" /> Metalust & Subdiskurse: Februar 2006 Archive

« Januar 2006 | Hauptseite | März 2006 »

28.02.06

Pro Elfenbeinturm

Das Spiel ist ausgefallen, kein Lübeck-Sieg zu feiern, kein Mitfiebern am Liveticker, Wetter auch Scheiße ... und dann liest man Diskussionen rund um Bloglesungen und fragt sich nur: Meine Güte, können die sich nicht alle mal liebhaben ... man schwimmt weiter durch's Netz und bleibt ständig neu daran hängen, daß jeder Hauch der Abstraktion, ja, allein schon der Versuch zu begründen, doch nur lächerlich und vor allem öde sei und fühlt sich plötzlich wieder mitten im Leben.

Boulevard und Entertainment, that's all: Andere Leute vorführen wollen (Boulevard) und alles, was nicht unmittelbar als Gag funktioniert, wird verbal in die Tonne getreten (Entertainment). Als wären nicht genau das die RTL- und BILD-Mechanismen, die eh schon tödlich nerven ... wer Literatur totalisiert, ist auch vor Ernst Jünger nicht mehr sicher.

Und da in jedem Film- oder Romanschreib-Lehrbuch dann steht: "Es gibt 3 dramarturgische Regeln: Konflikt, Konflikt, Konflikt!" wird dieser überstilisiert. Hab nicht mal Lust, die Anlässe dieses Eintrags zu verlinken. Mir jetzt auch egal, ob das hier jemand versteht.

Elfenbeintürme müssen schöne Orte sein ... bestimmt angenehm kühl und ruhig, und keiner pöbelt stumpf rum ... 'nen tollen Ausblick muß man da haben ... sieht die Wolken ziehen, und 'nen Astra kriegt man da bestimmt auch ...

Gute Omen

Sieg im Schnee.jpg

(Quelle: Basis St. Pauli)

"Jeden Morgen das gleiche Ritual, jeden Morgen mein Gesicht in alter Qual, jeden Morgen dieses Fügen vor dem Spiegel und im Bus, jeden Morgen die Frage, ob ich will und ob ich muß" - die guten alten, Zeilen von Klaus Hoffmann vor mich hin plappernd, taumele ich wie jeden Morgen zur Kaffeemaschine, den Wecker und den Zeitpunkt seines schaurigen Fiepens als permanenten Affront gegen das "gute Leben" als solches verfluchend. Da durchfährt's mich, dieses Kribbeln im Bauch, nee, nicht das von Pee Werner oder wie diese olle Heulboje einst hieß, nee, das Wissen: "Ey, heute abend geht's ja nach Lübeck!" Noch ganz mit dem Filter und dem Aufreißen der ...

... Kaffeepackung beschäftigt (ich halte all jene für aufgeblasene Verleugner des Wahren, Guten und Schönen, die meinen, Filterkaffe sei ein Relikt aus der Zeit spießiger, bis in alle Ewigkeiten Roy Black-hörender Mütterchen. Und ich werde bis zu meinem letzten Atemzug jene bekämpfen, die stattdessen schon morgens in der Frühe auf röchelnde Espresso-Maschinen, angestrengtes Milchaufgeschäume oder "Drücker-Kaffee" setzen), durchfährt mich die Angstlust, die man vor so ungemein wichtigen Spielen dann eben erlebt. Dann ein Blick durch schlecht, was heißt schlecht, gar nicht geputze Fenster auf den Hinterhof: Da liegt Schnee!

Wenn's Spiel denn überhaupt stattfindet, im Schnee stattfinden sollte, ist das ja wahrlich ein gutes Omen. Unseren herorischen Sieg über die Jammer-Bremer durfte die Nation ja live im TV verfolgen; außerdem fehlen, wenn's denn stattfindet, heute 3 Stammspieler und ein Neueinkauf, und genau das sind die Spiele, in denen wir dann in der Regel glänzen: Wenn keiner mehr so recht an irgendwas glaubt, der Trainer aufwachen und Neues probieren muß, dann dreht die "zweite Reihe" (die's bei uns ja eigentlich nicht gibt, alle St. Paulianer sind erstreihig, grundsätzlich!) oft erst richtig auf!

Lübeck ist zudem angeschlagen, schwer angeschlagen, taumelt nur noch durch die Liga - na, und da wir damals, als ich Zivi, jung, schön und glücklich war, mit der Geistigbehindertenschulklasse ein Projekt "Lübeck" hatten, was sehr viel Spaß mit den Mongos und anderen Hirnverrenkten und deshalb ungemein spannenden Persönlichkeiten mit sich brachte, da dieser Zivildienst-Sommer damals so traumhaft war, kann, wenn's denn stattfindet, bei dem Spiel heute abend eigentlich nix schief gehen ... und wenn's doch abgesagt wird, dann schlagen wir die Unsympathen aus der hübschen Altstadt halt beim Nachholspiel des Nachholspiels!

27.02.06

Regulierung mal anders

Das mit dem Privateigentum ist ja so 'ne Sache. Hunde z.B. sind juristisch eine solche. Eine Sache, meine ich. Da kann mein Tier noch so individuell, hinreißend und charakterstark sein.

Was ich hier schreibe, ist auch mein "geistiges Eigentum". Dabei spricht's doch in mir, durch mich hindurch - all das, was ich so einsammel den ganzen Tag an Eindrücken, Blog-Einträgen, na, undsoweiter.

An sowas wie Privateigentum halten ja auch jene fest, die ansonsten gegen jede Regulierung wettern. Steht ja auch im Grundgesetz, der Schutz des Eigentums. Den Sozialisierungs-Artikel laß ich dabei mal außen vor ... wieso diese Form der Regulierung jedoch nicht dem allgemeinen Kampf gegen das Regulieren zumindest rehtorisch zum Opfer fällt? Keine Ahnung.

Die "Phonoverbände" wollen nun neue Regulierungsmaßnahmen in Sachen Eigentum, konkret: Urheberecht, und damit "Kreative" schützen. Sie haben da so einiges in petto, ...

... was bekannt ist, aber erstaunlich wird es an diesen Punkten:

"2. Beschränkung des Mitschneidens aus Radio- und Internetprogrammen auf zeitversetztes Hören und Verbot "intelligenter" Aufnahmesoftware.

3. Eingrenzung des Sendeprivilegs auf traditionellen Hörfunk. Die Begrenzung der Rechte von ausübenden Künstlern und Tonträgerherstellern auf einen reinen Vergütungsanspruch ist für neue Übertragungsformen (Near-on-Demand-Dienste und Internet-"Radio") wegen des damit verbundenen Eingriffs in die Erstverwertung nicht hinnehmbar."

Das ist schon harter Tobak. Wie zementiere ich Besitz-Verhältnisse? Ich gründe einen Interessenverband mit Industrie-Stellvertretern und Wirtschafts-Lobbyisten!

"4. Streichung der sogenannten "Bagatellklausel": Es kann nicht hingenommen werden, dass Diebstahl geistigen Eigentums straffrei werden soll. Die davon ausgehende Signalwirkung würde das Urheberrecht dramatisch schwächen."

Vielleicht doch die Schariah? Hand ab für Raubkopierer?

Härtere Strafen und Verbot neuer Institutionen sowie technisch-möglicher Entwicklungen, heißt das alles in Kurzform.

Spreeblick hat's detaillierter kommentiert und recherchiert, Nerdcore hat's gleich literarisch fortgeschrieben und Hartz4all hat das Ergebnis dann - urheberrechtswidrig? - zitiert. Ich bin dem dortigen Lesebefehl gefolgt und kann's nur jedem auch empfehlen.

Warum fällt zu alledem dann Marx mir ein? Nicht nur wegen der Eigentumsfrage. Auch an die Basis-Denkfigur des historisch-dialektischen Materialismus denke ich dann prompt. Daß nämlich gar nicht das Proletariat oder Che2001 den Fortschritt antreiben, sondern die Produktivkraftentwicklung (das werden jetzt evtl. Marx-Interpreten anders sehen, vielleicht macht dieser Part bei Marx für mich auch immer nur deshalb Sinn, weil ich ihn falsch verstanden habe), mit anderen Worten: Der technische Fortschritt im Produktionsprozeß. Tritt nun die Produktivkraftentwicklung in Widerspruch zu den Produktionsverhältnissen, d.h. zum institutionellen Rahmen, innerhalb dessen produziert wird, dann findet gesellschaftlicher Wandel statt. Zu dem instituionellen Rahmen gehören immer auch Besitzverhältnisse. Kann's sein, daß die Reaktion der Phonoverbände genau für diesen Widerspruch einfach nur ein Symptom ist?

So, und heute abend lese ich mal nach, wie Kant das Eigentumsrecht herleitet. Lustigerweise habe beim ersten Nachschlagen in der "Metaphysik der Sitten" schon mal den Paragraphen über die "Erwerbungsart durch Ersitzen" gefunden (Immanuel Kant, Metaphysik der Sitten, §32, I.). Vielleicht läßt sich ja schon mal daraus etwas ableiten, was man den Phono-Verbänden entgegnen könnte?

25.02.06

In Schützengräben

Schützengräben.jpg

Wahrscheinllich bin ich in der Tat nur Schlaffi, Softie, Gutmensch oder, ohne es nun unbedingt zum zentralen Pfeiler meiner Selbstdefinition gemacht zu haben, tief im Innern dann doch sowas wie Christ. War wohl eine richtige Entscheidung von mir, Zivildienst zu machen, für Kriege wäre ich in der Tat nicht zu gebrauchen. Habe zwar nie gekifft (nur probiert, mochte ich nicht, inhaliert habe ich aber), schäme mich trotzdem bis heute nicht dafür, damals einen Teil meiner Pubertät bei Friedensdemos zugebracht zu haben. Bin da bis heute sogar ziemlich stolz drauf. Deshalb kräuseln sich in der Tat auch meine Nackenhaare und nicht nur die, wenn ich solche Einträge beim geschätzten Statler lese.

Nicht, weil ich die darin enthaltene, politische Position als "das Böse" oder ähnliches empfinden würde. Ihm geht's auch um's "Gute", und ihn treibt's zur Verzweiflung, daß den Weg, den er richtig findet, so wenige nur einschlagen wollen hierzulande.

Für seine Position gibt es gute Gründe, es gibt auch gute dagegen, wie's in der Politik halt ist. Und der geschilderte "Fall" der Weltpolitik macht es ja noch viel schwerer, gegen die militärische Option zu sein, als es im Fall des Irak-Krieges war.

Probleme habe ich mit der Rhetorik. Mit der Sprache. Mit der Attitude. Das ist aber kein rein ästhetisches Ressentiment. "Seltsamerweise verhalten sich die Sozialdemokraten aber gerade im Atomkonflikt genau so wie Waldorfschüler." Ha, Weicheier! Halt solche, die auf anderen Schulhöfen dann gehänselt oder gleich vor's Maul kriegen würden, und das zu Recht! ... "grenzdebile Gesinnungsethiker".

So sehr ich sonst gegen Leitkultur wettere: Die geteilte, geschichtliche Erfahrung, in zwei Weltkriegen halb Europa zerbombt und niedergemetzelt zu haben, läßt sich ja nicht mal eben so negieren. Daraus pazifistische Schlüsse zu ziehen, kann ich trotz aller berechtigten Einwände gegen "Appeasement" einfach nicht schlimm finden. Allenfalls falsch.

Das Fallbeispiel am Anfang von Statlers Eintrag ist jedoch genau so eines, wie ich's noch von den Leuten kenne, die ein paar Jahre älter sind als ich und die berühmte "Gewissensprüfung" für Wehrdienstverweigerer absolvieren mußten. Ich brauchte nur eine schriftliche Begründung schreiben, habe statt Bund 20 Monate Behindertenarbeit gemacht und bin da bis heute sehr stolz drauf, ich grenzdebiler Gesinnungsethiker.

Habe gestern abend zu später Stunde in diesen Horror-Streifen da oben reingezappt. Die Schützengräben waren schon eindrucksvoll inszeniert, meine Güte. Habe dann gegrübelt, wann rein autobiographisch ...

... ich eigentlich erstmals auf den Ersten Weltkrieg stieß. Zunächst indirekt: Mein Großvater brachte mir als ca. 5-jährigem den Satz "Wer noch einmal eine Waffe in die Hand nimmt, dem soll die Hand verfaulen" bei. Übrigens ungefähr zeitgleich zu "Barzel und Strauß, aus Deutschland raus".

Der hatte beide Weltkriege erlebt, war Jahrgang 1904. Dessen Vater und andere Verwandte hatten den Krieg nicht überlebt. Er hat 1933 seine Tochter, meine Tante, "Wilfriede" genannt und meinte das wörtlich, nicht nur als Zusammensetzung von Vornamen, was es zugleich auch war.

Habe gestern abend noch weitergezappt. Hannelore Hoger, interviewt von Gero von Boehm. Ihr Vater war in Verdun, hat später nie darüber geredet.

Dann fiel's mir ein: Als Kind, so um die 10 Jahre muß ich da alt gewesen sein, hörte ich im Radio eine Sendung über Janusz Korczak. Ich habe mit Sicherheit geweint, als der Radiosprecher berichtete, wie Korczak und seine Kinder mit der grünen Fahne voran in's KZ Treblinka gingen. Ich Weichei, war zwar nur eine IGS und keine Waldorfschule, trotzdem war ich erschüttert.

Seine Bücher über das "König Hänschen, dem Kind-König, der versucht, eine Kinder-Republkik zu gründen, habe ich dann verschlungen. Schrecklich traurige Texte, in denen es um Tod und Vergeblichkeit geht - und doch für Kinder auch so etwas wie eine Einführung in die Politik.

Lange Passagen in einem der Bände drehten sich eindrucksvoll um den Stellungskrieg, um das Leben im Schützengraben, damals, nach 1914. Die fielen mir gestern wieder ein, die Berichte vom König Hänschen und wie er den Krieg erlebt ...

Später habe ich mich viel mit den Expressionisten, mit August Stramm, mit Ernst Toller, zum Beispiel, beschäftigt - der eine hat überlebt, der andere nicht. Klar ist jedoch, daß nicht nur Ernst Jüngers "Stahlgewitter" literarisch Zeugnis von den Kriegserlebnissen ablegten ... vieles, gerade aus den frühen 20er Jahren, wies in eine fundamental andere Richtung als das Denken der Konservativen Revolution.

Eine Szene gestern im Horror-Streifen: Ein blasser, verletzter Jüngling liegt unter eine Decke, redet mit dem Kameraden. Seinen Beinen ginge es ja schon viel besser, bald würde mit Sicherheit alles wieder gut. Der Kamerad hebt die Decke, und Ratten haben dem Jungen schon beide Beine fast weggefressen ... sein Kamerad erschießt ihn.

Mußte dann an meine Mutter denken. Die hat häufiger von einer Wolfgang Borchardt-Geschichte erzählt. Bekomme die wahrscheinlich nur halbrichtig zusammen, aber in diesem Eintrag geht's ja auch um Erinnerung: Ein Kind steht vor dem Haus, unter dem aufgrund eines Bombenangriffs seine Familie verschüttet liegt. Das Kleine hat Angst, daß die Ratten die Toten fressen, wenn es nicht aufpaßt, deshalb will es sich nicht schlafen legen. Ihm erwidert dann jemand: "Aber nachts schlafen die Ratten doch ..."

Damit einher geht eine Geschichte meines Vaters. Der gehörte noch zur Flakhelfer-Generation, gerade noch so. Er erzählte, wie nachts in den Baracken, in denen sie lagen, die Ratten, groß wie Ferkel, über ihn und die anderen HJ-Jünglinge hinweg liefen ... die Details der Erzählungen, wie sein linkes Bein in immer neuen Amputationen immer weniger wurde, erspare ich jetzt. Kurz vor seinem 18. Geburtstag wurde er verletzt. Ein Granatensplitter. Er ist im Widerstand gegen die Wiederbewaffnung in die SPD eingetreten, ging zu den Sozen, die nun gefälligst "weg vom Tisch" sollen.

Klar: Meine Großmutter, vielleicht 1,57 m groß und außerordentlich schmächtig, die hat reagiert, wie die Gewissensprüfer damals in den späten 70ern prognostizierten: Als sie den Kriegslärm - waren's die "Stalinorgeln"? - in der Ferne hörte, wollte sie Stargard und ihre zwei Töchter verteidigen. Ist zur Wehrmacht gelaufen und wollte eine Panzerfaust. Sie ist dann geflüchtet, mit zwei Kindern und ein paar Koffern, auf einem Eisenbahnwagen, der war einfach eine Fläche Holz mit einem großen Loch in der Mitte. Da war eine Bombe eingeschlagen.

Warum ich das alles schreibe? Weil ich's nicht ertrage, daß diese ganze Frage Krieg oder nicht Krieg oder nur Androhung von Krieg, weil man Krieg nicht will, notfalls aber doch, in Blogs oft so diskutiert wird, als ginge es um angewandte Spieltheorie. Weil da so ein "die Reihen fest geschlossen", sorry, ein anderes Lied fällt mir gerade nicht ein, zwischen den Zeilen mitschwingt. Und ich nicht immer das Gefühl habe, daß den Diskutanten klar ist, wirklich gegenwärtig ist, was Krieg konkret bedeutet. Bin mir sicher, daß Statler das eigentlich außerdordentlich klar ist. Man merkt's nur nicht, wenn man manchen Eintrag liest - bei ihm, bei den FDGO und vielen anderen. Das wirkt manchmal wie diese Macho-Pose, die in Stadien singt "Wir wollen euch kämpfen sehen!"

Gut, Broder war oft genug in Israel, um sehr genau zu wissen, worum's geht, und der kennt noch ganz, ganz andere "Kriegsgeschichten" und reagiert genau darauf ...

Daß aber parallel zu diesen Schlußfolgerungen aus der deutschen Geschichte hier - in anderen europäischen und asiatischen und afrikanischen Ländern noch um so schlimmer, klar - immer auch geteilte und zumindest Leuten meines Alters berichtete Erfahrung in die Diskussion hineinspielt, dieses Faktum dergestalt vom Tisch zu wischen, um im Bild zu bleiben, finde ich - mit Verlaub - ein wenig respektlos. Daß zudem in einem Land, das, Apeasement hin oder her, zwei Weltkriege anzettelte, jetzt viele nicht schon wieder mittetmag sein wollen, auch das kann ja vielleicht zumindest verstanden werden selbst dann, wenn man die Welt selbst anders sieht...


0 zu 0 in Oberhausen ist entschieden zu wenig!

Mußte ich jetzt nur mal so loswerden. Nie wieder schreibe ich vorher so viele nette Sachen über den Gegner ...

My Name is Action. Affirmative Action

Gastbeitrag von Marian Wirth, demnächst Co-Autor bei B.L.O.G. - freu' mich sehr,
daß er ihn geschrieben hat und bereit ist, ihn hier zu veröffentlichen. Danke!
Bringt die Debatte rund um "Integration" auf den Boden der Tatsachen zurück!
Ansonsten enthält der Beitrag die Positionen von Marian, die ich größtenteil teile,
teilweise aber auch nicht, macht ja nix, ist auf jeden Fall lesenwert!!!


Der Artikel von Nils Minkmar in der F.A.S. vom letzten Sonntag, den mein
geschätzter Gastgeber und ich nun schon seit Tagen ausgiebig
diskutieren
, hat mich daran erinnert, dass mir in den letzten
Wochen zwei Artikel aufgefallen sind, in denen es darum geht, dass
sich deutsche Kommunen in den letzten Jahren verstärkt darum bemühen,
Menschen mit Migrationshintergrund (oder wie immer man sie bezeichnen
will, doch dazu später) für den öffentlichen Dienst zu gewinnen. Im
einen Fall (Stadtverwaltung Duisburg) geschieht dies explizit ohne
spezifische Einstellungserleichterungen und alles läuft wie geplant;
im anderen Fall (Senatsinnenverwaltung Berlin) werden die
Einstellungsanforderungen dem angestrebten Ziel angepasst - und es
gibt Ärger.

Fangen wir mit dem Ärger an:

Am 14. Februar berichtete die Berliner Morgenpost (dit dürfte der
erste Link zur MoPo in diesem Blog sein, wa) unter dem Titel Streit
um Polizei-Einstellung: Erste Klagen angekündigt
darüber, dass
sich jetzt zwei im Einstellungsverfahren bei der Berliner Polizei
gescheiterte Bewerber auf dem Klageweg wieder zurück ins Spiel bringen
wollen.
Bereits am 27. Januar 2006 hatte die MoPo unter dem Titel Gleichheit
bei Einstellung in den Polizeidienst
gefordert u.a. folgendes
berichtet:

"Innensenator Ehrhart Körting (SPD) hatte bereits vor längerer Zeit angekündigt,
sich für mehr Polizisten nichtdeutscher Herkunft einzusetzen, um so einen besseren
Zugang zu Migrantengruppen vor allem in den Problemkiezen zu finden. Diese Vorgabe
des Senators schlägt sich auch in den Regelungen über das derzeit laufende
Prüfungs- und Einstellungsverfahren für den Polizeivollzugsdienst
nieder. "Bei gleicher Eignung werden Bewerber mit
Migrationshintergrund wegen des besonderen dienstlichen Interesses
bevorzugt berücksichtigt".

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) sieht darin, durchaus
nachvollziehbar, einen Verstoß gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz
des Art.
3, Abs. 3 GG
.

(Hinsichtlich der Bevorzugung von Frauen im öffentlichen Dienst wurde
dem Gleichbehandlungsgrundsatz mit der Verabschiedung diverser
Gleichstellungsgesetze Rechnung getragen. Eine ähnliche Vorgehensweise
sollte wohl in diesem Fall auch in Erwägung gezogen werden.)

In dem Artikel vom 14. Februar 2006 heisst es nun:

"Hintergrund der Vorwürfe ist laut GdP der Umstand, daß
für deutsche Bewerber der Numerus clausus besteht und eine
Durchschnittsnote von 3,0 für eine Qualifikation gefordert wird. Für
Migranten gelte dies nicht, wenn sie an einer von der Agentur für
Arbeit anerkannten, zehnwöchigen Trainingsmaßnahme teilnehmen,
entrüstet sich Berlins GdP-Geschäftsführer Klaus
Eisenreich."

(Eisenreich. Hihi. Das ist doch mal ein echt passender Name für einen
Berliner Polizisten. Der Vorsitzende meiner Musterungskommission hieß
übrigens Kriegesmann...Vielleicht suchen sich ja manche den Beruf nach
ihrem Familiennamen aus?)

Doch genau die Frage der Berücksichtigung
fortführender Ausbildungen
bei den deutschen Bewerbern ruft
nun die Gerichte auf den Plan.

Um das von mir Kursiv gesetzte dreht's sich also. Wer jemals den Sachverhalt
einer öffentlich-rechtlichen Klausur in Händen gehalten hat, weiss,
was jetzt kommt:...

Genau! Zwei Bewerber, die wegen ihres Notendurchschnitts von jeweils
3,1 mit ihrer Bewerbung keinen Erfolg hatten, mittlerweile aber
Zusatzqualifikationen erworben haben.

Der eine Bewerber, mittlerweile 28 Jahre alt und diplomierter
Sozialwissenschaftler, kann den Entschluss der Berliner
Senatsinnenverwaltung offenbar nachvollziehen, 10% der 300 neu zu
besetzenden Stellen "Einwanderern" (so werden sie von der MoPo an
dieser Stelle des Artikels genannt - wenn jemand zwar
Migrationshintergrund hat, aber hier geboren wurde - ist für den dann
"Einwanderer" die richtige Bezeichnung? Es ist schon ein Kreuz mit
diesen Migreinländern. Gibt es nicht einen einfachen Begriff für diese
seltsamen Menschen, einen Begriff, der einfach immer passt? Könnte man
da nicht vielleicht einen Blog-Wettbewerb draus machen?)
vorzubehalten:

Ich kann verstehen, daß in den Problemkiezen mit hohem
Ausländeranteil Bewerber mit Migrationshintergrund bevorzugt werden,
weil diese im Alltag dort eine wichtige Rolle spielen könnten. Aber
ich möchte die gleiche Chance bekommen, mich in Prüfungen bewähren zu
dürfen.

(Also, wenn ich die Senatsinnenverwaltung von Berlin wäre
(interessante Vorstellung eigentlich) und ich hätte die Wahl zwischen
einem, sagen wir mal, 22jährigen Deutschen mit einem
Realschulabschluss von 3,5, dessen Eltern aus Marokko eingewandert
sind - und dem 28jährigen deutschstämmigen Sozialwissenschaftler - ich
wüsste, wen ich eher einzustellen geneigt wäre.)

Der Rest ist das übliche: der Generalsekretär der Berliner CDU kündigt
Widerstand an und die Innenverwaltung möchte die angekündigten Klagen
nicht kommentieren. (Vielleicht lesen die da in der Innenverwaltung
den Lawblog und wissen deshalb,
dass sie in so einer Situation am besten die Klappe halten und nichts
mehr ohne ihren Anwalt sagen sollten ;-)).

Was kewil

(Anmerkung MomoRules: Der Autor des Blogs "Fakten und Fiktionen,
das ich hier prinzipiell nicht verlinke. Marian hatte mir einen Link mitgeschickt,
den ich nicht veröffentlichen möchte.)

über dessen entsprechenden Eintrag ich überhaupt erst auf diesen Artikel gestossen bin
(vielen Dank, übrigens!) von der ganzen Angelegenheit hält, war vorhersehbar. Er
meint, die Qualität der Trainingsmaßnahme ließe sich ja erahnen (über
einen internen Polizeibericht zu diesem Thema enthält der MoPo-Artikel
vom 27. Januar nähere Informationen).

Ausserdem fragt er, ob das nicht sowas wie "affirmative action" sei.
Ein Kommentator ruft nach dem Antidiskriminierungsgesetz. Das dürfte
bei Fakten Fiktionen ungefähr so häufig vorkommen, wie ein MoPo-Link
hier...

So, jetzt noch hurtig durch den anderen Fall
gehechelt
den zweiten Fall geschildert:

Amtsdeutsch - Die Stadt Duisburg will junge Migranten für den
öffentlichen Dienst gewinnen
, DIE ZEIT Nr. 3 vom 12. Januar
2006, S. 78 (leider nicht online)

Als M. sich nach dem Einstellungstest bei der Stadt
Duisburg von seiner Schwester abholen ließ, hatte er keine Hoffnung
auf den begehrten Ausbildungsplatz. "Das waren alles 'Urdeutsche'
sagte er sich. "Das kannst du vergessen."

'Urdeutsche'. Noch'n neuer Begriff. Aber darunter kann ich mir
wenigstens was vorstellen ;-). Weiter im Text:

Diese Haltung haben viele Jugendliche ausländischer
Abstammung, die Beamtenlaufbahn erscheint ihnen als unerreichbarer
Traum. Also versuchen es die meisten gar nicht erst. Nur acht von
sechzig Jugendlichen, die sich bei der Duisburger Stadtverwaltung im
mittleren Dienst bewerben, sind Ausländer. Die Angst vor dem
Auswahlverfahren ist groß. Immerhin konnte die Quote seit 2001 auf 13
Prozent gesteigert werden.

Mit dem Projekt <"Junge Migrantinnen und Migranten für den
öffentlichen Dienst gewinnen" will die Behörde mit Hilfe von
Bundesmitteln und finanzieller Unterstützung der Europäischen Union
bis April ausländische Jugendliche anwerben.

