" /> Metalust & Subdiskurse: Januar 2006 Archive

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31.01.06

Mehr Philosophie!

Zunächst bestreite ich, daß es sich bei der Philosophie um eine "Geisteswissenschaft" handelt. Sie ist zwar immer auch die hermeneutischen Aneignung der eigenen Geschichte, seit dem "Linguistic Turn" jedoch auch empirische Sprachwissenschaft und zudem immer eine Disziplin der Metakommunikation (und Meta macht ja Lust!). Deshalb ist sie, anders als andere an Universitäten gelehrte Fächer, immer auch ein Organ interdisziplinären Denkens und beherrscht so mittels Analyse der Möglichkeitsbedingungen und Voraussetzungen aller erdenklichen Phänomene, im besten Falle auch präziser Begriffsklärungen und der reflektierenden und subsummierenden Auswertung allerlei empirischer Studien den Crossover zwischen Wissensbereichen.

Sie vermag mittels der Reflexion, Fragestellungen für Zukünftiges in einem größeren Denkrahmen zu formulieren und zu situieren. Ohne reflexive Wissenschaften wie die Philosophie, die auch klärt, wann und wie Wertsetzungen stattfinden oder aber sinnvoll sind und wie sie überhaupt funktionieren, hat eine Gesellschaft keine Zukunft.

Wirtschaftswissenschaften beispielsweise sind oft so immanent, so klar einer einzigen Systemlogik verhaftet, daß sie ökonomische Antworten eigentlich gar nicht geben können - das erlebe ich täglich im Beruf. Die generieren, selbstreferentiell, wie sie nun mal sind, einfach keinen Content, neudeutsch gesprochen (die Naturwissenschaften schon, aber das ist ja klar) und hemmen jede kreative Problemlösung.

All das bestätigt heute ein Artikel bei Spiegel-Online ...

... der in meiner täglichen Berufspraxis Bestätigung erfährt. Wirklich voran bringen das Buisness die Ethnologen, Soziologen, Politik- und Musikwissenschaftler, die Historiker, teilweise auch die Kulturwissenschaftler - richtig nerven hingegen tun oft die Germanisten und Medienwissenschaftler, weil's denen häufig an der dem Fach Philosophie eigenen Präzision fehlt und ihr fatales Faible für große Thesen dann am Konkreten scheitert.

Was passiert statt der Förderung der genannten Wissenbereiche? Man ebnet sie ein und züchtet stattdessen - ja, immer noch! - angepaßte BWLer, die nicht über den Tellerrrand gucken können. Und Juristen, die die Grundlage ihres eigenen Faches oft gar nicht reflektieren, die Rechtsphilosophie halt, und stattdessen rein anwendungsorientiert vom schicken Porsche als Zivilrechtsanwälte träumen. Um dann als frustrierte Strafrechtler zu enden und den Richterneid für's doch noch höhere Einkommen zu ernten ;-) ...

Nix gegen den Wunsch nach Porsche, aber gerade die Paragraphenreiter neigen dazu, jede Produktion zu hemmen. Weil sie bei jeder Entscheidung gleich die Argumentation vor Gericht vor Augen haben, und solch angstgesteuertes Handeln ist ja wie vieles in der Justiz eher ein Fall für den Psychotherapeuten - und den Soziologen gleichermaßen ...

Spiegel-Omline sei noch mal zitiert:

"So werden die Geisteswissenschaften gleich von zwei Seiten bedrängt: Ihre breite Basis wird in Frage gestellt, indem man ihnen die Mittel entzieht. Und in die Spitze heben will sie auch niemand so recht. Der Wissenschaftsrat ermahnt deshalb die Bildungspolitiker mit gutem Grund, einen "Kernbestand geisteswissenschaftlicher Disziplinen" zu erhalten. Dazu zählen die Experten folgende fünf Kompetenzbereiche, die unbedingt zu einer Volluniversität gehören sollten: Erstens Sprachen und Texte, zweitens Bild, Musik und Theater, drittens Geschichte und Gesellschaft, viertens Erkenntnis, Ethik und Religion und fünftens außereuropäische Wissensbereiche."

Vollste Zustimmung. Wir lassen uns doch von den Ökonomen nicht unterkriegen!

Der ultimative Test für Schaaf, Allofs und so

Bin nur ein Durchschnittstyp. Mit unserer Mannschaft kann ich also nicht mithalten. Die hätte wohl die maximale Punktzahl erhalten bei diesem Test hier (via mistkerl), ist nachweislich Anti-Jammerlappentum. Pokalspiel gestern noch mal geguckt, und wie bereits im Stadion war zu sehen: Die weitaus größte Gefahr für die Gesundheit derer auf dem Platz ging von den Bremer Spielern aus. Und von den Allofschen Ausfällen. Sowas macht Magengeschwüre.

Zurück zum Test: Auf die Frage, ob ich ein Jammerlappen sei, folgende Antwort:

"Sie scheinen dermaßen wohlgeraten zu sein, dass an Ihnen einfach nichts auszusetzen ist. Kein Jammerlappen, aber auch kein Rambo - das kommt auch bei den Frauen an. Und sollte Ihnen das Durchschnittsleben auf die Dauer doch zu langweilig sein, können Sie sich noch immer eine interessante Schrulle zulegen. Käferfallen konstruieren vielleicht, denken Sie mal drüber nach!"

Dabei will ich doch gar nicht bei Frauen ankommen. Also, zumindest nicht so. Aber Tomte singen dazu gerade sowieso "Erzähl mir etwas, was lustiger wär'." Okay. Habt ja recht ...

PS: Um dem vorzubeugen - ja, die Verletzung von Miro Klose tut auch mir leid. Aber hat sich Mintal nicht auch am Wochenende den Fuß gebrochen? Und 'nen Frankfurter Spieler das Kreuzband gerissen oder so? Seien wir ehrlich - Fußball ist immer verletzungsgefährlich, um Kästner zu paraphrasieren ...

30.01.06

Inder im Paris der 70er

Good old MC.jpg

Es fing alles damit an, daß mein Bruder mit seinem Cassettenrekorder auf den grünen Ledersessel vor den Fernseher stürmte und wir, die ganze Familie, dann schweigen mußten. Er rief zuvor Sachen wie "Oh, Rasputin" aus - um dann die Aufnahme zu starten, die ersten Takte waren schon gespielt - und das Starten war gar nicht so leicht, da mußte man zugleich den "Play" und "Record"-Button drücken, und so bannte er zuzüglich hüstelnder und raschelnder Raum-Atmo Boney M. auf's Band. Auf die Musik-Cassette. Oft waren die orange und von BASF.

Des Themas an nimmt sich heute auch Hans-Peter Lauf auf der Homepage von DIE ZEIT:

"Zu meinem Glück waren die achtziger Jahre die hohe Zeit der Kassettenkultur. Es gab Läden wie das Rip Off in Hamburg oder den Zensor in Berlin, die eine große Auswahl hatten. Das konnte ein Live-Mitschnitt des Dead Kennedy Konzerts aus dem Kreuzberger SO 36 sein oder die im eigenen Wohnzimmer aufgenommene Lo-Fi-Produktion einer Punk-Kapelle aus Düsseldorf. Oder sogar die C90 - C60 - C30 - Go! - your cassette pet- Platte der New-Wave-Band BowWowWow, die nie auf Vinyl oder gar CD herauskam: Es gab die verschrobensten und interessantesten Tapes zu kaufen, die ich kräftig sammelte."

Das sind Worte, Sätze, Bandnamen, da klingelt mehr als nur Nostalgie in den eigenen Eingeweiden. Das sind Geschichten aus einer versunkenen Kultur.Cassetten wie jene da oben bekam man beklebt, die rochen noch nach Klebstoff und oft auch nach Lackstift. Auf der oben sind Tom Waits und David Bowie, ich weiß nicht mehr, wer sie mir schenkte. Habe meinerseits immer Mix-Tapes aufgenommen - das war Arbeit, das waren Ausdrucksmittel, das waren Botschaften. So ein Mix Tape konnte schon mal ein ganzes Wochendende in Anspruch nehmen. Da war dann Rauschen, Atmen, das Knistern und Knacken des Vinyls, das Zeugnis ablegte vom immer wieder hören wollen einer Lieblingsplatte und verstaubten WG-Zimmern. Das waren Unikate, gefährdet durch Bandsalat und Ausleiern. Das waren Werke - beim Aufnehmen konnte man viel über Dramarturgie lernen. Das war gelebte Zeit statt Runterladen ...da beförderte man keine Daten in Computer und spuckte sie dann wieder aus auf CD. Die Cassetten mußte man durchleben. Das waren mit Musik verbrachte Stunden, waren Wanderungen durch Soundwelten, folgte man den Lauten, Stimmungen, Worten auf emotionale Reisen durch sich selbst, durch Beziehungen, durch Erinnerungen, durch Lust und Frust, Liebeskummer und dem Echo lustvoller Stunden ...

Bin seit geraumer Zeit, Verräter ich, auf Mini-Discs umgestiegen. Das sind wenigstens auch noch klare Wege und Stimmungsbögen statt dieses e-mail-haft Verzettelten, das all diese ekligen MP3-Player bedeuten. Verstreuung statt Empfindung signalisieren all die I-Pods ja nur. Das Revidieren von Erfahrung, das Nicht-Festlegen-Wollen auf Gefühle, statt auf diese sich einzulassen und ihnen zu folgen. MC sind's wie Caravaggio, Rubens, Van Gogh, The Libertines. MP3 sind Warhol, C64, Dancefloor-Duos und Stefan Raab. MP3s sind zusammgekaufte Mannschaften wie der HSV, erzeugen maximal Stimmungen wie in der AOL-Arena. Musikcassetten sind wie's Millerntor - darauf ein Astra! Na ja, heute abend dann ... und dann lege ich meinen heißgeliebten Mix "Inder im Paris der 70er" noch mal ein!

28.01.06

Risikoverlagerungen

Ergänzend zu diesem Eintrag in Somlus Welt kann ich noch eine meiner Lieblingsthesen verkünden: In kapitalistischen Strukturen wird das Risiko auf das jeweils schwächste Glied der Interaktionskette verlagert (paßt ja auch zum Statement von Oldtroublemaker im Eintrag zuvor hier in meinem Blog).

Dieses Gerede hingegen, vermeindliche "Besitzstandswahrer" (was besitzen die denn?) würden vom Sozialstaat die Absicherung aller erdenklichen Lebensrisiken verlangen, gehören schlicht ins Reich ideologischer Rhetorik.

Wir sind Pokal, denn: Wir sind Fußball!

Gestern, dieses Bayern-Gladbach-Spiel: Ich konnt's beim besten Willen nicht gucken. Unser so traumhafter, hochverdienter und nachhaltig beglückender Sieg über Werder Bremen hat mich nur darin bestärkt, in diesen arroganten Schwerverdienern vom Schlage eine Borowsky, Frings oder Ballack personifizierte Todesstöße für jenen Spirit zu sehen, den ich am Fußball so großartig finde. Schon die Körpersprache dieser Anti-Helden - nee, will ich nicht mehr, repräsentiert all das, was mir alle Vorfreude auf die WM lange schon ausgetrieben hat. Ist auch nur eine Variante des Ackermannschen Victory-Zeichen. Na, und Allofs und Schaaf jetzt eben auch. Schade. Als Entgegnung noch zweierlei:

"vielleicht sollten die bremer "profis" sich mal daran erinnern, was fussball eigentlich ist: ein ball-mannschafts-kampf-sport und da zählen andre dinge als schicke frisuren, dicke autos und bunte schuhe: kampfgeist und sportliches können.

und dies, nicht nur in ein paar BL-Stadien, sondern auf tausenden von plätzen jedes wochenende, auf grand, asche und rasen, bei schlechtem wetter und da spielen ärzte, schweisser und betonbauer und riskieren ihre gesundheit.

und zwar umsonst, nur für verein und spass!

und wenn sie verletzt sind und nicht arbeiten können, riskieren sie beruflich so einiges und bestimmt mehr als klose und andere profis, die dafür sehr, sehr, sehr viel geld bekommen.

und ich liebe den pokal dafür, dass er den "grossen" vereinen, ein stück des alten spiels zurückgibt... ob sie nun wollen oder nicht"

So schreibt Oldtroublemaker, offensichtlich 'n direkter Nachbar hier in der Hamburger Neustadt, im St. Pauli-Forum, und ich stimme ihm in jeder Hinsicht zu. Auch schön ...

... beschreibt Markus Lotter, einst einer meiner Lieblingsspieler, Schöngeist zwischen fußballerischem Genie und Wahnsinn, den FC St. Pauli in der Berliner Morgenpost. Zitat:

"Der Mythos des FC St. Pauli nährt sich aber vor allem aus dem immer wiederkehrenden Scheitern. Verlieren eint eben mehr als ständiges Gewinnen. Triumphe wie über Werder Bremen oder in der Pokalrunde zuvor gegen Hertha BSC sind ein Grund zum ekstatischen Feiern, sie sind aber nicht die Basis der großen Liebe. Der Verein ist Kult, weil er das Leiden, das tief in seinem Standort verwurzelt ist, kultiviert hat."

Eben!

Papstwirkungen

Der Papst wird viele Opfer fordern. Indirektes Opfer ist schon mal der Sozialminster Andreas Renner (CDU): Er ist zurückgetreten, weil er einen Bischof aufgefordert hatte, sich aus einer Diskussion rauszuhalten und erst mal ein paar Kinder zu zeugen (via Der Morgen) - ausgerechnet in einer Diskussion um den Christopher Street Day fand dieser Wortwechsel statt, dem CSD, für den Renner meines Wissens als Schrimherr fungierte.

Mit dem Papst hat das insofern viel zu tun, weil dieser a.) gemeingefährlich "linke" Zeitgeistsströmungen zu adaptieren vermag und b.) es aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen schafft, ein überragend postives, mediales Image zu kreiieren und c.) weil er auf außerordentlich elegante und sympathische Weise gleich in seiner ersten, päpstlichen Bannbuhle einem möglichen Kernpunkt menschlicher Beziehungen - Liebe - thematisiert. Und so tief in einen Kernbereich individuellen Lebens verbal eindringt, in dem die Kirche lange schon keine Rolle mehr spielte. Daß Renner dem entgegnete: "Halten Sie sich da raus", quasi-stellvertretend im Bischof den Papst meinend, ist außerordentlich verständlich. Der reagiert instinktsicher genau auf all das zur päpstlichen Eynzyklika Geschriebene.

Daß nun ausgerechnet der Baden-Würtembergische ...

... SPD-Vorsitzende daraufhin den Rücktritt des Ministers fordert, ist ja an sich schon skandalös. Aber auch das ist kein Zufall: Dem Papst ist ja offensichtlich gelungen, zentrale, zum Teil in der Tat genuin konservative und religiöse Topoi linken Denkens, wie wohl am brilliantesten sie sich in Horkheimers und Adornos "Dialiektik der Aufklärung" und deren Schriften im Umfeld formuliert finden, zu adaptieren.

Daß Marktgesetze und Verdinglichung in allen Liebes- und auch sexuellen Beziehungen sich nur reproduzierten, daß dem Nächstenliebe entgegenzusetzen sei und Hingabe - das ist ja alles ziemlich richtig und würde auch manchen Globalisierungskritiker begeistern, fand sich auch schon breitenwirksam formuliert in Erich Fromms "Die Kunst des Liebens". Da ist der Ratzinger schon schlau, daß er diese Argumente aufgreift. So gibt er der katholischen Kirche Würde und Autorität zurück, indem er eben nicht einfach nur Kondome in Afrika verdammt und so fröhlich zur Verbreitung von AIDS beiträgt, sondern daß stattdessen er den christlichen Glauben als Gegenprinzip zu einem kalten, technokratischen, streckenweise menschenverachtenden Kapitalismus erneut stark redet.

Daß den Kapitalimus ja die Protestanten vermeindlich verschuldeten, weiß er auch, Max Weber hat der auch gelesen ... so kriegen die implizit auch gleich auf die Glocke. Daß der gemeine Mitteleuropäer den Islam derzeit auch nicht gerade als "Liebe" wahrnimmt, ist angesichts der Hamas-Grünen und der auch real-exitsierenden "Haßprediger" auch nicht erstaunlich (die schaden ja einer Religion wie dem Islam entschieden mehr als PI oder Bush, einer Religion, die meines Wissens nicht minder als Religion der Liebe sich versteht. Aber auch Jesus' Nächstenliebe-Gebot hat ja Kreuzzüge und Hexenverbrennung nicht verhindern können ... ) - im Zuge globaler Kulturkämpfe rückt Benedikt so auch an die Front vor.

Der Papst erweist sich als Teil-68er und surft mit diskurstragegischen Meisterleistungen auf den Wellen, die kritische Theorie bis heute schlägt - und genau das macht ihn so gemeingefährlich. Er wendet sich scheinbar progressiv gegen Leibfeindlichkeit und fordert die Einheit von Liebe und Sexualität - aber natürlich nur in einem einzigen Beziehungsmodell: Der heterosexuellen Ehe. Um so nur erneut Ausgrenzung, Diffamierung und eine Renaissance des Begriffs der "Sünde" zu legitimieren. So wendet er linke Kulturkritik gegen deren Ziele und füttert stattdessen Diskurse zur christlich-europäischen Identität.

Das ist schlicht das Gegenteil der verschiedenen Formen der Liebe, die er in seiner Enzyklika auseinanderdividiert. Dieser Papst ist ein Widerspruch in sich und meiner Ansicht nach auch widersprüchlich zur eigentlichen Botschaft des Christentums (und anderer Religionen): Der allumfassenden, spirituellen Liebe.

Was nichts daran ändern wird, daß er wirken wird: Das belegt der Fall Renner. Der schlicht recht hatte, wenn er zum Bischof sagte: "Halten Sie sich da raus. Nix, rein gar nix legitimiert Sie dazu, Lebensformen anderer Menschen zu kommentieren".

Der mit Sprüchen wie "Zeugen Sie doch erst mal ein paar Kinder" freilich in der selben diskursiven Formation sich bewegt, nämlich inmitten des Diktats, welche Lebensformen zu leben seien. Wäre er deshalb zurück getreten, dann wär's zu Recht gewesen

26.01.06

Was liebe ich dieses Team!

bremensiegjubel.jpg

(Quelle: FC 42)

Noch immer Augenreiben. Na ja, auch wegen des Katers - aber ein Kater nach einem solchen Abend ist schöner als Frischverliebtsein. Heiser, glücklich, tief ergriffen - da dröhnt der Mini-Disc-Mix mit Mando Diao und Paul Weller-Balladen aus den Boxen, und deren Hymnen treiben Tränen, weil die Emotionen noch beben: Werder aus dem Pokal geworfen! Völlig verdient aus dem Pokal geworfen! Aber sowas von verdient!

Diese Truppe nickliger Jammerlappen hat sich bis tief hinein in die Interviews mit Allofs und Schaaf (konnte sie nur lesen, nicht sehen, war ja im Stadion ;-) ) bis auf die Knochen blamiert, und unsere Mannschafthat einmal mehr gezeigt, was LEIDENSCHAFT, WILLE, TEAMGEIST und eben ein optimales Ausnutzen der Gegebenheiten bewirkt. Wahrer Erfolg ist immer kompensatorisch, sag ich mal. Dieses ...

ganze Nachgetrete von Bremer Seite - mochte Werder bis gestern wirklich gerne, war eine meiner Lieblingsmannschaften in Liga 1. Aus, vorbei, Schluß mit dieser leisen Zuneigung: Die sind auch mit keiner besseren Mentalität als Leverkusen ausgestattet, leben Beleidigtsein von Topmöllerschen Dimensionen (St. Paulianer wissen, welches Spiel ich meine). Was deren ach heheres Spielermaterial da gestern geboten hat - objektivieren tut das der Kicker, ich pöbel lieber subjektiv gegen Borowski, Frings und Owemujela (schreibt der sich so?): Denen kann ich jetzt noch nicht mal mehr in der Nationalmannschaft zujubeln. Alles unter ihrer Würde ... während unser Dream-Team einmal mehr wie ein einziges Ziehaufmännchen über den Platz fegt, sich kaum beeindrucken läßt, einfach immer wieder nachsetzt und so einen Jubel in die Seelen aller St. Paulianer pflanzt, der einfach nicht mehr verstummen will ... wie Mazingu auf dem Schnee über den halben Platz sprintet, klarer Beleg: Geht doch! Gunesch hat 'nen Ehrenpreis für perfektes Fußball-Tennis verdient, Scharping die bestmögliche A- und B-Note für elegantes Abspiel inmitten einer Schneeballschlacht, Morena ist nur ein anderes Wort für Souveränität und für alle und jeden St. Pauli-Spieler auf dem Platz gilt: You are the one!

