Ziemlich gute Antwort auf diesen Text hier in meinem Blog findet sich bei Statler & Waldorf, auch der Kommentar von Stefanolix dazu ist erhellend. Gut und erhellend deshalb, weil die Entgegnungen sehr sachlich und gut begründet sind - das ist so angenehm, so dermaßen entspannend angesichts dieses ganzen Hickhacks und wechselseitigen Gepöbels in der Blogosphere ... so macht das doch Spaß! Danke, ihr zwei!
Gut auch deshalb, weil das von Statler ...
... gewählte Kuchen-Beispiel in der Tat von Ernst Tugendhat in seinen "Vorlesungen über Ethik" herangezogen wird, um die These, daß Ungleichheit, nicht Gleichheit in Verteilungsfragen begründungsbedürftig sei, zu illustrieren. Auch Stefanolix hat natürlich Recht - würden wir in einer idealen Welt leben, dann würde ich in der Tat für Sozialismus oder Kommunismus votieren. Ist aber nicht so, und Gesellschaften wie auch Personen wie auch Interaktionsstrukturen, Institutionen etc. sind zu komplex, als daß so schlichte Verteilungsregeln praktizierbar wären. Plädiere auch weder für Sozialismus noch für Kommunismus. Das Tugendhat-Argument ist ja lediglich eines, das eine Grundfrage linker Politik formuliert, ein Kriterium für die Begründung von Handlungen und ist zudem ein moralisches, kein funktionales. Es ist keine unmittelbare Handlungsanweisung.
Daß es die Diskussion rund um politische Fragen voran bringt, zeigt jedoch die Antwort von Statler. Er läßt sich ja auf Tugendhats Appell, daß nicht Gleichheit, sondern Ungleichheit begründungsbedürtig ist, ein. Zitat:
"Ansonsten allerdings muß unser Reichtum immer auch irgendwo herkommen. Bei dem einen mag er aus harter körperlicher Arbeit stammen, bei dem anderen mag es reichen, wenn er morgens den Finanzteil der Tageszeitung liest und nur eine kluge Investitionsentscheidung trifft. Es spielt an dieser Stelle aber eigentlich keine Rolle, wo genau die Einkommen und die Vermögen herkommen, wichtig ist nur die Feststellung: Sie fallen nicht vom Himmel, sondern sind das Resultat individueller Entscheidungen und Aktivitäten."
Und schließt daraus, daß dann doch Gleichverteilung als Ausgangspunkt hinfällig würde.
Nee, eben nicht. Weil's eben nicht so ist, daß Eigentumsverhältnisse das Resultat individueller Entscheidungen und Aktivitäten sind. Die ist eine Robinsonade, diese Vorstellung, und trifft vielleicht auf einsame Jäger in grauer Vorzeit zu.
Kurz aus meinem Berufsleben geplaudert: Ich leite Teams, die - je nach Auftragslage - aus 5 bis um die 20 Personen bestehen. Ich bin selbst angestellt in einer GmbH, die, zusammen mit anderen GmbHs, unter einem AG-Dach angesiedelt ist. Mein direkter Vorgesetzter ist sowohl Geschäftsführer der GmbH als auch Vorstandsmitglied. Die ökonmischen Sektoren der Firma werden vom Finanzvorstand koordiniert. Meine Kunden sind Personen in noch ungleich komplexeren Organisationen. Mein Job ist wohl eigentlich als "kreativ" zu bezeichnen, faktisch organisiere ich 6-7stellige Budgets in stetem Kampf mit den Ökonomen.
Ich habe diesen Job unter anderem, weil ich aus einem Akademiker-Haushalt (kulturelles Kapital und kommunikative Kompetenz) komme, der offen genug war, mir ein vermeindlich praktisch nicht anwendbares Philosophie-Studium zu finanzieren. Auch, weil ich nach Tode meines Vaters, eines Beamten, noch jahrelang Waisengeld in für einen Studenten ziemlich cooler Höhe ausgezahlt bekam und mir so Praktika leisten konnte. Die Höhe des Waisengeld wurde berechnet anhand der Pension, die mein Vater erhalten hätte, und da er ein ziemlich hoher Richter war, erhielt ich ungleich mehr als der Sohn eines Sachbearbeiters, zum Beispiel.