Ich weiss ja nicht, wie es der geneigten Leserinnenschar (und
Leserschar!) geht, aber wenn ich mittlerweile irgendwo "EU" lese, dann
werde ich augenblicklich von einem übermächtigen Fluchtreflex
befallen. Andererseits sind bei den Meldungen von Euractiv nahezu täglich echte
Knaller dabei. Letzte Woche zum Beispiel gab es eine Meldung, dass die
EU Quecksilber-Thermometer
verbieten
will. Irgendwie lässt mich sowas an der richtigen
Prioritätensetzung zweifeln...Aber ich schweife ab...

Also, hier werden die Ausbildungssubjekte kurz und knackig
"Migrantinnen und Migranten" genannt. Da dazu sicher mindestens eine
Bundesbeamtin (oder ein Bundesbeamter!) und mindestens eine EU-Beamtin
(oder ein EU-Beamter!) sein bzw. ihr Okay gegeben haben, ist also die
politisch korrekte Bezeichnung gefunden. Ein Problem weniger.

Im folgenden wird in dem Artikel kurz der Eingangstest geschildert,
den M. zu bewältigen hatte: politisches Basiswissen (was kann man
heutzutage schon an politischem Basiswissen abfragen? Vielleicht
können sich noch einige von Euch an die Straßenumfrage von Wigald
Boning erinnern (schon ne Weile her), ob die Menschenwürde im
Grundgesetz verankert werden solle. Die meisten der Befragten waren
dafür, glaube ich.) und Prozentrechnen. Gudrun Weitzenbürger, die den
Artikel geschrieben hat, kann übrigens auch Prozentrechnung: 8/60 sind
etwas über 13 Prozent, siehe oben.

Obwohl dieser Teil der Prüfung also ganz locker ablief, war M., der
übrigens mit einem Fachabitur an den Start ging, nicht allzu guter
Dinge:

"Ich habe mir wegen meiner Abstammung keine Chancen
ausgerechnet", erzählt der gebürtige Tunesier, der einen deutschen und
einen tunesischen Pass hat. Umso größer war die Freude, als er doch
zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurde, wo er schließlich als
letzte Hürde aus einem Thesenblatt einen zwanzigminütigen Vortrag
ausarbeiten musste.

Lieber Bloginhaber, dessen übergroßer Güte ich diesen Gastauftritt zu
verdanken habe, ich bitte um Verzeihung, aber an dieser Stelle musste
ich doch schlucken. Nicht, weil A. einen tunesischen Pass hat.
Sondern, weil er überhaupt noch einen anderen Pass hat neben dem
deutschen.

Ich weiss aus der Praxis, dass es Staaten gibt, die unheimlich
rumzicken, wenn es darum geht, jemanden aus Ihrer Staatsangehörigkeit
zu entlassen (ein Land, dass gerade ganz gross raus kommt, gehört auch
dazu, so weit ich weiss. Vier Buchstaben. Letzter Buchstabe: n.).

In so einem Fall muss ein Doppelpass hingenommen werden. Ich
kann das dann jedenfalls hinnehmen, auch wenn ich mich dadurch
benachteiligt fühle, denn zwei Pässe sind nunmal besser als einer.

Aber mit Doppelpass im öffentlichen Dienst? Hm. Ich weiss nicht, ich
weiss nicht. (Es versteht sich wohl von selbst, dass dieses Unbehagen
nichts mit dem A. an sich zu tun hat. Ich schreibe es hier trotzdem
nochmal ausdrücklich hin, weil es ja Blogger (Bloggerinnen eher
selten) gibt, denen man alles ganz ausführlich erklären muss.)

Naja, jedenfalls ist der M. nunmehr seit 4 Jahren bei der Stadt
Duisburg beschäftigt. Zwischenzeitlich hat er die Ausbildung zum
Kaufmann für Bürokommunikation abgeschlossen und arbeitet jetzt im
Ordnungsamt. An dieser Stelle fällt im Artikel das Zauberwort, warum
M. für seinen Arbeitsgeber so wichtig ist, nämlich
interkulturelle Kompetenz:

"Zwischen Menschen derselben Nationalität gibt es keine
Schwellenangst", sagt Sinan Kumru, Projektmitarbeiter der Regionalen
Arbeitsstelle zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus
Zuwandererfamilien, kurz RAA, bei der Stadt Duisburg. "Da kann eine
Akte schneller bearbeitet werden, weil Missverständnisse erst gar
nicht auftreten oder schneller aus dem Weg geräumt werden."

...M. beispielsweise hat kein Problem, einem Tunesier oder Marokkaner
zu sagen, dass er der gesuchte Fahrzeughalter ist, der zu schnell
gefahren ist. Zwischen einem deutschen Beamten und einem ausländischen
Bürger kann es doch schon mal Probleme geben, hat M.
erfahren.

Ich kann sehr gut verstehen, dass das nicht alle Deutsche gut finden;
vielleicht finden es sogar die meisten Deutschen überhaupt nicht gut.

Ich schon. Meinetwegen kann A. dabei sogar arabisch mit den "Kunden"
reden - Hauptsache, das Verfahren wird beschleunigt. Kann auch gut
sein, dass M. manchmal Ärger mit Leuten aus seiner Community bekommt,
weil er für den deutschen Staat arbeitet, und dass die Diskussion
dadurch etwas länger dauert. Aber für's erste ist mir das immer noch
lieber als ein Mini-Kulturkampf wegen 'ner fehlbefüllten
MüllWertstofftonne. Womöglich noch mit
anschliessendem Ordnungswidrigkeitsverfahren oder gar Schlimmerem.

Zum Ende hin bekommt der Artikel noch einen appellativen Drall.
Ausserdem wird klar, warum das Projekt in Duisburg allem Anschein nach
entspannt abläuft (Hervorhebung von mir):

Gabriele Petrick, die Ausbildungsleiterin bei der Stadt
Duisburg, ist stolz, vierzehn verschiedene Nationalitäten unter ihren
Auszubildenden zu vereinen. Um aufzuklären, gehen M. und Kumru auch in
Schulen und erklären, wie in der Verwaltung gearbeitet
wird. "Wir wollen die Messlatte bei den Einstellungstests nicht
tiefer legen, um damit die Quote erhöhen zu können"
, sagt
Petrick, "aber trotzdem verdeutlichen, dass die Ausbildung für jeden
offen ist." Bei vielen scheitere die Bewerbung schon daran, dass sie
nicht genügend informiert seien über ihre Möglichkeiten.

Und zuguterletzt besteht M. auch noch den ultimativen Leitkultur-Test:
M. fand die Arbeit in der öffentlichen Verwaltung noch aus
einem anderen Grund besonders attraktiv. Einem Grund übrigens, den er
mit vielen "urdeutschen" Bewerbern gemeinsam hat. "In der Wirtschaft
wollte ich nie arbeiten", sagt er, "da ist man nur ein Rad im
Getriebe. Und irgendwann wird man wegrationalisiert."

Also wirklich, bei diesem jungen Mann habe ich nicht den geringsten
Zweifel, dass er in der deutschen Gesellschaft angekommen ist. Ich
würde sogar sagen, er ist tief in ihr verwurzelt.

Ob es ähnliche Projekte in anderen Kommunen oder Bundesländern gibt,
weiss ich nicht. Ich halte solche Ansätze jedenfalls für
diskussionswürdig.

Bis die Tage!

Auch wenn wir heut' siegen: Oberhausen, Du steigst nicht ab!

Auswärtsiegeskreis3.jpg

(Quelle: FC42)

"Beim Umstieg in Dortmund jedoch zeigte sich, das es durchaus eine lustige Veranstaltung werden würde! Auf einmal war aus den 175 St.Pauli-Fans eine Horde Blumenkinder und Hippies geworden; Perücken, Sonnenbrillen (bei 5 Grad) und sogar zwei echte Friedensengel mit Flügeln hatten sich eingefunden! Auf zahllosen Pullis war die berühmte weiße Taube auf blauem Grund, und es erklangen recht seltsame Gesänge wie z.B. "We shall overcome" oder die berühmten Hymne "If youre going, to San Francisco, make sure wear, some flowers in your hair!".
Den erstaunten Polizisten, die uns zum Umsteigegleis geleiten sollten, wurden statt bösen Blicken und dummen Sprüchen je ein Blümchen überreicht, meist mit den Worten "Peace, Bruder!", was meist einen recht verwirrten Gesichtsausdruck hinterließ. (...) Ketten wurden gebildet, und zu fünft nebeneinander mit "Hopp Hopp Hopp, Atomraketen Stop!" durch den Bahnhof gehoppelt, "Ho Ho Ho-Chi-Minh" durfte natürlich auch nicht fehlen, und jeder Bundeswehrsoldat auf dem Weg zum Dienst wurde mit einem fröhlichen "Frieden schaffen! Ohne Waffen!" in den Wochenbeginn geschickt! " (Die feuchten Biber)

St. Paulianer sind ja auch so Leute, zumindest die Mittelalten, die sich bei irgendwelchen Friedensemos '82 das Hirn weggekifft haben - deshalb ist der Lifestyle von einst partiell noch präsent in den Köpfen! Zum Glück! Da obige Zitat ist ein Bericht ...

... über die Auswärts-Fahrt nach Oberhausen in der Saison 2000/20001, der magischen Saison 2000/2001, na, warum magisch, weiß ja noch jeder ... war eine "Mottofahrt", die "Friedensfahrt" nach Oberhausen, gibt's solche Motto-Fahrten eigentlich noch?

Ich war damals nicht dabei, bin ja eh nur selten auswärts unterwegs, also gar kein richtiger Fan. Hing aber gebannt vorm Radio, angesichts des dramatischen Spielverlaufs - Führung, Rückstand, Spiel gedreht, 3:2 - war das auch ganz schön aufregend. Erinnere mich auch noch gut an die Zusammenfassung des Spiels bei Hattrick, Nico Patschinski mit Karnevalsgruß als Torjubel, und mein Kumpel Tom, mit RWO biographisch verwachsen, regt sich noch heute auf Stichwort darüber auf, daß zwei unserer Tore Abseitstore gewesen seien. Und den Torjubel fand er auch nicht lustig. Auch nicht die Polonaise unserer Spieler nach dem Sieg.

War ein Schlüsselspiel - vor dem Spiel war Oberhausen auch noch oben dran, danach dann nicht mehr ... war das Oberhausen-Spiel nach jenem, da bei der allerletzten Möglichkeit der Ball nach tollem Klasnic-Zuspiel den Weg ins Tor fand und so doch noch den Nicht-Abstieg in Liga 3 besiegelt wurde. Den unvergeßlichen radio-Bericht dazu habe ich auf CD. Diese "Wunder von Bern"-Nummer ist nix dagegen ...

In unserer Abstiegs-Saison aus Liga 2, die ja dann doch erfolgte, war das Spiel in Oberhausen auch ein Schlüsselspiel. Wir hatten unter anderem Chris, der jetzt bei Frankfurt groß aufspielt, relativ neu im Kader, Alex Meier ja auch, und zu diesem Zeitpunkt hatten alle das Gefühl, wir könnten den Turnaround trotz Abstiegsplatz noch schaffen. Hätte Oberhausen verloren, wären sie unten rein gerutscht.

Da war ich sogar mit vor Ort, wir waren mindestens genau so viele Fans wie die Oberhausener selbst, schönes Wetter, gute Stimmung. Dann stellte sich RWO, damals noch unter Ristic, 20 Minuten doof, unsere Mannschaft wurde überheblich, widerlich pomadig, um mich rum waren alle der Meinung "Mönsch, hier geht doch heute was!" und ich bekam Panik - das ist die Oberhausen-Masche, ungelenk losdümpeln, bis sie nicht mehr ernst genommen werden, dann aufdrehen, und erwartungsgemäß wurden wir auf genau die Tour dann abgeschlachtet. Und ich werde es Tom nie vergessen, daß er den ganzen Abend nicht triumphierte, sondern sich leise in sich hinein freute, als ich bei ihm übernachtete, weil ich ziemlich am Boden zerstört war.

Insofern breche ich jetzt mal eine Lanze für RWO. Imagetechnisch ist das ja für mich der Verein mit dem größten Potenzial in ganz Deutschland. Die sind umzingelt von lauter "Großen" aus allen Ligen - Duisburg, Gladbach, Schalke, Bochum, Dortmund auch nicht so weit weg - und halten sich seit Jahrzehnten trotzdem wacker. Sie haben das graumausigste und spaßfernste Image, daß man sich überhaupt vorstellen kann - und genau das kultivieren sie, bis hinein in die Spielweise, siehe oben. Da kommt ein ganz eigener, außerordentlich sympathischer Humor bei raus. So'n Schmunzeln, so'n Amüsieren, das Selbstbewußtsein gerade aus negativer Fremdzuschreibung und allgegenwärtiger Arroganz ihnen gegenüber zieht - und es halt besser weiß. Grinsend.

Sie hassen RWE, das macht sie noch sympathischer, und dieser kleine, innere Kreis LEBT den Verein auch nicht anders als wir. Nur daß ein Verein wie St. Pauli seit den 80ern immer auch mediale Sympathien für sich verbuchen kann und man deshalb noch im Verlieren Selbstbewußtsein zeigen und sich total cool finden kann, in Liga 3 und 2 auch automatisch zu den Großen gehört - zu Oberhausen zu stehen ist da ungleich schwerer. Die, die's tun, sind somit wirklich wahre Fans - ein Oberhausener Modefan ist ja eigentlich unvorstelltbar. Eigentlich sind sie die wahren Underdogs, und ich glaub es Tom auf's Wort, daß ihr scheiternder Auftsieg in Liga 1 - war das vor 2 Jahren? - dann auch an Schiedrichterleistungen lag.

Also: Düsseldorf kann mir getrost gestohlen bleiben, Uerdingen hat da eh die netteren Fans - aber ich bin voll pro Oberhausen, wenn's um Rheinland geht!

Was micht jetzt aber nicht dazu verleitet, heute da nicht gewinnen zu wollen! Wir müssen siegen, und es wird hammerhart gegen diese sympathische, junge, leidenschaftliche Truppe! Die werden sich wie gegen RWE um ihren Strafraum herum aufbauen, um einen Punkt zu retten, die werden gegen uns ALLES geben, aber ich bin mir sicher, daß nicht zuletzt Meggle heute dies Bollwerk knacken wird und Luz mal wieder höher springt als alle anderen!

Und nach unserem Sieg werden die "Kleeblätter" sich aufbäumen, eine Siegesserie starten und zum Schluß auf Platz 10 stehen! Ich gönn's denen! Und freu mich dann mit!

24.02.06

Freude! Ich habe sie!

Bayern-Sieg.jpg

.... Pokalfinale, Pokalfinale, wir fahr'n jetzt jedes Jahr zum Pokalfinaaaaale ...

(hat ja schon mal geklappt. Beim Fußball sind Rituale wichtig. Und beim letzten Bayern-Sieg war ich schließlich auch dabei ... kann mich noch so gut an dieses kurze Schweigen, diese Zehntelsekunden totaler Stille im Stadion erinnern, nachdem das 1:0 fiel, weil keiner glauben konnte, daß es fiel ... und das noch etwas längere Schweigen nach dem 2:0, weil das alle noch weniger glauben konnten, daß jetzt sogar noch das 2:0 fällt ... und mein armer Kumpel Sven, seit einem Jahrzehnt Millerntor-Gänger, war bei beiden Toren Bier holen ... und dann dieses Beschwören in der Halbzeit: "Die erste Halbzeit kann uns keiner mehr nehmen! Ganz egal, was noch kommt, kein Mensch auf dieser Welt kann uns das nehmen!" Und dann Sieg trotz Anschlußtreffer - weiß noch, wie nach langem Jubel und totaler Euphorie "Wunder gibt es immer wieder" aus den Stadion-Boxen dröhnte, spüre noch dieses Gefühl, damals im Winter ... "Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose" ... ein Luz ist ein Luz ist ein Luz ... St. Pauli ist St. Pauli ist St. Pauli ... und Bayern München ist halt einfach nur "Bayern". Mehr nicht.)

Eine Überschrift, total unsexy: Typologien, Identitäten, Basis und Überbau

Die Sonne scheint, die Freizeit lungert mit mir mir rum - der Hund hat schon mit 'nem Border-Collie im Park lustige Runden gedreht, obwohl das da verboten ist, und deshalb macht das dann ja doppelt Spaß, denen zuzuschauen. Die Tageskarte unter www.tarot.de war "Die Kraft", dann also ran den Speck und mal ein paar geistige Purzelbäume schlagen.

Marian Wirth hat bei den B.L.O.G.'s - Rayson und Boche - wahrscheinlich allseits unbemerkt eine ganz spannende Typologie der Positionen rund um die Frage, wie man denn nun mit dem Islam ...

... hierzulande umgehen solle, verfaßt. Die ist insofern sehr brauchbar, da sie die von Bush vorgebenen Lager zurückweist, denen da so oft in allen Schattierungen dann gefolgt wird. Stattdessen arbeitet Marian die folgenden Argumentationsmuster bzw. Diskurstypen heraus:

1.) Die Kulturkämpfer

Sie sehen längst schon einen "Aufeinanderprallen" zweier Kulturen - die westliche und die aggressive islamische. Wehrhaft habe sich der Westen gegen eine totalitäre Kultur zu stellen, die schon über viel zu viel Einfluß verfüge und "uns" demographisch zu überwuchern drohe. Faktisch läuft dies kurioserweise auf eine symetrische Problemdefinition hinaus, eine Art Boxkampf oder Duell, wenn ich's richtiig verstehe

2.) Die Leitkulturalisten

Sie behaupten ein christlich geprägtes Abendland, an das sich hier zu lebende Muslime dann zu assimilieren hätten. Während die Kulturkämpfer sich zumeist global an der Front wähnen und die Welt beglücken wollen, reicht den Leitkulturalisten "Innenpolitik" und bestenfalls zwangsverordnete Marienverehrung, aber die bitte freiwillig . Na ja, ist jetzt polemisch zugespitzt, aber Zuspitzung erhellt ja manches. Innenpolitisch gibt es für sie, typisch konservativ, eine Hierarchie der Kulturen, international könnten sie wohl auch prinzipiell mit konservativen Kräften in anderen Ländern bündeln.

3.) Die Status-Quotisten

Finde den Begriff nicht wirklcih glücklich gewählt, sind aber wohl die Pragmatiker. Die brauchen nicht die großen Erzählungen, sondern schauen besonnen, wie's faktisch überhaupt ausschaut, um dann gezielt zu intervenieren, wo's not tut. Realitätsmanagement ohne Glaube an Leitkulturen und gesellschaftspolitische Endziele. Demokratischer Rechsstaat ist ihnen jedoch der optimale, funktionale Rahmen, um sich den Mühen der Ebene und des Konkreten hinzugeben.

4.) Die Mulitkulturalisten

Das zitiere ich jetzt lieber, um nicht meine Position da einzuschmuggeln:

"Sie halten eine Auflösung der Mehrheitsgesellschaft in mehrere gleichrangige Teilgesellschaften für wünschenswert und ein friedliches Neben- oder Miteinander dieser Teilgesellschaften für möglich. Sie vertrauen fest auf eine (weitere) Säkularisierung der einzelnen Religionen, wenn allen Religionen und Weltanschauungen die gleichen Rechte und Entfaltungsmöglichkeiten eingeräumt werden. Sie wenden sich grundsätzlich gegen Beschränkungen des Zuzugs aus dem Ausland und halten die Aufnahme von Migranten schon allein aus Gründen der kulturellen Bereicherung für wünschenswert.

Durch den Zuzug von Ausländern (egal, ob bereits erfolgt oder zukünftig) auftretende Probleme wollen die Multikulturalisten, so sie die Probleme überhaupt als solche erkennen, vor allem mit Sozialarbeit und staatlichen Transferleistungen lösen."

Interessant ist, daß Marian jeweils den Positionen bestimmte Lösungspfade zuweist:

zu 1.) Demographie und Ausländerrecht

zu 2.) Sozial - und Bildungspolitik, ggf. Ausländerrecht

zu 3.) Migrationsforschung, Kriminologie, Islamwissenschaft und "Integrationspolitik im engeren Sinne"

zu 4.) Wie genannt: Sozialarbeit und staatliche Transferleistungen

Diese Typologie ist natürlich insofern polemisch, daß sie ganz Schröderesk oder Merkelesk, da nehmen die sich ja nix, die Postion 3 als die einzig realistische zur Darstellung bringt und den anderen dann zuruft "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen. Leude, während ihr große Reden schwingt, krempeln wir die Ärmel hoch!"

In Position 4 wird noch hineingeschmuggelt, daß diese Ewig-gestrigen mal wieder Unfinanzierbares fordern und ansonsten sowieso mental auf einer Blumenwiese spielen, wo alles a priori schön, wahr und gut ist. Da sieht man das debile Grinsen von Claudia Roth vor sich und klopft sich auf die Schenkel wie einst bei "Ich bin der Martin" von Dieter Krebs harhar. Trotzdem macht so etwas ja immer Sinn, das so zu sortieren.

Man kann dem dennoch einen gänzlich anderen Ansatz entgegenhalten. In "Die Welten des Kapitalismus", herausgegeben von Max Miller, Frankfurt/M. 2005, S. 229 - 237, findet sich ein ziemlich spannender Aufsatz von Michel J. Piore, ein Autor, der überraschend häufig auch von Negri/Hardt-Adepten diskutiert wird. Der hat die schöne Überschrift "Neoliberales Ideal und neoliberale Realität in den USA: Politische Mobiilsierung und neue Gouvernanceregime am Arbeitsmarkt".

Auf ein paar Seiten wird die wirtschaftliche Entwicklung in den USA vom "New Deal" bis zur "Neoliberalen Revolution" beschrieben. Das kann hier nicht en detail nachvollzogen werden, sei insofern grob so nachgezeichnet:

Der "New Deal" aus grauer, sozialdemokratischer Vorzeit beruhte im wesentlichen auf der Einrichtung von Institutionen (ich verstehe unter "Institution" jetzt nicht, wie viele Soziologen, einfach nur ein anderes Wort für "Regel" im allgemeinen, sondern rechtlich abgesicherte Organisationsformen gemeinschaftlichen Handelns und deren Vorraussetzungen, vorläufig und nur für dieses Blog formuliert. Also: Vereine, Ämter, Parteien, GmbHs etc., aber auch: Regeln mit klaren, rechtlichen Konsequenzen, also Ehe, das Gebot, richtig zu parken etc.). Gewerkschaften handelten mit Arbeitgebern Löhne etc. aus, sozialstaatliche Regelungen sowie ein staatlicher Rahmen für's konkrete Wirtschaften, Mindestlöhne z.B.. ist ja alles hierzulande sehr vertraut.

Seit den späten 70er Jahren wurde diese Konstruktion den USA wie auch anderswo wieder zerschlagen. Aber, Überraschung: Nix da "Freier Markt", so Priore. Stattdessen seien Schritt für neue Regulierungen aufgrund sozialer Bewegungen ins Wirtschaften hineinspaziert und hätten sich dort breit gemacht. "Der wichtigste Anstoß ging von der Gesetzgebung zur Förderung der Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt aus." (ebd., S. 229)

Hier mischten sich zwei Faktoren: Die rein ökonomisch randständige Position von "Minderheiten" - Schwarze, Schwule, Frauen, Behinderte, jetzt mal kurzgefaßt - und "Identitätsdiskurse". Es fand eine kulturelle Selbst-Aneignung der eigenen Geschichte dieser Personengruppen statt, eine gemeinschaftliche Selbstfindung , die auch zur Formierung von Interessenvertretungen in institutioneller Form mündete. In einem Marsch durch Rechts-Institutionen, Gerichte also, erklagten diese Gruppen zunehmend das Recht auf gesellschaftliche Partizipation hinsichtlich ökonomischer Chancengleichheit. Faktisch setzten sie neue Regulierungen, "Minderheitenschutz", am Arbeitsmarkt durch. Hinsichtlich der Gleichstellungpolitik zwischen den Geschlechtern gibt's hier ja analoge Phänomene, das immer mal wieder geplante "Antidiskirmierungsgesetz" weist in eine ähnliche Richtung.

Unternehmen in den USA fürchteten nun Klagen, wenn sie sich nicht auf die Berücksichtigung der Minderheiteninteressen einließen und reagierten mit dem diesem begrifflich scheußlichen "Human Resoruces Management", HRM. "Da das Ziel dieser Programme darin besteht, das Unternehmen vor Anklagen wegen willkürlicher und ungleicher Behandlung der Arbeitnehmer zu schützen, sind sie bei veränderten Umweltbedingungen nicht so einfach zurückzunehmen. Dadurch erreichen sie ein Stück der Stabilität, die zuvor das Tarifverhandlungssystem besaß."

Die Pointe ist nun gerade nicht, daß durch diese boshafte Gängelung durch Gleichheits- und "Multikulti"-Fanatiker die Wirtschaft ächzt und stöhnt, dem Zusammenbruch nahe. Nix da.

Piore macht eine zweite Ebene auf. Auch die Arbeitsorganisation habe sich parallel dahingehend gewandelt, daß statt identitätsstiftender Rolle einen Berufs - einer Funktion also - in einem, klar in sich geschlossenen Unternehmen nunmehr Arbeit in Vernetzungen zwischen Unternehmen sich etabliert habe, und daß zudem Arbeit zunehmend projektbezogen und teamorientiert organisiert sei. "Jedes Projekt ist ein Unikat, Innovation und Kreativität sind notwendig, um es zu produzieren. (...) Arbeit (braucht und) belohnt heute die Fähigkeit, professionelle Kompetenz und Erfahrung jenseits traditioneller Professionsgrenzen zu integrieren und das jeweilige Wissen in spezifischen Anwendungskontexten nutzen zu können." (ebd., S.234) Das betrifft mit Sicherheit nicht alle wirtschaftlichen Bereiche, hinsichtlich meiner eigenen beruflichen Erfahrung ist das aber zutreffend.

Beide Ebenen - neue arbeitsrechtliche Situationen durch Minderheitenschutz und neue Identitätsdiskurse sowie neue Wirklichkeiten im Arbeitsprozeß - führt Priore nun zusammen:

"Verschiedenheit kann effizient sein. Die Branchen, die für das Wiedererstarken US-amerikanischer Firmen auf den Weltmärkten verantwortlich sind (...), haben die am stärksten diversifierten Belegschaften. In diesen Branchen ist die Beschäftigung am stärksten expandiert. Also sind sie auch am stärksten offen für neue und wachsende Arbeitnehmergruppen, wodurch die Belegschaften bunt gemischt sind. Es gibt aber auch eine Begründung der Arbeitgeberseite für die Vielfalt: Sie wurde in den Buisness Schools entwickelt und von Managern aufgegriffen, die versuchen, HRM-Strategien für Minderheiten zu rechtfertigen. Die Begründung basiert auf genau den neuen Formen der Unternehmensorganisation, die die traditionellen Grenzen überschreiten und Teamwork in Projekten fordern. Beides braucht und belohnt die Fähigkeit zum wechselseitigen Verständnis, das Differenzen zu überbrücken hilft. Und eine kulturell diversifizierte Belegschaft tendiert dazu, diese Fähigkeiten zu entwickeln und zu pflegen. Vielfalt fördert auch neue Ideen, da es die möglcihen Quellen der Kreativität vervielfacht und viele dieser Ideen in Wirklichkeit ein Kondensat aus den verschiedenen Perspektiven sind." (ebd., S. 237)

Na swoas! Leitkultur als Wirtschaftshemmnis und Multikulti als Motor neuer Entwicklungen? Kulturkampf als Innovationsverhinderung? Unter dem Lichte solcher Gedanken besehen stellt sich doch die Eingangstypologie in ganz anderem Lichte dar ... und auch deren Problem: Wirtschaft taucht da nämlich nur im Rahmen der Diskreditierung von Multikulti auf.

