...

Ergänzend noch ein anderer Text aus der gestrigen FR: Ein Artikel von Dr. Michael Lüders. Der studierte Islamwissenschaften, Politologie und Publizistik und ist nun freier Autor. Zentrale Sätze in seinem Artikel:

"Es gibt nur zwei Gruppierungen, die das Kopftuch ideologisch deuten: islamische Fundamentalisten und die Lordsiegelbewahrer des christilcihen Abendlandes. Was den Verdacht nahelegt, daß beide einander innerlich näher stehen als gemeinhin angenommen."

Ja, lieber Herr Broder, natürlich gibt es tatsächlich keine christlich fundamentalistischen Selbstmordattentäter. Man kann trotzdem nicht isralische Lebensrealität rückprojizieren nach Mitteleuropa, um dann islamophob auf die Kacke zu hauen, ohne bereit zu sein, selbst zu differenzieren. Und das nur weil das Schreiben dann vielleicht weniger Spaß machen würde und die Selbststilisierung nicht so gut gelänge. Danke für viele Hinweise trotzdem.

Lüders Conclusio: "Ob es gefällt oder nicht: In Deustchland leben rund 3,2 Millionen Muslime. Die Mehrheitsgesellschaft kann dieser Minderheit nicht ständig mit einem Mißtrauensvotum begegnen. Tut sie es, stärkt sie die radikalen und und sektiererischen Kräfte innerhalb dieser Minderheit."

Dem wäre nichts hinzuzufügen, Frau Eussner ...außer: "Die muslimischen Einwanderer müssen aber begreifen, daß ihre Zukunft in Deutschland liegt. (...) ihre Zukunft heißt Bildung, Bildung und nochmals Bildung - verbunden mit der Absage an historisch überlebte, patriarchalische Verhaltensmuster in Familie und Gesellschaft." Vollste Zustimmung.

"Umgekehrt muß die Mehrheitsgesellschaft erkennen, und das schließt Politik und Medien mit ein, daß die ständige Dämonisierung des Islam einschließlich der Phantomdebatte um "Leitkultur" Wasser auf den Mühlen islamischer Fundamentalisten ist. Vorurteile helfen nicht, Köpfe und Herzen zu gewinnen." Eben!

Liebe Madonna!

Madonnagrell.jpg

(Quelle: Frankfurter Rundschau, 12.11. '05, S.17)

Du hast uns doch so lange so viel Spaß gemacht. Hast mit Über-Alben wie Ray of Light, der Arbeit mit Massive Attack oder auch Wunderwerken wie You'll see und Take A Bow gezeigt, daß Du auch richtig große, mythische, unvergängliche Musik liefern kannst. Daß Du mehr bist als eine, die auf der Klaviatur der Images den Rachmaninow spielt. Daß Du über so perfekte Chart-Nummern mit Spaßfaktor und Evergreen-Appeal wie Like a Virgin oder La Isla Bonita hinauszuwachsen vermagst. Als Elder Stateswoman der globalen Pop-Nation könntest Du doch auch einfach nur noch repräsentieren und uns alle in der wohligen Erinnerung Deiner Größe belassen.

Und was machst Du stattdessen? Samplest Songs, denen Du mit dem, was Du hinzufügst, nicht mehr gewachsen Dich zeigst. Quatscht von Föhnwellen und Jane-Fonda-Fitness und recyclest variiert das Credo der "Foosteps on the Dancefloor". Glaubst auch noch, wenn Du dann etwas dramatisierend eine Prise "Confessions" hinzufügst wie Chili-Pulver in Mikrowellenpampe, suggeriere das Tiefe und Spaß zugleich. Ist aber nicht so. Sind Discokugeln, wie Teenies sie in Läden wie dem "Dom" kaufen.

Seit Wochen höre ich immer wieder dieses "Gimme me a man after midnight"-ABBA-Sample aus dem Nachbarbüro, freue mich kurz und denke an gute alte Zeiten, als die Tuc Tuc-Parties in der Oelkers-Allee noch fast ein gesellschaftliches Ereignis waren. Und dann geht Dein Song los, und ich rutsche emotional prompt in Zeiten von 2Unlimited, in Endschnitte von BRAVO TV, als Euro Trash-Acts die halbe und doch zentrale Wahrheit dieser ganzen House- und Club-Sauce verkündeten. Und trauere ... ich hätte Dich lieber einfach nur in guter Erinnerung behalten ...

12.11.05

Kleine Beichten, Episode 1

Bonnie Tyler.jpg

Ja, ich beichte! Ich habe mir heute eine Best of-Bonnie-Tyler CD gekauft.

Wie oft habe ich mich nicht getraut. Wie oft dachte ich: Wenn mich dabei jemand erwischt! Wie der Kassierer, die Kassiererin wohl gucken würde ... (blöder Gedanke, bei Saturn sehen die eh meistens so aus, als wäre alles außer Wolfgang Petry für sie schon intellektueller Scheiß, was jetzt rein gar nichts gegen Kassierinnen ist!!!!!!! Ohne jede Ironie, wenige Menschen imponieren mir mehr als diese und ihre stoische Geduld!!! Und bestimmt lesen die auch alle die Spex und hören nur Musik, die von Intro-Redakteuren für gut befunden wurde!).

Ich liebe aber Songs wie Heroes und Total Eclipse Of The Heart! Ich liebe die vollprollige Fühligkeit der Bonnie Tyler!

Ich finde es großartig, wenn sie (ist allerdings auch schon eine Weile her) im gleichen Jogging-Anzug wie ihr Mann neben ihr auf dem selben Sofa TV-Interviews gibt! Ich liebe dieses dreckige, heisere Gelächter, wenn sie die Songs auf der Bühne ansagt (ja, ich habe sie sogar schon live gesehen!).

Credibility und Geschmackspolizei-Getue sind Scheiße, es lebe Bonnie Tyler!

Wer hört schon freiwillig Kim Wilde ;-) ...

Köln II - FC St.Pauli 1:2

Dazu gibt nur eines zu sagen: Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa!

Alles, was über Köln zu sagen ist ...

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(Quelle: http://www.bildergalerie-basisstpauli.de)

Kriege heute noch ein Gänsehaut angesichts genau dieser Szene da oben. Direkt vor unserem Block, dem Block 10 der Haupttribüne des schönsten Platzes der Welt, des Hamburger Millerntors. Die Gesichter der Spieler - das war mehr ein als ein mehrfach-multipler Orgasmus, was sich da abspielte nach dem 3:0 gegen Bochum. Heute geht's nach Köln - eines dieser demütigenden Erlebnisse, da man gegen die zweite Mannschaft von Bundesligisten antritt. Als wären wir in der aktuellen Verfassung nicht sogar in der Lage, die eine oder andere erste Mannschaft eines Bundesligisten zu schlagen. Wird auch gut gehen heute, glaube ich ... nicht triumphal, aber überzeugend. Auch wenn Spiele gegen den Tabellenletzten immer die ekligsten sind. Grund genug, sich über Köln grundlegend mal auszulassen ...

... habe immerhin mal ein Jahr dort gewohnt, Leben war das nicht. Habe Jahre gebraucht, keine tiefe Bedrückung mehr zu empfinden, wenn ich durch diese so unglaublich enge Stadt lief, in der fast alle Straßen gleich aussehen mit ihren zusammengewürfelten Häusern aus den 50ern, 60ern und 70ern.

Mittlerweile kann ich's sogar wieder genießen, mit Eric in einer herrlich abgerockten Pinte unweit des Eigelsteins zu sitzen, in der keine Musik läuft. Auch wenn ich immer noch demonstrativ ein Pils trinken muß, kein Kölsch. Und wenn ich in Tom's Fabrik-Wohnhalle sitze, in die ein ganzes Eigenheim passen würde und die nur Oberlichter hat, fühle ich mich sauwohl. Aber der Tom ist ja auch RWO-Fan. Oder mit Christopher Jazz-Kneipen suche, das ist schön und vertraut, aber der interessiert sich ja auch nicht für Fußball und kommt aus der Nähe von Siegen. Oder auch, wenn ich auf Charlottes unglaublicher Terasse Geschichten lausche, dann empfinde sogar in dieser fast klaustrophobischen Enge Kölns sowas wie Weite und ganz viel Lebenslust. Diese Terasse nördlich des Rings über der Original-70er-Jahre-Bar, dieser Bar mit Blick auf den unterirdischen Swimming Pool - da lauscht man dann Geschichten über Abiturfeier-Rituale in der Eiffel oder so, wo jeder Schüler, der sein Zeugnis holt, sich ganz wie ein Boxer eine Einlaufmusik wünscht - und amüsiert sich königlich. Aber Charlotte ist ja auch Schalke-Fan ...

Ansonsten sind Kölner so wie der folgende Eintrag: http://suedtribuene.twoday.net/stories/1139263/. Protzig, egomanisch und grundsätzlich zu viele auf einmal. Banalitäten deuteln die zu Ereignissen um - wortstark, lautstark, halbstark. Wenn dieser Innenstadt-Kessel das Umland ansaugt und man keinen Schritt mehr tun kann, wenn's unmöglich ist, eine Fußgängerzone zu überqueren, weil niemand Dich wahrnimmt und deshalb auch niemand ausweicht, wenn jeder zweite Mann über vierzig einen Schnurrbart trägt wie De Höhner (oder wie die sich auch immer schrieben) und das wohl als urig, Kölner Original halt, empfindet - dann weiß man: Man ist in Köln.

Da wird jeder eigene Witz gefeiert als Beleg der Großartigkeit der eigenen Frohnatur, da ist nichts, was nicht zu demonstrativ wäre. Die halten sich ja für offen und kontaktfreudig, die Kölner - aber nur deshalb, weil sie ihr Gegenüber gar nicht wahrnehmen, halten die das aus, dieses distanzlose und aufdringliche Drauflosschwatzen. Das durchlässige Sensorium des Norddeutschen, der längere Anlaufzeiten nur deshalb braucht, weil er viel mehr in sich zu schützen hat und viel genauer wahrnimmt, erlebt die Brutalität Kölner Smalltalks als verbale Masturbation und auch nur eine andere Form der Ignoranz.

Die letzen Monate in Köln bin ich einfach nicht mehr aus dem Haus gegangen, wenn nicht gerade Arbeit anstand. Habe auf der Fensterbank meiner Dachgeschoßwohnung gesessen und laut die Goldenen Zitronen gehört - natürlich "St. Pauli Boys". Und fühlte mich wenigstens akustisch zu Hause ...

Also, Fußballgötter in braun-weiß: Ihr schafft es. Kiel hat jetzt den Last-Minute-Fluch, sowas demoralisiert naturgemäß für den Rest der Saison - ihr habt heute die Chance. Und ihr schafft das! Wir lieben euch schließlich ... wir lieben euch sehr.

Endlich wird gefeuert!

Juchhu, endlich darf wieder einfach so gefeuert werden! Ganz problemlos! Deshalb gibt's bald auch keine Arbeitslosen mehr!

Und sogar die Möglichkeit sozialer Unruhen ist deutlich eingeschränkt, schenkt man http://blog.zeit.de/kosmoblog/?p=99 Glauben! Jetzt wird endlich alles gut! Na ja, den Islam müßte man schon noch verbieten, aber sonst ...

Denn: Heroisch macht die große Koalition Arbeitnehmerrechten den Garaus und läßt den Kündigsschutz erst nach 2 Jahren greifen. Das sei natürlich noch nicht konsequent genug, werden jetzt alle schreiben ...

Faktisch ändert das zwar überhaupt nix, weil jene, die nur Dank Hire & Fire eine wirtschaftliche Überlebenschance haben, das sowieso schon tun können und eh die meisten Unternehmen auf immer neue Zeitvertrags-Konstruktionen setzen.

Aber ganz große Symbolpolitik ist das! Weil natürlich eigentlich allerlei Varianten von Rechten die Schuld an allerlei Miseren schultern. Also: Entrechtet sie! Und alles wird gut ...

