" /> Metalust & Subdiskurse: Dezember 2005 Archive

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30.12.05

Prost Neujahr

Als letzter Eintrag dieses Jahr sei die göttliche Knef zitiert - aus ihrem Song "Prost Neujahr", gerade neu auf CD erschienen:

"Man blickt zurück und denkt an sich, an wen denn sonst, fühlt sich nicht schlecht, man gibt sich recht ja, was denn sonst, die Liebe kam und ging vorbei, wie oft zuvor, etwas gehetzt, doch sehr geschätzt, kam man empor, wenn man's so recht bedenkt, es war ein gutes Jahr.

(...)

Man blickt voraus und gießt sein Blei und wünscht sich seht dass man im neuen Jahr ein gänzlich anderer wär, dass man so jung und treu und gut wie nie zuvor, doch die Gewohnheit lacht und singt dir sanft ins Ohr: Nun trink mal brav den Sekt und mach dir doch nichts vor."

Prost Neujahr, es war ein gutes Jahr."

In diesem Sinne ...

Kolonialismus und Marktwirtschaft

Wäre der Hintergrund nicht bis heute so erschütternd, dann wäre das richtig lustig, was Herr Statler - eine Studie von Daron Acemoglu, Simon Johnson und James Robinson zusammenfassend - über die Zusammenhänge von Kolonialismus und Wirtschaftswachstum in vergangenen Jahrhunderten schreibt.

Er möchte marxistischen Geschichtschreibungen auf die Glocke geben, wofür es ja immer wieder sehr gute Gründe gibt. Um eben Gründe für marktliberale Positionen zu finden. Kurzgefaßt: Absolutistische Staaten haben dank der Kolonien keinen so starken Wachstum erlebt wie jene, die die institutionellen Grundlagen für "freies" Wirtschaften gebildet hatten, z.B. England und die Niederlande. Zitat Statler:

"Dort waren die politischen Institutionen auch bereits flexibel genug, um einen weiteren Wandel zuzulassen: Die nun immer stärker werdende Verhandlungsposition einer reicher werdenden Klasse von Kaufleuten ermöglichte es ihnen, politische Institutionen durchzusetzen, die private Eigentumsrechte viel stärker sicherten als dies in den absolutistischen Staaten möglich war."

Somit sei nicht die Ausbeutung der Kolonien an sich, sondern ein marktwirtschaftliches Verwerten von Kolonialherrschaft maßgeblich für Wirtschaftswachstum in manchen europäischen Ländern gewesen. Und, Conclusio, somit sei also auch generell "freie" Marktwirtschaft Wachtsumvorraussetzung.

Mag ja sein, letztlich belegen diese Gedanken jedoch vor allem, daß "freie" Marktwirtschaft schlicht effizienter ausbeutet. Und es ihr, kurz gesagt, schon immer schlicht egal war, wo die Kohle herkommt und wie sie erwirtschaftet wurde ... und das als Argumente für den "freien" Markt?

Wer zu Zeiten des Kolonialismus wirklich frei war und wer nicht, daß kann man nun wirklich u.a. bei Marx lernen ... stattdessen lernt man heute im ZDF, daß der Kolonialismus schließlich auch die Eisenbahn nach "Deutsch Südwest-Afrika" brachte und dank Herrn Sarkozy nunmehr per Gesetz verordnet an französischen Schulen, daß der Kolonialismus doch auch so viel Gutes in die Kolonien gebracht hätte. Aber da kann ja Statler nix für ... wird aber in der Tat auch 2006 ein großes Thema sein.

29.12.05

Was ist schon ein Jahr?

Hieß die so, die deutsche Version von Johnny Logans "What's another year?"? Und hieß der überhaupt so, der zweifache Grand Prix-Gewinner, hieß der Johnny Logan?

Das Loch zwischen den Jahren treibt manche Blogger in den Genuß genau dieses Im-Loch-Seins, andere hingegen in den Frauenzeitungsjournalismus. Schlimm.

Da machen dann plötzlich alle mit. Auch jene, die man sonst geradezu verehrt für ihre wirklich extrem gute Schreibe. Und doch: Diese Fragebögen zum Jahresende - nee!!! Wenn man sich das mal genau durchliest - die Fragen, nicht die Antworten -, fragt man sich ja doch, ob ein Leben in Klöstern oder Krisengebieten ...

... nicht doch der totalen Pop-Ödnis hierzulande vorzuziehen ist. Wahrscheinlich hat Frau Osthoff diese Fragebögen gelesen und will deshalb wieder in den Irak ...

Eigentlich müßte ich jetzt, wäre ich denn Grafiker, statt einem "Liebe ist ..." ein "Leben ist ..."-Stickerchen entwerfen auf ästhetisch ähnlichem Niveau wie's "Liebe ist ..."-Original. Und sie dann allesamt aufführen, diese Punkte, die Werbetextern und Webdesignern und IT-Dienstleistern undsoweiter wichtig sind:

Gewicht, Haarschnitt, Geld und was man damit kaufen kann, kurze Kicks (einschließlich Sex), Events und Selbstilisierung.

Niederschmetternd.

Fallen eigentlich nur die Fragen nach dem hirnrissigsten Plan und dem, womit man die meiste Zeit verbrachte, heraus. Aber genau da bleibt's dann bei den Antworten auch schon bei Andeutungen ... gut, Wortschnittchens Andeutungen über ihr Lebesleben, die haben den Blues, ebenso, so ganz am Rande von ihr erwähnt, hat ihr Kampf um's berufliche Überleben den Doppel-Blues ... aber die scheinen eben auch nur ganz am Rande auf, diese Punkte.

Liest sich alles so, als könne man ein Leben so leben, daß es den Gesetzen des Populären auch ja sich unterwirft. Bloß niemand mit Trauer, Philosophie oder irgendeinem Zusammenhang belästigen. Hauptsache amüsant! Meine Güte, wollen denn wirklich alle unbedingt amüsant sein? Personifizierter Party-Smalltalk? Kevinisierung, sach' ich da nur ...

Aber wahrscheinlich kann man über den härtesten Machtkampf, den schlimmsten Verzicht, den übelsten Streß und den Streit, der am meisten weh tat, im Blog wohl wirklich nicht schreiben. Weil's ja niemanden was angeht. Und man will ja auch nicht belästigen ... auch nicht mit dem größten Triumph, dem tiefsten Gefühl, der raffiniertesten Gemeinheit oder gar dem aufregendsten Gedanken, der neuesten Erkenntnis. Nee, es geht um's Buch, nicht um das, was drinsteht ...

Gestern wäre die so überragend große Knef 80 geworden. Die hat gelebt, sowas von gelebt! Und der hat man sehr, sehr übel genommen hier in Deutschland, daß sie ein Buch über ihre Krebs-Krankheit geschrieben hat ... sie hätte diese nur vermarkten wollen, wurde behauptet ...

In einer richtig schlechten Sendung mit sehr schönen Einspielern, moderiert von Bärbel Schäfer, gestern auf HR3, wurden symbolisch ihr die roten Rosen zum Achtzigsten überreicht. Da war auch Tim Fischer. Gut, von diesem ewigen Jüngelchen nun zu erwarten, er könne einen Knef-Song ganz und gar ausloten, stimmlich durchschreiten und durchfühlen, das wäre in der Tat zu viel verlangt. Drum setzte er auf Dezenz und Cool-Jazzigkeit, völlig in Ordnung. Und hat eines meiner Lieblings-Chansons gesungen - es sei zitiert, statt eines Schlußsatzes:

" So sitz ich seit Jahren.
Hasse die Stille.
Liebe den Lärm der schlaflosen Nacht.
Erwarte den Tag mit ertrunkenen Gedanken.
Begegne der Frühschicht der Stadt,
der Stadt die erwacht.

Alleine, das können wir immer noch sein.
Zu zweit ist man niemlas gewesen.
Wir kennen uns nicht.
Und erkennen uns doch.
Sind Schatten der Schatten gewesen."

28.12.05

Fanclub der Sehnsucht

2Jferien-8.jpg

Ja, Herr von Dannen, nicht nur nach dem Fanclub der Sehnsucht wird gefahndet - warum gibt's eigentlich keine großen Weihnachts-Vierteiler mehr? Das waren doch Ereignisse, Serien, in die hinein getaucht man alles um sich rum vergaß (als Kind zumindest) und der nächsten Woche dann sehnsüchtig entgegenfieberte ... erinnere mich düster an "2 Jahre Ferien", ziemlich gut an "David Balfour" nach dem Roman von Robert Louis Stevenson ... daß Fernsehen aber auch diese fatale Tendenz hat, immer gerade das wirklich Schöne zu versenken ... bißchen spät jetzt, die Suche nach dem Weihnachts-Vierteiler, wo schon wieder alles vorbei ist, aber trotzdem ...

27.12.05

Der gespielte Schwulenwitz

Nee, nix da "palim, palim"...

Jan Freitag ist einer der besten über Fernsehen schreibenden Printjournalisten - einfach, weil er im Gegensatz zu Hans Hoff, Edo Reents und noch Schlimmeren (vorzugsweise bei der Berliner Zeitung) sich auf die Möglichkeiten des Mediums auch einläßt, anstatt wahlweise Seminarwissen, epischen Autorenfilm oder aber die Erzählweisen des Print-Journalismus selbst im Fernsehen zu erwarten. Die meisten TV-Kritiker haben ja noch nicht einmal begriffen, daß Fernseh-Journalismus nicht nur aus Off-Text, sondern auch aus Bildern, Figuren und Ton besteht. Ganz klassisch z.B. der Nachsatz nach einem Verriß "dafür gibt es aber schönes Archivmaterial zu sehen". Na super. Daß die Besorgung und Auswahl bereits viel Personal bindet, hohe Kosten verursacht und das Arrangieren dessen an sich schon eine Aussage ist, das versteht der gemeine, post-universitäre Galao-Feuilletonist nicht. Aber der muß dann ja auch den blanken Hohn seiner eigenen Kollegen ertragen, wenn er sich daran versucht, Neil Young-Biographien zu verfassen ...

Jan Freitag macht das alles nicht. Heute nimmt er völlig zu Recht in der FR das diffamierende Schwulenbild in TV-Comedies auseinander. Lesenwerter Artikeln, kann man jeden Satz unterschreiben. Fehlt nur ...

... in diesem Falle der Blick über das Medium hinaus. Die zum Schenkelklopfen animierende TV-Comedy spielt ja der Avantgarde neuer Schwulenhatz, Jürgen Rüttgers z.B., in die Hände. Der aktuelle Coup des NRW-Ministerpräsidenten ist u.a hier nachzulesen. Kirchensteuer wird weiter staatlich verteilt, aber schwulen Projekten der Hahn zugedreht. Das schreibt eine der ersten Amtshandlungen dieser deutschen Necon-Variante fort: Ein Schulbuch wurde aus den Klassenzimmern verbannt, das schwules Leben schlicht als etwas Selbstverständliches darstellte.

Also: Bloß keine Akzeptanz, allenfalls Toleranz in Grenzen. Und: Unsichtbarmachung. Das ist ja das Skandalöse an Ole von Beust und dem Herrn Kusch - daß auch diese behaupten, all das sei doch gar kein Thema mehr. Isses doch, sieht man ja an deren Parteifreunden.

Und diese von Heteros inszenierten Tuntigkeiten, die heute abend über den Bildschirm flimmern werden, also die Focussierung des Sichtbaren auf das Lachhafte, auf's 70er-Jahre-Klischee, fügt sich nahtlos ein in die Rüttgersche Strategie. Die ja nicht zufällig Hand in Hand mit jener der katholischen Kirche durch die Agitationslandschaft spaziert. Es sei zitiert - Quelle: Der Male.Dei-Blog:

"Unter dem aufdringlichen Motto „Wir sind für dich da“ werben sie geradezu für ein Leben als Homosexueller – gerade unter jungen Leuten, die noch auf der Suche nach ihrer Individualität, ihrer Sexualität sind, unsicher oft und voller Selbstzweifel."

Und:

„Es bedarf einer breit angelegten christlichen Koalition gegen diese Auswüchse und für ein Aufwachsen unserer Kinder in Würde und Freiheit von derartigen Belästigungen."

Ich möchte auch, daß meine Nichten und Neffen in Würde und in Freiheit vor den römischen Kostümfesten dieses Herrn Ratzinger aufwachsen und fordere, daß dieser bitte in Zukunft gar nicht mehr im deutschen Fernsehen zu sehen sein sollte. Ist doch unwürdig für "unsere Kultur", dieses Schauspiel.

Auch, weil der gespielte Schwulenwitz das beste Mittel ist, das auch von diesem geforderte Verschweigen zu flankieren. Weil: Alle reden nur über den "islamischen Machismo" - möchte nicht wissen, über wieviele mit Äpfeln und Rosinen gefüllte Gänse gebeugt, mit Blick auf's Fenster der Nachbarwohnung oder des Nachbarhauses, in dem Türken leben, genau die Brutalität der - sic!- "wie Prinzen" aufwachsenden Jungtürken in den letzten Tagen diskutiert wurde...

Daß letztlich aber auch all diese "westlichen" Comedy-Klischees genau deshalb für den gemeinen Hetero so lustig sind, weil sie einfach nur den Machismo unserer ach so aufgeklärten und emanzipierten "westlichen Kultur" zerrspiegeln, indem sie dessen Gegenteil auf den Blidschirm bringen - das diskutiert lieber kein Schwein. Mit Schwulen haben deren Abbilder im TV ja nur am Rande zu tun. Da spiegeln sich Normalisierungsmuster. Gegen die gerichtet die "Tunte" in den 70ern mal ein politisches Fanal war ...

Somit ist der gespielte Schulenwitz nix anderes als ein westlicher Intiationsritus, ein Einüben massenmedial geprägter Verhaltensstereotype - und was dann dabei rauskommt, kann man vortrefflich in den Fankurven von Hertha BSC oder der AOL-Arena begutachten, im Bau- oder Media-Markt ebenso.

Gibt's eigentlich noch Frauenhäuser? Machen wir doch da einfach mal 'ne Comedy draus!

26.12.05

Eine kleine Weihnachtsgeschichte mit Nietzsche, dem Papst und dem heiligen Geist

Der Gehängte.jpg

(Quelle: Igor Warneck)

Dabei sind's doch einfach nur die kürzesten Tage des Jahres, ist's kurz nach der Wintersonnenwende, der folgend bald neues Licht die Tage ausleuchten wird ... nix gegen die Bibel oder das Christentum, aber heute schien's doch wieder offenkundig: Weihnachten ist, wenn selbstgerechte Väter mit Bauch und sächsischem Akzent in überfüllten Zügen vor sich hinzischeln "Wie kann man hier nur 'nen Hund mit reinnehmen!". Um prompt zum Angriff mit der Kinderkarre überzugehen und alles aus dem Weg zu pflügen, was nicht von selbst zur Seite springt ...

Als hätte Jesus das gewollt! Daß so einer behauptet, dessen Stellvertreter auf Erden zu sein, wollte er aber bestimmt auch nicht ... wenn man sich mal wieder ernsthaft jenseits des Monumentaltheaters in Rom ...

... mit dem christlichen Glauben beschäftigen will, sollte man doch lieber bei den großen Mystikern starten, z.B. Meister Eckhart, einfach nur so ganz für sich, oder Johann Sebastian Bach hören ... da sagt jede Note, jeder Ton mehr als lange Predigten.

Oder man läßt von The Smiths-Adepten inspirieren und greift zu Nietzsches "Jenseits von Gut und Böse". Und findet dort Sätze wie:

"Das eben bedeutet das asketische Ideal: dass etwas fehlte, dass eine ungeheure Lücke den Menschen umstand; - er wusste sich selbst nicht zu rechtfertigen, zu erklären, zu bejahen, er litt am Problem seines Sinns. Er litt auch sonst, er war in der Hauptsache ein krankhaftes Thier: aber nicht das Leiden selbst war sein Problem, sondern dass die Antwort fehlte für den Schrei der Frage "wozu leiden?" Der Mensch, das tapferste und leidgewohnteste Thier, verneint an sich nicht das Leiden: er will es, er sucht es selbst auf, vorausgesetzt, dass man ihm einen Sinn dafür aufzeigt, ein Dazu des Leidens."

(Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, München 1988, S. 411)

Und wie so oft bei der Kritik des Christentums stellt man fest: Selbst wenn das historisch oder anthropologisch wahr sein mag, trifft's den christlichen Glauben noch nicht einmal an seinen ausgefransten Rändern. Auf Weihnachten trifft's eh nicht zu, das ist eher das "Zusammenrücken in Liebe, im Dunkeln feiern wir gemeinsam das heraufziehende, neue Licht! In Gestalt der Geburt des Messiahs (oder auch einfach so, dann feiert man den aber auch mit)". Selbst Ostern, die Kreuzigung, ist das Fest der Transzendenz des Leidens, nicht sein "Dazu".

Warum das wichtig ist? 1.) Weil man dem Papst und George W. Bush den christlichen Glauben nicht überlassen darf. 2.) Weil Nietzsche Foucault auf die Idee der Genealogie brachte. Also: Nicht mehr DIE GESCHICHTE, auch keine in Soziologie und Kulturwissenschaften übertragene Evolutionstheorie. Sondern: Parallel und verstreut verlaufende Entwicklungen, Brüche, Verschiebungen und Ableitungen und Abstammungen aufsuchen und erforschen.

Und dann sinnt man nach, wie man über das "Heiligengeistfeld" zu jedem Heimspiel am Millerntor pilgert - und schlägt einfach mal nach. Daß dort einst ein Klosterkrankenhaus stand, wußte ich. Nicht jedoch, daß 1497 ich noch auf dem Heiligengeistfeld, an dessen Rand, gewohnt hätte - und hier nur deshalb heute eine Straße ist, weil das Kloster Gebiete in Hamm und Horn erhielt. Ein schlechter Tausch ...

Später war hier das erste jüdische Viertel Hamburgs, in der Hamburger Neustadt. Gleich hier gegenüber, wo heute eine Schule steht, war eine der ersten Synagogen - weil Juden nur durch das alte Millerntor die Stadt betreten durften. Wie die sich wohl damals fühlten, wenn Weihnachten angesagt war, als die Synagoge dort noch stand? Die haben sie zunächst gut versteckt, die Synagogen, in Hinterhöfen, und hatten wirklich gute Gründe dafür ... was jüdische Deutsche heute zu Weihnachten denken, kann man bei Henryk M. Broder nachlesen.

Frage mich weiter, wie Hamburg eigentlich christlich wurde. Dachte ja immer, hier hätten Friesen gehaust - nix da, Sachsen waren's, und da ist man doch heilfroh, daß die Sprache sich regional unterschiedlich entwickelte ... und weniger froh, daß auch diese Region mit Gewalt nur dem Christentum zugeführt wurde. Mittendrin in der Christianisierung: Ansgar, der erste Bischof von Hamburg. Später dann auch Bischof in Bremen.

"Ich bin ja nur auf der Durchreise hier… So hätte der heilige Ansgar sein Leben auch beschreiben können. Durchreise, das heißt ja Unterwegs-Sein; wissen, woher man kommt und wohin man geht; die äußeren Bedingungen von Reisenden akzeptieren; ein Ziel vor Augen haben. Vielleicht bietet sich als Lebensmotto an: Ich bin ja nur auf der Durchreise hier...

Wir begehen heute – seltsam angerührt und betroffen von der Glaubens-Vision des heiligen Ansgar und sehr dankbar für seinen Missionsdienst auch in Schleswig-Holstein – wir begehen heute also zum 20. Mal in Flensburg das Gedächtnis des großen Kirchenmannes Ansgar."

Hans-Joachim Muhs predigt dies, und ob man dieses Dankeschön so teilen kann ... mmmmmh ... schöner wär's doch gewesen, man hätte mehr noch als nur den Weihnachtsbaum von den alten heidnischen Mythen bewahrt. Hätte geschaut, wo alter Sachsen-Glaube und Christentum Gemeinsamkeiten hatten. Dann hätten auch die Nazis niemals diese abscheuliche Fiktion des alten Germanentums so schändlich mißbrauchen können ... das gab's nicht, das Germanentum. Auch das lehrt die Genealogie. Es gab aber neben ganz viel Scheußßlichkeiten allerlei Naturverständnis...

Bei christlich-sächsischer Verständigung hätte man Weihnachten vielleicht ganz ehrlich auch weiterhin als Wintersonnenwende gefeiert und trotzdem christliche Nächstenliebe und die Solidarität mit den Schwachen und Ausgegrenzten ernst genommen, z.B.. Und hätte zudem neue Wege der Spiritualität beschritten in dem Wissen, daß der christtliche Glaube eben auch nur einer der Wege zu dem ist, was so unermeßlich viel größer ist als wir, was allenfalls im Begriffslosen der Bachsen Musik aufzuscheinen vermag, in den Bildern eines Michelangelo oder eines Cezanne oder eines Van Gogh ... hätte wie der Gehängte aus dem Tarot das Wissen genossen, daß die Tage ganz von selber wieder länger werden. Daß man nicht selbst erkennt, sondern der Hingabe an Erkenntnis, an Liebe, an den Anderen fähig sein muß, dann kommt all das von selbst auf einen zu - oder auch nicht. Hätte gewußt, daß oft gerade in der Hilflosigkeit und dem Genuß, den Ohnmacht auch bedeuten kann, die neue Perspektive aufscheint, gerade, weil man sie gar nicht sucht.

Und würde, kopfüber lachend, wissen, daß Menschen, die mit barockem Pomp behängt neue Weltordnungen verkünden, noch immer am Schwerte kleben, statt gemeinsam Glauben immer neu zu suchen, wenn man denn will ... Glaube, der eben was anderes ist als Wahrheit, Erkenntnis, Moral, Religion oder gar Politik.

Und schon gar nicht das Pöbeln selbstgerechter Väter, die, Geschenke gerucksackt und mit Gans vollgestopft, in überfüllten Zügen alles hassen, was ihren Weg versperrt ... Amen.

23.12.05

Finden Jungliberale das wirklich richtig? Nierenhandel und Prostitution?

Was mir seit der Lektüre des jungliberalen Haßpredigers und vor allem auch jener der Kommentare dazu bei Der Morgen überhaupt nicht mehr aus dem Kopf, ist: Manche Liberale scheinen tatsächlich des Recht auf körperliche Unversehrtheit aus dem Schutze des Eigentums ableiten zu wollen. Insofern, daß sie eben den eigenenoder fremden Körper auch als Eigentum definieren.

Da ist man kurz verblüfft und dann erschüttert. Weil's eben - ganz schlicht - auch gesellschaftliche Realität ist. Global gibt es ja viele, die in der Tat ihren Körper oder Teile davon verkaufen. Bezugnehmend auf Hertha-Spieler haben Körper ja sogar einen stark differierenden Marktwert. Eigentum kann eben mehr oder weniger sein, und somit landet man tatsächlich im Extremfall auch bei einer Un- oder aber wenig- bis gar nix-Wert-Theorie des Körpers. Und auch der Körper des Anderen kann in Zeiten freien Handels dann eben in meinen Besitz übergehen ... oder umgekehrt.

Das alles sind weiß Gott keine neuen Gedanken; neu ist, das dies nicht nur kritisch als Beschreibung von Welt in den Diskurs eintritt, sondern, daß auch hierzulande es von Julis - zumindest einzelnen - das de facto auch noch gefordert wird ... selbst wenn sie's so ausdrücklich doch nicht sagen: Die Conclusio aus dem Geschriebenen in deren Forum wär's.