"Aber die Islamofaschisten wollen doch gerade diese Vielfalt verhindern", blubber, dann jagen wir ihnen doch einfach Nachwuchs ab, indem wir diesen überzeugen! Immerhin wollen fast 50% der iranischen Jugendlichen nach Europa - bestimmt nicht, um uns zu missionieren.

Statt Befürchtugen vor kulturellen Überwucherungen zu formulieren, wär's wohl besser, sie im von Priore genannten Sinne willkommen zu heißen! Und da hilft dann wohl als Weg dahin das Handeln der Status-Quotisten - aber ganz visionsfrei braucht das alles trotzdem nicht zu bleiben ...

Und, nochwas: Regulierung kann produktiv sein, und ohne Institutionen läuft gar nix.

Insofern müßte das Verhältnis Kultur/Gesellschaft (diese verstehe ich als Ensemble der Instituionen) mal wieder neu diskutiert werden, denn: Vielleicht ist ja am Basis/Überbau-Theorem von Marx doch was dran? Wieso Identitätsdiskurse trotz alledem faksch sind - das schreibe ich dann noch einmal in einem eigenen Eintrag ...

23.02.06

20 TRACKS: Gemeingefährliche Tiefenpsychologie

... und das, wo die ganze, aktuelle Ausgabe von DIE ZEIT diesmal mit Sigmund Freund-Stories vollgestopft ist. Trotzdem schön. Mache ich ausnahmsweise mal mit (via MMsSenf via Eoraptor Log via Kaltmamsell)

1. Ein Track.. aus deiner frühesten Kindheit.

"Song of Joy" - so eine englische Hitfassung von Beethovens Ode an die Freude, weiß gar nicht mehr, von wem das war ... o Schreck, jetzt schleicht sich von hinten gerade Demis Roussos mit "Goodbye, my Love, goodbye" an, wird aber erfolgreich (uff!) von Alexandras "Mein Freund der Baum" zur Seite geschubst. Nur einen TRACK bei den zwanzig Fragen nennen, das kann ich gar nicht ...

2. Ein Track.. den du mit deiner ersten großen Liebe assoziierst

"Garden Party" von Mezzoforte (schrecklich eigentlich). Na ja, ein ganz wenig auch "These are the breaks" von Kurtis Blow, aber das war was anderes ...

3. Ein Track.. der dich an einen Urlaub erinnert.

Alphaville "Foerver young". Aus unerfindlichen Gründen steigerte ich mich - noch zu Schulzeiten - mit einer Freundin in irgendeiner von diesen Strand-Pinten mit Toast und Baguette in Südfrankreich, an der Atlantikküste, bei diesem Song in die Vorstellung hinein, eine unserer Mitreisenden hätte sich gerade in's Meer gestürzt. Dann habe ...

... ich sie gesucht, und sie lag im Zelt und hat gemütlich gelesen. Absurd, daß mir ausgerechnet das zuerst einfällt.

4. Ein Track.. von dem du in der Öffentlichkeit nicht so gerne zugeben möchtest, dass du ihn eigentlich ganz gerne magst.

Enrique Iglesias "Heroe" (das war jetzt aber wirklich mutig!)

5. Ein Track.. der dich – geplagt von Liebeskummer – begleitet hat.

Als Evergreen natürlich im Alter von ca. 22 - 25 immer wieder auf's Neue "Ich liebe das Leben" von Vicky Leandros. Großartig.

6. Ein Track.. den du in deinem Leben vermutlich am häufigsten gehört hast.

Sauschwer. Wahrscheinlich "Ich bin zu müde, um schlafen zu gehen" von der Knef oder der "Rauchhaus-Song" von Ton Steine Scherben.

7. Ein Track.. der dein liebstes Instrumental ist.

Ich mag keine Instrumentals. Eigentlich gar keine. Am schlimmsten sind Violin-Quartette von Mozart und so'n Kram. Folter.

8. Ein Track.. der eine deiner liebsten Bands repräsentiert.

"Damals hinterm Mond" von Element of Crime.

9. Ein Track.. in dem du dich selbst wiederfindest oder in dem du dich auf eine gewisse Art und Weise verstanden fühlst.

Oha. Wahrscheinlich "Mein Weg" von Klaus Hoffmann, aber das ist ja genau so bescheuert, als würde man auf diese Frage "My Way" von Sinatra schreiben.

Dieser Song auf der "13" von Blur, wo Damon Albarn im Refrain immer "Let it flow" singt, weiß gar nicht, wie der heißt, obwohl der auf unzähligen MC und MD-Mixes von mir drauf ist, der ist's wohl. Ja, der isses.

10. Ein Track.. der dich an eine spezielle Begebenheit erinnert (& welche das ist).

Also, z.B. der "Song 2" von Blur, die hatten wir ja eben schon, der erinnert mich an ... - na, kleiner Scherz für St. Paulianer.

"Landungsbrücken raus" von Kettcar (um in der Assoziationskette zu bleiben), der erinnert mich an 2 Begebenheiten, die zusammenhängen. Zum einen an eine ziemlich verkaterte Zugfahrt nach Köln, wo ich immer kurz aufschluchzen mußte, wenn dieser Song im Walkman kam, weil's der Tag nach dem 4:0 gegen Bochum im Pokal war, und dieser Abend einfach so rundum traumhaft war - als Höhepunkt dieser Moment, als die Bochumer Fans nach dem Spiel unsere Mannschaft bei der Ehrenrunde zur Welle aufforderten, als sie unsere Mannschaft feierten, und dann das ganze Stadion, alle St. Paulianer, in "VFL, VFL"-Chöre ausbrachen. Das war gelebte Utopie inmitten des wahren Lebens.

Das erste Mal hatte ich den Song gehört, als der Großteil meiner Firma nach Berlin umzog. Da mußten viele mit, die Hamburg über alles lieben und nicht weg wollten. Ein Kolllege , St. Paulianer seit Jahrzehnten, hat mir dann "Landungsbrücken raus" als MP3 per mail zugesandt, um zu zeigen, wie's ihm gerade geht ... das ist so'n Song, der viele Erlebnisse repräsentiert, weil er für ein ganzes Lebensgefühl steht. Eben jenes, daß man nur an der Elbe spürt und das am Millerntor sich bündelt ...

11. Ein Track.. bei dem du am besten entspannen kannst.

Callas singt Puccini, am liebsten diese Arie aus "Madame Butterfly", weiß gar nicht, wie die heißt ...

12. Ein Track.. der für eine richtig gute Zeit in deinem Leben steht.

"Skinheadmädchen 2" von den Goldenen Zitronen.

13. Ein Track.. der momentan dein Lieblingssong ist.

Mr. Moon von Mando Diao. Und "New Hampshiere Nights" aus dem Musical "An Unfinished Song". Gleichrangig.

14. Ein Track.. den du deinem besten Freund widmen würdest.

"Everyday Boy" von Joan Amatrading in der Version von Georgette Dee.

15. Ein Track.. bei dem du das Gefühl hast, dass ihn außer dir niemand gerne hört.

"Was bleibt" von Klaus Hoffmann.

16. Ein Track.. den du vor allem aufgrund seiner Lyrics magst.

Find ich am schwersten, die Frage. "Last Deceptions" von Dashboard Confessional vielleicht, aber den mag ich auch musikalisch.

17. Ein Track.. der weder deutsch- noch englischsprachig ist und dir sehr gefällt.

"Le jogger sur le plage" von Benjamin Biolay

18. Ein Track.. bei dem du dich bestens abreagieren kannst.

"Bat out of hell", Meat Loaf. Weil man da so schön mitsingen kann.

19. Ein Track.. der auf deiner Beerdigung gespielt werden sollte.

"It's now or never" von Elvis.

20. Ein Track.. den du zu den besten aller Zeiten rechnen würdest.

Die h-Moll-Messe von Bach. Isoldes Liebestod. "Like a virgin" von Madonna. Irgendsowas.

Der kategorische Imperativ

Dieser Eintrag bei Der Morgen über Kant und personale Würde macht mich ja seit Tagen völlig fertig. Einfach, weil ich die Position schon teile, sie jedoch - wenn ich mich nicht völlig irre, irgendwas in der "Metaphysik der Sitten" falsch verstanden habe oder nicht kenne, zu sehr auf die "Grundlegung der Metaphysik der Sitten" fixiert bin, wasweißich - so Kant entweder gar nicht entnehmbar ist oder aber nur um den Preis der Inkonsistenz seiner Begründung des "Sittengesetzes in mir" zu haben ist. Auch in den Kommentaren zu Dr. Deans Eintrag verschiebt sich die Pointe Kants in Richtung irgendwelcher politischen Theorien, die völlig am Thema Kants vorbeigehen. Sein "Sittengesetz" gilt in der Tat in allen Regimen.

"Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gestz werde", so lautet die erste Formulierung des kategorischen Imperativs in der "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten". Das ist für Kant jedoch keine ...

... Explikation von Strukturen der Intersubjektivität, wie Dr. Dean behauptet, das trifft erst auf diverse Reformulierungen des Kategorischen Imperativs unter anderen, theoretischen Prämissen zu, so z.B. auf Karl-Otto Apel oder Jürgen Habermas.

Auch mit einem normativ gehaltvollen Begriff von "Mensch" hat's zunächst (s.u. dazu mehr) nur insofern etwas zu tun, daß Menschen eben begründet handeln können. Das unterscheidet den Willen von bloßer Willkür. "Der Wille wird als ein Vermögen gedacht, der Vorstellung gewisser Gestze gemäß sich selbst zum Handeln zu bestimmen." (Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, zitiert nach: stw Werkausgabe, Hg: Wilhelm Weischedel, Bd. VII, S. 59)

Maximen sind - vereinfachend gesagt - Handlungsgründe, und ihre Universalisierung - allgemeines Gesetz - gebietet die Vernünftigkeit als solche, weil diese die Form des "Gesetzes" notwendig annimmt. "Gesetz" sei bei Kant verstanden analog zu Naturgesetzen. Der Apfel fällt immer nicht weit vom Stamm. An dieser Stelle schwimmen dann Poppers Schwäne los und trotzen der Vogelgrippe ... diese Analogie zum Naturgesetz macht Kant in der zweiten Formulierung des Kategorischen Imperativs deutlich, die lautet: "Handle so, als ob die Maxime Deiner Handlung durch Deinen Willen zum allgemeinen Gesetz werden sollte."

Analog deshalb, weil Kant, um seine Moral dergestalt zu begründen, aufgrund eines starken, metaphysischen Vernunftbegriffs und eines mechanistischen Naturverständnisses (gibt bei ihm ja auch das Naturschöne, aber das würde jetzt zu weit führen) noch ein "Reich" des Intelligiblen behaupten muß, das vor der Erfahrung liegt.

Das muß er, weil er ansonsten Freiheit nicht zu denken vermochte - das Reich des Empirischen bzw. des Sinnlichen ist bei Kant durch und durch von Kausalität durchdrungen (alllerdings auch das nur in der Interpretation eines vernünftigen Betrachters, wegen dem Ding an sich, das würde jetzt aber zu weit führen). Freie Handlungen sind somit nicht innerweltlich möglich nach Kant, da wären sie verursacht, nicht gewollt, sondern nur im A Priori, in der reinen Vernunftleistung (auch die kantische Unterscheidung von Vernunft und Verstand sei hier mal außen vor gelassen) existiert die Freiheit. Deshalb kann nach Kant die Beurteilung von Handlungsfolgen auch nicht als Kriterium für das Behaupten von Moralität sein (das ist wichtig für Interpretation des Gutmenschentums, Statler, falls Du bis hierhin liest). Was draus wird, entzieht sich dem Handelnden, wichtig sei die Intention, so Kant.

All das ist eine reine Explikation der Vernunft, nix darüber hinaus.

Und dann macht Kant in der Tat ein völlig anderes Faß auf, indem er Menschen als "Zweck an sich selbst" behauptet (ebd., S. 59). Das springt aber ein wenig wie ein Teufel (schiefes Bild, egal) aus der Kiste und wird seinerseits gar nicht begründet. Menschen seien nicht als Mittel, sondern als Zweck an sich selbst zu behandeln. Hier knüpfen dann alle Kritiken der Zweckrationalität von Max Weber über Horkheimer/Adorno ("instrumentelle Vernunft") bis zu Habermas (strategische versus verständigungsorientierte Kommunikation) an. So kommt's dann zur dritten Formulierung des Kategorischen Imperativs: "Handle so, daß du die Menschheit, sowohl in Deiner Person als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest." (Ebd., S. 61) Ernst Tugendhat hat das griffig zu "Instrumentalisiere niemanden!" zusammengefaßt.

Problem ist freilich, daß sich das aus der Konstruktion der Kantischen Moralphilsophie gar nicht ableiten läßt. Da geht's immer um der Vernunft immanente Gesetzmäßigkeiten, andere Personen tauchen da gar nicht auf (gibt natürlich auch Interpretationen, die das Gegenteil behaupten, aber meiner Ansicht nach macht's keinen Sinn). So schön die dritte Formulierung auch ist: Sie ist wohl eher eine Konzession Kants an den Humanismus als konsistent.

Um die Kritik am monadischen Subjekt von Marx bis Habermas zu begründen reichen Kants Annahmen nicht aus, und mit "Menschenwürde" hat sie nur über den Umweg einer Interpration des Kantischen Vernunftbegriffs als einem solchen, der nicht instrumentell ansetzen würde, zu tun. Mit "Personalität" hat sie aber schon gar nix mehr zu tun, also mit dem konkreten So-oder-So-Sein von Personen, das man dann ggf. zu respektieren hat. Da braucht man viele Zusatzannahmen ... oder man beschränkt sich auf Anwendungsfragen des Kategorisch Imperativs, nicht dessen begründung.

Was jetzt gar nichts an Kants Großartigkeit ändert. Aber was Dr. Dean da aus ihm ableiten will, das geht, glaube ich, so nicht. Und das Thema der "Pflicht gegen sich selbst" ist sowieso gesondert zu diskutieren ...

Karnevals-Alternativ-Programm

... und jetzt der Weltfrieden: Ist das schön!
(via mequito - oder Mek Vito? Weiß ich nie so genau ...)

PS: Trotzdem Glückwunsch an Werder Bremen wegen gestern abend! Und unsereins mußte wieder langweilige Bayern-Spiele gucken ... na ja, aber da gibt's ja demnächst auch mal wieder ein spannendes!

Was hinter Masken steckt ...

Karneval.jpg

Was bin ich froh, in einer karnevalsfreien Zone zu leben! Was bin ich froh, in einer karnevalsfreien Zone zu leben! Was bin ich froh, in einer karnevalsfreien Zone zu leben! (Könnte ich jetzt stundenlang weiter so aufschreiben. Am schönsten sind Tage, da man froh ist, daß etwas nicht ist).

22.02.06

Schöner Wohnen

Das hier ist angesichts von dem hier und dem hier in der Tat ziemlich wichtig. Deshalb sei's verlinkt (ich liebe Sätze ohne Inhalt, aber voller Verweisungszusammenhänge).

Auch Noahs Kommentar dazu sei jedem ans Herz gelegt, der immer noch glaubt, Begriffspolitik sei irgendeine spinnerte Masche politisch korrekter Gutmenschen, die einzig am Leben hält, daß sie die Freidenkern den Mund verbieten wollen, und nur, weil sie politisch links stehen, allein schon wegen Stalin, Politik im Wesentlichen als Verbot, Einschränkung und Unterdrückung verstünden ... nix da: Sie kennen einfach den Schöner Wohnen-Farbkatalog! Da gibt's dann "Ziegelrot", "Sesam", "Mais" und "Mango" ... alles so schön farbig ...

Ver.di, Tierarzt, Liberta

Finde den ver.di-Streik ja auch seltsam, habe darüber auch an anderer Stelle geschrieben (kam 'ne tolle Diskussion bei raus, habe richtig was gelernt, danke nochmal!).

Ist zwar für andere Branchen wirklich gut, der Ver.di-Streik, Tierärzte z.B. Wenn man eines von diesen Viechern hat, die wirklich jeden Scheiß fressen, der irgendwo auf der Straße rumliegt - habe zwar weder Cocker noch Beagle, aber jeder Besitzer dieser Rassen wird wissen, wovon ich schreibe -, dann wird der Spaziergang durch Städte derzeit zur Tortur. Dabei hat mein heißgeliebtes Tier gerade vor ein paar Wochen wegen schwerem Magen- und Darm-Katarr drei Tage am Tropf gehangen, wurde geröngt und behudelt und gespritzt, und ratzfatz war ich 200 Euro los. Und das alles wegen irgendwas, was irgendwo rumlag ... aber, wie gesagt, da's den Tierärzten hilft, ist's halt Umverteilung im Kleinen.

Wie man nun jedoch aus den Streik-Folgen auf die "Überlegenheit" der Privatwirtschaft schließen kann, gerade, wenn man sich hehre Begriffe wie "Freiheit" auf die Fahne schreibt, das ist mir dann doch ein Rätsel. Inwiefern denn "überlegen"? Weil die Leute da besser spuren und gehorchen in der Privatwirtschaft?

Ist das Streikrecht nicht gerade Ausdruck der Freiheit von Arbeitnehmern? Könnte es nicht sein, daß nur deshalb in anderen wirtschaftlichen Bereichen Gedanken an einen Streik gar nicht erst aufkämen, weil mittlerweile ein allgemeines Klima der Angst das Wirtschaftsleben durchdrungen und vergiftet hat, jedes Selbstbewußtsein längst verreckte? Und Freiheit ohne dieses Selbstbewußtsein, Freiheit in Angst erläutere man mir bitte ...

Für manche (keineswegs alle) Wirtschaftsliberalen ist ja Unterdrückung z.B. durch einen Vorgesetzten nicht weiter relevant, man kann ja den Job wechseln - HARHARHAR! Nicht weiter erstaunlich ist, daß der andere, aktuelle Streik sich nur noch um Sozialpläne und Betriebsvereinbarungen dreht ... Freedom's just another word for nothing left to loose ... aber auch die AEG-Mitarbeiter haben ja bald mehr FREI-Zeit ...

PS: Freiheit heißt doch Liberta auf italienisch? Dunkle Erinnerungen an meine lang verflossene Jugend zwischen Teakholzmöbeln mit grünen Lederkissen und selbstgehäkelten Gardinen raunen mir ein Lied von Milva in's Ohr, "Freiheit in meiner Sprache heißt Liberta, gibt es ein schöneres Wort als Liberta?" - das hatte man davon, wenn die Mutter EMMA las ...

Die strukturelle Kopplung von Blubber, Fasel und Bla oder mal'n bißchen Medientheorie

Heute mal wieder was richtig Populäres! Sowas, was mordsmäßig Traffic erzeugt!

Gestern nämlich - am Schreibtisch im Büro den ganzen Tag KOMMUNIZIEREN, nee, manchmal ist das einfach unerträglich, immer neben sich, zugleich agierend im sozialen System, zu stehen und als Mensch gar nicht dazuzugehören ... ja, so ist das bei Niklas Luhmann, der Mensch gehört nicht zum sozialen System dazu, denn das besteht aus Kommunikationen und autpoetisiert sich selbst. Oder so.

Also lieber 'n (bewußtseinssystemimmanenten) Nostalgie-Trip auf die Schlüterstraße. Halben Tag Urlaub an die Personalabteilung gefaxt, und Vorfreude: Mal wieder wie früher in Büchern wühlen in der Heinrich-Heine-Buchhandlung, in die ich früher, frisch inspiriert von Schnädelbach- oder später Max Miller- und Martin-Seel-Vorlesungen, immer marschierte, um mich mit neuem Denkstoff zu versorgen. Verstehen ja die meisten nicht, aber für mich war und ist das LUST.

Doch: Schock!, die gibt's gar nicht mehr, die Buchhandlung! War so, als hätte man mir ein Stück Heimat genommen ... stand aufrichtig frustriert davor und war kurz richtig verzweifelt. Aber bin ja nicht blöd - ahnte schon ...

... daß die Heinrich-Heine-Buchhändler dann bestimmt in einen ihrer Läden auf der Grindelallee mit den Soziologie - und Philosophie-Büchern umgezogen sind. Waren sie, stöberte da rum, und stelle jetzt exhibitionistisch meine Einkäufe ins Netz:

- Max Miller (Hg.): Welten des Kapitalismus
(dazu heute abend mehr. Da ist ein sehr spannender Aufsatz Michael J.Piore drin, der ein Schlag ins Gesicht nicht nur der Leitkultur-Theoretiker ist)
- Jürgen Habermas, Zwischen Naturalismus und Religion
- Herbert Schnädelbach, Analytische und postanalytische Philosophie
- Gunter Runkel, Günter Burkart (Hg.): Funktionssysteme der Gesellschaft - Beiträge zur Systemtheorie von Niklas Luhmann

Na, und, um mich unglaubwürdig zu machen, beichte ich jetzt, daß ich mir auch noch in der Esoterik-Buchhandlung Astrologie-Software gekauft habe ...

Für mich ist das alles Fun und Glück und viel spannender als das, was ich sonst so tue - über genau das habe ich dann aber doch erst mal lesen müssen, und dann stand in der oben genannten Aufsatzsammlung zu Luhmann das Folgende:

"Die Medien bestimmen unser Bild von der Realität. Allerdings: Sie sind ein eigenens Funktionssystem mit eigener Logik." (Margot Berghaus, Die Massenmedien der Gesellschaft - beobachtet von Niklas Luhmann, in: Günter Rünkel, Günter Burkart s.o., S. 219)

Satz 1 ist ja schon mal dummes Zeug. Den hat Luhamnn selbst allerdings auch unter anderem mithilfe des Tricks in sein Buch über Massenmedien geschmuggelt, daß er Bücher aller Arten, TV, Rundfunk und Zeitungen in einem Atemzug analysierte. Mein Bild von der Realität wird jedoch auch davon bestimmt, daß mein Hund mich morgens schwanzwackelnd begrüßt. Dann glaube ich nämlich an die Existenz des Guten.

Satz 2 ist wohl richtig, wobei bei den genannten Gegenstandsbereichen diese Logik wohl differiert. Nix da, sagt Frau Berghaus, folgendes sei der Fall:

"Zur Berichterstattung wählen sie nicht das aus, was von einem übergeordneten Standpunkt (wo könnte der liegen, wer könnte diese göttliche Instanz sein?)für die Gesellschaft gut und vernünftig wäre. Sondern sie wählen das aus, was für die Medien selbst sinnvoll ist. Sie müssen ihrem eigenen Code Information/Nicht-Information folgen. Das hat Implikationen: Jede Information veraltet sofort im Akt der Mitteilung, darum sind Medien darauf angewiesen immer wieder Neues, notwendigerweise das Andere, Abweichende auszuwählen und als "die Realität" darzustellen. Das Normale, Unaufgeregte ist nach diesem Code nicht brauchbar und hat also in der Realität derMedien keinen Raum." (ebd.)

Theorie-Design als Ressentiment. Zitierenswert ist dies, weil's eben alle gängigen Klischees versammelt.

1.) Wieso wird, wenn "die Medien" "unser" "Bild" von der Realität bestimmen, noch eine zweite Realität, jene der Medien, behauptet? Umd dieses tun zu können, muß man schon so etwas wie eine allgemeine Realität, die nicht durch Medien bestimmt ist, annehmen.

2.) Information ist bei Luhmann definiert über "Neu". Wenn nun jedoch der Code Information/Nicht-Information konstitutiv sein soll für alle Medien, warum dann z.B. Spielfilm-Wiederholungen? Warum 20 mal in "Titanic" rennen?

3.) Noch hanebüchener als die Behauptung, alle Medien würden funktionieren wie die Tagesschau oder das Veröffentlichen neuer Forschungsergebnisse, ist die These, Medien müßten nun ständig das Andere, Abweichende prouzieren. Deshalb ist ja jede neue, birtische Gitarrenband auch sofort im Musikantenstadl zu sehen ...

Alles falsch! Problem der Medien ist, daß sie den immer gleichen Bezugsrahmen reproduzieren. Ob nun Bilder von brennenden dänischen Fahnen (Araber-Klischees, die braucht der Deutsche), die Auszeichnung eines Romans als Krimi oder die Einsortierung einer DVD unter "nicht jugendfrei": Hier folgen Medien der Stabilisierung von Erwartungshaltungen, erstaunlich analog zur Moral.

Der zwanzigste Film über die Hamburger Sturmflut und der zweimilliardenste Volksmusik-"Track" folgen bestimmten narrativen Mustern, die der Rezipient so haben will, weil Verstöße dagegen dann nur im Kontext "Kunst" (David Lnych z.B.) akzeptiert werden. Neues hat so lange keine Chance, wie sich Medien an die Logik der gesellschaftlichen Funktionssysteme "Politik" und "Wirtschaft" assimilieren.

Ich behaupte somit, daß Medien gar kein eigenens gesellschaftliches Funktionssytem sind. Und daß Realitätskonstruktion zudem auch unabhängig von systemimmnater Logiken möglich ist, zumeist jedoch mythische Erzählmuster diese Möglichkeit sabottieren. Ebenso, daß der binäre Code Infomatiion/Nicht-Infomation schon brauchbar ist, aber das Feld neu/nicht-neu je nach Bezugsrahmen anders funktioniert - ob nun im Kontext Kunst, Wissenschaft oder Liebesbeziehung stattfindend. Aber das ist Thema eines eigenen Eintrags ...

21.02.06

Meinungsmärkte, die Zweite

Bei Don Dahlmann findet sich ein guter Artikel im "Freitag" verlinkt und kommentiert, der die Frage aufwirft, inwiefern sich hierzulande auf saftigen Wiesen der Meinungsfreiheit getummelt wird. Das Ergebnis ist ähnlich wie in einem Eintrag, den ich vor ein paar Tagen postete:

"Was aber immer gilt: Marktfundamentalismus kritisierende Texte werden in den meisten Redaktionen nicht gern gesehen, da die Presse sich ihren Werbekunden verpflichtet fühlt. "Heutzutage ist es nun einmal so, dass Zeitungseigner, die Geld verdienen wollen, der Auffassung sind, man dürfe die Leser nicht mit Meinungen entfremden", sagte Franziska Augstein auf einer Zeitungskonferenz, nachzulesen (nicht in ihrer Zeitung), sondern in den linken Blättern für deutsche und internationale Politik. Die deutsche Presse betreibe ihre Selbstgleichschaltung, indem politische Meinungsfreude nur dann akzeptiert würde, wenn sie dem Mainstream entspreche."

Was ja richtig ist.

Dennoch werden weder im Freitag noch bei Don Dahlmann die eigentlich interessanten Anschlußfragen beantwortet. Wenn's denn stimmt, daß die Meinungsströme hierzulande primär durch "Kaptialinteressen" (kennt Geld und Besitz Interessen?) gelenkt wird, z.B. durch das Schalten von Anzeigen in wirtschaftsfreundlichen Medien - was ist denn die Alternative?