In diesem ganzen Szenario spielen gerade mal 2 individuelle Entscheidungen eine Rolle: Die Entscheidung, daß ich gegen alle Vorstellungen, was denn praktisch anwendbar sei, Philosophie studierte. Diese Studiengänge sind ja in der Berufspraxis viel besser anwendbar als die praxis-bezogenen, weil z.B. BWL nur in einer bestimmten Hinsicht anwendbar ist, Philosophie hingegen bildet die Vorraussetzung dafür, sich in jeden erdenklichen Wissenbereich verhältnismäßig schnell einzuarbeiten und auch den Crossover zwischen verschiedenen Arbeitsfeldern halbwegs systematisch und sinnvoll zu gestalten. Die zweite individuelle Entscheidung war die, ein Praktikum zu absolvieren, wobei diese freilich auch von einer postiven Antwort der Firma, in der ich heute noch arbeite, abhing. Daß ich diese Entscheidungen treffen konnte, lag daran, daß ich vierlei Hinsicht von Voraussetzungen profitierte, die andere nicht haben.
Alles andere in diesem Szenario, jede Entscheidung, die ich täglich treffe, ist eingewoben in ein dichtes Netz von Beziehungen, Kommunikationen, teils völlig konträren, institutionellen und systemischen Logiken. Sie setzen die Entscheidungen anderer Personen voraus, die ihrerseits wieder alles andere als frei entscheiden, sondern gleichermaßen "in sich" als Grundlage jeder Entscheidung ein komplexes Wirrwarr aus Diskursen, möglichen Bewertungen durch Personen, Institutionen und auch so (teil-) anonymen Entitäten wie Börsenkursen tragen. Dieses komplexe Wirrwarr hat seinerseits mit individuellen Entscheidungen gar nix zu tun, Aktivitäten eines bestimmten Typs bringt es jedoch gewissermaßen hervor.
Des weiteren ist all dies nichtsdestotrotz Interaktion. Genau das versucht Habermas ja in den Begriff zu bekommen, wenn er von kommunikativem Handeln einerseits, Systemlogiken anderseits schreibt. Ich habe keinen Pfennig auf dem Konto, wenn mein Team nicht schuftet (in der Regel mehr als ich), z.B., und wenn nicht ein Buchhalter mir die Kohle überweist (um mir dann wieder was abzuziehen, wenn ich's mal wieder vergessen habe, meine Auslagenabrechnung zu machen - oder schlicht zu viel zu tun hatte).
Daraus kann man dann vielleicht in der Tat den Schluß ziehen, daß Gerechtigkeitsfragen in diesem komplexen Wust gar nicht mehr sinnvoll zu beantworten sind. Auch so kann man ja die folgende Conclusio begreifen:
"Es scheint mir jedenfalls sicher zu sein, daß man niemals zu einer Aussage kommen kann in der Art von “Bis zu diesem Wert des Gini-Koeffizienten ist Ungleichheit gerecht, danach wird Ungleichheit ungerecht“. Gerechtigkeit oder Fairness sind hier einfach keine geeigneten Kategorien. Das führt dann aber auch dazu, daß alle tatsächlich durchgeführte Verteilungspolitik lediglich Interessenpolitik ist, die staatlichen Zwang zur Durchsetzung von Partikularinteressen nutzt. Alle höheren Weihen, die sich diese Politik zu geben versucht, sind inhaltlich leere Anmaßungen. Denn es gibt keine gerechten oder ungerechten Verteilungen."
Dieser Schluß ergibt sich aber a.) nicht daraus, daß Eigentum das Resultat individueller Aktivitäten und Entscheidungen sei, kann b.) auch kein Kriterium dafür angeben, warum denn die Durchsetzung von Partikularinteressen durch staatlichen Zwang illegitim sei, Besitzstandswahrung und -mehrung und - Weitergabe (z.B. durch Erbschaften) hingegen "gutes Recht" und c.) ist zudem selbst anmaßend, da sie die Fragestellung für unberechtigt erklärt, warum z.B. mein Finanzvorstand erheblich viel mehr Geld bekommt als ich, obwohl ich doch mit Anderen zusammen die Werte schaffe, denen er sein Auskommen verdankt. Diese Fragen nicht stellen zu dürfen ist schlicht Bevormundung und autoritär immer dann, wenn's als politische Forderung auftritt. Und das tut's ja oft genug ... im engeren Sinn liberal ist das wirklich nicht.
