Eine Frage der Identität
Seltsam: Man müht sich doch so offensiv um Weltoffenheit hierzulande, feiert Globalisierung und freie, internationale Märkte.
Wie ein Schatten begleitet dieses Gerede die zwangweise Verordnung von Identität - an einer Berliner Realschule darf ab jetzt nur noch deutsch auf Schulhöfen gesprochen werden!
Das krümelige Weblog kommentiert das aus eigener Erfahrung (und nennt auch die Quelle). Einfach mal hinlesen ...
Allerlei inwendige Burschenschaftler mit verbalem Schmiß, die Denken durch imperiales Sturmtruppengehabe ersetzen (die FDOG kann man ja nicht mehr lesen, seitdem "wahre Liberale" wie Martin Hagen da schreiben, jetzt stimmt auch der Rest der Autoren ein in diese PI-hafte Wochenschau-Rhetorik ein), werden da nur ein verächtliches ...
... "Multikulti" auszischeln, angewidert auf den Boden spucken und derweil im Namen der Freiheit Dynamit in Moscheen schmeißen wollen (steht da, in den Kommentaren bei der FDOG) und ein paar (Internet-)Bürgerwehren gründen. Verbal-Machismo ist das, der auffallend jenem der "was guckst Du?"-Streetgangs ähnelt.
Alles eine Frage der Identität, würde ich mal sagen. Schwache und fragile Psychen gewinnen diese durch Anbindung an eine Gruppe und in Abgrenzung gegen Andere. Kann man z.B. hier lesen:Ziemlich gut, der Kommentar vom Antibürokratieteam zu Debattten im liberalen Intranetz.
Aber auch dieser sehr sympathische Text von Anke Gröner an der Blogbar weist eher ungewollt in jene Richtung. Sie plädiert eher verhalten für Blog-"Bündnisse" - solche, die ähnliche Themen behandeln, sollten sich bündeln, weil der Trend ja eh zum Themen-Blog ginge (lawblog und bildblog sind ja erfolgreiche Beispiele dafür).
Es gibt dieses seltsame Phänomen im Musikjournalismus, daß jede Band und jeder Künstler, den man befragt, sich Schubladen verwehrt. Die sitzen dann da auf ihren Stühlen oder Sofas und lauern nur darauf, daß der Fragende irgendeine aufzieht (oder das auch nur andeutet), um diese dann zurückweisen zu können. Spiegelbildlich wird in Plattenkritiken dann als höchstes Lob formuliert: Dieser Künstler entzieht sich jeder Etikettierung!
Auch das nervt auf Dauer, ist aber doch der richtige Weg. Was soll dieses ganze blöde, Identitätsgeschwätz? Wer braucht das? Warum nun auch noch in jenen Sphären, in denen ein lustiges Durcheinander schlicht Spaß macht, der Blogosphäre, Schulhöfe und allen Varianten freiheitlichen Denkens, nun wahlweise Schilder aufstellen wie im Plattenladen (Gröner) oder Identitäten durch die Regulierung von Sprachverhalten und Denkweisen zwangszuverordnen (Hagen, Holmes und Realschuldirektoren, der Sprach-Gestus beider ist ja nicht weit auseinander)? Das kann man sogar adornitisch lesen und behaupten: Wer sich so eindeutig identifizierbar macht, wird selber zum Produkt ...
Leiste mir ja auch die Schwäche, St. Pauli-Fan zu sein. Weil da im Stadion Identität sich (zumeist) aus Vielfalt speist. Natürlich sollte jeder, der in Deutschland lebt, auch die deutsche Sprache sprechen. Aber so wie obigen Beispiel durch die zwangsweise Einschränkung von Möglichkeiten? Nee. Natürlich ist es ein wenig gemein, jetzt Anke Gröners Eintrag darauf zu beziehen, sorry dafür, wirklich. Hängt aber zusammen. Ist letztlich eben alles eine Frage dessen, welches "Wir" ich wähle ... und das erzeugt ein "Ihr!", und im schlimmsten Falle grenzt das aus und wertet ab macht Personen zu Plakatwänden für Gruppenzugehörigkiet. Da waren wir schon mal weiter ...