Das Spiel folgte der psychologischen Dramarturgie des "Das kann doch alles nicht wahr sein!" Fast unwirklich war's. Nach 20 Minuten fiel unseren Fußballgöttern wohl auf: Leute, wir spielen hier gerade gegen Werder, wir führen 1 zu 0, nachdem wir schon Hertha und Bochum aus dem Pokal geworfen haben, träumen wir? Ähnlich auf den Rängen: Viel leiser war's als bei den Spielen zuvor, weil einfach keiner es FASSEN, es begreifen konnte. Prompt kam Bremen auf und zeigte, was für einen Traumfußball die zu spielen in der Lage sind, auch auf Schnee und Eis. Klar, dann fiel das 1 zu 1. Gut war das: Jetzt war wieder alles klar, nee, ist schon alles wahr, was hier passiert, dann mal weitermachen ... und Bremen war, wie schon Bochum und Berlin, schlicht paralysiert und beleidigt. Tapsten über den Platz, sich irgendwie vom Leben und dem Spiel belästigt fühlend, innerlich immer mehr zum berühmten Kaninchen vor der Schlange mutierend.

Und unsere Mannschaft: Gänsehaut, ganzkörperlich Gänsehaut bekomme ich, wenn ich an deren Spiel gestern denke. Unaussprechlich: Vernetze Energie, immer wieder nachsetzen, draufsatteln, nur ein Ziel vor Augen, das ZUSAMMEN nur erreichbar ist. Alles, was wundervoll am Fußball ist, brachten sie auf den Platz. Das Leben als Summe individueller Entscheidungen und Aktivitäten? Lachhaft! Der FC St. Pauli zeigt, wie's geht: Glaube, Liebe Hoffnung und Wille vereint zu einem Spiel für die Ewigkeit - ja , ist so!

Dieses Team kann man gar nicht genug verbal abknutschen, vergöttern, umarmen, kann ihm nicht genug danken - Danke, Danke, Danke, für Abende wie gestern hat dieses Leben sich gelohnt!

25.01.06

Gib mir ein B ...

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(Quelle: TV Spielfilm 2/06, S. 97)


Auch diesen hinreißenden Text aus der TV Spielfilm kann man der Welt nicht vorenthalten ... und ein weiteres B ist ja gestern schon mal durchgekommen (obwohl ich ganz mit Mainz war, war für uns der Bayern-Sieg ein gutes Omen). Hat allerdings gerade geschneit, hoffentlich kann gespielt werden, das Wetter an sich ist schließlich auch gut für uns ... und St. Pauli ist ja Glaube, Liebe und Hoffnung, drum: Bitte Anpfiff heute, 20.30 h!

Pokal sind schließlich wir!

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( Quelle: Bildergalerie Basis St. Pauli )

Bei aller Sympathie für Borowski, Valdez, na, und für Ivan sowieso, der ist ja durch und durch St. Paulianer: So dumm aus der Wäsche guckend wie den Hertha-Spieler da oben im Hintergrund möchte ich euch heute auch sehen ... "wir haben keine Chance, aber wir nutzen sie". So das geflügelte Wort in aller Munde derzeit, garantiert vogelgrippefrei: Ich habe ein ziemlich gutes Gefühl für heute abend ... Pokal sind schließlich wir!

24.01.06

Eine Frage der Identität

Seltsam: Man müht sich doch so offensiv um Weltoffenheit hierzulande, feiert Globalisierung und freie, internationale Märkte.

Wie ein Schatten begleitet dieses Gerede die zwangweise Verordnung von Identität - an einer Berliner Realschule darf ab jetzt nur noch deutsch auf Schulhöfen gesprochen werden!

Das krümelige Weblog kommentiert das aus eigener Erfahrung (und nennt auch die Quelle). Einfach mal hinlesen ...

Allerlei inwendige Burschenschaftler mit verbalem Schmiß, die Denken durch imperiales Sturmtruppengehabe ersetzen (die FDOG kann man ja nicht mehr lesen, seitdem "wahre Liberale" wie Martin Hagen da schreiben, jetzt stimmt auch der Rest der Autoren ein in diese PI-hafte Wochenschau-Rhetorik ein), werden da nur ein verächtliches ...

... "Multikulti" auszischeln, angewidert auf den Boden spucken und derweil im Namen der Freiheit Dynamit in Moscheen schmeißen wollen (steht da, in den Kommentaren bei der FDOG) und ein paar (Internet-)Bürgerwehren gründen. Verbal-Machismo ist das, der auffallend jenem der "was guckst Du?"-Streetgangs ähnelt.

Alles eine Frage der Identität, würde ich mal sagen. Schwache und fragile Psychen gewinnen diese durch Anbindung an eine Gruppe und in Abgrenzung gegen Andere. Kann man z.B. hier lesen:Ziemlich gut, der Kommentar vom Antibürokratieteam zu Debattten im liberalen Intranetz.

Aber auch dieser sehr sympathische Text von Anke Gröner an der Blogbar weist eher ungewollt in jene Richtung. Sie plädiert eher verhalten für Blog-"Bündnisse" - solche, die ähnliche Themen behandeln, sollten sich bündeln, weil der Trend ja eh zum Themen-Blog ginge (lawblog und bildblog sind ja erfolgreiche Beispiele dafür).

Es gibt dieses seltsame Phänomen im Musikjournalismus, daß jede Band und jeder Künstler, den man befragt, sich Schubladen verwehrt. Die sitzen dann da auf ihren Stühlen oder Sofas und lauern nur darauf, daß der Fragende irgendeine aufzieht (oder das auch nur andeutet), um diese dann zurückweisen zu können. Spiegelbildlich wird in Plattenkritiken dann als höchstes Lob formuliert: Dieser Künstler entzieht sich jeder Etikettierung!

Auch das nervt auf Dauer, ist aber doch der richtige Weg. Was soll dieses ganze blöde, Identitätsgeschwätz? Wer braucht das? Warum nun auch noch in jenen Sphären, in denen ein lustiges Durcheinander schlicht Spaß macht, der Blogosphäre, Schulhöfe und allen Varianten freiheitlichen Denkens, nun wahlweise Schilder aufstellen wie im Plattenladen (Gröner) oder Identitäten durch die Regulierung von Sprachverhalten und Denkweisen zwangszuverordnen (Hagen, Holmes und Realschuldirektoren, der Sprach-Gestus beider ist ja nicht weit auseinander)? Das kann man sogar adornitisch lesen und behaupten: Wer sich so eindeutig identifizierbar macht, wird selber zum Produkt ...

Leiste mir ja auch die Schwäche, St. Pauli-Fan zu sein. Weil da im Stadion Identität sich (zumeist) aus Vielfalt speist. Natürlich sollte jeder, der in Deutschland lebt, auch die deutsche Sprache sprechen. Aber so wie obigen Beispiel durch die zwangsweise Einschränkung von Möglichkeiten? Nee. Natürlich ist es ein wenig gemein, jetzt Anke Gröners Eintrag darauf zu beziehen, sorry dafür, wirklich. Hängt aber zusammen. Ist letztlich eben alles eine Frage dessen, welches "Wir" ich wähle ... und das erzeugt ein "Ihr!", und im schlimmsten Falle grenzt das aus und wertet ab macht Personen zu Plakatwänden für Gruppenzugehörigkiet. Da waren wir schon mal weiter ...

22.01.06

Hoch die internationale Solidarität ;-)

Ziemlich gute Antwort auf diesen Text hier in meinem Blog findet sich bei Statler & Waldorf, auch der Kommentar von Stefanolix dazu ist erhellend. Gut und erhellend deshalb, weil die Entgegnungen sehr sachlich und gut begründet sind - das ist so angenehm, so dermaßen entspannend angesichts dieses ganzen Hickhacks und wechselseitigen Gepöbels in der Blogosphere ... so macht das doch Spaß! Danke, ihr zwei!

Gut auch deshalb, weil das von Statler ...

... gewählte Kuchen-Beispiel in der Tat von Ernst Tugendhat in seinen "Vorlesungen über Ethik" herangezogen wird, um die These, daß Ungleichheit, nicht Gleichheit in Verteilungsfragen begründungsbedürftig sei, zu illustrieren. Auch Stefanolix hat natürlich Recht - würden wir in einer idealen Welt leben, dann würde ich in der Tat für Sozialismus oder Kommunismus votieren. Ist aber nicht so, und Gesellschaften wie auch Personen wie auch Interaktionsstrukturen, Institutionen etc. sind zu komplex, als daß so schlichte Verteilungsregeln praktizierbar wären. Plädiere auch weder für Sozialismus noch für Kommunismus. Das Tugendhat-Argument ist ja lediglich eines, das eine Grundfrage linker Politik formuliert, ein Kriterium für die Begründung von Handlungen und ist zudem ein moralisches, kein funktionales. Es ist keine unmittelbare Handlungsanweisung.

Daß es die Diskussion rund um politische Fragen voran bringt, zeigt jedoch die Antwort von Statler. Er läßt sich ja auf Tugendhats Appell, daß nicht Gleichheit, sondern Ungleichheit begründungsbedürtig ist, ein. Zitat:

"Ansonsten allerdings muß unser Reichtum immer auch irgendwo herkommen. Bei dem einen mag er aus harter körperlicher Arbeit stammen, bei dem anderen mag es reichen, wenn er morgens den Finanzteil der Tageszeitung liest und nur eine kluge Investitionsentscheidung trifft. Es spielt an dieser Stelle aber eigentlich keine Rolle, wo genau die Einkommen und die Vermögen herkommen, wichtig ist nur die Feststellung: Sie fallen nicht vom Himmel, sondern sind das Resultat individueller Entscheidungen und Aktivitäten."

Und schließt daraus, daß dann doch Gleichverteilung als Ausgangspunkt hinfällig würde.

Nee, eben nicht. Weil's eben nicht so ist, daß Eigentumsverhältnisse das Resultat individueller Entscheidungen und Aktivitäten sind. Die ist eine Robinsonade, diese Vorstellung, und trifft vielleicht auf einsame Jäger in grauer Vorzeit zu.

Kurz aus meinem Berufsleben geplaudert: Ich leite Teams, die - je nach Auftragslage - aus 5 bis um die 20 Personen bestehen. Ich bin selbst angestellt in einer GmbH, die, zusammen mit anderen GmbHs, unter einem AG-Dach angesiedelt ist. Mein direkter Vorgesetzter ist sowohl Geschäftsführer der GmbH als auch Vorstandsmitglied. Die ökonmischen Sektoren der Firma werden vom Finanzvorstand koordiniert. Meine Kunden sind Personen in noch ungleich komplexeren Organisationen. Mein Job ist wohl eigentlich als "kreativ" zu bezeichnen, faktisch organisiere ich 6-7stellige Budgets in stetem Kampf mit den Ökonomen.

Ich habe diesen Job unter anderem, weil ich aus einem Akademiker-Haushalt (kulturelles Kapital und kommunikative Kompetenz) komme, der offen genug war, mir ein vermeindlich praktisch nicht anwendbares Philosophie-Studium zu finanzieren. Auch, weil ich nach Tode meines Vaters, eines Beamten, noch jahrelang Waisengeld in für einen Studenten ziemlich cooler Höhe ausgezahlt bekam und mir so Praktika leisten konnte. Die Höhe des Waisengeld wurde berechnet anhand der Pension, die mein Vater erhalten hätte, und da er ein ziemlich hoher Richter war, erhielt ich ungleich mehr als der Sohn eines Sachbearbeiters, zum Beispiel.

In diesem ganzen Szenario spielen gerade mal 2 individuelle Entscheidungen eine Rolle: Die Entscheidung, daß ich gegen alle Vorstellungen, was denn praktisch anwendbar sei, Philosophie studierte. Diese Studiengänge sind ja in der Berufspraxis viel besser anwendbar als die praxis-bezogenen, weil z.B. BWL nur in einer bestimmten Hinsicht anwendbar ist, Philosophie hingegen bildet die Vorraussetzung dafür, sich in jeden erdenklichen Wissenbereich verhältnismäßig schnell einzuarbeiten und auch den Crossover zwischen verschiedenen Arbeitsfeldern halbwegs systematisch und sinnvoll zu gestalten. Die zweite individuelle Entscheidung war die, ein Praktikum zu absolvieren, wobei diese freilich auch von einer postiven Antwort der Firma, in der ich heute noch arbeite, abhing. Daß ich diese Entscheidungen treffen konnte, lag daran, daß ich vierlei Hinsicht von Voraussetzungen profitierte, die andere nicht haben.

Alles andere in diesem Szenario, jede Entscheidung, die ich täglich treffe, ist eingewoben in ein dichtes Netz von Beziehungen, Kommunikationen, teils völlig konträren, institutionellen und systemischen Logiken. Sie setzen die Entscheidungen anderer Personen voraus, die ihrerseits wieder alles andere als frei entscheiden, sondern gleichermaßen "in sich" als Grundlage jeder Entscheidung ein komplexes Wirrwarr aus Diskursen, möglichen Bewertungen durch Personen, Institutionen und auch so (teil-) anonymen Entitäten wie Börsenkursen tragen. Dieses komplexe Wirrwarr hat seinerseits mit individuellen Entscheidungen gar nix zu tun, Aktivitäten eines bestimmten Typs bringt es jedoch gewissermaßen hervor.

Des weiteren ist all dies nichtsdestotrotz Interaktion. Genau das versucht Habermas ja in den Begriff zu bekommen, wenn er von kommunikativem Handeln einerseits, Systemlogiken anderseits schreibt. Ich habe keinen Pfennig auf dem Konto, wenn mein Team nicht schuftet (in der Regel mehr als ich), z.B., und wenn nicht ein Buchhalter mir die Kohle überweist (um mir dann wieder was abzuziehen, wenn ich's mal wieder vergessen habe, meine Auslagenabrechnung zu machen - oder schlicht zu viel zu tun hatte).

Daraus kann man dann vielleicht in der Tat den Schluß ziehen, daß Gerechtigkeitsfragen in diesem komplexen Wust gar nicht mehr sinnvoll zu beantworten sind. Auch so kann man ja die folgende Conclusio begreifen:

"Es scheint mir jedenfalls sicher zu sein, daß man niemals zu einer Aussage kommen kann in der Art von “Bis zu diesem Wert des Gini-Koeffizienten ist Ungleichheit gerecht, danach wird Ungleichheit ungerecht“. Gerechtigkeit oder Fairness sind hier einfach keine geeigneten Kategorien. Das führt dann aber auch dazu, daß alle tatsächlich durchgeführte Verteilungspolitik lediglich Interessenpolitik ist, die staatlichen Zwang zur Durchsetzung von Partikularinteressen nutzt. Alle höheren Weihen, die sich diese Politik zu geben versucht, sind inhaltlich leere Anmaßungen. Denn es gibt keine gerechten oder ungerechten Verteilungen."

Dieser Schluß ergibt sich aber a.) nicht daraus, daß Eigentum das Resultat individueller Aktivitäten und Entscheidungen sei, kann b.) auch kein Kriterium dafür angeben, warum denn die Durchsetzung von Partikularinteressen durch staatlichen Zwang illegitim sei, Besitzstandswahrung und -mehrung und - Weitergabe (z.B. durch Erbschaften) hingegen "gutes Recht" und c.) ist zudem selbst anmaßend, da sie die Fragestellung für unberechtigt erklärt, warum z.B. mein Finanzvorstand erheblich viel mehr Geld bekommt als ich, obwohl ich doch mit Anderen zusammen die Werte schaffe, denen er sein Auskommen verdankt. Diese Fragen nicht stellen zu dürfen ist schlicht Bevormundung und autoritär immer dann, wenn's als politische Forderung auftritt. Und das tut's ja oft genug ... im engeren Sinn liberal ist das wirklich nicht.

Übrigens ist im konkreten Falle die Ungleichverteilung zwischen meinem Finanzvorstand und mir sogar noch in einer nicht-quantifizierbaren Hinsicht noch schwieriger (oder aber ganz leicht) zu begründen, weil meine Projekte nicht gerade die sind, die allzu erhebliche Gewinne abwerfen, jedoch in Sachen Image am Markt wichtig sind und dort auch ein bestimmtes Feld besetzen.

Aus der Prämisse, die meiner Ansicht auch unabweisbar ist, daß Werte eben überhaupt nur als Interaktionen in einem instituionellen Feld generierbar sind, ergeben sich jedoch allerhand Gründe, Solidarität als der Wertschöpfung vorgängig zu betrachten. War's nicht Durkheim, der so aus der Arbeitsteilung Solidarität ableiten wollte? Heute sagt man zwar Teamwork statt Solidarität, aber wenn zusammen etwas erwirtschaftet wird, stellt sich immer die Tugendhatsche Kuchenfrage. Notwendig.

Die Gründe für Ungleichverteilung, die man dann anführen kann, sind Know-How, Verantwortung, eingebrachtes Kapital etc. - aber um eine Begründung für Ungleichverteilung kommt man zumindest dann nicht herum, wenn man überhaupt argumentieren will. Man kann natürlich auch einfach mit Macht antworten und sich der Begründung entziehen, klar, ist historisch auch immer so gewesen. Bill Gates ist für sowas ja ein ganz gutes Beispiel.

Ich folge hingegen Habermas (und Kant und Tugendhat und vor allen anderen Herbert Schnädelbach) dahingehend, daß in dem menschlichen Vermögen "Vernunft" selbst ein Standpunkt der Unparteilichkeit angelegt ist, der keineswegs anmaßend ist - sonst bräuchte Statler ja gar nicht von Partikularinteressen schreiben, wenn's nicht auch Nicht-Partikularinteressen gäbe. Und denke, daß genau dieser auch Ausgangspunkt einer möglichen, linken Politik ist.

Marktliberale und Konservative hingegen zementieren nur je unterschiedlich begründet bestehende Ungleichverteilungen, und genau daran krankt's ökonomisch derzeit. Marktliberale, indem ein eher metaphysisches, ja, fast schon quasi-religiöses Marktegeschehen das Wahre, Gute und Schöne aus sich heraus hervorbringt, so daß Gerechtigskeitsfragen überflüssig würden. Das wird dann ergänzt durch eine tatsächlich, nicht nur theoretisch falsche Beschreibung von Welt als freie Konkurrenz zwischen frei Verträge schließenden Individuen. Konservative führen Traditionen an, um Ungleichverteilung zu begründen und reden gerne von Eliten. Der Kern konservativen Denkens ist immer die Hierarchie, die aus sich heraus begründet wird. Die Hierarchie zwischen Lebensformen, Kulturen, Familien etc..

Finde ich beides falsch. Natürlich, weil ich Moralität nicht aus politischen Debatten rauswerfen würde. Weil ohne Moralität auch funktional rein gar nix klappt - Fairneß, Vertrauen, Motivation, Anerkennung, Respekt sind, das zeigt mir meine tägliche Berufserfahrung, auch harte ökonomische Kriterien. Deshalb bin ich mir ziemlich sicher, daß eine linke Politik, wenn sie's denn schaffte, die Leute zunächst europäisch mal wieder zu überzeugen, statt sich in nationalen Sozialstaatsdebatten und Konkurrenzen zu verstricken, auch langsfristig wirtschaftlich die erfolgreichere ist. Ich will keinen Kommunismus und auch keinen Sozialismus, der dem einst real existierenden gliche. Ich will aber (verständigungsorientierte) Vernunft und somit immer auch Moralität nicht aus Gesellschaften rauswerfen. Und wenn man das nicht will, ist die Tugendhatsche Kuchenfrage immer ein guter Ausgangspunkt für Diskussionen ...