China ist eh das heimliche, vielleicht auch unbewußte Vorbild derer, die mehr reine Lehre des Kapitalismus durchsetzen und dessen ganz normale Folgewirkungen durch Strafrechtsverschärfung und Grundrechtseinschränkung kompensieren wollen. Und der Weg zur Einheitspartei ist Dank der großen Koalition jetzt ja auch schon mal beschritten ... es wird ein langer Marsch.

11.11.05

Trosthund

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Dieser Hund ist ein Trosthund. Hat heute eine meiner RedaktionsassistentInnen so gesagt.

Schwer gebeutelt inmitten einer großartigen, überrragenden Girlgroup haben die vereinigten PraktikantInnen, VolontairInnen und RedaktionsassistenInnen Unglaubliches geleistet und waren - wie in jeder Produktion - die eigentlichen Pfeiler der Zufriedenheit der Kunden. Eine solche Infrastruktur ist überlebensnotwendig. Doch wie bei jeder Produktion geraten gerade jene, die noch nicht so lange im rauhen Produzentenleben sich aufhalten, kontinuierlich an die eigene Grenzen.

Und in genau diesem Kontext fiel der Satz - sinngemäß: "Immer dann, wenn ich gar nicht mehr weiter wußte und völlig fertig am Schreibtisch hockte, guckte ich mir nur Momo (so heißt der Hund) an, und es ging weiter ..."

Und dann eben dieses Wort: Trosthund. Hunde sind gut für's Arbeitsklima. Sie sind das Wahre und Gute. Sie sind Zweckfreiheit, Einfach-So-Sein und Einfach-Toll-Sein. Da ist man kurz stolz darauf, als "Chef" so ein wundervolles Lebewesen in's Team eingebracht zu haben ...

Der Andorra-Effekt

Soeben auf Phoenix: Erhellendes über "Les banlieues". Über alltägliche Brutalität. Über alltägliche Vergewaltigung. Nein, es ist kein Opfer, wer vergewaltigt und brutal ist. Aber das ist selbstverständlich, daß das nix mit "Opfer" zu tun hat. Das braucht man nicht fortwährend betonen. Auch ich laß das in Zukunft sein.

Eine andere Aussage war's, an die auch Folgediskussionen anschließen können: "Wir haben es satt, daß immer nur andere über uns reden."

Ein Araber aus der Vorstadt von Paris sagt das. Einer, der Filme macht, statt Autos abzufackeln. Auf No-Budget-Niveau macht er die Filme. Finanzieren tut sowas ja keiner. Wirft halt keine Rendite ab. Die Kamera hat ein Bürgermeister zur Verfügung gestellt, also eine staatliche Institution in der Pariser Vorstadt ...

Der Junge meint damit u.a. Autoren wie die folgenden: http://www.weltwoche.ch/artikel/?AssetID=12473&CategoryID=66.

Und: http://www.eussner.net/artikel_2005-11-05_21-10-50.html

Der will, statt sich u.a. deren Definitionen und Verschwörungstheorien zu unterwerfen, für sich selbst sprechen. Das ist kein Vernichtungswille. Das ist Menschenrecht.

"Wir wollen unser eigenes Bild von uns zeichnen", sagt er weiter, sinngemäß. Auf daß man sie auch läßt - ich bin dabei, genau das zu unterstützen ...

Das Foucault-Zufalls-Zitat des Tages

Heute: Dispositive der Macht. Michel Foucault: Über Sexualität, Wissen und Wahrheit, Berlin 1978, S. 39

"(...) was ich sagen will, ist, daß die Machtverhältnisse und infolgedessen die Analyse, der man sie unterziehen muß, über den Staat hinausgehen müssen. Dies in zweielei Hinsicht: vor allem, weil der Staat selbst mit seiner Omnipotenz, selbst mit all seinen Apparaten, weit davon entfernt ist, dem ganzen, tatsächlichen Bereich der Machtverhältnisse zu besetzen, und dann, weil der Staat nur auf der Grundlage vorher bestehender Machtbeziehungen funktionieren kann. Der Staat ist Überbau in Bezug auf eine ganze Serie von Machtnetzen, die die Körper, die Sexualität, die Familie, die Verhaltensweisen durchdringen (...)."

Was sich vor allem jene hinter die Löffel schreiben sollten, die glauben, man könne allen Ernstes die Welt auf die Oppsition Staat versus Markt reduzieren und in letzterem dann auch noch die Freiheit, das Glück und die Wahrheit finden (und insgeheim wittern die da ja sogarsowas wie jungfräuliche Reinheit, diese Ökonomie-Katholiken, und das Schöne).

Respekt!

Lesenwertes zu den Frankreich-Krawallen findet sich auch unter http://blogg.zeit.de/leserblog/. Fast schon ein ZEIT-Dokument, da könnte man jetzt seitenweise drüber schreiben. Gut, daß es solche Texte gibt, auch wenn ich allenfalls 50% der Argumente plausibel finde. Herausgegriffen sei jedoch eine zentrale Aussage, die - da kann Ali wenig für - in Zeiten des Markt-Totalitarismus in die in jeder Hinsicht erschütterndste aller Richtungen weist:

"Auch vorher terrorisierten die selben jugendlichen Randalierer diese Stadtteile. Nun fordern sie Respekt. Ich frage mich, was sie getan haben um sich diesen Respekt zu verdienen?"

Da wird's gefährlich, und natürlich picken sich allerlei Scheinliberale genüßlich diesen Gedanken zustimmend heraus, um ihn zu zitieren. Es ist ein Desaster für Gesellschaften, wenn Jugendbanden Terror ausüben, seien's nun Neonazis oder Pariser Vorstadtbewohner. Und wahr ist, daß auch diese ihrem Gegenüber jeden Respekt verweigern.

Das ist bedauerlicherweise nicht die Pointe des oben Geschriebenen. Die Pointe ist, Respekt sei etwas, das man sich verdienen müsse.

Das ist als Aussage nicht minder desaströs als die Krawalle selbst. Ob man nun von wechselseitiger Anerkennung, unantastbarer Menschenwürde, universeller Achtung oder eben Respekt schreibt: Dieser ist, ungeachtet der konkreten Eigenschaften einer Person, die Basis jeder Zivilisation schlechthin und hat jedem entgegen gebracht zu werden, will man moralisch richtig handeln. Auch jenem gegenüber, der mir selbst diesen Respekt versagt.

Das mag als größtes Paradox der (faktischen!) Moral erscheinen, dennoch: Wenn man den fundamentalen Respekt an wie auch immer geartete Leistungen oder Eigenschaften von Personen knüpft, verläßt man nicht nur den Boden unserer freiheitlichen Grundordnung. Dann öffnet man die Büchse der Pandora so weit, daß es keine guten Gründe gegen Antisemtismus oder Neofaschismus, gegen das politische System in China oder den Rassismus in den USA mehr gibt ... kann mir nicht vorstellen, daß Ali das wirklich will.

Böse Bürger! Danke, TAZ!

Erfrischende Morgenlektüre: Der heutige TAZ-Kommentar zur Lage der Koalition:

http://www.taz.de/pt/2005/11/11/a0111.nf/text

"Das Programm der großen Koalition mutet an wie eine Bestrafungsaktion für die bösen Bürger. Haben sie doch zu wenige Kinder bekommen, zu wenig gearbeitet, dem Sozialstaat zu sehr auf der Tasche gelegen - und vor allem zu wenig Geld ausgegeben. Deshalb nimmt die neue Regierung ihnen jetzt noch etwas davon weg. Damit sie dann mehr ausgeben und das Wirtschaftswachstum steigt. Oder wie jetzt?"

Steht zunächst mal für sich, ergänzend ist nur anzudenken (an's Sein, also Heidegger folgend): Ist niemandem aufgefallen, was für ein fantastischer Konjunkturmotor so Krawalle wie in Frankreich sein können? Seit Schröder und der Diskussion um Spritpreise und Öko-Steuer wissen wir doch: Das eigentliche Herzstück der Bundesrepublik ist nicht etwa eine demokratische Verfassung, sondern die Automobilindustrie ...

Ja, liebe Marktliberale, das erklärt mir mal:. Wieso gibt es so verdammt gute, zustimmungspflichtige Gründe gegen solche Handlungen, wie junge Franzosen sie gerade flächendeckend vollführen, wenn's doch perspektivisch gut für DIE WIRTSCHAFT sein könnte?

10.11.05

Foucault-Zufalls-Zitat des Tages

Heute: Michel Foucault, "Überwachen und Strafen", Frankfurt/M. 1989, S. 255

"Es handelt sich um zwei Methoden, Macht über die Menschen auszuüben, ihre Beziehungen zu kontrollieren und ihre gefährlichen Vermischungen zu entflechten. Die verpestete Stadt, die von Hierarchie und Überwachung, von Blick und Schrift ganz druchdrungen ist, die Stadt, die im allgemeinen Funktionieren einer besonderen Macht über alle individuellen Körper erstarrt - diese Stadt ist die Utopie der vollkommen regierten Stadt/Gesellschaft. Die Pest (jedenfalls die zu erwartende) ist die Probe auf die ideale Ausübung der Disziplinierungsmacht. Versetzen sich die Juristen in den Naturzustand, um die Rechte und Gesetze in der reinen Theorie funktionieren zu lassen, so träumten die Regierenden vom Pestzustand, um die perfekten Disziplinen funktionieren zu lassen."

Wie gesagt: Die Auswahl des Zitates ist rein zufällig - einfach irgendeine Seite aufgeschlagen. Und: Es handelt sich hier um eine historische Studie, die länsgt vergangene Jahrhunderte untersucht. In deren Mittelpunkt der Übergang vom 18. in das 19. Jahrhundert steht. Wer träumt auch heute noch von der Pest? Die gibt's ja gar nicht mehr ...

Armes Holstein Kiel!

Ist ja Liga- und Aufstiegs-Konkurrent, mir weder sonderlich sympathisch noch unsympathisch. Aber was machen die Kieler an sich? Ihr Verein spielt eine furiose Saison, und die gucken nordisch-stur weiter Handball. Oder, noch schlimmer: Lassen über ihrer Intenet-Präsenz so ein typisch AOL-protziges "Hier regiert der HSV" aufploppen. So z.B.: http://mcwinkel.wd-tietze.de/, das mit Abstand beste und lustigste Blog-Angebot, das sich in der deutschen Blogosphäre finden läßt. Und jetzt gerät man als Stammleser in ernstzunehmende Gewissenskonflikte. Weil: An sich kann man als Mensch mit auch nur einem Funken Anstand im Gemüt eine Seite, die mit einem solchen Slogan aufwartet, nicht mehr besuchen ... da steht Lesegenuß gegen Prinzipientreue. Und auch gegen das Mitgefühl mit Holstein Kiel ...

Börsen-Bonmot des Vormittags

"Da darf man dem DAX nicht verübeln, daß er ein wenig zurückgezuckt ist", so eben ein "Wirtschaftsjournalist" im Morgenmagazin. Der DAX muß schon eine faszinierende Persönlichkeit sein ...

09.11.05

Was der jetzt wohl dazu sagen würde?

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Nunmehr kann ich, Erik sei Dank, ein wenig nachvollziehen, wer wie auf diese Seite gelangt. Unter anderem war's der Suchbegriff "Foucault", über den ich hier eigentlich noch nie explizit etwas geschreiben habe, der zum Besuch verleitete.

Die Rubrik heißt so, weil der Mann mich in meinem Weltbild zunächst nachhaltigst erschütterte, dann überzeugte, und auch, nachdem mich Habermas, Tugendhat, Kant und andere ein wenig vor ihm retteten, doch nicht mehr los ließ (ebenso wie ja Rufus Wainwright, die Musik-Rubrik, und Twin-Peaks, die TV-Rubrik, Paradigmen formulieren, innerhalb derer ich mich sinnlich und gedanklich bewege).