Gut ist, was sich verkauft

Da begibt man sich auf die Suche nach Weihnachtsgeschenken, und für pubertäre Nichten, die sowas wie Top of the Pops und BRAVO TV heiß und innig lieben, bieten sich dann ja die zugehörigen Sampler an ..

So nimmt man die Dinger in die Hand und erstarrt: Auf beinahe jedem, ob The Dome oder VIVA Comet, ist entweder Fler oder Bushido vertreten. Einfach so, versteckt zwischen Sarah Connor, US 5 und Silbermond. Ich könnte kotzen.

Das ist in etwa so, also würde man in eine Sammlung mit Poesie-Album-Sprüchen Auszüge aus "Mein Kampf" integrieren. Selbst wenn man im Falle Bushido noch streiten kann, bei Fler geht das nun wirklich nicht mehr. Albern ist's mit Sicherheit, Teenies bestimmte Musik verbieten zu wollen. Aber zwischen dieses ganze Charts-Geleier nun so einen Dreck zu schummeln und damit noch breitenwirksamer zu machen und zudem auch noch zu verharmlosen - das belegt doch nur, daß "der Markt" im Gegensatz zu all dem Müll, den Liberale so denken, noch die haarsträubendsten Dinge hervorbringt, fördert und legitimiert, wenn sie sich denn verkaufen. Armes Deutschland ...

Meine Schulter ist naß durch des Nebenmanns Tränen kann es etwas Schöneres geben?

Da ist man auf einmal noch glücklicher. Weil: Sven Regener bleibt sich und Bremen treu und käme nicht auf die Idee, 'ne St. Pauli-Hymne zu schreiben. Das würde auch massive Gewissenskonflikte tief in mir aufbrechen lassen - Vers-Schwurbel, die Liebe, Lust und Leid um drei Sprachwitz-Ecken herumbiegen und dann doch auf den Punkt bringen, Chansoneskes, das in zickig- zeternder Melancholie Glück erst sucht und ein wenig später sogar, gebrochen, findet, also genau das, was ich an Element of Crime seit mehr als einem Jahrzehnt so heiß und innig liebe - das paßt wirklich in kein Stadion. Und dann müßte ich auf einmal was von Element of Crime blöd finden. So viel Eleganz paßt schon gar nicht an's Millerntor, das ist schließlich purer ist Rock'nRoll. Zudem dort ja auch schon Bela B. grandios gescheitert ist, als er versuchte, die Fan-Hymne neu einzuspielen ...

Die schönsten St. Pauli-Lieder sind aber, wie im Rock'n'Roll üblich, Balladen. Wie z.B. "Sie waren, sie sind, sie bleiben" von But Alive. Sind aus denen nicht auch Kettcar hervorgegangen? Und wenn der von Regener zitierte Song von Tomte der ist, der vor dem Spiel im Stadion gespielt wurde, dann ist Runterladen Pflicht! Dann isses auch 'ne Ballade, ein Traum von einem Song ...

Und vielleicht sitzt ja der Herr Regner dann im Pokalspiel gegen Bremen im Gäste-Block, Block 11, gleich rechts von uns, jenseits des Gangs, auf unserer heiligen Haupttribüne statt im Irish Pub an der Feldstraße. Während der Spiele wär' das 'ne gute Wahl - da ist's im Stadion ganz einfach schöner als draußen vor der Tür ...

22.12.05

Wir sind Pokal!

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(Der tollste aller Mannschaftkapitäne beim Feiern, Fabio Morena. Quelle: FC 42)

Es gibt ja sowas wie Glücks-Schocks. Da man fassungslos sich irgendwann auf dem eigenen Sofa wiederfindet, immer mal wieder kurz schluchzend, da man sich fragt, ob denn das alles wirklich wahr sein kann ... es ist wahr. Und es ist sooooooooooooooo schön, so überwältigend, so großartig ...

Wer's Millerntor nicht kennt, kann's vielleicht nicht verstehen - aber so ein Spiel wie gestern, als die so unerträglich arrogante Hertha mit ihren nicht minder unerträglichen Fans aus dem Stadion geschossen wurde, das ist so intensiv, so unglaublich mitreißend, das geht durch und durch und man ist dann St. Pauli und einfach nur GLÜCK und BEGEISTERUNG und weiß gar nicht, wohin mit den eigenen Gefühlen. Da bilden das Team auf dem Platz und das Publikum eine Einheit - und unser Team, zwei Klassen tiefer als der Gegner spielend, hat keine Sekunde aufgesteckt, hat 110 der 120 Minuten besser gespielt, hat diese Truppe ...

... überheblicher Individualisten, die so taten, als sei's schlicht unter ihrer Würde, gegen so einen Menschendreck überhaupt antreten zu müssen, durch puren Willen und pure Leidenschaft und spielerisch sogar richtig gut niedergerungen. Haben sogar noch gegen den Schiedsrichter gewonnen - war einer von der Sorte, der glaubt, millionenschweres Spielerkapital vor diesen drittklassigen Bolzrowdies schützen zu müssen ... kenne ich noch aus Liga 1. Unseren Spielern durften Menschenverächter wie Lincoln dann auch gerne mal ein Bein brechen, gab nur Gelb, und Basler hüpfte dann noch mit Hut an der Eckfahne rum vor lauter Begeisterung darüber, daß Adamu nunmehr 'nen halbes Jahr kaum laufen konnte ... das ist dann wohl der liberale Schutz des Eigentums. Was nicht als Kapital sich denken läßt, wird eben auch nicht geschützt ... auch der Hertha-Mob (die auf der Haupttribüne waren okay, aber die in den Stehplatzblöcken nicht) haben das hinreichend internalisiert. Die schießen mit Leuchtraketen auf Menschen. Die Berliner Republik zeigte mal wieder, was in ihrer Mitte steckt ...

Aber: Kein Grund zur Bitterkeit ist heute! Genau dagegen gibt's ja den FC St. Pauli, und deshalb haben wir auch gesiegt! Habe komischerweise bei 2 mal Rückstand keine Sekunde am Sieg gezweifelt ... Luz - ein Luz ist ein Luz ist ein Luz -, Brückner, Hollerieth, Palikuca, Mazingu und die anderen haben eben gezeigt, was der FC St. Pauli ist. Nämlich Glaube, Liebe, Hoffung, Emotion pur, reine Leidenschaft und die Wahrheit des Gesangs "You'll never walk alone". Das gibt wieder drei Wochen Dauergrinsen ... Danke, Mannschaft, Danke, Danke, Danke!!!!!!!!!!!

Nachtrag, einen Tag später:

Schön der Artikel im Tagesspiegel.

"So muss es in der Hölle zugehen: lärmig, lustig, orgiastisch. Dazu haut es Regen vom Himmel, gepeitscht von heftigem Südwind, die Erde weicht auf, und braun-weiße Männer wälzen sich im Schlamm. Sie umarmen sich, sie küssen sich, sie rutschen auf dem Bauch über den nassen Rasen. An diesem Mittwochabend am Hamburger Millerntor ereignen sich biblische Wunder gleich mehrfach, und nun können sogar die Lahmen wieder gehen: Ein verletzter St.-Pauli- Spieler humpelt in Zivil mit zwei Krücken herum, zwei andere Invaliden hüpfen nun wie hinkende Kängurus.

(...)

Es wirkt. Es ist Voodoo, die Kraft von 17 000 tobenden Leibern und Kehlen überträgt sich auf den Rasen, sie kriecht 120 Minuten lang in die matten Körper in Braun-Weiß. Eben noch hat der Verteidiger Florian Lechner auf dem Boden gekauert und sich die krampfenden Waden massiert, fünf Sekunden später haut er den Ball zum Ausgleich ins Netz. Michel Dinzey quält sich sichtbar bei jedem Schritt mit einer Zerrung, ein Tor macht er trotzdem. Der Fan in Block 2, Reihe 1, Platz 17 pult mit klammen Fingern Salbeibonbons aus der Tüte. Er krächzt: „Zwei Tüten pro Spiel, aber die Stimme geht weg.“ Egal. Die da unten geben alles, die da oben helfen mit Chorälen und Sprechgesängen.

(...)

Am Millerntor bist du nicht Deutschland, sondern wir sind Pokal. Von heute an werden die neuen Hemden verkauft."

21.12.05

Glaube, Liebe, Hoffnung - Sieg!

Bochum-Sieg.jpg

(Quelle: Bildergalerie Basis St. Pauli)

Nein, ich hasse die Hertha nicht. Fremd ist sie mir allerdings, ich mag die nicht .... und gewinnen will ich heute auch gegen sie! Habe seit gestern nachmmitag ein so unverrückbar gutes Gefühl für das Pokal-Spiel heute ...

Jungs, liebe Mannschaft, Gewinner seid ihr auch schon vor dem Spiel, weil ihr uns so weit gebracht habt und allein schon für dieses so unglaubliche Gefühl beim Bochum-Sieg dieses Leben sich gelohnt hat! Aber ein Triumph heute ... mehr Glück, mehr Leidenschaft ist kaum noch vorstellbar! Make it real!

Freiheit für den Fremdhaß

Das Eigene und das Fremde und was Junge Liberale dazu denken:

"Solche Menschen darf ich hassen, genauseo, wie ich Juden, Farbige, Homosexuelle oder sonstwen hassen dürfte, wenn ich es denn wollte. Liberale sind nicht gezwungen in einer Multi-Kulti-Harmonie-Diktatur zu leben, denn Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie das Eigentumsrecht anderer Menschen akzeptieren und darauf verzichten Gewalt gegen fremdes Eigentum anzuwenden. Sie dürfen also hassen aber nicht aus Hass gewalttätig werden.
Es ist sogar so, dass der Liberalismus das Hassen erst ermöglicht. Denn wenn ich nicht vorher den Gewaltsverzicht unterschrieben hätte, so wie Sozis, Konservative und Ökogorillas es nicht getan haben, kann der Hass brutale Konsequenzen haben. Da diese i.a. nicht wünschenswert sind, müssen oben genannte Gruppen sich den Hass verbieten und ihn unterdrücken. Ein Liberaler braucht das nicht."

(via Der Morgen, Danke!)

Daß ich noch nicht einmal die Fassung verliere, wenn so unverblümt der pseudo-moralische Gestus dieser ganzen Scheinliberalen nun seine eigene Wahrheit in die Welt hinausbrüllt - das liegt auch nur daran, daß ich regelmäßig die Freunde der offenen Gesellschaft, die Achse des Guten und die Herren Statler und Waldorf lese - weil ich ja wissen will, wo wirklich Gefahr lauert (Herrn Broder, auf der Achse des Guten mitbalancierend, nehme ich hier mal ausdrücklich aus, Herr Miersch ist de facto auch so ein Verbal-Zündler wie dieser Juli-Haßprediger da oben).

Dieses Zitat ist deshalb nicht erstaunlich, weil ja das Denken all derer im wesentlichen

a.) durch und durch und in jeder Hinsicht nix anderes ist als invertiertes, altlinks-dogmatisches Denken und
b.) einen postulierten, meiner Ansicht aber gar nicht existenten "westlichen Selbsthaß" aus der psychologischen Not heraus durch plumpe Affirmation ersetzt.

Dieses Ganze Denken ist in sich im wesentlichen durcb Abgrenzung gegen allerlei X bestimmt, denn die Welt wird auf 4 Thesen reduziert- der Staat ist doof, "Die Linke" auch, der Islam nicht nur doof, sondern verwerflich und "Die Wirtschaft" ist Reinheit und Güte. Ein eher metaphorisch-beschwörender Freiheitsbegriff wird dann darüber getüncht und in den USA verortet, und wie George W. Bush reproduziert man dann ein fröhliches Wir-Ihr, Gut-Böse-Spielchen.

Daß ein sich im wesentlichen der Negation verdankendens Denken, das zudem psychlogisch wohl die Aufarbeitung linker Vergangenheiten und somit die Bewältigung des eigenen Selbsthasses darstellt, irgendwann so richtig die Sau rausläßt, ist ja klar.

Diese ganzen autosuggerierten, kulturellen Überlegenheitsgefühle haben schließlich auch - u.a. - weltweit rezpierte Folterbilder hervorgebracht ... das Zitat oben belegt halt nur, was folgt, logisch, faktisch und gesellschaftlich, wenn man diese ganze strunznaive Propagandasauce zuende denkt ... bezeichnenderweise proklamiert Herr Juli ja Gewaltverzicht nur für fremdes Eigentum.

20.12.05

Jaaaaaa!

Jetzt darf ich ihn ja zum Glück doch schreiben, den Satz, daß mir Mainz als nächster Gegner im Pokal ja viel lieber ist als Kaiserslautern! Habe eben so laut "Jaaaaa!" geschrien, als der letzte Elfmeter von den Mainzern versenkt wurde, daß mein Hund nur verstört guckte und dachte, es wäre irgendwas passiert ...

Warum weiß man vorher, daß Babbatz den Elfmeter verschießen wird, gerade weil er extra wegen des Elfmeterschießens eingewechselt wurde? Warum weiß man vorher, daß Zandi es auch nicht packt, weil er halt vom VFB Lübeck kommt (auch wenn's vielleicht, wie's Wembley-Tor, doch drinnen war? Aber wer beim VFB Lübeck gespielt hat, hat's auch nicht besser verdient ...)? Warum weiß man, daß ein Altintop, weil er so gehypet wird, eher daneben schießen wird als manch anderer? Warum denkt man noch: Zidane (schreibt der sich auch so?), das ist 'ne coole Sau, der schafft's?

Mysterien der Fußball-Psychologie, diesmal: Elfmeterschießen.

Und immer wieder durchfuhr mich der Schreck: Ist das Spiel gegen die Hertha nicht doch schon heute? Was für eine Vorstellung - da hat man 'ne Karte, und könnte es verpassen! Drei mal noch nachgeguckt, wie, wenn man noch drei mal in die Wohnung zurückkommt um zu schauen, ob die Herdplatte wirklich aus ist ... Glückwunsch, Mainz! Euch gönne ich's!

Seufz!

Neuss + Richie.jpg

Da seh ich den Richie, also den Herrn von Weiszäcker, eben - siehe voheriger Eintrag - auf dieser "Perspektive Deutschland"-Seite den Schirm halten, da fällt sie mir wieder ein: Diese legendäre Talkshow aus dem Café Kranzler mit Richard von Weiszäcker und Wolfgang Neuss. War nämlich, ...

... anders als der verlinkte Text behauptet, keine ZDF-Talkshow, sondern SFB.

Da nannte der Kabarett-Gott den distinguierten Bundespräsidenten-Anwärter konsequent Richie und fuhr ihm immer wieder so schnodderig-zahnlos über's Maul, daß selbst dem "Richie" hinter seiner immer so beeindruckend würdevollen Mimik langsam, aber sicher ein Grinsen wuchs ... schön war's! Gibt es da eigentlich irgendwo eine Transkription?

War ja die Zeit der "Sponti-Sprüche" - und ich geb's ja zu, daß ich "Nieder mit der Schwerkraft - es lebe der Leichtsinn" oder "Lieber hochschwanger als niederträchtig" auch heute noch wirklich lustig finde ... der Neuss hat eine solche Pointe nach der anderen rausgehauen und wurde über Nacht zum Volksheld alll derer, die diese Sprüche liebten.

Damals hatte man ja selbst verwaltete Teestuben, in denen man - ja, ich geb's zu - Wolf Maahn und Joe Cocker hörend seine Schul-Freistunden verbrachte. Irgendwann ging dann immer mal einer 'ne Dröhnung, haha, statt des ALDI-Kaffees kaufen, und der Neuss war plötzlich wieder richtig Star und hing an lilafarbenen Wänden ... bin ja trotz alledem oder gerade deshalb immer wieder ganz froh, in den 80ern sozialisiert zu sein.

Mir graut schon vor den "Generation Golf"-äquivalenten Büchern über die 90er, wo dann statt Wolfgang Neuß Kristiane Backer oder Stefan Raab Thema sein werden (die nehmen sich ja nicht wirklich viel) und statt "Richie" Roman Herzog und sein Ruck die Noastalgiker-Zeilen füllen ... obwohl der da wahrscheinlich noch nicht mal erwähnt werden wird, der Rucki-Zucki-Roman. Gegen Oli P., GZSZ und VIVA - keine Chance.

Wenigstens gab's mit Guildo Horn und Wigald Boning noch zwei echte Erben von Leuten wie Wolfgang Neuss ... ist sowas nicht eigentlich viel wichtiger, will man über "Perspektive Deutschland" reden? Wie schaffen wir schon jetzt solche medialen Momente, die später dann in Retro-Shows recyclebar sind? Ist das nicht unsere einzig mögliche Perspektive?

Liebe Gemeinde, wie steuern wir Erinnerung?

Herr Schächter, übernehmen sie - wir wollen allen heute 12-17-jährigen doch möglichst bald die Chance geben, in 22 Jahren in ihren Weblogs vom legendären Aufeinandertreffen von Horst Köhler und MC Winkel bei "Wetten Daß?!" zu berichten ...

Mc Kinsey und die Volkswirtschaft

Bravo! Ein Applaus für:Nicola Holzapfel! Ganz ironiefrei! Toller Text !

Nicht, daß das Frau Holzapfel jetzt interessieren würde, ob ich nun applaudiere oder auch nicht, ich tu das auch nur rein selbstzweckhaft - ist aber wirklich schön, wie sie diese Selbst-Legitimation der Controlling-Kriterien-Totalisierer, der Ober-Propagandisten der Berater-Republik durch sich selbst erzeugende Umfrageergebnisse auseinandernimmt.

Immerhin verrät die Seite von Perspektive Deutschland auch den wahren Grund für die Zustände in "Die Wirtschaft" in Deutschland: "McKinsey & Company gehört zu den weltweit führenden Management-Beratungen. In Deutschland betreut McKinsey die Mehrzahl der 100 größten Unternehmen."

Na, wenn das nicht als Perspektive für Deutschland schon völlig ausreicht ...schon das Wort "Betreuung" ist in diesem Zusammenhang ziemlich lustig. "Betreutes Wirtschaften" statt "Betreutem Wohnen", das könnte ja in der Tat das Motto mancher Reformer sein ... . Also: Umfrage stoppen und das Geld lieber gleich und direkt an MC Kinsey überweisen! Damit die zum Segen des Volkes weiter wirken können ...

Der Terror der Gemeinschaft

Großartiger Text heute in der taz. Dirk Baecker rekonstruiert außerordentlich präzise Elemente einer "deutschen Leitkultur". Seine Conclusio - Zitat:

"Jeder Versuch seither, auf politisch korrekte Fremdenfreundlichkeit, auf soziologische Aufklärung über die Komplexität der Welt und auf ein ökologisches Misstrauen gegenüber der Reduktion auf ein technisches Problemlösungsverständnis umzustellen, stößt sich an einem politischen Kalkül, das das deutsche Selbstverständnis dort bedient, wo es sich nach wie vor am meisten zu Hause fühlt. Den romantischen Traum von einer Gemeinschaft, die sich die Welt als Ideal einrichtet, bedienen hierzulande sowohl die rechten wie die linken Ideologien. Selbst dort, wo wir auf Pragmatik umschalten, glauben wir, dass pragmatische Lösungen darin bestehen, eine bisher nicht gesehene, aber einfache Wahrheit auf den Punkt zu bringen."

Hat man ja auch nicht alle Tage, daß man einem Text in jeder Hinsicht zustimmen kann - bei dem hier ist's so. Freue mich trotzdem auf ein Gemeinschaftserlebnis morgen abend am Millerntor, wenn's gegen die eklige Hertha geht ... kann bestimmt nicht schlafen heute nacht ...

19.12.05

O Schreck! Noch mehr Kevins!

Der Merve-Verlag macht Ernst! Lauter klugheitslehrengestählte Denker, aber auch Halbgötter wie Deleuze und Schlitzer wie Rainald Goetz werden nunmehr zu SMSsen verhackstückt ... Zitat:

"Merve.mobile - das sind kleine und feine Texte, die auf jedem neueren java-fähigen Handy gelesen werden können. Mobile Theorie für den Unterwegsgebrauch zum Einheitspreis von 3 EUR"

Da verweise ich zum einen auf shesaiddestroy, da habe ich das nämlich her, und zum anderen hierauf und hierauf - nimm 'nen Bier auf und ertränke Dein Handy darin!

Nie mehr Ibiza ...

stalin.jpg

- Ein Nichtraucher -

Wenn's um die Gesundheit geht, dann ist aber ganz fix Schluß mit der Freiheit! Ja, rufet mir zu: Mörder, Mörder! Ihr werdet mir noch danken, im nächsten Leben wird nämlich alles besser!

In nicht allzu ferner Zukunft werde ich meine Wohnung wahrscheinlich gar nicht mehr verlassen dürfen, es sei denn, bis dahin ist meine Krankenkasse befugt, mich zum Zwangsjogging zu verdonnern. Und dann trabe ich genau so ferngesteuert und lust-entfremdet wie diese ganzen jämmerlichen Gestalten durch die Wallanlagen, die nach Hunden treten und in Büsche scheißen, ohne 'nen schwarzen Beutel dabei zu haben, und sehe irgendwann aus wie Joschka Fischer zwischenzeitlich ...

Was das alles mit Ibiza zu tun hat und warum in Deutschland noch Hoffnung besteht, kann man sehr lustig nachlesen beim Mehrzweckbeutel.

Die Bäume räkeln sich. Die Fenster staunen.

Da schiebt man sich, noch halb verschlafen, morgens mit dem Hund an Schulhöfen vorbei durch den Schneeregen. Da fröstelt man so vor sich hin und will einfach nur wieder hinein ins Warme der eigenen Wohnung ... da schießen einem diese Nietzsche-Zeilen durch den Kopf, "Wohl dem, der eine Heimat hat", jetzt mal Heimat als konkretes Zuhause verstanden. Da begibt man sich googlend auf die Suche nach diesem Gedicht - findet's nicht, aber stattdessen das hier. Schön! Auch 'ne Antwort auf den Schneeregen ... auf jeden Fall eine bessere als ausgerechnet Nietzsche ...

Glückwunsch, Wolfgang Schäuble!

Im Gegensatz hierzu erweist sich Wolfgang Schäuble nun doch als echter Pragmatiker jenseits stumpfer Hetze. Abgesehen davon, daß ich mich immer noch frage, wieso "Parallelgesellschaften" in Blankenese oder Berlin-Mitte weniger problematisch sein sollen als in Wilhelmsburg oder Neukölln, ist die enorme Sachlichkeit, Unaufgeregtheit und der positive Grundton im Interview mit der Stuttgarter Zeitung gegenüber Zuwanderung wirklich voll zustimmungsfähig. Zeige mich freudig überrascht. Klasse.

Nachtrag:
Wieso DIE ZEIT in ihrer Wiedergabe des gleichen Interviews nunmehr einen scheinbar autoritären Passus herauspickt und zur Headline macht, ist mir ein Rätsel. Daß sich der Glückwunsch an Schäuble nur und ausschließlich auf das Interview bezieht und nicht auf andere, nunmehr im ZEIT-Artikel erwähnte Positionen des Innenminsiters, ist ja hoffentlich klar ....

18.12.05

Sensationell: Ringfahndung in Höchstform!

Schön! Lustig! Lesen und Genießen! Da geht's einem ja gleich besser!

Ich plädiere ergänzend noch für eine "Pro-Anal"-Initiative! Da wäre ich dabei! (... natürlich nur mit Kondom ...)

Zudem ja auch ViB erstaunlich an VEB erinnert. Oder auch "Verweigerung irdischer Belustigung", "Verrückte im Börsenrausch", "Vollzeitkräfte imitieren Bildung", "Verbraucher irrer Bedürfnisse", "Verlautbarung intimen Blödsinns", "Vertrauen in Bullshit" und vieles andere mehr bedeuten könnte.