21.01.06

Die Bezeichnung "Bitch" ist ungerecht!

Auf'm Weg zu Park. Eine nach Cosmopolitan-Titel-Vorbild gestylete Blondine mit ihrer äußerst sympathischen Hündin an der Leine kommt mir und meiner Momo entgegen spaziert: "Ist das 'ne Hündin?" "Ja" "Ach, Hündinnen sind ja oft zueinander zickig ..." "Die will noch mit allen spielen. Die war ja noch nicht mal läufig." "Ach, der Zickenkrieg beginnt ganz früh" lacht sie und schwebt von dannen im kamelhaarfarbenen Kaschmirmantel ...

Nicht, daß meine Entgegnung sonderlich intelligent gewesen wäre, ihre Antwort war schon klasse - das belegt auch der ziemlich lustige Artikel in DIE WELT, überschrieben mit "Unsichtbarer Zickenkrieg". (via FDOG)Zitat:

"Als "relationale Gewalt" bezeichnet Ittel solche Verhaltensweisen. "Relationale Aggression versucht, durch Manipulation und bewußte Zerrüttung die Qualität von Freundschaften zu beeinträchtigen", sagt die Psychologin. "Beispiele sind: bösartige Gerüchte verbreiten, jemanden bewußt ausschließen oder damit zu drohen, eine Freundschaft zu beenden."

Das Konzept der relationalen Gewalt erweitert den Aggressionsbegriff um eine Form von sozial aggressivem Verhalten, die als typisch weiblich gilt. So beschäftigen sich kanadische Forscher mit der Frage, welchen Einfluß relationale Gewalt auf den Zusammenhalt von Mädchengruppen im Jugendlichenalter hat. Das Ergebnis: Relational aggressive Mädchen sind häufig Anführerinnen in ihren Cliquen. Sie sichern mit ihrem Verhalten die Werte und Normen ihrer Gruppe. Sie bestimmen, welches Verhalten akzeptabel ist und welches nicht - und schließen andere vom Zutritt zu der Gruppe aus."

Natürlich muß man da feministisch kontern und die unterschiedlichen Weisen der Aggression in einem übergreifenden, gesellschaftlichen Zusammenhang deuten - Rollenbilder, Statusfragen etc. diskutieren. Lustig ist das trotzdem.

Man darf ja hier nicht aus seinem Berufsleben plaudern, schade ... aber es gab da so Situationen letzte Woche mit weiblichen Akteuren ... dann kommt man raus aus der theatralisch inszenierten Mobbing-Hölle, verläßt sich die Augen reibend die Bühne (Genre: Gerichtsdrama, zentrale Frage: Wer ist ist der Angeklagte? Wer war Opfer, wer Täter? Rhetorische Mittel: Verleumdnung, Unterstellung, Verdrehung, üble Nachrede, Drohung des Bruchs der Geschäftsbeziehung), schnappt sich seinen Hund - und das Herz geht auf. Freundlich, liebevoll, unmittelbar und in jeder Hinsicht direkt ist das Tier. Will einfach nur fressen, schlafen, spazieren gehen, andere Hunde treffen, auf allerlei Dingen rumkauen und geliebt werden. Hunde sind das Gute.

Grübelt weiter, wie Hunde ihre Konflikte austragen - nix da mit versteckter Aggression: Alles direkt, alles ganz eindeutig Statusfragen, und das Problem ist bei gut sozialisierten Hunden zumeist schnell gelöst. Ein Knurren, ein Schnappen, alles klar. Insofern ist in der Tat ungerecht, das im Artikel skizzierte Verhalten "bitchy" zu nennen - den Hunden gegenüber.

20.01.06

Norbert Bolz, die Linke und Jürgen Habermas

Wenn's um Norbert Bolz geht, könnte ich ja grundsätzlich gedanklich Amok laufen. Der Mann ist zwar aus für mich nicht nachvollziehbaren Gründen Professor, das mag an meiner Dummheit liegen, daß ich's nicht verstehe. Er ist aber auch ein Symptom für alles, was mich schon einst im Studium auf die Palme brachte und jetzt immer noch, wenn ich so manche Pop-Gazette lese (womit ich ausdrücklich und gerade nicht jene meine, bei der die gleich verlinkte Bloggerin schreibt). Diese Totalisierer eines völlig gehaltlosen Kulturbegriffs, die dann scheintrendy mit ungeheurer Überheblichkeit Wortwuste baren Unsinns ausstoßen, weil sie noch nicht einmal in der Lage sind, die simpelsten Unterscheidungen zu treffen. Um das Ganze dann auch noch, alles Schlechte an der Postmoderne bündelnd, mit völlig antiquierten Schein-Provokationen zu würzen - schlimm. Genau dieses Denken in kulturellen Oberflächenbeschreibungen hat einst das Aufkommen des Neonazismus mit begünstigt, da ist diese Variante von Pop mitschuldig. Gut, die Zeiten sind nun allerdings tatsächlich eigentlich vorbei, die Popismus-Zeiten, nicht die der Neonazis, und insofern ist in fast jeder Hinsicht Mercedes Bunz Applaus zu spenden, daß sie dieser im Gewande der Wissenschaft auftretenden RTL-Retro-Show namens Norbert Bolz ordentlich den Kopf wäscht. Wegen dieses Satz-Konglomerates ...

... - Mercedes Bunz verweist zu Recht darauf, daß dieser Text überflüssig ist wie ein Kropf und sich die taz fragen sollte, warum sie den veröffentlicht. Wobei es natürlich schon den einen oder anderen Grund geben muß, sonst würde ich mich hier ja auch nicht still und leise vor mich hin aufregen. Ich mag dieses Scheintext-Unglück hier noch nicht einmal zitieren, aber da finden sich so spaßige Gedankengänge wie z.B. jener, daß heute alles und jeder gepiercet sind. Daraus wird dann der Schluß gezogen, daß zur Antibürgerlichkeit kein Mut mehr gehöre. Hallo? Piercing als Inbegriff der Antibürgerlichkeit? Der Mann rezipiert im gesamten Text, in dem's ja vorgeblich um linke Bürgerlichkeit gehen soll, wirklich ALLES als alltags-ästhetisches Phänomen. Auch Gedanken. "Provokationen provozieren niemanden mehr. Jeder Trottel versucht sich heute als Querdenker zu profilieren, um den Komfort des Unbequemseins zu genießen." War jetzt doch'n Zitat, weil: Ja, eben, Herr Bolz, richtig. Diesen Gedanken habe ich nur wahrscheinlich erstmals als zarter Jüngling in den frühen 80ern gehört. Kein Wunder, daß so einer behauptet, die Linke habe das Paradies der Aufklärung zu verlassen. Die könnte so jemandem auch ernstzunehmend gefährlich werden, der dann kryptisch und langweilig auf Komplexes verweist und den Verlust von Gewißheiten vor sich hinbetet ... das Plädoyer für Höflichkeit teile ich zwar prinzipiell, aber ist gibt auch Momente im Leben, in denen Unhöflichkeit ein Gebot der Moral ist ...

Wo ich Mercedes Bunz hingegen gar nicht mehr folgen kann, ist das folgende:

"Ja, Überraschung: Es gibt eine Rückkehr des Politischen, es gibt die Theorie einer radikalen Demokratie, die eben nicht auf kommunikative Vernunft, Konsensus und Mehrheit macht. Also nicht auf konservativ-bürgerliche Werten einer Gemeinschaft pocht, in die man hineingeboren wird und der man sich anzupassen hat, sondern Pluralität anstelle dessen setzt und als Demokratietheorie denkt."

Will sie jetzt etwa auch mich aus der Linken hinausbefördern oder antiquieren? Sowas wäre zwar gute, linke Tradition. Aber ich halte sehr viel von Habermas, der da implizit in eine Ecke gestellt wird, in der er nix zu suchen hat. Mit Anpassung hat der nun gar nix am Hut. Ich finde da in seinem Werk sehr viele Ansätze, die man auch vorwärts gerichtet prächtig gebrauchen kann. Und das oben ist schlicht eine Bolzsche Habermas-Lesart - es ist schlicht falsch und auch ein ziemlich boshaft, dem implizit und ungenannt zu unterstellen, er habe eine "Gemeinschaftsphilosophie" im oben genannten Sinne formuliert. Konsens ist bei ihm gänzlich anders eingeführt als dort behauptet, im Kontext einer einigermaßen verunglückten Wahrheitstheorie, das ändert aber nix daran, daß es ihm um das Ermöglichen von Vielfalt auf der Basis formaler und prozeduraler Vernunft geht, und das ist auch meiner Ansicht nach der einzig gangbare Weg. Die auch normativ gehaltvolle Unterscheidung zwischen strategischem einerseits, verständigungsorientiertem, kommunikativem Handeln andererseits ist meiner Ansicht nach unhintergehbar und in der Tat alltäglich teils sogar grausam spürbar. Auch die darauf aufbauende System-Lebenswelt-Differenz gehört immer neu, unter neuen historischen Bedingungen mal wieder angewendet.

Ja, und Bürgerlichkeit ist neben allerlei historisch Variablen immer noch einerseits Begriff aus der Ökonomie. Andererseits formulieren Bürgerrechte eben nix anderes als ein universelles Konzept dessen, was jedem gleichermaßen zusteht: Respekt, Anererkennung und so weiter. Die Basis der Pluralität, sozusagen. Aktuell ist beides, gerade auch wegen des Bushschen Mißbrauchs dieser Begriffe. Es ist und bleibt ein Widerspruch in sich, im Namen der Menschenrechte zu töten, weil Leben eben die Vorrausetzung derselben ist.

An die ökonomische Kategorie des Bürgerlichen anknüpfend wird es spannend, wenn man sich z.B. die Einträge zu den aktuellen Streiks anschaut - bei Somlu, beim Bembelkandiaten und anderen. Ist das jetzt eine Verteidigung des (Klein-)Bürgertums gegen den Abstieg in's Nicht-Bürgerliche auf Kosten des polnischen Proletariats? Das behaupte ich keineswegs, nein!, aber die Richtung der Fragen ist vielleicht zielführend, weil sich hier neoliberale und altlinke Positionen mischen würden, wenn man das behauptete (ist aber so formuliert falsch).

Hier sind solche Kategorien in der Tat relevant und sonst nirgends, behaupte ich mal. Kernpunkt linker Politik ist und bleibt die Verteilungsgerechtigkeit auf der Basis eines universellen, nicht z.B. nationalen Gerechtigkeitsbegriffs, und ich habe diese Grundfrage auf den auf Existenzielles Besserwissen verlinkten Seiten überhaupt nicht gefunden. Allenfalls indirekt, weil Demokratie aus linksliberaler Perspektive das einzig legitime Mittel ist, Verteilungsgerechtigkeit zu gewährleisten, so auch radikale Demokratie, und auf diese Weise spezifische Formen der Verteilung von Gütern auch zu legitimieren (erst dann, als nächster Schritt, kommt der Staat ins Spiel, im besten Fall als Organ der Demokratie, liebe Neoliberale). Linksliberale Positionen pochen zudem auch auf Menschen- oder eben Bürgerrechte, Marxisten lösen das oft, aber nicht immer, anders, Postmarxisten offensichtlich ähnlich wie ich oder Habermas (ja, ist so). Wenn dann auch noch - ebenfalls gegen Habermas - all diese verlinkten Postmarxisten das Konzept der Öffentlichkeit (das strukturell sehr viel mit dem Foucaultschen Doppel Macht/Diskurs zu tun hat, obwohl das keiner von beiden wollte oder je verstanden hat, weil Habermas ziemlich unvernünftig Foucault im Wesentlichen als Vernunftkritik rezipierte) dann verabschieden zu wollen, hieße das auch, das Bloggen lieber gleich bleiben zu lassen ... wie irgendwelche Werber das ja auch aus genau dem Grund, daß das Konzept der Öffentlichkeit eben gültig ist, gern hätten.

Lange Rede, kurzer Sinn: Eigentlich lieber über Streiks reden als über Norbert Bolz! Und auch meine Lieblingsthese zum Thema Verteilungsgerechtigkeit zu referieren, weil sie in ihrer Schlichtheit einfach überragend wahr ist. Vertreten hat sie Ernst Tugendhat in seinen Vorlesungen über Ethik, Frankfurt/M. 1993 (finde die Seite gerade nicht): Das Verteilen zu gleichen Teilen ist die einfachste Verteilungsregel und unmittelbar plausibel. Ungleiche Verteilung hingegen bedarf der Begründung - Leistung, Macht, Status, Geschlecht, Erbrecht etc.. So, und dann kann man anfangen zu diskutieren bzw. die politischen Kontrahenten begründen lassen. So einfach ist das mit linker Politik ... mit Piercings hat diese genau so wenig zu tun wie die Kategorie "bürgerlich". Mit Demokratie aber eine ganze Menge ...

Die Mehrheitsgesellschaft, Folge mindestens 150

Die neue Mitte ist wieder bereit, sich zu schließen - ein Satz, der mindestens 2/3 der Einträge in diesem Weblog ihr Thema vorgibt. Vorbei die Zeiten, da Vielfalt überhaupt noch postiv konnotiert diskutiert wurde. Die ist in der Akte "Gutmenschentum" abgeheftet. Und die wird immer nur gezückt, wenn's drum geht, mal wieder irgendeine Personengruppe zu denunzieren, zu diffamieren, im Zuge neuer Identitätstiftungssehnsüchte oder anderer Sinnkrisen mal wieder einen überzubraten - oder aber sie zu definieren, die mit Anstand perfideste aller Gemeinheiten. Glaubt bloß nicht, ihr gehört dazu, schreien sie dann - und wir werden alles dafür tun, daß ihr weiter unserer Bewertung unterliegt, anstatt uns weiter gefallen zu lassen, daß ihr auch noch wagt, uns zu kommentieren.

Das ist Machtpsychologie für Blöde, aber so funktioniert aktuell der bundesrepublikanische Diskurs. Da kann auch der aktuelle Winkelzug zum Gesinnungstest für Muslime in Baden Würtemberg nix dran ändern - ...

... daß DIE ZEIT den Fragenbogen nun "Muslimtest" nennt, ist abgesehen davon sprachlich wirklich lustig, würde man bei einem solchen doch eher die Abschlußprüfung in einer Koranschule vermuten. Und das wäre ja ganz schön, wenn Baden-Würtemberg das fördern würde ...

Doch DIE ZEIT druckt auch einen in jeder Hinsicht lesenwerten Artikel von Mely Kiyak. Finde das zwar nicht alles überzeugend, insbesondere diese merkwürdigen Sottisen auf die so gebrochene, deutsche Identität völlig überflüssig. Das ist albern - genau die ist doch einer der Gründe, warum es sich in Deutschland - bisher noch - ganz gut lebt, während z.B. dieser auftrumpfende Nationalismus, der oft in Frankreich anzutreffen ist, einfach nur nervt.

Bisher noch gut lebt - kulturell und gesellschaftlich findet aktuell tatsächlich eine Zeitenwende statt. Während in den USA, wie dieGolden Globes zeigen, die Neocons wieder schärferen Gegenwind erleben, folgt hier die Politik immer häufiger dem Motto: Gut, Homos gibt's halt, aber bitte diese ganze Arschfickerei nicht auch noch propagieren! Und selbst in medialen Bereichen, wo man auf das Andere hofft, ist diese Hoffnung trügerisch. Nachlesen kann man das bei Lysis oder in der Jungle World. Besprochen wird die jüngt auf Pro Sieben angelaufene serie "Queer as Folk". Zitat:

"So aber sind Brian, Ted, Michael und Emmett nicht nur einfach Schwule, sondern Angehörige einer quasi ethnischen Minderheit, mit ihren eigenen Sprachregelungen, Ritualen und Schwierigkeiten; sie sind Exemplare, im Moment der Konfrontation sowohl mit der Homophobie als auch mit der »eigenen Kultur«. […]

Hier sehen sich die Schwulen, wie sie gesehen werden wollen, und sie sehen sich, wie andere sie sehen, und es gibt keinen Unterschied. Wenn sowohl der Homophobe wie der Schwule von den gleichen Annahmen und Bildern ausgehen und nur deren Bewertung sich partiell noch unterscheidet, ist die Aufklärung an ihrem Ende angekommen, denn Bewertungen sind Meinungen, Meinungen Projektionen und Projektionen nicht aufklärbar, sondern nur in einer unverstellten Erfahrung aufhebbar."

Daß parallel dazu in den Ankündigungen einer Sendung aus Schwarzen Farbige werden und aus deren Lebenssituation Lebensprobleme, ist auch nur teilweise Zufall. Es ist wirklich ein wenig fies, nun ausgerechnet der ARTE-Online-Abteilung an's Bein zu pissen, das sind nicht nur in jeder Hinsicht tolle Menschen, die da arbeiten, sie arbeiten auch hochengagiert, akribisch und qualitativ herausragend. Zudem ist ein großer Teil der Online-Redakteure französisch sprechend aufgewachsen, daß da nicht jede Nuance sitzt, ist nun mal manchmal so. Und, noch eins drauf: ARTE ist nun wirklich der Sender, der solche Themen wirklich offensiv angeht, das kann man gar nicht genug lobpreisen. Eine Intention verbirgt sich hinter diesen semantischen Variationen auf keinen Fall, und man kann ja auch direkt mit denen reden, dann ändern die das. Nichtsdestotrotz ist Noahs Ärger in jeder Hinsicht verständlich, denn auch, wenn's hier definitiv die Falschen erwischt, ist's eben symptomatisch ... und somit indirekt ein Beleg für die sich schließende Mitte. Zudem der Text auf Noahs Seite zum Thema "farbig" sowieso Pflichtlektüre ist.

Ein Hoffnungsschimmer aber dieses Mal Frau Slomka: Geradezu vom Geist der frühen Schwulenbewegung durchdrungen, hat sie gestern abend in der Anmoderation des Heute-Journal-Beitrages zu diesem schwulen Cowboy-Drama - "Highbroke Mountain" oder wie heißt der noch? - sich so dermaßen demonstrativ und engagiert vor und hinter alle Homos gestellt: Glückwunsch! Meine ich ganz ironiefrei. Hat sie toll gemacht!

18.01.06

Nachschlag zum vermeindlichen (!) Verschwinden rechter Jugendkultur

In der Hoffnung, daß Nach"schlag" nicht falsche Assoziationen hervorruft ... ich bibbere schon vor möglichen Zurechtweisungen durch tatenschutz.de ...

Kleiner Bericht aus dem Alltag rund um Berlin sei vorangestellt:

"nur, wie soll es anders sein in einem ostdeutschen kaff, hab ich nur allein in der näheren umgebung von zwei straßenbahn-haltestellen schon ne kleine handvoll npd-aufkleber abgekratzen dürfen. demnächst werd ich mich mal daran machen und mein umfeld mit den ganzen aufklebern zuzukleistern die bei mir eh nur rumliegen. ich verstehe nur nicht warum ich als “pendler” für diesen ort zivilgesellschaft spielen darf.

und die kioskbesitzerin am lokalen s-bahnhof verkauft die “national zeitung”, und zwar nicht dezent unterm ladentisch sondern schön sichtbar im zeitungsständer. auf die frage warum sie das macht und
was sie sich dabei denkt, bekomme ich nur ein “ich verkaufe alles, ist mir egal” und “ihre argumente habe ich schon tausendmal gehört” zu hören." (Qualle-Blog)

Insofern sei Bembelkandidat vollstens zugestimmt: Vom Verschwinden rechter Jugendkultur kann schon deshalb keine Rede sein, weil wohl keine andere Jugendkultur in weiten Teilen der Republik so freundliche Unterstützung durch den gesellschaftlichen Mainstream erfährt und Jugendkultur sich schon lange nicht mehr an Generationskonfliktlinien entlang formiert ... las sich jetzt so bei Dir, Bembelkandidat, als würde ich die Frage nach dem Verschwinden rechter Jugendkultur ernsthaft stellen wollen. Fand lediglich, daß man gerade jene Studien lesen oder zumindest wahrnehmen sollte, die der eigenen Wahrnehmung zuwiderlaufen ... halte da aber schon die Fragen für falsch gestellt bei der konkreten Studie. Viel zu Lifestyle-orientiert ...

