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Liebe Madonna!

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(Quelle: Frankfurter Rundschau, 12.11. '05, S.17)

Du hast uns doch so lange so viel Spaß gemacht. Hast mit Über-Alben wie Ray of Light, der Arbeit mit Massive Attack oder auch Wunderwerken wie You'll see und Take A Bow gezeigt, daß Du auch richtig große, mythische, unvergängliche Musik liefern kannst. Daß Du mehr bist als eine, die auf der Klaviatur der Images den Rachmaninow spielt. Daß Du über so perfekte Chart-Nummern mit Spaßfaktor und Evergreen-Appeal wie Like a Virgin oder La Isla Bonita hinauszuwachsen vermagst. Als Elder Stateswoman der globalen Pop-Nation könntest Du doch auch einfach nur noch repräsentieren und uns alle in der wohligen Erinnerung Deiner Größe belassen.

Und was machst Du stattdessen? Samplest Songs, denen Du mit dem, was Du hinzufügst, nicht mehr gewachsen Dich zeigst. Quatscht von Föhnwellen und Jane-Fonda-Fitness und recyclest variiert das Credo der "Foosteps on the Dancefloor". Glaubst auch noch, wenn Du dann etwas dramatisierend eine Prise "Confessions" hinzufügst wie Chili-Pulver in Mikrowellenpampe, suggeriere das Tiefe und Spaß zugleich. Ist aber nicht so. Sind Discokugeln, wie Teenies sie in Läden wie dem "Dom" kaufen.

Seit Wochen höre ich immer wieder dieses "Gimme me a man after midnight"-ABBA-Sample aus dem Nachbarbüro, freue mich kurz und denke an gute alte Zeiten, als die Tuc Tuc-Parties in der Oelkers-Allee noch fast ein gesellschaftliches Ereignis waren. Und dann geht Dein Song los, und ich rutsche emotional prompt in Zeiten von 2Unlimited, in Endschnitte von BRAVO TV, als Euro Trash-Acts die halbe und doch zentrale Wahrheit dieser ganzen House- und Club-Sauce verkündeten. Und trauere ... ich hätte Dich lieber einfach nur in guter Erinnerung behalten ...

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Die folgenden Weblogs beziehen sich auf diesen Eintrag Liebe Madonna!:

» Madonna: Eric Prydz Video in der Florida Edition von Ringfahndung Blog
Das neue Stück von Madonna geht ins Ohr. Radio rauf und Airplaycharts wieder runter. Und dennoch bleiben die kritischen Stimmen nicht aus. Wenn da nicht das Gefühl wäre, das alles bereits einmal gesehen zu haben. Bei Madonnas neuen Alben? Ein... [Weiter lesen]

Kommentare

Immer mehr popkultur. Langsam, aber immer deutlicher ;)
Armer Momo. Bonnie Tylor unterm Kopfkissen und Madonna auf dem popkulturellen Sterbebett.

Ich muss immer an das Video von Eric Prydz denken, Florida Edition ;)

Ob ich ich wirklich von jemandem bedauern lassen muß, der alienhafte Playmates braucht, um Leute auf seine Site zu locken? ;-) Genau gegen diese künstlichen Ganz-Körper-Fetische ist Bonnie Tyler halt eine Art Gesamt-Kunstwerks-Plädoyer, Madonna hingegen schon lange nicht mehr ... habe ja nur darauf gewartet, daß jemand die beiden Einträge zueinander in Beziehung setzt, Danke dafür. Und: klar, schon von Berufs wegen mehr Popkultur - ist ja das schöne an Blogs, daß man hier einfach so drauflosplappern kann, in meinen anderen Medien würde Madonna dann differenzierter (und wahrscheinlich auch richtiger)behandelt ... weil die These, Musik sei über Stimmungen und deren Symbolik zu behandeln, sich ja erst noch als Gemeingut durchsetzen muß.

Recht hast Du ;)

Alles gar nicht wahr:

"... Denn in dieser üppigen Suppe, die man bis zur Neige saufen muß, um sie geschmeckt zu haben, schwimmt mehr Glück, mehr Euphorie, mehr - es gibt wirklich kein deutsches Wort, das dieses Moment vollumfänglich träfe - volupte, als alle Kokainströme Europas je mit sich führen könnten.

(...)

Man nehme nur die Sampling-Frage: Irgendeinen „Led Zeppelin”-Schlagzeug-Nebensatz kann heute jeder Rübenbauer elektronisch ins ansonsten doofste und berechnendste Stück Wegwerfkrach schieben. Nur die Schlausten können da noch überzeugen: Snoop Dogg hat die „Bee Gees” verwurstet, Pras von den „Fugees” sich bei Dolly Parton bedient. Aber für die Eröffnungsnummer eines Party-Albums wie „Confessions” ein paar Takte aus „Gimme gimme gimme (A man after Midnight)” von „Abba” zu enteignen, wie Madonna das unter dem Titel „Hung up” jetzt vollbracht hat, dazu gehört mehr - nämlich eine Idee, auf die unzählige „Abba”-Verehrer unter den Musikschaffenden nicht gekommen sind.

(...)

