
(So wie da oben könnte Deutsche Leitkultur aussehen - ich bin mir jedoch sicher, daß Norbert Lammert diese Form dann doch nicht will)
Norbert Lammert will, daß ich so leben soll wie er.
Heute, in DIE WELT, da hat er nachgelegt und fordert nun eine Leitkultur nicht nur für Deutschland, nein, für ganz Europa. Den Witz, daß die Welt am Lammertschen Wesen genesen solle, bringe ich jetzt nicht - bedrohlich ist's trotzdem, daß der zweithöchste Repräsentant des Staates nunmehr Lebensformen vorschreiben möchte. Halt: Natürlich, im ...
WELT-Interview hat er Kreide gefressen: "Über der reflexartigen Ablehnung des Begriffes" - gemeint ist Leitkultur - wird oft vergessen, daß jede Gesellschaft einen Mindestbestand an gemeinsamen Überzeugungen und Orientierungen braucht, ohne die auch ihre Regeln und ihre gesetzlichen Rahmenbedingungen auf Dauer keinen Bestand haben."
Anmaßend ist's allenfalls, von "reflexartiger Ablehnung" zu sprechen. Die war weitestgehend wohldurchdacht, die Ablehnung, reflexartig ist allenfalls dieser neokonservative Gestus, Andersdenkenden ständig Reflexe statt Gedanken zuzusprechen. In diesem ersten Zitat scheint das noch verhältnismäßig harmlos, wer kann schon was gegen ein Mindestmaß an Orientierungen haben - die hin zur Mittelmeerküste im Sommer, z.B., ist ja ganz verständlich.
Auch das ist nicht nur einfach so ein Scherz. Interessant ist ja, was ein Mann mit der Vorbildung eines Herrn Lammert da begrifflich treibt:
"Wenn ein Europa der Vielfalt nationale Identitäten bewahren und dennoch eine kollektive Identität entwickeln soll, braucht es eine politische Leitidee, ein gemeinsames Fundament von Werten und Überzeugungen. Eine solche europäische Leitidee bezieht sich notwendigerweise auf gemeinsame kulturelle Wurzeln, auf die gemeinsame Geschichte, auf gemeinsame religiöse Traditionen."
Wo setzt er ein "notwendig", wo sagt er Fundament (!), wo kommt das Wort "Leit-" dann vor, und worauf läuft's hinaus?
Eine reale, nicht-ideologische "Notwendigkeit" sozialer Prozesse war zumindest mir bis dato nicht bekannt, Marxisten (Merke: Marx ist nicht gleich Marxismus) haben sowas behauptet und noch viel Schlimmere auch. Wer an die Freiheit von Personen glaubt, behauptet auch keine solchen Notwendigkeiten. An was also glaubt Norbert Lammert?
"Ideen" sind zumeist, was erst noch verwirklicht werden muß, sonst wär's ja Faktum. Und diese "Idee" soll trotzdem abgeleitet sein aus diversen "Gemeinsamkeiten", die da sind: "kulturelle Wurzeln", "Geschichte", und, da haben wir's, "religiöse Traditionen".
Da kämpft jede ernstzunehmend rational ansetzende, progressive Theorie seit der Aufklärung an gegen traditionale Moral, und dann kommt der Herr Lammert daher und will den Rollback ... einen christlichen Fundamentalismus im eigentlichen Wortsinne (nein, Herr Broder, ich vergleiche Norbert Lammert damit ganz ausdrücklich nicht mit Selbstmordattentätern in Israel, die sind unvergleichlich schlimmer, da haben Sie Recht, deshalb habe ich "im eigentlichen Wortsinne" geschrieben, und es ist gut, daß sie auf diese Differenzen immer wieder so nachdrücklich hinweisen). Der hat eine Vorstellung von Kultur, die wohl ein wenig wie ein Baumhaus aussieht: Irgendwas auf klar definierten Wurzeln ruhendes, was dennoch erst, "Leitideen" folgend, auf Fundamenten dann zu bauen sei, und das auch noch notwendig ...