Was einen jetzt nicht der Aufgabe enthebt, ein paar Worte zu den Kommentaren von Tatenschutz beim Bembelkandidaten zu verlieren. Das bestätigt nämlich das hier : In vielerlei Hinsicht leben wir noch in den frühen 80ern. Dieses Gekreische "Es gibt aber auch linke Gewalt!" kenne ich auch noch von damals ... es gilt immer noch, Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln. Jetzt angesichts von irgendwelchen menschenverachtenden Faschos, die Zigaretten auf den Gesichtern von 12-jährigen ausdrücken, "Aber Attac!" zu rufen, ist eine uralte Verhinderungsstrategie, die die Auseinandersetzung mit rechter Gewalt verhindert (und auch verhindern soll? Keine Ahnung, vielleicht isses auch nur'n deutscher Reflex).

Außerdem sind die Motive von strafrechtlich zu sanktionierenden Handlungen im Rahmen geltenden Rechts sehr wohl von Relevanz. Sowas wie "die besondere Schwere der Schuld" würde ja sonst gar keinen Sinn machen. Ich bin weiß Gott niemand, der linke Gewalt legitimieren würde, die ist auch Scheiße - wenn man sie mit rechter Gewalt undifferenziert gleichsetzt, lügt man sich nur in die Tasche hinsichtlich des braunen Bodensatzes, auf dem Teile Deutschlands gedanklich schon wieder marschieren ...

17.01.06

Fragebogen für Einbürgerungswillige: Kritik der Kritik der Kritik

Sowas wie intellektuelle Lauterkeit gebietet ja, daß man sich als einer, der sich in den hintersten Winkeln der Randzonen der Peripherie der Öffentlichkeit vehement gegen diesen Fragebogen für Muslime aussprach, die Kritik an dieser Kritik auch zu diskutieren.

Da empört sich zum einen Thea Dorn zu Recht über den Einwurf des Literaten Peter Schneider: Dieser wollte den Fragebogen als neuen Radikalenerlaß interpretiert wissen. Das ist allerdings ist in der Tat, gelinde gesagt, ein wenig wirr. Und auch sonst ist in ihrer Polemik durchaus das eine oder andere Sinnvolle zu entdecken, was ...

... aber meine Einwände gar nicht trifft. Unterstellungen wie jene, jeder, der sich gegen diesen Fragebogen ausspreche, befürworte damit automatisch sogenannte "Ehrenmorde", sind allerdings nicht gerade zielführend. Sind reine Empörungskultur und können auch gar keinen Konsens hinsichtlich jener Grundrechte erzielen wollen (wollen jetzt kantianisch verstanden), die in Deutschland eben Grundlage jedes Miteinanders sein sollten (die aber selbst nicht Kultur sind). Kommentaoren wie Thea Dorn wollen sich moralisch dadurch aufwerten, daß sie andere abwerten, was genau dem widerspricht, was dieser Fragebogen doch vorgeblich erreichen soll. Und stellen dann in der Tat dumme Behauptungen auf wie z.B.:

"Man kommt nicht umhin, den Verdacht zu haben, daß der deutsche Politisch-Intellektuelle lieber im ewigen Anti-Faschismus, Anti-Totalitarismus, Anti-Deutsch-Sein schwelgt, als sich den Fragen der Zeit zu stellen."

Was dann ja - jetzt mal das Anti-Deutsche außen vor lassend - nur die Conclusio zuläßt, daß Anti-Faschismus oder Anti-Totalitarismus nicht zu den Fragen der Zeit gehören. Meint die das? Wenn ja: Armes Deutschland.

Die von mir und anderen vorgebrachten Einwände sind wohl mit dem folgenden gemeint:

"Höhnische Hinweise, man solle die Fragen deutschen Normalbürgern vorlegen und gucken, was da für verfassungsfeindliche Überzeugungen ans Licht kämen, führen in die Irre. Richtig: Es gibt leider mehr als genug Deutsche, die frauenfeindlich, homophob, antisemitisch sind."

... dann führen die doch aber gar nicht in die Irre, Frau Dorn ...

"Aber es ist eine perverse Auslegung des Gleichheitsgrundsatzes daraus zu schließen, der deutsche Staat sei verpflichtet, jedem Frauenfeind, Homophoben und Antisemiten die Staatsbürgerschaft zu geben."

Jetzt mal ganz abgesehen von dieser Sexual-Metaphorik: Wer will denn das, fordert das, behauptet das? Das sind ja schon Kewil- und PI-Techniken, somit verwerflich: Man verunsachlicht Debatten nicht durch unsinnige Unterstellungen, will man wirklich das Selbstverständnis der deutschen Demokratie diskutieren. Frau Dorn mißachtet mit solchen Ausfällen selbst die Grundlagen gelingenden Miteinanders. Noch einmal gilt: Wer im Rausch der Empörung sich der Argumentation verweigert und diffamiert, statt sich zu überlegen, auf was die Einwände gegen den Fragenbogen zielen, hat ein paar Basics demokratischen Miteinanders - z.B. die Notwendigkeit von Kritik - schlicht nicht begriffen. Ausbürgern. Und dem Lektor bei DIE WELT 'ne Abmahnung schicken. Die trifftige und von Peter Schneider selbst als korrekt bezeichnete Kritik an dessen Radikalen-Erlaß-Vergleich und die Inschutznahme der Autorinnen hätte völlig gereicht.

Ernster ist Necla Kelek zu nehmen. In der taz argumentiert diese im Gegensatz zu Frau Dorn und schreibt sehr viel Zustimmungsfähiges. Trotzdem: Die ganze Kritik-Welle wäre doch gar nicht zu dieser Größe angeschwollen, wenn sich's nicht um einen Test spezifisch für Muslime gehandelt hätte. Frau Kelek tut jetzt so, als sei dem gar nicht so:

"In den 21 Fragen des Leitfadens kommen die Worte "Muslim" oder "Islam" nirgends vor. Es ist immer von "Glauben" und "Religion" die Rede. Die Fragen gelten Themen, die in der Tat für eine Demokratie lebenswichtig sind: Gewalt gegen Frauen, Freizügigkeit, Selbstbestimmung, Demokratieverständnis. Warum ist das ein "Muslim-Test"? Mit der gleichen Berechtigung könnte man ihn einen "Pascha-Test" nennen, denn die Fragen problematisieren mehrheitlich die Männerrolle."

Na, als Muslim-Test wurde er eben behandelt, weil er nur potenziellen Einbürgerungskandidaten aus einer sogar genau bezifferten Anzahl von Ländern gestellt werden sollte. Das war dann auch schon der zentrale Einwand. Daß ganz generell die oben genannten Themen sehr wohl bei allen Einwanderen gleichermaßen in näher zu diskutierender Form behandelt werden könnten, dagegen hat doch keiner was. Aber nun gleich bestimmte Personengruppen unter Generalverdacht zu stellen ist zweifelsohne diskriminierend. Genau die Formulierung des Generalverdachts ist's doch, was alle Integration in was auch immer schlicht verunmöglicht ... man kann Ehrenmorde auch ohne Generalverdacht kritisieren und zu unterbinden suchen ... und auch Peter Schneider in seiner Erwiderung auf Frau Dorn (finde ich gerade nicht, den Link) noch dahingehend zustimmen, daß sowas ja auch als Wissenstest konzipierbar ist. Wer eingebürgert wird, hat zunächst eben einen solche über den Gehalt des Grundgesetzes zu bestehen - ganz gleich, ob er aus Australien, Brasilien oder Ägypten stammt. Dann hat man auch den Punkt "Gesinnungsschnüffelei" entkräftet.

Alles andere wird schon rein pragmatisch ernstzunehmend schwierig. Man nehme an, jemand distanziert sich von Ehrenmorden - hält er denn das dann auch in Krisensituationen wirklich durch? Zur Sicherheit vielleicht noch'n psychiatrisches Gutachten hinterher schieben? Ob das alles wirklich zweckmäßig ist, das von Frau Kelek - zu Recht! - Gewünschte zu erreichen?

Noch was: Gibt ja auch in Deutschland sowieso schon - in Hamburg in den letzten Jahren drastisch angestiegen - sogenannte "Beziehungstaten". Motiviert z.B. durch "verletzten Stolz". Oder ist Mord aus verletztem Stolz weniger schlimm als solcher aus dem Motiv der "Ehre" heraus" (ich finde beides gleichermaßen schlimm)? Und wie stellt man fest, wer dazu neigt? Persönlichkeitsprofile erheben? Und welche Volksgruppen neigen wohl dazu? Wie hält man die draußen?

Die Materie scheint mir ein wenig kompliziert zu sein, um durch einen Fragebogen da was zu erreichen, bei allem Respekt, Frau Kelek ... gegen einen generellen Wissenstest im Schneiderschen Sinne hätte ich gar nix. Wichtig ist, daß man die Gesetze kennt und sich daran hält, behaupte ich. Innere Einstellungen zu überprüfen .... mmmmh, das ist nicht nur faktisch ganz schön schwierig, das wirft auch so viele prinzipielle Fragen auf, daß ich die hier noch nicht mal alle diskutieren kann ...

Schade, daß dieser ansonsten so anregende Text dann auch in dieses allzu grob geschnitzte Horn stößt:

"Die in der deutschen Öffentlichkeit gepflegte Kultur des "Alarmismus" nötigt mir einerseits immer wieder Bewunderung ab: Man ist sofort bereit, vermeintlich Schwachen, Bedrohten wortreich zur Seite zu stehen; andererseits bestürzt es mich, dass diese Solidaritätsbereitschaft oft mit Blindheit geschlagen ist - Blindheit für das, was an der eigenen Gesellschaft, der eigenen Verfassung verteidigenswert ist und im Zweifelsfalle auch verteidigt werden muss."

Frei vom Alarmismus sind solche Zeilen ja nun auch nicht. Und sich als Sehender unter Bilnden zu fühlen, gut, damit mag man sich wohlfühlen, sei Frau Kelek gegönnt, aber ein wenig pathetisch ist auch das - aber, liebe Frau Kelek, indem ich diesen Fragebogen kritisiere, will ich ja gerade das: Verteidigen, was ich an der eigenen Gesellschaft, der eigenen Verfassung für verteidigenswert halte. Auch gegen das eine oder andere Argument (keineswegs alle, viele sind ja richtig) von Ihnen und insbesondere auch die eine oder andere Wirkung in die Gesellschaft hinein, die Sie damit erzielen ...

PS: Einen hab ich noch, ganz im Ernst - was ist eigentlich an Polygamie so schlimm in den Fällen, da sie wechseltseitig einvernehmlich geschieht (falls es das gibt)?

Verdamp lang her?

"Der Fall Osthoff" - Caroline Fetscher hat bereits vor ein paar Tagen in ihrem Justworld-Blog darauf hingewiesen, daß in diesem sich allerlei bündelt, was eher Rückschlüsse auf die Tiefenstrukturen diskursiver Formationen der BRD der Jetzt-Zeit zuläßt als auf die Person Osthoff oder die Entführung selbst. Für sie erscheint die wahlweise verschleierte oder von Beckmann Gequälte als ein "Gespenst aus den 70ern", wobei die Darstellung des Alternativbewegungs- und Post-Hippie-Szenarios, als dessen Schatten Frau Osthoff über die medialen Bühnen strauchelte, diese politisierte Roncalli-Welt, wohl in in vielerlei Hinsicht auch die Aufarbeitung der Biographie der Autorin selbst darstellt. Sie wertet diese damals so dominierende Szene, die die GRÜNEN in Parlament schwappen ließ, TAZ und EMMA hervorbrachte und Millionen auf die Straße trieb, um gegen Atomraketen zu demonstrieren...

... als regressiv und stellt eher andeutend denn einlösend und somit suggestiv Vergleiche zu den 20er Jahren an.

Sie tut das sehr klug und differenziert - sie stippt mit dem Finger in die richtigen, offenen Wunden und leckt dannn viel zu kurz nur daran. Seit Jahren wundert's mich, daß diese Zeitenwende - der Übergang von Anti-AKW, "Baum ab - Nein Danke!" und "Stell Dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin" zu König Kohl so wenig diskutiert wird. Alle kleben wahlweise an 68 oder der Zeit des Mauerfalls - daß dazwischen noch eine zutiefst undogmatische, aus "Stamokap"-Schwachsinn gelernt habende, verspielte, phantasiereiche und ökonomische Nischen aufsuchende Generation wenigstens noch neue Wege des Denkens und Lebens suchte, anstatt sich diesem 50er-Jahre-Comeback, für das Kohl stand, und dieser widerlichen, totalisierten Ästhetisierung á la TEMPO zu unterwerfen - das wird zumeist ignoriert. Sehe ich vielleicht auch so, weil ich selbst da anfing, zu pubertieren - habe dennoch eher das Gefühl denn die Erkenntnis, daß genau diese Zeit wieder aufzusuchen ist, will man sich nicht jener Regression hingeben, die diese Mischung aus plumper Kapitalismus-Affirmation mit allen damit verbundenen Erlösungssehnsüchten und diesem totalitären Gestus der Weltbeglückung darstellt - diese ganzen Diskurse, die im Krieg sogar das Gute sehen. Fast wortgleich wie damals die Gegner der Friedensbewegung ...

Das sind nämlich genau die Frontlinien, die's einst auf Schulhöfen gab, und auch diese zwanghaft-höhnische Pseudo-Überlegenheits-Rhetorik ist fast wortgleich mit jenen der zumeist etwas aufgeschwemmten Gestalten, Kinder reicher Eltern, und der vereinzelten Popper, die damals massenhaft in die Junge Union eingetreten sind.

Menschen wie Michael Miersch waren das, die es aus einer tiefen Frustration heraus, die ich bis heute nicht verstanden habe, dann in so einer seltsamen Mischung aus Siegen-wollen-um-sich-was-zu-beweisen und Geißlerscher ("SPD als fünfte Kolonne Moskaus") Demagogie in die Verbal-Schlachten mit GEW-Lehrern zogen.

Und im selben Stil artikulieren sie sich ja heute noch oder posten Texte anderer Leute, bei denen man sich fragt, ob man diese noch als "Artikulation" bezeichnen kann - da fallen dann zum Thema Osthoff und Grimme-Preis Sätze wie "Wenn dieses Beispiel Schule macht, was haben wir als nächstes zu gewärtigen? Kriegt Armin Meiwes, der Kannibale von Rothenburg, bald eine eigene Kochshow?" Hauptsache diffamieren, Diskussion unerwünscht. Das riecht nicht zufällig nach dem autoritären Gestus von SED-Funktionären ...

Kein Zufall insofern, daß genau zu Zeiten wie der damaligen, da ähnliche Rhetorik die Diskussionen prägten, auch Wehrsportgruppen zum allseits diskutierten Thema wurden und kurz darauf rechte Skins aus England nach Deutschland schwappten.

Wie zur Bestätigung all des Geschirebenen zeigt das Morgenmagazin gerade einen Beitrag über Hermann van Veen ... ich halte die Szene der späten 70er, frühen 80er bis heute nicht für regressiv. Zehre davon und bin froh darüber, sie erlebt zu haben ... danach ging's im Westen kulturell steil bergab. Während im Osten mit ganz ähnlichen Motiven und Denkweisen wie jenen der westlichen Alternativbewegung sich parallel eine Bürgerrechtsbewegung und eine immens spannende Punk-Bewegung sich formierten, Feeling B. "Wir wollen immer artig sein, denn nur hat man uns gerne" sangen. Die zum Fall der Mauer beitrugen ... laut Caroline Fetscher waren die dann eben auch nur regressiv. Und Feeling B. sind heute Rammstein.

16.01.06

Alltag in Deutschland

Da ist man doch ganz plötzlich hellwach, liest einmal mehr einen Beleg für die fatale Liaison anti-islamischer Hetze und Neonazismus und fragt sich zudem, wie manch Kommentator darauf kommt, die Pariser Riots auf tradierte Barabarei aus Herkunftsländern zurückzuführen und sich einzubilden, wahlweise Frankreich oder Deutschland seien ja an sich und durch und durch ziviliserte Hochkulturen.

Die Jagd auf Hamed H. und wie deutsche Gerichte damit umgehen, kann man bei "Mut gegen rechte Gewalt!" nachlesen. Via Partisan.

Macht, Müdigkeit, Mathematik

Müdigkeit2.JPG

(Quelle: Fachbereich Mathematik, Universität Oldenburg)

Montage sind ja - allseits bekannt - geprägt durch tiefe Müdigkeit. Nur kurz aufstehen, schon Erholung weg. Da sieht man eine Woche ausgebreitet vor sich liegen - auf ihr stehen sie, die potenziellen Fettnäpfchen, Hürden und Sparringe, elegant eingebettet in die eigentlich so klar strukturierte ...

.. und noch grünen Wochenfläche finden sich allerlei Fallgruben und Tümpel, in denen Intrigenfische um Köder sich gruppieren und dran laben, nur um darauf zu warten, neu zuzuschlagen.

Schon Montag morgens weiß man: Ein Machtkampf nach dem anderen, strategische Pirouhetten (schreibt sich das so?) und absurde Spiegelfechtereien werden die Tage füllen ... tiefe Erschöpfung macht sich breit.

Die sich gnadenlos intensiviert, wenn man Montags morgens die Blogs, die man so liest, durchsurft und nur wenig Interessantes findet. Gleichermaßen feststellt, daß man diesen Zustand mit dem eigenen Eintrag auch nicht ändern wird (wer will schon mein Rezept meines gestrigen "L'Haquebraté à la Provence im Römertopf" lesen?) - begibt sich auf die Google-Bildsuche, gibt als Stichwort "Müdigkeit" ein und stellt fest: Man führt all die Kämpfe einfach nur auf den falschen Schlachtfeldern!

Die eigentlichen, wesentlichen, entfremdungsfreien Daseinskriege toben doch gegen die Mathematikmüdigkeit (siehe oben). Warum sich mit durchgeknallten Präsentatorinnen prügeln, warum bei Kunden ins Reine bringen, was selbst man gar nicht verschmutzte - mit aller Macht sollte stattdessen ungebremste Munterkeit auf's Addieren, Substrahieren und lustige Gleichungen sich richten! Das ist der Logarhythmus, wo man mitmuß!

So macht man eine Woche mehr alles falsch und weiß das schon am Montag ...

15.01.06

Gerade mal wieder auf 'ner Georgette Dee-CD gehört:

Georgette.jpg

(Quelle:www.georgettedee.de)

Der Kapitalismus, das ist nicht der Sieger.
Viel schlimmer als das: Er blieb einfach über.
Als Drache der fintersten Kategorie
Liegt er stinkend über der Demokratie.

Georgette Dee, Jung Siegfried, auf der CD "Drachenland", Viellieb Records 2001

Osthoff und Beckmann oder: Print, Fernsehen und Blogs

Eine echte Fleißarbeit mit Erklärungs- und Unterhaltungswert findet sich beim Demagogen (via wirres.net): Akribisch zusammengesammelte Kritiken zum Beckmannschen Osthoff-Interview. Interessant ist sowas nicht nur, um mit guten Gründen Beckmann zu dissen. Interessant ist es vor allem hinisichtlich ...

... einer übergreifenden Analyse medialer Mechanismen. Und zu denen gehört's immer auch, daß Print-Medien sich über's Fernsehen erheben, während sie selbst doch ein paar Seiten weiter genau das Gleiche machen wie die gescholtenen Kollegen vom TV ...

Das wäre mal 'ne Aufgabe, die so einen BLOG-Eintrag wie diesen hier schlicht überfordert: Zu prüfen, welche Kriterien TV-Kritiker im Blätterwald eigentlich anlegen, während doch zunehmend Mechanismen, die zunächst das Fernsehen aufgriff, im Blätterwald selbst von Baum zu Baum springen. Um anschließend dann zu fragen, welche Differenzen trotzdem fortbestehen, wenn ein Medium über 3 Sinn-Ebenen verfügt - Bild, Sprache, oft auch Sounds, Musik oder aber die akustische Leere im Beckmann-Studio -, während das andere eben auf Sprache mit ein paar Fotos reduziert bleibt ... wie gesagt, eher 'ne Aufgabe für die Arbeitslosigkeit, die vielleicht irgendwann kommt. An Universitäten finanziert sowas ja kein Schwein mehr ...