Übrigens ist im konkreten Falle die Ungleichverteilung zwischen meinem Finanzvorstand und mir sogar noch in einer nicht-quantifizierbaren Hinsicht noch schwieriger (oder aber ganz leicht) zu begründen, weil meine Projekte nicht gerade die sind, die allzu erhebliche Gewinne abwerfen, jedoch in Sachen Image am Markt wichtig sind und dort auch ein bestimmtes Feld besetzen.
Aus der Prämisse, die meiner Ansicht auch unabweisbar ist, daß Werte eben überhaupt nur als Interaktionen in einem instituionellen Feld generierbar sind, ergeben sich jedoch allerhand Gründe, Solidarität als der Wertschöpfung vorgängig zu betrachten. War's nicht Durkheim, der so aus der Arbeitsteilung Solidarität ableiten wollte? Heute sagt man zwar Teamwork statt Solidarität, aber wenn zusammen etwas erwirtschaftet wird, stellt sich immer die Tugendhatsche Kuchenfrage. Notwendig.
Die Gründe für Ungleichverteilung, die man dann anführen kann, sind Know-How, Verantwortung, eingebrachtes Kapital etc. - aber um eine Begründung für Ungleichverteilung kommt man zumindest dann nicht herum, wenn man überhaupt argumentieren will. Man kann natürlich auch einfach mit Macht antworten und sich der Begründung entziehen, klar, ist historisch auch immer so gewesen. Bill Gates ist für sowas ja ein ganz gutes Beispiel.
Ich folge hingegen Habermas (und Kant und Tugendhat und vor allen anderen Herbert Schnädelbach) dahingehend, daß in dem menschlichen Vermögen "Vernunft" selbst ein Standpunkt der Unparteilichkeit angelegt ist, der keineswegs anmaßend ist - sonst bräuchte Statler ja gar nicht von Partikularinteressen schreiben, wenn's nicht auch Nicht-Partikularinteressen gäbe. Und denke, daß genau dieser auch Ausgangspunkt einer möglichen, linken Politik ist.
Marktliberale und Konservative hingegen zementieren nur je unterschiedlich begründet bestehende Ungleichverteilungen, und genau daran krankt's ökonomisch derzeit. Marktliberale, indem ein eher metaphysisches, ja, fast schon quasi-religiöses Marktegeschehen das Wahre, Gute und Schöne aus sich heraus hervorbringt, so daß Gerechtigskeitsfragen überflüssig würden. Das wird dann ergänzt durch eine tatsächlich, nicht nur theoretisch falsche Beschreibung von Welt als freie Konkurrenz zwischen frei Verträge schließenden Individuen. Konservative führen Traditionen an, um Ungleichverteilung zu begründen und reden gerne von Eliten. Der Kern konservativen Denkens ist immer die Hierarchie, die aus sich heraus begründet wird. Die Hierarchie zwischen Lebensformen, Kulturen, Familien etc..
Finde ich beides falsch. Natürlich, weil ich Moralität nicht aus politischen Debatten rauswerfen würde. Weil ohne Moralität auch funktional rein gar nix klappt - Fairneß, Vertrauen, Motivation, Anerkennung, Respekt sind, das zeigt mir meine tägliche Berufserfahrung, auch harte ökonomische Kriterien. Deshalb bin ich mir ziemlich sicher, daß eine linke Politik, wenn sie's denn schaffte, die Leute zunächst europäisch mal wieder zu überzeugen, statt sich in nationalen Sozialstaatsdebatten und Konkurrenzen zu verstricken, auch langsfristig wirtschaftlich die erfolgreichere ist. Ich will keinen Kommunismus und auch keinen Sozialismus, der dem einst real existierenden gliche. Ich will aber (verständigungsorientierte) Vernunft und somit immer auch Moralität nicht aus Gesellschaften rauswerfen. Und wenn man das nicht will, ist die Tugendhatsche Kuchenfrage immer ein guter Ausgangspunkt für Diskussionen ...