Der Entgegnung der Freunde der offenen Gesellschaft stimme ich vollstens zu, und doch: Ein Scheitern dieses Leitkultur-Projektes sehe ich nicht als gar nicht so selbstverständlich an.
Schon gar nicht, wenn ich zum Hintergrund ein Interview mit dem selben Norbert Lammert lese, diesmal im Rheinischen Merkur. Da scheint er weniger Skrupel vor Klartext gehabt zu haben als in DIE WELT. Da fühlt er sich offensichtlich sicher und zu Hause. Da greift er sogar diesen so erschütternd und nachhaltig gewirkt habenden Begriff der "Kulturnation" auf, nur, daß er stattdessen "Kulturstaat" sagt. Da haut er's raus: Er will das christliche Europa. Scheiß auf die Franzosen und ihren penetranten Laizismus, die schaffen ja eh keine Sozialintegration mit ihrem albernen Staatsbürgerschaftsbegriff - Zitat Rheinischer Merkur-:
"Welche Probleme sind das?
Alle Kommentare von Frankreich-Kennern deuten darauf hin, dass die Integration misslungen ist. Wenn sie gelingen soll, muss sie ökonomische, soziale, politische, aber eben auch kulturelle Mindestvoraussetzungen haben. Die sind nicht erfüllt.
Viele der Randalierer besitzen einen Pass der „Grande Nation“. Ist das Staatsbürgerrecht – sei es liberal oder restriktiv – überhaupt dazu geeignet, soziale Probleme zu lösen?
Ich habe nie die Vermutung geteilt, man könne durch möglichst großzügige Vergabe der Staatsbürgerschaft die Integration beschleunigen. Die Verleihung des Passes ist allenfalls das äußere Zeichen eines hoffentlich geglückten Integrationsprozesses."
Zum Thema "Frankreich-Kenner" verweise ich nur auf Interviews z.B. mit der Saian Supa Crew. Die sind Franzosen. Die sind französische Kultur. Die lachen sich schlapp über das, was der Herr Lammert da sagt. Um kurz darauf wütend und empört zu sein, wenn ein Herr Lammert vor ihnen steht und ihnen fortwährend zuruft: Integriert euch, integriert euch! Ihr schwarzen und arabischen Banlieue-Bewohner mit eurer Zwangsverheiratungs und Polygamie-Tradition!
Immerhin: Integration in was, das sagt der Herr Lammert schon sehr deutlich. In's christliche Fundament will er uns alle einbetonieren. Und dann verteilt er noch ein paar Watschen:
"Die Verweigerung der Leitkultur-Debatte ist ja keineswegs Ausdruck besonderer Toleranz, sondern schiere Gedankenlosigkeit. Sie fördert die Dominanz von Traditionen anderer Kulturkreise, von Abschottung und Ghettobildung. Wer den so inflationär geforderten Dialog der Kulturen führen will, muss einen eigenen Standpunkt haben. Die Bundesrepublik Deutschland ist ja nicht bloß eine Agentur für den Dialog der Kulturen, sondern sie ist selbst ein Kulturstaat."
Den "Kulturstaat" hatten wir ja eben schon. Was dieser befördert, kann man unter anderem in "Helmut Berding - Der
moderne Antisemitismus" nachlesen.
Aber diese Unverschämtheit, jetzt all jenen, die Kant folgend eine Konzeption der Rechte von Diskursen über Kultur mit guten Gründen trennen wollen, "Gedankenlosigkeit" unterstellen zu wollen, ist in der Tat haarsträubend. Und dann auch noch so explizit mit "Überfremdungs-Ängsten" zu spielen, da fragt man sich ja, in welcher Partei er eigentlich ist.
Vielmehr ist der Fall, daß Herr Lammert entweder grundbegrifflich schlicht minderbemittelt ist, oder aber man muß ihm polemische Absichten unterstellen. Ein pures Siegen-Wollen also, das hat in Deutschland ja auch tief verwurzelte Tradition ...