Wie üblich konzentriert sich der Artikel nur auf Print, als ob es TV und Radio nicht gäbe. Der Ex-RTL-Thoma hingegen vermochte es letzten Freitag bei "Hermann & Tietjen", Kabarett-Veteran Dieter Hildebrandt dadurch zu verblüffen, daß er darauf verwies, daß Menschen in Deutschland 20 Minuten täglich Zeitung lesen würden, hingegen bis zu 4 Stunden Fernsehen.

Wäre dies nicht der Fall, so hätten wir hier angesichts von 5 Millionen Arbeitslsoen eh schon die Revolution. Noch wichtiger zwei andere Punkte:

a.) Der Artikel im Freitag geißelt folgendes:

"Das gängige Patent für Gewinnmaximierung setzt daher nicht etwa auf investigativen Journalismus, sondern auf angeblich Quote bringende Verflachung."

Auch das wird einerseits zu Recht kritisiert, umgekehrt ist's ja naiv zu glauben, Medien hätten nix mit Unterhaltung zu tun, und das ist ja weiß Gott nix Schlimmes. Dann müßte man auch MC Winkel blöd finden. Auch Petra und GQ leben vom Unterhaltungswert, im Falle von Fernsehen und Radio vertreten manche die These, diese seien per se Unterhaltungsmedien.

Nun kann man auch aufklärend und meinungsfreudig unterhalten, Hildebrandt ist ja dafür ein Beispiel, aber "Verliebt in Berlin" ist ja nix Illegitimes. Insofern ist wohl das Problem, daß auch und gerade jene Medien, die eben nicht primär von Werbung leben, immer mehr Programmflächen dem Flachen widmen, und daß dieses dann auch zunehmend in die Bereiche Dokumentaion und Reportage vordringt. Das ist eine Binnendifferenzierung im Rahmen der selben Kritik, bedarf aber der Betonung. Auch öffentlich-rechtliche Programme sollten jedoch unterhalten dürfen.

Daß auch diese oft - keineswegs immer - auf eine imaginäre Mitte zielen und dadurch durchschnittlich werden, ist freilich weiterhin zu diskutieren und dann möglichst auch zu ändern.

Der Event neulich im Hamburger Schauspielhaus zum Heine-Geburtstag ist jedoch ein Beispiel, daß gerade auf 3 SAT und ARTE, aber auch bei Reportagereihen wie 37 Grad, ganz zu schwiegen von "Die Story" im WDR-Fernsehen, ja medienimmanent Gegendiskurse stattfinden. Da totalisiert der Artikel unzulässig, indem er vom Print auf TV und Radio schließt und die öffentlich-rechtliche Programmvielfalt ignoriert. Und die Differenz zwischen NDR-Nachrichten und jenen auf Delta Radio ist ja nun doch jeden Morgen hörbar.


b.) Folgende Punkte werden im Artikel benannt, die Wege zu Alternativen aufzeigen:

"Da sie das aber offensichtlich nicht tun, dürften freie Medien überhaupt nicht von Geldgebern aus der Wirtschaft abhängen."

"Auch nur darüber nachzudenken, ob all solche Praktiken durch demokratisch kontrollierte öffentlich-rechtliche und genossenschaftliche Medien verhindert werden könnten, gilt als hochgradig weltfremd. Was nur wieder beweist, wie ungeübt wir im Infragestellen von Machtstrukturen sind. "

Siehe oben - beim öffentlich-rechtlichen Funk und Fernsehen gibt's ja allerlei andere Berichterstattung, aber die Art und Weise, wie gerade Parteien dort Einfluß nehmen, wäre eigene Untersuchungen wert. Gibt's da 'ne Alternative, z.B. in der Zusammensetzung der Rundfunkräte? Oder ist gerade so, wie's ist, maximal demokratisch?

Zum zweiten - ist das jetzt die Forderung nach öffentlich-rechtlichen Zeitungen? Stelle ich mir dann doch gruselig vor, selbst wenn's nicht so würde wie "Neues Deutschland" einst ...

Das mit den genossenschaftlichen Modellen ist schon ungleich interessanter. Aber ist nicht z.B. die TAZ so organisiert? Die krepelt ja eher so vor sich hin ... und der DER SPIEGEL, kann da noch mal jemand über die Rechtsform aufklären?

Das sind die wichtigen Fragen, die auf die Agenda gehören: Wie kann man alternativ wirtschaften, so daß weder reine Staatswirtschaft noch die Abhängigkeit und damit einhergehende Unfreiheit von Gewinnmaximierungsprinzipien die Meinungsfreiheit boykottiert, jetzt bezogen auf's Mediengeschehen, aber auch darüber hinaus?

All das ist ja rund um die "Alternativbewegung" der späten 70er, frühen 80er schon einmal ausgiebig diskutiert worden - die meisten Projekte sind damals gescheitert. Die Hoffnung, daß gerade das Netz hier auch Alternativen bieten könnte, von dem dann auch viele leben können - man korrigiere mich, aber so richtig hingehauen hat das ja auch nicht, oder? Und daß nun BLOGS da Vakuum füllen .... hmmm, für mich ist's das noch immer ein Ergänzungsmedium.

Kennt da jemand Antworten? Sich nur an der Kapitaldominanz zu reiben, reicht, glaube ich, aktuell nicht aus ...

20.02.06

Alles Opfer

Dieses Gejammer hier ist ja nur schwer erträglich.

Da kündigt ein Wissenschaftler oder Publizist, wasweißich, fortwährend die Erläuterung von Begriffen an und läßt dann Suggestives folgen, verwechselt Methode und Wirklichkeit und wundert sich noch, wenn er nicht veröffentlicht wird (ist doch ein Er, oder?). Letzteres ist dann aber natürlich alles nur Resultat einer Mischung von Publizistenverschwörung und kollektiver Blindheit, die er, der Seher, natürlich längst diagnositiziert hat. Aber keiner will ihn hören ... meine Güte, der Arme!

Natürlich findet sich im Text auch viel Richtigtes, was er über Islamisten und den Kurzschluß zwischen Religion ...

... und Politik schreibt, ist wohl ebenso so richtig wie das folgende:

"Kultur ist ein Behälter für Kollektiverinnerung. Diese muss nicht immer deckungsgleich mit historischer Realität sein, um politisches Handeln zu rechtfertigen."

"Die Forscher nennen das „Erfindung von Tradition“. Das konstruierte Kollektivgedächtnis ersinnt Erinnerungen an eine von Europäern gelöschte islamische Vergangenheit, die kulturell neu zu beleben sei. Es folgen „wars of memories“, also „Kriege der Kollektiverinnerungen“."

Das läßt sich strukturell ja auf Doku-Dramen wie "Dresden" und andere bundesdeutsche Opferisierungen übertragen und ist wohl deskriptiv ein spannender Ansatz.

Aber sonst? Alleine die Behauptung, alle hier hätten den "Cultural Turn" verschlafen, ist dummes Zeug.

Seit den 80er Jahren tobt z.B. an historischen Seminaren ein Streit zwischen Kultur- und Sozialgeschichte, und auch wenn ich zu letzterer tendiere, haben doch alle zur Kenntnis genommen, daß man Kulturgeschichte nicht einfach außen vor lassen kann. Auch Ulrich Wehler selbst.

Das ist aber zunächst eine methodische Frage - was untersucht man in welchen Kategorien, und welche Ausschnitte der Wirklichkeit bekommt man dadurch in den Begriff? Werte, Normen, Kultur, Religion, Politik, soziökonomische Bedingungen, Identitätsdiskurse - das mag ineinander greifen, aber analytisch hat man das zunächst mal auseinander zu halten und sich jeweils klar zu machen, worüber man gerade redet und was mit was zusammenhängt.

Da gibt im besten Fall der Gegenstand die Methode vor, aber deshalb ist sowas wie ein "cultural turn" hinsichtlich der Realgeschichte so ausschließlich nun auch nicht zu beobachten, dann bräuchte man über ökonomische Globalisierung ja gar nicht mehr zu reden.

Was faktisch stattgefunden hat, ist einerseits ein Paradigmenwechsel in der Wissenschaftsgeschichte, der bestimmte Fragestellungen dann eben auch nicht mehr sinnvoll beantworten kann, andere dafür aber um so besser. Es ist unsinnig, das jeweils eigenen Untersuchungsfeld dann als irgendwie prioritär zu betrachten.

Und, zum zweiten, ganz offensichtlich finden in islamisch geprägten Ländern bei Teilen der Bevölkerung aktuell Identitätsdiskurse statt und auch in europäischen Ländern Selbstvergewisserungen mit u.U. üblen Folgen statt, dem aber mit dem hegelschen Ich versus Nicht-Ich zu antworten (oder war das Fichte?), das bringt nun wirklich keinen Schritt voran.

Aber was schreibt der Autor dazu: Ich, Ich. Ich! Und: Die Anderen sind doof, ich nicht!

Was geht mit diese Diskussionsstruktur auf den Geist! Kein halbwegs klarer Gedanke kann mehr formuliert werden, ohne daß sich beide "Lager" dann wechselseitig Unsinn um die Ohren hauen.

Wer mal Lösungen andenkt, die sich diesen allseits offensichtlich zutiefst genossenen Seiten des rhetorischen Spielfelds entziehen, ist dann wahlweise für Steinigung und Amputation oder aber Neoconnard. Dieses wirre Geschreibe, das die interessanten Ansätze im eigenen Text ungelenk verbirgt da im Tagesspiegel, ist dafür doch nur ein weiteres Symptom. Auch der hier ist nämlich eigentlich nicht schlecht:

"Nun, Religion ist auch ein Glaubenssystem, in diesem Sinne bin ich selbst gläubiger Muslim. Aber hier steht nicht der Islam als Gottesglaube zur Diskussion, sondern eine Religion, die auf einer Politisierung fußt. Der Islam wird zum Islamismus."

Das hatten wir ja gestern schon, diese Differenz.

Wobei eine Nachricht, die ich gerade nicht wiederfinde, dann zumindest eine Angst auf "liberaler" Seite zu bestätigen scheint: Ein wohl einflußreicher Imman von der Universität Kairo rief jetzt einerseits dazu auf, die Unruhen doch endlich zu beenden. Gut so, denkt man sich. Aber, nix da: Gleichzeitig schlägt er ein globales Verbot von Gotteslästerlichem vor. Das ist allerdings ein Desaster und der denkbar falscheste Weg. Das könnte Bush nämlich auch gut finden ...

19.02.06

Von guten und von schlechten Taten

Toller Text! Unbedingt lesen! Und ausgerechnet über die Achse des Guten verbreitet - Danke, Herr Broder! Nach all diesem ganzen Kampfgeschrei endlich eine differenzierte Analyse.

Muhammad Kalisch von der Uni Münster klärt auf - ein paar Zitate aus dieser Stellungnahme stelle ich mal hier rein, aber das muß man sich schon antun, in Zeiten des Focus-Kästchens auf mal tiefer einzudringen und den ganzen Text zu lesen. Bestätigt auch das eine oder andere, was ich hier so vor mich hin vermutete und auch, was Omar dazu kommentierte.

Also, Muhammed Kalisch schreibt:

"Für den Islam bin ich als islamischer Theologe der Auffassung, dass diese demokratischen Regeln und Menschenrechtsstandards aus dem Islam selbst abgeleitet werden können, mithin ihre Einhaltung und damit die Selbstbeschränkung der Religion Teil der Religion selbst ist."

"Es hat nie einen einheitlichen Islam gegeben, weder im Recht, noch in der Theologie. Es gibt im Islam keine Instanz, die für alle Muslime verbindlich ist."

"Wenn die islamische Theologie nicht in einer Liga mit evangelikalen Erweckungspredigern spielen, sondern ernsthaft wissenschaftliche Theologie betreiben möchte, dann muss sie sich den Herausforderungen stellen, die die moderne wissenschaftliche Forschung zur Religionsgeschichte aufwirft. Alttestamentler und Archäologen wie Thomas Thompson, Philip Davies, Niels Peter Lemche oder Israel Finkelstein haben uns in den letzten Jahrzehnten gezeigt, dass wir Abraham, Moses und manche anderen biblischen und koranischen Gestalten aus der Liste der real existierenden historischen Personen streichen können. Solche Erkenntnisse fordern eine Weiterentwicklung der Hermeneutik des Koran, eine neue Beschäftigung mit dem Offenbarungsbegriff und neue Ansätze einer islamischen Theologie der Religionen. Hier kann man insbesondere auf Ansätzen der muslimischen Philosophen und Mystiker aufbauen."

"Was die Geschichte des Islam angeht, muss ebenfalls kritisch gedacht werden. Das erste und zweite Jahrhundert der islamischen Zeitrechnung haben uns nur wenige Quellen hinterlassen. Die Rekonstruktion der Geschichte der ersten beiden islamischen Jahrhunderte erfolgt hauptsächlich durch Quellen aus dem dritten und vierten Jahrhundert der islamischen Zeitrechnung. Auch hier aber kann man auf eigene, innerislamische kritische Methoden im Umgang mit Überlieferung zurückgreifen, die es weiterzuentwickeln gilt."

Am schönsten aber das hier, direkt aus dem Koran:

„Die gute Tat und die schlechte Tat sind nicht gleich. Wehre mit einer besseren Tat ab, dann wird der, zwischen dem und dir Feindschaft herrscht, wie ein enger Freund“ (Sure 41, Vers 34)

Schön! Gut! Wahr!

So langsam wird's ja doch konstruktiv. Und Spiegel-Online, oft gescholten, stellt einen (vom Einstieg abgesehen, von etwas blödsinnigen Bezügen zu Bismarck ebenso) ganz hervorragenden Artikel aus der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" ins Netz, der abrückt von diesem unsinnigen Leitkultur-Integrations-Gesabbel, stattdessen Gesellschaft und ihre Institutionen nutzen und zum Einsatz bringen will.

Zitat:

"Erste Schritte sind gemacht. An der Universität Osnabrück wurde ein von den muslimischen Gemeinden anerkannter Lehrstuhl für Islamstudien eingerichtet, der einen Aufbaustudiengang für Pädagogen anbietet, die später auf deutsch und an staatlichen Schulen einen ordentlichen Islamunterricht durchführen können. Solch einen Lehrstuhl braucht jedes Bundesland. Professoren für Islamstudien sind deutsche Beamte. Zugleich bilden sie - mit den aus den Studien hervorgegangenen Studienräten für Islam - auch ganz unvermeidlich so etwas wie die soziale Keimzelle einer muslimischen bildungsbürgerlichen Schicht in Deutschland. Und obendrein sind sie der Öffentlichkeit kompetente und transparente Ansprechpartner.

Schließlich: Der Islam verliert jeden Reiz des Provokanten auch unter den hitzigsten Jugendlichen mit Migrationshintergrund, wenn es jeden Montagmorgen Wissensfragen zum Leben des Propheten zu beantworten gilt.

Schnellstmöglich müßten islamische Gemeinden einen öffentlich-rechtlichen Status erhalten, Kirchensteuer erheben und die Fernsehräte beschicken dürfen."

Und:

"Deutsche, Europäer muslimischen Glaubens können am besten deutlich machen, wo die Kampflinie verläuft: keineswegs zwischen Christen und Moslems, Arabern und Weißen, Türken und Juden, sondern zwischen Mördern und Demokraten. Diese Linie müssen wir auf allen Politikfeldern im Blick behalten. Es kann nicht sein, daß mit den mächtigen Despoten in Teheran, Kairo und Damaskus geschäftliche, politische und sogar nachrichtendienstliche Verbindungen gepflegt werden, während einbürgerungswillige Habenichtse erst mal und grundsätzlich verdächtigt werden."

Übrigens stellt der ganze Artikel hervorragend klar, wieso die ganze Staats-Kritik trotz aller, oft guter Argumente zu eindimensional bleibt.

Die Visionen, die dort entwickelt werden, sind nur über einen starken öffentlichen Sektor zu bewerkstelligen und somit im engeren Sinne demokratisch.

Der Artikel verweist zu Recht auch auf die Herausstellung der Aufstiegsmöglichkeiten einstiger "Immigranten"; die anderen ausnahmsweise mal sinnvollen, oben beschriebenen Form der Integration kann sowas wie "Markt" gar nicht volbringen können.

Der sorgt nur für klassische Dreiteilungen: Ein Teil steigt ein und eventuell auf, ein weiterer Teil bleibt im sozialen Netz hängen, ein dritter Teil will einfach nur partizpieren an Wohlstand und Konsum und wird kriminell.

In den USA ist das eine eher eine Zweiteilung, und die Regulierung des Problems verläuft über ein System des Strafvollzugs, somit zumindest genuin staatliches Handeln (auch wenn da ja sogar schon Knäste privatisiert werden, Gerichte bisher aber noch nicht, erstaunlich eigentlich).

Klar ist, daß Recht oft im wesentlichen nur noch dazu genutzt wird, notwendige Folgeschäden eines Wirtschaftssystems zu "reparieren", und dann kann man auch lieber gleich wie oben beschrieben für Chancengleichheit sorgen ... letzteres Problemfeld erfordert eine Reihe eigener Einträge, aber das wird von Marktliberalen ja zumeist ignoriert, daß bestimmte Formen der Kriminalität als Schatten den Kapitalismus notwendig begleiten, auch sogenannte "barbarische" Formen (ja, und ich weiß auch, daß die Delinquenz vom Strafsystem und den begleitenden Humanwissenschaften erst konstituiert wird, deshalb ja irgendwann ein eigener Eintrag).

Immerhin: Es wird weiter gedacht, nicht nur im Block-Denken verharrt. Das macht Hoffen ...

Nachschlag: Wie man dann vernünftige Gedanken dadurch auszuhebeln versucht, indem man sie wieder in irgendein übergreifendes Carl Schmittsches Freund-Feind-Kriegsgeschehen überführt und Begriffe wie "Kapitulation" als Beitrag zu gesellschaftlichen Diskussionen für sinnvoll erachtet, das kann man bei Rayson lesen.

In der Tat macht es ja wenig Sinn, von einer "Militarisierung des Denkens" zu reden, wenn aktuell über potenziell sinnvolle (ich weiß es nicht, habe da noch keine Position), militärische Optionen im Falle des Irans diskutiert wird. Da ist der Kontext der Diskussion gerade kein militaristischer.

Sehr viel Sinn macht das aber hinsichtlich der Rhetorik, die Rayson da anschlägt. Bin ja auch für einen säkularen Staat, dieser ist aber kein Argument gegen eine Einbindung von Kirchen in die demokratische Öffentlichkeit und schon gar keins gegen die Gleichstellung verschiedener Kirchen hinsichtliche ihrer rechtlichen Situation. Bei allem Respekt vor liberalen Positionen und dem, was Rayson da sonst so schreibt: Dieser Eintrag ist einfach ein Beispiel für zutiefst autoritäres Denken, das dann die eigentlich vorhandene Denkfähigkeit blockiert und genau jene Verbote errichten will, gegen die es sonst so wortgewaltig anrennt. Schade.

18.02.06

Wärt ihr doch in Düsseldorf geblieben ...

... liebe Fans der Fortuna, dann wäre mir euer Verein noch immer sympathisch. Aber länger als 90 Minuten könnt' ich euch nicht ertragen - gut, laut wart ihr, aber ansonsten doch eher ziemlich verprollt und unangenehm, unhöflich, tarzanesk trotz Bierbauch, verpöbelt, so humorfrei wie die meisten Karnevaltreibenden. Fast wie RWE-Fans. Ganz schlimm auch dieses Lied, in dem "Heimat" und "Deutscher Meister '33" in einem Atemzug gesungen wurden.

Wobei ich gerade noch im St. Pauli-Forum folgendes gelesen habe: "Sehr schöne Geste der Fortunen-Fans nach Spielschluss, unsere Mannschaft auf der "Ehrenrunde"ebenfalls zu beklatschen und ihr dann noch zuzusingen: "Zieht den Bayern die Lederhosen aus ...Ganz prima ...". Habe ich nicht mitbekommen. Vielleicht waren's ja nur die, die um uns herum saßen, dann habe ich halt mit dem da oben Unrecht.

Die Manschaft der Fortuna auf jeden Fall: Zweikampfstark, ...

... kontrolliert, hat die Ordnung auf dem Platz zumeist gehalten und einfach supergut gespielt. Respekt. Da konnte selbst dieser Unsympath Albertz das Bild nicht trüben: Hätte sich die Rheinländer-Truppe nicht vor dem Tor so saublöd angestellt, dann wäre das ihr Sieg gewesen. Sowas habe ich aber auch noch nicht gesehen: 'nen Spieler, der einen halben Meter vor der gegnerischen Torlinie diesen vom Tor weg dribbelt, mit dem Rücken zu diesem, sich immer weiter entfernt, nicht paßt, sich nicht umdreht, einfach nur weg vom Tor - das war schon ganz lustig. Hätte gar nicht gedacht, daß Düsseldorf überhaupt noch treffen würde, so viel Chancen haben die versemmelt. Trafen aber doch, 'nen Routinier wie Feinbier macht halt seine Tore.

1:1, über's ganze Spiel gesehen gerecht - Düsseldof hatte mehr Chancen, wir die besseren, Düsseldorf die bessere erste Halbzeit, wir die zweite. Unsere Mannschaft hat alles gegeben, mehr war nicht drin. Und wir sind Zweiter. Jetzt auf nach Oberhausen, mit denen ich ja eine tiefe Solidarität empfinde. Da müssen's wir schaffen. Das wird verdammt schwer ...

Block-Gegensätze

Maxeiner & Miersch sind immer wieder ein guter Anhaltspunkt dafür, welche Postionen man lieber nicht vertreten sollte. Weil man deren Texten immer die Motivation anspürt - die sind zumeist auf individualbiographische Verarbeitungsprozesse reduzierbar selbst dann, wenn man die inviduelle Biographie der Autoren gar nicht kennt.

Da mischen sich offensichtlich ungenügend verarbeitete Frustrationserfahrungen mit einem harten Ringen um so etwas wie eine möglichst männliche, möglichst kämpferische personale Identität, und wie alle psychisch schwachen Gemüter - so wirken sie zumindest, keine Ahnung, ob's sie wirklich sind - finden sie Wege hierzu nur in Abgrenzung gegen Andere.

Diese eigentümliche Sehnsucht nach dem Heroischen ähnelt dem verpickelter Teenie-Jungs, die dann in Superhelden-Comics sich flüchtend von wahrer Größe, Stärke und dem Sieg des Guten gegen alle Widerstände träumen und so die Demütigungen, Komplexe und Selbstzweifel des Alltags vergessen können. Schurken wie der Joker bevölkern ihr regressives Gemüt, und deshalb lieben sie ja Bush so sehr, der genau diesem Mythos sich verschrieben hat und ihn als Weltpolitik auslebt.

Da sie's offensichtlich brauchen, in Gut und Böse-Kategorien zu denken, machen sie in ihrer aktuellen Kolumne explizit, ...

... was in so vielen Köpfen der neuen Rechten eigentlich spukt: Ohne den Block-Gegensatz, in dem sie aufgewachsen sind, können sie gar nicht denken.

Vieles, was so absurd in aktuellen Debatten scheint, wird dadurch erst verständlich: Dieser Kampf der "freien Welt" gegen "den Islam" ist für sie nur das Fortschreiben der alten Geschichte USA gegen Sowjetunion, Ost gegen West, und da gab's ja 'nen klaren Sieger, und zu den Siegern wollen Typen wie die beiden eben auch gehören, nicht umsonst ist für 14-jährige Bayern München so attraktiv.

Das ist freilich a.) Geschichtsklitterung und b.) Psychopathologie.

Geschichtsklitterung, weil natürlich "Der Westen" in Relation zum "Ostblock" das bessere System war - nichtsdestotrotz folgt's der Logik des Nicht-Mehr-Hinterfragens, was im eigenen "Lager" so alles geschah und geschieht. Das ist ja national bis heute ein Desaster, wie unaufgearbeitet die West-Geschichte ist, wie sie nur noch aus der Perspektive des Mauerfalls beurteilt wird, und auch global wäre es an der Zeit, sich mal wieder z.B. der südamerikanischen Militärdiktaturen von einst anzunehmen, wenn man schon über Totalitarismus diskutieren will. Klar sind dieser iranische Präsident und all die durchgknallten Islamisten das dringendere Problem, man lügt sich in dieser Reduktion auf Dualität nur allzu schnell selbst in die Tasche, und dann kommt hinten sowas dabei raus. Dank an Chuzpe für die immer wieder so informativen und differenzierten Berichte.

Psychpathologie ist's, weil das blinde Übertragen vergangener Deutungsmuster auf aktuelles Geschehen schlicht Realitätsverweigerung ist, sich auf neue Erfahrungen nicht einläßt, und zudem dies Projizieren des "Bösen in sich" nach außen ermöglicht, was nix anderes ist als ein schlimmer Fall von Verdrängung. Weiß nicht, ob das auch für den hier gelobten Ulrich Speck gilt - mir erscheint bei Maxeiner & Miersch das einst von Horkheimer/Adorno diagnostizierte Umschlagen von Aufklärung in Mythologie ganz klar der Fall zu sein.

Viel interessanter, differenzierter und erhellender als die großen Erzählungen mittelmäßiger Kolumnisten ist ein Artikel in der aktuellen Ausgabe der Zeit - online habe ich den nicht gefunden. Hier wird beschrieben, wie angeheizt durch ein Online-Forum von Exil-Iranern, die Kritik an dieser Fußballer-Karrikatur im Tagesspiegel, die bis zu Morddrohungen hochkochte, sich fomierte.

Zitat:

"Eine kleine Gruppe von weltweit im Exil lebenden Iranern ist deshalb so gekränkt, weil sie glauben, das Stuttmann mit seiner Zeichnung die letzten im Westen respektierten Iraner - die Nationalmannschaft - mit arabischen Islamisten gleichsetzt. Das geknechtete Volk müsse sich nun für die Mullahs in Geiselhaft nehmen lassen. Und zwar durch spott auf Fußballspieler, die auch für deutsche Clubs Tore schießen."

Der Verlauf der Debatte liest sich sehr anders als diese seltsamen Gesamtdeutungen; vieles verdankt sich mit Sicherheit auch der anonymisierten Kommunikation im Internet, die ja häufig so seltsames Gepöbel hervorbringt. Das Ergebnis ist ein Desaster, nicht oft genug zu verurteilen ist, daß Proteste und Morddrohungen gegen einen Karrikaturisten diesen dazu treiben, unterzutauchen, keine Frage. Dennoch entzieht sich die Darstellung in Die Zeit allen dichotomen Mustern, da wird Humor im Online-Forum gefordert, mit dem Islam hat all das nur in kritischer Hinsicht zu tun, und zugleich wird eine Differenz in der Selbstwahrnehmung von "Persern" und "Arabern" deutlich, die in den westlichen Medien oft unterschlagen wird, um auch ja diesen hysterisierten, monolitihischen Block beschreiben zu können.

Das alles soll nur eines belegen: Wer sich Differenzierung und möglichst genauer Beschreibung verweigert und stattdessen totalisiert, der wird selbst totalitär. Maxeiner & Miersch sind dafür nur ein Beispiel.

"Sexueller Notstand ...

vordüsseldorfsieg.jpg

... was Dir bleibt ist Deine Hand, drum nimm Dir ein paar Pornos und pinn sie an die Wand." Waren die nicht Düsseldorferinnen, die das eher kreischten denn sangen?