Zu NEON könnte man noch nachtragen: Naive Elite Ordert Nonsens, Neues Eigentum Orientierungslsoser Nihilisten, Nahkampf Erotisierter Ochsen Nachgestellt - oder auch einfach Nachwuchsjournalisten Erobern Oberflächliches Neuland. Wobei Neben Einem Ofen Nächtigen oder Nähe Ehrlichkeit Offenheit Naschsucht freilich nicht zu toppen sind ....

Die sind selber schuld, wenn man was gegen sie hat!

Freitag abend, Käse-Fondue ist aufgesetzt in der Büro-Küche. Klar, alle denken an "Asterix bei den Schweizern", wie die im See versenkten Brotverlierer so cool wieder herausspaziert kommen aus dem Wasser .... Weihnachtsfeier ist, man lacht. Und empört sich aus hier nicht zitierfähigem Anlaß über als die Hipster und Crediblen, bei denen die eigenen Vorstellungen von Coolness zu total gewordener Ignoranz all dessen führem, was zwischenmenschlich wichtig ist. Wechselseitiger Respekt, zum Beispiel. Die Style - und Pop-Faschisten halt. Motivlagen hierzu kann man ja in Pierre Bourdieus "Die feinen Unterschiede" nachlesen.

Und, kein Zufall:

Der Dialog führt zwangsläufig in die U-Bahn. Eine meiner Volontairinnen hat einen indischstämmigen Freund. Im Pop-Diskurs gälte das ja als cool. Sexy dunkle Haut, Bollywood, yeah! Ein Beleg nur für die Reproduktion von Exotismus-Stereotypen im Pop-Universum ... für die Entmenschlichung von Personen. Für diese Schein-Akzeptanz in bunten Bildern, die dazu führen sollen, daß alle sich total gut fühlen in ihrer postmodern-"toleranten" Utopie-Realisierung Deutschland. Das Böse wohnt ja nur und ausschließlich wahlweise in Washington oder in Teheran ...

Der Dialog führt in die U-Bahn, weil dort erfahrbar ist, was unter all den bunten Bildern brodelt ... da sitzt meine Volontairin samt indischstämmigen Freund im Vierersitz, angetrunkene Jungmänner rasseln lautstark vorbei. Verlassen die U-Bahn, die Tür schließt sich, die Bahn fährt an - und da kommt er, der Hitlergruß. Der Hitlergruß dem Inder. Zwei Abende hintereinander haben die beiden in der U-Bahn das gleiche Erlebnis ...

Klar, einer dieser "Du bist Deutschland"-Vertreter kam gerade vom HSV ... wahrscheinlich vom Spiel gegen Sparta Prag. Das ist jene Fanszene, die tschechische, wo man bei Übertragungen von Länderspielen im Hintergrund so laut die Affengeräusche hört, wenn ein schwarzer Spieler am Ball ist, daß noch der dümmlichste Moderator nicht umhin kommt, sich darüber zu empören ... das ist da, wo nun auch all die Segnungen des ganz alltäglichen Kapitalismus im Zuge der Liberalisierung der Welt die Menschen gut, reich und friedlich werden lassen. Wobei der Fairness halber zu betonen ist, daß es Rechtsextremismus dort auch schon gab, als der Ostblock noch Ostblock hieß ...

Die Tiefenstruktur des Hitlergrußes dem Inder analyisiert einmal mal mehr vortrefflich der Bielefelder Gewalt- und Konfliktforscher Heitmeyer. Gut zusammengefaßt findet sich das hier, wobei ich in diesem Fall nur der Zusammenfassung des Textes, nicht der Zielsetzung der Autoren beipflichte. Eine andere Zusammenfassung, ein wenig lakonisch und widerwillig geschrieben, versucht die Süddeutsche. Die braucht dann, wohl am angekratzten Selbstverständnis leidend, noch 'ne "positive" Conclusio ... alles andere hält ja auch kein Mensch aus. Bloß kein deutscher Selbsthaß!

Die Rolle der Medien, die Wolfgang Thierse im Süddeutsche Artikel im wesentlichen in der Denkfigur der "Skandalisierung" zu fassen sucht, ist eine freilich eine noch viel umfassendere bei der Beförderung von rechstextremen Einstellungen, als Thierse offensichtlich glaubt. Da ist die oben erwähnte "Verpoppung" zu erwähnen, die vor lauter Popularisierung gleichzeitig alles Wahre und Komplexe verdeckt und auf der Ebene des Populären selbst dann rhythmisch pfeiffend Stereotype reproduziert.

Da sind aber auch Leitartikler wie der hier, der, als Symptom begriffen wie viele andere auch Gründe für den Hitlergruß frei Haus liefert. Weil im Gegensatz zum U-Bahn-Proll Marietta Slomka ihn zur Vorbereitung ihrer Moderation lesen wird und dann gelegentlich - ist ja eigentlich 'ne Nette - dumme Fragen im Heute-Journal stellt ...

Nicht zu vergessen der Legitimationsdiskurs der Politik selbst. Das war ja schon zu Zeiten von Hoyerswerda und Lichtenhagen so: Man braucht nur medienwirksam ein paar Ausländern abzufackeln, schon wird der Asylrechtsparagraph verändert und rechtfertigt so im Nachhinein das Geschehen.

Diesmal will die Politik aber lieber schon mal prophylaktisch Verantwortung übernehmen für Hetze gegen Ausländer, Schwule und andere. Sie will nicht nur mittels einer verfehlten und ideologisierten Wirtschafts- und Sozialpolitik die Ursachen hierfür schaffen, sondern bereits im Vorfeld neuer Lichtenhagens verbal ein wenig zündeln.

Da ist Herr Schäuble wieder mal an vorderster Freund dabei und will sogenannte "Gefährder" auf reinen Verdacht hin einsperren. Natürlich nur Ausländer. Wenn er damit nicht durchkommt, wird dem Mob schon was einfallen, wie man die "Gefährder" trotzdem unschädlich macht ...

Und Herr Lammert, immerhin Bundestagspräsident, sieht das noch ganzheitlicher und will jene, die sich nicht den "Wurzeln" des christlichen Abendlandes beugen, am liebsten gleich ganz aus Europa rausschmeißen - oder vielleicht ja auch nur umerziehen, auch das hat ja Tradition in Deutschland Ost wie West. Aber wir wissen ja, wie phobisch all diese Muslime allein schon auf das Wort "Deutschkurs" reagieren - wie ein Vampir auf Knoblauch reagiert halt.

Daß andere sich dann gerechtfertigt sehen, jenen, die nicht nach christlichen Abendland aussehen, den Hitlergruß zu zeigen, nimmt Herr Lammert entweder billigend in Kauf, oder er hatte einfach nicht die Zeit, mal gründlich drüber nachzudenken ... sollen ja viel zu tun haben, die Biedermänner in Berlin.

Da sitzt man beim Käse-Fondue und kann sich mit so gar nichts trösten. Streitet sich stattdessen mit den Wahnvorstellungen von Moderatorinnen herum, denen die eigene Credibility wichtiger ist als der respektvolle Umgang mit anderen Menschen. Und weiß eines mit Sicherheit: All die Underground und Pop-Philosophen und Wichtigtuer, diese Propheten ästhetischer Überlegenheit, die sind's mit Sicherheit nicht, die da 'nen Ausweg weisen ... einige von denen wählen ja in letzter Zeit bekanntlich sogar FDP. Pop-Rechte nennt Mercedes die ja ganz zu Recht ... und ihn oder Diedrichsen meine ich ausdrücklich nicht.

Nachtrag 19.12.: Hier noch ein Text von Wilhelm Heitmeyer selbst. Hier ein Zitat daraus, der alles, was mir an der AOL-Arena stinkt, noch mal auf den Punkt bringt und meine Lieblingsthese von der - tatsächlich nur als Metapher zu verstehenden, nicht als Ananlysebegriff - "repressiven Mitte" bestätigt:

"Die »Mitte« ist in vielerlei Hinsicht ähnlich feindselig geworden wie Personen, die ihre Position rechts verordnen. Man kann sagen: Die Mitte wird »normal feindselig«."

16.12.05

Sie haben gesiegt, und keiner applaudiert ...

Als St. Pauli-Fan lernt man ja vor allem eines: Verlieren. Gut, aktuell gerade mal nicht, aber die Jahre zuvor schon. Wenn meine Neffen mich fragen, warum ich denn einen Verein so liebe, der ständig nur verliert, habe ich immer geantwortet: "Leben heißt verlieren lernen!" Na ja, pädagogisch nicht so doll, aber wahr ...

Als ganz schrecklich einsamer Gewinner präsentiert sich heute Michael Holmes. Und das, obgleich er doch von guten Freunden, jenen der offenen Gesellschaft, umringt sich zeigt auf deren Homepage ...

Zu den Freunden offener Gesellschaft zähle ich mich ja auch, und ethisch-liberale Grundsätze sind auch für mich leitend. Was Herr Holmes da aber ansonsten so alles behauptet, gehört wohl eher ins Reich des Mythos ...

... als jenem der Aufklärung. Am lustigsten finde ich immer dieses Selbstverständnis, Liberale vom Schlage eines Micheal Holmes seien "Realisten". Für mich sind sie nicht minder Träumer und Phantasten als linke Utopisten, wobei letzere wenigstens noch die richtige Fragen stellen. Diese Fragen sind meiner Ansicht nach 1.) Wie ist unter Bedingungen der Freiheit Solidarität (auch global) möglich und 2.) wie muß eine Gesellschaft beschaffen sein, in der wirklich Chancengleichheit möglich ist und 3.) wie schaffen wir es, daß Marktgesetze nicht alle, wirklich alle Lebensbereiche infiltrieren?

Der ganze Text von Michael Holmes dreht sich im wesentlichen sich darum, warum keiner sein Denken so richtig lieb hat. Er führt an, was Watzlawick "Utopie-Syndrom" nannte - also die Latte so hoch zu legen, daß man niemals drüber springen wird. Diesseitige Heilserwartungen. Ist sowas wie die Suche nach idealen Partner - und dann hat das, was mit im Bett liegt, eben auch nur Blähungen. Dagegen kann man wenig sagen, soweit stimmt's wohl.

Dann führt er noch "westlichen Selbsthaß" an, der darin begründet sei, daß eben im Kerne, Wesen, Zentrum, wo auch immer "des Westens" (ja, in Anführungszeichen!) und nur dort Selbstkritik möglich sei, und diese wie Sozialleistungen sozusagen "mißbraucht" würde. Na, und dann zählt er noch das Kontraitutive liberaler Prinzipien auf, eher auf Kristiane-Allert Wybranietz-Niveau.

Abschließend möchte Holmes dann noch Armut weltweit bekämpfen und die Welt befreien, was ja sehr sympathisch ist. Voll zustimmungsfähig.

Zusammenfassend ist seine These: Im Westen ist alles gut, und wenn alles wie der Westen wird, ist auch wirklich alles gut. Also haben wir nur therapeutisch auf all diese Looser einzuwirken, die die Welt anders beschreiben würden - die haben halt das falsche Bewußtsein ...

Das ist ja das eigentlich Verblüffende: Wie Topoi klassisch linker Theorie in einem bunten Wechselspiel der Vorzeichen auf liberaler Seite immer wieder auftauchen. Da ist DIE GESCHICHTE, die nur einen Sieger kennt. Da ist die Ideologiekritik, die Behauptung der Alternativlosigkeit und auch naturalistische Fehlschlüsse auf allen Ebenen: Das Sein ist gut, so sollen wir ihm folgen ... Marx hätten wohl eher von der Geschichtsnotwendigkeit des Werdens gesprochen, die dann das normativ Richtige wie von selbst hervorbrächte, man korrigiere mich, wenn ich ihn da mißdeute. Aber auch genau das ist Leitmotiv von Michael Holmes. Und statt des falschen Ganzen, in dem kein richtiges Leben möglich sei, wird nun mal eben das Ganze zumndest des Westens für richtig erklärt, also: Weitermachen ... auch eine Psychologie konvertierter Ex-Linker und ihr Haß auf vergangenes, eigenes Dasein wäre wohl auf der Tagesordnung ganz oben anzusiedeln.

Naive Phantasterei ist das Ganze, weil die Beschreibung wirtschaftlicher und auch gesellschaftlicher Prozesse einfach falsch ist. Es stimmt ja rein gar nix von dieser liberalen Prinzipienverwirklichungstheorie. Reiner Irrglaube. Vielleicht wurde ja der Moment der Verwirklichung versäumt, keine Ahnung ...

Strukturell erscheint's mir immer so, als würde dieser fatale Kurzschluß zwischen liberaler Ethik und liberaler Wirtschafts- und Gesellschaftstheorie als großer, blinder Fleck jede realistische Weltsicht verdecken. Keine Ahnung, wann der entstanden ist, vielleicht schon bei Hobbes oder Hume - bei Westerwelle und Holmes jedoch macht er wie jede falsche Weltbeschreibung einfach nur wütend.

Es gibt weder freies Konkurrieren noch Chancengleichheit in den wirtschaftlichen Realitäten des Westens. Die sind ungefähr im selben Sinne realisiert wie der Sozialismus in der DDR. Die liberalen Gesellschafts-Theorien sind allesamt falsch, weil sie sich Gesellschaft als ein Zusammenspiel von freien Individuen vorstellen. Gesellschaft funktioniert aber nicht so. Institutionen funktionieren so nicht.

Individuelle Meinungsfreiheit mag ja im Sinne des Speakers Corner im Hyde Park verwirklicht sein, aber wahrscheinlich auch nur dort. Ansonsten funktionieren auch Medien anders, aber mit Sicherheit nicht dem Prinzip der Meinungsfreiheit folgend. Auch, weil unterschiedliche Medien in sich wieder völlig unterschiedlich funktionieren.

Parteien, Wirtschaftsverbände, mittelständische Unternehmen, Großkonzerne als Familienbetrieb geführt (Bauer-Verlag, z.B.) oder für Investoren offene Aktiengesellschaften, all das funktioniert in sich jeweils völlig unterschiedlich, aber bestimmt nicht dem Prinzip des freien Konkurrierens von Individuen folgend. Ganz zu schweigen von der katholischen Kirche - so ein Monstrum hat ja meines Wiessens keine andere Weltreligion hervorgebracht. Eine Stadtverwaltung folgt einer anderen Logik als ein Fußballverein, und der FC St. Pauli einer anderen als Bayern München. Und in diesem Fall noch von freier Konkurrenz zu sprechen ist schlicht lächerlich ...

Ich finde auch, daß die BRD das in Relation bessere System war als die DDR, daß die USA um Längen, ja unvergleichlich besser sind als der Iran, und China finde ich ganz besonders scheußlich. Es kann sogar sein, daß das aktuelle System so, wie es ist, irgendwann alle Armut beseitigt haben wird und alle total free sind. Vielleicht ist sogar alles gut so. Das ändert aber nix daran, daß es von Liberalen schlicht falsch beschrieben wird ... die haben diese fatale Tendenz, ihre über weite Strecken richtige Ethik und Moral in die Welt hineinzuprojizieren.

Der Grund, warum der naive, unterkomplexe, gesellschaftstheoretische Liberalismus sich nur so geringer Beliebtheit erfreut, ist doch, daß jeder ganz genau weiß, daß seine Beschreibung von Welt wahlweise falsch oder in manchen Fällen auch schlicht verlogen ist. Ich glaube weder Herrn Hundt noch George W. Bush, diesem homophoben Demagogen, daß für sie die Freiheit aller einen Wert darstellt. Die vertreten Interessengruppen. Was mich aber noch lange nicht zur Conclusio treibt, einen Irak ohne Sadam Hussein schlechter zu finden als einen mit.

Ein weiterer Grund freilich, der Angriffe auf liberale Prinzipien motiviert, ist diese so seltsame Lust, sich kulturelle Identität in Abgrenzung zu anderen verschaffen zu wollen. All die Nazis, die Katholiken, die US-Protestanten, die ach so sauberen Familienväter in ihrer Selbstgerechtigkeit - all diese Kämpfer für die repressive Mitte werden ja agressiv, wenn man sie mit ethisch-liberalen Prinzipien konfrontiert ...

Und das nehme ich Leuten wie Micheal Holmes und Michael Miersch richtig übel: Daß sie die ethisch-liberalen Prinzipien selbst zu eben diesem Zwecke - sei's nun in Abgrenzung gegen Linke, gegen Muslime, gegen was-weiß-ich - selbst kulturell deuten. Das ist a.) ein Widerspruch in sich und b.) sowas wie eine kommunitaristische Wende im Liberalismus selbst, wohl von Rorty und Walzer und ähnlichen vorbereitet, und nun dockt sich da sogar noch Herr Lammert an ... das ist für mich reiner Liberalismus-Mißbrauch.

Ich plädiere da lieber für zweierlei: 1.) In Auseinandersetzung mit Kant, Habermas, Honneth, Seel, Tugenhat und anderen eine liberale Postion zu erarbeiten, die die Prämissen des genetischen Intersubjektivismus ernst nimmt und so auch ein Konzept der Solidarität zu formulieren vermag und b.) gesellschaftstheoretisch doch lieber beim "esoterischen" Marx (nicht dem politisch- geschichtsphilosphischen!, die Differenz zwischen beiden steht schön beschrieben in diesem Buch "Marx lesen!", liefer ich nach, die Quelle), bei Luhmann, Foucault und anderen anzuknüpfen, um diagnostisch dann mal wirklich realistisch zu schauen, wie eben diese Prinzipien zu verwirklichen sind und eine vernünftige Perspektive auf die eigene Gesellschaft wie auch andere Gesellschaften zu entwickeln, die dann mal wirklich sinnvoll begründen kann, wieso in der Tat in Relation zu anderen Systemen das westliche aktuell das bessere ist, ohne nunmehr jegliche Kritik zu unterbinden und alles Böse nach außen zu projizieren. Und da ist dann die ältere Kritische Theorie insbesondere in Sachen Kulturkritik hilfreich ...

Ich habe fertig.

15.12.05

Die Schuld an Pro Sieben-Ranking-Shows

Um dies eine Mal mich mal selbst zu zitieren: "ergänzend ist eigentlich nur noch zu erwähnen, daß Pop zum Teil tatsächlich zur Legitimationsideologie für allerlei Schauerliches geworden ist, zumeist durch das Mittel der Entwertung: Bei Big Brother denkt halt kein Schwein mehr an George Orwell."

Heute morgen geschrieben, um prompt bestätigt sich dies ein weiteres Mal - nachzulesen hier.

Was soll das? Pop ist, wenn man über Milchschnitten schreibt, soweit ist klar. Des weiteren folgt der Text der Maxime: Acessoires, Persönlichkeiten und Produkte mit vielen Worten möglichst sinnlos umschmeicheln und "tabufrei" durcheinander würfeln, lustig!. Und "probiotisch" kommt ja immer an, wie jeder andere, noch so blöde Öko-Witz eben auch - die Technik war ja ganz, ganz kurz mal originell, all das zu Zeiten des zum Glück auch schnell wieder verwehten Sommers der deutschen Popliteratur. Britische Popliteratur war immer schon anders ...

Mittlerweile hat sogar RTL nach 5 Jahren Aufzählen noch der letzten Tropfkerze, der letzten Eis-Sorte - Dolomiti! Ach ja! Seufz! - und der letzten Vorabendserie, die dann angeblich auch gleich eine ganze Generationserfahrung darstellen soll, gemerkt, daß dieses blödsinnige Listen-Denken noch den letzten Vollproll inzwischen anödet. Das ist bedauerlicherweise trotzdem ...

... kein Stück irrelevant, dieses Geschreibsel. Weil's nur ein weiteres Symptom dafür ist, daß diese Gesellschaft sich noch in den bis dato ganz sympathischen Randbezirken des Denkens im rumwitzelnden, ironiegetränkten und dabei auch noch überheblichen Nichtssagen so ungeheuer wohl fühlt. Und, da stimme ich sogar ausnahmsweise meinen scheinliberalen Lieblingsfeinden zu: Es sei denn, es geht um Kritik des Neoliberalismus oder Ami-Bashing.

Was am verlinkten Text so unerträglich ist, ist, wie da mit wirklich weiterhin diskussionswürdigen zeitgeschichtlichen Figuren und Daten umgesprungen wird. In der Tat würde es ja Sinn machen, mal wieder ganz ernsthaft über das Für und Wieder von Rosa Luxemburg auch außerhalb kommunistischer Foren zu diskutieren. Selbst dann, wenn das Ergebnis wäre, sie ein für allemal zu beerdigen, was ich bezweifel, was aber ja sein kann und immerhin mal 'ne AUSSAGE wäre. Nee, Aussagen überlassen wir lieber den anderen ...

Stattdessen: Ironiegetränktes Nix. Selbst wenn bei ix da zwischen den Zeilen noch sowas wie Trauer und Sehnsucht durchschimmert und das eine oder andere zeitgeschichtliche Faktum offensichtlich recherchiert wurde und wohl Angriffsziel des Schreibens gerade die Übernahme des hehren Revolutionsbegriffs in die Werbung ist, wenn ich's recht verstehe: Diese ganze Technik des Schreibens, dieses Patchworkartige, ist doch schlicht überholt. Und trotzdem noch omnipräsent. Und wer dann auch so schreibt, trägt Mitschuld an Pro Sieben Ranking-Shows über die nervigsten Hits und legitimiert Ingolf Lück. Das wiegt schwer ...

Deshalb sei dies gar nicht primär als Kritik am konkreten Text, sondern als symptomatische Lektüre verstanden. Seit Wochen geht es mir so, daß ich z.B. beim Einschalten von Harald Schmidt, den ich wirklich mal lustig fand, nur noch quer über das Sofa kotzen könnte - ich kann diese verkrampfte, sich selbst überhöhende All-Ironie einfach nicht mehr ertragen...

Die Protokolle der Weisen von Zion, reanimiert

Die taz steigt heute hinab in die Tiefenstruktur des Phänomes neuer Antisemtismus, Danke!

PS: Das auch als Reaktion auf Bembelkandidats Kritik, in der Blogosphäre würde Kritik in Richtung USA so viel lieber vollführt und breiter thematisert als z.B. diese unsägliche Holocaust-Leugnung des iranischen Präsidenten. Das findet sich auch täglich mehrfach als durchaus berechtigter Vorwurf in allerlei liberalen und scheinliberalen Blogs. Aber:

Sind Blogs denn dazu da, alltäglich berechtigte Empörung als solche zu manifestieren? Das wird dann schnell wie Meinungs-Sticker, die an Jacken man trägt und die ja gut sind, aber ist das Sinn von Blogs?

Ich habe ein Problem mit diesen ganzen Social Blog, Pro-US-Blog, Keine falsche Toleranz! etc. Stickern und Bannern oder wie auch immer das heißt. Die gehören für mich doch eher in andere Kontexte - "St. Pauli Fans gegen Rechts"-Aufkleber und Sticker sind ja deshalb so wichtig, weil sie ein Zeichen in einem Kontext setzten und setzen, in dem allerlei Varianten von Rassismus und Rechtsextremismus eben ominpräsent waren und sind. Aber in Blogs findet sich nun wirklich keine dominante Strömung, ist mir zumindest noch nicht aufgefallen, und braucht man dieses "ich gehöre jetzt hier oder dort hin" denn dann?

Ich fühle auch mit Susanne Osthoff und apelliere innerlich täglich an deren Entführer, aber dieses ist doch - wie auch der Fall des schlicht inkazeptablen und potenziell gemeingefährlichen iranischen Präsidenten - in sämtlichen, auch Mainstream-Medien, Konsens.