Kulturelle Wurzeln: Ja, welche denn? Seiner eigenen Doktrin folgend müßte man ja dann genauso gut zu Baumkulten zurückkehren können wollen oder politische Entscheidungen nach dem Werfen von Runen ausrichten. Dieses Gerede von irgendwelchen Wurzeln, die einen dann gewissermaßen als Person gleich mit hervorbringen und die man dann infolge dessen wahrscheinlich auch noch lange "in sich" suchen soll, um nach ihnen zu handeln, ist immer deskriptiv falsch.
Je nachdem, wo in der aktuellen Situation man politisch steht, kann man sich ja sonstwas aus der Kultur herauspicken. Und in der Kulturgeschichte gibt es weiß Gott auch genug nicht-christliche Strömungen, so daß diese Homogenisierung, die Herr Lammert offensichtlich gleichermaßen anstrebt und behauptet - klassischer, naturalistischer Fehlschluß übrigens, vom Sein auf's Sollen zu schließen - nur autoritär und normalisierend sein kann.
Allein schon mein einerseits ur-protestantisches, andererseits spirituell-mystisches Verständnis des Christentums ist dem des Papstes so grundsätzlich entgegengesetzt, daß ich mich ja manchmal frage, ob letzterer nicht insgeheim einer schwarzmagischen Sekte angehört (was ich hiermit ausdrücklich nicht behaupten will, ich frag mich's nur). Ganz anders wieder griechisch - oder russisch-orthodox oder neuapostolisch. Was ist denn bitte das Christentum? Im Sinne dessen kann man sich dann, Herrn Lammert folgend, ja auch mal wieder auf die kulturelle Wurzel und geteilte Geschichte "30-jähriger Krieg" berufen. Im Gegensatz zu Herrn Lammert erwarte ich jedoch von niemandem, daß er mein Glaubensverständnis teilt und zahle trotzdem aus Überzeugung Kirchensteuer.
Identität: Ja, identisch mit was denn? Was meint er damit? Es ist schon schwierig, den Begriff personaler Identität auf eine klar verständliche Verwendungsweise hin abzuklopfen, das kann man z.B. in Ernst Tugendhat - "Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung" nachlesen. Sogar der Satz : >"Momo Rules" ist identisch mit "Einen Sitzen" im St. Pauli-Forum< ist nichts anderes als eine raumzeitliche Zuweisung.
Ich würde mir vielleicht noch eine "norddeutsche Identität" in dem Sinne zusprechn, daß ich dazu neige, mich in bestimmten Situationen auf eine bestimmte Art und Weise zu verhalten. Dann würde "Identität" als eine Art Metapher für ein Bündel von Verhaltensdispositionen verwendet. Will Herr Lammert nun wirklich, daß ich, ein Lette, ein Südfranzose und ein Norweger sich gleich verhalten? Das wäre dann die totale Gleichschaltung ...
Vernünftig könnte man darauf antworten: Ja, in bestimmten Hinsichten kann man das sinnvoll wollen. Z.B.: Du sollst nicht töten, Du sollst keine Frauen vergewaltigen (Männer möglichst auch nicht) etc.. Also einen Katalog von unhintergehbaren Verhaltensnormen formulieren. Ich kenne niemanden, wirklich niemanden, der dem nicht zustimmen würde. Es ist doch Humbug, ständig zu unterstellen, lauter verträumte, gedankenlose Multi-Kulti-Linke würden den ganzen Tag lautstark dafür plädieren, in bestimmten Stadtvierteln nunmehr die Steinigung zuzulassen, oder sie würden alltäglich auf Demos für die massenhafte Vergewaltigung von Frauen Sprechchöre anstimmen und Transparente schwenken. In der Tat mag es außerordentlich vereinzelt extreme Kulturrelativisten geben, aber die sind zum einen sehr selten und zum zweiten dazu später mehr ... zunächst zurück zum Recht, also zu den unhintergehbaren (nicht:fundamentalen, das ist ein Unterschied) Verhaltensnormen.