Aber, zurück zu Osthoff und Beckmann: Ich behaupte jetzt einfach mal, daß all das an Beckmann Kritisierte im TV als Medium selbst angelegt ist und er einfach nur zu eitel ist, mit dessen Möglichkeiten auch wirklich virtuos zu spielen. Zitat Münchener Merkur:

"Er beschränkt sich darauf, Fragen zu stellen, die Emotionen herausfordern sollen ("Hat man Ihnen als Frau Gewalt angetan?", "Was war das Schlimmste?") und die doch überwiegend von bestürzender Einfalt sind."

Nun ist's ja gerade der Reiz und die Stärke des Fernsehens, emotionalisieren und dramatisieren zu können - und zudem, daß jeder Zuschauer auch mitbekommt, daß dem so ist. Auch die Empörung angesichts eines investigativen Monitor-Beitrages ist ja Emotion, an die gezielt apelliert wird.

Schlimm wird's nur, wenn in TV-Formen mit Wahrheitsbezug - so ein Osthoff-Interview ist so eines- die Emotion als Provozierte auftritt. Das gilt partiell auch für solche Sendungen, die primär als Unterhaltung auftreten - ist spannend, Jahre danach noch mal Noah Sows Newsletter zu ihrem Ausstieg aus der Popstars-Jury zu lesen. Zu lesen, welche Gründe sie für den Ausstieg anführt, und welche Mechanismen sie zunächst zu akzeptieren bereit war. Ihre Kriterien, kurzgefaßt: Emotion ja, aber keine, die mit boshaften Mitteln erst produziert wird. Zudem: Selbst bestimmtes Handeln der Protagonisten muß schon sein ... gegen letzteres hat Beckmann übrigens nicht verstoßen. Ansonsten: Let there be show! Warum auch nicht?

Deutlich wird dabei, daß die Zwitterhaftigkeit zwischen emotionalisierender Unterhaltung und Wahrheitsbezug in der Tat dem Medium selbst eingeschrieben ist und da auch unausrottbar bleibt. Die Frage, welche Art von Warheitsbezug, ästhetischer - wie bei Bella Block, z.B. - oder eben Tatsachen behauptender, die stellt sich von Produkt zu Produkt, von Sendung zu Sendung, und das meiste sind Mischformen. Wer dagegen etwas einwendet, hat schlicht das Medium nicht begriffen. Oder kann's, wie Adorno, dann eben ganz und gar verurteilen, klar.

Allein schon diese schlichten Gedanken ignorieren Print-Kritiker zumeist, oft auch unterschwellig neidisch. Klar ist zudem, daß ohne inszenatorische Eingriffe Fernsehen gar nicht möglich ist. Jeder Schnitt, den man setzt, ist ja so einer - eine Selektion in einem Meer von Möglichkeiten anhand von Kriterien, auf welche Form der Inszenierung man hinaus will. Jede Frage, die ein Interviewer stellt, schließt eine andere aus. Jeder Off-Text ist eine Entscheidung, die auch anders getroffen werden könnte - alles hinsichtlich der Gesamt-Inszenierung.

Das ist insofern alles andere als trivial, daß natürlich die dem TV hinterhechelnden Print-Journalisten mit weniger Möglichkeiten - außer mehr Platz für Text - genau das gleiche tun, es aber mit Vorliebe dem Fernsehen dann vorhalten und bei sich selbst zu verbergen suchen. Und, noch darüber hinaus die Süddeutsche:

"Doch die Prioritäten des Reinhold Beckmann waren offensichtlich anders gelagert. Das vorranige Ziel des Fernsehmanns lautete wohl, Teilhaber zu werden an der medialen Inszenierung, zu der der Entführungsfall Osthoff inzwischen verkommen ist."

Was dann doch für all die TV-Kritiker genauso gilt. Die wollen jetzt mittels Text auch dabei sein. Diese empörten Kritiken, die sich über die Trivialität des Fernsehens und dessen Rampensäue erheben, sind Teil des Spiels, der Gesamt-Inszenierung eines Themas. Warum schreibt der Herr Katzenberger denn seinen Kommentar? Weil er das Gute will? Der interpretiert ihr ganzes Auftreten als Reflex auf BILD-Schlagzeilen und wertet dann wie ein Punktrichter, ob die Rehabilitierung gelang. Schön auch das hier, ebenfalls Süddeutsche, Katzenberger:

"Gänzlich verbieten sich all die anderen Fragen, die zuletzt von der sensationsgierigen Allgemeinheit an die Adresse der ehemaligen Geisel gestellt wurden. Es geht Außenstehende schlicht nichts an, wie gut sich Susanne Osthoff um ihre Tochter kümmert, wie das Verhältnis zu ihrer Mutter und ihren Geschwistern ist, wie stark sie raucht, oder wie medientauglich sie ist."

1.) zählt er, Neugier provozierend, genau das auf, was doch tabu sei und 2.) kommentiert er in endlosen Zeilen ihre Medientauglichkeit. Noch schöner diese inszenierte Ohrfeige für die sensationsgierige Allgemeinheit: Ja, Junge, an genau die appelierst Du doch auch, wenn Du Deinen scheinheiligen Artikel schreibst! Sonst such Dir doch ein anderes Thema.

Alles verlogen in den Medien! Und eben auch nicht, weil diese sowieso dramatisieren, inszenieren, selektieren, emotionalisieren, personalisieren. Der Print-Sektor zehrt zudem von einem Dünkel, der genau diese Mechanismen kritisieren will, und das zumeist im Zeichen der eigenen Eitelkeit (jener der Kritiker), um sie dann doch nur zu reproduzieren. Dabei sind doch eigentlich nur interessant jene Kritiken, in denen genau hingesehen wird, wie dramatisiert, inszeniert, selektiert und personalisiert wird.

Auch das Beckmann-Dissen in Blog-Einträgen ist in diesem Muster verortet: Da empört man sich (Emotionalisierung), das gibt man einzelnen Personen auf die Glocke (Beckmann, Personalisierung eines bestimmten Medienmechanismus, das allerdings tatsächlich, also in diesem Fall auch dessen Personifizierung), da inszeniert man einen Skandal (Beckmann-Interview mit Osthoff - oder auch Jamba-Klingeltöne, Blogs, die Hits über Google-Suche erzielen oder scharfe Galerien, die Traffic erzeugen, alles skandalös), und was man schreibt, ist eh immer Selektion. In der Blogosphäre folgt diese zumeist dem Kriterium, welcher politischen (oder auch unpolitischen, dann gilt authentisch versus nicht authentisch und ähnliches) Gruppierung man sich gerade selbst zuordnet, um Identität zu generieren. Und auch das ist ja 'ne Inszenierung ...

Ist ja auch alles in Ordnung, so ist das Leben, man muß es nur wissen, um nicht scheinheilig zu werden. Und daß Beckmanns Osthoff-Interview unerträglich war, stimmt ja trotz alledem ....

13.01.06

Wow! Hochachtung für Caroline Fetscher! Danke!

Das mit Abstand beste, differenzierteste und komplexeste, was ich zum Thema Antiamerikanismus bisher gelesen habe, findet sich im Tagesspiegel-Blog Justworld von der Autorin Caroline Fetscher (via Apocalypso). Bin in der Tat sehr tief beeindruckt. Derart souverän und konsequent quer zu allen Slogans durch Geschichte und Gegenwart zu surfen und dabei bravourös Allgemeines und Besonderes, Theorie und Fakten zu vermitteln ... wow!

Zitiere ...

... jetzt einfach eine längere Passage, in der Hoffnung, damit keinen Contentklau zu betreiben, sondern einen großartigen Text weiterzuverbreiten. Quelle ist ja durch die Verlinkung klar. Ist eine Passage, die schlicht am besten zu den sonst in diesem Blog behandelten Themen paßt - den ganzen Text, so ungeheuer gehaltvoll er ist, muß man jedoch einfach gelesen haben.

" (...) in den USA ist der Inhalt von „Nation“ seit ihrer Gründung anders codiert als in Europa, in den postkolonialen Staaten Asiens, Afrikas und Amerikas oder im Weltreich China. „An American National“ ist jeder, der auf dem Territorium der USA geboren wurde. Jeder und jedem, gleich welcher Provenienz, gehören juristisch, theoretisch und in der Gegenwart auch durchaus praktisch Verfassung, Flagge, Gründungslegenden und so fort, ganz gleich ob jemand hispanische, afrikanische, asiatische oder europäische („kaukasische“), gescheckte oder ungeklärte Herkunft aufweist. Wie anders Europas Regierungen und Öffentlichkeit die Frage der Citizenship ihrer Bürgerinnen und Bürger noch immer einordnet, bewiesen die Konflikte um nichtintegrierte Bevölkerungsgruppen, um „Parallelgesellschaften“ - wie anlässlich des temporären Ausbruchs von Anarchie in französischen Banlieus im Herbst 2005. Sie verwiesen auf ein Hauptproblem des aktuellen Europa, akuter und drängender als je zuvor. In den Jahresrückblicken blieben sie gleichwohl fast überall Marginalien oder wurden gleich ganz ausgespart.

Im „Schmelztiegel“ USA, dem ersten Vorboten einer Offenen Weltgesellschaft der möglichen Migration aller, vermischen sich die Herkunftsindizes inzwischen so sehr, dass das Angebot der neu konstruierten Identität als „Amerikaner“ nichts anderes bedeutet, als das eines post-nationalen (post-ethnisch, post-rassisch definierten) Citoyen dabei herauskommt. Nicht die Hybris Amerikas ist das eigentlich Bedrohliche, sondern die Hybridität seiner Staatsangehörigen, die alles in Frage stellt, was sich nach Ethnie, Nation, Clan, Sippe, „Blut“, Territorium und „Heimat“ organisiert sehen will. Dieser Umstand könnte an sich noch bedrohlicher auf New Europe wirken, wo Ethnizität und Nation jetzt serienweise retroaktiv konstruiert werden. Doch dort erinnert man sich daran, wer im Kalten Krieg zu wem hielt, und was Europas Intellektuelle unternahmen bzw. unterließen. So kann man das Modell Amerika großzügiger und vorurteilsfreier wahrnehmen, während es Old Europe weitaus heftiger erschreckt, ebenso die post-kolonialen Staaten, die arabischen Länder oder die lateinamerikanischen – überall dort hat sich Antiamerikanismus als Ideologie „rampant“ ausgebreitet. In den ehemaligen Kolonien europäischer Nationen regt sich, erstaunlicherweise, eher allgemeiner Unmut wider die USA, als gegen die britischen, belgischen, französischen, deutschen oder portugiesischen Colons von einst und deren fatale Hinterlassenschaften wie Korruption, willkürliche Grenzziehungen, brachiale Rohstoffausbeutung zu Ungunsten des Primärproduzenten, synthetisch produzierte „ethnische“ Konflikteskalation („Hutu“ versus „Tutsi“ und dergleichen mehr). (...)"

Aus der Perspektive dieses Textes, der wirklich konsquent sich diesen plumpen, insbesondere auch in Blogs aufzufindenden Lagerbildungen entzieht, ist ein Großteil der so hochaggressiv auftretenden "Pro US-Blogs" in dieser Hinscht schlicht selbst antiamerikanisch. Habe mich über deren propagandistisches USA-Bild, das sogar einen Simpel wie George W. Bush noch einmal simplifiziert und dann mit Amerika identifiziert, gewundert, seit ich sie entdeckte, diese Hetz- und Haßblogs, die ich nicht verlinken will. Ein derart reichhaltiges und vielfältiges Land als Humus für eigene Ressentiments (freundlich forumliert) zu instrumentalisieren, das ist einfach absurd, "links" wie "rechts", pro wie contra.

In der oben zitierten Hinsicht bin ich auch Verfechter eines Amerikanismus, aber hallo!

Danke, Frau Fetscher, für Ihren Text!

Normalisierung allerorten - von wegen "offene Gesellschaft"!

Das Thema der Schließung des Frankfurter Instituts für Sexualwissenschaften hatte ich schon in einem anderem anderen Eintrag behandelt. Heute berichtet Volkmar Sigusch in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau selbst darüber. Welcher Hohn wissenschaftlichen Institutionen wie der seinen mittlerweile entgegengebracht wird, zeigt die Bahndlung des Themas bei Spiegel-Online:Sätze wie "Auch gegenüber Christine Pries darf sich Volkmar Sigusch, der scheidende Leiter des Frankfurter Instituts für Sexualwissenschaft, gegen eine Schließung seines Hauses aussprechen" sind einfach nur ärgerlich. Wie auch das folgende, in der Frage Erwähnte:

"FR: In diesem Zusammenhang hat der Vizepräsident der Universität angeregt, dass sich Menschen, die in ihrer sexuellen Orientierung von der "Norm" abweichen, finanziell engagieren …

Volkmar Sigusch: … eine selten unglückliche Bemerkung. Vielleicht ist sie aber geeignet, die heutzutage von den Mittelschichten zur Schau getragene Liberalität unwillkürlich zu entlarven."

Unglücklich finde ich da doch harmlos als Kennzeichung solcher Aufkündigung aller liberalen An- und Grundsätze (so, wie ich sie verstehe). Die Neue Mitte will siegen, komme was da wolle ... passend dazu

gestern in Extra 3: Der auch von mir formulierte Gedanke, doch auch mal die deutsche "Mehrheitsgesellschaft" mit dem Baden-Würtembergschen Fragebogen zu konfrontieren, wurde praktisch umgesetzt - in Vechta. Erwartungsgemäß deftig fielen die Sprüche aus, als danach gefragt wurde, ob schwule Politiker oder gar Söhne denn akzeptabel seien. Wirklich symptomatisch jedoch der Satz einer älteren Dame, die sich darüber empörte, daß Schwule nun auch noch heiraten "dürften". Jene, die glauben, sie seien Teil der "Mehrheitsgesellschaft," denken in Kategorien wie "verboten" und "erlaubt". Sie wollen bestimmen, was jene, die sie zur Minderheit zählen, dürfen oder auch nicht. Ein Herr und Knecht-Verhältnis, sozusagen ... nicht umsonst schreibt auch Spiegel-Online oben von "dürfen".

Da paßt's nur, daß das Frankfurter Institut geschlossen werden soll, wenn's sich nicht über Sponsoren finanziert - Institute schließen ist eben die zeitgemäße Form des Denkverbots. Das immerhin hat die Republik gelernt - was Investoren nicht finanzieren wollen, existiert dann einfach nicht mehr ... viel effektiver ist dies als direkte Repression.

Mach doch mal den Dreck weg!

Zum Einstieg in die heutige Predigt passen die Kommentare bei jenen, deren Denken sich darin erschöpft, immer das Gegenteil altlinker Rhetorik zu behaupten (und die deshalb an dieser kleben bleiben): Da findet sich fast wie auf der BRAVO-Witz-Seite der folgende Dialog ( von mir mal eben redigiert, dramarturgisch gestrafft, also nur auszugsweises, wechselseitiges Schulterklopfen):

Christian: Lies es lieber stückweise in der Bahnhofsbuchhandlung;-)
Sascha: Lesen in der Bahnhofsbuchhandlung? Nein, dafür bedeutet mir Besitz viel zu viel.
Christian: “Und lesen in der Bahnhofsbuchhandlung? Nein, dafür bedeutet mir Besitz viel zu viel.” Respekt und ich dachte, ich wäre kapitalistisch orientiert. Man findet immer mal wieder seinen Meister…

Na, das läßt man einfach so stehen und genießt gnickernd. Nein, auch Hegels Herr und Knecht laß ich jetzt rechts liegen. Ziemlich gut allerdings der Kommentar von Statler ebenda. Ist natürlich gar keine Frage, daß dieser Bushianischen Weltpolitik ebenfalls ein Erlösungsgedanke zugrundeliegt. Doch obigen Dialog fortschreibend: Genau soclhe Sätze raunen sie sich ja auch immer zu, die Bettler, Schnorrer und Obdachlosen in Hamburgs ...

... Innenstadt. Und ganz laut brüllen sie Sachen wie "Kapitalismus heißt Schlemmen!!!" - so laut, daß sich die in Pelz Gewandeten aus den Walddörfern auf dem Weg zu Versace ebenso gestört fühlen wie jene im C&A-Anzug aus Wandsbek, die nicht in einer Sigmund Freud-Straße wohnen wollen.

Und da Hamburgs offene Gesellschaft den öffentlichen Raum neu strukturieren will und nicht mehr jeder jederzeit überall sein darf - Sätze wie "Wir sagen ihnen ganz klar, daß wir sie im Visier haben und wo wir sie nicht sehen wollen" machen ja auch nur einmal mehr bewußt, daß Securitate eben Sicherheit heißt, oder irre ich mich? -, und da es ja auch so etwas wie eine Ästhetik des innenstädtischen Raumes gibt, der dem Hochadel an der Senatsspitze so viel bedeutet, und da diese ganzen Zerlumpten und Amputierten ja auch gar nicht hübsch anzusehen sind - ja, aus all diesen Gründen heißt es ausnahmsweise mal nicht "Muslime raus!", sondern "Bettler raus!" aus den Straßen rund um die Binnenalster (Danke für Hinweis, Noah!).

Plädiere dafür, daß wirklich jeder, ob Hamburger oder nicht, die Initiative der Obdachlosenzeitung gegen diesen zynischen Mist unterstützt.

Was das alles mit Michel Foucault und der Pest zu tun hat, das referiere ich dann in langen, unverständlichen Sätzen am Wochenende. Denn daß gerade der Vulgärliberalismus sich an Foucault die Zähne ausbeißt, liegt zwar immer auch den verquasten Adepten des Denkers, hat aber auch systematische Gründe ... helfe aber immer gerne bei Schein-Vergabe an Universitäten! Ich darf ja keine mehr machen, ich muß arbeiten :-( ...

12.01.06

Freiheit für die soziale Kontrolle!

Na, da haben wir's wieder! Tony Blair gehört ja bestimmt auch zu jenen, die soziökonomische Bedingungen als Erklärungs- (nicht Verstehens-!) Ansatz für die Verrohung einer Gesellschaft für altlinke Propaganda, Stalinismus in modernen Gewändern, halten. Der will lieber wieder Schnüffelei und Denunziation durch Nachbarn. Zur Legitamtion dessen müssen dann in der Regel diese in der Tat schrecklichen Fälle verwahrloster Kinder herhalten - zur Rechtfertigung von kollektivem Mißtrauen, von Blockwart-Mentalität und einer heimlichen Sehnsucht nach sowas wie der Stasi ... warten wir mal ab, wann Norbert Lammert den Gedanken aufgreift und Baden-Würtemberg Fragebögen an seine Eingeborenen verschickt, in denen nach dem Verhalten von Nachbarn gefragt wird ...

Rammstein oder das Sag- und Singbare als Eigentum

Man kann stundenlang vortrefflich über Urheberrrecht diskutieren. Man kann auch das Schützen von Marken mit guten Gründen für sinnvoll halten.

Daß nunmehr aber alles Sag - und Singbare plötzlich von allerlei Seiten als in individuelles Eigentum Überführbares betrachtet wird, zeigt nur, wie kapitalistische Strukturen alles intersubjektiv Geteilte nur noch als zu verteilende Verwertungsmasse begreifen (Dein Einsatz, Erik!) . Eben auch Sprache.

Daß zudem Jura als Hilfswissenschaft für die Durchsetzung und möglichst auch Zementierung von Besitzverhältnissen begriffen wird, belegt der folgende Fall auch. Ein Gedanke, der auch jenen Liberalen folgt, die überhaupt alles auf Eigentumsverhältnise reduzieren wollen.

Z.B. über Heidi Klum haben ja alle berichtet. Aktueller Anlaß: Die Rechtsanwälte des Kannibalen wollen nunmehr evtl. gegen Rammstein vorgehen, weil diese angeblich im Song "Mein Teil" ...

die Geschichte des Kannibalen aufgegriffen hätten. Laut GMX geschähe dies, um ihn vor falschen Darstellungen zu schützen. Falls dies keine Ente ist, so scheint doch klar, daß es letztlich darum geht, die Verwertungskette in der eigenen Hand zu behalten.