Spannend wäre in der Tat, was Michel Foucault zu den Vorgängen in Frankreich sagen würde. Er hat ja Zeitlebens ebenso präzise diagnostiziert, wie er ziemlich daneben lag (letzteres z.B. im Falle der iranischen Revolution). Unter anderem stammt ja von ihm die These, daß sich das Gefängnis als favorisiertes Mittel der Bestrafung deshalb durchgesetzt habe, weil die anderen Institutionen der Gesellschaft diesem sowieso gleichten ...

Aber sein wichtigstes Werk, "Überwachen und Strafen", auf die Jetzt-Zeit in Frankreich anzuwenden wäre sauspannend - würde dann selbst für meine Verhältnisse etwas mehr Platz und Aufwand erfordern.

Stattdessen das Foucault-Zitat des Tages nach dem Zufallsprinzip! Heute: Irgendeine Seite aus "Das Wahrsprechen des Anderen", Frankfurt 1988, Materialis-Verlag. Ha, paßt super zum vorherigen Eintrag:

"Der Seher, der Prophet, der Philosoph, der Gelehrte, sie alle bringen tatsächlich eine gewisse Dramatik des wahren Diskurses ins Spiel, wie auch immer tatsächlich die sozialen Bedingungen, die den jeweiligen Status definieren, sein mögen. D.h., sie haben eine bestimmte Art, sich selbst, in der Eigenschaft als Subjekte, an die Wahrheit zu binden, die sie sprechen; aber es ist klar, daß sie sich nicht jeder auf dieselbe Art an die Wahrheit binden, die sie sprechen. Diese unterscheidet sich je nachdem, ob sie in der Eigenschaft als Seher, als als Prophet, als Philosoph oder als Gelehrter innerhalb einer wissenschaftlichen Institution sprechen." (S. 39)

Ha! HaHa! HaHaHa! Für Kalendersprüche, Focus-Kästchen oder Zitierfähiges für Smalltalk auf Cocktail-Parties war Foucault zum Glück noch nie gut! Allein schon dafür muß man ihn lieben ...

Man sieht, was man sehen will

Ist ja nicht neu, der Satz in der Überschrift, aber immer wieder zutreffend. Heute hat mal mal wieder die Ehre, den Wahrheitsgehalt der Aussage zu bestätigen: Ulrich Speck im Kosmoblog: http://blog.zeit.de/kosmoblog/?p=99. Hauptsache, das eigene Weltbild ist erdbebensicher. Der Anlaß reflektierender Selbstbestätigung: Die Krawalle in Frankreich. Man lasse sich folgendes genüßlich in den Hirnwindungen zergehen:

Zuerst:

"Was das im Fall der französischen Gewalt ist, darüber wird gerätselt. Islamismus ist es offenbar nicht. Islamistische Gruppierungen haben zur Wiederherstellung des Friedens aufgerufen."

Dann aber:

"Das heißt allerdings nicht, dass der Islam als Faktor auszuschließen ist. Allerdings nicht im Sinne von strenger Religiösität oder religiösem Fanatismus, sondern im Sinne einer Zugehörigkeit, auch einer Abgrenzung."

Dieses "Ich habe aber doch Recht!", dieses Aufstampfen mit dem verbalen Fuß, erzeugt fast Mitgefühl. Aber da er immer wieder Anregungen bietet, der Ulrich Speck, sei's ihm verziehen. Dennoch, damit nicht genug:

Natürlich muß der Kosmoblogger auch noch die These aufwärmen, daß nur so ein richtiger Marktliberalismus alle Probleme lösen würde, weil dann schlagartig alle Arbeit hätten, während aktuell ja vor allem die Arbeitsplatzbesitzer die Arbeitslosen am Arbeiten hindern würden. Und ein Protektionismus in Kontext globalen Freihandels, wie von der französischen Regierung betrieben, stütze dies dann halt (lustig sind immer die Kurzschlüsse zwischen Makro- und Mikroökonomie in der Gedankenführung. Das hat dann was vom esoterischen "Wie oben, so unten").

Kurz: Die Kawalle sind die Folge mangelnder, wirtschaftlicher Liberalisierung. Wobei letzteres dann immer meint: Weniger Staat, nicht etwa mehr Handlungsmöglichkeiten für möglichst viele Menschen. Kennt man alles, ist aber ebenso immer zu schlicht gestrickt. Warum müssen die neoliberal Infizierten auf Teufel komm raus ihre Thesen immer wieder auf jeden Gegenstand geradezu zwanghaft anwenden, ganz egal, ob's dem wenigstens irgendwie entspricht?

Das verdeckt nur die wirklich guten Gedanken im selben Text. Die da sind:

1.) Frei übersetzt: Von der Wohlfahrt zur Arbeit. Also: Nicht die "Stütze" ausbauen, sondern dafür sorgen, daß die Leute in Lohn und Brot kommen. Vollste Zustimmung. Aber auch ein noch so freier Markt wird das niemals aus sich selbst heraus vollbringen.

2.) Allerlei US-Medien werden zitiert, die sich um das Thema Rassismus in Frankreich drehen. Die werden aber offenkundig nur deshalb zitiert, weil man die USA nun auch noch als großes Vorbild in Sachen Überwindung des Rassismus feiern möchte - was heißt hier man? Herr Speck. Das ist so dermaßen hoffnungslos idealisiert, daß man kurz auflacht. Was heißt hier man? Ich.

Um kurz darauf doch zustimmend zu nicken: Weder in Frankreich noch in Deutschland haben Schwarze, Araber, Türken etc. die Chance z.B. auf's Tagesschau-Chefsprecher-Amt. Natürlich finden die sich - in der Tat! - nicht in wichtigen, gesellschaftlichen Positionen wieder.

Auf der Popbühne läßt man sie ein wenig rumhampeln und verdient viel Geld damit, daß sie den starken Mann markieren - aber wenn sie das dann auch in anderen Kontexten tun, ist's halt wahlweise die Barbarei der Ursprungsländer oder der Islam ... man kann nicht oft genug wiederholen: Es ist nicht - wie auch Herr Speck suggeriert - primär mangelnder Integrationswille. Man ließe sie auch dann nicht, wenn sie wollten. Punkt.

Daß all das in keinster Weise dazu legitimiert, Autos abzufackeln und Menschen umzubringen, das sei hier aus vollster Überzeugung auch noch einmal ausdrücklich betont ...

Und sie jammern ...

Frustation der Führungskraft: Da reißt man sich den Arsch auf und reist durch's halbe Land, um Neu-Aquise zu betreiben, tut, bisher recht erfolgreich, alles für eine gute Auftragslage 2006, freut sich von ganzem Herzen über wirklich tolle Kunden, Super-Persönlichkeiten, mit denen die Zusammenarbeit Sauspaß macht. Macht und tut und wirft seine ganze Persönlichkeit in die Waagschale, ohne, daß dies einem irgendwas ausmachen würde.

Und was machen die eigenen Mitarbeiter? Rennen mit Gesichtern durch die Gegend, als sei das Leiden Christi in sie gefahren, knallen mit Türen, pöbeln ätzend und lautstark durch Teppenhäuser und sitzen einem dann auf dem Schoß, den Tränen nahe, sie hätten ja gar kein Leben mehr, es sei so schrecklich viel zu tun und so hätten sie ja gar keinen Spaß mehr, das würde doch den Produkten schaden ...

Das sind die Momente im Leben, wo ein zutieftst konservativer Zynismus in mir aufsteigt und ich - nur ganz, ganz kurzfristig - sogar Kohls Gerede vom "kollektiven Freizeitpark Deutschland" auf einmal richtig finde ... rein emotional, ist klar. In vielerlei Hinsicht haben die ja Recht.

Ich habe gute Gründe, meinen Mitarbeitern die Adresse dieses Blogs nicht zu verraten ;-) ...

Private Investitionen verhindern!

Der Kunde ist das dümmste Arschloch, der Staatsbürger nur noch Objekt, und Kapital außerhalb staatlich-ökonomischer Systemgefüge ist nur Verfügungsmasse eben dieser Systeme.

Die Luhmannsche These, soziale Systeme und Menschen seien einander äußerlich, findet neue Bestätigung. In der Form, daß - politisch gewollt - in Deutschland nur Unternehmen Geld verdienen können sollen, nicht aber Personen. Es sei denn, diese stehen an der Spitze eines Unternehmens oder sind Aktionäre und somit Teil der Systemfusion zwischen Politik und Wirtschaft.

Also: Einnahmeerhöhungen des Staates nur durch Belastung von Privtapersonen, damit's auch ja nicht "DER WIRTSCHAFT" schadet. Sparen besteuern, Abfindungen abschöpfen - wo vermeindliche Globalisierungsfolgen es nicht alleine schaffen, Deutschland auf rumänisches Niveau zu senken (mit Fernziel China), wird die große Koalition das schon hinbekommen.

Und wird alles dafür tun, daß auch ja niemand auf die Idee kommt, es könnte Ziel sein, Rumänien auf deutsches Niveau zu heben, indem man Globalisierung gestaltet. Auch dafür ist die Nicht-Wahl Biskys ein Symptom.

Die große Koalition erklärt ihre Wähler schon jetzt schlicht für blöde und beschädigt die Demokratie mittels völlig einseitiger Wirtschaftspolitik.

Nur ein Beispiel: Meine potenzielle Abfindung war für mich immer Grundlage potenzieller Selbstständigkeit, ebenso meine Ersparnisse. Nein, das will die Politik gar nicht, mittelständische Existenzgründungen sind offensichtlich unerwünscht, und wenn, dann bitte nur so, daß Banken daran verdienen. Also: Freibeträge bei Abfindungen abschaffen und Sparer-Freibeträge ebenso. Ein Skandal.

Erster WHAM-Kontakt 2006

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Gestern beim Vorbeigehen am Dom erstmals in diesem Jahr "Last Christmas" von Wham gehört. Habe wohl in letzter Zeit wenig Radio gehört ...

08.11.05

Nachschlag

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So sieht übrigens ein zerknitterter Gassi-Beutel aus, wenn man ihn einscannt. Interessant daran ist, daß dann vor allem das Wort "Brieftasche" deutlich zu lesen ist.

Die Übertragung der Verdauung des Menschen auf den Hund

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Seltsam ist, daß mein Hund immer dann loskackt, wenn ich mir gerade eine Zigarette angesteckt habe. Gebe ja zu, daß ich ohne Rauchen auch schon längst zum Opfer von Backpflaumen und Rhizinus-Öl geworden wäre ... aber daß so ein 6-Monate altes Tier das prompt adaptiert?

Zudem immer scheußliche Szenen dabei herauskommen: Dann steht man mit der Zigarette in der einen Hand, der Leine mit Hund dran, zerrend, in der anderen - und muß es irgendwie schaffen, diese blöden Beutelzu öffnen (wer die kennt, weiß, wie schwierig das ist, da die Lücke zu erschaffen). Um dann die Scheiße irgendwie einzusammeln. Und immer noch mit Zigarette in der einen Hand, Hundeleine in der anderen, zusätzlich noch den frisch gefüllten Beutel in einer der beiden durch die halbe Stadt zu promenieren, weil Hunde grundsätzlich nur in der maximalen Entfernung zum nächsten Papierkorb losscheißen.

Lustig aber, daß das "L" beim Scannen des Beutels da oben auf der Strecke blieb und man somit weiß, daß in der Tat man seinem Hund auf dem Heimweg guten Gewissens zuraunen kann: "Da haben wir aber wieder ordentlich Beute gemacht!"

Fußball Feminin

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Ich fordere angesichts dieser Einladung des "Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe" die sofortige Gründung einer Transvestiten-Nationalmannschaft. Andere Frauen könnten auf sowas doch gar nicht richtig laufen ...

07.11.05

Schlimm!