Zitat Rheinischer Merkur:
"Was macht denn diese „Leitkultur“ eigentlich aus? Ist sie mehr als die „freiheitlich-demokratische Grundordnung“ des Grundgesetzes, mit der wir doch seit vielen Jahrzehnten gut und friedlich leben?
Viele haben ja verdrängt, dass diese freiheitlich-demokratische Grundordnung über Jahre als „FDGO“ mit ausdrücklich polemischem Unterton angegriffen wurde. Jetzt wird sie als letzter gemeinsamer Nenner reklamiert. Sie ist in der Tat eine der wichtigsten Ausformungen dessen, was dieses Land kulturell und politisch prägt. Der Hinweis auf eine Rechtsordnung ersetzt aber eben nicht die Verständigung über kulturelle Grundlagen. Wir machen bei uns die Erfahrung, dass sich neben der Rechtsordnung, deren Geltung kein Mensch bestreitet, Verhaltensmuster halten, die ihrerseits kulturell begründet sind. Wenn sich die Gesellschaft nicht regelmäßig ihrer Grundlagen vergewissert, läuft sie Gefahr, dass sich auch die Rechtsordnung auflöst."
Was will der denn? Worum gibt er sich mit diesem gemeinsamen Nenner nicht zufrieden?
Weil er eine Konzeption des Rechts vertritt, die dieses wohl als eine Art Kondensat von kulturellen Traditionen begreift. Statt eine solche zu vertreten, die Recht auch und gerade in der rationalen und kritischen Hinterfragung von Traditionen zu formulieren sucht. Das ist in der Tat ein Desaster, aus zwei Gründen: 1.) Dezisionismus und 2.) Kulturrelativismus.
Ja, Herr Lammert bewegt sich durchgängig auf dem Boden des zweiten: Er sieht zwei (oder mehr) Kulturen in Konkurrenz zueinander stehen, kann aber bei einer solchen Konzeption des Rechts gar keinen Grund angeben, warum die jeweils eigene Kultur nun dominant sein sollte, außer, daß sie vorher da war. Wer Tradition gegen Vernunft ins Feld führt, hat keinerlei Handhabe, beispielsweise Klitorisbeschneidungen in Afrika zu kritisieren. Ist ja dort auch 'ne Tradition, ist Fundament derer Kultur und in dieser tief verwurzelt, also sollen diese ganzen kulturimperialistischen Europäer gefälligst die Schnauze halten, wir verstümmeln weiter.
Der Punkt 1.) ist ebenso so klar: Welches Schweinderl hätten's denn gern? Welche kulturelle Tradition man nun als die entscheidende begreift und infolgedessen erklärt bei einer derartigen Viellfalt der deutschen und europäischen Kulturen, das kann nur eine Frage der reinen Entscheidung sein. Für viele Entscheidungen gibt es dann auch gleichermaßen gute Gründe, wenn man auf der Ebene von Kultur selbst argumentiert. Für die Reflexion von Kultur braucht es Vernunft, aber Herr Lammert will ja wahrscheinlich gar nicht reflektieren, sondern dominieren - z.B. mich.
Dieser Mix aus Kulturelativismus, Traditionalismus und Dezisionismus kann nur auf Macht setzen, und zwar nicht nur in Foucaultscher Hinsicht, sondern auch dem traditionellen Konzept von Herrschaft folgend. Der will von oben normalisieren, nicht überzeugen. Der kann auch behaupten, was er will (nicht etwa, was richtig wäre) und ist bereit, dies durchzusetzen. Na, herzlichen Glückwunsch, liebes Europa! Bush wirkt.
Herr Lammert muß meiner Ansicht nach zurücktreten. Wer mit einem Zitat wie dem folgenden so dezidiert den Boden der oben zitierten freiheitlich-rechtlichen Grundordnung verläßt, hat in einem solch hohen Amt schlicht nix verloren:
"Es kann nur nicht in ein und derselben Gesellschaft mehrere, schon gar sich wechselseitig ausschließende Orientierungen geben."