Das hier war auch von denen: "Ich fahr' mit meinem Punk S-Bahn und alle Leute starren uns so komisch an. Ja habt ihr denn sowas noch nie gesehen? Oder warum bliebt ihr alle stehen? Die merken nicht, die merken nicht, daß sie selber stinken, vor lauter Selbstzufriedenheit, die wägen sich in Sicherheit".

Heroische Zeiten, als Östro 430 das raus rotzten und der Ratinger Hof eines der Zentren dessen war, was später zur Neuen Deutschen Welle trivialisiert wurde. Hannover - ja, Hannover, Hans-A-Plast "Du bist so'n geiler Lederhosentyp" und alles andere rund um's No Fun-Label von Hollow Skai -, Hamburg, Berlin, da ging's ab, während Köln, ganz typisch für sich selbst, in Öko-Langweile vor sich hindarb und München erst mit arger Verspätung ganz witzige Spotlights wie die Marionetz hervorbrachte. Am Anfang gab's da auch irgendeine Kunst-Truppe, habe aber vergessen, wer das war, und die Marionetz waren eh lustiger.

So atmen die Düsseldorfer Fortuna, vermittelt über den Inbegriff deutscher Gröhlkultur, den Toten Hosen, und unser heißgeliebter FC St. Pauli, vermittelt über die Nähe zum Karoviertel und später die Hafenstraße, noch heute ein wenig den Geist jener so fantastisch produktiven Jahre. Hannover und Berlin waren ja zu blöd, so einen Spirit ...

... auf ihre Fußball-Clubs zu übertragen.

Behaupte mal, daß bei uns diese Post-Punk-Schwingung noch intensiver fortgeschrieben und weitergelebt sich findet, deshalb gewinnen wir heute auch.

Für uns geht's schlicht um mehr, daß die Fortuna noch mal hoch kommt, bezweifel ich - mag den Verein aber, trotz der in letzter Zeit intensivierten Gerüchte, daß auch da Neurechte sich jetzt im, glaubt man den Berichten, ziemlich häßlichen Stadion breit machten. Keine Ahnung, ob's stimmt. Ansonsten: Die sind so herrlich divenhaft und gernegroß, wie ihre Stadt eben auch, und die mag ich ja auch.

In Düsseldorf sein war eigentlich immer schön. Damals, im legendären "Relaxx", das waren schon ganz lustige Nächte. Auch schulfrei für den evangelischen Kirchentag, wo Richie Weiszäcker noch große Reden hielt, konnte man durchaus genießen - da war ich noch ganz schön jung, meine Güte. Später dann, ein Jahr hatte ich im Kölner Exil auszuharren, war's immer sehr entspannend, mal nach Düsseldorf rüber zu fahren, da stehen wenigstens noch alte Häuser, und es ist nicht alles so eng da. Und zu Recherche-Zwecken bei einer so großartigen Frau wie Carmen Knöbel vorbeischauen zu dürfen und spannende Geschichten aus den großen Zeiten des Ratinger Hofs sich anzuhören, das war schon ein Erlebnis.

Bei aller Sympathie: Wir müssen raus aus dieser Drecks-Liga, und deshalb muß ein Sieg einfach her. Aber wenn ich noch halb verpennt morgens mit dem Hund auf die Straße taumel und wie von selbst der Song "Pokalfinale, Pokalfinale, wir fahren jedes Jahr zum Pokalfinale" in mir aufsteigt, ich grinsen muß und auf den Tag mich freue, die Nähe des Millerntors physisch spüre und einmal mehr genieße, diese nordische Morgenluft kurz nach dem Sonnenaufgang zu atmen - dann kann ja eigentlich nix schief gehen.

17.02.06

Gitarreske Tauschwertlehre

we are scientists.jpg

Manchmal hat man ja das Bedürfnis, den potenziell nächsten Hype auch mal frühzeitig gehört zu haben. Bei den Libertines war's mir einst gelungen, obwohl ich damals doch irrte: Völlig begeistert war ich, bin ich heute noch, von deren Debut-Album , da die Frische und der unterproduzierte Rotz-Spirit der Independant-Mucke, mit der ich aufgewachsen bin, unter den Bedingungen des neuen Jahrtausends reformuliert sich fand. Ich behaupte übrigens, daß der Stil, in dem man schreibt, sich im Falle des Schreibens über Musik nie dem Sujet anähneln darf. Dachte dann aber - bei den Libertines - auch gleich, daß, wenn ich sowas finde und empfinde und toll finde, diese Band bestimmt sonst niemand hören will. Weit gefehlt.

Den We Are Scientists, durch die britischen Musikmagazine zum kommenden Hype erklärt, würde ich hingegen sehr viele Hörer prophezeien. Da ist mir nämlich schon ...

... das Cover unsympathisch. Diese albernen Katzen auf den Arm - ich mag keine keine Männer mit Katzen auf dem Arm. Und diese Jungs hier mit dem Schönling in der Mitte, die wollen mich verarschen, wenn sie Katzen schleppen, das sieht man doch auf den ersten Blick.

Und auch sonst tun die alles dafür, gleich beim ersten Anblick auch ja von Bushido, wenn sie den denn kennen würden und er sie, als "schwule Studenten" abgestempelt zu werden. Nix gegen letztere, war ich schließlich auch mal, alles, wirklich alles und von ganzem Herzen gegen Bushido, aber dieses verstaubte Pseudo-Bohéme-aber-mit-Stil, nee, da rühren sich in mir wirklich alle ästhetischen Ressentiments in voller Lautstärke. Ja, ich weiß, das ist Scheiße, man darf mich dafür beschimpfen, doof finden oder in Zukunft lieber genau so ignorieren wie bisher auch: Ist aber so. Mir ist die St.Pauli-Haupttribüne halt lieber als Berlin-Mitte, ich mag prollige, dicke Frührentner lieber Medienschaffende.

Und so hört sich das Ganze dann auch an. Für mich Konzeptmusik, die auf aus-dem-Bauch-und-frisch-nach-vorne-Feeling getrimmt ist und deshalb bei aller Dynamik und Geschwindigkeit und allem Gepowere einfach nur gestelzt und inszeniert daher kommt. Die eingestreuten Verweise auf Bands wie The Strokes entlarven diese Rotpullover-mit-Kragen-Träger als Effekt - wo The Strokes bei allem, was man über den Hype rund um diese denken mag, noch den Blues, den Selbstzweifel, das Zerhackt- und Zerstückeltsein des eigenen Sehnens in Musik transformieren, kacken Bands wie Bloc Party, Franz Ferdinand und jetzt eben auch We Are Scientists einfach ab. Deshalb haben die wirklich gute Erfolgschancen, das kratzt in Sachen Emotionalität noch ausreichend an der Oberfläche, um nicht genug zu stören. Das ist wie dies weinerliche Sensibel-Getue irgendwelcher egomanen Voll-Machos, die erst die GQ lesen und dann mit dumpfen Flirt-Tipps versehen, aber dem richtige Manschettenknopf irgendeinen Heidi-Klum-Klon ins Bett kriegen wollen ...

Bei Maximo Park übersteigt noch diese seltsame Poesie pubertierender Jünglinge die Pose hin zum Ausdruck. Bright Eyes wollen mittels tatsächlicher Neurosen dem Country-Country entfliehen, herrlich weinerlich. Und die wahrscheinlich von vielen gehaßten Babyshambles (habe ich jetzt irgendeine Band vergessen? Ach so, die White Stripes. Die gehören aber nicht wirklich dazu. Wenn die bisher genannten Bands Puccini sind, sind die White Stripes Richard Strauß - musikalisch, nicht politsch. Na, und so richtig Independant, so Namen, die man sich früher zur eigenen Heiligsprechung nach Derrida-Seminaren an Germanistik-Instituten zuraunte, die höre ich ja eh nicht mehr, bin wie ganz normale Neoliberale auch beim ehemaligen Champagner-Sozialisten Paul Weller angelangt, pop-paradigmatisch,) also, die Babyshambles, die türmen Trümmer auf zu den traumhaftesten Song-Strukturen, die ich seit langem gehört haben. Bei den We Are Sientists sind nur Accessoires verblieben.

Das, was aus Beat, Blues und Rock'nRoll und Post-Punk heute wurde, fühlt sich bei diesen inszenierten Fratzen da oben auf dem Bild einfach nicht zu Hause. Die haben einfach keine Chance, Bon Jovi zu sein, und deshalb versuchen sie's jetzt auf diese Tour. Texte wie Tauschwertlehre: "My Body is your body, I want to tell anybody, if you wanna loose my body" (oder singt er use) Egal!)", go for it" - nee, Danke.

"Fuck Forever" - also Babyshambles jetzt noch mal -, das hingegen ist das Stichwort für alles, was Gitarrenmusik beherrschen muß: Daß man nach 13-25 Astra in irgendwelchen Kaschemmen flennen möchte vor Begeisterung, weil das Mitgröhlen eigentlich weh tut und von Teenage-Pathos getragen ist und letzteres auch auf keinen Fall irgendeiner Form von Understatement geopfert werden darf, allenfalls ironisiert.

Beide Elemente machen große Bands und große Rockmusik aus, und den Rest kann man getrost vergessen, weil: Ohne Elvis bis Du nichts. Deshalb sind Mando Diao Götter, weil ihr "Mr. Moon" fast so wirkt, aber eben nur fast , als sei der Song einst für den Soundtrack von "Grease" aus einer 50er-Jahre-Music-Box gefischt worden. Die machen nie halt, die ziehen's durch. Deshalb sind Dashboard Confessional selbst dann schon in den Gitarren-Olymp aufgestiegen, wenn sich nie ein Hype außerhalb der USA um sie herum bilden wird - diese herrlichen Haß-Nach-Beziehungsende-Lyrics, "Kiss me hard, 'cause this will be the last time that I let you", so ernsthaft gesungen, das ist die Intensität, die man nur auf dem Schulhof verspürte und dann nie wieder. Deshalb, genau deshalb, ist "Bat out of Hell" von Meat Loaf auch eines der größten Rock-Alben aller Zeiten, weil's ganz wie Elvis genau diese emotionalen Welten dann ironisiert und deshalb unsterblich macht. Alles andere ist nur als Folk und Country gut - Eels, Lambchop, z.B.. Super, lange genug abgelagert und in akustisches Jack-Daniels-Rotgold gewandelt ist's prima melancholisch und unübertreffliche Erwachsenen-Sehnsucht. We Are The Scientists werden nie so sein.

Natürlich bloggen die Jungs jetzt auch, natürlich finden irgendwelche MP3-Hörer, die nie das tiefe Gefühl der Musikcassette erlebten, das total toll und schreiben "Tanzflur" in die Überschrift, weil sie auf diesem Umweg dann 'ne Chance für sich sehen, nach einer verkorksten Jugend in überflüssigen House- und Techno-Clubs sich nun auf den Gitarren-Hype einlassen zu können. Natürlich ist die arme Spex gezwungen, schon jetzt 'nen Clip der Band auf ihre Seite zu stellen. Und der TRACK 4 vom We Are Scientists-Album "With Love And Squalor", "Can't lose" heißt der, der ist Ordnung. Aber auch den hätten The Strokes besser gemacht ...

Das häßliche Gesicht des Westens

Nachschlag zum gestrigen Eintrag - Zitat aus einem Artikel von Michael Lüders in der Frankfurter Rundschau:

"Selten habe sich in der Region "das hässliche Gesicht des Westens" so unverhüllt gezeigt wie in den letzten Wochen, schreibt Al Ahram aus Kairo. "Nutznießer dieser Entwicklung sind einmal mehr die islamischen Fundamentalisten. Sie erleben einen Aufschwung, den niemand mehr für möglich gehalten hätte, weil die Menschen ihrer Phrasen längst überdrüssig geworden waren. Die gesamte Region sieht sich mit einer neuen Welle des Islamismus konfrontiert." Der Wahlsieg der Hamas, der wachsende Einfluss schiitischer Kleriker in Irak, der Erfolg der Muslimbrüder bei den Parlamentswahlen in Ägypten im vorigen Jahr, das ungebrochene Selbstbewusstsein der iranischen Führung - das alles sei nicht zu verstehen ohne den fortgesetzten Versuch, die Region nach westlichen Vorstellungen neu zu gestalten."

Laß ich mal so stehen.

Donnerwetter! Wettervorhersagenbeeinflussung!

Das ist ja so dermaßen abstrus - ist das Satire? Einfach lesen bei Donnerwetter.de! (via Knusper).

16.02.06

Respekt vor Personen um ihrer Freiheit willen

Das stimmt man sogar mal Ulrich Speck in fast jeder Hinsicht zu. "Fast" deshalb, weil man seine vortreffliche Analyse nicht ohne solche Berichte und Kommentare lesen kann.

Stimme mir mal selbst hinsichtlich meiner These zu, daß - jungianisch gesprochen - der "Schatten" "des Westens" (wenn man schon alles in Anführungsstriche setzt, dann kann da eigentlich was nicht stimmen in der Argumentation, ich mach trotzdem mal weiter), nämlich all das Nicht-als-wahr-Gewollte in der eigenen Kultur oder Gesellschaft, in diesen entsetzlichen Folterszenarien verzerrt wieder in Erscheinung tritt.

Und daß es schon ziemlich schwierig ist, Andere von der eigenen säkular-liberalen Gesellschaft zu überzeugen, wenn diese im Namen der Menschenrechte Kriege führende Gesellschaft systematisch solche Bilder wie jene aus diesem entsetzlichen Gefängnis produziert oder auch Institutionen wie Guantanamo ermöglicht.

Das ist jetzt alles andere als ein originelles Deutungsmuster, aber angesichts all dieser Selbstgerechtigkeit im "Karrikaturenstreit" bedarf es der Wiederholung. Und das liegt unter anderem hieran: Ohne jetzt Thomas Asseuer in allem zuzustimmen, sei doch ...

... das folgende als Statement mit viel Erklärungswert zitiert:

"Auch im Westen gibt es ein Unbehagen angesichts eines fundamentalistischen Liberalismus, der alles, auch die zwischenmenschlichen Beziehungen, unters Joch von Kosten und Nutzen zwingt, in die gleichgültige Sprache des Geldes. Doch die negative Freiheit des Marktliberalismus ist leer und vom Ressentiment vergiftet. Weil sie sich selbst keinen Sinn zu geben vermag, beschwört sie ihre realen und imaginären Feinde, um sich der eigenen Selbstherrlichkeit zu versichern – »Kapitalismus oder Barbarei«. Auch der dänischen Zeitung war diese Rezeptur vertraut: Man nimmt auffällige Minderheiten aufs Korn, entsichert durch scharfen Beschuss deren totalitäre Reflexe – und bestätigt im Zerrbild von Hass und Gewalt die Überlegenheit der eigenen, der liberalen Freiheit. Anschließend warnt man die Öffentlichkeit vor dem soeben ausgebrochenen Kulturkampf."

"Fundamentalischer Liberalismus" ist natürlich noch flacher als die eher beschwörende denn wirklich erklärende Verwendung des Begriffs "Totalitarismus" bei Ulrich Speck. Für Specks Eintrag ist das völlig in Ordnung, wollte man jedoch tiefer graben, dann müßte man schon etwas genauer werden, um nicht in die von Asseuer diagnostizierten Fallen zu tapsen. Auch dieser ewig beschworene Verlust an Sinnstiftung, meine Güte, da gibt's weißt Gott (höhö) genug Angebote im Säkularen. Und ein politisches System braucht nun wirklich nicht selbst Sinn zu stiften, sondern nur den Rahmen schaffen, in dem möglichst viele individuelle Sinn-Entwürfe dann auch möglich sind.

"Fundamentalischer Liberalismus" ist deshalb gemein, weil er hier ein hehrer Begriff durch eine spezifische Spielart seiner selbst sabottiert wird. Das kann man auch ganz schön in der Diskussion rund um Liberalismus und Menschenwürde verfolgen, die sich bei Der Morgen findet, eher in den Kommentaren als im eigentlichen Eintrag.

"Liberalismus" als Begriff macht ja nur Sinn, wenn er in irgendeiner Form Freiheit expliziert. Freiheit fundamentalistisch zu deuten - sorry, im von Asseuer genannten Sinne geht das zumindest dann nicht, wenn man als Fundamentalismen jene politischen Bewegungen versteht, die einen Letztbegründungsanspruch erheben. Irgendetwas Unterhingehbares, das als Fundament dann Wollen und Handeln steuert. Das ist jedoch das genaue Gegenteil von Freiheit. Die hintergeht notfalls alles und akzeptiert kein Fundament.

Des weiteren halte ich es für hochumstritten, daß der Kapitalismus und der freie Markt nun denknotwendig immer auch mit liberalem Denken zusammenhängen. Man kann, glaube ich, von einem fundamentalistischen Marktliberalismus in der Tat reden, aber nicht von einem solchen hinsichtlich aller liberalen Positionen.

Der "reine Marx", also nicht der durch Lenin und Stalin vergewaltigte, hat ja auch eine Philosophie des Kommunismus als Freiheit formuliert und war in diesem Sinne liberal - zumindest zukünftig. Das ist in der Auseinandersetzung mit totalitären Gesamtdeutungen, wie sie der Islamismus darstellt, schon wichtig, das zu betonen, der will nämlich Unfreiheit und Unterwerfung, eine Gleichschaltung der Lebensformen statt einer Vielfalt an möglichen Lebensentwürfen, und das muß ja nicht notwendig nur im Kapitalismus möglich sein.

Bezüglich der von Dr. Dean entworfenen linksliberalen Position, der die Würde von Personen als "Grenze" z.B. der "Meinungsfreiheit" entwirft, kann man nun zweierlei entgegnen: Entweder ist das wirklich keine liberale Postion mehr, da sie Freiheit ja einschränkt, und das läßt sich aus einem starken Freiheitsbegriff heraus eigentlich nicht machen. Da muß man schon etwas hinzunehmen, was anderes als Freiheit, dann ist die Position aber auch keine rein liberale mehr. Viele Liberale gehen ja deshalb immer von so etwas wie "Selbstregulierung" in der Interaktion zwischen freien Individuen aus, um sowas Hinzutretendes nicht denken zu müssen.

Oder - das wäre meine Position - man nimmt an, daß Freiheit ja kein Selbstzweck ist, sondern als Möglichkeitsspielraum von Personen als Teil des Personseins als solchem wertvoll sei.

Dann wäre das, was man "Menschenwürde", "Respekt", "Anerkennung" nennt, immer Vorraussetzung und Begründung der Forderung nach Freiheitlichkeit. Das ist ein Unterschied ums Ganze. Kant habe ich immer so verstanden. Somit wäre die "Menschenwürde" der "Freiheit" vorgängig und würde sie zugleich enthalten. Diese schlimmstmögliche Entwürdigung und Versklavung von Menschen in diesem Gefängnis im Irak ist ja genau deshalb so empörend, weil sie genau dieses Prinzip verletzt.

Insofern würde es aber auch mal wieder Sinn machen, lieber Herr Broder, genau diese Aspekte in den Mittelpunkt der Debatte zu stellen: Den Respekt vor Personen um ihrer Freiheit willen. Da genau versagt ja ein radikaler Marktliberalismus: Der suggeriert Menschenmassen seit bald 3 Jahrzehnten ihre Nutzlosigkeit, ihr Überflüssigsein, denen wird Respekt nur noch entgegengebracht, wenn sie über quantifizierbare Marktwerte sich in monetär bestimmte Hierarchien einordnen.

Das gilt jedoch nicht minder für die Auseinandersetzung mit den islamisch geprägten Ländern: Man wird sie von liberalen Entwürfen und Ideen nicht überzeugen können, solange sie sich nicht respektiert fühlen, ganz simpel ist das.

Stattdessen entwirft man Szenarien, in denen dann eine "Kultur des Stolzes und der Ehre" als dem freiheitlichen Westen diametral gegenüberstehend behauptet wird. Jemanden demütigen ist nun mal zutiefst respektlos im fundamentalen Sinne, ja, fundamental, bin überzeugter Respekt-Fundamentalist, und vielleicht machte es ja mal Sinn, diese altbacken wirkenden Begriffe wie "Stolz" und "Ehre" genau dazu in Relation zu setzen? (...wehe, mir kommt jetzt jemand mit Ehrenmorden ... )

"Religiöse Gefühle verletzen" ist übrigens nicht im selben Sinne respektlos. Respekt hat man vor dem Möglichkeitsspielraum von Personen zu haben, und Religionen tendieren dazu, diesen einschränken zu wollen. Insofern sind sie zumindest teilweise selbst zutiefst unmoralisch und überhaupt nicht respektabel - man hat die Religionsausübung von Personen als freie Wahl zu respektieren, hat es jedoch ebenso zurückzuweisen, wenn sie diese Regeln dann Anderen vorschreiben wollen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Respekt gilt universell, und der ach so selbstgerechte "Westen" sollte mal dafür sorgen, daß er selbst sich innerhalb der eigenen Gesellschaften daran ebenso hält wie auch Personen in arabischen Ländern gegenüber. Nur dann gilt, was Ulrich Speck schreibt: Daß nämlich liberale Positionen auch vehement vertreten werden sollten. Um andere zu überzeugen. Ich bin dabei.

15.02.06

Gerald Asamoah IST Deutschland

Gerald Asamoah IST Deutscher. Und was jubel ich jedes Mal, wenn er aufläuft - atme dann tief durch, daß diese unterschwellig "rassische" Definition (zu "Rasse" und Rassismus kann man hier in den Kommentaren Aufschlußreiches lesen), was denn deutsch sei, durch Deutsche wie ihn offensiv unterlaufen wird.

Der Bundesliga-Blog hat jetzt eine Gegenkampagne gestartet, um diesen Rassisten-Dreck aus Brandenburg zurückzuweisen.

Wie schnell dieser vermeindliche Kampf gegen die ach so repressive und "unwahre" Politcal Correctness in ganz üble, braune Sauce umkippt, das kann man z.B. im Latinblog lesen.

(All das via bembelkandidat - und ihm ist zuzustimmen, daß die Formulierungen im Bundesliga-Blog noch nicht ganz auf den Punkt gebracht, aber natürlich trotzdem voll zustimmungsfähig sind)

Im Gegensatz zu einem Kommentar beim Bembelkandidaten denke ich auch nicht, daß man die rechten Statements einfach ignorieren solle - wenn schon Liberale dafür plädieren, den vermeindlich existenten evolutionsbiologischen Rassenbegriff auch im Falle von Menschen "tabufrei" zu benutzen, dann reicht ein "Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun" nicht mehr aus.

Klar wollen die Raysons eigentlich was anderes, aber sie tragen zum Gegenteil des von ihnen gewünschten Gesellschaftsmodells mit solchen Statements bei: Das sind zwei Diskurse, die sich wechselseitig stützen, der zum "Neger" ("hieß doch schon immer so Deutschland, muß man doch sagen dürfen") und der zur "Rasse".

Und dann wird kurz darauf wieder bitterböse darwinistisch gewitzelt, daß die "Neger" ja gar nicht an das Klima, die Heide und die Eichen- und Tannenwälder hier angepaßt seien, Huskies gehörten ja schließlich auch nicht in die Großstadt, harhar. Und diese ganzen deutschen Dackel kläffen erneut eine so menschenverachtende Stimmung herbei, daß in naher Zukunft die Affenlaute in Stadien wieder lauter werden, wenn die Asamoahs am Ball sind - und dann wird weiter gezündelt. Nee, Leute, da muß man schon lautstark gegenwettern. Das alles ist ja nicht irgendeine linke ...

... Spinnerei, das alles ist ja schon mal der Fall gewesen und jederzeit wieder mobilisierbar.

Ergänzend ist noch zu kommentieren, daß dieser Gegen-Asamoah-Dreck ja Hand in Hand mit Agitation gegen Horst Köhler durch den Berliner Speckgürtel marschierte:

"Im Rahmen der rechtsextremen Kampagne wurde übrigens auch Bundespräsident Horst Köhler verunglimpft. Der Slogan "Nein Horst, Du bist nicht Deutschland" wird im Internet zum Herunterladen angeboten - illustriert mit einem Foto, das Köhler beim Besuch einer Synagoge zeigt, bei dem der Bundespräsident die jüdische Kopfbedeckung Kipa trägt."

Das ist dann typisch für Leute wie mich, zuerst sich mit Asamoah zu solidarisieren und den Köhler erst mal links liegen zu lassen. Dabei ist gobal gesehen diese implizite Anspielung auf's Finanzjudentum, den Börsenjuden, diese ganzen Wallstreet-Verschwörungstheorien mit antisemtischen Implikationen, nicht minder gemeingefährlich - und daß bei einem Bundespräsidenten, der aus der Finanzwelt kommt, genau diese Topoi da Ziel isnd, ist ja offensichtlich . Dazu lohnt es sich dann immer, Chuzpe zu lesen, um sich über die den meisten unbekannte Vorgeschichte des 3.Reiches zu informieren. Da haben dann aber auch die Broders Recht, daß diese Form des Antiliberalismus eben auch mit zu dieser Vorgeschichte gehört. Und Chuzpe, daß man der Gegenaufklärung niemals das Feld überlassen darf ...

14.02.06

Fleisch- und Beziehungsmarktverhältnisse

Ganz amüsant liest sich die Darstellung des Werbens & Verkaufens auf dem Beziehungsanbahnungsmarkt in diesem Buchauszug - "Freakonomics" heißt das Werk von: Steven D. Levitt, Stephen J. Dubner, und das belegt, daß alle negativen Utopien von Horkheimer/Adorno längst wahr geworden sind ...

Ein klein wenig Sprachkritik - allerdings fundamentale - sei dennoch angebracht. Zitat:

"75 Prozent der Nutzer waren Männer, und das mittlere Alter für alle Nutzer lag zwischen 26 und 35 Jahren. Obwohl alle Rassen ausreichend vertreten waren, um einige Rückschlüsse über die verschiedenen Rassen zuzulassen, waren die Nutzer doch überwiegend Weiße."

Daß es menschliche Rassen a.) nicht gibt und b.) solche Begrifflichkeiten immer diskreditieren, kann man immer wieder neu u.a. bei Noah Sow nachlesen, und solche Sprach-Desaster sollte die SÜDDEUTSCHE doch lieber redigieren. Rassen gibt's bei Hunden und sind dort das gezielte Ergebnis von Züchtung.

Ansonsten liest sich der Buch-Auszug ...

... ein wenig wie eine Beschreibung des Autokaufs - und das im Falle der Beziehungsanbahnung.

Zitat:

"Für Männer ist das Aussehen einer Frau von herausragender Bedeutung.

Für Frauen ist das Einkommen eines Mannes von größter Wichtigkeit. Je reicher der Mann ist, desto mehr Mails bekommt er. Die Attraktivität einer Frau wächst für Männer zwar auch mit dem Einkommen, aber nur bis zu einer bestimmten Höhe.

Männer interessieren sich nicht für Frauen, die wenig verdienen, aber wenn eine Frau zu viel verdient, wirkt das offenbar abschreckend. Männer fühlen sich angezogen von Studentinnen, Künstlerinnen, Musikerinnen, Tierärztinnen und Berühmtheiten (und sie meiden Sekretärinnen, Rentnerinnen sowie Frauen, die beim Militär oder bei der Polizei arbeiten)."