Da tut man dann mit Solidaritästbekundungen sich selbst was gutes, klar, aber tut man doch irgendetwas darüber hinaus? Vielleicht ist das auch so eine Art virtueller Demonstration, und ich verstehe alles falsch ...

So pointiert, fundiert und souverän wie ein Henryk M. Broder das kann und darf, die Verlegung Israels nach Schleswig-Holstein zu fordern, der wohl beste Text zu diesem Thema, das sollte ich mir mal erlauben ... ich bekäme dafür zu Recht auf die Nase, und er aus guten Gründen nicht, wobei ich ein jüdisches Schleswig Holstein super fände und in der Tat auch ein jüdisches Hamburg historisch gerechtfertigt wäre ... aber jetzt einfach nur zu betonen: Auch ich finde den iranischen Präsidenten schlimm, und das jetzt als Blog-Eintrag, ohne Zusatz, einfach so, ist das relevant? Schlimm ist ja der ja zweifelsohne ...

Dazu paßt auch die Diskussion über's Metabloggen, die sich ja auch beim Bembelkandidaten findet. Ich finde sinnvoll die ursprüngliche Weblog-Idee des Surfprotokolls - also schlicht die paar Lesern, die man hat, gezielt auf interessante Quellen zu verweisen und diese dann möglichst auch mit 'nem eigenen Kommentar zu versehen. Ich finde ebenso Blogs auch ganz klassisch als Gegenöffentlichkeit und Zusatzkommentar und Ergänzung zu anderen Medien spannend und sinnvoll. Auch und gerade dann, wenn vereinzelt Themen durch Blogs auch ihren Weg in klassische Medien hineinfinden. Aber einfach so ohne Zusatz jetzt "Ich solidarisiere mich mit X", um der Welt zu zeigen, was ich so für einer bin ... mmmh ... aber wie gesagt: Vielleicht habe ich's auch nur falsch verstanden ...

Big Brother, Panoptimsus, egal: Die Lammerts werden siegen!

Wohlan: Die EU macht mal wieder Ernst, was ihr eigenes Werte-Fundament betrifft.

Einmal mehr erfährt eine meiner Lieblingsthesen Bestätigung, daß das - wahrscheinlich zu allem Überfluß auch noch unbewußte - Fernziel der Neoliberal-Konservativen eigentlich China ist: Freier Markt + Totalitarismus. Was da nunmehr beschlossen wurde, ist ein weiterer, kleiner Pflasterstein auf dem langen Marsch dorthin ...

Wege zur Einheitspartei der repressiven Mitte werden ja auch hierzulande gerade eindrucksvoll beschritten, und Norbert Lammert, liefert das passende Zitat zum Thema: "Es kann nur nicht in ein und derselben Gesellschaft mehrere, schon gar sich wechselseitig ausschließende Orientierungen geben." Wozu noch Meinungsfreiheit? Die nützt doch nur und ausschließlich den Terroristen ... geht lieber beten!

Zur Durchsetzung dessen ist nunmehr ja ein großer Schritt getan ... ergänzend ist eigentlich nur noch zu erwähnen, daß Pop zum Teil tatsächlich zur Legitimationsideologie für allerlei Schauerliches geworden ist, zumeist durch das Mittel der Entwertung: Bei Big Brother denkt halt kein Schwein mehr an George Orwell.

Katharina, die blinde Staatsanwältin

Hoffmann.jpg

Ja, er war wieder großartig. Eine Reise in die Gegenwelt - Sänger wie Klaus Hoffmann sind ja viel gegenweltlicher als alle Underground-Philosophien-, - Bands und - Theoretiker zusammen.

Seltsam war nur das Rauchen vor der Halle. Vollmondbeschienen und klirrend kalt war's. Berührt eh befremdlich, ....

... wenn man, die Musikhalle im Rücken, links auf das Gebäude der Staatswanwaltschaft schaut und rechts, über die im Dunkeln liegenden Wallanlagen hinweg geblickt, die fast weihnachtlich blinkenden Lichter hinter den vergitterten Fenstern des Untersuchungsgefängnisses sieht. Dort saßen immerhin schon so illustre Gestalten wie Stadtplan-Erben namens Falk ein, ebenso auch das so gar nicht illustre Umfeld der Attentäter vom 11. September ...

Dann schwingen noch diese Sätze aus dem ersten Teil des Konzertes im eigenen Hirn hin und her, die einst sozialisierend wirkten, Verse wie: "Wer gegen Totschlag auf die Straße geht und abends seine Frauen schlägt: Da sag ich Nein!", oder auch "Langsam suchen unsere Füße Halt, auf Kopfstein suchst Du und siehst bald, Deine Hündin an der Kneipe stehen und merkst: Du hast nicht mal ein gutes Wort für sie. (...) Was Dir und mir noch bleibt, was schon zu unserem Glück gehört, was in uns Tag für Tag verweilt, das ist bestimmt nur Angst, die uns nach vorne treibt!" (aus dem Gedächtnis zitiert) - und dann blickt man auf das Gebäude der Staatsanwaltschaft, ein Kasten aus den 50ern oder 60ern, ein wenig Köln-Style halt. Ein Schachbrettmuster aus Ziegeln und Fenstern, mit senkrechten Betonstreben dazwischen. Und er halt nach, der Satz, es sei nur Angst die uns nach vorne treibt ...

Und dann: Ha! Ein Fenster noch ist hell erleuchtetet. Ein einziges ... ganz oben, unterm Dach. Da beginnt Grübeln: Welcher einsame Staatsanwalt, welche einsame Staatsanwältin ist dort wohl noch dabei, gegen Gangster zu ermitteln? Oder geht's jetzt schon um anderes? Wo Folter gerade so trendy ist - bereitet da vielleicht jemand einen Kurs für Staatsanwälte vor, wie man gekonnt und glaubwürdig mit Folter droht, ohne wirklich bereit zu sein, sie anzuwenden? Mit anderen Worten: "Folter muß ganz klar und eindeutig verboten sein, aber man sollte gleichzeitig nach außen den Anschein bewahren, daß man in Extremsituationen bereit sein könnte, Folter anzuwenden — ohne daß man dies dann tatsächlich tun würde."

Vielleicht sitzt da wirklich so ein armes, hochverschuldetes Staatsanwalt-Geschöpf, daß mehrfach grauenhaft versagte bei der Gangsterjagd und nun die Drecksarbeit erledigen muß. Das am liebsten den Kreditsachbearbeiter foltern würde, um das Einfamilienhaus in Othmarschen doch noch zu retten, obwohl das angesichts der Unterhaltszahlungen doch eine kaum zu überwindende Hürde ist ... das dann immer die Zivilrechtsanwälte in teuren, italiensichen Wagen über den Sievekingplatz brettern sieht ... und dieses arme Schwein hockt jetzt da, im sonst komplett leeren Gebäude, und bekommt die Gedanken-Fäden in Sachen Folter nicht verbunden. Vielleicht zuerst Statler verhaften und dessen Blog sperren? Wie kann der das nur ausplaudern? Dann funktioniert's doch gar nicht mehr!

Vielleicht, ganz vielleicht, ist ja alles nur meine Fantasie, hat die arme, hochverschuldete Sau da oben im Gebäude der Staatsanwaltschaft genau dessen Sätze als Briefing erhalten ... und surft dann durch's Netz, und sieht: Irgendwelche Leute, benannt nach Figuren aus der Muppets-Show, machen diese Briefings einfach öffentlich ... und überhaupt: Wie soll man als Staatsanwalt plausibel machen, daß man mit etwas droht, was absolut verboten ist? Das geht doch nicht in den Kopf rein. In diesem tauchen sie mittlerweile ganz ungewollt und doch ganz passend auf, die Gedanken an diese unterirdischen Gänge, die's geben soll, jene zwischen den Gerichtsgebäuden und dem alten Gewerkschaftshaus, das sie so symbolträchtig gerade entkernen ... jene Gänge aus den 30er Jahren, in denen mit Folter nicht nur gedroht wurde ...

Dann schlurft sie vielleicht durch die leeren Gänge des Gebäudes, die Staatsanwältin, weil einem dann ja manchmal wie ganz von selbst 'ne Lösung kommt, eine Lösung für diesen Vortrag über Folter und Staatsanwaltschaften ... und sieht im dritten Stock die Lichterkette aus von innen beleuchteten Weihnachtsmännern an einem Fenster hängen ... hmm. Damit ließe sich schon was anfangen in Sachen Folter ...

Und plötzlich geht in meinem Betrachterhirn wirklich alles durcheinander. Da schießen mir diese Zeilen aus "Blinde Katharina" durch die Magengrube, "wenn sie liebt, dann ist nur Liebe, und wenn sie haßt, dann ist nur Haß". Dann stelle ich mir ganz widerwillig die blinde Staatsanwältin Katharina leibhaftig vor, und wie sie sich wohl in Verhören verhält, wenn sie haßt - oder aber liebt.

Wie sie dann auf einer Pritsche im Untersuchungsgefängnis sitzt, irgendeineinen Schwerverbrecher an sich gepreßt, und den hübschen Ausblick auf den Park, auf die Wallanlagen, den kann sie noch nicht mal genießen ... und sie liebt ihn doch so, und sie muß doch lebenslänglich beantragen, ihn als widerwärtiges Subjekt allein schon für die Presse in den schaurigsten Farben schildern beim Schlußplädoyer ... und er, irgendein ein süßer Türke oder so, andere kommen ja nur ausnahmsweise in U-Haft, einer mit hübschem, gut trainiertem Körper, der sich so gut anfühlt, einer mit hinreißend langen Wimpern, die sie ja nur spüren kann, und sie liebt es so, diese zu spüren, und er klammert sich an sie, er hat solche Angst, er ruft aus "Katharina, mach mir Mut und halte mich, gibt's morgen auch kein Wiedersehen, ich bin doch der Blinde, darum halt mich, Du kannst im Dunkeln sehen ...", aber sie hat ja ihren Job, was soll sie nur tun ...

Dann steht sie bestimmt am nächsten Morgen auf, tastet nach der Kaffeedose, verzweifelt raunt sie vor sich hin: "Jeden Morgen das gleiche Ritual, jeden Morgen mein Gesicht in gleicher Qual, jeden Morgen dieses Fügen vor dem Spiegel und im Bus, jeden Morgen die Fragen ob ich will und ob ich muß, jeden Tag im Mantel gleiche Haltung, jeden Tag meine Meinung aus der Zeitung ... " ... sie hält's kaum noch aus, diese Folter-Geschichte, die Vorbereitung des Vortrags, der junge Türke in seiner Zelle und sie liebt ihn doch so, ist nur Liebe ...

Dann war die Raucher-Pause vorbei, und ich wollte wieder rein. Ohne zu wissen, wer da wirklich in diesem hell erleuchteten Büro saß. Vielleicht ja nur ein Wachmann ...

Dann sang wieder Klaus Hoffmann. Von der Mittelmäßigkeit: "Die Mittelmäßigkeit verhindert jeden Streit. (...) Will ich in der Mitte stehen, keine Fragen stellen? Will ich denn im Rahmen bleiben, jeden Streit vermeiden?"

Habe mich so gefreut, daß er dieses Lied gesungen hat. Ist ja auch nicht mehr ganz neu. Wider die neue Mitte, wider den Durchschnitt, sag ich da nur. "Danke für 30 Jahre", hat er dann noch gesagt. Bei mir sind's ungefähr 23 Jahre, die ich mit Klaus Hoffmann verbracht habe. Aber dafür auch Danke ... aus vollstem, tiefsten, ganzem Herzen: Danke!!!

14.12.05

Volkswirtschaft mal anders

Urlaub ist was Schönes. Und volkswirtschaftlich sinnvoll: Gleich am ersten Tag kommt man mal wieder ordentlich zum Lesen, und um so mehr Blog-Einträge springen dabei raus. Die ja beruflich wichtig sind: Wie im Falle des Präreflexiven bei Husserl bildet sich hier eine eher spontane, ungehobelte, nicht in jedem Fall zuende gedachte Denkmasse, ...

... die irgendwann, gut erholt, in schönen Doku- und Magazin-Projekten ausgewertet, ausgewogen, durchrecherchiert und dann auch differenziert und sachlich und trotzdem unterhaltsam über den Bildschrim flimmern wird. Es lebe also gleichermaßen der Genre-Gegensatz zwischen Blog und anderen, dann auch wirklich journalistischen Formen als auch die produktivitätssteigernde Wirkung einer Regelung wie Urlaub.

Einen umfassenden Denkrahmen für die Diskussion rund um die Globalisierung formuliert jetzt auch der Präsident des Bundesverfassungsgerichtes, Hans-Jürgen Papier. Spiegel.de gibt heute wirklich was her, weiß gar nicht, wieso da alle immer so lästern. Es ist gut, daß Persönlichkeiten wie Herr Papier andere Perspektiven eröffnen als diesen Irrglauben zu stützen, betriebswirtschaftliche Bedingungen und Erfordernisse seien ins Allgemeine zu projizieren. Anstatt, sachlich korrekt, die Rückkopplungen zwischen diesen BWL-Kriterien und dem volkswirtschaftlichen Rahmen zu berücksichtigen. Dieser ganze Quatsch von Firmen als freien, international konkurrienden und Verträge schließenden Super-Subjekten ist deskriptiv falsch. Nix als schöner Schein. Insofern ist es auch naiv, zu glauben, liberale Prinzipien seien in politischen, moralischen, juristischen, kulturellen und ökonomischen Zusammenhängen jeweils die gleichen. Das ist ein Kurzschluß zwischen je unterschiedlich funktionierenden, gesellschaftlichen Bereichen. Herr Papier stellt das, wie ich finde, genau richtig, klar. Ihm gebührt Dank dafür.

Das Sakrale als sozialer Kitt

Cem Özdemir bespricht heute auf spiegel.de das Buch "Versiegelte Zeit" von Dan Diner. Ohne dieses gelesen zu haben, fällt bei der Lektüre der Rezension auf, wie stark im "westlichen" Denken auch weiterhin ein hegelianisch-teleologisches Konzept der Geschichte vorherrscht. Interessant und lesenswert ist das Ganze trotzdem, zusätzlich noch, wenn man es ...

... auf die bereits gestern kommentierten Aussagen des Norbert Lammert bezieht. Ich zitiere Passagen aus der Rezension:

"In den Lebenswelten muslimischer Gesellschaften, so Diner, gelte nahezu durchgehend das Primat des Sakralen, ob im Alltag, in der Politik, Wirtschaft und im Recht. Die Allgegenwart des Sakralen behindere nicht nur die Ausdifferenzierung von privatem und öffentlichem Raum, sondern auch die Trennung von politischem, rechtlichem und wirtschaftlichem System mit je eigenen Funktionsweisen. Diner folgert daraus, dass diese Präsenz des Sakralen das größte Hindernis für eine gelungene Aufklärung in der sogenannten muslimischen Welt sei."

Und:

" (...) staatsfähige Nationalkulturen haben sich kaum entwickelt. Stattdessen instrumentalisierte man die Religion zu einem ideologischen Kitt für den Zusammenhalt der Gesellschaften innerhalb der Territorialstaaten. Auch so verkam der Islam mehr und mehr zur Ideologie."

Ich würde dem Bundestagspräsidenten niemals unterstellen, er wolle sowas wie einen christlichen Mullah-Staat gesamteuropäisch installieren, natürlich liegen unzählige Welten zwischen moderaten Christdemokraten und islamistischen Haßpredigern. Auch halte ich diese "Nation-Building"-Thesen von den "staatsfähigen Nationalkulturen" für außerordentlich diskussionswürdig.

Nichtsdestotrotz sind die strukturellen Analogien mehr als offenkundig: Auch Herr Lammert will ja die Differenz zwischen Recht und Kultur wieder einebnen und "christliche Fundamente" zur Sozialintegration nutzbar machen. Laut Dan Diner ist dies Ideologie.

Lammerts Thesen besagen im wesentlichen, daß Aufklärung allein nicht ausreiche, um Sozialintegration erfolgreich zu betreiben. Hierzu finden sich also nicht nur im 19. Jahrhundert allerlei Analogien. Damals hieß das übrigens Gegenaufklärung ... Özdemir fordert stattdessen eine islamische Reformation und Aufklärung. Über derartige Bestrebungen wüßte ich gerne mehr, darüber schreibt nur aktuell kein Schwein - dabei müßte es die doch massenhaft und allerorten geben ...

13.12.05

Traditionalismus, Dezisionismus, Kulturrelativismus: Norbert Lammert sein Weltbild

Leitkultur.jpg

(So wie da oben könnte Deutsche Leitkultur aussehen - ich bin mir jedoch sicher, daß Norbert Lammert diese Form dann doch nicht will)

Norbert Lammert will, daß ich so leben soll wie er.

Heute, in DIE WELT, da hat er nachgelegt und fordert nun eine Leitkultur nicht nur für Deutschland, nein, für ganz Europa. Den Witz, daß die Welt am Lammertschen Wesen genesen solle, bringe ich jetzt nicht - bedrohlich ist's trotzdem, daß der zweithöchste Repräsentant des Staates nunmehr Lebensformen vorschreiben möchte. Halt: Natürlich, im ...

WELT-Interview hat er Kreide gefressen: "Über der reflexartigen Ablehnung des Begriffes" - gemeint ist Leitkultur - wird oft vergessen, daß jede Gesellschaft einen Mindestbestand an gemeinsamen Überzeugungen und Orientierungen braucht, ohne die auch ihre Regeln und ihre gesetzlichen Rahmenbedingungen auf Dauer keinen Bestand haben."

Anmaßend ist's allenfalls, von "reflexartiger Ablehnung" zu sprechen. Die war weitestgehend wohldurchdacht, die Ablehnung, reflexartig ist allenfalls dieser neokonservative Gestus, Andersdenkenden ständig Reflexe statt Gedanken zuzusprechen. In diesem ersten Zitat scheint das noch verhältnismäßig harmlos, wer kann schon was gegen ein Mindestmaß an Orientierungen haben - die hin zur Mittelmeerküste im Sommer, z.B., ist ja ganz verständlich.

Auch das ist nicht nur einfach so ein Scherz. Interessant ist ja, was ein Mann mit der Vorbildung eines Herrn Lammert da begrifflich treibt:

"Wenn ein Europa der Vielfalt nationale Identitäten bewahren und dennoch eine kollektive Identität entwickeln soll, braucht es eine politische Leitidee, ein gemeinsames Fundament von Werten und Überzeugungen. Eine solche europäische Leitidee bezieht sich notwendigerweise auf gemeinsame kulturelle Wurzeln, auf die gemeinsame Geschichte, auf gemeinsame religiöse Traditionen."

Wo setzt er ein "notwendig", wo sagt er Fundament (!), wo kommt das Wort "Leit-" dann vor, und worauf läuft's hinaus?

Eine reale, nicht-ideologische "Notwendigkeit" sozialer Prozesse war zumindest mir bis dato nicht bekannt, Marxisten (Merke: Marx ist nicht gleich Marxismus) haben sowas behauptet und noch viel Schlimmere auch. Wer an die Freiheit von Personen glaubt, behauptet auch keine solchen Notwendigkeiten. An was also glaubt Norbert Lammert?

"Ideen" sind zumeist, was erst noch verwirklicht werden muß, sonst wär's ja Faktum. Und diese "Idee" soll trotzdem abgeleitet sein aus diversen "Gemeinsamkeiten", die da sind: "kulturelle Wurzeln", "Geschichte", und, da haben wir's, "religiöse Traditionen".

Da kämpft jede ernstzunehmend rational ansetzende, progressive Theorie seit der Aufklärung an gegen traditionale Moral, und dann kommt der Herr Lammert daher und will den Rollback ... einen christlichen Fundamentalismus im eigentlichen Wortsinne (nein, Herr Broder, ich vergleiche Norbert Lammert damit ganz ausdrücklich nicht mit Selbstmordattentätern in Israel, die sind unvergleichlich schlimmer, da haben Sie Recht, deshalb habe ich "im eigentlichen Wortsinne" geschrieben, und es ist gut, daß sie auf diese Differenzen immer wieder so nachdrücklich hinweisen). Der hat eine Vorstellung von Kultur, die wohl ein wenig wie ein Baumhaus aussieht: Irgendwas auf klar definierten Wurzeln ruhendes, was dennoch erst, "Leitideen" folgend, auf Fundamenten dann zu bauen sei, und das auch noch notwendig ...

Der Entgegnung der Freunde der offenen Gesellschaft stimme ich vollstens zu, und doch: Ein Scheitern dieses Leitkultur-Projektes sehe ich nicht als gar nicht so selbstverständlich an.

Schon gar nicht, wenn ich zum Hintergrund ein Interview mit dem selben Norbert Lammert lese, diesmal im Rheinischen Merkur. Da scheint er weniger Skrupel vor Klartext gehabt zu haben als in DIE WELT. Da fühlt er sich offensichtlich sicher und zu Hause. Da greift er sogar diesen so erschütternd und nachhaltig gewirkt habenden Begriff der "Kulturnation" auf, nur, daß er stattdessen "Kulturstaat" sagt. Da haut er's raus: Er will das christliche Europa. Scheiß auf die Franzosen und ihren penetranten Laizismus, die schaffen ja eh keine Sozialintegration mit ihrem albernen Staatsbürgerschaftsbegriff - Zitat Rheinischer Merkur-:

"Welche Probleme sind das?

Alle Kommentare von Frankreich-Kennern deuten darauf hin, dass die Integration misslungen ist. Wenn sie gelingen soll, muss sie ökonomische, soziale, politische, aber eben auch kulturelle Mindestvoraussetzungen haben. Die sind nicht erfüllt.

Viele der Randalierer besitzen einen Pass der „Grande Nation“. Ist das Staatsbürgerrecht – sei es liberal oder restriktiv – überhaupt dazu geeignet, soziale Probleme zu lösen?

Ich habe nie die Vermutung geteilt, man könne durch möglichst großzügige Vergabe der Staatsbürgerschaft die Integration beschleunigen. Die Verleihung des Passes ist allenfalls das äußere Zeichen eines hoffentlich geglückten Integrationsprozesses."

Zum Thema "Frankreich-Kenner" verweise ich nur auf Interviews z.B. mit der Saian Supa Crew. Die sind Franzosen. Die sind französische Kultur. Die lachen sich schlapp über das, was der Herr Lammert da sagt. Um kurz darauf wütend und empört zu sein, wenn ein Herr Lammert vor ihnen steht und ihnen fortwährend zuruft: Integriert euch, integriert euch! Ihr schwarzen und arabischen Banlieue-Bewohner mit eurer Zwangsverheiratungs und Polygamie-Tradition!

Immerhin: Integration in was, das sagt der Herr Lammert schon sehr deutlich. In's christliche Fundament will er uns alle einbetonieren. Und dann verteilt er noch ein paar Watschen:

"Die Verweigerung der Leitkultur-Debatte ist ja keineswegs Ausdruck besonderer Toleranz, sondern schiere Gedankenlosigkeit. Sie fördert die Dominanz von Traditionen anderer Kulturkreise, von Abschottung und Ghettobildung. Wer den so inflationär geforderten Dialog der Kulturen führen will, muss einen eigenen Standpunkt haben. Die Bundesrepublik Deutschland ist ja nicht bloß eine Agentur für den Dialog der Kulturen, sondern sie ist selbst ein Kulturstaat."

Den "Kulturstaat" hatten wir ja eben schon. Was dieser befördert, kann man unter anderem in "Helmut Berding - Der
moderne Antisemitismus" nachlesen.