Das ist ganz schön verzwickt. Da bündelt sich nämlich außerordentlich viel in einer solchen Frage. Freiheit der Kunst, Persönlichkeitsrechte und eben die oben genannten als Besitzverhältnisse verstandenen, Exklusiv-Insanspruchnahmen von Worten und Geschichten.

Daß letzteres jedoch zunehmend die anderen beiden Fragen zu dominieren scheint, ist das eigentlich Interessante am Thema. Güterabwägungen werden ökonomisiert. Da schreibt sich eine Entwicklung fort, die meiner Ansicht nach für unsere Gesellschaft nicht minder gefährlich ist als all die Fundamentalismen.

Wenn auch das Sag- und Singbare endgültig den Regeln von Inklusion und Exklusion, organisiert durch das Mehr- oder Weniger von Eigentum, sich unterwirft, dann wird das Medium von Kritik, Sprache, schlicht kalt gestellt ... und eine Gesellschaft ohne Selbstkritik ist totalitär.

Durch die Eigentumsverhältnisse im Falle der Massenmedien ist das ja ehe schon sehr weitgehend der Fall. Daß numehr gerade auf die desaorganisierten Blogger zunehmend Angriffe erfolgen einerseits, auf die noch relativ anarchische Spielweise von Songtexten andererseits sich juristische Attacken geplant werden - das verschärft noch diesen Trend.Kapitalismus ist eben nicht einfach so Freiheit - da muß schon einiges hinzukommen, und gerade das steht nun unter Beschuß.

Wahrscheinlich mahnt mich jetzt Rammstein ab, weil ich ihren Bandnamen in der Überschrift verwendet habe ...

11.01.06

Für Monokultur und Intoleranz! Oder doch nicht?

Zeilenschinden eines großen Stilisten (ob er ein großer Denker ist, daran scheiden sich die Geister ebenso wie an allen anderen großen Denkern auch)?

Da guckt einer fern, schreibt ein wenig mit, was läuft und gibt dann außerordentlich breit getreten, Ironie eher andeutend als ausarbeitend, den Inhalt einer RTL2-Sendung wieder. Suggeriert viel, sagt aber nix.

Was'n mit Herrn Broder los? Fast wie Girlanden, wie Zierwerk, Efeu oder sowas ranken sich dann ein paar schwache Seitenhiebe gegen vermeindliches Gutmenschentum um die langatmige Nacherzählung, und so deute ich jetzt wenigstens die, um mich nicht zu ärgern, diesen Text gelesen zu haben.

Zitat:

"Vorurteile sind schlecht. Toleranz ist gut. Reisen bildet. Fremde müssen nur miteinander sprechen, um sich näher zu kommen. Das sind beliebte Gemeinplätze, die sich wie Unkraut im allgemeinen Bewusstsein festgesetzt haben. Und deswegen arbeiten alle daran, Vorurteile abzubauen, Toleranz zu predigen, Deutsche und Ausländer miteinander bekannt zu machen. Überall gibt es multikulturelle Zentren, Dialog-Gruppen und Tage der offenen Tür: in Haftanstalten, Moscheen und Synagogen."

Ist daraus die Conclusio, daß Vorurteile zu pflegen sind, Intoleranz einfach super ist, man am meisten über die Welt erfährt, wenn man zu Hause bleibt, und außerdem Fremde sich lieber anschweigen sollten, damit die Distanz gewahrt bleibt? Oder macht man sich's auch dann auf dem Gemeinnplatz gemütlich, wenn man das behauptet, und pflanzt so gleichermaßen nur Unkraut inmitten den allgemeinen Bewußtseins? Ich bin verwirrt.

Ebenso ist zu fragen, ob man lieber daran arbeiten sollte, Vorurteile aufzubauen und Intoleranz zu predigen - oder ob man sich lieber gleich gar nicht mehr um sowas wie Vorurteile oder Toleranz kümmern sollte nach Ansicht des Autors? Fordert er eine striktere Trennung zwischen Deutschen und Ausländern zur Kultivierung der Fremdheit, z.B. durch die allgegenwärtige Errichtung monokultureller, an Klöster gemahnende Monolog-Zellen - in Fußgängerzonen vielleicht, oder auch an Bahnhöfen, eben da, wo man all diese Ausländer trifft? Geht ja auch nicht, dieses Geplapper beim Warten in auf den Zug, das versteht ja kein Mensch mehr, diese Sprachenvielfalt.

Auch sind Haftanstalten ja nun gerade nicht für offene Türen da, das findet auch Herr Kusch, Justizsenator in Hamburg, deshalb läßt der Journalisten wie z.B. Herrn Broder in Knäste auch gar nicht mehr rein. Zur Berichterstattung, meine ich. Sonst schon, und dann auch ja nicht allzu schnell wieder raus...

Und welcher aufrechte Deutsche will schon freiwillig Moscheen oder gar Synagogen betreten? Entspricht ja auch so gar nicht der Tradition, mit solchen Bauwerken machte man früher schließlich ganz andere Sachen,haha, und daß manche da überhaupt reinwollen bei diesen offenen-Tür-Tagen, das haben ihnen auch nur rot-grün und die Linkspresse eingebleut. Ja, vor allem auch Tagesschau und Tagesthemen haben denen das nur quasi von oben aufoktruiert!

Merkt Herr Broder eigentlich noch, was er da schreibt? Aber wahrscheinlich habe ich nur alles falsch verstanden und bitte insofern schon hier um Entschuldigung, nehme alles zurück, Herr Broder hat natürlich eigentlich gar nichts gemeint außer, daß alle den Islam verharmlosen, und ich flehe somit in Demut darum, von Abmahnungen abzusehen ...

PS: Diese These im selben Artikel, daß Fernsehen ja nur Inszenierung sei, die hat mich glatt vom Hocker gehauen - eine wahre Wucht des Denkens war's, die mich glatt umwarf ... liege jetzt schwer davon getroffen flach auf dem Rücken, rauche wie ein Schlot und zieh mir'n paar Dosen Astra rein, das aber nur am Rande ...

Ein Luz für's Jahrestor!

Da schließe ich mich doch glatt Ringfahndung und Tausenden im St. Pauli-Forum und überhaupt der Forderung nach dem Wahren, Guten und Schönen an: Votet für Luz! Ein traumhafter Flugkopfball, ein Tor für die Ewigkeit kann zum Tor des Jahres gewählt werden! Es war das Tor zum 2:2 gegen die Hertha im Pokal, und was dann kam, kann man ja hier lesen ... und zwischen ca. 11 mal Lukas Podolski und einem Luz sollte die Wahl ja nicht so schwer fallen (obwohl der Poldi ja auch ganz niedlich ist, mit der unbändigen Energie des bravourösen Vorkämpfers unserer Truppe kann er dann doch nicht mithalten).

Benimm Dich! Wie die Hunde ...

Focus-Benimm.jpg

Immerhin: So lernt man Uwe Fenner kennen! Auf dessen Seite sind bis dato unerreichte Höhepunkte der Portrait-Photographie ebenso zu entdecken wie die Erkenntnis, daß das Mittelalter gar nicht nur finster war:

"Die ältesten bekannten schriftlichen Ratschläge zum guten Benehmen stammen tatsächlich aus dem Jahre 1240.
Ein fahrender Dichter und Minnesänger, der sich als „tanhuser“ bezeichnete, schrieb in jedem Jahr ein Traktat mit dem Titel „Tischzucht“."

Benimm einerseits, Zucht und Ordnung andererseits hängen somit zumindest etymologisch zusammen, und die Überschrift dieses Eintrags ist ganz ausdrücklich nicht auf Uwe Fenner zu beziehen! Aber auf den Focus. In nur einer Hinsicht:

Fragen des Benimms sind immer auch eine Frage der Rangordnung! Das ist dort zu lesen. So kommt Deutschland endlich wieder zu sich selbst. Statt des funktionalen Sinns von Hierachie ist's nun wieder quasi-ethisch gehaltvoll, wenn man vor'm Cheffe kriecht. Der Focus ist auf den Zug des Tugend-Lokführers Platzeck gesprungen und macht geheime Wünsche "der Deutschen" gewohnt investigativ nun öffentlich:

"Die Deutschen sehnen sich nach fast vergessenen Tugenden wie Anstand und Höflichkeit."
(Foucs 9.1.2005, S. 111)

Wie Anstand näher zu verstehen sei, das zu definieren bemühte sich bisher allenfalls die BILD eher hillflos, und die Ausgabe, in der ich das las, ruht bereits da, wo sie hingehört: In einem blauen Müllsack. Der Focus konzentriert sich liber gleich ganz ganz auf die Höflichkeit und versteht diese als Etikette. Der Leser stellt prompt fest: Auch der FOCUS sehnt sich, ganz wie der Hamburger Senat, nach Kaiser Wilhelms Zeiten! So ist Helmut Markwort ja einst in der ZDF-Sendung "Unsere Besten" auch als Diskutant für Bismarck ins Rennen gestartet, drum liest man in seinem Blatt:

"99 Tipps für Knigge-Profis:

1. Begrüßung. Sind sie der Chef? Glückwunsch! Dann dürfen Ihnen Rangniedere keinen Händedruck aufdrängen. Sie entscheiden, ob/wem Sie die Hand reichen wollen.

42. Der Dame wird der Herr vorgestellt, der Jüngere dem Älteren, der Professor dem Rangniederen.

56. Wenn Sie ihrem Chef nicht zeigen wollen, daß Sie ihn für ein Würstchen halten - dann ziehen Sie sich nicht wesentlich teurer an als er."

(Focus 9.1. 2006, S. 114 - 119)

Da finden sich natürlich noch allerlei andere An- und Zurechtweisungen, was der Focus freilich völlig versäumt hat, ist, eine Hierarchie der Regeln statt nur Regeln der Hierachie zu formulieren. Welche Regeln sind wichtiger als andere, welche lassen sich ableiten aus anderen? Klar wäre dann: Die oben zitierten sind die wichtigsten! Denn die Rangordnung liegt doch allen anderen Verhaltenweisen zugrunde! Geht schließlich um den Kernbestand einer wünschenwerten Leitkultur für alle Deutschen, und sowas ist doch viel wichtiger als diese Gutmenschen-Romantik im Grundgesetz.

Außerdem: Sind's nicht gerade diese jämmerlichen Gestalten von DIE GRÜNEN; die einst mit Fusselbart und Turnschuh die Etikette deutscher Parlamente boykottierten, die gleichzeitig immer darauf insistierten, daß Menschen doch Naturwesen seien? Auf der Hundewiese nämlich kann man das alltäglich betrachten: Interaktion ist eine Frage des Ranges! Und wer sich nicht daran hält, der wird zurechtgewiesen ... so fehlt ganz zweifelsohne auch ein begefügter Katalog möglicher Sanktionen gegen Regelwidrigkeiten dort im Focus.

Und, nicht zuletzt ist zu beachten: Diese ganze Frauen- und Schwulenversteher-Sauce, die Baden-Würtemberg da per Fragebogen über einbürgerungswillige Muslime gießt, hat doch keine Zukunft! Ich plädiere hiermit dafür, lieber einen Fragebogen anhand des Focus-Knigge zu entwickeln, damit sie richtig gute Deutsche werden ... trifft nach oben Kuschen, nach unten Treten doch viel tiefer hinein ins Herz des deutschen Tugendwesens! Und dann streifen die auch endlich ihren Kaftan oder Jogging-Anzug ab und sehen bald genau so cool und fröhlich aus wie die Jungs da oben auf dem Focus-Cover ...

10.01.06

No Sex! Den Geist von 68 endlich ausmerzen!

Sie haben Großes geleistet - Forscher wie Gunther Schmidt vom Hamburger Institut für Sexualforschung und Volkmar Sigusch am Institut für Sexualwissenschaften in Frankfurt: Empirische Forschung und ausnahmsweise wirklich große Thesen.

Sie haben die Foucaultsche Kritik, Sexualwissenschaften würden ihren Gegenstand erst produzieren, um Abweichendes dann normalisieren zu können, sehr ernst genommen und dem einen so umfassenden Begriff der Sexualität entgegengesetzt ...

..., der diese Kritik gegenstandslos machte.

Die inviduelle Bedürfnisgeschichte, Beziehungsgeschichte und Konstitution der Geschlechtsidentität würden in der individuellen Sexualität sich abbilden, bündeln und fortschreiben - kein Trieb regiere uns in uns, vielmehr sei Sexualität gekoppelt an intersubjektive Erfahrungen, die nicht auf Penis oder Vagina, Reiz-Reaktion reduzierbar seien. Die sexuelle Befreiung habe auch den Reiz des Verbotenen aus sexuellen Erfahrungen getilgt, und an die Stelle der alten, repressiven Sexualmoral sei eine Vertragsmoral des Aushandelns getreten, die, einerseits Fortschritt, andererseits doch das Spontane, die Hingabe, das Überwältigwerden gefährde.

Aber wozu der ganze Scheiß? Sowas ist doch weder ökonomisch unmittelbar verwertbar, noch paßt's in den szientistischen Zeitgeist. Also: Sobald Herr Sigusch in den Ruhestand tritt, soll's dicht gemacht werden, sein Institut. Zitat aus dem Artikel der Sueddeutschen:

"Manchen Klinikfürsten ist das international angesehene Institut freilich ein Dorn im Auge. Es steht einer biologisierten und ökonomisierten Medizin im Wege, für die sich Sexualität im banalen Tun oder Lassen der Geschlechtsorgane erschöpft, deren Funktionsstörungen und Absonderlichkeiten sich künftig wieder die Psychiatrie und Psychochirurgie, notfalls die Gerichtsmedizin annehmen sollen. Nachdem die Nachbardisziplinen Psychotherapie, Psychosomatische Medizin und Psychoanalytische Medizinsoziologie in Frankfurt bereits abgeschafft wurden, ist jetzt das Institut für Sexualwissenschaft an der Reihe. Der Fachbereichsrat Medizin hat soeben beschlossen, das Institut vom nächsten Jahr an, wenn Sigusch in den Ruhestand geht, nicht mehr aus seinem Etat zu finanzieren."

Und da machen sich andere über den islamischen Umgang mit Sexualität lustig ... mit schlüpfrigen Schlußpointen, haha. So albern ja sein mag, was die Rheinzeitung da berichtet - mal im eigenen Land sich umschauen, welche Ideologien hier Schritt für Schritt ein komplett verarmtes Weltbild, einen biochemisch-ökonomischer Reduktionismus hervorbringen, könnte ja zwischendurch auch nicht schaden. Genau diese Ideologien sind's doch, die in den USA und zunehmend auch hierzulande sowas wie den Kreationismus hervorbringen.

Will man solchen Quatsch verhindern, dann hilft nur, den doppelten Sinn von Sinn und somit immer auch Soziales (verstanden als intersubjektiv geteilte Erfahrungen) auch in deutschen Universitätslandschaften und analogen Institutionen nicht veröden zu lassen. Und das letzlich nur und ausschließlich aus einem puren Affekt gegen all dieses vermeindliche "Geschwafel", das 68 mit sich brachte, heraus.

Eine Gesellschaft, die sich nicht mehr in ihrer Komplexität selbst zu thematsieren weiß, wird langsfristig auch ökonomisch verarmen ...

08.01.06

Das Verschwinden der rechten Jugendkultur?

Die FR weiß Gegenteiliges zu berichten zum gestrigen Eintrag über moderne Nazis: Die rechte Jugendkultur verlöre an Attraktivität, würde uncool.
Zitat:

"Oder, um es in den schlichten Kategorien des Zeitgeists zu sagen: Rechts sein ist out. Zu diesem Ergebnis kommt die Jugendkultur-Präferenzstudie 2004/2005, die das in Berlin ansässige Archiv der Jugendkulturen durchgeführt hat. Von 1001 befragten Schülern im Alter von 14 bis 18 Jahren äußerten lediglich 28 Sympathie für die rechte Szene. Umgekehrt bekundete die Hälfte der Jugendlichen eine Abneigung gegen die braune Subkultur. "Die Rechtsextremen gelten heute bei immer mehr Gleichaltrigen nicht mehr als die Avantgarde von morgen, sondern als die letzten Deppen von gestern, die es immer noch nicht geschafft haben, auf den Zug der Zeit zu springen", heißt es in der von dem etablierten Berliner Szeneforscher Klaus Farin verfassten Studie."

Schön wär's ja. Allerdings ist der Rest der Artikels so wirr, viele der Thesen meiner Ansicht nach so falsch, daß man trotzdem kaum zu hoffen wagt ... en detail kann der Mittelteil des Textes kaum diskutiert werden. Aber als Hoffnungsschimmer sei's hier trotzdem zur Lektüre empfohlen ...

07.01.06

Moderne Nazis

Buchtipp für mich selbst und alle anderen, die's interessiert: "Moderne Nazis" von Toralf Staud, nach "Nazis sind Pop" von Burhard Schröder wohl das nächste elementar wichtige Buch zum ansonsten mittlerweile erschütternd wenig massenmedial behandelten Thema (via antbürokratieteam).

Einer der Gründe für die Stille im Blätterwald mag die antiislamische Hetze sein, die auf so vielen Seiten sich findet (ich meine ausdrücklich anti-islamische, nicht anti-islamistische). Das ist ja immer auch ein Legitimationsdiskurs für alle Formen der Xenophobie. Andere Gründe finden sich schlicht in medialen Mechanismen - eine schwarze Freundin von mir, die in einigen Regionen Deutschlands sogar über einen hohen Bekanntsheitsgrad ...

... verfügt, ist jüngst im Zug zwischen Hamburg und Berlin, einem Intercity, nicht irgendein Regionalexpress in der sächsischen Schweiz, angegriffen worden - das hat weder den Bundesgrenzschutz noch irgendein Medium, sei's Print, TV oder Radio, interessiert. Den meisten ist's scheißegal, ob nun irgendwo ein paar Neger geklatscht werden, die leben ja eh nur auf Kosten unseres Sozialsystems, außerdem will das doch keiner mehr hören, könnte ja auch am heheren Selbstbild der deutschen Leitkultur kratzen ... und da in kapitalistisch geprägten Kulturen eben gut ist, was sich verkauft, Kritik an Neonazis aber nicht dazu gehört, wird's als Thema unsichtbar. Manchmal ist die Welt so simpel ....

Wichtig ist freilich noch ein ganz anderer Akzent, den Tobias Kaufmann in seiner Rezension herausarbeitet - nämlich diese fatale Liaison zwischen klassisch-linken Topoi und neuem, neonazistischen Nationalismus.

Noch einmal bezugnehmend auf diese völlig entgleitende Diskussion in der Blogbar und sehr viele andere Einträge auf dieser, meiner Seite:

Genau deshalb sind ja diese Blogs - Achse des Guten (exklusive Herr Miersch), Freunde der offenen Gesellschaft, Statler & Waldorf und das Antibürokratieteam so wichtig - weil sie bei allem, über das ich mich manchmal wahnsinnig aufregen kann, immer wieder den Finger in genau die richtigen Wunden legen und hier teilweise auch ganz klassisch Aufklärungsarbeit leisten. Man muß Politically Incorrect ignorieren (oder anzeigen, falls das juristisch möglich ist, ich habe keine Zeit, das zu prüfen, ob das so ist und behaupte es deshalb auch nicht, daß dies möglich ist) und Frau Eussner ebenfalls, mit solchen Leuten kann man genau so wenig diskutieren wie mit der NPD selbst. Das ist eine Meinungsäußerung, ganz ausdrücklich keine Tatsachenbehauptung.

Aber die inhaltlich differenzierten und teils argumentativ starken Blogs müssen als Stachel im eigenen, linken Fleische ernst genommen werden genau aus jenen Gründen, die in der Rezension von Tobias Kaufmann genannt sich finden und die im Buche von Toralf Staudt offensichtlich nachzulesen sind (ich besorg's mir gleich Montag). Diese Autoren jetzt wie Don Alphonso nur zu beschimpfen, das macht einfach keinen Sinn.