Wer da nicht marktfähig sich zeigt, hat halt keine Chance - das ist im Grunde genommen der Beleg für die Einleitung des einst so vielgelesenen "Die Kunst des Liebens" von Erich Fromm. Ein Selbstverhältnis zu sich als Ware - da soll noch mal jemand, der für Kapitalismus votiert, auch nur ein einziges Argument gegen Prostitution wagen ...

13.02.06

"Alle Räder stehen still ..."

So, jetzt tue ich mal alles dafür, auch ja mißverstanden, wüst beschimpft und zwischendurch auch mal in die neoliberale Ecke gestellt zu werden. Will ja vielleicht einfach auch mal wissen, wie man sich das so fühlt.

Mir ist nämlich der Streik im öffentlichen Dienst ein Rätsel. Wahrscheinlich, weil ich was ganz Wesentliches nicht begreife und selbst schon komplett mich verdinglicht habe, also mittlerweile auch so'n Subjekt/Objekt der Repession bin: "Seitdem Denken ein bloßer Sektor der Arbeitsteilung wurde, haben die Pläne der zuständigen Experten und Führer die ihr eigenes Glück planenden Individuen überflüssig gemacht. Die Irrationalität der widerstandslosen und emsigen Anpassung an die Realität wird für den Einzelnen vernünftiger als die Vernunft....so wurde inzwischen der ganze Mensch zum Subjekt-Objekt der Repression." (Che2001) Diese Sätze finden sich in den ...

Kommentaren zu einem ganz hervorragenden Eintrag bei Chuzpe, bei dem es sich um ein ganz anderes Thema dreht und den ich nicht nur klasse finde, weil ich da freundlich verlinkt mich finde, sondern weil die Kontexte des Karrikaturenstreit dort anders aufgefächert werden als in in vielen anderen Diskussinsbeiträgen. Meine liberalen Diskussionspartner würde ich trotzdem jederzeit vehement verteidigen, da braucht man sich nur den gestrigen Eintrag von Statler durchlesen.

Ich schweife ab: In meiner Firma, einer AG mit allen Tücken, die für Arbeitnehmer so zum AG-Leben gehören, tobt ein steter Kampf um Arbeitszeiten. Aber ganz anders, als ver.di den gerade definiert, es sei denn, ich versteh's falsch: Bei uns arbeitet man halt immer so lange, bis die Arbeit geschafft ist. Je nach Projektlage ragt das dann in's Wochenende, dafür gibt's Freizeitausgleich, wenn mal weniger anfällt. Das ist aber viel zu selten der Fall, somit schieben immer alle einen großen Berg Überstunden und Resturlaub vor sich her. Wir fordern dann mehr Personal, es wird alles andere als zu Unrecht entgegnet, daß die Budgets das nicht hergeben würden. Ich vermute, das ist in vielen privatwirtschaftlichen Firmen der Fall. So, liebe Wirtschaftswissenschaftler, dann sagt mir mal, wie man da rauskommt aus der Nummer.

Wahrscheinlich fällt die Antwort so aus, daß die Löhne offensichtlich zu hoch sind, und würden sie allseits gesenkt, dann könnte man auch wieder mehr Leute einstellen. Oder aber die Sozialabgaben seien zu hoch. Das Argument gälte jedoch nur dann, wenn es dieses fiese Prinzip der Gewinnmaximierung nicht gäbe ... kein gewinnorientiertes Unternehmen stellt mehr Leute ein, wenn's auch so irgendwie klappt, schon gar kein börsennotiertes. Insofern stützen wir durch unsere pflichtbewußte Mehrarbeit nur "das System" (so, für diese Abhandlungen werde ich wahrscheinlich gefeuert, egal, sind ja generelle Entitäten, die in allen mir bekannten Firmen der Fall sind bis hin zu Pflege - dort sind die Zeiten für Leistungen mittlerweile so knapp getimet, daß kein Mensch sie mehr einhalten kann).

All das schreit für mich danach, das Ganze mal auf gesamteuropäischer Ebene zu diskutieren. Statt, wie's derzeit der Fall ist, nunmehr Arbeitnehmer aller Länder gegeneinander auszuspielen, wie das bei der AEG geschieht, wie Lafontaine es macht, und parallel die EU dafür sorgen zu lassen, daß alle sich jenen Ländern, in denen die miesesten Sozialstandards herrschen, perspektivisch anzupassen hätten.

Nivellierung nach unten für die Gewinne weniger, das ist ja aktuell der Trend. Würde nun also der europäische Generalstreik in privatwirtschaftlichen Unternehmen ausbrechen, ich wäre dafür!

Und parallel sollen mal nicht alle nur daherquatschend die Macht des Kunden beschwören, sondern lieber selbst Genossenschaften und ähnliche Unternehmensformen gründen, in denen anders gewirtschaftet wird als in Aktiengesellschaften, z.B.. Alles andere riecht immer nach "zurücklehnen und bewerten, was Andere tun", und so lange das so ist, kommt die FDP mit ihrer unsäglichen "Leistungsträger"-Ideologie um die Ecke und alle drehen sich im Kreis.

Ist jetzt freilich alles nur so daher gedacht, wie man das in Blogs halt so macht. Man kommt ja neben dem Job nicht dazu, sich mal wieder irgendwo gründlich einzulesen und irgendwas zu Ende zu denken, und die Leute, die offensichtlich Zeit dazu haben, schreiben dann solche Adorno-Vergewaltigungen wie Che2001 da oben, der offensichtlich nicht mitbekommen, das das Umschlagen von Aufklärung in Mythologie mit Wahnsinn rein gar nix zu tun hat.

Zurück zum Thema: Was macht ver.di? Sie operiert aus der Perspektive eines Binnensystems und verpaßt damit Leuten, die so arbeiten wie ich, schallende Ohrfeigen. Ich finde nix unplausibeler als ausgerechnet ein Streik im öffentlichen Dienst derzeit. Bei aller Solidarität mit Krankenschwester und Müllwerkern, sorry, das einzige langfristige Argument, was dabei hervorgebracht wird, ist doch, daß wieder alle nach Privatisierung kreischen - und, wie's in Hamburg der Fall war, auch gegen Volksentscheide noch die Privatisierung von Landeskrankenhäusern durchgesetzt wird. Bitte nicht!

Ich bin ein Fan des öffentlichen Sektors, weil zumindest um ein paar Ecken herum so noch demokratische Kontrolle über sensible Themen wie Müllverwertung, Gesundheit, Wasser etc. zumindest prinzipiell und theoretisch noch möglich ist. Und zwei Wochen mehr arbeiten im Jahr, meine Güte, so what, andere wären froh drüber, wenn sie's dürften. Klar, ist Stammtisch, so ein Satz, aber das ist doch einfach lächerlich.

Der Hauptkampf für Arbeitnehmerrechte hat doch nicht im öffentlichen Sektor stattzufinden, sondern auf der Ebene der massenhaften Entrechtung von Personen durch die Ideologie des Marktes, den's ja so, wie in volkswirtschaftlichen Modellen beschrieben, gar nicht gibt, und nicht bei den Arbeitszeiten im öffentlichen Dienst.

Sorry, habe auch ein tiefes Gefühl für die Slogans der alten Arbeiterbewegung. Aber so sympathisch Herr Bsirske mir auch ist: Mit dem aktuellen Streik schaden Sie linken Politik-Ansätzen mehr, als daß Sie ihnen nützen. Gebe aber gerne zu, mich nicht intensiv genug mit der Materie beschäftigt zu haben, daß ich mich diesbezüglich jederzeit gerne korrigieren lasse ... aber Diskussionen anstoßen darf man ja auch als Halbwissender.

PS: Ich habe drei mal das Wort "Ecke" in diesem Text. Keine Ahnung, was das bedeutet ...

12.02.06

Was ist Deutschland?

Herr Schöhnbohm meint's zu wissen (via fpi): Das Tradieren von deutschen Klassikern statt persischer und somit Deutschland als "Kulturnation", das sei Deutschland. Autsch!

Wie hieß noch dieser Diwan von Goethe? Was machen wir dann mit Schopenhauer und dessen Faszination angesichts der Upanishaden? Ist auch Shakespeare ein deutscher Klassiker, wo doch auch der Urfaust britisch war (oder habe ich das falsch in Erinnerung)? Oder isser gar ein Däne oder Italiener, wegen Hamlet und Romeo &Julia? Was machen wir mit Kant, der Hume und Descartes vermittelte, oder Hegel, der in Napoleon den Weltgeist an sich vorbereiten sah? Und was gar mit Aristoteles und Platon, den ollen Griechen, die Islam und Christentum gleichermaßen prägten, ja, gar mit Augustinus, einem nordafrikanischen Neoplatoniker, oder Thomas von Auquin, einem Italiener und Aristoteliker?

Wie ein Schatten begleitet das in der Tat dämliche kulturelle Dominanzgerede, das noch Recht als kulturelle Errungeschaft behandeln will (dann müßten wir wohl noch Runen werfen, wenn dem so wäre), dann sowas: Rechtsradikale wollen nun per Kampagne Gerald Asamoah als undeutsch klassifizieren. Das ist immer eine notwendige Folgeerscheinung aller Defintionen, was denn deutsch sei, ...

... die über reines Staatsbürgerecht hinausweisen, auch wenn Herr Schönbohm diese Aktion gegen Asamoah mit Sicherheit verurteilen würde, so weit rechts ist er ja trotz allem auch wieder nicht.

Begrifflich sind alle Diskussionen rund um's "Deutschsein" und Kultur ein deratiges Desaster, daß man manchmal glaubt, der wohl wichtigste deutsche Klassiker, jener, der am nachhaltigsten wirkte, sei Kafka. Was ja eigentlich was sehr schönes wäre, immer noch besser als Herder oder Fichte, aber kafkaeske Politik, hmmm, ich weiß nicht.

Um kurz didaktisch zu werden, mal ein wenig Ordnung im Begriffsdschungel:

- Da ist zum einen dieser Fragebogen, unter anderem von den FDOG gepostet. Da werden wie einst im Gesinnungstest für Zivildienstwillige moralisch relevante Situationen aufgelistet, und 1500 Personen mit verschiedensten religiösen Backgrounds haben diesen allesamt identisch beantwortet.

Das weist in der Tat das Schönbohm-Lammert-Scheinproblem zurück, es folgt dann jedoch der Fehlschluß, dies belege folgendes: "Wäre die Moral Gottes Schwert, so müssten Atheisten diese Fälle anders beurteilen als religiöse Menschen, und ihre Antworten müssten auf anderen Begründungen beruhen."

Das ist so leider nicht richtig, weil es ebenso die Theorie bestätigen würde, daß allen Religionen ein Kernbestand identischer Moral inhärent sei, den dann eben auch Atheisten leben würden, weil auch sie kulturell-religiös geprägt seien. Aber alleine das würde schon reichen, um Herrn Schöhnbohm darauf hinzuweisen, daß ein friedliches Miteinander keine kulturelle Assimilation erforderte und es eigentlich prinzipiell schon reichen würde, würde man neben deutsch auch englisch als Amts- und Alltagssprache zulassen, als Mindeststandard und Öffnung hin zur Globalisierung von Wirtschaft und Politik. Würde man zudem noch Türkisch als Pflichtfach an deutschen Schulen einführen, dann wäre noch ein Problem gelöst.

- Weiter führt das hier: Hier wird der Versuch unternommen, Ethik und Moral zu unterscheiden. Kann man ja nachlesen, wie's da geschieht, ich würd's anders machen, weil zu Zeiten meines Studiums da auch anders unterschieden wurde, und das mit guten Gründen.

Kurzgefaßt: Ethik behandelt Fragen des "guten Lebens" und ggf. auch des Glücks, Moral regelt intersubjektives Verhalten. Moral behandelt das Sollen, Ethik das Gute. Moderne Moral sucht Begründungen für richtiges, zwischenmenschliches Verhalten, Ethik Tugenden und Selbstverhältnisse.

Grob vereinfachend kann man sagen, daß traditionale Moral beide Ebenen kurzgeschlossen hat. Von Aristoteles bis Hume war Gegenstand der Moral immer auch die Tugendlehre, im Christentum ist sie das sowieso.

Seit Kant und der Aufklärung sind a.) derartige Pflichten gegen sich selbst höchst umstritten - letztlich ist's moralisch egal, ob ich mich umbringe, solange ich niemand anders damit schade, um jetzt mal ein Radikalbeispiel zur reinen Illustration zu bringen, das auch mit guten Gründen zurückgewiesen werden kann. Und, b.) Überlieferung kann nicht mehr als Begründung für intersubjektiv richtiges Verhalten herhalten. Begründungen müssen rational, intersubjektiv nachvollziehbar und verständlich sein, und alleine schon der Prozeß des Begründens selbst setzt einen Standpunkt der Unparteilichkeit voraus, der wechselseitigen Respekt, universelle Achtung, formale Gleichheitt ungeachtet der konkreten Eigenschaften einer Person hervorbringt.

Aus dieser Perspektive werden dann konkrete Kulturen auch kritisierbar - genau das ist ja der berühmte Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Kant berief sich auf einen stark metaphysisch aufgeladenen Begriff der VERNUNFT, aber selbst in allen abgespeckten Varianten des Vernunftbegriffs ist moderne Moral immer schon ein reflexives Verhältnis zur eigenen (oder auch fremden) Kultur, die auf nichts anderes als das menschliche Vermögen des Vernünftigseins sich bezieht. Insofern ist moderne Moral nicht mal eben so selbst kulturell zu deuten. Modernität als solche zeichnet sich für mich durch Rationalisierung und Reflexivität aus.

Nun gibt es auch den Versuch rationalistischer Tugendlehren, das ist aber nicht ungefährlich. Tugenden sind prinzipiell immer auch unmittelbar aus Kulturen entnehmbar, traditionale Moral ebenso. Prinzipiell gilt, daß moderne Moral nur solche Selbstverhälnisse, "Identitäts"fragen etc. tangiert, die das moralisch richtige Verhalten zu Anderen betreffen.

Recht hingegen umfaßt ein viel weiteres Feld als jenes der Moral, Politik ebenso. Die meisten modernen Begründungen des Rechts gehen jedoch davon aus, daß konkretes Recht der modernen Moral nicht widersprechen dürfe. So ist z.B. die Irrevedidierbarkeit der Grundrechte im Grundgesetz zu verstehen, wobei sich hier durch die Berufung auf's Sittengesetz noch sowas wie ein traidtionales Einsprengsel erhalten halt.

Klar ist: Schönbohms Perspektive ist traditionalistisch und vormodern, da er Moral aus Überlieferungen ableiten will. Ebenso war der Rechtspositivismus z.B. der 20er Jahre, über den man in Sontheimers "Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik" so vortrefflich lesen kann, vormodern, weil er sagte, daß Gesetze eben einfach so gelten, weil es sie gibt. Gesetze hingegen bedürfen immer neuer Kritisierbarkeit im demokratischen Prozeß, um legitim zu sein. Die Beliebigkeit, die Schöhnbohm geißelt, ist gerade kein modernes Phänomen (und übrigens auch keines der 68er, die in allerlei Varianten marxistisch, somit modern argumentierten), sondern allenfalls ein postmodern-kulturrelativistisches, wobei die Postmoderne ja wieder nur ein Reflektionsverhältnis zu Moderne konstituiert.

Was nun also ist Deutschland? Bei der Beantwortung aller für ein friedliches Zusammenleben relevanten Fragen taucht diese Frage einfach überhaupt nicht auf ...

11.02.06

Marcuse, Molina und die Militärdiktatur

Kuß der Spinnenfrau.jpg

Es muß in den frühen 80ern gewesen sein. Da knutsche mich eine Spinne, und mit einem Griff in ein Regal aus schwarzem Stahlgetänge und Buchenbrettern hielt ich die Blaupause für mehr als 20 Jahre Leben in den Händen ...na gut, im Knast war ich nicht. Aber sonst.

In einer kleinen Stadtbibliothek in einem Vorort geschah's, im Souterrain eines 70er-Jahres- Baus mit Waschbeton-Fassade. Betrat man das Gebäude, führte zur Linken die Treppe zur Eingangshalle eines Schwimmbades hinauf. Chlorgeruch und Kinderkreischen, kreisende Rentner hinter Glas - in diesem herrschte Badekappenzwang, da habe ich den Frei- und Fahrtenschwimmer gemacht, und es gab eine Michbar mit 2 Sorten Eis: Rotes und weißes Softeis. Von der Halle mit den hohen Fensterfronten gingen Türen ab, führten auf zwei Flure mit den Räumlichkeiten der Volkshochschule, auch unsere selbstverwaltete ...

... Teestube hatte dort ihre Räumlichkeiten.

Ging man nicht links die Treppe hinauf, sondern rechts eine hinunter, lief man direkt auf das DAUNSTAIRS zu. Ein kleiner Veranstaltungsort für Kleinkunst - in Sachen Kleinkunst war dieser eigentümliche Wurmfortsatz von Hannover, Langenhagen, ganz groß: Dort fand einmal jährlich die MIMUSE statt, ein jedes Jahr sensationell gut besetztes Festival. Da trat Gerhard Polt auf wie auch das Vorläufige Frankfurter Frontheater, da habe ich Helen Vita singen gehört und Weill/Brecht-Revuen genossen, so klasse waren die, daß ich noch tagelang den Moon of Alabama sang, wenn ich des morgens an der Konrad-Adenauer-Allee entlang zum Schulzentrum mit den dreieinhalb tausend Schülern spazierte. Die Bebauung auf der rechten Seite der Straße, die mein Schulweg war, schritt über Jahre unaufhaltsam voran: Wo erst noch Schafe weideten, fand später sich das "City Center Langenhagen", ein Einkauszentrum, das ein wenig aussah wie die schlechte Kopie einer Landestation aus rotem Backstein für Weltraumgleiter. Dann kam noch ein Rathaus hinzu, eine Markthalle, Eigentumswohnungen, und irgendwann war für die Schafe kein Platz mehr.

Ging man im Gebäude mit der Schwimmhalle nicht geradewegs ins DAUNSTÄRS, sondern hielt sich zwei mal rechts, dann betrat man die Stadtbibliothek. Zumeist empfing mich der Blick von Frau S. - einer korpulenten Dame in braunen und grauen Kostümen, mit kleiner Brille und kurzem, kastanienbraunen Haar. Wortlos nahm sie das Geld entgegen, das ich bezahlen mußte, weil ich wieder irgendwelche Bücher oder Schallplatten zu spät zurückgegeben hatte.

Zwischen diesen Regalen habe ich wohl ungefähr so viel Zeit verbracht wie andere auf dem Bolzplatz. Es war eine traumhafte Welt mit geschriebenen Fluchten, in die man eintauchen und sich wohl fühlen konnte wie in einem warmen Bad. Erst waren's Wicky- und Urmel-Bücher, dann Enid Blyton und Die drei ???. Da lauerte man an diesen Schreibtischen mit den halbhohen Rollregalen dahinter am Eingang der Bibliothek, ob irgendjemand ein "Abenteuer-" oder "Fünf Freunde"-Buch zurück geben würde, die waren zumeist alle ausgeliehen.

Später holte man sich zerkratzte Franz-Josef-Degenhardt-Liederbücher, auf denen er den Bauernführer "Joß Fritz" besang oder russische Soldaten des Morgens in seinen Swimming Pool schifften, oder auch "Klaus Hoffmann. Ein Konzert", Pink Floyd "The Wall", sowas halt. Die gleichzeitig sich formierende NDW mit Fehlfarben und Ideal oder auch akustische Meilensteine wie dies Album mit "Joy & Pain" von Maze, die man so ungefähr zeitgleich hörte, die gab's nicht in der Bücherei.

Direkt ganz hinten am Fenster, vor dem eines dieser seltsamen Gebüsche mit diesen Sträuchern mit den kleinen, dunkelgrünen Blättern wucherte, in dem Kakaobecher und Taschentücher hingen wie Christbaumschmuck, da stand dieses wundervolle Werk über "Die verbrannten Dichter", Mühsam, Toller, Lasker-Schüler, das hat mich jahrelang beschäftigt.

Viel wichtiger aber ein anderes Buch. Ging eines Tages, muß kurz vor Weihnachten gewesen sein, durch die engen Gänge mit den Buchrücken und las einen Titel: "Der Kuß der Spinnenfrau". Hatte damals schreckliche Angst vor Spinnen, da faszinierte dieses Sprach-Bild natürlich. Nahm's aus dem Regal und mit nach Hause, und kurz darauf fand ich mich in einem dieser Stockbetten in einem Ferienhaus in Dänemark wieder. Da feierten wir immer mit mehreren Familienclans Sylvester. War eine dieser Siedlungen, die nur aus kleinen Holzhäusern bestanden, der Raum war winzig, in einer Nische die zwei Etagen-Betten eingelassen, sonst paßte gerade noch ein Tisch und ein Stuhl dort hinein. Es roch nach den mit Kiefernholz verkleideten Wänden, nach Harz und Tannen und frisch gekochtem Tee. Ich glaube, es war jenes Sylvester, da meine Psychologie studierende Schwester mit einem ganzen Schwung Kommilitonen auch ein Haus angemietet hatte. Die lernten tagelang Statistik, Statistik, Statistik, und ich fragte mich immer, was das denn mit Psychologie zu tun habe.

Da las ich's dann, "Der Kuß der Spinnenfrau" von Manuel Puig. Das war wie eine Initiation. Neben all dem Intimen, das ich hier nicht beschreiben werde, wurde dramatisch überragend, packend, in tiefer Einfühlung in die Hauptfiguren vor mir ein thematisches Panorama ausgebreitet, das in der Tat seitdem mein Leben bestimmt.

Der Plot ist ja durch die Hollywood-Verfilmung - William Hurt erhielt zu Recht einen Oscar - eventuell bekannt. Eigentlich ist's auch gar keiner. Zwei Männer in einer Gefängniszelle im Argentinien zu Zeiten der Diktatur - die "Fußball ja, Folter nein"-WM war noch gar nicht allzu lange her, als ich's las. Der eine sitzt dort, weil er schwul ist, der andere ist Kommunist und kämpft gegen das Regime. Molina, der Homo, ja, eventuell auch Transsexuelle, zu Zeiten der Tuntenbewegung konnte man da nicht scharf trennen, erzählt seinem Zellengenossen Filme: Katzenmenschen, Zombie-Streifen, sogar einen Nazi-Film. Trivial, politisch bedenklich und doch einfach nur wundervoll. Erzählt sie so, daß man unbedingt wissen will, wie's weiter geht. Valentin, der Kommunist, reagiert erst überheblich auf all diesen unpolitischen Kitsch, um sich dann doch dem Zauber der Berichte nicht mehr entziehen zu können ... Valentin wird gefoltert, Molina pflegt ihn. Irgendwann schlafen sie sogar miteinander. Die Gefängnisleitung hatte die verweichlichte Tunte in die Zelle des Widerstandskämpfers eingeschleust, daß diese dem Deliquenten Namen von Genossen entlockt. Molina jedoch laviert geschickt und verrät nix. Irgendwann wird er entlassen und überlebt den Kontakt mit der Politik nicht ...

In Fußnoten fanden sich über Seiten hinweg Zitate, z.B. zu Marcuse, meine erste Begegnung mit der Kritischen Theorie. Habe meinen Geschichtslehrer dann angehauen, ob wir die nicht mal im Unterricht behandeln könnten, das war ihm zu schwierig. Daß auch Foucaults "Überwachen und Strafen" Puig veranlaßte, dieses Buch zu schreiben, das wußte ich damals nicht. Über den habe später eine Hausarbeit nach der anderen geschrieben und letztlich auch meine Magisterarbeit.

Mußte auch immer an dieses Buch denken, wenn ich bei kitschigen Filme im Fernsehen heimlich heulen mußte, bei diesem Miltitär-Propaganda-Film "Verdammt in alle Ewigkeit" zum Beispiel gleich eine volle Dreiviertelstunde lang, einer meiner Lieblingsfilme, selbst bei "Beverly Hills 902010" ist mir das mal passiert (und kurioserweise zeitgleich auch meiner Schwester, die die selbe Folge - es ging um ein Abschiedsvideo - in einer anderen Stadt ganz unabhängig von mir ansah).

Fand immer Trivialkultur wie das Musical "Miß Saigon" unendlich wahr, auch vieles im Schlager - und spätestens, als ich bei BRAVO TV erst für News, dann für Pop-Historys verantwortlich war und ganz ernsthaft über Kuschelrock, Caught in the Act oder Take That berichten mußte (und wollte!), während ich parallel Hausarbeiten über "Disziplinierung in der frühen Neuzeit" oder "Gerechtigkeit und Gutes Leben in Ernst Tugendhats "Vorlesungen über Ethik"" oder auch auf Max Weber aufbauende Antisemtismus-Theorien verfaßte, da war er wieder da, der Kuß der Spinnenfrau.

Warum ich all das schreibe? Nicht, weil ich so gerne aus meinem Leben berichte. Das vielleicht auch, aber so ein Buch wie "Der Kuß der Spinnenfrau" in Relation zu aktuellen Debatten zu setzen, das machte vielleicht mal Sinn.

Popkultur und Diktatur, das spielt ja gerade wieder eine Rolle - ich sag nur "Nipplegate", oder auch das Erstürmen von Kinos in Afghanistan (... ich weiß, beides sind freie Länder ...). Diese retrospektive Kommunistenhatz könnte sich vielleicht aber auch mal wieder damit beschäftigen, deren Rolle und den Umgang mit diesen in südamerikanischen Diktaturen darzustellen.

Auch dieser ganze Machismus auf beiden Seiten - ich sag nur "Hühner" und "Habichte" und "Falken", diese ganzen Begriffe, die auch zum Ende des ersten Weltkriegs Verwendung fanden und nun angesichts des Irak- und evtl. Iran-Krieges wieder ausgegraben werden, ich sag aber auch Bushido -: Wirklich heroisch sind Menschen wie Molina, selbst wenn dieser eine Fiktion ist, nicht Großspurigen mit Imponiergehabe.

Auch in der Auseinandersetzung mit Islamisten macht's ja vielleicht mal Sinn, sich mal wieder die MILITÄR-DIKTATUREN von einst genauer anzuschauen, um abzuwägen, welche Rolle Kultur und Religion da wirklich spielen. Hussein war ja auch kein Islamist ...

Ja, Gelächter allerorten, wenn heute jemand das Lied Bettina Wegeners an den "Chilenischen Soldaten" auflegen würde, wurde ja reiheum verschenkt in genau jener, oben beschriebenen Zeit der selbstgestrickten Wollpullover, deren Platte - vielleicht mal wieder statt Überheblichkeit und dumpfen Gegacker - Hühner! - über Gutmenschentum sich die Szenarien der damaligen Zeit vergegenwärtigen, manchmal begreift man ja was, wenn man vergleicht. Auch die Rolle der US-Politik bei den südamerikanischen Diktaturen sollte ja dem einen oder anderen "Freund des Westens" geläufig sein, wenn er sich aktuell über diesen in der Tat völlig durchgeknallten Indio-Präsidenten ereifert.

Vor allem: Was Freiheit heißt, das kann in Puigs Knast-Roman in der Tat begriffen, in tiefer Emphase nachempfunden werden. Molina findet diese nur im Film ...

Patriotisches Bettgespräch

Hierzu (via FDOG) ist wohl nur noch Erich Kästner zu zitieren:

Hast Du, was in der Zeitung stand, gelesen?
Der Landtag ist mal wieder sehr empört
von wegen dem Geburtenschwund gewesen.
Auch ein Minister fand es unerhört.