Aber diese Unverschämtheit, jetzt all jenen, die Kant folgend eine Konzeption der Rechte von Diskursen über Kultur mit guten Gründen trennen wollen, "Gedankenlosigkeit" unterstellen zu wollen, ist in der Tat haarsträubend. Und dann auch noch so explizit mit "Überfremdungs-Ängsten" zu spielen, da fragt man sich ja, in welcher Partei er eigentlich ist.

Vielmehr ist der Fall, daß Herr Lammert entweder grundbegrifflich schlicht minderbemittelt ist, oder aber man muß ihm polemische Absichten unterstellen. Ein pures Siegen-Wollen also, das hat in Deutschland ja auch tief verwurzelte Tradition ...

Kulturelle Wurzeln: Ja, welche denn? Seiner eigenen Doktrin folgend müßte man ja dann genauso gut zu Baumkulten zurückkehren können wollen oder politische Entscheidungen nach dem Werfen von Runen ausrichten. Dieses Gerede von irgendwelchen Wurzeln, die einen dann gewissermaßen als Person gleich mit hervorbringen und die man dann infolge dessen wahrscheinlich auch noch lange "in sich" suchen soll, um nach ihnen zu handeln, ist immer deskriptiv falsch.

Je nachdem, wo in der aktuellen Situation man politisch steht, kann man sich ja sonstwas aus der Kultur herauspicken. Und in der Kulturgeschichte gibt es weiß Gott auch genug nicht-christliche Strömungen, so daß diese Homogenisierung, die Herr Lammert offensichtlich gleichermaßen anstrebt und behauptet - klassischer, naturalistischer Fehlschluß übrigens, vom Sein auf's Sollen zu schließen - nur autoritär und normalisierend sein kann.

Allein schon mein einerseits ur-protestantisches, andererseits spirituell-mystisches Verständnis des Christentums ist dem des Papstes so grundsätzlich entgegengesetzt, daß ich mich ja manchmal frage, ob letzterer nicht insgeheim einer schwarzmagischen Sekte angehört (was ich hiermit ausdrücklich nicht behaupten will, ich frag mich's nur). Ganz anders wieder griechisch - oder russisch-orthodox oder neuapostolisch. Was ist denn bitte das Christentum? Im Sinne dessen kann man sich dann, Herrn Lammert folgend, ja auch mal wieder auf die kulturelle Wurzel und geteilte Geschichte "30-jähriger Krieg" berufen. Im Gegensatz zu Herrn Lammert erwarte ich jedoch von niemandem, daß er mein Glaubensverständnis teilt und zahle trotzdem aus Überzeugung Kirchensteuer.

Identität: Ja, identisch mit was denn? Was meint er damit? Es ist schon schwierig, den Begriff personaler Identität auf eine klar verständliche Verwendungsweise hin abzuklopfen, das kann man z.B. in Ernst Tugendhat - "Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung" nachlesen. Sogar der Satz : >"Momo Rules" ist identisch mit "Einen Sitzen" im St. Pauli-Forum< ist nichts anderes als eine raumzeitliche Zuweisung.

Ich würde mir vielleicht noch eine "norddeutsche Identität" in dem Sinne zusprechn, daß ich dazu neige, mich in bestimmten Situationen auf eine bestimmte Art und Weise zu verhalten. Dann würde "Identität" als eine Art Metapher für ein Bündel von Verhaltensdispositionen verwendet. Will Herr Lammert nun wirklich, daß ich, ein Lette, ein Südfranzose und ein Norweger sich gleich verhalten? Das wäre dann die totale Gleichschaltung ...

Vernünftig könnte man darauf antworten: Ja, in bestimmten Hinsichten kann man das sinnvoll wollen. Z.B.: Du sollst nicht töten, Du sollst keine Frauen vergewaltigen (Männer möglichst auch nicht) etc.. Also einen Katalog von unhintergehbaren Verhaltensnormen formulieren. Ich kenne niemanden, wirklich niemanden, der dem nicht zustimmen würde. Es ist doch Humbug, ständig zu unterstellen, lauter verträumte, gedankenlose Multi-Kulti-Linke würden den ganzen Tag lautstark dafür plädieren, in bestimmten Stadtvierteln nunmehr die Steinigung zuzulassen, oder sie würden alltäglich auf Demos für die massenhafte Vergewaltigung von Frauen Sprechchöre anstimmen und Transparente schwenken. In der Tat mag es außerordentlich vereinzelt extreme Kulturrelativisten geben, aber die sind zum einen sehr selten und zum zweiten dazu später mehr ... zunächst zurück zum Recht, also zu den unhintergehbaren (nicht:fundamentalen, das ist ein Unterschied) Verhaltensnormen.

Zitat Rheinischer Merkur:

"Was macht denn diese „Leitkultur“ eigentlich aus? Ist sie mehr als die „freiheitlich-demokratische Grundordnung“ des Grundgesetzes, mit der wir doch seit vielen Jahrzehnten gut und friedlich leben?

Viele haben ja verdrängt, dass diese freiheitlich-demokratische Grundordnung über Jahre als „FDGO“ mit ausdrücklich polemischem Unterton angegriffen wurde. Jetzt wird sie als letzter gemeinsamer Nenner reklamiert. Sie ist in der Tat eine der wichtigsten Ausformungen dessen, was dieses Land kulturell und politisch prägt. Der Hinweis auf eine Rechtsordnung ersetzt aber eben nicht die Verständigung über kulturelle Grundlagen. Wir machen bei uns die Erfahrung, dass sich neben der Rechtsordnung, deren Geltung kein Mensch bestreitet, Verhaltensmuster halten, die ihrerseits kulturell begründet sind. Wenn sich die Gesellschaft nicht regelmäßig ihrer Grundlagen vergewissert, läuft sie Gefahr, dass sich auch die Rechtsordnung auflöst."

Was will der denn? Worum gibt er sich mit diesem gemeinsamen Nenner nicht zufrieden?

Weil er eine Konzeption des Rechts vertritt, die dieses wohl als eine Art Kondensat von kulturellen Traditionen begreift. Statt eine solche zu vertreten, die Recht auch und gerade in der rationalen und kritischen Hinterfragung von Traditionen zu formulieren sucht. Das ist in der Tat ein Desaster, aus zwei Gründen: 1.) Dezisionismus und 2.) Kulturrelativismus.

Ja, Herr Lammert bewegt sich durchgängig auf dem Boden des zweiten: Er sieht zwei (oder mehr) Kulturen in Konkurrenz zueinander stehen, kann aber bei einer solchen Konzeption des Rechts gar keinen Grund angeben, warum die jeweils eigene Kultur nun dominant sein sollte, außer, daß sie vorher da war. Wer Tradition gegen Vernunft ins Feld führt, hat keinerlei Handhabe, beispielsweise Klitorisbeschneidungen in Afrika zu kritisieren. Ist ja dort auch 'ne Tradition, ist Fundament derer Kultur und in dieser tief verwurzelt, also sollen diese ganzen kulturimperialistischen Europäer gefälligst die Schnauze halten, wir verstümmeln weiter.

Der Punkt 1.) ist ebenso so klar: Welches Schweinderl hätten's denn gern? Welche kulturelle Tradition man nun als die entscheidende begreift und infolgedessen erklärt bei einer derartigen Viellfalt der deutschen und europäischen Kulturen, das kann nur eine Frage der reinen Entscheidung sein. Für viele Entscheidungen gibt es dann auch gleichermaßen gute Gründe, wenn man auf der Ebene von Kultur selbst argumentiert. Für die Reflexion von Kultur braucht es Vernunft, aber Herr Lammert will ja wahrscheinlich gar nicht reflektieren, sondern dominieren - z.B. mich.

Dieser Mix aus Kulturelativismus, Traditionalismus und Dezisionismus kann nur auf Macht setzen, und zwar nicht nur in Foucaultscher Hinsicht, sondern auch dem traditionellen Konzept von Herrschaft folgend. Der will von oben normalisieren, nicht überzeugen. Der kann auch behaupten, was er will (nicht etwa, was richtig wäre) und ist bereit, dies durchzusetzen. Na, herzlichen Glückwunsch, liebes Europa! Bush wirkt.

Herr Lammert muß meiner Ansicht nach zurücktreten. Wer mit einem Zitat wie dem folgenden so dezidiert den Boden der oben zitierten freiheitlich-rechtlichen Grundordnung verläßt, hat in einem solch hohen Amt schlicht nix verloren:

"Es kann nur nicht in ein und derselben Gesellschaft mehrere, schon gar sich wechselseitig ausschließende Orientierungen geben."

Keep it uncool!

klaus.jpg

Ja, über Liedermacher lästern, das macht sich ja immer wieder gut. Ein Evergreen. Da bündeln sich dann ästhetische Ressentiments, da will jeder, der gegen Wader, Wecker usw. stänkert, im wesentlichen sagen: Ich bin so cool, die brauch ich nicht, und findet sich dann mit simpelsten Mitteln - der Abgrenzung - einfach besser, buchstäblich besser ....

Mag Wecker auch dazu neigen, die Attitude der späten 70er heute eher zu karrikieren denn fortzuschreiben - für den hier gilt das nicht: Klaus Hoffmann. Ganze Welten läßt der Mann entstehen, hat's mit Bravour geschafft, auf die sichere Seite des Chansons sich zu retten. Immerhin begann er einst auch mit Jacques Brel-Adaptionen - und entführte in's Land des Feuervogels. Ich fühl mich da heut noch wohl. Auch wenn er ...

... vor Schlagerhaftigkeit nicht mehr zurückschreckt, auch wenn er oft das Flache wagt "Komm wir reiten den Wind", "Wir kaufen, kaufen, kaufen, was wir nicht brauchen, brauchen, wer hat gesagt, daß sowas Leben ist?" - und das ist auch gut so. Der Mann ist einfach das beste Mittel gegen die Gegenwart, weil er so gegenwärtig ist, mit schier unglaublicher Präsenz von den Bühnen der Konzertsäle die Vielfalt des Gefühls, sanfte Ironie, auch leisen Slapstick und ganz viel einfach nur Liebevolles versprüht, verbreitet, Säle so ausfüllt und einfach zu den größten Entertainern der bundesdeutschen Gegenwart gehört. Wobei ich Entertainer toll finde und Klaus Hoffman im Gegensatz zu all den anderen immer nur voll auf die 11, nie auf die Zwölf geht ... der Mann ist Eleganz, dosiert die große Geste und lebt vortrefflich auch im Leisen.

Klaus Hoffmann hat mich gerettet, immer wieder. Das letzte Mal 1999. Die New Economy saß mir noch ebenso in den Knochen wie diese ganze House- und Club-Sauce, die nur als schriller Party- und Fun-Zwang sich zu situieren wußte. Auch der Schock von einst, als Wave und Post-Punk neue Regeln stifteten, hielt immer noch von so vielem ab, was - ja, jetzt ganz in Liedermacher-Worten gedacht, gefühlt und formuliert - Leben doch erst zu Leben macht. Da sah ich ein Klaus Hoffmann-Konzert in Köln, irgendwann mittendrin die ersten Takte des Liedes "Der Boxer". Fast hätte ich geweint. Dann die Zeilen "Das geht mich immer noch an, bewegt mich und hält mich und zieht mich in Bann, das hält auch in Träumen Schritt ..." (oder so ähnlich), ein Fenster irgendwo im eigenen Dasein ging ganz weit auf, und schlagartig war so vieles wieder da, was all die Zeitgeist-Scheiße so tief verschüttet hatte ... das war schön. Da sah ich mich wieder die ollen Hoffmann-Scheiben aus der Stadtbibliothek holen, es war noch die Zeit des Vinyls, die kratzten und schickten doch auf Reisen, mitten hinein in's Knistern und in's - ja - Gefühl! Da war ich auf einmal wieder ganz stolz auf die Zeit, als ich Fredenslyrik-Dichterlesungen hielt, mich in expressionistische Lyrik vertiefte und noch fand, daß in der Politik auch Raum für's Träumen sein muß ...

Seltsam, das war fast ein existentieller Schock, heilsam, warm, weich und zukunfstweisend, dieses Klaus Hoffmann-Konzert. Seitdem ist er wieder stets präsent mit seinen Liedern, als innerweltliche Gegenwelt. Und ich freu mich drauf, heute oder morgen abend in der Musikhalle wieder auf einer dieser musikalischen Reisen mit dabei zu sein, hier gleich nebenan in der Musikhalle. Denn er hat ein altes Motto in die Jetzt-Zeit gerettet, dafür gebührt ihm alle Verehrung: Keep it uncool!

12.12.05

Kulturkämpfer aller Länder, vereinigt euch!

Na, da haben sie ja ganze Arbeit geleistet, die wahlweise pauschal islamphob oder arabophob agierenden, globalen Kulturkämpfer. Auch in Australien will man jetzt halt so ganz Free West sein!

Der Mob sucht sich schon die Gründe, die er braucht, mal so die richtig Sau raus zu lassen und ein paar Araber durch's Dorf zu treiben ... Glückwunsch, George W. Bush!

Aber schon bald wird man auch in diesem Fall den Sozialstaat als eigentlich Bösen herausarbeiten, wetten daß? Hat ja schon im Falle Frankreichs so super geklappt, dieses Deutungsmuster, und man braucht nur mal in den Untiefen dieses Blogs nachzuschauen, et voila!, schon hat man wieder alle Vorurteile bestätigt!

PS: Ja, auch ich finde den Islamismus scheußlich, das Regime in Teheran unter aller Sau, ja,ja,ja, usw., da bin ich voll dabei!

Ich wehre mich trotzdem auch weiterhin dagegen, das Ganze in den Kategorien eines globalen Kulturkampfes gegen alles Islamische zu beschreiben und eine Selbstkritik "des Westens" somit immer auch gleich polemisch zu unterbinden!

Und das, was in Australien passiert, ist eben u.a. das Resultat eines solchen Denkens, auch wenn's in Australien statt in Europa stattfindet!

Nein ich bin auch nicht antiamerikanisch, weil anti gegen etwas so Vielfältiges zu sein einfach nur unsinnig sein kann. Ich liebe Joan Baez, Elvis Presley, Tenesee Williams, die Dashboard Confessionals, Charles Taylor, Richard Dworkin und Elizabeth George und Adam Green auch und finde George W. Bush trotzdem schwer erträglich bis streckenweise erschütternd!

PSS: Antideutsch bin ich übrigens auch nicht, weil auch ein negativer Nationalismus eben strukturell Nationalismen reproduziert (das wollte ich schon länger mal loswerden. Wie gut, daß es Blogs gibt!).

Frage keinen Wirtschaftswissenschaftler!

Das ist in der Tat spannend, wie ausgehend vom Apocalypso-Blog auf der WAMS-Seite dieses Thema hier weiter diskutiert wird. Voll und voller Zustimmung sei hier der Kommentar von Ulrich Speck zum Thema zitiert:

"Nein, Kollege Posener liegt richtig, und jeder Satz von Walter stimmt.
Wenn Politologen nur noch für Politologen publizieren, dann stimmt was nicht. Politologen müssen der Öffentlichkeit als Experten zur Verfügung stehen, als Politikberater. Zumindest einige von ihnen. Franz Walter und Bassam Tibi sind wichtige Figuren in der deutschen Öffentlichkeit.Das Drama ist, dass sich die Politologie in der Regeln der Öffentlichkeit verschließt; das entzieht der Politik die Theorie (oder den Überblick), und die Politologie wird komplett selbstbezüglich, ohne irgendetwas Sinnvolles zu produzieren. In Deutschland steht Zünftlertum gegen öffentliche Experten wie Walter oder Münkler. Deshalb gibt es noch viel zu wenige von ihnen. Wenn Göttingen jetzt die Politologen rauskickt, geht das Fach weiter den Weg in die komplette Irrelevanz. Das ist schlecht für alle. Wir brauchen das Gegenteil - eine Kommunikation zwischen Politikwissenschaftlern, Thinktanks und Politikern. Und zwar dringend. Wenn es darum geht, ein Energiekonzept für Deutschland zu entwickeln, eine China-Strategie oder einen Entwurf für Europas Zukunft oder ein deutsche Position in der Welthandelsrunde, dann braucht man alle drei. Washington macht es vor, aber auch Großbritannien, Spanien oder die Niederlande sind da viel weiter. Insofern ist das Geschehen in Göttingen ein katastrophales Signal - es sagt der Zunft, sie soll sich noch stärker als bisher abkapseln.
Kollege Statler spricht von der Ökonomie; das ist etwas anderes."

(In der Hoffnung, daß in diesem Fall - Kommentar - bei einem Vollposting keine Urheberrechtsverletzung vorliegt)

Ich kann Ulrich Speck hier nur bei jedem einzelnen Wort vollstens zustimmen.

Insofern ist es ja auch nur teils richtig, wenn Statler meine Position ausschließlich als Kritik der reinen Ökonomie rezipiert.

Meiner Ansicht nach bedarf es solcher Wissenschaften wie der Politikwissenschaft, der Sozialwissenschaft, der Philosophie ja gerade auch, weil ansonsten in Sachen "Die Wirtschaft" (die's ja gar nicht gibt) Deutschland, Europa, die Welt schlicht auf der Stelle treten würden.

In der eigenen beruflichen Erfahrung sind's stets und immer wieder jene, die aus den reflexiven Feldern der Wissenschaft kommen, die für wirtschaftlichen Erfolg sorgen - und oft sind es gerade die BWL-orientierten, die diesen sabottieren. Weil sie qualitative Kriterien einfach nicht in den Begriff bekommen und schon gar nicht in sinnvolles Handeln zu überführen vermögen. Auch Naturwissenschaften bedürfen eines solchen diskursiv-reflexiven Rahmens, um sinnvoll Grundlagenforschungen betreiben zu können. Kappt man diesen Rahmen, kommt hinten schlicht nix raus, was auch nur irgendeine sinnvolle Antwort auf aktuelle, ökonomische Problemlagen geben könnte. Mit anderen Worten: Frage bloß keinen Wirtschaftswissenschaftler, wenn Du wissen willst, wie man aus "Wirtschafts"-Krisen wieder rauskommt ... ;-)

Des weiteren - das ist jetzt schlicht 'ne Wiederholung des unten schon Geschriebenen - applaudiere ich Ulrich Speck wie auch Herrn Walter wie auch Alan Posener dahingehend, daß diese diskursiv-reflexiven Wissenschaften eben nur dann Relevanz für sich beanspruchen können, wenn die Öffnung zur medialen Öffentlichkeit gelingt. Anstatt, wie Odo Marquard einst so treffend formulierte, nur "Socken herzustellen für Sockenhersteller". Daß man nun gerade jenen, denen's gelingt, den Transfer zwischen eigenem Fachbreich und anderen gesellschaftlichen Feldern zu vollbringen, höhnisch auf die Glocke gibt, das ist das gleichremaßen Falsche und Empörende.

Da helfen auch internationale Fachzeitschriften wenig. Was meine persönlichen Idole wie Jean-Paul Sartre (ich meine den von "Das Sein und das Nichts", nicht den Interims-Stalinisten), Jürgen Habermas, Michel Foucault, mit Abstrichen auch Niklas Luhmann oder Ernst Tugendhat zu Giganten macht, ist ja, daß sie die Selbst-Thematisierung von Gesellschaften so nachhaltig bereichert haben. Wissenschaftler wie Herr Heitmeyer (hoffentlich habe ich den jetzt richtig geschrieben), der ehemalige, niedersächsische Justizminister Pfeiffer oder auch Herr Walter stehen ja in dieser einen Hinsicht in deren Tradition. Daß nun gerade dieses Agieren als Grund herangezogen wird, sie abzuschießen, ist der Skandal. Und das ist ein wirklich handfester...

11.12.05

Neo-Wilhelminismus

Das paßt zum Sich-Gebährden Hamburger Behörden unter dem Senat des Herrn von Beust:

Ein stets ach so liberal lächelnder Bürgermeister von der BILD-Zeitung Gnaden, präsidial-überparteilich, ein wenig königlich halt, der ja auch Bürgerbegehren schlicht irrelevant findet, weil die Wahrheit sowieso nicht mehrheitsfähig ist. Daß nunmehr, wenn's stimmt, was in dem taz-Artikel steht, Behörden sich über Gerichtsentscheidungen hinwegsetzen, fügte sich nahtlos ein in diese Neo-Nomenklatura-Politik, in dieses wilhelminische Treiben, wobei ich jetzt nicht die Justiz unter Wilhelm Zwo irgendwie schönreden will.

Das paßt dazu, Ansammlungen von mehr als zwei Punks auf einmal sofortig polizeilich von der Reeperbahn vertreiben zu lassen - sowas wie freiheitlich-demokratische Grundordnungen scheinen hier nur noch der funktionalen Effizienz behördlichen Handelns und einem Tourismus-freundlichen, propperen Stadtbild im Wege zu stehen. Und daß sowas wie Demokratie eh ineffizient ist, das hat Schelsky ja schon in den 70ern geschrieben (habe gerade wie blöd das Netz durchpflügt und die Quelle hierzu nicht gefunden. War ein Text in einem GK-Kurs, in dem ein Lehrer namens Lindemeyer uns auch den historisch-dialektischen Materialismus als einzig gültige Geschichtsschreibung lehrte. Gruselig. Falls ich mich falsch erinner und Herrn Schelsky Unrecht tue, entschuldige ich mich hiermit). Da Gerichte zu einer funktionierenden Demokratie dazu gehören, können die somit ja gar nix Gutes sein ... nicht umsonst legt sich Herr Justizsenator Kusch vorzugsweise mit der Justiz an, der er vorsteht.

Heimliche Träume von der Wieder-Einführung des 3-Klassen-Wahlrechts werden noch nicht offen ausgesprochen, vielleicht auch noch nicht mal wirklich geträumt - aber unbewußt wirken sie trotzdem. Denn, da bleibt Herr von Beust seinem Namen treu, am oberen Drittel orientiert sich die Poliitik . Denen zugute strukturieren wir alles, wirklich alles um, und wer als erstes in den Elbstrand investiert, darf dann auch die Privatisierung des Elbblicks weiter vorantreiben, in Neumühlen kann man das Ergebnis schon betrachten ... na, Herr Mehdorn? Wollen wir mal loslegen?

Dieser ganze Flüchtlingsdreck hingegen soll doch wieder dahin, wo der Pfeffer neben dem Kardamon wächst und Menschen mit bloßen Fingern gemeinsam aus einem einzigen Topf, ha, Napf!, essen, man kann ja nicht für die ganze Welt Verantwortung übernehmen. Wir machen Nägel mit Köpfen!

Die Welt gehört den Investoren, nicht irgendwelchen dahergelaufenen Afghanen, und gegen diese ganze Richter-Mischpoke hat in den Augen des Senats und seiner Behörden ganz offensichtlich Herr Schill alles wirklich wichtige sowieso schon gesagt, warum noch auf die hören. So handelt der Senat zumindest, als denke er so... als halte er diese Rechtsverdreher doch insgeheim allesamt für linkes Alt-68er-Pack. Sonst würde es sich keine Ausländerbehörde trauen, so zu handeln, fühlte sie sich nicht politisch legitimiert ... wenn's stimmt, was in dem taz-Artikel steht. In der FR stand's aber auch gestern ...

Denn es ist ja nicht so, wie manch Liberaler glauben machen will, daß Bürokratie versus Freiheit die einzige Möglichkeit der Realitätsbeschreibung ist. Zunehmend fungiert Bürokratie wieder als Vorraussetzung der Durchsetzung von Partikularinteressen, ermöglicht also allererst, wovon so viele Rechtsliberale wortreich träumen ...