Es ist schlicht der Fall, daß wortwörtlich verstandene Formen des National-Sozialismus insbesondere in Deutschlands Osten, aber auch anderswo seit Jahren schon die Brisanz der "modernen Nazis" ausmachen. Daß sich linke Globalisierungskritik, linker Antiamerikanismus eben mit allerlei Rassismen fröhlich vermischt.

Das liegt aber schlicht daran, daß mehr als ein Jahrzehnt die Rechten die einzigen waren, die die - jetzt mal abstrakt und deshalb metaphorisch so genannte - "soziale Frage" ernst genommen und zu ihren Un-Zwecken instrumenatlisiert haben. Das Ganze geht seit geraumer Zeit so weit, daß bis hinein in die Ästhetik - zusammenkopierte CD-Cover etc. - der Stil der West-Autonomen von einst adapiert wird.

Es ist eine in der Tat zu diskutierende Frage, oder das "der Linken" vorzuwerfen ist oder nicht. Ich glaube eher, daß - Lafontaines Fremdarbeitern und allen Stasi-Debatten zum Trotz, wobei ich nie die Stasi verharmlosen würde - einer der ganz großen Verdienste der Linkspartei ist, daß sie auf dem Feld der "sozialen Frage" den Nazis das Wasser abgegraben, in Fragen der Bürgerrechte jedoch mehr aus der DDR gelernt hat als die meisten "Altparteien" inclusive FDP und Grüne (wobei dann immer völlig zu Recht der Streit entbrennt, welche Elemente kapitalistischen Wirtschaftens den nun bürgerrechtlich gehaltvoller sind als andere).

Nun warte ich alltäglich darauf, wie sie denn eine "internationalistische Wende" vollziehen, die Leute in der Linkspartei - und nix geschieht, und das ist schlimm. Immer wenn's konkret wird, diskutieren sie nur darüber, wie man erreicht, daß weiterhin Deutsche statt Rumänen Arbeit haben. Klassisch links hingegen wäre es, sich zu überlegen, wo evtl. in Deutschland Abstriche notwendig sind und wie man die Ausbeutung von Rumänen (geschweige denn Chinesen) nichtsdestotrotz vermeidet. Und dafür werden Abgeordnete und Parteitagsdelegierte doch entweder gewählt oder bezahlt, daß sie hier wenigstens kleine Schritte in Richtung Lösungsansatz erarbeiten und Wählern dann als Angebot unterbreiten ...

Ich behaupte jetzt einfach, daß, solange so wie oben angedeutet diskutiert wird, auch keine sinnvolle Antwort auf die modernen Nazis möglich sein wird. Ebenso wenig übrigens, solange man Bush und seine Lobbyisten mit ganz Amerika identifiziert. Da geht man ihm schlicht auf den Leim.

Auch diese Ressentiments gegen vermeindlichen, amerikanischen Kultur- und Sonstwie-imperialismus verschaffen den Nazis nur Zulauf. Man kann auch gegen Hedge-Fonds wettern, von AG-Strukturen mitsamt allen Investoren evtl. notwendig hervorgebrachte Formen des Wirtschaftens kritisieren und eine Überordnung von Börsenkursen über die Interessen möglichst vieler Menschen scheußlich finden, ohne gleich global und parolenhaft US-Imperialismus zu geißeln. Man kann gegen den Irak-Krieg sein, ohne nebenbei Islamisten zu stützen und faktisch gegen Demokratisierung zu wettern.

Man muß hingegen Elvis Presley lieben, Kant, Rawls und Dworkin verehren, Marx und Luhmann als Diagnostiker schätzen, aber bloß nicht totalisieren, sondern Popper, Habermas und Foucault schon ernst nehmen und zusätzlich für Rio Reiser Denkmäler bauen wollen - dann findet man vielleicht einen Weg, der braunen Brut wieder die Küken abzujagen ...

Ulrich Goll, Justizminister BW, legt glatt noch mal nach

Im Falle des mittlerweile allseits diskutierten Fragenbogen für einbürgerungswillige Muslime ist die Debatte nun mitten hjinein in's badisch-schwäbische Kabinett geschwappt: Der Justizminister will mit dem Innenminister mal darüber reden, ob das so, wie der Fragebogen ausgestaltet sei, denn Sinn mache. Der Rechts-Vertreter stellt das Unterfangen jedoch nicht prinzipiell in Frage. Nein, so Fragen nach schwulen Söhnen findet er überflüssig. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt ... der Papst und Lammerts Leitkultur zeigen langsam Wirkung. DIE ZEIT hingegen stimmt mir zu. Danke. Klar ist, ...

... daß die Normalisierungslinien jetzt noch offensiver an den Begriffsgrenzen deutsch-undeutsch geführt werden. Was machen Leitkultur-Fragen sonst für einen Sinn? Sie sollen ja definieren, was denn deutsch sei - deutsche Kultur halt. Wer CDU-Definitionen nicht folgt, ist dann eben schlicht undeutsch, weil: Sich deren Vorstellung von Leitkultur nicht beugend.

Und bei permanenter Berufung auf's Christentum und dessen Auslegung durch CDU-Funktionäre ist ja seit der Klage gegen die Homo-Ehe klar, daß eben z.B. Homosexualität in deren Vorstellungswelt undeutsch ist und als gleichberechtigte, alternative Beziehungform schlicht inakzeptabel. Dann kann man auch dem einen oder anderen Muslim oder auch Vertreter sonstiger Religionen ein wenig Homophobie ja nicht verübeln. Daß die FDP bereit ist, diesem Diskurs zu folgen - zumindest im Kabinett von Badem-Würtemberg - ist jetzt auch offenkundig.

Ich bin vehement gegen solche diffamierenden, Negativ-Stereotype durchdeklenierende Fragebögen. Sie haben jedoch einen hohen Erkrärungswert für das Selbstverständis staatlicher Institutionen. Wenn nun ein Justizminister dergestalt interveniert, wird's hierzulande bald ganz schön finster ...

06.01.06

Ein Lichstreif am liberalen Horizont

Da lese ich mich querbeet durch's Netz - letzter Tag Urlaub, noch ist dafür Zeit -, beginne bescheiden mit der blogbar, lande dort bei den Kommentaren - und prompt tummeln sie sich dort wieder, diese scheinliberalen Haufdrauf-Blogger mit ihren Carl Schmittschen Freund/Fein-Grundsätzen.

Eine Surftour des Schreckens beginnt, und geradezu zwangsläufig landet man dann auch bei Diskussionen rund um den Baden Würtembergschen Fragenkatalog. Würden die Diskussionen in den Blogs ...

... ein so auch in der Gesellschaft breitenwirksames Meinungsbild wiedergeben - und auszuschließen ist da ja nicht -, dann sollte man sich langsam wirklich überlegen, ob man, statt Einbürgerungen zu diskutieren, sich nicht langsam doch mal nach einem anderen Land umschauen sollte:

- Ein Blog, das ich absichtlich nicht verlinke, weil ich mir nicht sicher bin, ob's nicht strafrechtlich höchst relevante Inhalte befördert, reformuliert die altbekannte Nazi-Parole, daß die Kanacken nur "unsere" Frauen vergewaltigen würden, epedemiehaft würden die das tun!

- Ein anderes Blog, dessen Link ich nicht mehr wiederfinde, empört sich über Kritiker dieses Fragebogens aus den Reihen der Linkspartei: Diese würden Schwulenhasser schützen wollen!

Die Empörungskultur in Blogs wäre wirklich mal 'ne medienwissenschaftliche Untersuchung wert ...

Im Zuge des Weitersurfens stößt man dann auch mal wieder auf die wagemutigen Freiheitskämpfer der Julis Bonn, die den Papst nicht inhaltlich, sondern prinzipiell dafür loben, daß er keine schwulen Priester mehr haben will. Weil er eben von seinem Eigentumsrecht Gebrauch mache, und dieses sei schließlich Kern des Liberalismus. Da ist man auf einmal versucht, den Katholizismus vor seinen Befürwortern schützen zu wollen, selbst wenn man ihn für ein weltgeschichtliches Unheil hält ...

Der Mann - Herr Dirk Paulsen - ist allerdings auf seine Art schon wieder klasse. Der verzichtet auf jede stilistische oder gar gedankliche Eleganz und haut so skrupellos seine Parolen raus, daß er sich fast jungfräulich naiv wirklich allen erdenklichen Angriffen öffnet - Karriere macht der nicht, machtstrategisch und polemisch ist der völlig unbedarft, der Mann.

Gerade deshalb hier noch ein längeres Zitat:

"Die Verschiedenheit der Menschen wird in roten und grünen Milieus nicht ertragen. Alle müssen gleich sein, die gleichen Interessen verfolgen und sich lieb haben, niemand darf das harmonische Miteinander von Kulturen, Geschlechtern und sexuellen Orientierungen stören. Sonst drohen Ächtung und Strafverfolgung wegen Verstoß gegen Antidiskriminierungsgesetze. Einer der notorischen Verweigerer dieses Harmonie-Terrors ist der Papst, der es wagt Homosexuelle vom Priesteramt auszuschliessen."

Da hat man geballt die ganze Sauce, die wahrscheinlich auch in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts zuhauf sich in allerlei Schriften finden ließ (übrigens damals zumeist gegen "liberalen Krämerseelengeist" und "jüdisch-zersetzendes Denken" gerichtet). Zudem hat man den Beleg, daß der Herr Paulsen der erste wäre, der den Fragebogen aus Baden-Würtemberg, dem "liberalen Stammland", nicht bestehen würde. Ausweisen! Und auch 'n Beleg dafür, daß die Scheinliberalen den Krawall schon um seiner selbst willen einvernehmlichen Diskussionen mit dem Willen, einen argumentativen Konsens herbeizuführen, vorziehen. Einigung auf etwas - das Grundgesetz, die Straßenverkehrsordnung - ist denen Unterwerfung unter den Terror der Harmonie. Raufen! Kleine Schulhof-Machos allesamt ...fast schon so sexy wie diese deutsch-türkischen Streetgang-Knackärsche an den Straßenecken, aber jetzt befördere ich hier schon selbst Ressentiments ...

Das inhaltlich relevante ist freilich dieser immerwährende Unsinn, der sich bei postmodernen Theoretikern ebenso findet, daß nämlich Gleichheit Uniformität bedeute - das ist dumm, und das ist falsch, und da steht auch im Grundgesetz genau das Gegenteil. Gleichheit "ungeachtet von Geschlecht, Hautfarbe und Religion" oder so ähnlich steht das da ganz allgemeinverständlich, und gemeint ist ein Begriff formaler Gleichheit. Die ganze DDR ist eine einzige Vergewaltigung genau dieses Begriffs formaler Gleichheit, der ungeachtet der konkreten Eigenschaften einer Person allen schlicht die gleichen Rechte einräumt. Jeder Liberalismus, der diesen Begriff nicht vorraussetzt, ist gar keiner.

Zwischen Links- und sonstwie liberal ist dann umstritten, welche Auswirkungen diese unhintergehbare Prämisse für Begriffe wie Verteilungsgerechtigkeit oder Chancengleichheit hat.

Diese dort oben formulierte Positionvon Herrn Paulsen ist doch schlicht ein Popanz, den so kein Schwein vertritt. Wie überhaupt diese ganzen Scheinliberalen von einem fiktionalen Bild vermeindlicher Linker zehren, ohne das sie überhaupt nicht mehr wüßten, was sie sagen sollen, völlig fixiert auf ihre Linken alle miteinander. Und falls das mal nicht zieht, unterstellt man notfalls Antisemtismus. Denn, einer der zentralen Machtregeln besagt ja: Tue alles, den Rechtfertigungsdruck umzukehren. Solange der Andere sich verteidigt, hat man gewonnen ...

Also: Man gehe diesen pubertären Raufbolden am besten gar nicht auf den Leim und widme sich der Überschrift dieses Beitrages. Plötzlich findet man nämlich folgendes
zum Badem-Würtembergschen Fragebogen:

"Vor allem aber ist der Katalog imho mit liberalem Rechtsverständnis unvereinbar, denn hier werden Auffassungen und nicht Handlungen be- resp. verurteilt. Gesinnungsjustiz im wahrsten Sinne des Wortes!
Fazit: ein “Gschmäckle” von Sonderrecht, nicht zielführend und zutiefst illiberal - keine Massnahme zu der die baden-württembergische FDP weiterhin schweigen sollte. Auch nicht (und gerade nicht) im Wahlkampf."

Und das auf einer Seite, die mit "Freies Denken. Freie Märkte. Freie Menschen" überschrieben ist. Da vermute ich ja mittlerweile ja schon bei der Überschift irgendwelche präfaschistischen Parolen - nee, ganz im Gegenteil, ganz souverän finden sich klassisch liberale Positionen formuliert, denen man in jeder Hinsicht zustimmen kann. Mit den Vertretern solcher Positionen kann man sich dann auch sinnvoll auseinandersetzen darüber, ob freie Märkte wirklich mehr Freiheit für freie Menschen bedeuten und ob diese Märkte freies Denken wirklich befördern - ich glaub das ja nicht, die glauben das schon, gut, Diskussion kann beginnen.

Da atmet man nach dieser erleichternden Lektüre tief durch, lehnt sich zurück, glaubt wieder an's Gute im Menschen, zündet eine Zigarette an und nimmt sich einmal mehr vor, diesen ganzen scheinliberalen Dreck einfach rechts liegen zu lassen ... weil's offensicht doch noch richtige Liberale gibt.

Sigmund Freud - bloß nicht als unsere Straße!

Provinzposse in den Randregionen der Metropole: Die Bürger von Hamburg-Wandsbek haben ihren Widerstandsgeist gegen Zumutungen der Bezirksverwaltung entdeckt, und einige Parteien schüren eifrig das Feuer. Auf Wunsch der jüdischen Gemeinde sollte eine Straße in Hamburg nach dem Begründer Psychoanalyse benannt werden, das Wandsbeker Bezirksamt schlug daraufhin die "Wandsbeker Allee" vor. Allseits Empörung.

"Sollen die kleinen Leute unter politischen Entscheidungen leiden?", fragte Liu Guosheng (42), Geschäftsführer eines Reiseunternehmens, das in der kommenden Woche an die Wandsbeker Allee ziehen wollte" schreibt dazu das Hamburger Abendblatt, Springers Postille von Weltgeltung, Sammelbecken für Edelfedern ...

... und weiß weiter zu berichten, daß die Bürger in solchen Fällen doch einbezogen sein wollen.

Bürgerinitiativen haben sich sich gegründet - nein, das sei doch alles nix gegen Sigmund Freud, aber was habe der denn bitte mit Wandsbek zu tun? Da denke man doch eher an Wien oder Kalifornien ... das alles war zu hören beim überregional bedeutenden Qualitätssender Hamburg 1, der sich an die Spitze des Protestes setzte. Und dann total witzig nachfragte, ob denn von nun an in Jeans-Shops die Kunden sich erstmal auf die Couch legen sollten ... aber immerhin auch drüber informierte, daß Freud in Wandsbek geheiratet hat.

Demnächst also ist zu erwarten, daß die Kennedy-Brücke umbenannt wird, der hat ja schließlich auch nicht auf dem Rathausplatz "Ich bin ein Hamburger!" ausgerufen. Nicht-Hamburger raus, sozusagen. Und was ist schon ein Freud gegen den Aufwand, den ein Neu-Drucken von Visitenkarten bedeutet?

Bemerkenswert ist immer wieder, zu welchen demokratischen Regungen Hamburgs Bürger plötzlich fähig sind, wenn's um Kehren vor der eigenen Haustür geht. Darüber hinaus reicht's dann in der Regel aber auch nicht mehr ...

Ein Bürgermeister erfreut sich ungebrochener Beliebtheit, der als einen seiner Arbeitschwerpunkt das Ignorieren von Volksentscheiden sich erwählte, die Stadt wird fröhlich den Bürgern enteignet, wenn's denn Investoreninteressen dient - der Hotelbau im Hamburger Schanzenpark, der u.a. ein Freilichtkino versenkte, ist hierfür nur ein symbolkräftiges Beispiel. Aber da haben ja nur ein paar ewig gestrige Autonome was gegen ...

So richtig empörend ist hingegen nur, wenn der "Erfinder der Psychoanalyse" (so Hamburg 1 - wer ist eigentlich der "Erfinder" der Physik?) nun als Straßenname in Erscheinung treten soll. Selbst als bekennender Psychoanalyse-Hasser bin ich da meinerseits empört.

Und daß ausgerechnet die Hamburger GAL nun einmal mehr ihre eigene Piefigkeit in die Welt hinauskreischt, das zeigt auch nur einmal mehr, woran es Kommunal- und Bundespolitik gleichermaßen mangelt: An Alternativen (trotz Linkspartei).

Der Wandsbeker Bezirksamtschef, CDU, wird den Antrag auf Umbenennung nun zurückziehen. Letztlich weise: Er weiß ganz genau, was der Stadt blühte, wenn über eine Persönlichkeit wie Sigmund Freud un den Unwillen mancher Hamburger gegen ihn weiter diskutiert würde ... wenn bundesweit bekannt würde, in welchen Fällen Wandsbeker Bürger sich ganz plötzlich auf demokratische Tugenden besinnen.

05.01.06

Freude! Ich habe sie!

bremen-sieg.jpg

.... Pokalfinale, Pokalfinale, wir fahr'n jetzt jedes Jahr zum Pokalfinaaaaale ...

( ... allerdings ganz schön teuer ... ist seinen Preis aber wert, so'n Spiel des FC St. Pauli ... )

Ein Grimme-Preis - mindestens! - für Marcel Kolvenbach und Pagonis Pagonakis

Gestern lief im Rahmen der eh schon überragenden WDR-Reihe "Die Story" ein Film über den Tod von Oury Jalloh. Im Netz ein viel diskutierter Vorfall - ein mit Handschellen an Händen und Füßen an eine Matratze fixierter schwarzer Asylbewerber verbrannte in einer Gewahrsamszelle in Dessau.

Ein Fall aus dem ganz alltäglichen, bundesrepublikanischen Horror. Überragend erzählt war's zudem und deshalb ergreifend anzuschauen, wie Autoren diesen schrecklichen Vorfall filmisch behandelten. Ich habe selten etwas gesehen, ...

... was so gekonnt das Allgemeine im Besonderen aufspürte. Eine Erzählweise, die so unaufgeregt und ohne künstliche Dramatisierung das Grauen erst spürbar machte.

Sie haben den Opfern ein Gesicht, eine eigene Geschichte und somit die Würde zurückgegeben, haben ohne jede Polemik Absurditäten und Brutalitäten der ganz alltäglichen deutschen Justiz aufbereitet und schlicht, indem sie Zeugen und Quellen sprechen ließen, den nicht minder alltäglichen Rassismus in Deutschland spürbar, ja, erfahrbar gemacht.

Das alles ist so hammerhart schwierig, erzählerisch, wirklich großartig ist es den Autoren gelungen. Keine Phrase, keine wüste Hypothese - einfach zeigen und dadurch aufklären im besten Sinne, das ist wirklich die hohe Kunst der Reportage.

Redakteuren wie Sonia Miekich ist's zu verdanken, daß solche Filme den Bildschirm noch erreichen - in Zeiten der totalisierten "Popularisierung" wahrlich eine Sisyphos-Aufgabe ...

Das Fazit des Filmes:

"Oury ist dreimal gestorben", sagt ein Freund: "Im Bürgerkrieg in Sierra Leone starb seine Vergangenheit, im Asylbewerberheim in Rosslau bei Dessau starb seine Zukunft und in der Zelle kam er ums Leben."

04.01.06

Heinz Bude über Exklusion

So, da stimmt mir ja mal einer zu, ohne mich gelesen zu haben: In der heutigen Frankfurter Rundschau fordert Heinz Bude, Soziologe, statt Empörungkultur und (politische) Marx-Renaissance linke Positionen mal wieder begrifflich auf die Höhe der Zeit zu heben und empfiehlt insbesondere eine Aneignung des Begriffs der Exklusion. Hinsichtlich Niklas Luhmann habe ich mich da ja schon mal ausgiebig drüber ausgelassen und stimme Heinz Bude auch sonst zwar nicht in allen, aber in vielen Punkten zu.