Immerhin: An Tagen wie diesem findet man ganz plötzlich doch Überraschendes jenseits des Nachbetens genau jener Erklärungsmuster, die man immer schon mal wieder anwenden wollte und dem strikten Befolgen der Maxime "Man sieht, was man sehen will!" Hier nun ein tatsächlich ganz originelles, wenn auch ziemlich schlimmes Beispiel: http://www.achgut.de/dadgd/view_article.php?aid=1290&ref=0.

Gut, ganz beim Erbfeind ist der Mann noch nicht gelandet, aber bei Sätzen wie "Es handelt sich um einen radikalen und prinzipiellen, zur mentalen Grundaustattung der Franzosen gehörenden Mangel an Gemeinsinn" stockt zumindest mir der Atem. Ebenso die Reduzierung eines komplexen Phämonens auf irgendein Triebgeschehen der Hooligans, aus dem allein sich dann "Gewaltgeilheit" ableiten ließe, ist schon ganz schön krude. Wohlan, zurück in die Zeit zwischen 1890 und 1933! Nationen in ihrer Gänze Gemeinsinn absprechen zu wollen, das war ja damals schon trendy. Ebenso die Verneinung des Sozialen ...

... zugunsten irgendwelcher Naturalismen. Zudem der Satz, daß ja bei Hooligans auch niemand etwas anderes vorgeschlagen habe als staatliche Represion, schlicht falsch ist. Die Fanprojekte waren meines Wissens sogar recht erfolgreich ...

Nicht minder martialisch auch die Kommentare zu http://www.statler-and-waldorf.de/?p=946#comments... meine Güte! Armes Deutschland!

"Dennoch spielt der Islam meiner Meinung nach schon allein deswegen eine Rolle, weil einige seiner Spielarten insbesondere seinen männlichen Anhängern eine Art von Herrenmenschen-Attitüde vermitteln."

Wie man so derart nun wirklich alles durcheinander bringen kann und noch nicht einmal merkt, daß selbst man sich als Herrenmensch gegenüber diesen "Kanaken" aufspielt (Kanake schreibt der Mann da oben ausdrücklich nicht, das lese ich mut- und böswillig hinein).

Ja, auch Hannes Stein seinerseits schreibt zwar von "amoklaufenden, jungen Arabern" unter http://www.achgut.de/dadgd/view_article.php?aid=1291&ref=0, aber so, wie er das schreibt, könnte auch er genauso gut auch gleich "Kanaken" schreiben. Weil's nämlich Franzosen sind, die da randalieren ... ja, liebe ethnisch-reine Kulturnation Deutschland, ist so.

Und: Sind da nicht auch 'ne Menge Schwarzafrikaner mit dabei, bei diesen so scheußlichen Krawallen? Wieso dann die Araber so hervorheben?

Und auch sonst - jetzt wieder bei Herrn Statler und seinen Kommentatoren angelangt - ganz wie beim oben Zitierten, des Gemeinsinns fähigen, guten Deutschen : Jede Menge antifranzösische Ressentiments (die, darf man den Kommentatoren glauben, sich bis in die FAZ fortpflanzen), die nicht etwa auf gesellschaftliche Strukturen, sondern auf Kultur und Mentalität sich beziehen. Der Ruf der Scheinliberalen wird nun plötzlich nach totaler, staatlicher Repression laut, es findet sich auch die Behauptung, noch in der 3. Generation würde sich die Barbarei und Gewalttätigkeit der Herkunftsländer tradieren, als hätten die nicht ihr Leben in Fankreich verbracht, die Kids, die da brutalstmöglich rumfackeln. Kindergärten würden auch deshalb angesteckt, weil man sich gegen egalitäre westliche Modelle richten, wird dann mal eben so hineininterpretiert (Autsch! Kulturwissenschaften sind gemeingefährlich!), und Statler in seinem Eingangskommentar auch nicht minder teilsinnig:

"Die Spannungen zwischen der französischen Mehrheit und den muslimischen Einwanderern, die größtenteils keinerlei Interesse daran hätten, sich zu europäisieren oder auch nur elementare Grundregeln des friedlichen Zusammenlebens in einer freien Gesellschaft zu akzeptieren, würden immer größer."

So zitiert er irgendeinen Franzosen. Klar werden in Ländern wie Frankreich die Spannungen immer größer, wie man aktuell gar allzu furchterregend sieht - aber 1.) nicht nur zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen und 2.) doch nicht, weil einfach so allesamt sich rein von sich aus weigern, aus Islamismus, Frauenfeindlichkeit oder auch nur reiner Sturheit, sich zu europäisieren oder zu assimilieren. Blödsinn. Teils läßt man sie nicht, teils ist's schlicht und ergreifend gar nicht nötig.

Zwischen den Grundlagen des friedlichen Zusammenlebens und der Forderung nach Europäisierung besteht nämlich zudem auch noch eine ganz gewaltige Kulft, jene zwischen zwei völlig verschiedenen Ebenen, (moderner) Moral und Kultur halt. Man kann Identitäten zudem auch nicht zwangsverordnet wegschmeißen, und wenn ich mir NobelRestaurants in Hamburg angucke, sind das doch auch Parallel-Gesellschaften, von Medienschaffenden oder der politischen Klasse in Berlin oder gar den scheinliberalen Internetseitenbetreibern mal ganz zu schweigen.

Vielmehr ist zu betonen, daß gerade Gesellschaften wie die Französische noch um einiges undurchlässiger sind als die unsere, weil z.B. ein System von Elite-Schulen (wie manche es sich ja auch für Deutschland wünschen) jeden vermeindlichen "vom Tellerwäscher zum Millionär"-Traum gar nicht erst zulassen. Weil die "großen Familien" eine Rolle spielen. Undundund.

Ebensowenig läßt sie auch andere Formen des Mitspielens unter Bedingungen der Chancengleichheit zu, und genau das ist bei uns auch zunehmend der Fall. Da braucht man nur einmal mit einer Vertreterin der Wirtschaftsbehörde Hamburgs sich über die Schulen auf St. Pauli zu unterhalten - die Jungs und Mädels dort hätten auch dann keine Chance, wenn sie wollten. Außer im Fußball. Dazu ist die rassistische Hetze in Deutschland, die sich als Kulturtheorie tarnt, schon viel zu weit fortgeschritten.

Die tiefsitzende Allergie gegen staatliche Institutionen verdankt sich auch in Frankreich den Erfahrungen eines ganz alltäglichen Rassismus, oft genug durch genau diese staatlichen Institutionen, zu denen eben auch Polizisten zählen (abgesehen davon haben sie ja mit staatlichen Institutionen genau den gleichen Feind wie sogenannte Marktliberale).

Genau über diesen ganz alltäglichen Rassismus berichten meine iranischstämmigen und schwarz-französisch-bayrischen und Düsseldorf-Afro-Freunde doch auch täglich. Fließend deutsch sprechen die allemal, sind Journalisten,und müssen sich trotzdem Rufe wie "Geh doch zurück in den Busch, wo Du herkommst" anhören oder sich in Zügen zwischen Hamburg und Berlin als Affen beschimpfen und angreifen lassen, auf daß dieser Vorfall den herbeigerufenen BGS dann einen Scheißdreck interessiert. Man unterhalte sich hierzu nur mal mit den Opferinitiaven in Brandenburg oder Sachsen, mit jenen, die unter alltäglicher Gefährdung sich um die Opfer rechter Gewalt kümmern.

Und letztlich ist alles, was in Frankreich passiert, ist auch eine Reaktion auf diese himmelschreiende Arroganz, die hinter diesen Kommentaren auf der Statler-and-Waldorf-Seite steht. Die europäische Hochkultur und die Affen aus Arabien und Afrika, genau dieses Bild verbirgt sich dort. Die guten, alten antiken Barbaren werden ausgekramt. Nur, daß das damals die Germanen waren ...

Natürlich ist's total Scheiße, verwerflich, menschenverachtend, mörderisch und zum Kotzen, was gerade in Frankreich abgeht. Natürlich legitimiert auch die Erfahrung des alltäglichen Rassismus es nicht, Menschen umzubringen und Kindergärten abzufackeln. NATÜRLICH NICHT! Das ist alles scheußlich, und jeder einzelne Randalierer ist ganz allein selbst dafür verantwortlich, welche Schlüsse er aus seiner sozialen Situation zieht und hat ggf. natürlich auch sanktioniert zu werden.

Mit mehr Repression erreicht man trotzdem allenfalls akut etwas dagegen, aktuell geht's ja auch gar nicht anders in Frankreich, aber doch nicht perspektivisch. Da potenziert man nur das Problem. Das hat ja sogar Herr Schäuble zumindest teilweise begriffen.

Diese ganze hirnrissigen Kommentare hier in Deutschland gehen doch alle nur Osama-Bin-Laden höchstpersönlich auf den Leim. Oder kramen wahlweise uralte Francophobie wieder aus. Oder beides.

Wie erklärt man denn dann Solingen und Lichtenhagen? Sind jetzt auch schon Neonazis islamistisch? Die mag zwar ein widerwärtiger Antisemitismus mit Islamisten verbinden, "Türken raus" fordern die trotzdem. Wie erklärt man sich den hohen Anteil von Rußlandeutschen in deutschen Jugendgefängnissen? Wie das Ansteigen der Kriminalität in osteuropäischen Staaten? Und wie zuletzt all die Gewalttaten, die von Leuten begangen werden, deren Eltern lange schon in Deutschland leben und die in Mümmelmannsberg, Steilshoop oder Wilhelmsburg aufwachsen? Wird ja mittlerweile so getan, als würden alle genetisch "reinen" Deutschen in voller Friedfertigkeit durch die Gegend spazieren kraft ihrer ach so hehren Kultur ...

Viel interessanter als all dies Gesabbel wäre es, z.B. den Hip Hop in Frankreich, Deutschland und den USA zu unterssuchen und auf Identität und Unterschied hin zu analysieren. Der auch nicht schuld an den Krawallen ist, wie mancher CSU-Politiker jetzt wahrscheinlich gerne bahaupten würde, dessen Verständnis aber erklärt und bei Lösungssuche hilft. Natürlich gab's auch in den USA die "Nation of Islam", mit der der eine oder andere Rapper kokettierte, aber die ist ein komplett differentes Phänomen. So kommt man auch den medialen Mechanismen auf die Spur und vielem anderen mehr. Da landet man bei vielen Einsichten, wie sie der hervorragende Artikel http://www.zeit.de/online/2005/45/paris_mm_711 formuliert. Und das ist auch der einzig gangbare und zu denkende Weg, der dort beschrieben wird ...


Ein kleiner Faux-Pas dann doch

Ein Faux-Pas verbaler Natur. Und das, nachdem unsere Spieler so virtuos ihre Schritte richtig zu setzen wußten und ihre Füße so vortrefflich zu gebrauchen am samstag - bin heut' noch innerlich am Jubeln. Danke!

Eine kleine Formulierung unseres Managers jedoch, jenes des FC St.. Pauli, Holger S., ist unbewußt und aus Versehen signifikant . Nachzulesen unter: http://www.welt.de/data/2005/11/07/799935.html. Der will den Platz an der Sonne, der Holger S. . Das war einst Motto der deutschen Kolonialbewegung, damals, im Kaissereich, als alles begann...

Da konnte Udo Jürgens das Motto noch so nachhaltig im Schlager verwursten: Das ist nur ein weiteres Zeichen dafür, daß gerade angesichts der Jugendkrawalle in Frankreich eben genau diese deutsche Kolonialgeschichte und ihre Nachwirkungen in der deutschen Mentalität auf die Tagesordnung gehört ...

06.11.05

KULTUR und Gesellschaft: Verwirrungen

"Irgendwie gilt man heute nicht nur an den Unis als besonders kritisch, wenn man hinter den Kulturerscheinungen die Strukturen der Ökonomie oder der Politik erkennt. Sicher ist Kritik oft genau das. Manchmal aber auch genau das Gegenteil. Das hängt eben nicht vom philosophischen Ansatz, sondern von der Wirklichkeit ab."