Medien & Wissenschaft

Gerade noch einen Nachtrag hier gemacht, da läuft mir DIE ZEIT-Homepage über den Weg (wollte eigentlich nur Sven Regener lesen, der Mann ist einfach großartig, der provoziert Dichtung!) mit einem Ranking der besonders gefährdeten, weil medial präsenten Professoren. Freilich eher aus medien-immanenter Perspektive thematisiert - wie füllen wir unsere Spalten? Na ja, selber denken hat ja auch noch niemandem geschadet, und vielleicht trägt sowas ja dazu bei, daß endlich mal etwas grundsätzlicher und komplexer über verschiedene Weisen der Wissenschaft und deren Wirken in der Gesellschaft diskutiert wird ...

10.12.05

Magischer Kreis

Auswärtssieg-Kreis2.jpg

Scheiße, nur noch 'ne Viertelstunde zu spielen und wir liegen 0:2 zurück ... schnell den Auswärtssiegeskreis hochladen, vielleicht hilft's als magischer Akt!

Nachtrag: Ein Tor hat's immerhin noch gebracht, das Hochladen, aber das reichte nicht - Scheiße!!!!!!!!

Hierzu fällt mir keine Überschrift ein, die passend wäre

Da hatte mich schon das nackte Grauen gepackt, als ich auf allerlei Seiten das Foto zum folgenden Text gefunden habe. Dieses Foto selbst will ich nicht auf meiner Seite haben. Der Text sei hier jedoch komplett und zustimmend zitiert:

"06.12.2005: Vorfälle beim Spiel Dresden-Cottbus

PRESSEMITTEILUNG 6.12.2005


BAFF fordert Vereine und Verbände zum Handeln gegen Rassismus auf

Beim gestrigen Topspiel der 2.Bundesliga zwischen Dynamo Dresden und Energie Cottbus entfalteten einige Cottbusser Fans ein Transparent auf dem das Wort „Jude" zu lesen war. Das D in Jude wurde ersetzt durch das Emblem von Dynamo Dresden, flankiert von zwei Davidsternen mit den Buchstaben DD für Dynamo Dresden. Beschimpfungen der gegnerischen Mannschaft und Fans als „Juden" sind in einem deutschen Fußballstadion kein Einzelfall, diesmal geschah es jedoch während eines DSF - Livespieles, für jeden am Fernseher klar ersichtlich.

Am nächsten Tag: Kein empörter Aufschrei in den Medien, keine Reaktion des DFB oder der DFL, keine Entschuldigung des FC Energie Cottbus. Stattdessen allenthalben Entsetzen über die abgeschossenen Feuerwerkskörper unter dem Aufhänger „Fan Randale".
BAFF-Sprecher Martin Endemann äußert sich hierzu: "Im Zuge des Sicherheitswahns zur kommenden WM wird stets die angeblich gestiegene Gewaltbereitschaft betont und über verschärfte Sicherheitsmaßnahmen diskutiert. Rassistische und neofaschistische Tendenzen in manchen Fanszenen werden jedoch nicht thematisiert"

Das Bündnis aktiver Fußballfans (BAFF) fragt sich, warum die sogenannte „Fußballfamilie" beim Thema Rassismus nicht in der Lage ist, offenkundige Probleme klar zu benennen.
Im Vorfeld der WM wäre es wichtig, neben den Fragen Sicherheit, Kultur-Events und Vermarktung, auch im Bereich der Antirassismusarbeit Akzente zu setzen und dabei auf die Kompetenz und Erfahrung von regionalen Projekten vor Ort, der Arbeit der Fanprojekte und von „Football against Racism in Europe" (FARE) und seinen angeschlossenen Mitgliedern zurückzugreifen. Alibiaktionen ohne konkreten Unterbau und nachhaltige Arbeit vor Ort verpuffen nur. Mit dem Finger auf rassistische Ausfälle in anderen Ländern zu zeigen ist dabei wenig hilfreich, Rassismus ist auch in deutschen Stadien kein ausgestorbenes Phänomen, wie das Spiel in Dresden deutlich gezeigt hat.

BAFF-Sprecher Endemann fordert die Verbände und Vereine erneut auf, Initiativen von FARE und anderer unabhängiger Faninitiativen und Fanprojekte zu unterstützen und das Problem klar beim Namen zu nennen. "Alle Vereine und müssen endlich den 9-Punkte Plan des DFB gegen Rassismus konsequent umsetzen." so Endemann.
Vom Verein FC Energie Cottbus fordert BAFF nicht nur eine Entschuldigung bei Dynamo Dresden und seinen Fans (wie sie der Fanclub-Arbeitskreis dort schon leistete) sondern auch alle Maßnahmen präventiver Art zu ergreifen, die es ermöglichen rechte Tendenzen in der Cottbusser Fanszene nicht zur vorherrschenden Meinung werden zu lassen. Stupide Forderungen nach immer mehr Stadionverboten für „Einzeltäter" sind dabei wenig sinnvoll und zeugen nur von einem großen Maß an Hilflosigkeit.

Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an Martin Endemann (endi@aktive-fans.de) oder Matthias Bettag (m.bettag@t-online.de).

Mit freundlichem Gruß und der Bitte um Veröffentlichung,
Martin Endemann
Bündnis aktiver Fußballfans (BAFF)
"

Schade nur, daß daß die BAFF nicht ausreichend zwischen Antisemitismus und anderen Formen des Rassismus unterscheidet. Auch wird nicht vertieft, wieso ...

... gerade einem Verein wie Dynamo Dresden gegenüber diese Form der vermeindlichen "Beschimpfung" von gegnerischen Fans gewählt wird. Letztlich doch nur, weil gerade Teile der Fan-Szene von Dynamo Dresden das überhaupt als diffamierend empfinden, wenn man sie Jude nennt.

So ein gruseliges Nazi-Volk wie in deren Fan-Block, direkt neben mir auf der Haupttribüne, habe ich vorher und nachher nicht gesehen. Die frisch-gewaschene, organisierte, gebildete Variante halt. Kein besoffener Mob, der sich irgendein Ventil sucht, wie bei den Essenern zum Teil - nee, diese nach Waschmittel riechenden sind noch gemeingefährlicher.

Als zu diesen Mega-Ärschen nach dem Spiel die Dresden-Spieler auch noch hinliefen und ihren "Fans" applaudierten, hatte ich mich ernsthaft gefragt, ob man die Spieler nicht wegen Unterstützung verfassungsfeindlicher Organisationen und einem handfesten Beitrag zur Volksverhetzung anzeigen könnte, letzteres waren die Gesänge der "Fans" nämlich (ja, wir haben sie angeschrien, sie sollten ihr verdammtes Maul halten!). Und diese Frage ist hier keine Ironie, ich habe mich wirklich gefragt, ob das juristisch möglich, die Spieler zu belangen - es ist verantwortungslos und verwerflich, solche Leute zu beklatschen, Herr "Paule" Fröhlich.

Für mich sind da nicht nur die Vereine, sondern auch jene, die viel stärker im Blickpunkt der Medien stehen, gefragt, die Trainer und die Profis halt. Und jeder Schiedsrichter, der was auf sich hält, hätte ein Spiel sofort abzubrechen, wenn er solch ein Plakat sichtet. Und jeder Cottbusser Spieler, der seinen sogenannten Fans nicht sofort lautstark die rote Karte zeigt, sondern vor einem solchen Transparent und Fans, die ein solches fertigen, auch noch 'ne Ehrenrunde dreht, gehört für den Rest der Saison gesperrt ...

Nachtrag 1: Jetzt wird die Staatsanwaltschaft aktiv ... aber ganz, wie die BAFF prophezeit, wird wieder nur von Einzeltätern und Stadionverboten geredet, nicht vom die Transparentemaler stützenden Diskurs und sozialen Umfeld, nicht darüber, wieso sich in Cottbus offensichtlich keiner daran störte, daß das Transparent da hing, frei nach dem Motto "Problem personalisiert, Problem gelöst". Zum Kotzen.

Nachtrag 2 - 12.12.05: Der Bembelkandidat Mainhattan hat allerlei Zeitungs-Kommentare und Blog-Einträge zu diesem Thema gesammelt und dieser Sammlung gute Fragestellungen vorangestellt (Fragestellungen voranstellen ist jetzt nicht gerade schön formuliert, ich geb's zu). Was ich allerdings nicht verstanden habe, ist, daß er dieses Plakat nicht nur als antisemitisch, sondern auch als antirassistisch einordnet. Habe 3 mal hingelesen und es wirklich nicht verstanden ... - siehe Kommentare unten, war'n Tippfehler, das antirassistisch!!!

Nachtrag 3 - 12.12. 05: Interessant auch die Diskussion im St. Pauli-Forum zu diesem Thema. Bezeichend vor allem, daß, sobald jemand Antisemitismus geißelt, immer auch gleich Opfer-Patron Bomber Harris aus dem Sarg hüpft wie ein Springteufel und in die Diskussion sich einschleicht. In diesem Fall zwar nur als Beispiel für andere, scheußliche Transparente, die irgendjemand beim Auswärtsspiel in Dresden im St. Pauli-Fan-Block aufgehängt hat, von denen sich die Fan-Szene jedoch wirklich deutlichst distanzierte. Wie tief - auch Dank Knoppscher Doku-Drama-Arbeit - sich dieses so unerträglich perfide Schlagwort vom "Bomben-Holocaust" in deutsche Hirne eingenistet hat, ist eher symptomatisch - da kann außer Upanster keiner der Forum-Diskutanten was dafür!!!, da tauchen alle Positionen und Perspektiven auf, die ich auch so vertreten würde - auch an dieser Diskussion zu verfolgen (was aber ebenfalls dort auch seh, sehr eindeutig thematisiert wird). Trotzdem, alleine, daß der da auftaucht, ist aussagekräftig für den Diskurs über's 3. Reich derzeit in Deutschland.

Euer Sieg - auch wegen Jon Bon Jovi!

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(Quelle: www.bildergalerie-basisstpauli.de)

Auch wenn der Morena da rechts oben heute fehlt: In Erfurt könnt ihr's packen! Weihnachten auf 'nem Aufstiegsplatz verbringen, Kiel, Essen und Lübeck haben gestern abend allesamt gelooset ... bitte, macht euch und uns glücklich!

Ich fand Rot-Weiß Erfurt zwar damals gar nicht so schlecht am Millerntor, wundere mich, daß die in der Tabelle nicht besser dastehen - aber in eurer aktuellen Verfassung schafft ihr sie, da können die noch so heimstark sein, aktuell könnt ihr jeden schlagen, wenn ihr wollt! Und noch 'nen Grund gibt's, dort zu siegen:

In diesem blöden Steigerwaldstadion hatte ich einst die zweifelhafte Ehre, Jon Bon Jovi zu interviewen. Da war mehr los, als käme der US-Präsident, Horden von Kamerateams, Plattenfirmen-Promotern, Security - was'n Aufwand für eine allenfalls mittelmäßige Rockband.

Und: Zum Kotzen war der, der Jon Bon Jovi! Zumindest während dieser 5 Minuten Interview, ansonsten ist der ja vielleicht 'n Netter, mag ja sein. Trotz seiner Musik ... wobei da ja schon ein paar Dinger dabei sind, Bed of Roses und Keep the Faith zum Beispiel, die okay bis ziemlich gut sind. Aber diese pseudo-arrogante Tour, in der dieses Quadrat von Mensch - solche Körper sehen ja nur in Videos gut aus, in real wirkte der wie gequetscht - glaubte, sich geben zu müssen, man, war ich genervt!!! Nur dreckig überhebliches Gelächter und Schein-Ironie als Antwort, für'n Routinier, der den ganzen Zirkus rund um Promotion nun wirklich in- und auswendig kennt, ein ganz schwacher Auftritt. Ích hab mir dessen Leben schließlich nicht ausgesucht, sondern er selbst. Und das war wirklich wichtig für mich, dieses Interview, und der hat's erst schlicht boykottiert!

Irgendwie bekam ich doch noch vieles aus ihm rausgequetscht, aber das verzeihe ich weder ihm noch diesem Stadion, diesen Horror-Tag in Erfurt ... alles, was ich da gelernt habe, war: Bringe Menschen dazu, daß sie glauben, sie müßten sich rechtfertigen, und prompt blubbern sie selbst dann noch drauflos, wenn sie eigentlich gar nix sagen wollten ... auch wieder eine dieser Regeln, die man eigentlich gar nicht lernen wollte. Und trotzdem bei sich bietender Gelegenheit wieder anwendet ;-) ...

Na, aber auch ganz unabhängig von ihm: Heute in Erfurt 'n Sieg, ein traumhaftes Weihnachtsgeschenk wäre das! Ihr habt es euch verdient, und wir uns auch ... ihr schafft das!!! Nur eine Frage wird in jedem Fall offen bleiben: Warum habe ich eigentlich bis heute geglaubt, Erfurt schriebe sich mit th am Ende?

09.12.05

Marajo

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Zu viel Realität ist doof.

Nach Wochen wie den letzten sackt man einfach nur in sich zusammen. Zuviel. Viel zuviel....

Früher habe ich Geschichten vom Hypnosestudenten geschrieben. Als ich noch Zivi war. Auf einem halb destruierten, braunen Sofa am Neuen Pferdemarkt sitzend. Das Sofa hatte ein laotischer Mitbewohner einfach in der Wohnung stehen lassen. Der zog von heut' auf morgen aus, weil die Rückwand unserer Wohnung zugemauert wurde. War immerhin 'ne 20qm-Küche und ein ebenso großes Zimmer noch dazu, die nunmehr ohne Fenster waren. Aber der Vermieter wollte ein Lager auf dem Hinterhof erweitern. Keine Chance.

Saß da auf meinem Sofa im Hochparterre und starrte hinaus. Ein Ausguck auf's Leben. Mein Hypnosestudent begab sich derweil auf Weltreise ... fand sich in Bretterbuden auf einer Insel namens Marajo wieder. Nippte am Zuckerrohrschnaps und starrte auf den breiten Strand dieser so riesigen Insel in der Amazonasmündung. Braunes Wasser schlug in schlappen Wellen auf weißen Sand - das halbe brasilianische Inland hatte der Strom mitgeschleppt und spuckte es hier gelangweilt wieder aus.

Aus den scheppernden Boxen da in dieser Bretterbudenkneipe drang kein Samba, kein Rumba - nee, Ray Charles und Barbra Streisand sangen ein Duett. Nur unterbrochen von diesem Klatschen, das entstand, wenn dieser alte, fette Sack im rostroten Designerhemd am Nebentisch die Fliegen auf seinem Arm erschlug. Sie dann zwischen zwei Finger nahm, in aller Ruhe betrachtete - und kurz dem Hypnostudenten zuzwinkerte, bevor er die Kadaver in den Aschenbecher, neben all die nur halb aufgerauchten Reste von Selbstgedrehten, fallen ließ.

Der Hypnosestudent sehnte sich. Nach Regen, nach St. Pauli, nach kaltem Wind am Hafen. Auf Marajo war's immer nur drückend heiß, und jeden Tag regnete es um die gleiche Zeit. Hier traf man sich vor dem Regen oder nach dem Regen. Ein kurioses Nest aus halbverfallenen Kolonialbauten war's, wo er gestrandet war. All die Aras und Amzonen machten den ganzen Tag einen Höllenlärm, und überall dieses fliegende und kriechende Ungeziefer ...

Hier machten die Leute aus Belem Urlaub, fuhren hinüber mit schrottreifen Fähren und schliefen in billigen Pensionen ohne Klima-Anlage. Tanzten dann, ganz Postkartenklischee, Samba nachts um 1 h auf der ansonsten menschenleeren Straße. Die Matratzen in der Pension sahen aus und rochen auch so, als sei mehr als nur ein Mensch dort an Malaria verendet. Wasser in der Dusche gab's nur temporär. Ein paar Kunststudenten hatten ihn auf der Überfahrt gezeichnet, "Gringo" dann unter das Bild geschrieben. Er hatte die ganze Überfahrt sein rätselhaftes Lächeln aufgesetzt. War's doch das einzige, was er konnte - rätselhaft lächeln ...

Ich saß so auf meinem Sofa und träumte von ihm. Ich mochte sein rätselhaftes Lächeln. Sinnierte nach, was der Dicke im rostroten Designerhemd ihm jetzt wohl vorschlagen würde - der führte doch was im Schilde. Daß der Dicke eben nicht nur eine Büffelfarm betrieb, so wie er's immer behauptete - und davon gab's auf Marajo in der Tat die eine oder andere -, das konnte mein Hypnostudent ja nicht wissen. Der war so ganz mit seiner Trauer beschäftigt, dieser Trauer darüber, daß es ihm unmöglich sein würde, wieder an der Elbe spazieren zu gehen, im Nieselregen, mit The Cure oder den Violent Femmes im Walkman ... für ihn gab' schließlich kein Zurück.

Der Dicke im rostroten Designerhemd ahnte das freilich nicht. Woher sollte er's auch wissen? Der hatte Schiß, daß der Gringo Mirnix, Dirnix mit der nächsten Fähre wieder verschwinden könnte. Der sah nur dieses blonde, braungebrannte Jungengesicht und suchte halt 'nen Weg, von diesem Anblick auch zu profitieren.

Ich riß mich an solchen Abenden immer los von der Geschichte, ging in die zugemauerte Küche - guckte erst, ob meine Mitbewohnerin und ihr stets besoffener Freund auch wirklich nicht da waren. Die lachten sich immer schlapp, wenn ihre Hündin mich in der eigenen Wohnung verbellte. Die wollte ich nicht mehr sehen.

Setzte dann einen Kaffee auf, wenn die nicht da waren, wollte ja noch raus. Zu Katharina z.B.. Einfach da sitzen, am Jever nippen und die Songs aus der alten Music-Box hören. Hilde, Heinz Erhardt, ja selbst der unvermeidliche English Man in New York gehörte da hin in's Toom Perstall, auch wenn ich den haßte und nirgendwo sonst hören wollte. Wollte mich freuen, daß Vera da hinter der Bar stand, Vera, die später wieder Werner wurde und mir immer zu Weihnachten 'nen Paket mit Weihnachtsmann und Zimtsternen mitgab. Habe mich jedes Mal tierisch gefreut ...

Es gibt halt Tage, da fühlt man sich wie nicht zuende gedacht. Wie irgendwo angefangen und dann falsch weitergestrickt, durchsetzt mit fallen gelassenen Maschen ... Wenn man nach so turbulenten Wochen, harten Kämpfen und auch Triumphen, in sich zusammensackt und nicht mal mehr Überdruß fühlt, sondern sich fragt, warum man nicht ganz einfach in einem großen Krawall explodiert ist, um endlich Freiraum für ein neues Leben freizusprengen ... dann sitzt man gedanklich wieder da wie einst, auf dem Sofa am Neuen Pferdemarkt, zurückgebeamt in's wirre Einst, und fragt sich, wie die eigentlich weiterging, die Geschichte mit dem Hypnosestudenten. Muß mal nachschauen. Was zum Teufel machte der eigentlich auf Marajo?

08.12.05

Trauer, Schrecken, Horror, Scheiße!

Wenn das hier wahr würde - furchtbar wär's!!!

Meine heißgeliebte FR!

Die FRANKFURTER RUNDSCHAU PLUS - sensationell wichtig ist sowas. Ist ja noch nicht mal übertrieben, diese Zeitung, die sich all dieser modische Häppchenscheiße, diesem ganzen ökonomistischen Nachgeplapper so konsequent entzieht, diese Zeitung, in der man noch nachlesen kann, was Gewerkschaften wirklich sagen, anstatt immer schon die diffamierte Variante in große Rhetorik verpackt präsentiert zu bekommmen (nicht, daß ich denen besonders häufig zustimmen würde, den Gewerkschaften, ich will aber wenigstens wissen, was deren Positionen sind, und was Herr Hundt und seine Kumpels sagen, kann ich ja auch in allen anderen Zeitungen lesen, mal als Zitat und mal ab- und umgeschrieben von sogenannten Journalisten), es ist also wirklich nicht übertrieben, eben diese Zeitung als eine der letzten Bastionen der Demokratie in einem - von ein paar Nischen abgesehen - ansonsten fast komplett gleichgeschalteten Medien-Kosmos zu begreifen.

Und der FR-PLUS-Teil - wirklich vorbildlich, weil er zu vertiefen versuchte, was andere einfach nur breit treten. Mit dieser Zeitung geht's mir wie 'nem Rentner, der an alles sich gewöhnt hat und aus Gewöhnung Glück gewinnt, die gehört zum gelungenen Tag einfach mit dazu!

Was soll ich als Hamburger denn mit Frankfurter Lokalnachrichten??? Liebe Leude von der FR, ich habe euch doppelt abonniert (einmal für mich, einmal für meine Schwester), macht keinen Scheiß!

gute taz, böse taz

Über solche Artikel könnt' ich mich ja glatt wegfreuen! Einfach lesen und genießen - was mit einem so hehren und wichtigen Begriff und Faktum wie Freiheit so alles für Schindluder getrieben wird, ist immer wieder zum Kotzen. Wenn's stimmt, was der Rezensent in seinem Artikel schreibt, scheint der Herr de Fabio ja sogar noch Marius Müller-Westernhagen zu toppen ...

Ärgerlicher hingegen ...

... dieser Text. Der ist natürlich gut gemeint, will er doch zeigen, daß eben nicht alle sogenannten Immigranten nur wahlweise Koks- oder Crack dealend an irgendwelchen Straßenecken rumhängen, wenn sie nicht gerade damit beschäftig sind, wahllos Frauen zu vergewaltigen oder aber abwechselnd sich und andere zwangszuverheiraten.

(Mein sich gerade seinem Examen widmender, iranisch-stämmiger Kollege hat heute bei uns in der Küche Moderatoren gecastet, das am Rande ...)

Nichtsdestotrotz ist doch so eine Statistik an sich schon der blanke Hohn. Mit Sicherheit ließe sich auch erforschen, ob denn nun Blau - oder Braunäugige häufiger den Arztberuf ergreifen, ließe sich belegen, daß Menschen mit Schuhgröße 45 überproportional oft Bindungsängste haben oder daß Menschen mit friesischen Vorfahren wesentlich häufiger beim Führerschein durchfallen als solche mit Hasenscharte.

Mal eben so ''ne Grenze ziehen zwischen "Immigranten" und "Nicht-Immigranten", ganz unabhängig von anderen Kriterien wie z.B. dem Unterschied zwischen Schicht- und Milieuzugehörigkeiten, Leben in der Großstadt und auf dem Lande undundund, der Kriterien sind da viele, ist ähnlich sinnvoll.

Ganz schlimm aber, so einen Dummbatz-Schluß zu ziehen wie den folgenden:

"Über die Gründe kann Karin Weiss nur spekulieren. "In den Ostländern kommen die Zuwanderer aus anderen Herkunftsstaaten als in den Westländern." Über 70 Prozent stammen aus Osteuropa und aus Asien, nur verschwindend wenige aus der Türkei und den Alt-EU-Staaten. Karin Weiss: "Es spricht vieles dafür, dass in den Familien dieser Herkunftskulturen Bildung einen höheren Wert hat."

Für die jüdischen Zuwanderer aus den GUS-Staaten und für Vietnamesen kann Weiss das mit Daten nachweisen. Spitze sind die Vietnamesen in Thüringen: Von ihnen besuchen 63 Prozent ein Gymnasium. "

Immerhin wird auf's Spekulative verwiesen, um dann wiederum Prozentzahlen als Nachweis" kultureller" Hinter-, Vorder- oder sonstwas für Gründe anzuführen. Hier wird, wie üblich, so was wie Kultur mal eben nebenbei vorausgesetzt, anstatt klar zu machen, was das überhaupt ist.

