Wir sind Pokal!

(Der tollste aller Mannschaftkapitäne beim Feiern, Fabio Morena. Quelle: FC 42)
Es gibt ja sowas wie Glücks-Schocks. Da man fassungslos sich irgendwann auf dem eigenen Sofa wiederfindet, immer mal wieder kurz schluchzend, da man sich fragt, ob denn das alles wirklich wahr sein kann ... es ist wahr. Und es ist sooooooooooooooo schön, so überwältigend, so großartig ...
Wer's Millerntor nicht kennt, kann's vielleicht nicht verstehen - aber so ein Spiel wie gestern, als die so unerträglich arrogante Hertha mit ihren nicht minder unerträglichen Fans aus dem Stadion geschossen wurde, das ist so intensiv, so unglaublich mitreißend, das geht durch und durch und man ist dann St. Pauli und einfach nur GLÜCK und BEGEISTERUNG und weiß gar nicht, wohin mit den eigenen Gefühlen. Da bilden das Team auf dem Platz und das Publikum eine Einheit - und unser Team, zwei Klassen tiefer als der Gegner spielend, hat keine Sekunde aufgesteckt, hat 110 der 120 Minuten besser gespielt, hat diese Truppe ...
... überheblicher Individualisten, die so taten, als sei's schlicht unter ihrer Würde, gegen so einen Menschendreck überhaupt antreten zu müssen, durch puren Willen und pure Leidenschaft und spielerisch sogar richtig gut niedergerungen. Haben sogar noch gegen den Schiedsrichter gewonnen - war einer von der Sorte, der glaubt, millionenschweres Spielerkapital vor diesen drittklassigen Bolzrowdies schützen zu müssen ... kenne ich noch aus Liga 1. Unseren Spielern durften Menschenverächter wie Lincoln dann auch gerne mal ein Bein brechen, gab nur Gelb, und Basler hüpfte dann noch mit Hut an der Eckfahne rum vor lauter Begeisterung darüber, daß Adamu nunmehr 'nen halbes Jahr kaum laufen konnte ... das ist dann wohl der liberale Schutz des Eigentums. Was nicht als Kapital sich denken läßt, wird eben auch nicht geschützt ... auch der Hertha-Mob (die auf der Haupttribüne waren okay, aber die in den Stehplatzblöcken nicht) haben das hinreichend internalisiert. Die schießen mit Leuchtraketen auf Menschen. Die Berliner Republik zeigte mal wieder, was in ihrer Mitte steckt ...
Aber: Kein Grund zur Bitterkeit ist heute! Genau dagegen gibt's ja den FC St. Pauli, und deshalb haben wir auch gesiegt! Habe komischerweise bei 2 mal Rückstand keine Sekunde am Sieg gezweifelt ... Luz - ein Luz ist ein Luz ist ein Luz -, Brückner, Hollerieth, Palikuca, Mazingu und die anderen haben eben gezeigt, was der FC St. Pauli ist. Nämlich Glaube, Liebe, Hoffung, Emotion pur, reine Leidenschaft und die Wahrheit des Gesangs "You'll never walk alone". Das gibt wieder drei Wochen Dauergrinsen ... Danke, Mannschaft, Danke, Danke, Danke!!!!!!!!!!!
Nachtrag, einen Tag später:
Schön der Artikel im Tagesspiegel.
"So muss es in der Hölle zugehen: lärmig, lustig, orgiastisch. Dazu haut es Regen vom Himmel, gepeitscht von heftigem Südwind, die Erde weicht auf, und braun-weiße Männer wälzen sich im Schlamm. Sie umarmen sich, sie küssen sich, sie rutschen auf dem Bauch über den nassen Rasen. An diesem Mittwochabend am Hamburger Millerntor ereignen sich biblische Wunder gleich mehrfach, und nun können sogar die Lahmen wieder gehen: Ein verletzter St.-Pauli- Spieler humpelt in Zivil mit zwei Krücken herum, zwei andere Invaliden hüpfen nun wie hinkende Kängurus.
(...)
Es wirkt. Es ist Voodoo, die Kraft von 17 000 tobenden Leibern und Kehlen überträgt sich auf den Rasen, sie kriecht 120 Minuten lang in die matten Körper in Braun-Weiß. Eben noch hat der Verteidiger Florian Lechner auf dem Boden gekauert und sich die krampfenden Waden massiert, fünf Sekunden später haut er den Ball zum Ausgleich ins Netz. Michel Dinzey quält sich sichtbar bei jedem Schritt mit einer Zerrung, ein Tor macht er trotzdem. Der Fan in Block 2, Reihe 1, Platz 17 pult mit klammen Fingern Salbeibonbons aus der Tüte. Er krächzt: „Zwei Tüten pro Spiel, aber die Stimme geht weg.“ Egal. Die da unten geben alles, die da oben helfen mit Chorälen und Sprechgesängen.
(...)
Am Millerntor bist du nicht Deutschland, sondern wir sind Pokal. Von heute an werden die neuen Hemden verkauft."