Auf tausend Deutsche kämen wohl pro Jahr ...

gerade 19 Komma 04 Kinder.
04! Und sowas hält der Mann für wahr!
Daß das nicht stimmen kann, sieht doch ein Blinder.

Die Kinder hinterm Komma können bloß
von ihm und anderen Ministern stammen.
Und solcher Dezimalbruch wird mal groß!
Und tritt zu Ministerien zusammen.

(...)

Geburtenrückgang, hat er noch gesagt,
sei, die Geschichte lehrt es, Deutschlands Ende,
und deine Fehlgeburt hat er beklagt.
Und daß er, daß man abtreibt, gräßlich fände.

Jawohl, wir sollen Kinder fabrizieren.
Fürs Militär. Und für die Industrie.
Zum Löhne senken. Und zum Kriegverlieren!
Sieh Dich doch vor. Ach so, das war Dein Knie.

Auszug aus Erich Kästner, Patriotisches Bettgespräch, in ders.: Das Erich Kästner-Buch, Berlin/Zürich 1961, S. 111 f.

Ist ganz rührend, das Buch, aus dem ich das gerade abschreibe, ist eines vom Bertelsmann-Lesering mit Kunstlederrücken und Goldgravur. Zwei Jahre nach der Hochzeit meiner Eltern veröffentlich, im Jahr, als mein Bruder geboren wurde ... '61, Bertelsmann-Lesering, da sitzt man innerlich auf Cocktailsesseln an Nierentischen. Da versuchte Elvis sein Comeback mit einem grandiosen Album und endete doch kurz darauf bei "Muß i denn zum Städtele hinaus", tief im G.I.-Blues versinkend, und die Beatles hatten noch nicht die Welt erobert und von all dem bekamen meine Eltern nicht viel mit ... die Mauer wurde gebaut, mein Vater engagierte sich für die SPD, in die er, kriegsversehrt und beinamputiert, eingetreten war, weil die Wiederbewaffnung für ihn unerträglich war. Kästner war, glaube ich, noch Feuilleton-Chef bei einer Münchener Zeitung, müßte ich nachschauen ... und wurde da nicht auch das Godesberger Programm der SPD verabschiedet?

Zurück in die Gegenwart: Armes Deutschland, wenn solche, die sich Freunde der offenen Gesellschaft nennen, jetzt zustimmend die Forderung nach zu religiösen Bewegungen analogen "Erweckungsbewegungen" zitieren, die Grenzen dicht machen und andere zur "kulturellen Assimilation" zwingen wollen und das auch noch zur Bewahrung der eigenen "Identität". Daß da auch am Rande noch was von "überzeugen" steht, überliest man dann fast. Ganz schön schwache "Identität" ist das, die geschwollen vor nix anderem als "Überfremdung" warnt ... Popper würde im Grabe rotieren, wenn er wüßte, wer sich heute so alles auf ihn beruft ...

10.02.06

Klarheit atmen ...

und diesen Text über Urteilskraft lesen. Ein Muß!

Psychologie und Philologie

Bin neulich mal wieder, wie das aktuell ja gelegentlich vorkommt, mit einem unserer freien Mitarbeiter auf das Thema Islam gekommen. Schloß sich an eine Debatte mit meinem hier schon öfter erwähnten iranischen Kollegen. Der hatte mir ein Reclam-Heft über den Islam in die Hände gedrückt, lange vor dem aktuellen ...

Karrikaturen-Streit. Weil ich nun mal wissen wollte, worüber die Welt da eigentlich redet.

Bekam - und bekomme - dieses Gefühl nicht los, daß manches, was so rund um den Islam diskutiert wird, in bestimmten Hinsichten die Projektion von allem Möglichen ist, was man sowieso gerade denkt, und das u.U. sogar auf beiden Seiten.

"Der Westen" projiziert, kurz mal jungianisch gesprochen, seinen "Schatten", also jene Bestandteile, die er an sich selbst nicht wahrhaben will - fortgeschriebenes Patriarchat, alltägliche Gewalt etc. - einfach in "den Islam" hinein und entledigt sich so auch gleich vortrefflich der eigenen Geschichte. Kann sich sogar so "zivilisiert" fühlen, daß Kriege, Folter etc. einfach zu Notwendigkeiten umgedeutet werden, an denen dann eben die anderen selbst schuld sind. So ist man natürlich fein raus ...

Wenn man mal die beiden Truppen, die im "Kulturkampf" die Fahnen in vorderster Reihe schwenken und am frohlockendsten Böllerschüsse abgeben, Liberale und christliche Konservative, sich betrachtet - da schien und scheint mir, daß die Liberalen den Schmerz angesichts der Unfreiheiten und alltäglich immer sichtbarer werdenden Ungerechtigkeiten, die der ganz normale Kapitalismus so mit sich bringt, nunmehr dadurch betäuben, daß eben die islamischen Länder ja noch schlimmer sind (was sie ja wirklich sind). Vorher war's der real existierende Sozialismus, der zur Legitimation herhalten mußte, nun auferstand insgeheim sehr willkommen und rein psychologisch gedeutet das neue Gegenbild zur Ablenkung von den eigenen Defiziten.

Christliche Konservative hingegen attackieren genau das, was ihnen seit der Aufklärung völlig zu Recht vorgehalten wurde und nennen in letzter Zeit ja allen Ernstes - Stoiber z.B. - Christentum und Aufklärung in einem Atemzug. Ihre ganze Historie mit Hexenverbrennung, Ketzerhatz, spanischen Stiefeln und scharlachroten Buchstaben ist nun endlich aus dem eigenen Bewußtsein ausgelagert und manifestiert sich im Zerrbild dessen, was der Islam sei. Endlich kann man sich wieder als die Guten fühlen - gerade Ratzinger spürt man das ja an, diese tiefe Erleichterung, daß gerade er, der Vorzeige-Reaktionär der katholischen Kirche, nun über Caritas schreibend als Gegenbild zu dem, was im "Westen" unter dem Islam verstanden wird, von Millionen Kerzen beschienen gefeiert wird.

Dann las ich also, zur Selbstkorrektur, über den Islam, kaufte mir noch ein Buch über vergleichende Religionswissenschaften (blieb wie üblich zuerst am Hinduismsu hängen) - ganz offen dafür, mich überzeugen zu lassen, daß das auch nur 'ne Religion mit ganz viel Licht im Zentrum, spirituellem Reichtum und tiefer, transpersonaler Liebe ist, um die herum sich dann innerweltliches Machtgeschehen rankt, wie bei allen anderen Religionen eben auch. Und zu weiten Teilen ist wohl auch genau dieses der Fall.

An zwei Punkten kam ich Protestant dann aber heftig ins Stocken: Zum einen bei der Sunnah (man berichtige mich, wenn ich Artikel falsch schreibe oder auch sonst dummes Zeug). Meines Wissens sind dies nachträglich aufgezeichnete Überlieferungen über das Leben Mohammeds, die im Laufe der Jahrhunderte selbst zu den zentralen, religiösen Schriften wurden. Darüber wurde in heftigen Auseinandersetzungen dann gestritten, welche dieser Texte wirklich zum Kreis der heiligen Schriften würden. Das ist ja bei der Bibel nicht anders: Was der Römerbrief da nun drin zu suchen hat, kann man sich ja wirklich fragen, Luther zum Trotz.

Nun gab es auch viele Versuche, Jesus' Leben wörtlich zu nehmen und nachzuleben. Aber weniger im konkreten Sinne, als abstrakt: Nächstenliebe, Armut etc. . Einige amerikanische Sekten verstehen die Bibel wohl auch heute noch wortwörtlich, aber da ist ja doch ansonsten eine Menge passiert, und genau die Wörtlichleser sind's dann ja in der Regel, die Leute, die für Abtreibung sind, am liebsten umbringen würden.

Meines Wissens ist die Sunnah noch wesentlich konkreter als die Bibel, beschreibt z.B., auf welcher Seite man schlafen solle, und zwar möglichst nicht auf jener des Herzens, und sowas halt. Konsequenz wäre dann, daß in der Tat versucht würde, Lebensformen eines Menschen - der Prophet ist ja bei aller Heiligkeit immer noch ein Mensch, und dem Christentum wird nicht zu Unrecht von islamischer Seite vorgeworfen, mit Jesus einen Gott/Mensch-Zwitter in die Welt gesetzt zu haben, und das sei ja wohl Blasphemie, weil Gott eben so unermeßlich größer sei als Menschen, daß man da lieber nix durcheinander bringen solle -, der vor über 1000 Jahren lebte, nachzuleben. Daß das dann schief geht, erstaunt mich nicht - wenn ich's wirklich richtig verstanden habe.

Der zweite Punkt ist ungleich gravierender: Daß der Koran das unmittelbare und ungeschaffene Wort Gottes sei. Das kann ja wahr sein, und es ist weiß Gott - sorry ;-) - niemandem abzusprechen, daß er diese Wahrheit mir voraus hat.

Aber das ergibt ein Folgeproblem, nämlich, daß es ungleich schwerer ist, eine Religion, die anders als das Christentum nicht auf die Überlieferung von Menschen, die teils Jahrhunderte später aufgeschreiben haben, was dem Heiland wiederfuhr, aufbaut, dann zu reformieren und Bestandteile derer auch zu historisieren. Nun wird wahrscheinlich jeder gläubige Moslem antworten, daß das auch gar nicht nötig sei - aber genau hier liegt, glaube ich, einer der Kerne des aktuellen, globalen Problems. Zumindest insofern sie überhaupt mit Religion etwas zu tun haben ...

Dann wies ich meinen iranischen Kollegen freundlich auf diese beiden Punkte hin und bekam erst mal statt einer Antwort die Islamophobie-Keule übergebraten.

Tougher hingegen jener freie Mitarbeiter, den im ersten Satz ich erwähnte (aber der wird ja auch nicht von all den selbstgerechten Amis und Deutschen pauschal verdächtig, ständig "Ehrenmorde" zu begehen). Der rotzte nur raus: "Ach, die halbe Koranauslegung beruht doch nur auf Übersetzungsfehlern!", wußte dann aber die Quelle dieser Behauptung nicht.

Da war mir offensichtlich was entgangen, was wahrscheinlich wieder alle anderen mitbekommen haben. Also vertiefte ich mich heute wärhend Leerlaufs bei der Arbeit ins Netz und fand unter anderem einen Text bei Heise, einen bei Wikipedia (mit spannenden, weiterführenden Links) und einen in DIE ZEIT von 2003. Wurde das alles jemals weiter diskutiert? Ist das widerlegt? Weiß das jemand?

Die Schlußfolgerungen in diesen Texten, nun Mohammed zu einem Verkünder des Christentums zu stilisieren, die erscheinen mir doch ein bißchen sehr gegenwärtig. Da würde ich als Muslim auch nachhaltig empört sein, völlig ironiefrei.

Aber der Rest, die Erhellung der dunklen Passagen sowie die Akzentuierung auf einer letztlich kritischen Hermeneutik der Überlieferungen und ihrer Enstehungsbedingungen, ist das nicht genau die Chance (und der Islamismus nicht vielleicht schon eine Reaktion darauf? Keine Ahnung, man kläre mich auf!)? Oder wird das alles sowieso schon innerislamisch heiß diskutiert, und ich komm hier nur blöd belehrend rüber? Nicht, daß ich jetzt Muslimen in ihren Glauben hineinquatschen will, daß Luther dies jedoch im Falle des Christentums in Richtung Papst tat, finde ich weltgeschichtlich schon ganz gut so ... wieso bloggen eigentlich so wenig Muslime? Vielleicht stößt ja das krümelige Weblog irgendwie auf diesen Eintrag hier und begreift, daß all das, was ich schreibe, doch nur diese schwachsinnige, diffamierend gemeinte rhetorische Figur des "Islamverstehers" ins Positive wenden will - bin schließlich auch stolz drauf, Gutmensch zu sein!

Das alles ist Deutschland!

seeed.jpg

(Foto: Jamilah via irieites)

Gut, ich fand Revolverheld aus Bremen ja besser. Trotzdem: Seeed haben's schon aus Prinzip verdient, dieses Raabsche Förderalismus-Event gestern abend zu gewinnen. Fand ja andere Songs - Tracks? Was sagt man da neudeutsch? - von denen schon besser, ...

... aber allein die Performance war einfach saucool. Ein wenig wie Kid Creole & The Coconuts (Stool Pigeon - hot chahchacha - habe ja das Konzept der Kreolität gerade erst kennen gelernt und bin schon jetzt Fan dessen), und die Show kam wohl schon deshalb so gut an, weil alle im Saal wegen des so demonstrativen Genervtseins Raabs über seine offensichtlich überforderte Co-Moderation sich eh schon bestens sich amüsierten. Selten ein so offensives Augenverdrehen gesehen.

Kann weder Raab noch den unsäglichen Elton ausstehen, dieser Event ist aber wirklich super - allein schon, weil's so semi-professionell produziert ist und voller Ecken und Kanten steckt, statt glattgebügelt und steril einem Live-Programm das Livige auszutreiben.

Gruselig nur diese ganzen schlechten NDW-Zitate (schlimm, diese Münchener mit ihren DaDaDa-Anspielungen, aber München lebt ja sowieso zumeist von Nostalgie) und -Adaptionen einger Bands, und selbst vor PIL schreckten die nicht zurück, die ganzen Bundeslandvertreter ... am besten kommen halt doch die rüber, die nicht wie einst Der Plan 1980 auf's Kinderlied zurückgriffen. Der Plan begründeten das damals damit, daß ihrer Ansicht nach keine anderen, deutsche Traditionen anknüpfungsfähig seien. Das war damals ja auch richtig, aber 2006 ist global dann halt doch am coolsten, und auch das machen Seeed dann am konsequentesten und siegen zu Recht.

Seeed retten durch Kotzen im Song "Ding" ihre Ehe und sind auch sonst stets bereit, gegen die Steyn-Würfe neuer Christen und die Baseballschlägerhiebe der braunen Brut Multikulti-Konzepte vor der Kamera offensiv zu vertreten. Und, lieber Herr Steyn, wenn solche Jungs die Zukunft Europas sind: Ich bin dabei!

PS: "In Extremo" aus Thüringen, gestern abend auch mit von der Partie, sind wohl eher einen eigenen Eintrag wert ...

09.02.06

steynalt, steynreich und weicheierweichend

Manchmal bekomme ich eine SMS von meinem iranisch-deutschen Kollegen. Dann stand er gerade wieder in irgendeiner Check-In-Schlange in einem Flughafen. War wieder der, der aus der Schlange gezogen und einer sicherheitstechnischen Sonderbehandlung unterzogen wurde. Und muß sich danach erst mal auskotzen, ist wütend und frustriert ...

Er ist erst in Frankfurt, dann bei Hamburg aufgewachsen. Ein hübscher, großer Typ mit dunklen Locken und tiefen, braunen Augen. Er hat lange Basketball gespielt und auch Jugendliche trainiert. Wenn wir mal wieder zusammen in irgendeiner Kneipe saßen, fährt er mich manchmal nach Hause - steige dann in den Walddörfer-Kombi seiner Mutter ein und bekomme Schreikrämpfe, weil er tatsächlich Marius Müller-Westernhagen hört. Er hat eine attraktive, selbstbewußte, blonde Freundin - gerade neulich haben wir zu viert mit einer französischen Journalistin gemütlich Matjes mit Bratkartoffeln gegessen, gleich hier um die Ecke, auf dem Großneumarkt, weil unsere Monique zu den wenigen Franzosen gehört, die gutes Essen zu schätzen wissen und zudem, daß Bier dazu viel besser schmeckt als schwere Rotweine.

Laut Mark Steyn bewirken ...

... dieser iranische Kumpel und seine Gen-Genossen folgendes:

"Viel von dem, was wir vage die westliche Welt nennen, wird dieses Jahrhundert nicht überleben. Vermutlich wird es auf den Landkarten noch eine Region geben, die als Italien oder Deutschland bezeichnet wird, so wie es in Istanbul immer noch ein Bauwerk gibt, das St.-Sophia-Kathedrale heißt. Nur ist es eben keine Kathedrale mehr, sondern bloß eine Immobilie. Ebenso werden Italien und Deutschland Namen von Liegenschaften sein. Für jene, die glauben, daß die westliche Zivilisation per saldo besser ist als alle Alternativen, besteht die Herausforderung darin, zumindest einen Teil des Westens zu retten."

Heute, in DIE WELT, schreibt er sowas.

Mark Steyn wird ja von expliziten Neocons wie auch von manchen im liberalen Lager gefeiert wie z.B. Hollinghurst von unsereins, weil er so pfiffige - Applaus! - Bilder für Sozialstaatlichkeit findet. Bilder in schwarz/weiß, mit einer Prise von Hitchcocks "Psycho" gewürzt: Alle, die so verdorben sind, sich Kohle vom Staat überweisen zu lassen, gleichen irgendeinem Jungen in Südfrankreich, der jahrelang neben seiner verwesenden Mutter wohnte, um weiter Sozialhilfe bzw. das französische Äquilvalent dazu zu beziehen.

Wie so viele Necons ist er vom Leichengeruch halt magisch angezogen und bringt d'rum heute in DIE WELT erst mal Europa um die Ecke. Präziser: Steyn behauptet natürlich, dieses Super-Subjekt liefe jauchzend und frohlockend und ahnungslos selbst in den Suizid. Na ja, Nekrophilie kennt viele Spielarten, so erzählen sich zumindest Psychiater auf lindgründen Fluren, und raunen sich zum dumpfen Sound der weißen Birkenstocksandalen allerlei Krankheitsbilder zu.

Unser Prophet Mark Steyn - 'n Bart hat er auch - ließe sich vortrefflich pathologisieren. Der denkt nämlich nur an Sex. Kurzgefaßt lautet sein Artikel: Die Kanaken vermehren sich wie die Ratten, während Europa lieber sich der Abtreibung hingibt, statt menschliche Gegenmunition im Kulturkampf herbeizuvögeln. Er schreibt's natürlich eleganter, aber wer Sozialdemokraten wesenhaft neben wesenden Mütterchen verortet, muß schon damit leben, selbst auch zugespitzt zu werden.

Er redet natürlich vornehm von "Demographie" und zieht christliche Wurzeln aus der Statistik. Sucht Eigentlichkeit, und findet sie bei: "Landesverteidigung, Familie, Glaube, und, am elementarsten, die Fortpflanzung - "Geht hin und mehret euch"", Zitatende, und das begriffliche Viergespann nennt er "primäre Impulse". Warum nicht gleich alles als Triebe begreifen? Und wer seine Triebe verleugnet, dessen Rente ist dann auch nicht sicher, so Steyn ... der "Urgewalt" des Islam sei man als solches Weichei schon gar nicht gewachsen.

Keine Sorge, Herr Steyn, ihre Predigt wird fruchtbare Schöße befeuchten. Alles, was mit "Ur-" anfängt, Entfremdungstheoreme und Eigentlichkeitsfantasien zudem, sind gerade hierzulande allzeit mobilisierbar, ...

Immerhin schafft's der Mann, neben Negativ-Utopien gleich auf Seite 1 schon die Conclusio zu verkünden:

"Darum geht es in diesem Krieg: um unser mangelndes zivilisatorisches Selbstvertrauen. Das fortschrittliche Programm - verschwenderische soziale Wohlfahrt, Abtreibung, Säkularismus, Multikulturalismus - ist, zusammengenommen, das eigentliche Selbstmordattentat. Das Tolle am Multikulturalismus beispielsweise ist, daß man gar nichts von anderen Kulturen wissen muß. Alles, was es braucht, ist, andere Kulturen cool zu finden. Multikulti heißt, daß Ihr Kind für die Weihnachtsfeier statt "Stille Nacht" irgendeinen Stammesgesang lernt, aber nicht, daß Sie in einer afrikanischen Gesellschaft leben möchten."

Klar will der Deutsche nicht beim Neger leben! Sowas verprügelt man hierzulande lieber! Oder zündet's gleich an, ha! Schlägt's der Natur zu, während man selbst in Hochkulturfantasien schwelgt, die ja auch Sie mit Ihrem Plädoyer gern neu entfachen möchten, das klappt hier schon traditionsgemäß ganz gut. Diese Wortreihung allerdings, deftiger als Blutwurst, die muß man noch mal wiederholen: soziale Wohlfahrt, Abtreibung, Säkularismus, Multikulturalismus. Ich suche den Rest des Abends dann mal die Zusammenhänge zwischen diesen Themen - bei Abtreibung und Säkularismus geht's schnell, aber sonst? - und schreibe derweil weiter ...

Auf den ganzen Text braucht man allerdings nicht einzugehen, dazu ist der schlicht zu dumm. Alleine schon zu behaupten, Kultur sei was Konstantes, das dann sich ausbreitet wie Unkraut und mittels Vermehrung andere Kulturen überwuchert, das ist diagnostische Albernheit. Da kann auch nur jemand drauf kommen, der glaubt, daß er's mit der Bibel halten würde - Spanien war unter maurischer Herrschaft ja auch was anderes als unter der d'rauf folgenden Inquisition.

Wieso kommt eigentlich kein Schwein drauf, daß selbst bei einem demographischen Wandel nicht "urgewaltlich" dann aktuelle, iranische Tagespolitik das Leben in Buxtehude in naher Zukunft prägen wird, sondern was ganz anderes? Die Türkenjungs im Sozialbau gegenüber - die neben den zwei urdeutschen Alkoholiker-WGs - würden sich für die der Einführung Schariah auch nicht bedanken. Jede Wette.

Der Begriff der Kultur macht überhaupt nur Sinn, wenn man ihn über Wandel, menschliche Schöpfung und Kreativität bestimmt. Natur ist Notwendigkeit und Kausalität, Kultur Freiheit, nicht Tradition, jetzt mal ein wenig zu kurz gefaßt. Allein schon deshalb ist dieses quasi-naturalistische Primärimpulsgeschehen in Steyns Text Nonstop Nonsens. Auf diese Illuminatenhaften Fantasien kann wirklich nur jemand kommen, der glaubt, Kultur sei sowas wie ein erhaltenswertes Museum. Der Mann ist in der Tat auf Leichen fixiert und will sogar durch Sex noch neue produzieren lassen. Es lebe das Mutterkreuz.

Und, zurück zu seinen "primären Impulsen". Wie waren die noch? "Landesverteidigung, Familie, Glaube, und, am elementarsten, die Fortpflanzung". Da pflichtet ihm in Feiern dieser "Primärimpulse" dann auch der iranische Präsident bei, der seine Schäfchen vor Hollywood-Filmen beschützen will. Wieso eigentlich Glaube als "Primärimpuls"? Diese rechten Amis haben immer so ein fatales Faible für Wesens-Metaphysik.

Sehe mich bestärkt in dem, was ich hier heute morgen als Pointe schrieb ... dieses obszöne Papst-Bejubeln in Köln war da nur die Vorhut.

Zurück zu meinem iranischen Kollegen: Als die BILD die "Volksbibel" herausbrachte, hat er das nur noch als Angriff auf sein Existenzrecht in Deutschland erlebt ... so schaffen die Steyns erst das, was sie prophezeien: Nämlich das Aufeinanderprallen invariabler Kulturen. Meinen Kollegen prügeln sie verbal in eine Rolle hinein, auf die er von selbst noch nicht mal käme ...

Und was hat das mit dem oben erwähnten Hollingshurst zu tun? In "Die Schönheitslinie" beschreibt er das England zu Beginn der Thatcher-Ära. Der Held lebt als Untermieter in der Villa eines Torey-Abgeordneten und lernt über eine Kontakanzeige seinen Partner für "das erste Mal" kennen - Leo, ein Schwarzer. Dieser kann seinen Lover nicht mit nach Hause nehmen, wegen seiner gläubigen Mutter. Der Held will seine Eroberung auch nicht mitschleppen ins prachtvolle Gebäude seiner zutiefst konservativen Gastgeber. Also treiben sie's in einem PRIVATPARK, zu dem nur Privilegierte eine Schlüssel haben. Für mich hat diese Erzählkonstruktion viel auch mit den Neocons der Jetzt-Zeit zu tun ... und, übrigens: Der aktive Part ist nicht der Schwarze.

"Religiöse Gefühl", die Identität und die Zukunft

Bei Chuzpe, einem meiner Lieblingsblogs (in der Hoffnung, daß jetzt nicht irgendjemandem was auch immer hoch kommt, wenn ich das schreibe, weil ja konstitutiv für alle Debatten derzeit zunächst einmal das Stecken in eine Schublade ist, und in der lande ich dann wahrscheinlich auch gleich), findet sich im Rahmen des bekannten Lagerdenkens einsortiert und schulmeisterlich Schulmeisterliches zurechtweisend die Stellungnahme Paul Spiegels zum Thema "Meinungsfreiheit " versus "religiöse Gefühle" versus "Menschenwürde" zitiert.

Zitat 1:

„Nicht alles, was als Meinung rechtlich geschützt wird, ist moralisch und ethisch vertretbar. Die - gar nicht hoch genug zu schätzende - Meinungsfreiheit hat da ihre Grenzen, wo die Menschenwürde - und dazu gehört auch die Würde von Muslimen und ihrer Religion - verletzt wird“, betont der Präsident des Zentralrats.

Habe ich ja auch mehrfach hier vertreten, daß natürlich es sich um eine Art Güterabwägung handelt (wobei man jetzt nicht diskutieren braucht, ob das Wort "Gut" hier angebracht ist).

Aber mit der Würde einer Religion verhält es sich schlicht anders als mit der Würde eines Menschen. Menschen könne sich freilich über Religionen definieren, von mir aus - das kann man bekanntlich über alles Mögliche. Ich höre mir ja auch jede zweite Woche "Scheiß St. Pauli, Scheiß St. Pauli" aus dem gegnerischen Fanblock an - ist das 'ne Verletzung meiner Menschenwürde? Wieso werden Religionen da höher angesiedelt? Bitte um Gründe. Vielelicht birnge ich ja was durcheinander.

Ist's anthropologisch defizitär, wenn man Religionsausübung nicht als konstitutiv für die eigene "Identität" empfindet? Grauenhafterweise habe ich sowas erstaunlich häufig, besonders aus der US-Ecke, gelesen in letzter Zeit ...

Noch was: Es gibt gute politische und moralische Gründe, die sehr viel mit Menschenwürde zu tun haben, die Veröffentlichung der Karrikaturen in Dänemark zurückzuweisen und nicht durch die Meinungsfreiheit gedeckt zu sehen. Insbesondere sind das "innerdänische" oder "innereuropäische" Gründe: In einem Klima, in dem sowieso Hetze gegen Muslime schon als sowas wie das Gute von manchen Achslern und allen Eussners betrieben wird, sind diese Zeichnungen eben genau dort auch einzuordnen - eben nicht als Meinung oder Kunst, sondern diffamierende, gegen Menschen gerichtete Propaganda. Die liberalen Blogs unterscheiden zumeist noch sauber zwischen dem politischen Islamismus und Muslimen im allgemeinen und fangen dann an zu beurteilen ...

Völlig anders verhält es sich jedoch, wenn im Libanon unter Berufung auf die Religion gegen Dänemark im allgemeinen der Aufstand alles Mögliche abfackelt und somit sich ja zudem genau die Spiegel kritiserte Kollektivhaftung ausdrucksstark formuliert. Das ist doch das Grauen!