Sein Wunsch nach "Zusammenhalt" in auseinanderfallenden Gesellschaften ist leider mißverständlich formuliert, das wirkt, als sei Herr Lammert da die Antwort, dem ist ja nicht so. Man kann nicht über irgendwelchen Kultur-Schnick-Schnack die Funktionslosigkeit von immer mehr Menschen in einer funktional ausdifferenzierten Gesellschaft wieder kompensieren.

Herr Bude will das auch nicht, deutet aber an entscheidenden Stellen mehr an, als er einlöst. Sein zentrales Anliegen sei dennoch zitiert, weil's zustimmungsfähig ist:

"Es reicht nicht Empörung zu mobilisieren, man braucht die Begriffe, die eine gültige Vorstellung der sozialen Probleme unserer Jetztzeit beinhalten. Es gibt auch von links kein Anrecht darauf, an der Wirklichkeit vorbei zu reden. Man muss die Bereitschaft, das Andere zu denken, mit der Einstellung, das Richtige zu sagen, in Verbindung bringen. Dann kann von links erreicht werden, dass eine Große Koalition derer, die nur noch handhabbare Probleme kennen, sich nicht wie Mehltau über unsere Gesellschaft legt."

Ansonsten Artikel ganz lesen. Ist gut.

Exit

TrumanShow_3.jpg

... das hat man nun vom Fernsehen ...

03.01.06

Enteignet Springer?

Gut, das Interview mit dem Vorsitzenden jener Komission, die über die Springer/SAT 1-PRO 7-Fusion entscheidet, in DIE ZEIT ist so ganz taufrisch nicht mehr.

Ganz spannend ist sie jedoch hinsichtlich des vorheriges Eintrages, nämlich dem Thema der Verfassungstreue bundesdeutscher Bürger. Preisfrage: Wäre ein Springer-Funktionär ein Verfassungsfeind, wenn er sich denn gegen die potenzielle Enteignung (die ja gar keiner plant) sträuben würde?

Ich weiß ich das nicht, ich bin ja kein Jurist. Und meines Wissens - man korrigiere mich, wenn's falsch ist - ...

... können ja sowieso nur Gesetze, Verordnungen etc., nicht jedoch Personen gegen das Grundgesetz verstoßen. Steht in der zweiten Hälfte von Artikel 1, Absatz 1 sowie im 3. Absatz:

"Artikel 1:

[Menschenwürde; Grundrechtsbindung der staatlichen Gewalt]
(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht."


Ich kann also - meines Wissens - niemand anzeigen, weil er meine Menschenwürde verletzt. Ich kann lediglich jemanden wegen Beleidigung, Rufschädigung etc. anzeigen, so wie in der Strafgesetzgebung sich das jeweils definiert findet, und diese darf ihrerseits dem Grundgesetz nicht widersprechen. Wie gesagt, man korrigiere mich, wenn's falsch ist.

Falls ich jedoch der (juristischen) Auffassung bin, die konkrete, Beleidigung betreffende Strafgesetzgebung würde dem Artikel 1 des Grundgesetzes nicht gerecht, so kann ich klagen. Z.B. im Falle der von manchen US-Katholiken erhobenen folgenden Behauptung:

"Die Tatsache, daß die meisten Priester Jungen statt Mädchen mißbrauchen, ließe darauf schließen, daß alle Homosexuellen potenzielle Kinderschänder seien"

Nehmen wir an, das Strafrecht würde in diesem Fall nicht greifen. Meiner Ansicht nach stelle diese Schlußfolgerung jedoch eine Verletzung der Menschenwürde dar, insofern habe das Strafrecht erweitert zu werden. (Es gab in der Tat mal ein Verfassungsgerichtsurteil zum Satz "Alle Soldaten sind potenzielle Mörder", wenn ich micht recht entsinne, ein Tucholsky-Zitat) - ich könnte klagen.

Obwohl ich mich auch da irren kann, sehr wahrscheinlich sogar irre, es kann auch sein, daß lediglich Verstöße gegen Grundrechte durch konkrete Gesetze (oder deren Auslegung durch Gerichte, so war's, glaube ich, beim Soldaten-Zitat) vor's Verfassungsgericht gebracht werden können - wasweißich: z.B. Grundsteuer sei Substanzbesteuerung und deshalb nicht verfassungskonform, weil sie gegen den Schutz des Eigentums verstoße -, nicht jedoch konkrete "Gesetzesinitiativen" oder Forderungen nach deren Erweiterung, da diese dem Parlament obliegen.

Das sei nur so ausführlich beschrieben, weil ich wette, daß nur wenige Bundesbürger auch nur die geringste Ahnung von der deutschen Rechts-Systematik haben (einschließlich meiner selbst). Habe mir mal ein Buch von einem befreundeten Juristen gewünscht, in dem das Verhältnis der ganzen Rechtsbereiche zueinander, die Rechtssystematik also, übersichtlich dargestellt würde. Wie verhalten sich Strafrecht zu Zivilrecht zum Grundgesetz zum Steuerrecht zur Straßenverkehrsordnung? Er hat auch in Fachbuchhandlungen kein Buch hierzu gefunden ...

Aber, um zur obigen Frage zurückzukehren und den kleinen Grundgesetz-Test für richtige Deutsche - die anderen müssen sich ja erst mal amtlich dazu bekennen, ihre Töchter in den Schwimmunterricht zu schicken, bevor sie mitspielen dürfen -: Was steht im Grundgesetz zum Thema Enteignung?

Das Staunen wird bei dem einen oder anderen, bei vielen auch nicht, groß sein: Prinzipiell möglich ist das!

Zitiert seien Artikel 14 und 15:

"Artikel 14

[Eigentum; Erbrecht; Enteignung]
(1) Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet. Inhalt und Schranken werden durch die Gesetze bestimmt.

(2) Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.

(3) Eine Enteignung ist nur zum Wohle der Allgemeinheit zulässig. Sie darf nur durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes erfolgen, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt. Die Entschädigung ist unter gerechter Abwägung der Interessen der Allgemeinheit und der Beteiligten zu bestimmen. Wegen der Höhe der Entschädigung steht im Streitfalle der Rechtsweg vor den ordentlichen Gerichten offen.

Artikel 15
[Sozialisierung]
Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden. Für die Entschädigung gilt Artikel 14 Abs. 3 Satz 3 und 4 entsprechend."

Empören sich Springer-Funktionäre gegen's Grundgesetz? Eigentlich eine spannende Frage; ich sehe mich außerstande, sie zu beantworten ... nicht zuletzt auch spannend ist das in Fragen des Schutzes der Menschenwürde. Aber dazu sind ja nur staatliche Instanzen verpflichtet - oder bindet Artikel 1, Absatz 2 nicht auch die BILD-Zeitung? Bitte um Antwort von Juristen: Wie ist nun eigentlich das Verhältnis zwischen Grundgesetz und dem Handeln von Personen und nicht-staatlichen Institutionen?

Schön ist übrigens auch das Gedankenexperiment, was passieren, wenn ein Muslim bei amtlichen Testvorgängen auf die Frage nach der deutschen Verfassung antworten würde: "Ich stehe zu jedem Satz in der Verfassung, bin davon vollkommen überzeugt. Besonders toll finde ich an der deutschen Verfassung, daß sie die Möglichkeit der Vergesellschaftung von Eigentum gegen adäquate Entschädigung vorsieht!"

Ich fordere eine Gewissensprüfung für Katholiken!

Baden-Würtemberg macht Ernst. Nachzulesen ist das unter islam.de (via Too Much Cookies). Ein Fragebogen für einbürgerungswillige Muslime soll überprüfen, ob diese mit beiden Beinen auf dem Boden der Freiheitlich-Demokratischen Grundordnung stehen. Ich stimme der verlinkten Website zwar keineswegs zu, daß die Frage: "Manche Leute machen die Juden für alles Böse in der Welt verantwortlich und behaupten sogar, sie steckten hinter den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York? Was halten Sie von solchen Behauptungen?" eine Suggestivfrage sei, noch glaube ich, daß dieses durch die Ersetzung des Wortes ...

"Juden" durch "Muslime" deutlich würde. Mit "suggestiv" hat das nix zu tun.

Ich habe auch rein gar nichts dagegen, ganz generell zu checken, ob zukünftige Deutsche das Grundgesetz richtig finden und Grundkenntnisse dessen vorweisen können. Aber doch bitte alle gleichermaßen und nicht so ein Bombardement mit generalisierten Negativ-Stereotypen ausschließlich Muslimen gegenüber.

So was befördert zudem den Andorra-Effekt - würde ich als junger Türke, Marokkaner, wasweißich permanent mit der Behauptung konfrontiert, ich wäre ein potenzieller Ehrenmörder, Frauenschläger und Schwulenklatscher und müßte ständig und überall Abbitte leisten: Nein, so bin ich doch gar nicht! - mir wäre das irgendwann auch zu blöd, und ich würde lieber unter "meinesgleichen" bleiben. Aus eigener Erfahrung kennt man das insofern als bekennender Schwuler, daß man seit dem Coming Out permanent genötigt wurde, über AIDS zu reden ... habe dann zeitweise Heteros auch lieber gemieden.

Absolut unerträglich an diesem Fragebogen ist jedoch einmal mehr diese unerhörte Selbstgerechtigkeit. In Baden-Würtemberg regiert eine Partei, die gegen die Homo-Ehe prozessiert hat, die Bücher mit positiven Schwulenbildern aus den nordrhein-westfälischen Klassenzimmern verbannt hat und mit dem Papst kungelt und nun Fragen stellen läßt wie:

"29. Stellen Sie sich vor, Ihr volljähriger Sohn kommt zu Ihnen und erklärt, er sei homosexuell und möchte gerne mit einem anderen Mann zusammen leben. Wie reagieren Sie?"

Diese Fragen sollten mal in einem bayrischen Dorf oder einer Kleinstadt in der sächsischen Schweiz den Bewohnern gestellt werden ...

Auch schön:

"13. Man hört immer wieder, dass Eltern ihren volljährigen Töchtern verbieten, (...) einen Mann ihrer Wahl zu heiraten. Wie stehen Sie persönlich zu diesem Verhalten? Was würden Sie tun, wenn Ihre Tochter einen Mann anderen Glaubens heiraten (...) möchte?"

Das möchte ich mal in vielen "rechtschaffenden", deutschen Familien erleben, wenn die Tochter mit einem Muslim oder einem Schwarzen oder gar einem schwrazen Muslim nach Hause kommt! Mit leuchtenden Augen berichtet: "Ich feier dann bald auch den Ramadan!" Schon ein "Mami, bald bin ich Hindu!" stößt wohl kaum durchgängig auf Akzeptanz ... "Schön, Kleines!"

Ebenso kann man Antworten auf die folgende Frage jeden Morgen in der U-Bahn hören:

"28. Ihre Tochter bewirbt sich um eine Stelle in Deutschland. Sie bekommt jedoch ein ablehnendes Schreiben. Später erfahren Sie, dass eine Schwarzafrikanerin aus Somalia die Stelle bekommen hat. Wie verhalten Sie sich?"

Unter anderem NPD oder DVU wählen und rechte Gewalttäter schützen, da diese ja die "national befreiten Zonen" durchsetzen ... Schön auch der hier:

"In Deutschland kann jeder bei entsprechender Ausbildung nahezu jeden Beruf ergreifen. Was halten Sie davon? Sind Sie der Meinung, dass bestimmte Berufe nur Männern oder nur Frauen vorbehalten sein sollten? Wenn ja, welche und warum?"

Was sagt man da als Katholik?

Conclusio kann ja nur die Ausweisung von breiten Bevölkerungsteilen wegen Verfassungsfeindlichkeit sein, Einreiseverbot für den Papst, die generelle Gewissensprüfung für CDU- Mitglieder und Angehörige der Katholischen Kirche. Ganze Landstriche würden veröden ...

Der eigentliche Komplett-Blödsinn an diesem Fragebogen: Da finden sich auch Fragen wie:

"23. Sie haben von den Anschlägen am 11. September 2001 in New York und am 11. März 2004 in Madrid gehört. Waren die Täter in Ihren Augen Terroristen oder Freiheitskämpfer? Erläutern Sie Ihre Aussage."

Ja, welcher potenzielle Terrorist wird denn bei einer solchen Frage wahrheitsgemäß antworten???????? So blöd sind die nun auch wieder nicht ... das Ganze ist also noch nicht einmal zweckmäßig.

Man kann jetzt natürlich die Quelle bezweifeln, frei nach dem Motto: Wo Islam draufsteht, kann ja nix Gutes drin sein. Ich würde meinerseits sowas nie behaupten, es gibt nach massenmedialer Dauerpropaganda viel zu viele, die's tun. Ist das nicht eigentlich auch verfassungsfeindlich? Eindeutig gegen Religionsfreiheit gerichtet?

Wäre dieses Blog ein Teil meiner sonstigen journalistischen Arbeit, würde ich jetzt tiefer in die Recherche einsteigen - Ämter in Baden-Würtemberg befragen, verantwortliche Politiker, ebenso die Betreiber der Website. Insofern sei der Korrektheit halber ausdrücklich darauf verwiesen: Es ist ein Fundstück im Netz. Ein außerordentlich aussagekräftiges selbst dann, wenn dieser Fragebogen in Wirklichkeit gar keinen Einsatz fände ... denn daß er echt sein könnte, ist mehr als nur wahrscheinlich.

NACHTRAG: Jetzt auch Bericht bei spiegel-online

NOCH'N NACHTRAG: Auf Timos Homepage finden sich noch allerlei andere Artikel zu diesem Thema verlinkt.

02.01.06

Leitkultur mal wieder

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Wenn schon so oft und allerorten über deutsche Leitkultur diskutiert wird, so sollte ein Aspekt auf keinen Fall außer Acht gelassen werden: Jener der Inneneinrichtung und der Dekoration von Ferienwohnungen und Appartments. Da spricht die Volkseele gewissermaßen aus sich selbst heraus - da sitzt man auf Sofas, die wohl ...

.. sowas wie einen mediteranen Landhausstil zum Ausdruck bringen soll, da braucht man nur eine Ausgabe von WOHNIDEE oder SCHÖNER WOHNEN durchzublättern, da sieht man, in der deutschen Einrichtungs-Leitkultur liegt sowas voll im Trend! Und allein schon deshalb sollten diese ganzen Türken langsam mal aktiv und willentlich Sympathie dafür entwickeln, anstatt irgendwelchen orientalischen Müll in ihren hochsubventionierten Sozialwohnungen zu stapeln!

Kann ja auch wirklich schön sein, mediteraner Landhaus-Stil, warme Farben und natürliche Materialien - das Sofa, auf dem in St. Peter-Ording ich mich wiederfand (alles hat ja seine Schattenseiten), sah eher aus wie Werke von Teresa Margolle, eine schier unerträglich großartige Künstlerin, auf deren Schöpfungen man aber nur ungern sitzen möchte ...

Auch schaurig jener Fächer dort oben auf dem Foto, auf den ich jeden Morgen blickte - und der hing auch noch auf einer türkisfarbenen Wand, die ebenfalls ein wenig an Krankenhausflure erinnerte .... aber man ist ja Mensch, erhebt sich souverän über diese Derivate deutschen Geschmackserlebens und liebt die Nordseeküste trotzdem über alles. So ganz für sich, nicht als Ausdruck irgendeiner Kultur ...

Nachtrag Sylvesterabend: Stille, Weite, Ewigkeit

Ording_31.2.05_19.jpg

(Foto: Sigrid Sveistrup)

Ich liebe große Begriffe, in diesem Blog-Eintrag sitzen sie sogar mal am richtigen Fleck. Kann nur jedem empfehlen, diesem widerlichen Geknalle, diesen Zielwürfen auf Menschen auf der Reeperbahn und anderswo zu entfleuchen und - tieeeeeeeeeeeef durchatmend - stattdessen lieber über die Strandplatte von St. Peter Ording zu lustwandeln.

Bis 20 h kein Knaller, keine Rakete, keine wahweise durchgeknallten oder frustrierten Party-Suchenden, die porentief vom Streß des verordneten Vergnügens durchdrungen durch ihr fremdbestimmtes Dasein hecheln, um sich auch ja nicht einsam oder überflüssig zu fühlen, um Neujahr und den Montag drauf dann auch wirklich Erlebnisse vorzuweisen zu haben, die zur Kompensation der Post-Sylvester-Depression neben den Galao auf Café-Tische geknallt werden wie Auto, Haus und Frau in dieser blöden Werbung ...

Stattdessen ein Gefühl, als promeniere man gepflegt und tief entspannt über den Jupiter-Mond Europa ... danach Gespräche an Fleischertheken, daß selbst VFB Lübeck-Fans an unseren Aufstieg glauben und nicht mehr an ihren ... 2006 kann kommen! Ich bin bereit!

Na, dann kann ja 2006 nix schief gehen: Der Club der Optimisten startet durch!

Grinsen.JPG (Quelle: Blau-Weiß-Oberbauerschaft)

Das Foto belegt es: Deutschland strotzt vor Lebenslust und Schaffensdrang! Schluß mit German Angst, Gejammer und anderen Zukunftshindernissen! Freuet euch und tretet ihm bei - dem Club der Optimisten. Zumindest dann, wenn ihr einflußreich seid - aber ansonsten ...

... habt ihr ja auch keinen Grund zum Optimismus, gelle? Die SÜDDEUTSCHE berichtet heute über den Positive-Thinking-Tank, gleich hier um die Ecke an der Alster, und hinter so einer beglückenden Institution stecken ja - beinahe! - immer Werber. So sagt man ja heute, früher hießen die Missionare, jetzt mal kurz optimistisch gedacht ...

"Beinahe" deshalb, weil's offensichtlich ein Vorbild gibt: Auch inmitten Dresdens ist das Dauergrinsen als Daseinsgrund bereits tief verwurzelt (was angesichts der wirklich tollen Neustadt dort auch ganz verständlich ist. Gruß an Little!).

DIE WELT hatte das Thema bereits im Frühjahr entdeckt. Aber macht ja nix, paßt einfach gut zum ersten Montag im neuen Jahr. Allein schon, weil man beim weiteren Rumsurfen dann auf so spaßige Seiten wie dem Depressionsbarometer stößt, wo neben dem erschöpften Selbst ein fröhlich-karnevaleskes "Kopf hoch, Deutschland" gelobpreist wird. Ein Buch, das sich auf der soeben verlinkten Seite mit den Worten beschrieben findet:

"Die in Deutschland herrschende Jammerkultur hat sich zu einem ernsten Krankheitsbild entwickelt. Das allgemeine Meckern und Mäkeln bremst nicht nur Lebenslust und Schaffensfreude, es verstellt auch den Blick auf die großartigen Erfolgsgeschichten, die derzeit geschrieben werden. Dieses großartige Buch von Hajo Schumacher ist parteilich, emotional und optimistisch."

Da kann man nicht meckern! Gab's nicht irgendwo in Berlin eine Firma, wo per Arbeitsvertrag das Nörgeln und Verbreiten schlechter Laune am Arbeitsplatz untersagt wurde? Kritik ist out, Affirmation in, jetzt mal kurz adornistisch gesprochen. Dieser zersetzende Geist in Deutschland gehört gebannt, sonst geht's uns noch wie dem Zauberlehrling ...

Frisch, frank und frei sich den Lebenskunst-Experten des Management-Zentrums Witten unterwerfend muß trotzdem hinzugefügt werden: Christlich ist das ja nicht gerade, wenn man sich diese ganze trüben, geschundenen Körper am Kreuze in Kirchen so anschaut ... das wäre doch 'n Job für Bene-Detto, einflußreich ist der ja, warum sollte der nicht zum gedanklichen Motor der Aufwärtstendezen der Weltwirtschaft werden, statt anachronistisch Gerechtigkeit einzufordern, der Bremser? Er trete lieber dem Club der Optimisten bei und wandele das Christentum ganz fundamental, indem er dieses pessimistische Kreuz endlich aus den Kirchen verbanne. Und stattdessen nur noch fröhliche Bilder der österlichen Auferstehung zulasse! Wer glaubt schon noch an jüngste Gericht? Lieber gleich an den Himmel auf Erden glauben! Amen!

Mit freundlicher Unterstützung durch:
ringfahndung.de