So schreibt Michael Holmes auf der immer wieder lesenswerten Seite der "Freunde der offenen Gesellschaft" (http://www.fdog-berlin.de/index.php/317). Finde selten alles richtig, was da steht, aber doch: Die Auseinandersetzung lohnt. Er bezieht sich auf einen sinnsuchenden Kommentar von Ulrich Speck in seinem Kosmoblog (http://blog.zeit.de/kosmoblog/?p=95), der die Frage stellt, ob denn nun Kultur oder Sozioökonomie die Krawalle in Frankreich bedingt.

Das diskursstrategische Ziel ist klar: Beide, Speck und Holmes, würden gerne ein wenig Islamismus in den Krawallen entdecken, trauen sich aber nicht, das so richtig zu behaupten.

Um so ärgerlicher obiges Zitat von Michael Holmes: Mit der Zuschreibung, man "gilt" "irgendwie" als "kritisch" wird ein auch praktischer Ansatz mal eben nebenbei und ohne gute Gründe diskreditiert, weil diese Ansätze dann eben nur chic und eitel seien, Mitläufertum, und dem stünde dann entgegen heroische liberale Wahrheit und Gegen-den-Strom-Schwimmen. Wie blöd. Um dann noch auch "die Wirklichkeit" gegen "philosophische Ansätze" auszuspielen: Wie billig. Stammtisch. Um Philosophie kommt man eben nicht herum, will man über Wirklichkeit sinnvoll reden ...


Hiert noch einmal das ganze Zitat:

"Tatsächlich ist Kultur ein sehr schwammiger Begriff."

Vielleicht so, wie Herr Holmes diesen verwendet, oder auch Herr Speck. An sich ist Kultur a.) ein sehr komplexer Begriff und b.) so, wie er in Feuilletons zumeist verwendet wird, betrifft er ein Zusammenspiel von Weltsichten, Gewohnheiten und Traditionen. Also Perspektiven auf und Erklärungsmuster von Welt sowie von mehreren Menschen geteilte Verhaltensweisen, die in ihrer Kombination dazu beitragen, bestimmte Lebensformen hervorzubringen.


"Und es ist auch eine sehr schwammige Sache. Irgendwie"

schon wieder "Irgendwie"!

"gehören die meisten Menschen ja sehr verschiedenen Kulturen und Subkulturen an und haben dann mit etwas Glück auch noch eine noch schwammigere Sache dazu: eine Persönlichkeit. Wir sprechen dann von Prägung und Einflüssen und das alles ist dann oft auch noch ziemlich unbewusst."

Was'n Brei!

Persönlichkeit, Prägung, Einflüsse und einen kleinen Ausflug in eine Theorie des Unbewußten. Aber alles ganz explizit "schwammig".

Womit klar wäre, warum man um Philosophie nicht herum: Philosophie a.) macht ja nix anderes, als Begriffe zu klären und b.) behauptet, daß diese Begriffe dann unser je spezifisches Verständnis von Welt sind, und macht somit die Voraussetzungen, unter denen Welt thematisiert wird, schlicht explizit.

Das Welt-Verständnis des obigen Eintrages setzt im wesentlichen alle möglichen Theorien voraus, kaut sie durch und spuckt sie als suggestiven Brei dann wieder aus. Um von dieser öligen Masse ausgehend dann bei folgendem zu landen (war ja oben schon zitiert):

"Irgendwie gilt man heute nicht nur an den Unis als besonders kritisch, wenn man hinter den Kulturerscheinungen die Strukturen der Ökonomie oder der Politik erkennt. Sicher ist Kritik oft genau das. Manchmal aber auch genau das Gegenteil. Das hängt eben nicht vom philosophischen Ansatz, sondern von der Wirklichkeit ab."

Das ist ein klassischer Fall von Ressentiment. Und wieder suggestiv, wie "Wirklichkeit" da als rein rhetorisches Mittel gegen linke Spinner eher als Wort-Fetisch denn als Aussage verwendet wird. So geht der Text dann auch weiter:

"In diesem Fall stelle ich mir diese Banlieues ein wenig wie Neukölln vor (wo ich bis vor kurzem leider gewohnt habe)- nur schlimmer. In Neukölln jedenfalls bekommen wir langsam, aber sicher, eine sehr gewalttätige Kultur. Und ich würde sie nicht einfach islamistisch nennen. Irgendwie gibt es dort alle möglichen Allianzen oder Konflikte von kriminellen Gangs, Islamisten, Nazis und ganz gewöhnlichen Machos. Mich hat das immer interessiert und ich hab mir die vielen Gerüchte immer angehört, aber ganz durchgeblickt hab ich nie. Sicher leben in Neukölln eher die unteren Schichten unserer Gesellschaft, dennoch ist diese Kultur meiner Einschätzung nach ziemlich unabhängig von der wirtschaftlichen Situation. Jedenfalls haben die meisten Kids immer noch ziemlich teure Nikesneakers.
Sie merken schon: das meine ich mit Intuition."

"Intuition" ist auch immer sowas Unangenehmes, wenn sie sich selbst auf die Schulter klopfend ins Feld geführt wird. Da kommt dann so etwas Eitel-Seherisches zum Vorschein, das sich der Nachfrage und den Gründen entzieht. Und der ganze Eintrag hat diesen Unterton "Ich habe was gegen Türken, und ich weiß, wovon ich rede, ich habe schließlich mal mit einem zusammengearbeitet."

Immerhin weist das Statement den Weg: Komplexe Phänomene muß man auch in ihrer Komplexität analysieren, will man nicht schwammig bleiben.

Deshalb ist ja die von Ulrich Speck gestellte Frage so, wie er sie stellt, so unsinnig - und eben doch diskursstrategisch so problematisch. Er suggeriert, daß eben dann doch so Dinge und Einstellungen wie das Kopftuch schuldig zu sprechen sind für die Gewalt. Da braucht man sich nur die Kommentare zu seinem Eintrag durchlesen, die er verursacht: Natürlich muß da irgendein Vollhonk die multikulturelle Gesellschaft für gescheitert erklären, natürlich verteidigt sie irgendjemand völlig undifferenziert, und ein dritter behauptet allen Ernstes, Deutschland habe sich ja zum Glück nicht mehr um seine Kolonialgeschichte zu kümmern. Genau diese Weltsicht bringt dann Wirklichkeiten hervor, wie z.B. http://www.ostblog.de sie beschreibt, die Geschichte von Jean-Paul (oder Sean-Paul? Nachlesen!.)

Da ist Herr Holmes einen entscheidenden Schritt weiter: Er verweist, indem er Neuköln beschreibt, auf ein in sich auszudifferenzierendes Bündel verschiedenster Faktoren. Und er hat Recht, daß es - zum Beispiel vom ehemaligen, niedersächsischen Pfeiffer immer wieder eindrucksvoll beschrieben - Formen des Machismo gerade bei Menschen mit "islamischen Migrationshintergrund" (völlig dämliche Formulierung, kenne aber aktuell keine Bessere) gibt, die zu Vorgängen wie derzeit in Frankreich maßgeblich beitragen. Auch dieses "Krawall als Event"-Phänomen, daß es ja hier in Hamburg bei den Bambule-Demos auch gab, spielt eine Rolle. Klar. Und da haben auch nur wenige "Deklassierte" protestiert ...

Das alles erledigt aber noch lange nicht die richtige Intention, die hinter so etwas wie Bambule stand (die allerdings Krawallformen, weder von Seiten der Polizie noch jener der Demonstranten, jemals legitimieren könnte!!!). Ebenso wenig lassen NIKE-Sneaker den Schluß zu, daß nunmehr Kultur und Gesellschaft (letzeres verstanden u.a. als sozioökonomische Bedingungen) nicht zusammenhängen würden. Schon die Höhe der Mieten determiniert z.B. die Lebensformen in bestimmten Stadtvierteln und deren soziale Zusammensetzung. Was trivial klingt, aber gerade hinsichtlich der Pariser Banlieues eine ganz erhebliche Bedeutung hat ...

Ein anderer Faktor sei als maßgeblich (aber überhaupt nicht ausschließlich) hier eingeführt: Anerkennung. Um ein positives Selbstverhältnis zu gewinnen, bedarf es intersubjektiver wie auch gesellschaftlicher wie auch kultureller Anerkennung meines So-oder-So-Seins.

Bleibt diese versagt oder habe ich (Exklusion) keine Chance, mir auf wahlweise kulturell oder ökonomisch übliche Weise diese zu verschaffen, bilden sich eben jene subkulturspezifischen Formen des Machismo und auch der Gewalt heraus, behaupte ich. So ist ein Faktor (einer von vielen), der Neonazis in Ostdeutschland geradezu züchtet, die fehlende Anerkennung von Ost-Biographien, oft jener der Eltern der Nazis. Als Antwort fungiert dann guppeninterne Anerkennung für besonders erfolgreiches Ausländer Klatschen. Das erklärt vieles, legitimiert aber nix.

Dieses Beispiel ist bewußt gewählt: Die Krawalle in Frankreich wie auch viele Agressionen hier sind ja nicht unmittelbar dem Tradieren afrikanischer oder arabischer Gepflogenheiten entsprungen. Sie sind ein europäisches Phänomen. Die gehören allesamt zu UNS, sind ein Teil des europäischen WIR, nicht das ANDERE!!!

Hier ist's meistens die zweite, in Frankreich auch die dritte Generation. Deren So-oder-So-Sein ist insofern immer eine Antwort auf gesellschaftliche und kulturelle Formationen in Frankreich wie Deutschland - und deren Zusammenspiel.

Insofern trägt aber auch der ganze islamophobe Diskurs auf all den scheinliberalen Internet-Seiten dazu bei, daß es diese Krawalle gibt. Auch auf den - nicht nur auf den - reagieren die unter anderem.

Weil eben in den ganzen schwammigen Begrifflichkeiten, in diesem ganzen Gequatsche von kulturellen Differenzen und deren Schuld, nicht mehr klar genug geschieden wird. Z.B. zwischen Islamismus und poltischem Islam einerseits und dem ganz normalen Muslim andererseits.

Man kann pro-israelistisch sein und den politischen Islam geißeln und als gemeingefährlich empfinden und trotzdem auf den ganz großen Kulturkampf verzichten und muß auch nicht ganze Gruppen der eigenen (!!!) Bevölkerung mal eben hinausdefinieren. So sehe ich zumindest meine Position. Anti-islamistisch, pro-israelitsch, aber doch in voller prinzipieller Solidarität mit hier lebenden "Türkischstämmigen", z.B.

Weil natürlich weiterhin vielfältige Formen des Rassismus deren - und somit auch unseren - Alltag prägen, und somit auch deren - und unsere - ökonomische Situation. In Frankreich wie auch hier. Und da geht's immer auch um die prinzipielle Anerkennung von Personen und ganz fundamentalen Respekt. Weil allzuoft unter der Begriffsdecke "Kultur" wie schon im 19. Jahrhundert dieser Rassismus steckt. Das unterstelle ich weder Holmes noch Herrn Speck, ganz ausdrücklich nicht. Dennoch liefern auch sie genau diesem Diskurs ein kleines Stück Legitimation ...

Abschließend sei wie so oft betont: Etwas verstehen wollen oder erklären, heißt noch lange nicht, es auch zu legitimieren ... da hat Herr Glucksmann unrecht. Siehe unten.


05.11.05

Sie sind Götter!

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(Quelle: http://www.fcstpauli.de)

So souverän! So geil gespielt! So klar den Gegner kontrolliert! Kampfstark, mit Pressing und Zweikampfhoheit die Essener schlicht an die Wand gespielt ... großartig. Gehörte noch vor gar nicht langer Zeit zu jenen, die den Trainer lieber gehen sehen wollten und Herrn Dinzey zurück nach Braunschweig oder in andere Wüsten schicken wollten ... verzeiht mir!!!!! Tolle Mannschaftsleistung, alles toll !!!