Und so geht es weiter, auf durchgängig gehaltenem hohen Niveau: „Get Together” klingt wie unter Wasser von denkenden Badezusätzen auf Atom-U-Boot-Navigationscomputern programmiert, „Sorry” holt uralte Bässe aus dem Keller der Pyramiden und beschießt damit die Wolken, „Future Lovers” jongliert akustische Magnetfelder und malt die Nacht mit Stroboskoplicht an, „I Love New York” baut eine tönende Stadt aus rhythmisch sortierten Hitzewallungen zwischen steilen Betonwänden - es geht, sagt dies alles, insgesamt um Synästhetisches. Bilder und Düfte sind immer mitgedacht.

Das ganze Styling der zur Platte gehörenden Kampagne, der stretchhöschen-enge Siebziger-Jahre-„Studio 54”-Retro-Chic und die tüllumrüschte Vehemenz der jüngsten Fernsehauftritte - sofort sind alle Silberschuhe im Land ausverkauft - dienen einer bonapartistischen Eroberungsphantasie: Bei Madonna geht es um Breite und Höhe, um Formatbesetzung, nicht um Ausdruck, auch wenn sie die Welt, die Tänzer, die Jüngerinnen paradoxerweise gerade mit dieser anti-intimen, nichtexpressiven, sondern funktionalen Staatskunstgestik zum Gegenteil ermutigt: „Express yourself!” Das Expressive kann bei ihr also immer nur Würze sein, eine weitere Zutat für den Prunk. Die Hauptsache bleibt der Titelbesitz einer Kaiserin des diszipliniert abgewickelten Großzaubers und -zinnobers: Madonna findet man aus Gründen gut, aus denen man auch Muhammad Ali gut findet, nicht aus solchen, die für Van Gogh, Jim Morrison oder Hölderlin gelten mögen.

(...)

Für „Confessions On a Dance Floor” hat sie Mirwais nun die Hände gebunden, er ist nur noch Nebendarsteller. Die Haupthebel bedient Stuart Price, auch bekannt als „Les Rythmes Digitales”, der bei aller nervösen Eklektik stur genug ist, auf Klopfen, Puls und Donner zu bestehen, wo sie hingehören. An seiner Seite ist Madonna daher grandioses Zeug gelungen wie der gigantische Hit „Isaac” mit überdrehtem jüdischem Ethno-Gesang; ein Stück, auf das man in Anlehnung an Woody Guthries alte Gitarren-Inschrift „This machine kills fascists” mit Nagellack schreiben sollte: „Diese Nummer quält Osamas Krieger.” Madonnas mehr als ausreichend medial durchgekauter Kabbala-Fimmel, von orthodoxen Juden nicht weniger beargwöhnt als von hedonismusfeindlichen Antisemiten, ist also zumindest für sechs Minuten ganz sagenhafter Musik verantwortlich, den saftigsten Schmachtbraten, den uns die Chefin seit „Frozen” von 1998 aufgetischt hat.

Gegen Anwürfe, es handele sich bei dem offenbar den Mystiker Isaac Luria besingenden Lied um einen blasphemischen Akt, verteidigt sie sich gewohnt souverän: Ach was, von diesem Menschen wisse sie gar nichts, Isaac heiße nur der Sänger, den man da hört, und die Sache mit der Dunkelheit und den Engeln sei eine Metapher für Du-weißt-schon-was und deshalb ohne jede konfessionelle Relevanz - Kunst, dein Name ist Mehrdeutigkeit.

Selbstverständlich ist das, woran Madonna da glaubt, ein ganz abgeschmackter Kram. Aber dasselbe kann man auch vom Programm der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands sagen, und wenn jemand widerspricht, diese Partei habe doch, anders als böse Sekten aus Amerika, noch keine Menschen um Würde, Ansehen und Karriere gebracht, dann hat er Rudolf Scharping vergessen. Überhaupt sind wir Journalisten viel zu schnell bereit, erwachsenen Menschen wegen unkonventioneller Beknacktheiten, auf denen sie herumreiten, engherzige Vorhaltungen zu machen - vor allem, wenn diese erwachsenen Menschen berühmt, glamourös und steinreich sind. In manchem Society-Journalistenhirn hockt ein Gartenzwerg aus der Vorstadt - „Rücksichtlos treibt er seine schwangere Verlobte in die Arme einer Sekte” heißt es da dann empört über Tom Cruise und Katie Holmes, anstatt daß man sich dankbar über den knalligen Affenzirkus freut, den diese fein unseriöse Scientology-Katastrophe bedeutet.

(...)
Manchmal wankt sie, manchmal zittert sie. Aber das Hochseil ist eine schwingende Saite. Madonna kommt zurecht damit. Sie wohnt da oben."

Dietmar Dath
Text: F.A.Z., 12.11.2005, Nr. 264 / Seite 33

Anmerkung MomoRules: Ich habe die Zitate aus der Rezension noch einmal ein wenig einkürzen müssen, sorry, Paul S. - nicht, weil ich hier Gegenteiliges zu meinen Positionen redigieren wollen würde, sondern, weil das einem Vollposting schon sehr nahe kam, und das ist meines Wissens urheberrechtlich problematisch. Deshalb hier noch mal der Link (und Danke für den Hinweis!!!):

http://www.faz.net/s/RubE219BC35AB30426197C224F193F54B1B/Doc~E7FDC4A7A88CD4FF0A7D24A8865F1AD4E~ATpl~Ecommon~Sspezial.html


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