Es stehen auch ein paar ganz intelligente Sachen in dem Artikel, z.B. die Zugangsmöglichkeit zu Kindergärten. Für selbsternannte Freiheitsfreunde wie Michael Miersch hingegen ist das natürlich Wasser auf die Mühlen ihres nur schlecht getarnten Kanakenhasses - klar, Herr Miersch würde das immer anders nennen und meint natürlich etwas ganz anderes, entschuldigen Sie vielmals, wenn er schreibt: "In der taz stand ein schöner Beleg dafür, dass es kein Ausländerproblem gibt, sondern, ein Problem mit Zuwanderern aus bestimmten Kulturkreisen."

Er meint damit bestimmt den deutschen Kulturkreis. Zitat taz: "In Brandenburg, das unter den Ostländern den Spitzenplatz erreicht, legten 44 Prozent aller Migrantenkinder das Abitur ab. Das sind deutlich mehr als unter deutschen Schülern Brandenburgs, von diesen schafften nur 29 Prozent die Hochschulreife."

Da ham wir's! Inländer raus, möchte man da ausrufen, sonst schaffen's wir doch selbst mit Merkel nicht zurück an die Weltspitze!

Wobei nicht ganz klar ist, wieso er dann von Zuwanderern spricht ... senken die hinzugezogenen Wessis die Abi-Quote dort so drastisch? Oder gar die Leser von Herrn Miersch? Zu denen ich ja auch gehöre, und 2,7 als Abi war ja so doll auch nicht ... wahrscheinlich lesen den alle ab 2,5 dann auch lieber gar nicht erst.

Ich hab's trotzdem getan, und frage mich ein weiteres Mal: Wie bringen diese ganzen "Liberalen" eigentlich ihren Freiheits- und ihren Kulturbegriff zusammen? Letzterer entkommt man ja zumindest dann nicht, wenn man aus den arabischen Gebieten stammt, in diesen Regionen zumindest scheint so eine Art Kulturdeterminismus vorzuherrschen, ebenso bei Vietnamesen, der noch bis hinein in Abi-Rankings ragt ...

Was alles nicht daran ändert, daß dieser Irre mir langsam richtig Angst macht ...

.

The Fugees und die Babyshambles

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Na gut, ich nehm's zurück. Das mit der Süddeutschen als dem wahren Fachblatt für Irrelevanz. Klar, täglich steht auch dort viel Wortmüll, aber das hier ist toll. Da möchte man den ganzen Artikel zitieren, es seien aber doch nur die folgenden Sätze:

"Man muss Popmusik auch mal nutzwertorientiert betrachten. Und nicht immer nur mit jener Sorte Emphase, der es immer allein um Intensitätserfahrungen geht. Stattdessen könnte man zum Beispiel gerade im Moment mal in ein Unterhaltungselektronik-Fachgeschäft gehen und sich die Leute in der CD-Abteilung angucken. Das ist die schweigende Mehrheit, die nur einmal im Jahr dorthingeht, mit schlechtem Gewissen nach einem überraschungsfreien Geschenk schaut und am Ende mit vier CDs nach Hause geht, eine für Mama, Papa, Kind, dazu für sich selbst noch eine Hit-Compilation, einen runtergesetzten Klassiker und die neue Madonna.

Diese Leute kaufen da doch keine Intensität. Sondern bloß etwas, um die Stille zuhause zu übertönen, etwas, das ihren Alltag ein bisschen bunter macht, das die wesentlichen innerhäuslichen Freizeitbeschäftigungen ihres modernen Menschseins musikalisch untermalt. Die da wären: Entspannen, Traurigsein, Sex."

Wie traurig, wie wahr. Fand ja immer schon, daß man weiter kommt, nimmt man Scooter oder Yvonne Catterfield auseinander und zum Anlaß der Analyse des wahren Populismus, will man Sinnvolles über Gesellschaft sagen, als wenn man meint, eine popkulturelle Geschichtsschreibung von BRD und DDR habe von den 39 Clocks auszugehen, lieber Herr Diedrichsen.

Bleibe auch bei der Behauptung, daß Pop nur hinsichtlich Lifestyles, Lebensstilen politisch wirksam werden kann - immer dann, wenn solche Gegenstand politischer Prozesse und Auseinandersetzungen sind und Pop sie thematisiert, wirkt er gesellschaftlich. Mal progressiv, im Falle von Neonazis auch schaurig, scheußlich und verwerflich.

Während ich das schreibe, höre ich gerade die Babyshambles. Großartig, fantastisch, sensationell, wundervoll, deren Album "Down in Albion". Die singen auch von Tories und New Labour, sind aber im letztlich im oben genannten Sinne politisch.

Nicht, weil Doherty sich dem Boulevard zum Fraß vorwirft, auch nicht, weil sich exzessiv Drogen reinpfeifen auch nur irgendetwas voranbrächte. Sondern vor allem wegen der Offenheit der Form. Wegen der Suche nach Struktur im Song, ohne diese zu Ende zu führen. Diese Weigerung, irgendwas wirklich auf den Punkt oder zu Ende zu bringen. Diese Vorläufigkeit, die den Moment umschmeichelt, ganz "in love with a feeling" seiend.

Die sperren sich so immanent-ästhetisch gegen diesen - ja, dann doch mal die ältere, kritische Theorie - falschen Schein der total geworden Immanenz von bonbonrosa Bilderwelten, die immer nur erneut "Grün ist die Heide" in allen Varianten intonieren, und das kurioserweise auch in Ländern, die ohne Heimatfilm auskamen.

Alle Gangsta-Varinaten, alle Inszenierungen purer Rebellion bleiben dem immer verhaftet, wenn sie dagegen sich postionieren. Die Babyshambles hingegen spielen zwar perfekt auf der Klaviatur des Marketings und sabottieren doch mit der Form, die sie wählen, all das, wofür es steht. Das war schon das Tolle an The Libertines. Es wird nur noch pointierter durchgezogen dank des teil-enzeklopädischen Ansatzes : Da findet sich in dem Zitat und dessen Dekonstruktion dann schlicht Gefühl - ganz nackt und ganz verletzlich.

Die Baybshambles wird meine Schwägerin nie hören. Die bleibt bei PUR und Xavier Naiidoo, und letzterer gibt ja Hoffnung im oben genannten Colour-Line-Arena-Dreck der liberalen Bedürfnisbefriedigungsmaschinerie knackärschiger Gymnasiasten und ihren zu Madonna kreischenden, blonden Klonen, die kurz darauf im Bushido-Konzert stehen und dieses ganze "Ich fick Dich, Alter" total geil finden und auch noch glauben, "Staatsfeind Nr. 1" habe irgendwas mit Rebellion zu tun - ist doch auch nur schleimiges sich-unterwerfen unter Marktstromlinienförmigkeit.

Bushido und Madonna (die aktuelle, nicht die von einst) und die Fugees: In dieser einen (und nur dieser) Hinsicht sind sie gleich, sie erfüllen die marketinggerechte Totalisierung der Form. Die Babyshambles setzen stattdessen auf die Offenheit der Struktur und landen so beim Gefühl. Dafür muß man sie lieben.

07.12.05

O Schreck!

Allert-Alarm.jpg

Da erkläre ich so ganz für mich allein den 7.12. zum Tag der Dichtung und dann sowas: Auf einmal, an irgendeiner Bushaltestelle in der Hamburger Neustadt, durchfährt mich ein Name wie Schock: Kristiane Allert-Wybranietz!

Das geht tief unter die Haut, ein Schlag wie in die Magengrube - gegen diese Kristiane Allert-Wiebranitz-Verschenken-Welle waren noch "The Fog - Nebel des Grauens" oder dieses Texas-Chain-Dingens-Massaker reine Komödien. Auf einmal sinnierten erwachsene Menschen in Sätzen wie "Einsam fühle ich mich, wenn ich meine Hände austrecke und nur Fäuste fühle" oder so ähnlich vor sich hin, meistens genau jene, die auch den "Tod des Märchenprinzen" mit sich rumschleppten wie eine Bibel. Schlimm war's!

Wieso man solche Leutewie Frau Allert-Wybranietz irgendwo abspeichert und Jahre später dann plötzlich wieder weiß, wie die hießen und was sie waren, obwohl man ewig nicht an sie dachte ... verstehen tue ich nicht, wo das dann plötzlich herkommt.

Aber zur prompten Kompensation der Erinnerung an so schlimme Zeiten nun noch'n Gedicht:

Der Guck-Guck ist ein Vogeltier
das weiß man ganz genau.
Kommt er jedoch als Hund zur Welt,
so nennt man ihn Schau-Schau.

Na ja. Ich lieb den ja schon, den Heinz Erhardt. Nun noch mal zurück zu Erich Mühsam:

Verwirrt von dem Erlebnis dieser Tage
will ich zurück zu meinen Künsten fliehn.
Im stillen Rhythmus einer wehen Klage,
ein Neues, mags in fremde Seelen ziehen.
Vielleicht steht irgendwo ein Unbekannter,
in dessen Tränen Eine meiner gleicht, ---
ein Trunkenbold des Leides, ein Verbannter,
verwirrt von einem Glück, das floh. Vielleicht.

Und:

Jeden Abend werfe ich
eine Zukunft hinter mich,
die sich niemals mehr erhebt.
Denn sie hat im Geist gelebt.
Neue Bilder werden, wachsen;
Welten drehn um neue Achsen,
werden, sterben, lieben, schaffen.
Die Vergangenheiten klaffen.
Lobend, wirbelnd stürzt die Zeit
in die Gruft. - Das Leben schreit!

Womit dann alles gesagt wäre ... hätte die Knef das gesungen, es wär viel, viel mehr noch als ein Evergreen geworden ...

(Heinz Erhardt, SaTIERliches, Hannover 1980, S. 82, Der Guck-Guck)
(Erich Mühsam, 2 x Ohne Titel, in ders.: Der Krater, Berlin 1909 / 1977, S. 44 + S. 40)

Es kann nicht gut sein, wenn man friert ...

So erkläre ich mal aus aktuellem Anlaß diesen 7. Dezember zum Tag der Dichtung ... noch aktueller der Anlaß, gerade mit dem Hund draußen gewesen zu sein. Nix gegen Jahreszeiten, aber da wirbeln einem dann doch Zeilen von einst durch's Hirn und bilden Eiskristalle:

(...)

Schon sehr bald, da wird man wieder frieren,
und man ist so hilflos, wenn man friert.

Plötzlich fängt der Himmel Feuer,
und die Schuhverkäuferinnen wachen auf.
Dieser Tag wird sicher auch nicht neuer,
und man nimmt das Leben wieder mal in Kauf.

Auf den Straßen nur noch Lebenssurrogate,
Liebesschwüre schwanken müde heim.
Wieder nichts geschafft als Plagiate,
und es wäre doch so schön, ein Held zu sein.

Noch ein letztes Bad in abgestandnen Bieren,
schnell, bevor die Nacht krepiert.
Irgendwer wird morgen furchtbar frieren,
und es kann nicht gut sein, wenn man friert.

(...)

Ist von Konstantin Wecker, der große Wecker von einst - für Leute wie den hier wohl der Inbegriff des Gutmenschen (lange nicht mehr so etwas gnadenlos naives gelesen wie das, was er da über Gutmenschen schreibt, weiß selbst nicht mehr, was mich immer wieder auf diese Seite führt).

Ganz anders naiv der frühe Wecker, nämlich so wunderbar unverstellt im Fühlen, da liegen so viel ungehobene Schätze in dessen Werk ...

Toll auch das hier - inmitten lauter italienischer Worte, die ich nicht verstehe, die göttliche Else Lasker-Schüler. Einfach überwältigend. Hat 'se wohl an den Benn geschrieben, das Gedicht, an dieses erdenschwere Irrlicht namens Gottfried Benn, der ihr dann in Zeilen wie der folgenden antwortete (aus der Erinnerung zitiert):

Aber wisse.
Ich lebe Tiertage. Ich bin eine Wasserstunde.
Des abends schläfert mein Lid wie Wald und Himmel.
Meine Liebe weiß nur wenig Worte:
Es ist so schön an Deinem Blut.

Nee, mit Blut und Boden hatte das noch nix zu tun, auch mit Kannibalismus rein gar nichts - ist traumhaft, sprachlich. Gehört wiederentdeckt, ebenso wie jener Erich Mühsam, der zu den ersten gehörte, der von den Nazis unmenschlich brutal massakriert wurde (die Benn zu jenem Zeitpunkt auch noch stützte, so grauenhaft im Rundfunk-Dialog mit Klaus Mann den Irrationalismus beschwörend). Über den Mühsam würde ich gerne mal das große ARD- oder ZDF-Doku-Drama sehen, statt mit Speer und Er und Dresdener Bombenopfern die Würdigung solcher Größen wie Erich Mühsam oder Ernst Toller fast intendiert dann zu verhindern.

Ein weißer Fleck in der Geschichtsaufarbeitung. Trotz dieses großartigen Buches, das mich über Jahre beschäftigt hat.

Aber ich bin dran, den weißen Fleck zu füllen. Und Noah hat ja auch schon gesagt, daß sie mitmacht. So hat der Tag der Dichtung wieder an ein Ziel erinnert - Danke, Hermelinleder.


06.12.05

Was Schönes zum Nikolaus ...

rotesau.jpg

(Quelle: www.opa-unten.de)

Den nennt man in der Schweiz übrigens Samichlaus, den Nikolaus. Und Knecht Ruprecht - wer war das eigentlich noch? - heißt dort Schmutzli.

Was mich ja nicht mehr losläßt, ...

ist seit der Lektüre des gestrigen Eintrages von Sven Regener die Frage, was sich auf Element of Crime reimt. Da hatte ja ganz offensichtlich auch der Herr Droste ernstzunehmende Schwierigkeiten und setzte so auf "Heim". Was ja nicht wirklich schön ist, rund um das Wort "Heim" zu dichten. Auch sonst fallen einem da nur so Worte wie "Schleim", "Keim" und ähnliche ein - rein phonetisch scheint im Deutschen "eim" nicht nur Schönes zum Ausdruck zu bringen ... Ausnahme:

Ich finde keinen Reim
auf Element of Crime

was jedoch schon vom Sprachrhythmus her nicht so ganz auf den Punkt ist. Schmutzli und Samichlaus geben da schon mehr her:

Der Schmutzli und der Samichlaus
inmitten eines Drahtverhaus
gefüttert vom Sabinchen
das sind dann wohl Kaninchen ...

Da kann der deutsche Nikolaus nicht mithalten:

Der Nikolaus, der Nikolaus,
läßt aus dem Sack die Sau raus

ist definitiv blöde, zum Beispiel. Spricht sich nicht gut, stimmt nicht ganz. Überhaupt: Erstaunlich plattes Party-Feeling verbreitet, was auf Nikolaus sich reimt.

Applaus, Applaus,
hier kommt der Nikolaus!

Oder:

Er lebt in Saus und Braus
der olle Nikolaus!

Irgendwie karnevalesk, kein Wunder, bei dem Kostüm. Ich werde von nun an meinen Nichten und Neffen aus vollster Überzeugung Schmutzli und Samichlaus empfehlen. Ja, ich geb's zu, auch mir ist aufgefallen, daß auch Samichlaus auf "aus" endet. Also doch lieber weiterhin ganz atheistisch:

Das Spiel ist aus, das Spiel ist aus,
für Nikolaus und Samichlaus!

05.12.05

"Auszumerzende Schwachstellen" und die Parallelgesellschaft

Es gibt sie noch: Artikel in großen Tageszeitungen, die statt auf plumpe Slogans und Kampfbegriffe nebenbei auch noch auf Texte zur Versachlichung und zur Begriffsanalyse setzen. Heute: DIE WELT. Toller, differenzierter und klarer Text Text zum Thema "Parallelgesellschaften". Kein Wunder, daß der Autor Franz Walter nunmehr der niedersächsischen Landesregierung ein Dorn im Auge ist - bemüht diese Partei sich doch derzeit, diesen Begriff zur Stiftung von "Identität" - mit was auch immer - zu instrumentalisieren. Verwunderlich hingegen, daß der Präsident der Universität Göttingen, Kurt von Figura, sie bei diesem Anliegen unterstützt und das Institut des Politikwissenschaftlers als "Schwachstelle" seiner Universität begreift, die es "auszumerzen" gelte - das schreibt zumindest DIE ZEIT. Gut, daß ein Franz Walter der Regierung ein Dorn im Auge sein könnte, wird dort auch nur als Frage formuliert. Passen würde es, zweifelsohne ...

Nachtrag 10.12.: Im Apocalypso-Blog kann der Kommentar von Franz Walter selbst zu diesem Vorgang nachgelesen werden. Seinen Akzent

... setzt er eher bei fachimmanenten, inner und interuniversitären Mechanismen, die alles, was sich der Gesellschaft und ihren Medien öffnet - über die Politik- und Sozialwissenschaften ja berichten, Achtung, Spiegelstrich -, schlicht als Feuilletonismus geißeln und zum Abschuß frei geben.

Lesenswerter Text, weil klar wird, daß Politik- und Sozialwissenschaften eben gerade dann nicht mehr geduldet werden, wenn sie sich nicht der Irrelevanz hingeben wollen. Je mehr Resonanz, desto ungeliebter, sozusagen.

Das wirkt. Das ist in der Tat auch im alltäglichen Job spürbar. Da bewerben sich für eine journalistische Laufbahn zumeist Kultur- und Medienwisschaftsstudenten. Studiengänge, die sich ja häufig dadurch auszeichnen, halbgares Halbwissen zumeist auf die falschen Gegenstände anzuwenden. So was halten sich dann die Unis als eine Art Kunst am Bau. Und die Kids, die zumeist als Studienabbrecher bei uns auflaufen, haben dann ein fantastisches Gespür für Musik und Bilder, schreiben aber Off-Texte, die strukturiert sind wie mails und SMS, aber nicht wie'n Text, der Zusammenhänge stiftet. Der Satz als Pose, sozusagen.

Die "harten" Politik- und Sozialswissenschaften (zu denen ich jetzt einfach auch mal Geschichte und Philosophie zähle) hingegen duldet man nur noch dann, wenn sie freiwillig in Fachidiotentum und Selbstreferenz sich zurückziehen.

Wenn's hingegen - z.B. Herrn Walter - gelingt, auf der Höhe der Theorie- und Begriffsbildung sich zu bewegen und das dann trotzdem allgemeinverständlich unter's Volk zu bringen - nee, das sorgt doch nur für Unruhe. Bloß nix zulassen, was nicht den allgemeinen Ökonomismus stützt (der übrigens immer auch ein invertierter Marxismus ist).

Wenn in anderen Kontexten so viel über Innovationsnotwendigkeiten geredet und geschrieben wird, so ignoriert der dominante Diskurs zugleich konsequent, daß Selbstreflexion - auch und gerade durch Politik - und Sozialwissenschaften - Vorraussetzung jeden Wandels und somit auch jeder Innovation auch auf anderen gesellschaftlichen Feldern ist.

Diese ganzen auf Anpassung, Ich-AG-Lebenslauf-Styling und Geschwafel gedrillten Mittzwanziger, die bei mir zum Vorstellungsgespräch auflaufen, die Studierten und die Unstudierten, die hingegen werden rein gar nix bewegen. Weil sie nicht bei Leuten wie Herrn Walter studiert haben ...

Das Aufheben des Widerspruchs von Moral und Egoismus

Da findet man frühmorgendlich noch die Antwort auf den voherigen Eintrag. Abgesehen von dem Herrn Nolte, der nicht umsonst auf Witwe Bolte sich reimt: Super! Hat ein bißchen was von Teilen des ersten APPD-Programms, das damals in den 80ern ...

Fürsorge und Armenhäuser

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Der guckt zu Recht so streng, der Max Weber. Der hat, mißmutig aufgestanden im Olymp großer Denker (das auf Wolken schlafen geht ihm so auf den Rücken, heute das erste Mal seit Jahren wieder das Morgenmagazin eingeschaltet, noch leicht verkatert vom Besäufnis mit Schopenhauer, und sah Herrn Röttgen von der CDU. Der Schock saß eh schon tief, Menschen, die die Aura frisch gewaschener Mittelklassewagen versprühen - das ist nicht so Max Webers Ding, er war schließlich wilhelminische Elite. Aber so richtig ärgerlich ...

... wurde der Theorie-Großbaumeister, als er hörte, wie Menschen von der CDU jetzt wieder das Wort "sozial" definieren. Ein richtiger Wutanfall war die Folge - war seine eigene Definition sozialen Handelns doch so ungleich tiefsinniger .... sinngemäß zitiert: Soziales Handeln sei solches, das seinem intendierten Sinn nach auf Andere gerichtet sei.

Genau gegenteilig jener der des Herrn Röttgen. Der wählt den Umweg über "Humanität". Also eine abstrakte Entität, die man sich wie einen Orden anheftet, wenn man sich gut mit sich fühlen und trotzdem weiterhin ganz bei sich verbleiben möchte. Da referiert man dann nicht auf's Gegenüber, sondern auf's eigene Menschenbild (Foucault).

Sein Vorstellung sozialen Handelns ist nicht das auf den Anderen gerichtete Handeln, denn das impliziert - da bin ich ganz bei Habermas - auch immer schon wechselseitigen Respekt. Der will lieber so eine Art "Brot für die Welt" für bundesdeutsche "Bedürftige". "Hilfe für Hilfsbedürftige" hat er eben gesagt. Das ist Schritt 1 dorthin. Das kann man z.B. bei Konzerten im Hamburger Stadtpark verfolgen: Die Scheidelinie zwischen Inklusion und Exklusion ist eine Hecke. Jene zwischen denen, die drinnen stehen und jenen, die draußen lauschen ...

Leute wie Herr Röttgen wollen ein Konzept der Rechte wieder durch eines der Fürsorge ersetzen. Mit Armenhäusern und Suppenküchen. Da schwingt's wieder mit, dieser "Wer keine Arbeit hat, hat selber schuld. Der fliegt raus aus der Gesellschaft. Vielleicht hat er ja Glück, holt sich 'ne Querschnittslähmung oder wird obdachlos. Fürsorglich und von oben herab kümmern wir uns dann wieder um ihn, wenn er schön bitte sagt ... ".

04.12.05

Fußball Pränatal

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Bei einem solchen Hochzeitsbild der eigenen Eltern kommt man wohl nicht umhin, später selbst Fußball-Fan zu werden ... wenn's zum Spielen schon niemals reichte ... 1 Einsatz in der Klassenmannschaft und nach 3 Minuten wegen hohem Bein vom Platz gestellt .... dann nur nur noch auf der Bank gesessen und für die Haupttribüne geübt ....

Zu spät gemerkelt - aber trotzdem!

Daß nämlich, setzt man das Merkelsche Motto "Mehr Freiheit wagen" in Beziehung zum Willy Brandtschen Original, "Mehr Demokratie wagen", da hinten als Motto "Freiheit statt Demokratie" 'rauskommt. Und das bringt dann doch in's Grübeln ...

PS: Da ist die Frau Bundeskanzler noch nicht mal selbst drauf gekommen. Kann man hier nachlesen, beim immer wieder brilianten Alan Posener. Denn merke: Wer Elvis Presley liebt, der hat notwendig mehr Schwung in der Schreibe und im Gedankengehen...