Eine Eisbahn im Park

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Gerade gestern abend noch: Durch die Wallanlagen spaziert. Dicke Männer in Overalls hatten die Rollschuh-Bahn in eine Eisfläche verwandelt. Sie testeten gerade die Musikanlage. Scheppernder Euro-Trash drang aus den Boxen.

Ein paar Stunden später. Bleibe doch beim Zappen immer wieder am großen TV-Sturmflut-Doku-Drama hängen. Schwanke zwischen Faszination und echtem Ärger. Dann erzählt Helmut Schmidt - großartiges Interview-Bild, im Profil, im Halbdunkel -, daß sie damals 1962 nicht wußten: Wohin mit den Leichen? So haben sie die Toten auf's Eis der Schlittschuhbahn in den Wallanlagen gelegt ...

Danach eine Spiel-Szene: Angehörigesind zu identifizieren. Ein O-Ton hineingeschnitten, ein alter Mann mit zitternden Lippen, der beschreibt, wie er sie alle verlor, Tränen im Blick, das Trauma bis heute spürbar ... es wird mir jetzt mulmig sein, wenn ich an der Eisbahn vorbeilaufe.

Und doch: Was sollte das?

Warum ein Doku-Drama zu diesem Thema? Warum diese schaurigen, ja auch ergreifenden Einzelgeschichten, warum unaufhörlich Ulrich Tukur als Helmut Schmidt ständig schweigend, mit einer Zigarette im Mund und mit Mordsaufwand gedreht, durch's Bild laufen und entschlossen dreinblicken lassen?

Warum Tante Ernas schauriges Ertrinken minutenlang auswalzen, nachinszenieren, warum sie immer weiter um Hilfe rufen lassen, während ihre Verwandschaft derweil hilflos auf dem Deich den Schreien lauscht?

Ein Lehrbeispiel ist dieses Doku-Drama für Licht und Schatten des Genres. Weil, statt sich auf das Thema, die Prämisse zu konzentrieren, stattdessen allzu oft melodramatisch, effektvoll und Emotionen heischend das ensetzliche Einzelbeispiel fast lustvoll ausgeweidet wird. Und so verschiebt sich das Thema auf einmal zu einer erschütternd trivialen "Naturkatastrophen sind schrecklich für Menschen"-Aussage, was ja wahr ist, aber darüber braucht man keinen Film zu machen. Zudem konsequent auf einen hollywoodeske Dramatiserung - einzelne kämpfen sich heroisch hindurch durch Flut und Sturm, bis final sie gerettet werden, und der Film erzählt die sich steigernden Hindernisse, auf die sie stoßen - verzichtet wird, und das ganz offensichtlich auch bewußt.

So ragt eher in den Film hinein, als daß es ihn formen würde, sein eigentliches Thema: Hilfe, Solidarität und der Konflikt, in den man gerät, wenn um zu helfen man selbst sehr viel riskieren muß. Das grausame Ertrinken der Tante Erna soll wohl diesen Konflikt versinnbildlichen. Und doch entgleitet hier das Thema, und der Effekt wird primär.

Ich habe mich ernsthaft gefragt, warum man mir diese Szene zumutet - soll ich als Zuschauer mich hilflos fühlen angesichts der Naturkatatsrophe? Und wenn ja, warum? Ich fand's nur ärgerlich. Weil's reißerisch war, eine Zumutung.

Immerhin sucht der Film immer wieder das Thema "Hilfe und deren Risiko in existentiellen Grenzsituationen" auf. Und doch bleibt die Frage: Warum ist eigentlich so oft die Katastrophe Thema von deutschen Doku-Dramen? Ganz schlimm in dieser Hinsicht ja das ZDF-Doku-Drama zum Dresden-Desaster.

Diese unbändige Lust der Deutschen, sich als Opfer fühlen zu wollen, ist unerträglich geworden. Heimsuchungen, Heimsuchungen, Heimsuchungen. Ob Globalisierung, die selbst gewählten Politiker, Bomber-Harris oder Hitler: Heimsuchungen, Heimsuchungen, Heimsuchungen.

Da gibt die weltgeschichtliche Schuld (die ja keine individuelle mehr ist, aber eben ein Appell zur Verantwortung im hier und heute) noch das Thema für's Sturmflut-Drama vor. Endlich mal unschuldige Opfer sein dürfen! Endlich mal nicht bestraft werden für die Nazi-Greuel! In tiefer Unschuld zu ertrinken! Super! Das packt das deutsche Pubikum am Herzen und läßt es nicht mehr los!

Gibt's denn keine Stoffe in der deutschen Geschichte, die jenseits des Wohlfühlens in der Verantwortungslosigkeit
Handlungsalternativen wirklich pointiert beschreiben? Die Münchener Räterepublik wäre so einer. Die RAF war auch einer, ja! Ein Stoff wie jener des Spielfilms "Führer Ex" wäre so einer. Aber Schicksal und Katatstrophe ... das ist Mythisierung, und Mythiserung hat im Spielfilm, nicht im Doku-Drama stattzufinden.

04.11.05

Noah Sow bloggt!

Und dazu noch unter der weltweit einzigartigen domain "www.blogfrei.de" ... und prompt macht's auch Mordsspaß, das zu lesen!

Nicht nur ganze Generationen von "Soccer-Fetish-Boys" (in England gibt's da richtige Parties, stand mal in der Attitude, wobei manch schmächtige Wade in den weißen Stutzen mit den Originalen auf dem Fußballplatz dann doch nicht mithalten kann) werden sich über den Fußball-Artikel freuen.

Auch all die Klemmschwestern in den Stadien, gerade jene auf dem Platz, sollten applaudieren und Chöre anstimmen, z.B., dieses eine Mal sei ein blödes Klischee erlaubt, "Er gehört zu mir!" in den Fankurven anstimmen, wenn ein Tor fällt und der Torschützemit Jubel bedacht wird (wobei sie mit all den "Go West"-Varianten ja auch schon ziemlich richtig liegen, die Fans allerorten - und ABBAs "Gimme a man after midnight", von Madonna ja gerade wieder geadelt, wäre vielleicht doch einen Schritt zu weit über's Spiel hinaus) - und der schönste Satz in Noahs Text ist mit Sicherheit "Das war ein schwules Tor - und das ist auch gut so"! Na eben!

Also: Nix wie hin zu http://www.blogfrei.de/noahsow !

Rücksicht, Nachsicht, Zuversicht

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(dank an olivegreen, flickr)

Wer hat diesen ollen Song da in der Überschrift noch gesungen? Gab's wirklich mal und allen Ernstes ein Duo, daß Hoffmann & Hoffmann hieß? Immer wieder erstaunlich, was sich so alles ablagert in den eigenen Hirnwindungen, .und dann ganz plötzlich, uups, wieder vor einem steht und die Arme schwenkt und "Hallo!" ruft ...

Die Woche über eher ein mulmiges Gefühl zum Spiel gegen RWE morgen. Maues 0:0 oder so.

So einen ekligen Mob, wie die mitbringen - nach Dresden wirklich das Unangenehmste, was mir am Millerntor bisher über den Weg lief. Und wenn man liest, was die im St. Pauli-Forum ( http://www.stpauliforum.de) so schreiben, freut man sich auch nicht gerade auf sie ... alle mit so tarzanhafter Schreibe, aber trotzdem Bierbauch (es gibt Bierbäcuhe und Bierbäuche!) und billiges After-Shave zwischen den Zeilen ... die stellt man sich dann immer gleich beim Masturbieren auf terracottafarben/bordeuaxrot gestreiften Otto-Katalog-Sofas vor, mit heruntergelassener Trainigshose und irgendwas aus der Mikrowelle, Geschnetzelstes oder so, vor sich auf dem gekachelten Tisch stehen, in dessen Reste dann das Taschentuch rülpsend geworfen wird, so wie die schreiben ...

Doch: Üben wir uns rücksichtsvoll in Nachsicht und lassen die mal mit hanseatischem Understatement einfach links liegen. Manch einer von denen hat ja schließlich auch den Rücksitz voll zur Nachtschicht ... weil: Spätestens zur Rückfahrt haben die das Nachsehen. Und finden das Spiel dann rückblickend buchstäblich zum Kotzen ...

Denn ich bin soeben mit Hund am Heiligengeistfeld vorbeispaziert, sah das Riesenrad gegen den tiefblauen Hamburger Nachthimmel sich abheben, und auf einmal durchdrang sie mich wie buddhistische Weisheit: Volle Zuversicht! Tiefe Gelassenheit, daß das ein ziemlich cooles Spiel werden wird... anfänglich wird's sehr eng für uns aussehen, aber je länger das Spiel läuft, desto mehr wird sich das legen ... mit für uns gutem Ausgang. So sei es.

Die Pragmatismus-Falle

Frau Merkel redet vom Schicksal. Das ist immer gemeingefährlich - wer sich auf Gott und das Schicksal beruft in konkretem, politischen Handeln, der hat meistens was zu verbergen. Der bläht auf und dramatisiert wagneresk - gegen solche Seher-Rhetorik ist selbst der Schicksals-Begriff der Astrologie noch ein ausdifferenziertes System von Möglichkeiten.

Insofern sei die ZEIT ( http://www.zeit.de - den Link kennt aber ja eh jeder) von gestern zitiert. Kurzgefaßt läse sich der hervorragende Artikel im Wirtschaftsteil so. "Wer nicht investiert, ist bald ruiniert". Der Aufsatz stammt von ...

... Marc Brost und ist mit "Sparsam geht das Land zugrunde" überschrieben. Er bezieht sich auf staatliches Handeln, im Zentrum steht folgende Aussage: "Deutschland steckt in der Stagnationsfalle. Weil die Wirtschaft stagniert, steigen die Staatsschulden. Und weil der Staat deswegen immer weniger Geld ausgibt, stagniert die Wirtschaft." So kurz, so klar, so richtig.

Doppelt spannend wird's, überträgt man dies auf die betriebswirtschaftliche Ebene. Da gelten in Zeiten des Harvard-Buisness-School-Leninismus Regeln wie: Maximiert Gewinne, Personalkosten sind die unagenehmsten Kosten, was sich nicht unmittelbar und kurzfristig refinanziert, ist schlecht, und wenn was schief läuft, liegt's wahlweise grundsätzlich an zu hohen Lohnkosten, dem Staat und seinem Steuersystem und seiner Weigerung, "den Markt" wirklich rein und frei zu halten, den Gewerkschaften oder am Kunden.

Ja, am Kunden. Der ist ja der Feind dieser Menschen, weil er nicht bereit ist, die an Aktionäre auszuschüttenden Gewinne gleich mit zu bezahlen. Eine Selbstreflektion dieses Denkens findet nicht statt, ist ja alles schicksalhafte Wahrheit. Dieses Heinis haben zudem die Tendenz, ihre eigene, firmenimmanente Börsen-Verwaltung künstlich aufzublähen und schlicht überzufinanzieren, während alles Wertschöpfende ihnen sowieso grundsätzlich zu teuer ist und in China oder Polen halt billiger wäre. Ihre eigene Arbeit überbewerten sie ebenso grundsätzlich, was dann zur Sparzwang an falschen Stellen führt.

Um ein altes Bild zu benutzen: Die Kapitalflüsse werden so fehlgeleitet. Kaputtsparen bis zur Handlungs- bzw. Produktionsunfähigkeit ist die Folge, und zugleich eine Priorität des Investoreninteresses vor dem der Kunden und eine Investition in die falschen Abteilungen einer Firma zudem. Da fließt das Geld hin, statt in bessere Produkte zu investieren.

