Schwarz und Schwul
Achtung, Grundsatzreferat. Aus gegebenem, tagesaktuellem Anlaß. Einer aus dem anderen Leben - jenem außerhalb des BLOGS.
Heute in der Hamburger Morgenpost - ein Bericht über Neuinfektionen bei AIDS. Fallbeispiel: Eine alleinerziehende Mutter. Ein wirklich mitfühlender Artikel - dies ist zumindest die Intention des Autoren, und das kann man ja anerkennen.
Rechts daneben: Ein Info-Kasten. Dort spricht die CDU. Ich zitiere hier absichtlich nur jene Sätze, um die's im folgenden gehen wird. Nämlich nicht um AIDS. Nicht, daß es da nicht genug zu sagen gäbe ...
Zitat:
"Hauptrisikogruppe, mit unzureichendem Schutzverhalten, sind schwule Männer zwischen 25- und 29 Jahren, so Dietrich Wersich (CDU). Eine zweite Hochrisikogruppe seien Zuwanderer aus Asien, Afrika und Osteuropa."
Es soll hier auch keine Barebacking-Diskussion folgen. Diese Sätze in sich sind skandalös. Worin besteht der Infomationsgehalt? Asiaten, paßt auf beim Ficken? Über 29 kann man auch ohne Kondom loslegen? Oder nicht doch: Paßt auf, bevor ihr mit Asiaten fickt? Und: Dann liegen uns die Homos später auch nur auf der Tasche mit ihren scheißteuren Medikamenten? Wie zum Teufel kommt man auf eine Eingrenzung der Altersgruppe von 25-29???????????
Eine der diversen Weisheiten von Foucault besagt, daß oft gar nicht primär relevant ist, ob eine Aussage als wahr oder falsch gilt. Relevant sei, was in spezifischen historischen Situationen überhaupt problematisiert wird.
Daß also diese beiden Gruppen mit so einem Scheinbegriff wie "Hochrisikogruppen" belegt werden: Das ist nicht zufällig analog zu jenen Leitartikeln in DIE ZEIT und anderswo, die wahlweise jeden (!) Araber oder Muslim zur tickenden Terroristenzeitbombe erklären. Auch 'n Hochrisiko. (Ist mir jetzt auch zu öde, schon wieder zu betonen, daß ich Islamisten für gemeingefährlich halte ... ja, halte ich!!!) Überall tickende Zeitbomben! Wir müssen uns schützen!
Bezeichnend auch, daß nicht etwa von "Schwarzafrikanern" die Rede ist. Da schreibt man dezent nur Afrikaner. An die traut man sich noch nicht wirklich ran. Deutschland ist doch nicht rassistisch!
Und wehe dem oder der Schwarzen, die von allseits verbreitetem Rassismus im Alltag oder gar Über- und Angriffen zu berichten weiß. Alles Quatsch! Die paar Nazis! Wir sind Deutschland, und wir sind jetzt gut! Solche Reaktionen müssen so dermaßen weh tun ... sie wurden mehrfach mir berichtet. Da reagieren Polizisten und Auf-der-Schanze-und-in-Berlin-Mitte-Latte-Macchiato-Trinker gleich. Wieso, ist doch alles cool! Mach Dich mal locker!
Zurück zum obigen Mopo-Zitat. Da steckt implizit der "Arschficker" mit drin. Als sei nicht die Missionarsstellung unter Heterosexuellen gerade für Frauen nun auch nicht ohne in Sachen Infektionsrisiko. Als gäbe es nicht auch Heterosexuelle, die Analverkehr praktizieren. Überhaupt dieser Irrglaube, schwule Sexualität sei auf Analverkehr reduzierbar. Oder eben "Schwanzlutschen" .... diese Genitalfixierung dessen, was als Sexualität definiert wird, ist ja eh seltsam.
Auch kein Zufall: Eine alleinerziehende Mutter dient als Fallbeispiel der AIDS-Berichterstattung. Das Flittchen. Weiß die überhaupt, wer der Vater ist? Gauweiler hat damals von "Menschen mit hamsterhaftem Sexualverhalten" gesprochen... warum nicht ein Familienvater als Fallbeispiel?
Zurück zu den Schwulen. Nehme einmal mehr Bezug auf Noah Sows Blog. Dort diskutiert sie in Auseinandersetzung mit zwei Kommentatoren die Frage, ob es relevant sei, ob ein Fußballer schwul ist oder nicht. Die Kommentatoren hatten behauptet, dieses spiele doch keine Rolle.
Das ist falsch. Vielleicht wäre das 1995 sogar so gewesen, ich bezweifel dies. Auch Schwule werden in ziemlich kar gesteckten Grenzen lediglich toleriert und in bestimmten Kontexten noch nicht einmal das. Soll heißen: Da gibt es welche, die tolerieren, und andere, die toleriert werden. Die, die tolerieren - klar, daß es denen schlicht egal ist. Sie haben ja die Macht ...
Auch die These, Homosexualität sei doch eh nur ein diskursives und dann internalisiertes Konstrukt von Wissensdiskursen hilft praktisch auch dann nur herzlich wenig, wenn es wahr ist. Es wirkt ja, es gilt. Die meisten Tolerierer sind mit ihren Ängsten und Aversionen beschäftigt - auch und gerade in einem sozialen Raum, in dem Intimität, Zuneigung und geteilte Emotionen zwischen Männern so sichtbar und gegenwärtig sind wie in jenem des Fußballs. Wo die Allergie gegen vermeindlich Effiminiertes aus jeder Fankurve schreit. Die "schwulen Stundenten", die Bushido so haßt, halt. Was hatte ein Markus Lotter bei uns am Millerntor zu leiden, wenn er einen Rollkragenpullover unter dem Trikot trug ...