03.12.05

Sehnsucht nach Foucault, nach Habermas und Herbert Schnädelbach

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Bin ja doch eitel und neugierig und schaue deshalb immer in den "Statwatches" nach den den paar Hits, Suchanfragen und so, die Menschen auf diese Seite führen. Ein ganz klein wenig häufiger als andere (so oft nun auch wieder nicht, aber immerhin) schaut hier jemand von einem "PC Outside" der Universität Greifswald vorbei. FU Berlin war auch schon dabei, aber Greifswald - ich gebe zu, ich weiß noch nicht mal, wo das ist. Da schaut man dann ...

... halt einfach mal auf der Homepage dieser ehrwürdigen Institution vorbei. Klar, zur Philosophie zieht's mich hin: Komme dann ins Schwelgen ... auch wenn da offensichtlich ganz schön viele Nietzscheaner im Lehrkörper sitzen, aber das macht ja nichts.

Werde ab heute jeden Freitag von 10-12 h trauern, weil ich nicht der Vorlesung des Herrn Stegmaier zum Thema "Ethik und Systemtheorie" beiwohnen kann. Ganz ironiefrei: Das würde mich maßlos interessieren. Auch 'n Seminartitel wie: "Was Kunstwerke in Wirklichkeit sind. Zur Ontologie turbulenter Entitäten" hätte mich in irgendeinen trüben Seminarraum gelockt - alleine schon, um mich dann über die "Ontologisierung" aufzuregen und doch das mit den turbulenten Entitäten angesichts eines, sagen wir, Picasso in seiner blauen Phase wirklich lustig zu finden. „Sokrates ist cool“. Das Zusammenspiel von Referenz und Prädikation" hätte mich hingegen abgeschreckt, ist so anschleimend, auch wenn's nur ein Beispiel für die Prädikation ist ... mochte immer lieber das Altehrwürdige als dieses Ranschmeißen an den Pop.

So hängt man seit 1996 im Medienzirkus und trauert immer noch ... so viel Leidenschaft, wie nach einer Vorlesung des größten aller Philosophie-Lehrer, Herbert Schnädelbach, mich wahlweise in Buchhandlungen, an den Computer oder einfach auf mein Sofa zum Weiterlesen trieb, war danach im Job nie mehr der Fall. Da, im Job, war immer viel mehr Angst, viel mehr Streß, und vor allem: Immer noch viel mehr Durchmachtung.

Gerade nach Wochen wie der letzten, wo man auf einmal wieder ganz tief drin steckte in diesem unauflöslichen Sumpf aus Strategie, aus Machtverhältnissen, inhaltlichen Diskussionen und persönlichen Befindlichkeiten ... Sehnsucht ... und dann immer auch gleich diesen Riesenfelsen auf dem eigenen Rücken: Die Verantwortung für ein paar Jobs ... Sehnsucht ... da will ich dann zurück in den Phil-Turm, in die Schnädelbach-Vorlesung, will wieder einfach nur mein ganzes Dasein in den gedanklichen Versuch, Habermas und Foucault zu vermitteln und gar nicht als Gegensatz zu begreifen, hineinfließen lassen ... und will dann davon wieder so ergriffen, so tief durchdrungen sein wie einst, als man sich mit Freunden im damaligen Bistro des Schmidt's Tivoli, in der Wunderbar oder bei Katharina traf und erstmal eine halbe Stunde brauchte, bis man wieder normal kommunzieren konnte.

Jetzt turnt man als Effekt von Kommunkationsstrategien durch die Medienlandschaft und plaziert mal trojanische Pferde in medialen Formen, mal die Übersetzung der eigenen Gedanken in "populäre" Sprache - was ja alles andere als schlecht ist. Als ich vor ein paar Jahren meinen Philosophie-Prüfer auf einer Veranstaltung im hannöverschen Sprengel-Museum traf und rumjammerte, sagte der völlig zu Recht, das sei doch was Vernünftiges, was ich jetzt mache. Und doch: Mit diesem ungebremsten Wissendurst, der einfach Klarheit wollte, mit dieser Lebensqualität kann der Dauerkampf im Jetzt nicht mithalten ... Gruß nach Greifswald. Ich bin neidisch. Auf's Studieren. Nicht auf die Stadt ;-) ...

Eigentlich 7:1

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Banknachbar: "Gleich fällt das 2:2".
Ich: "Quatsch, dazu sind die Bremer zu schlecht in ihrer Chancenverwertung".

Bremen versemmelt 'ne Chance.

Ich: "Du mußt einfach nur den Satz, den ich eben gesagt habe, wie so'n Mantra immer wieder innerlich vor Dich hinbeten!"
Banknachbar: "Gute Idee!"

Das 2:2 fiel. War wohl nix.

Das 3:2 fiel.

Ich: "Komm, zwei schaffen wir noch!"
Banknachbar: "Du bist ein Spinner!"

Er hatte ja Recht ... es fiel nur noch eins ...

Man fragt sich ja langsam, ob das sowas wie 'ne Massenpsychose ist. Ob das alles WAHR ist. Wie ein Rausch aus rotgetönten, mit Leidenschaft aufgeladenen Bildern kommt mir das vor. Ist das 'ne coole Mannschaft, die wir da haben!!!!!!!

Bis auf die letzte Viertelstunde, nach Gelb-Rot für die Bremer Nummer 6, als ich schon dachte, wir machen jetzt alle 2 Minuten noch'n Tor, fand ich unsere Manschaft besonders souverän eigentlich nicht. Sie waren engagiert und haben alles gegeben, klar. Aber Bremen war wirklich gut - haben wirklich quirlig und blitzschnell und zweikampfstark alles getan, uns von deren Tor fernzuhalten. Weil's ja auch wirklich immer gleich brandgefährlich wurde, wenn die unseren vor deren Tor auftauchten ... sauschlechte Abwehr, stark nach vorn und auch wirklich sympathisch mit Lust, Laune, Leidenschaft und ungezügeltem Offensivgeist spielend waren die Bremer, und die Viertelstunde nach der Halbzeit wurden unsere Boys in Brown beinahe an die Wand gespielt.

Um dann doch so furios, so großartig zurückzukommen ...

Banknachbar nach dem 2:2: "Jetzt müssen sie aber zeigen, daß sie Moral besitzen!"
Ich: "Also, einen Mangel an Moral kannst Du dieser Manschaft nun wirklich nicht vorwerfen!"

In der Tat! Wie sie noch mal nachlegten und dem Gegner energetisch überragend den Knockout verpaßten ... haben ein wenig gespielt wie "der Tiger" boxt: Das Risiko gehen, auch verprügelt zu werden, kurz zu wanken, um dann im Showdown die Schläge auf's Gegenüber einprasseln zu lassen, durch nichts zu bremsen ... wow!!!

Nur dieser Schiedsrichter ... fordere Berufsverbot. Waren's 3 Elfmeter, die wir nicht bekamen? Warum wurde das Handspiel vor dem 2:1 nicht gepfiffen? Also eigentlich 7:1. Tabellenführung.

PS: Der Herr Bergmann. Man bekommt das Gefühl, der hat beim Spiel gegen Bochum die eigene Mannschaft erst wirklich begriffen. Der macht ja nix mehr falsch. Wechselt meinen erklärten Lieblingsspieler Jeton Arifi völlig zu Recht aus, der war zu nah dran an der Spielweise der Bremer - und bringt zum Zeitpunkt, da das Spiel zu kippen droht, dann den Shubi, der's dreht. Gönnt Mazingu die Standing Ovations, läßt kein Schönspielen mehr zu ... der Mann ist lernfähig. Das größte Kompliment, das man meiner Meinung nach einem Menschen machen kann ...

Lust & Liebe

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(Quelle: austrianpsycho/flickr)

Mein aktuelles Lieblingsposting im St.Pauli-Forum:

"Ach so ich bin im übrigen nicht verliebt, nicht mal fast

... aber dafür hab ich Nudelsuppe!"

02.12.05

Von wegen: "Das will keiner lesen!"

Da freut sich der Mensch. Summt fröhlich vor sich hin - Lieder von Dosenfischen, die sich lachend in's Meer stürzen, fühlt sich nervous & blue und trauert um Hunde, die ganze Schiffe enzücken und dann über Bord gehen, "eben noch lustig, und jetzt schon fort".

Freut sich, daß im so staatstragenden Umfeld von DIE ZEIT, wo neuerdings Eurabia-Phobiker Massen-Psychosen vorbereiten, das wahre Leben sich findet: "Und da sind wir nun. Das Leben von Rockmusikern ist ereignisarm und höchst ergebnisoffen. Guter Stoff für Blogs sieht anders aus."

Von wegen. Ist doch der Grund für fast alle Blogs Ereignisarmut (Ausnahme: Der hier!) im eigenen Dasein, genau das kultiviert der Blog (das Blog? Habe ich auch noch nicht begriffen... ) dann als neue Kunstform, behaupte ich mal. Deshalb surft man ja stundenlang auf der Suche nach dem nächsten Aufreger durch's Netz (weil man ja auch die wirklich wichtigen Ereignisse des eigenen Alltags eh niemals im Blog formulieren würde, viel zu gefährlich, den Job und die Freunde braucht man ja). Genau deshalb bloggen so viele ja vorzugsweise über das Bloggen.

Also: Nochmal Freude, darüber, daß Sven Regener jetzt bloggt. Dann ist man zum Glück nicht mehr auf so dramatisch schlecht geführte Interviews auf der selben Homepage angewiesen ...

Freude!

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(Quelle: http://www.fc42.de)

Wenn einem schon morgens die Ode durch die Freude durch den Kopf geht und deren Chöre echogleich darin hin - und herschwingen, dann kann ja eigentlich nix schief gehen ... freu' mich schon die ganze Woche darauf, wieder ein Flutlichtspiel!

Obgleich ich Werder Bremen auch wirklich gerne mag. Auch wenn ich das Spiel gegen die Werder-Amateure als das schlimmste Spiel der letzten Saison in Erinnerung habe. Lustlose Renten-Fußballer gegen hochengagierte Jungspunde ... war eines dieser Spiele, da man wutentbrannt sich dachte, daß man da einfach nicht mehr hingehen könne, an's heißgeliebte Millerntor.

Um dann schon mitten in der Trauerarbeit steckend beim nächsten Heimspiel doch wieder da zu sitzen, gegen Braunschweig, und ein wirklich furioses Kampfspiel zu erleben mit traumhaftem Arifi-Tor und wieder Herzchen über dem eigenen Kopf schweben zu haben, wenn man an den FC St. Pauli dachte ... da hätten wir nicht nur beinahe den doofen Braunschweigern den Aufstieg verhagelt. Da habe habe ich auch euphorisierte SMSsen an Peer-Arne geschickt, der nicht im Stadion sein konnte, weil da spürbar war, bei diesem Braunschweig-Spiel, daß diese Saison was gehen könnte ... da fiel der Entschluß, doch wieder eine Dauerkarte zu kaufen: "Komm, Peer-Arne, nächste Saison geht was, da sind die Rentner weg, da kommt die zweite Reihe zum Zuge, die kann was, die will was, da müssen wir wieder dabei sein, den Kopf nicht hängen lassen!" ... und mittlerweile geht ja wirklich was, mit ganz ähnlichen Mitteln wie damals beim Braunschweig-Spiel .

Also, Jungs: Werder heute schafft ihr! Weil ihr nach dem Spiel in der letzten Saison den irrevedierbaren Turnaround geschafft habt! Und so viel coole, neue Spieler auf dem Platz stehen! Ich sag nur: Ein Luz ist ein Luz ist ein Luz ....

01.12.05

Weltaidstag oder: Da sei der Papst vor

Der mit Abstand beste Eintrag zum heutigen Weltaidstag findet sich hier . Nicht nur lustig zu lesen, auch wahr.

Die päpstliche Drohung, Organisationen nicht mehr zu unterstützen, die Homosexuelle ihrerseits unterstützen oder positiv darstellen, zeigt nun auch hier Wirkung - über die rege ich mich ja eh derzeit täglich auf, über diese Zeitung. Und das zu Recht:

Auch wieder so ein Beispiel für neue Schwulenhatz mit alten Mitteln.

Nein, liebe Frau Rest, ich habe das genau gelesen, auch die relativierenden Einschübe - "bestimmte Szene", auch, daß Ralf nicht stellvertretend für alle Homosexuellen stünde und er selbst dies auch betont, ist mir nicht entgangen. Dann wäre es ja vielleicht angemessen gewesen, auch verschiedene Exemplare der Gattung "Schwul" heranzuziehen. Und vor allem nicht nur diese, sondern auch 'n paar Heteros, wenn's um Neuinfektion in Sachen AIDS geht.

"Ja, warum denn, es geht doch genau um diese Barebacking-Szene ..." Liebe Frau Rest, dann lassen sie aber Absätze wie den folgenden einfach sein und zitieren stattdessen gleich mal den Koelnboy, siehe oben:

"Aber die Welt, in der einer wie Ralph jetzt das HI-Virus hat, ist eine andere als vor zehn Jahren. Schwulsein ist endgültig raus aus der Schmuddelecke. Das Versteckspiel ist vorbei, die Szene offen, gut organisiert und aktiv wie nie. Wer Sex haben will, kriegt ihn. Überall."

Als Zwischen-Überschrift zur Leserführung dann: "Sexfeste ohne Gummis in jeder deutschen Großstadt".

Der erste Absatz ist schlicht so nicht richtig. Dafür ist übrigens gerade Ihr Artikel ein Beleg. Schwulsein ist keineswegs raus aus der Schmuddelecke, das Versteckspiel ist nur in einigen Milieus vorbei. Noch schlimmer: Ihr ganzer Artikel, liebe Frau Rest, erschöpft sich in der Absicht, Schwule da auch möglichst wieder hineinzubekommen, in diese Schmuddelecke. Was sollen denn solche schaurigen Zwischenüberschriften? Was soll diese Überschrift: "Warum die Infektionszahlen steigen?" und dann eine Beschreibung der schwulen Szene? Wer sind denn die anderen 40% Prozent (wenn Ihre Zahl da überhaupt stimmt, ich bezweifel das)? Wieso ist dieser Ralf Ihr einziger Kronzeuge, wenn er sich denn gar nicht generalisieren läßt?

Was sich aber Ihrer Ansicht nach generalisieren läßt, ist, daß unbescholtene Normalbürger eigentlich ständig damit rechnen müssen, daß hinter der nächsten Vorgartenhecke wieder ein paar rammelnde Ledertunten sich finden. "Wer Sex haben will, kriegt ihn. Überall!"

Weiter im Text:

"Es gibt die Dark Rooms bestimmter Schwulenbars, schwule Saunen, kommerzielle Sex- und Fetisch-Feste. Es gibt längst Gay Chats im Internet. Im Forum von gayromeo.de sind an einem Werktagnachmittag nur in Berlin mehr als 2000 User online, jeder mit Steckbrief abrufbar. Alter, Größe, Aussehen, Hobbies, Vorlieben; unter anderem Safer Sex, wahlweise: „Immer“ / „Nach Absprache“ / „Niemals“. Es geht auch darum, Leute kennen zu lernen und sich zu verabreden. Aber es geht vor allem um Sex auf die Schnelle. „Du kannst da alles bekommen, worauf du grade Lust hast“, sagt Ralph."

Abgesehen davon, daß der pure Neid da aus den Zeilen spricht - selbst wenn es das gibt, ist das anschließend an die zuvor getätigte Behauptung, die "Mehrheitsgesellschaft" sei ja ach so tolerant geworden, in einem wirklich schönhubersche Dimensionen annehmenden Maße suggestiv - der Papst habe den selig -, daß ich hier schwer unter Schock stehend quer über mein Laptop kotzen könnte. Wahrscheinlich merken Sie in Ihrer empörungsgesteuerten Scheinrecherche noch nicht einmal, was sie da verbrechen, aber klar ist: Das Ganze liest sich wie "Das hat man nun davon! Jetzt liberalisiert man schon, und prompt hängen die überall rum, ficken sich die Seele aus dem Leib und steigern damit auch noch die Infektionsrate, die Schwulen." Die haben ja "längst" Gay Chats im Internet ...

Das ist nicht nur übelst repressiv hinsichtlich eines freien Umgangs mit Sexualität, es unterläßt auch das Denken: Erstens werden viele Treffpunkte als auch die umfangreichen Netz-Präsenzen auch deshalbso intensiv genutzt, weil im ganz normalen Alltag eben fast alles heterosexuell ist und man insofern angewiesen ist auf diese Infrastrukturen (wie im ganzen Text ihr Einschub-Prinzip. Die komplexere Wahrheit am Rande kurz erwähnen, aber dann weiter mit der Propaganda. Außerdem scheinen Sie "nur kennenlernen wollen" höher zu bewerten als Sex. Warum eigentlich?). Zweitens suggerieren Sie, schon das Mehr an sexuellen Kontakten würde auch schon ein höheres Risiko mit sich bringen, ohne die Barebacking-Frage bis dahin auch nur angerissen zu haben - und Sie müßten sehr genau wissen, was Sie damit suggerieren.

Big Daddy, der sich auf dem Drogenstrich mal eben Lust ohne Gummi holt, hat aber auch ein hohes Infektionsrisiko - selbst dann, wenn er nur einmal im Jahr dahinpilgert. Eine heterosexuelle Frau, die gelegentlich gerne 'nen One-Night-Stand hat und nicht aufpaßt, ebenso. Der einzige AIDS-Tote in meinem persönlichen Umfeld war eine heterosexuelle Frau.

Ihr Artikel ist so gebaut, als würden sie genau die letzten Fallbeispiel auf sämtliche Heterosexuelle beziehen, im schaurig-empörten Unterton von Swinger-Clubs, von Sex-Messen in allen deutschen Großstädten, von Fetisch-Treffen in düsteren Burganlagen berichten, von massenhaft aufgeilten Mittzwanzigerinnen, die lasziv an den Theken der Schwabinger Kneipen und in Dorfgasthöfen auf die nächste Eroberung warten schreiben ... . Um dann gelegentlich mal einzuschieben: Natürlich gibt es andere Heteros als Big Daddy und Irene, unser lustvolles Vorstadtmädchen... aber die heterosexuelle Infrastruktur bietet alles. Zigtausende, ja Millionen pornographischer Seiten im Netz, in allen Großstädten Straßenstrich und in bestimmten Szene-Kneipen geht man nur aus einem Grund: Sex!

Die Conclusio für Schwule wäre dann übrigens: Na, dann brauche ich ja zum Glück nicht mehr aufpassen ...

Natürlich ist die ganze "Ohne Gummi"-Kultur total Scheiße, und natürlich bedarf es da erneut der Aufklärung. Diese Parts in ihrem Artikel sind ja hervorragend. Natürlich ist ein Leben mit diesen Medikamenten Scheiße. Natürlich, natürlich, natürlich! Aber die Art, wie Sie es einbetten in ganz andere Geschichten, ist einer Journalistin schlicht nicht würdig. Lernen oder Job wechseln, Frau Rest.


Nachtrag: Sehr gutes, weit differenzierteres Interview zum selben Thema - da kann man lernen, Frau Rest - findet sie hier.. Wobei auch dort nicht problematisiert wird, wer überhaupt zum AIDS-Test geht, bei wem also die Infektion festgestellt wird ....

Verräterisch

Manchmal, aber nur manchmal ... sind Nebensätze in Filmkritiken der Hamburger Morgenpost aussagekräftiger als die Headline auf Seite 1. Heutiges Beispiel: Die Besprechung des Filmes "Shouf Shouf habibi" - Schau ins Leben, einer "Einwanderer-Komödie aus den Niederlanden".

Zitat: "Neben allem Slapstick gibt es aber doch so manchen kritischen Hinweis in Sachen Multikulti: zum Beispiel, dass die Tochter keinen niederländische Freund haben darf". Während sich umgekehrt natürlich in deutschen Dorfgasthäusern massenhaft blonde Mädels, genetisch rein und frohlockend, mit Marrokanern und Schwarzafrikanern verlustieren und die Eltern jubilierend daneben stehen, sich auf die endlich produzierten Enkel und schöne Hochzeitsfotos freuend ...

Ich bin mein Rembrandt!

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(Quelle: tbee/Flickr)

Da hat mein Michel Foucault dann aber doch so richtig was angerichtet. Seit er das Motto der "Ästhetik der Existenz" verkündete, kamen allerlei Schöngeister aus ihren nach Schöner Wohnen-Farbe stinkenden Penthouses oder auch Altbauwohnungs-WGs in Kreuzberg oder Ottensen gekrochen ...

..., fomulierten das Ganze um zur "Lebenskunst" und stehen nun in ernstzunehmder Konkurrenz zu all den Lebensweisheiten in irgendwelchen Esoterik-Schmökern. Da ein "Lebenkunst für Hartz IV-Empfänger" oder auch Bank-Angestellte sich weder gut verkauft noch den eigenen Zynismus wirklich tarnen könnte, setzen manche stattdessen lieber gleich auf Verbal-Wellness für Manager.

Ganz weit vorn natürlich mal wieder das Milchkaffee-Leitmedium der neuen Mitte, dem alles bis zum bitteren Ende vermittelnden Kampfblatt der weichgespülten Position.

Eine Detailkritik spare ich mir mal, aber folgendes ist zu betonen: Jeder noch so formal ansetzende Glücksbegriff wirkt a.) normativ und b.) macht unglücklich, weil er sowieso am Leben scheitert und ist c.) Ausdruck einer Ideologie des Individuums.

Auch für mich ist das Inidviduelle höchster Wert, aber immer Interindividualität (nicht das Kollektive, bloß nicht!)vorausetzend. Das macht der Autor nicht: Er setzt ganz auf die Karte, daß es da Manager gibt, die jemanden brauchen, der ihnen in unscharfen Begriffen eine Anleitung zur lediglich eigenen Bedürfnisbefriedigung liefert und deren Totalisierung auch weihrauchverhangen legitimiert. Zitat:

"Was Lebenskunst ausmacht, ist etwas ganz anderes: Es ist die Entwicklung einer Einstellung, einer Denkweise und eines Verhaltens, mit denen es gelingt, die eigene Souveränität und Selbstbestimmung zu stärken und sein Leben in seiner Gesamtheit zu nutzen und zu einem "gelungenen Werk" zu machen. Und genau das ist die Kardinalstrategie für die Sicherung des Lebenserfolges und Lebensglücks!"

Das Leben als "gelungenes Werk" - meine Güte, von wegen, Ich bin Deutschland! Ich bin mein Rembrandt! Bemerkenswert ist, daß Andere da gar nicht mehr auftauchen. Nur das eigene Leben "in seiner Gesamtheit" - was ist das denn bitte? Bemerkenswert auch dieser unterschwellig autoritäre Tonfall: Wenn Du das nicht machst und bedenkst, dann bist Du ungelungen, sowas wie ein Hit von Yvonne Catterfield!

Da wird das eigene Leben ganz plötzlich zu 'nem schicken Auto mit "Freie Fahrt für freie Bürger"-Aufkleber und hübsch designtem Amaturenbrett, und diese Verballhorunung des Kunstbegriffs geht mir auch ziemlich auf den Senkel. Zudem da, wo Kunst und eigenens Leben aufeinander treffen, immer nur Ausschnitte der eigenen Lebensrealität eine Rolle spielen. Das nun als Totalität des eigenen Seins zu behaupten, ist deskriptiv falsch und normativ fragwürdig: Selbststilisierungen machen nämlich unglücklich und verhindern Beziehungen.

Will man über sinnvolle Weisen des Umgangs mit dem "guten Leben" und Kunst lesen, dann lieber gleich in den Büchern von dem hier, meinem Philosophie-Prüfer, dem immer maximal klaren Martin Seel. Da kann man dann auch was lernen, statt sich von dieser Brigitte-Haftigkeit des Manager-Trainers einlullen zu lassen ....

Mit freundlicher Unterstützung durch:
ringfahndung.de