Eine Pragmatismusfalle ist das, weil eben die pragmatische Maxime der unmittelbaren Refinanzierbarkeit a.) in der Regel laufende Projekte belastet, indem Entwicklungskosten in diese hineingerechnet werden und b.) irgendwann der Punkt erreicht ist, da die in Produktentwicklung investierende Konkurrenz einen zwangsläufig irgendwann überholt.

Genau das ist Opel meines Wissens widerfahren: In der Produktion wurde zu viel gespart, entsprechend wurden die Autos schlicht zu anfällig für Pannen. Und Visionen hinsichtlich zukuünftiger Produkte wurden kurzfristigen Gewinnerwartungen untergeordnet.

Insofern ist's die am Kapitalmarkt orientierte Ideologie, die neuen Arbeitsplätzen und Wachstum im Wege steht.

Die Merkelschen "Wir müssen halt besser sein!"-Maximen sind auf nationaler Ebene dann eben auch nicht über's Sparen, sondern nur durch Investitionen zu erreichen. Das ist aber nur die halbe Miete. Die andere muß darin bestehen, statt Börsenkursen und Firmenwerten wieder deren Produkte in den Mittelpunkt zu stellen. Lieber bei Controllern sparen als bei wertschöpfenden Abteilungen. Lieber mal 'n bißchen weniger Gewinnausschüttung und dafür in Visionen investieren.

Das Desaster an Leuten wie dem Herrn Ackermann und seinem 20%-Gewinn ist ja, daß dieses Prinzip wie üblich totalisiert wird und auch noch als Erfolg gilt. Das ist aber gar keiner. Auch das "Internationale Kapital", das alle ins Land locken wollen, kann doch keine Massenarbeitslosigkeit bekämpfen können, solange es eben auch verdoppelt wieder in die eigene Heimat zurückkehren will .. das Prinzip maximaler Rendite selbst ist doch, was die Stagnationsfalle der Volkswirtschaft hervorbringt.

Also: Stärkt den investierenden Mittelstand und greift in das Börsengeschehen regulierend ein - auf europäischer Ebene. Und investiert, anstatt zu sparen ... die Globalisierung managen wollen, aus der Defensive heraus, unterwirft sich der Stagnation und der Nivellierung nach unten zugunsten weniger. Die Globalisierung gestalten wollen heißt, jene Investionen zu stützen, die Visionen für die Zukunft hervorbringen.

03.11.05

Nachrichten-Risotto

Als würden sie nicht zusammhängen wie ein zerkochter Risotto, die Nachrichten, die schlechte Laune bereiten. Die da sind: Die Telekomm (oder schreibt die sich Tele.com? Egal, den Laden sollte man ab heute sofort sowieso vergessen) feuert unter dem Propaganda-Motto "Zukunftsfähigkeit im globalen Wettbewerb" mal ein paar Zehntausend Leute und schickt pastoral-betroffen glotzende Tunnelblick-Börsianer ins Morgenmagazin, die totalitär die einzig gültige Wahrheit verkünden. Popper, der Theoretiker der Falsifikation, würde da mehrere Rollen im Grabe drehen, liebe Scheinliberale. PISA belegt, daß die Renaissance des Neo-Adels mittlerweile die ganze Gesellschaft durchdringt, und das ist ja auch poltisch so gewollt: Bildungschancen haben nur die Kinder reicher Leute, die anderen kann man dann ja auch gleich gezielt auf's Kaugummis vom Bordstein Pflücken vorbereiten. Dafür braucht man weder Mathe und Deutsch: Ran an die Haushalte. Das spart auch Geld für Lehrer und so. Also: Schulpflicht nur noch für jene, deren Eltern z.B. mehr als 3000 Euro brutto verdienen. Der Pöbel ...

bringt's doch eh nicht mehr undgefährdet zudem auch noch die innere Sicherheit.

Ich plädiere ab sofort für eine Ausgliederung der Zentren aus der Peripherie. Telekomm, Opel usw., sowieso sämtliche Aktiengesellschaften sollten ab sofort einen geschlossenen Wirtschaftskreislauf erhalten - per UNO-Sicherheitsrat wird das dann durchgesetzt. Da dürfen dann - genug neue Polizeigestze haben wir ja, das durchzusetzen - auch nur noch und auschließlich Vorstände und Aktienbesitzer und Leute mit mehr als 5000 Euro brutto im Monat einkaufen, deren Dienstleistungen nutzen usw. Die sowieso existierenden Parallel-Gesellschaften dieser Leute mit eigenen Werten und Normen bekommen dann auch explizit besondere Stadviertel zugewiesen, da dürfen sie dann aber auch nicht mehr raus. Mit dem Taxi in Wilhelmsburg ein wenig Elend gucken (eine wahre Geschichte, Danke Erik) ist dann nicht mehr. Die bekommen auch eigene Parlamente und Herrn Hundt als Präsident. Und dürfen nur noch und ausschließlich Spiele des FC Bayern München gucken (war ja wieder ein Parade-Beispiel für die Geldsack-These: In Bremen läuft ein Fußball-Krimi, und SAT1 verdonnert die Nation dazu, sich die sturzöden Bayern anzuglotzen - dritte Nachricht im Risotto. Bemerkenswert ist - das am Rande - daß Rot-Weiß Oberhausen dazu übergegangen ist, Bermer Champions-League-Spiele in der Regional-Liga vorherzuspielen ).

Und der Rest kümmert sich um die Formierung eines neuen Mittelstandes, staatlich geförderter Genossenschaftsmodelle, europäischem Networking usw. . Das gibt dann Durststrecken, es wird vorrübergehend der Wohlstand sinken, aber dafür bilden sich neue Wirtschaftsformen, regionale Kreisläufe und vielleicht auch wieder sowas wie Solidarität ... aber bitte, liebe Global Player, laßt uns endlich in Ruhe; alles was ihr produziert und anbietet, ist von heute an tabu!

02.11.05

Haariges Vorabend-Programm

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Ausnahmsweise kein Kommentar zur Politik, zur Lage der Nation oder zur Philosphie. Auch nicht zum FC St. Pauli. Nein, einfach nur reine Freude darüber, einen sehr angenehmen Vorabend verlebt zu haben. Beim Friseur. Und auch noch mit superklasse geschnittenen Haaren hinausspaziert zu sein, mit einem Hauch von blond darin, der da vorher nicht war. Angenehme Gespräche über Musik geführt zu haben, das aktuelle Paul Weller-Album wurde mir vorgespielt, das ich schändlicherweise noch nicht kannte. Ein Traum! Folkrock vom Feinsten! Insofern, statt jetzt mit Fotos meiner neuen Frisur die Massen von Menschen zu belästigen, die täglich mehrfach diese Seite besuchen, Unmengen von Kommentaren hinterlassen und mich mit Trackbacks geradezu bombadieren, einfach mal Werbung. Für die Daum-Friseure unweit des Hamburger Rathauses. Der Besuch dort lohnt sich wirklich!

Nahles sei Dank: Freiraum, endlich Luft!!!

Eigentlich ja erschütternd. Da passiert Großartiges und alle reden nur von "kaputter Politik" (Morgemagazin, in einer ansonsten ganz lustigen Satire, das korrespondiert dann auch mit der heutigen BILD-Schlagzeile), konstatieren "Enttäuschung" der Wähler (keine Satire, aber auch Morgenmagazin) und lassen diese in einer Straßenumfrage von "reinen Machtkämpfen" daherquatschen.

Und die verbal amok-laufenden und draufhaulustigen Kommentatoren haben nichts Besseres zu tun, als daß sie blog-und reihenweise "Neuwahlen" fordern (z.B. der sonst so sympathische Alan Posener in seinem Apocalypso-Blog) und dann allesamt nichts weiteres zu sagen haben, als daß sie Herrn Walter und seinen SPIEGEL-Kommentar zitieren, ganz so, als seien sie zu eigenen Gedanken nicht fähig. Und was hat dieser Herr Walter als Munition parat: Inhaltlosigkeit der Jüngeren in der SPD. Und der Unwille zu Regieren wegen zu vieler Sehnsüchte nach einer besseren Welt. Wie originell.

Wo doch als Inhalt nur noch Steigerungen der Agenda 2010 des SPD-Kaputtmachers Gerhard Schröder akzeptiert werden, und alles andere ist dann wahlweise Sozialkitsch, rückwärtsgewandt oder aber unappetitlich kommunistisch und Stasi-verseucht. Einzig Ossi-Bär Thierse ...

... nutzt den alten Eso-Slogan: Krise als Chance! Und hat natürlich Recht.

Daß diese eitlen Politik-Verwalter, wahlweise mit folkloristischem oder ökonomistischem Kitsch behangen wie die Weihnachtsbäume, also Schröder und Stoiber, von der Bildfläche verschwinden oder in Bayern bleiben, das ist doch super! Gut, ein wenig Unterhaltung fehlt dann schon ... das war Schröder dann doch manchem Entertainer weit überlegen.

Daß Münte zwar an der Regierung partizipiert, aber der Vorsitz an frische Gesichter geht, das ist doch klasse! Da sitzt er doch genau richtig, um Regierungsfähigkeit zu sichern, ohne die Partei auch gleich zu knebeln und in die Totenstarre zurückzubefördern, in der unter Schröder sie verharren mußte.

Daß mit Platzeck jemand die große Bühne betritt, ist auch super - daß nicht mehr nur eine ideologisch überassimilierte Ost-Frau jetzt ganz oben mitmischt, sondern daß der Osten auch jenseits der pastoralen Poesiealbumhaftigkeit eines Herrn Thierse seine Erfahrungen endlich mal wirklich einbringen kann - Klasse!!!

Diese ganzen Jammerlappen, die sonst immer "Zukunftsfähigkeit" fordern, jetzt aber jeden Schritt nach vorn als Chaos geißeln, sind doch schlicht genervt, daß da passiert, was sich ihren Denkgewohnheiten entzieht, ihren sonst so öde immer wieder neu dahergebeteten Betonkopf-Kategorien. Endlich wieder Denk-Räume, endlich wirklich Bewegung! Ich finde das gut! Vielleicht wähle ich die SPD dann ja sogar mal wieder ... vielleicht.

01.11.05

Snofru, Schepseskaf und das Kuhgehörn von Hathor

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Da flattert einem als Abonnent wieder die Versuchung ins Haus. Nach dem Lexikon nun also DIE ZEIT Welt- und Kulturgeschichte zum Sammeln. Erster Band umsonst ... immerhin mit Marx und Luther auf dem Umschlag, und Kennedy sieht man dort statt Adenauer. Gut so. Jetzt also das Live-Experiment: Ich schlage nun, in genau diesem Moment irgendeine Seite auf: "Die Bronze - ...

... und die Eisenzeit. 3000 v. Chr. bis 800 nach Chr." steht in Ziegelrot ganz oben auf der Seite 197, unterlegt mit irgendeiner Schöner Wohnen-Farbe, irgendwas zwischen Beige und Oliv, so'n Umbra-Light in zwei Intensitäten, aber ganz sanft. Der Eindruck eines Landhaus-Look-Zitates, passend zu Eigenheimen in Othmarschen, wird jedoch getrübt durch einen ziemlich fiesen, blauen Balken darüber.

Dann, neue Überschrift: "Die Bronzezeit." Und, darunter, wieder im modischen Ziegelrot "Pretiosen und erste Massenobjekte:" - neue Zeile - "Die ältesteten Metallfunde". Das hat der diLorenzo aber nicht redigiert. Was zum Teufel sind Pretiosen? In der Überschrift kann man ja sowas im Blog machen, aber in einem Nachschlagewerk?

Andere Seite. S. 309. oben, hellblauer Balken, durch eine olivfarbene Linie unterhalb des Balkens noch betont, halb in diesen integriert ein Wort: Ägypten. Rechts neben dem Text ein Focus-Kästchen: Zeittafel. "Altes Reich, 3. Dynastie (um 2700-2630)" und " 4. Dynastie (um 2630-2510 v. Chr.)" sind fettgedruckt und somit hervorgehoben. Und dann, jeweils darunter, wohlklingende Namen wie z.B. "Snofru" und "Schepseskaf". Die führen bestimmt bald die Namen-Rankings bei Frischgeburten an!