Hat irgendjemand den mittlerweile häufiger anzutreffenden, schwulen Kommissar in einer heißen Sexszene zur besten Sendezeit gesehen? Liebe - die ist okay. Die fügt sich dem 50er-Jahre-Kitsch-Bild, das Heterosexuelle von ihrem eigenen Gefühlsleben haben ... aber die offensive Darstellung schwuler Sexualität, dafür bekommst Du auf die Nase. Zwangsläufig. Die ist nur in Knast-Vergewaltigungsszenen oder bei Serienkillern erlaubt. Schwule will man süß finden ... aber bloß nicht mit so richtiger, männlicher Sexualität ausgestattet. Da reichen sich Alice Schwarzer und der Papst die Hand. Und gegen all diese vom Mainstream gewollten Zuschreibungen vögeln sie genau in jenem Alter an, da der normale Deutsche Kinder macht, ficken ohne Kondom querbeet und steigern so die Infektionsrate ....
Nächster Punkt: Ab irgendeinem Alter - und auch ab einer bestimmten Hierarchieebene - werden schwule Lebensentwürfe vom ach so toleranten Umfeld schlicht als defizitär empfunden. Wo 'n schwuler Fußballer vielleicht noch 'ne Überlebenschance hätte - ein schwuler Trainer? Niemals!!! Da wird der Kleinfamilien-Glücksentwurf dann totalitär. Wer nicht die Kinderfotos beim Smalltalk auspackt, kann nicht im selben Sinne socializen. Das hat u.U. sogar - liebe Marktliberale - knallhart ökonomische Konsequenzen. Weil's freischwebende Konkurrenz ohne Einbindung in soziale Netzwerke eben nicht gibt. Da muß man schon sehr mehr viel können als die Konkurrenz, um genau dieser Ideologie nicht geopfert zu werden ... bezeichnend, daß gerade Fußballer so überdurchschnittlich häufig schon so früh Kinder in die Welt setzen.
Genau an diesem Punkt setzen auch viele Rassismen ein. Schwarz = Lust. Na, so 'ne heiße Affäre, okay. Die macht das Bier doch auch mit den Backenzähnen auf! Oder den Arschbacken .... hähähä!
Aber das totalitäre Familienglück zeigt sich lieber ethnisch rein ... alle reden immer über die Zwangsverheiratungen unter Muslimen. Deutsche Kultur folgt nicht diesem direkten Zwang. Die spannt die Netze anders. Ein weiße Frau, die einen Schwarzen zum Familienvater wählt? Fragt sie mal, wie deren christliche Anverwandschaft da reagiert, die schwarzen Väter ... unsere freiheitlich-westlichen Werte! Lachhaft ...
Eine Szene, gar nicht so lang her, in der U-Bahn erlebt: Ein junger Lehrer und drei dunkelhaarige Kinder auf einem Vierersitz in der U-Bahn. Die Kids haben die Füße auf die Kante des gegenüber liegenden Sitzes gestellt. Ein älterer, propperer Herr im gelben Genscher-Pullunder kommt vorbei: "Sagen Sie ihren Bastarden mal, sie sollen ihre Füße da runter nehmen." Ich habe mit Lehrer und den Kids gegen den Pullunder-Träger verbal geschossen. Sonst keiner ...
Das alles ist nicht neu. Es erfährt nur aktuell neue Relevanz. Auch wegen des Papstes. Aber auch, weil der gesellschaftliche Mainstream aktuell sich zu schließen beginnt. Weil er Identität erneut aus der Abgrenzung gegen DAS ANDERE speist. Wir sind all das, was die bösen Muslime nicht sind. Deshalb werden Herr Broder und die anderen notwendig Homophobie und allerlei andere Formen der Menschenverachtung hervorbringen. Selbst wenn sie's subjektiv gar nicht wollten. So etwas ensteht strukturell notwendig.
Der selbstgerechte Mainstream ist wieder bereit, Toleranz auch zu entziehen. So lauten ja die Slogans: "Keine falsche Toleranz".
Auch, weil alte Formen des Sichtbaren ihre Renaissance erfahren. Van der Vaart wird Vater! Seite 1 der BILD-ZEITUNG. Wowereit zeigt man nur, wenn er Christiansen knutscht ... und Schwarze nur dann, wie sie entweder die House-, Hip Hop- oder Disco-Variante des Roberto Blanco geben. Oder aber als Gangsta in allen Modifikationen Vorurteile bestätigen. Bushido käme auch nicht in die New York Times, würde er sich nicht als "Staatsfeind Nr. 1" gebährden. Anders will man die alle auch gar nicht sehen ... keine Chance.
Alle verstehen sich als ach so liberal, weltoffen und fühlen sich so unglaublich wohl dabei, so ganz mit sich im Reinen. Das ist ganz klassisch Ideologie - weil unter diesem Oberflächenphänomen aktuell die neue Normalität sich formiert, festigt und selber feiert. Mit ihrer geballten Brutalität...
PS: Zur Vertiefung einfach bei Bedarf auch das hier lesen.

Kommentare
DANKE. DANKE. DANKE. Auch für den eleganten Bogen zum HSV, dessen Attitude eben NICHT nur für ein paar Fussballfans, sondern gesamt-gesellschaftlich relevant und mit Vorsicht zu beobachten ist!
Verfasst von: Noah Sow | 02.12.05 18:30