Unten gibt es auf der selben Seite dann noch eine "Infobox". Das finde ich schön, daß man so erfährt, wo auf der Seite die Information zu finden ist. Scheiß auf diesen ganzen umständlichen Fließtext, dann schaue ich in diesem Buch doch lieber gleich gezielt nach "Infoboxen", wer weiß, was in dem restlichen Text so alles steht ...

In der Info-Box steht jedenfalls: "Isis trägt meist das Schriftzeichen des Herrscherthrones auf dem Kopf, oft aber auch das Kuhgehörn mit der Sonnenscheibe, das eigentlich zu Hathor gehört." Das ist tatsächlich der erste Satz in der Info-Box.

Ob ich damit, mit so frisch erworbenem Wissen, auf der nächsten Party glänzen kann? Stelle mir gerade vor, wie ich elegant in den Smalltalk mit irgendeinem begehrenswerten Jüngling, einfach so, um ein wenig zu beeindrucken, ganz cool einwerfe: "Wußtest Du schon? Isis trägt meist das Schriftzeichen des Herrscherthrones auf dem Kopf, oft aber auch das Kuhgehörn mit der Sonnenscheibe, das eigentlich zu Hathor gehört."

Mmmmmmh ... weiterblättern.

Echnaton! Diese Büste mit den sensationellen Lippen und den tollen Augen, auf S. 389, untere Hälfte. In Berlin steht die rum, die Büste. Darüber eine kursive Zwischenüberschrift im Fließtext: "Das Restaurationswerk wird vollendet". Gut, den Witz mit dem Restaurant bringe ich jetzt nicht. Also weiterlesen.

"Der neue König Eje setzte in seiner vierjährigen Regierung die Reform durch." Also damals schon! Schröder hat damit ja überhaupt erst nach 4 Jahren angefangen! Wußte gar nicht, daß es schon damals den Bedarf nach Renten-, Sozialhilfe-, Arbeitslosen-, Kranken- usw. Geld-Kürzungen gab. Wahrscheinlich war Herr Eje sowas wie Herr Ackermann, der dann eben Kürzungen in ihrer vollen Blüte und bunten Vielfalt verordnete, damit es erst seinen Getreuen und deshalb später auch allen anderen wieder so richtig gut geht?

"Da er ohne Erben war, bestimmte er den Generalissimus Haremhab zu seinem Nachfolger, der vielleicht auch über seine Frau Mutnodjemet, womöglich eine Schwester der Nofretete, legitmiert wurde." Eine Eleganz im Satzbau ist das - typisch DIE ZEIT.

Und was die alles wissen! Womöglich war Mutnodjmet eine Schwester der Nofretete! Und vielleicht wurde Haremhab auch über seine Frau Mutnodjmet legitimiert! Und Diskussionen über Erbfolgen und Generalissimusse gab's damals auch schon! Da hatte Haremhab aber Glück, daß Frau Nahles da noch nicht lebte ...

Alles in allem also lesenswert! Wo erfährt man denn sowas sonst schon? Also, ihr Kinder von Bertelsmann-Buchclub-Eltern, vergeßt Holles Welt- und Kulturgeschichte! Denn jetzt gibt's die von DIE ZEIT! Wobei noch eine Frage zu stellen ist: Wo bleibt eigentlich der News-Wert bei einem solchem Projekt wie einer Welt- und Kulturgeschichte?

Konzentration und Röhrengucken

Manche Wahrheiten sind so gnadenlos billig: Wer hat, dem schmeißt's man's auch noch hinterher. Das Geld ist gemeint, klar. Es ist komplett lächerlich, von freiem Markt und freier Preisbildung und all diesem liberalen Kitsch daherzuschwafeln. Da sind doch in Domestos getränkte Reinheitssehnsüchte am Werke und wahrscheinlich haben die, die glauben, nach diesen Regeln funktioniere die Welt oder könne nach ihnen funktionieren, irgendwelche Probleme in der analen Phase (nach Freud) gehabt.
Fakt ist, daß Konzentration als Prinzip soziale Prozesse steuert. Insbesondere die Konzentration von Macht und Kapital. Insofern ist die Gesellschaft derzeit zunehmend nach Zentrum und Peripherie organisiert, war's vielleicht auch schon immer, keine Ahnung - ein freies und chancengleiches Spiel zwischen Vertragspartnern zu behaupten ist schlicht zentrales Propaganda-Element einer zunehmend immer unerträglicheren Legendenbildung. Ob sich nun ...

... TV-Produktionsfirmen um Sender scharen oder freie Autoren um Großverlage oder Zulieferer rund um Automobilgiganten oder was auch immer - das Prinzip bleibt gleich. Und das Risiko trägt zumeist das jeweils nächstschwächste Glied der Kette im Netz, wird im Falle irgendwelcher Probleme dann eben ggf. geopfert. Und je mehr in der Pheripherie zugrunde geht, desto stärker die Zentren. SATURN ist so ein Beispiel, der Media-Markt.

Aktuelles Beispiel: http://www.mopo.de/2005/20051101/sport/stpauli/pokalhit_pauli_fans_gucken_in_die_roehre.html
Da gibt's zwei Geldsack-Vereine, der einer fetter als der andere, und denen schmeißt man die Kolhe dann auch noch in den Rachen, auf daß sie noch fetter und unerträglicher werden. Obgleich das Spiel , also in diesem Fall das Produkt, kein Deut attraktiver ist als ein klassischer Pokalfight zwischen Dritt - und Erstligist und zudem eh zwei Spiele pro Saison zwischen dem AOL und Bayern zu betrachten sind. Die ganze Logik dieser Fernsehgelder-Verteilung ist ja eh, daß, wer am weitesten oben in der Tabelle steht, auch die meiste Kohle einstreicht, auf daß er im nächsten Jahr noch weiter oben stehen wird. So bilden sich die großen Vereine als Zentren im Fußballgeschäft heraus, in denen sich Kapital - und Macht konzentriert, und die anderen gehen eben nach und nach pleite ...

Da spielt auch gar keine Rolle, daß nun zufällig ein öffentlich-rechtlicher Sender dem AOL und Herrn Hoeneß die Geldscheine hinterherwirft. Das ist keine staatliche Intervention, sondern ganz normaler Kapitalismus ... in solchen Zusammenhängen dann groß "FREIHEIT!" zu rufen ist schlicht grotesk. Schämt euch!

Bye, bye Münte - Willy wählen!

Ich mochte den ja, den Münte, als Parteivorsitzenden. Und doch ist gut, daß er genau er tat, was er gestern tat. Da braucht man nur die Leitartikler lesen, für die Politik schon lange nicht mehr ist, das umzusetzen, was Wähler zumindest in Grundzügen als ihren Willen formulieren. Die mit Rumsfeld und anderen ein Bild "Politischer Führung" an die Stelle des Volkswillens setzen wollen. Da braucht man nurhttp://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,382599,00.html zu lesen. Oder auch http://blog.zeit.de/kosmoblog/?p=88. Verwirrungen ...

... einer Klasse politischer Journalisten, die in einem invertierten Marxismus nur eine Art der Reform als "der Globalisierung" (die es ja so gar nicht gibt) angemessen erachten (Ulrich Speck), weil eben die Notwendigkeit des Geschichtsverlaufes genau diese eine Form der Reform vorgebe. Die dann in Begriffen formulieren, deren rhetorische Absicht offenkundig ist, weil in der Begriffsbildung selbst bereits die Wertung steckt: "Territorialisten" und "Globalisten" nennt er die SPD-Lager, was ja nicht umsonst wie "provinziell" und "weltmännisch" klingt. Das ist Begriffsbildung auf Brigitte-Niveau.

Während ich das schreibe, quatscht Herr Rüttgers gerade wieder Unsinn daher im Morgenmagazin, das kennt man zwar von ihm, das macht die Sache aber auch nicht besser - das Land habe keine Zeit, auf Machtkämpfe in der SPD zu warten. Wiederum dieses Modell politischer Führung, das sich eher widerwillig gelegentlich dem Wählerwillen stellt, um hinterher soweiso wieder nur das zu tun, was die eigene Subsystemlogik vorgibt. Das nicht mehr ernst nehmen will, daß Parteien eben demokratisch organisiert sind und um Positionen ringen, weil das Ringen um Positionen eben Demokratie ist. Schiebt noch hinterher, es ginge schließlich um das Land und nicht Parteien. Das hat die SED auch von sich geglaubt und behauptet: Genau diese objektive Geschichtsnotwendigkeit und der grauenhafte Irrtum, es gäbe nur einen einzigen, objektiven Weg der Gestaltung von Gegenwart und Zukunft.

Nicht viel origineller postuliert der SPIEGEL in seinem Kommentar, die Linke habe nun wieder die Lust am eigenen Untergang entdeckt und konstatiert ansonsten, wie erfolgreich das Duo Münte/Schröder doch die Wahl gewuppt habe. Ja, nachdem es einer Partei beinahe den Garaus gemacht hätte. Da wird komplett ignoriert, wieso die SPD überhaupt im tiefen Tal der Tränen landete: Weil sie nie geschafft hat, den Lafontainschen Abgang zu kompensieren.

Wir haben aktuelle die rot-grüne Mehrheit von 1998, nur daß Lafontaine jetzt eben in einer anderen Partei agiert. Einer Mehrheit, die z.B. mit jener korrespendiert, zumindest teilweise, die in Frankreich die EU-Verfassung ablehnte. Typisch deutsch, daß z.B. Frau Merkel dieses Votum im Wahlkampf rein und ausschließlich als Plädoyer gegen Türken auffaßte. Nein: Es war ein Votum gegen Demokratien, die unter dem Banner der Geschichtsnotwendigkeit namens "Globalisierung" diese einzig als eine Totalisierung des freien Marktes deuteln und sich so selbst jeder Gestaltungsmöglichkeit berauben wollen. Stattdessen war es ein Votum für die Gestaltung dieser Globalisierung im Sinne der Menschen, nicht der maximalen Rendite des Herrn Ackermann, die nur wenigen zu Gute kommt.

Deshalb ist diese Unterscheidung in Territorialisten und Globalisten eben reine Polemik, die als Sachlichkeit sich allenfalls tarnt. Es gibt global eben auch andere Bewegungen als die der Marktkräfte und der Macht- und Kpatialkonzentration.

Und genau deshalb macht es die SPD genau richtig: Sie versucht, den Verlust der Lafontaineschen Positionen wieder zu korrigieren, indem sie Andrea Nahles ins Feld führt. Daß ausgerechnet Gerhard Schröder ihr nun in den Tagesthemen vorwirft, sie würde persönlichen Ehrgeiz über Parteinteressen stellen, ist schlicht ein Witz, ein schlechetr. Um die Selbststilisierung als großer Reformer durchziehen zu können, hat er eine Jahrhunderttradition fast in die Tonne getreten und erst im letzten Wahlkampf noch einmal die Kurve gekriegt. Das SPIEGELsche Spotlight auf die Gegenwart ist eben wie fast alles, was der SPIEGEL mittlerweile schreibt, schlicht boulevardesk: Skandalisierung + Diffamierung + Personalierung, das sind ja die Regeln, denen der Boulevard folgt.

Also: Es gibt wieder Hoffnung in Deutschland. Es gibt wieder die Hoffnung, daß demokratischer Gestaltungswille über Reformrhetorik und die Unterwerfung unter vermeindlich naturgesetzliche Marktmechanismen siegt. Wie sagte Willy Brandt einst zu Recht: "Mehr Demokratie wagen!" Müntefering ist auch daran gescheitert, daß er dieses nicht ernst genug genommen hat ... für einen so aufrechten Demokraten wie ihn ein schwerer Fehler.

Mit freundlicher Unterstützung durch:
ringfahndung.de