Und wo zieht man denn bitte eine Grenze für die "Verletzung religiöser Gefühle"? Beispiel: Die Darstellung des homosexuellen Aktes. Kann ja sein, daß Katholiken das schon als Verletzung ihrer religiösen Gefühle empfinden, weil's ja "Sünde" darstellt, und somit indirekt auch als ihre Menschenwürde verletzend. Und, in der Tat wurde mir genau eine solche Darstellung gerade aus einer Sendung geworfen, das zum Thema Meinungsfreiheit hierzulande ...

Nächster Punkt:

„Ohne Frage sind die gewalttätigen Ausschreitungen durch nichts zu rechtfertigen, aber man würde den an einer Eskalation der Situation offensichtlich interessierten Islamisten leichtfertig in die Hände spielen, würde man hierfür die Gesamtheit der Muslime in Haftung nehmen. Es gibt keine Kollektivhaftung!"

Eben. Vollste Zustimmung.

"Gleichwohl sollte sich die abendländische Kulturgemeinschaft davor hüten, die eigenen freiheitlichen Grundwerte und Traditionen im Angesicht von gewalttätigen Demonstranten leichtfertig aufzugeben."

Ja, richtig.

"Selbstbewusstsein ohne Arroganz einerseits und verständnisvolle Hilfe bei einem Transformations- und Modernisierungsprozess einer der ältesten Religionen der Menschheit andererseits, sind keine Gegensätze, sondern können durchaus zwei Seiten ein und derselben Medaille sein."

Das ist doch selbst unerträglich arrogant, sorry, da nehmen ja sogar Rechtsblogger den Islam ernster. "Ich helfe euch mal verständnisvoll beim Transformationsprozeß". Würde ich das als Moslem lesen, würde mir aber auch was hochkommen (was mich jedoch weder zu Antisemtismus noch zu Selbstmordattentaten treiben würde, wie die meisten Muslime ja auch nicht) ... hoffe ja auch meinerseits und dieses eine mal sogar mit Broder, daß sowas wie eine islamische Reformation zu stärken sein könnte, und das meint Herr Spiegel ja auch, aber so, wie er dann implizit Markwort folgend faktisch nur Rückständigkeit behauptet, das ist einfach falsch.

Religiöse Fundamentalismen reagieren immer schon auf Modernisierung und sind ohne diese gar nicht verständlich, und das ist schon seit der Aufklärung so, und eine Art "säkularer Fundamentalismus" war genau in diesem Sinne auch schon der moderne Nationalismus mit all seinen fatalen Folgen ...

Das schlimmstmögliche Ergebnis der ganzen Diskussion ist für mich, daß religiöse Kräfte wieder ein stärkeres Gewicht in politischen Debatten auch in Westeuropa bekommen (das betrifft Herrn Spiegel übrigens ganz ausdrücklich nicht, der ist für mich eine sehr wichtige, politische Instanz, deswegen wird man ihn ja auch kritisieren drüfen).

Und ich habe das vage Gefühl, daß genau das sich gerade abzeichnet - und dann bin ich nur froh, wenn vermeindliche Rechtsblogger wie Statler da auch drauf hinweisen. Was PI oder Kewil so schrieben, lese ich ja lieber gar nicht, mit Sicherheit aber was anderes ... und mit Sicherheit was ziemlich Scheußliches.

Wolldocken

Das folgende will ich schon zitieren, seit in der Debatte rund um den Karrikaturenstreit so eigentümlich sortiert wurde. Ist aus der Einleitung zu "Die Ordnung der Dinge" von Michel Foucault:

"Es scheint, daß bestimmte Aphasiker nicht auf kohärente Weise die mehrfarbigen Wolldocken ordnen können, die man ihnen ...

... auf einem Tisch vorweist, als könne dieses Rechteck nicht als homogener und neutraler Raum dienen, in dem die Dinge die zusammenhängende Ordnung ihrer Identitäten oder Unterschiede und das semantische Feld ihrer Beziehungen gleichzeitig manifestieren. Sie bilden in diesem abgegrenzten Raum, in dem die Dinge sich normalerweise aufteilen und bezeichnen, eine Multiplizität kleiner klumpiger und fragmentarischer Gebiete, in denen namenlose Ähnlichkeiten zusammen die Dinge in diskontinuierlichen Inselchen agglutinieren. In eine Ecke stellen sie die hellsten Docken, in eine andere die roten, woandershin die, die von wolligerer Konsistenz sind, dann die längeren, entweder die, die ins violette gehen, oder die, die zu einem Knäuel zusammengeknüpft sind. Kaum sind diese Gruppierungen skizziert, lösen sie sich schon wieder auf, weil die Identitätsfläche, durch die sie gestützt werden, sei sie auch noch so eng, doch zu weit ausgedehnt ist, um nicht unstabil zu sein. Und bis ins Unendliche sammelt der Kranke zusammen und trennt, häuft er die verschiedenen Ähnlichkeiten auf, zerstört er die evidenten und verstreut die Identitäten, überlagert die verschiedenen Kriterien, gerät in Erregung, beginnt von neuem, wird unruhig und gelangt schließlich bis an den Rand der Angst."

(M. Foucault, Die Ordnung der Dinge, Frankfurt/M. 1971/1988 , S. 20-21)

Auch schön das, was Foucault zu diesem, seinem Werk über's historische A Priori inspirierte: In einem Text von Borges fand er einer "gewisse, chinesische Enzyklopädie" zitiert, in der es hieße, daß Tiere sich wie folgt gruppierten:

"a.) Tiere, die dem Kaiser gehören, b.) einbalsamierte Tiere, c.) gezähmte, d.) Milchschweine, e.) Sirenen, f.) Fabeltiere, g.) herrenlose Hunde, h.) in diese Grupierung gehörige, i.) die sich wie Tolle gebährden, k.) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, l.) undsoweiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n.) die von weitem wie Fliegen aussehen."

(J. L. Borges, Die analytische Sprache John Wilkins', in ders., Das Eine und die vielen. Essays zur Literatur, München 1966, S. 212, zitiert nach: siehe oben, S. 17)

Gibt halt doch viele Weisen, das Feld zu vermessen ...

08.02.06

Meinungsmärkte

In Frankreich treibt's derzeit wieder Jugendliche auf die Straße. Diesmal demonstrieren sie gegen die Arbeitsmarktpolitik der Regierung Villepin ganz konventionell.

Die hat ein Konstrukt namens CPE (Contrat Premier Embauche) in die Welt gesetzt, um die extrem hohe Arbeitslosigkeit bei den 16-26jährigen zu bekämpfen. Die liegt jenseits des Rheins bei fast einem Viertel in dieser Altersgruppe, zum Vergleich: In Deutschland sind's wohl 16% (laut FRANKFURTER RUNDSCHAU). Was genau dieser CPE ist, kann man zum Beispiel hier nachlesen. Letztlich ist's die Wunscherfüllung jener, die auch hierzulande Kündigungsschutz als Relikt längst vergangener Zeiten und Inbegriff des Besitzstandswahrens ...

... begreifen. Kurz: Abeitsverträge, in diesem Rahmen geschlossen, sind nach dem Prinzip Hire & Fire gestrickt - für zwei Jahre. Faktisch eine Probezeit von 24 Monaten.

Bei Spiegel-Online ist zu lesen, daß jene neuerdings weltberühmte Zeitung aus Jütland 2 Jahre zuvor den Abdruck von Jesus-Karrikaturen zum Osterfest mit der Begründung, das könne den Lesern nicht gefallen, ablehnte. Retrospektiv begründet das der zuständige Redakteur mit der mangelnden Qualität der Karrikaturen. Feigling. Für Karrikaturen über Mohammed findet sich ganz simpel eher ein Markt in Dänemark derzeit, als daß zu Ostern Zeitungskunden auf der Suche nach Gelächteranreizen angesichts des exekutierten Heiland wären.

Man beziehe nun den oben genannten, feuchten Flexibilisierungstraum aus Frankreich auf das im Absatz darunter über Veröffentlichungsmöglichkeiten Geschriebene und das dann noch auf Meinungsfreiheit - das zusammenzudenken ist ja so schwer nicht.

Die Freiheit, (fast) alles in einem BLOG schreiben zu können, ist ja super und in der Tat ein völlig anderes Leben als in China. Ich habe diese Seite ja auch, weil in meinen sonstigen journalistische Tätigkeiten sehr viele, mich interessierende Themen schlicht niemand kaufen würde oder auch nicht der Markstellung des Unternehmens, in dem ich angestellt bin, entsprächen. Mit "nicht marktfähigen Meinungen" im ARD- (da ist die Quote Markt-Stellvertreter) oder RTL-Hauptprogramm, in FAZ, SPIEGEL oder auch nur Hörzu zu landen - keine Chance. Nein, präziser: Mit Meinungen, von denen nicht angenommen wird, daß sie möglichst viele interessieren könnten, scheitert man als freier Journalist am Markt. Dabei könnten sie doch wichtig, wahr, bahnbrechend sein?

Hinzu kommt, daß sie auch an Anzeigen interessierten Verlegern nicht schaden und möglichst keine starken Lobbys auf den Plan rufen dürfen. Die ziemlich bekannte Kolumne eines guten Kumpels von mir wurde abgesetzt, weil zu oft ein mächtiger Verband sich an ihr rieb, dabei war die wirklich populär.

Klar: Man kann sich auf 'ne Parkbank stellen und 'ne freie Rede halten und begibt sich dabei allenfalls in Gefahr, kurz in der Psychiatrie zu landen. Was veröffentlichte Meinungen betrifft, so ist die Rede von der Freiheit allerdings maßlos übertrieben.

Zudem immer mehr Journalisten unter Bedingungen arbeiten wie eben jene Jugendlichen in Frankreich. Wie Karawanen ziehen sie projektbezogen durch die Ländles - 'ne eigene Meinung verhindert zumeist, daß noch einmal sie gebucht werden. So sind die Marktgesetze im "freien" Journalismus ... die Abhängigkeiten verschärfen sich und produzieren Schleimer und Nachbeter ohne jedes persönliches Profil.

Ich mit meinem Kündigungsschutz kann wenigstens noch mit offenem Visier in die Auseinandersetzung mit meinen Chefs ziehen ... wenigstens das. Daß die Produktivkraftentwicklung nun mir auch 'nen Blog bescherte ... das allerdings läßt hoffen. Vielleicht ziehen die Produktionsverhältnisse ja nach ...

Humor in der Weltgesellschaft

Humor ist in Dänemark sowie immer auf's Neue auch hierzulande (ich sach nur Mario Barth) kein ganz einfaches Thema - daß jedoch eigentlich bei den teils nur schlechten, teils Hetz-Karrikaturen Humorvolles zumindest intendiert war, darauf weist heute in einem spannenden Artikel Jörg Räwel in der FR hin. Spannend ist dieser aus zwei Gründen: Zum einen deutet Räwel den ganzen Karrikaturenstreit als Binnenkonflikt in einer ...

... längst existenten, massenmedial vernetzten Weltgesellschaft, was zumindest hinsichtlich des globalen Generierens von Sichtbarkeit, das z.B. Bronski so treffend beschreibt und das bereits bei den Pariser Riots so maßgeblich wirkte, plausibel erscheint.

Dann wäre auch dieses Gerede, das z.B. Helmut Markwort gestern bei Maischberger wieder absonderte, daß nämlich die islamischen Länder einfach nicht so "entwickelt" seien wie die unseren, hinfällig. Ich behaupte mal, die sind lediglich anders entwickelt, hegelianische Teleologie steht uns einfach nicht mehr zur Verfügung - was einen nicht davon abhalten sollte, jetzt drüber zu diskutieren, welche Entwicklung man richtiger findet.

Gerade das ist freilich der Grund, warum alles, was über Moral im verlinkten Artikel steht, falsch ist. Macht nix, gut isser trotzdem, deswegen sei die systemtheoretische Perspektive zitiert:

"Die funktional differenzierte Weltgesellschaft ist vielmehr durch die Tendenz ausgezeichnet, unterschiedliche gesellschaftliche Binnenperspektiven zu generieren, die arbeitsteilig unterschiedliche funktionale Aufgaben der Gesellschaft übernehmen. Das Wirtschaftssystem etwa dient der Vermeidung von Knappheit, das Rechtssystem sorgt für die Durchsetzung kollektiv bindender Normen, die vom politischen System durch Funktionalisierung von Macht vorbereitet werden. Das funktionale System der Wissenschaft generiert neues, wahrheitsindexiertes Wissen.

Die relative Eigenständigkeit dieser Binnenperspektiven führt zu einer konstitutiven Unruhe der modernen Gesellschaft. Systeme können sich nicht direkt in ihrer je spezifischen Perspektivik beeinflussen, sondern nur eigenperspektivisch auf die generierten Veränderungen reagieren - und rufen damit selbst wiederum Veränderung hervor. Dies führt dazu, dass sich die moderne Gesellschaft paradoxer Weise durch ständigen Wandel stabilisieren muss, Innovation und Kreativität Wertschätzung genießen. In der prestigereichen humoristischen Kommunikation wie auch im modernen System der Kunst ist nun dieses Erfordernis der modernen Gesellschaft selbst funktionalisiert. Humor erzeugt Varianten des Konventionellen und kann dadurch sozialen Wandel vorantreiben. Humor zeigt, wie man es anders machen kann, generiert Flexibilität, damit die moderne Gesellschaft möglichst schnell auf potentielle Veränderungen reagieren kann."

Islamisten haben sich soviel - schreckliche und zerstörerische - Mühe gegeben, gefährlich nicht nur zu wirken, sondern zu sein. Jedes Statement dieses iranischen Präsidenten zieht Selbstbewußtsein aus der Rolle des Gefährlichen in der Weltgesellschaft. Und dann kommt so eine dänische Zeiung daher, vorhandene Xenophobie nutzend und fördernd und aus mit Sicherheit weniger hehren Motiven als im Nachhinein behauptet, und fordert zu Gelächter auf. Nicht umsonst wirkt der inszenierte Mob vor den Botschaften ja gar nicht empört, sondern wütend wie ein Kind, das auf dem Schulhof ausgelacht wird ... vielleicht ist dieser Punkt viel wichtiger als die Frage nach der Meinungsfreiheit. Vielleicht. Keine Ahnung ... auf "Der Name der Rose", ein einziger Kommentar zum Verhältnis von Religion und Humor, hatte ich ja schon weiter unten verwiesen. Nicht umsonst bringt der Ober-Mönch dort jene um, die Aristoteles Abhandlung über die Komödie lesen wollen ...

07.02.06

Den Rosen folgen

Alan Titmarsh.jpg

Wahrscheinlich - so zu ca. 77,3 % - ist's angesichts der aktuellen, globalen Lage an der Zeit, über die Rosen-Neuzüchtungen für die nächste Balkon-Saison zu reden.

Und beim Anblick eines die Vorlust anstachelnden Fotos wie dem obigen dann, dem Adorno-Zitat aus dem vorherigen Eintrag folgend, in den Flow des Daseins kopfüber einzutauchen und in vorweggenommener Ganzkörper-Mimesis den Duft, den Wind, die Temperatur an Sommerabenden und die Salzigkeit auf den Lippen zum Bildnis hinzu zu fühlen. All das, was man vor 13 Jahren ja auch anders empfand als heute ...

Über ein solches Verhältnis von Natur und Kultur ...

... haben Rosenzüchter wie David Austin eine Menge zu erzählen. Sie könnten auch erläutern, warum ein Begriff wie "Rasse" allenfalls bei der Neuzüchtung von Hundesorten Sinn macht. Und was Kultur so alles ist, wie sie sich wandelt - und warum Adorno Recht hat: Auf Film gebannt würde ein immer neu einmaliges Ereignis wie das folgende allenfalls simuliert und verlöre doch Zauber, Mystik, Wissen: "Die Blüten beginnen als rundliche Knospen und öffnen sich allmählich, um eine mit vielen Blütenblättern gefüllte Mitte freizugeben, wobei sie ihre rundliche Form behalten – die Blütenblätter biegen sich auf höchst reizvolle Weise nach innen."

Deshalb ... ist es so wichtig, zwischen hochgehypeten Gitarren-Bands und anderem Trendzeugs immer mal wieder Musical zu hören. Weil man sich so tarnen kann und entziehen durch offensive Sichtbarkeit: Musical, schwul, Rosen - das formt ein Bildnis, da glaubt der gemeine Mitteleuropäer, dieses reflexhaft entziffern zu können. Weil er ja auch Blumentöpfe deutelt. Ich bin darüber auch gar nicht beleidigt ...

Kein Bildnis

"Das altestamentarische Bilderverbot hat neben seiner theologischen Seite eine ästhetische. Daß man sich kein Bild, nämlich keines von etwas machen soll, sagt zugleich, kein solches Bild sei möglich. Was an Natur erscheint, das wird durch seine Verdoppelung in der Kunst eben jenes Ansichseins beraubt, an dem die Erfahrung von Natur sich sättigt. Treu ist Kunst der erscheinenden Natur einzig, wo sie Landschaft vergegenwärtigt im Ausdruck ihrer eigenen Negativität."

Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie, Frankfurt/M. 1970/1995, S. 106

06.02.06

Christiansens Christenstyle

Die Einspieler in der Christiansen-Sendung sollen natürlich zuspitzen. Um die Debatte anzuheizen. Mit Journalismus hat das Format auch nur am Rande zu tun - recherchiert eher ein Meinungsspektrum, was ja okay ist.

Daß jedoch im Einspieler über einen vermeindlichen Kampf der Kulturen ständig ein grafisch animierter Krummsäbel gegen ein goldenes Kreuz klirrt, empfinde ich schlicht als Frechheit.

Falls in diesem Konflikt Kulturen aufeinanderprallen sollten, dann doch eindeutig eine säkulare auf eine religiöse. Nicht umsonst hat auch der Papst die Karrikaturen kritisiert. Wieso findet dann in letzter Zeit immer diese massenmediale Zwangschristianisierung Deutschlands statt? Die Christiansenisierung war schließlich schon schlimm genug....

05.02.06

Lebensstile, die zweite

Das hier ist so daneben, daß ich's einfach zitieren muß:

"Die persönliche Befindlichkeit ist mir persönlich als Ausgangspunkt journalisitscher Themen oder Ideen immer noch lieber als ein sich an Zielgruppen und Marktforschungen heranschwänzelndes Servicegedudel („das wollen die Leute lesen“). Ins gleiche, nämlich ins eigene Fleisch, schneidet sich Engelmann auch mit dem Vorwurf, das alles sei ja auch nur in Berlin ein Thema: Das gilt zum einen für vieles, und führt trotzdem nicht zwangsläufig zu Schreibverboten, und ist, zum anderen halt Teil des Themas. Wo soll man denn sonst die Zunahme von Blumentöpchen im öffentlichen Raum als Symptom gesellschaftlicher Veränderungen deuten – im Voralpenland?"

Und Existenzielles Besserwissen bejubelt das auch noch. Wer einmal ...

... Blixa Bargeld interviewt hat, weiß die Antwort:Medien sind selbstreferentiell, das entgegnete dieser phasenweise und zu Recht meistens sauwütend gleich auf die erste Frage. Was ist denn das bitte für eine blödsinnige Alternative, persönliche Befindlichkeit versus Zielgruppenforschung? Da gibt es ja noch ein paar Alternativen ... z.B. nicht als Journalist nur über Journalisten und deren Freunde zu berichten, sondern über gesellschaftliche Zustände, und da kann man dann ja auch gerne persönliche Befindlichkeit als Ausgangspunkt nehmen.

Und warum überhaupt Blumentöpfe auf Fensterbänken wo auch immer deuten wollen? Jan Engelmann plädiert in seinem taz-Artikel dafür, die Kategorie des Sozialen mal wieder ernst zu nehmen und sich nichtt endlos in diesen albernen Fragen nach Lebensstilen zu verheddern, die sich so und in dieser Form ja nun wirklich immer weniger Leute überhaupt stellen können. Daß weder Mercedes Bunz noch Explorations bei dieser Pointe landen, sondern sich selbst wechselseitig auf die Schulter klopfen und dann noch so albern "Schreibverbote" an den Pranger stellen wollen, das bestätigt doch nur das von Engelmann Geschriebene.

Sitze auf der St.Pauli-Haupttribüne immer neben Jochen und Fred. Jochen hat eine Kneipe auf dem Kiez, Fred ist Frührentner. Die würde ich gerne mal schreiben und berichten sehen und hören. Die differenzierte Betrachtung von Blumentöpfen - die wüßten gar nicht, was das soll. Was kein Stoßen ins Horn der guten, alten Intellektuellenfeindlichkeit sein soll. Nee, bloß nicht, komme ja nicht aus Bochum, Essen oder Oberhausen. Was aber doch den Kontext ein wenig klarer faßt, in dem Engelmanns Kritik verortet ist .... und Journalisten können ja auch gerne weiter über sich und ihre Freunde schreiben. Sie sollten dann nur nicht glauben, sie sagten damit was über gesellschaftliche Verhältnisse aus ...

04.02.06

Zur Kritik der Kritik der Menschenrechte

Hatte ja hier ganz am Ende der Kommentare angekündigt, noch einmal auf die Einwände von Lysis gegen die Forderung nach Einhaltung der Menschenrechte in einem separaten Eintrag einzugehen.

Ist ja ein hehres Thema, und von Joschka Fischer bis George W. Bush ist man sich in der Tat nicht so ganz sicher, ob da nicht was ganz Tolles eher zur Legitimation ganz anderer Interessen instrumentalisiert wird.

Zu Marx' (etwas böse, gebe ich zu, mit dessen Kritik kann man doch einiges anfangen) und der Foucaultschen Kritik hatte ich mich bei den Kommentaren schon ausgelassen.

Lysis hatte noch drei Links gepostet: "Die Sache mit den Menschenrechten", "Die Menschenrechte - Passepartout der bürgerlichen Staatskritik" sowie eine Diskussion in einem Forum, die sich im wesentlichen im Paradigma der Marxschen Kritik am bürgerlichen Freiheitsbegriff bewegt. Wen's interessiert, was mir dazu so einfällt, kann's ja im folgenden lesen, ist aber eigentlich eine Diskussion, die eine mehrbändige Auseinandersetzung und mindestens 10 Jahre Denkarbeit erfordern würde, aber die bezahlt mir ja keiner ...

Zur Antwort falle ich einfach mal mit der Tür ins Haus und zitiere ausnahmweise mal Heidegger:

"Gegen den Humanismus wird gedacht, weil er die Humanitas des Menschen nicht hoch genug ansetzt."
(M. Heidegger, Über den Humanismus, Bern 1947., S.19)

Und, etwas um die Ecke gedacht, zitiere ich auch meinen hoch verehrten Lehrer Herbert Schnädelbach und seine Auseinandersetzung mit dem von Foucault in "Die Ordnung der Dinge" verkündeten "Tod des Menschen":

"Der theoretische Antihumanismus ist also auch deswegen so erfolgreich, weil er (...) in metaphysischer, technologischer und ethischer Hinsicht die Sorge um das Menschliche und Menschenrechte zu seiner Sache zu machen versteht und damit die durch seine menschenfeindliche Rhetorik aufgeschreckten Gemüter gleich wieder zu beruhigen und damit für sich einzunehmen weiß." (H. Schnädelbach, Zur Rehabilitierung des animal rationale, Frankfurt/M. 1992, S. 279)

Ähnlich verhält es sich doch mit der Kritik der Menschenrechte: In jenem, oben verlinkten Eintrag von Lysis zu den Menschenrechten als Passepartout der bürgerlichen Staatskritik wird ja im Grunde genommen nur zu Recht beklagt, daß diese nicht umfassend genug Anwendung fänden. Daß auch jenen, die sich auf sie beriefen, diese oft genug am egalsten sind. Das alles zu kritisieren ist aber nur möglich, wenn man die Forderung nach Menschenrechten selbst auch erhebt und deren mangelnde Realisierung beklagt.

Anders der andere Eintrag. Hier wird die Frage nach den Menschenrechten in jene nach dem Verhältnis von Staat und "Bürgerrechten" gebracht. Beides, Menschen- und Bürgerrechte, bringe ich hier in der Tat mit Vorliebe durcheinander. Der Staat wird als das Beherrschende und Rechte zuweisende bzw. entziehende gedacht. Der Text bewegt sich im Paradigma klassischer Herrschaftskritik - wie übrigens auch die mir bekannten liberalen Positionen, die dann immer den Leviathan aus der Laptoptasche zücken.

Was mich an diesen Positionen immer so nachhaltig irritiert, ist

1.) daß der Staat hier immer als ein so seltsames Super-Subjekt agiert. Staat ist doch was in sich komplexes, funktional ausdifferenziertes mit einer Fülle unterschiedlichst funktionierender Instituionen. Ein einheitliches, unterwerfendes, allatäglich zum Tragen kommende Handeln sehe ich vielleicht beim Steuerrecht und Straßenverkehrsordnung, aber sonst? Klar, es gibt in der Tat ein Katalog von Sanktionen im Falle grundsätzlicher Regelverstöße, ich finde das aber gar nicht nur schlimm, wenn Neonazis im Knast sitzen ...

2.) daß Herrschaft in dieser klassischen oben-unten-Verteilung zwar auch ausgeübt wird, aber ansonsten Luhmann, Foucault und andere uns doch lehrten (mich damit auch überzeugten), daß Macht ganz anders funktioniert, nicht als die Relation von Herrschern und Beherrschten. Sondern multizentrisch, relational und gewissermaßen durch die Individuen hindurch. Diese Staat/Subjekt-Relation ist in der Tat ein Fall der von Luhmann gegeißelten (und im Zentrum seiner Theorie zentrales Thema seienden) Komplexizitätsreduktion. Vor allem landet man so schon gar nicht bei der eigentlichen Marxschen Intention, der Kapitalismuskritik. Auch Phänomene wie Vereine oder Selbserfahrungsgruppen, die ebenfalls Orte der Macht sind und bestimmte Subjektivierungsweisen hervorbringen, bekommt man so nicht in den Begriff.

3.) der Staat grundsätzlich nie als Organ der Demokratie sich beschrieben findet. Idealerweise ist er das aber.

Was dann wohl der Kern der Debatte ist: Wie bereits oben im Falle des Humanismus, der die Humanitas des Menschen nicht hoch genug ansetzen würde, wird im Grunde genommen beklagt, daß Demokratie im Staat nicht ausreichend verwirklicht sei. Das ist wohl in der Tat so, aber das sagt ja nix gegen Demokratie, sondern ganz im Gegenteil ...

Jetzt hier im Blog wie Habermas in "Faktizität und Geltung" das Modell der Gewaltenteilung diskurstheoretisch neu durchzuspielen und die Menschenrechte ebenso, das würde etwas weit führen. Klar ist, daß bei solchen und ähnlichen Versuchen die Marxsche Kritik nicht greift. Habermas, und da folge ich ihm, leitet diese Rechte ab aus den Strukturen gelingender Interpersonalität, dieses gierige, egoistische, rein erfolgsorientierte "bürgerliche" Freiheitssubjekt, das Marx und so viele im verlinkten Forum beklagen, mag vielleicht von liberaler Seite vorgestellt werden, das ist aber weder tatsächlich irgendwo auf dieser Welt auffindbar, noch ist's notwendige Vorraussetzung oder Ziel der Menschenrechte - zumindest nicht so, wie ich sie verstehe.

Das Problem bei Theoretikern wie Habermas ist doch eher, daß sie suggerieren, die Welt und die staatlichen Rechtsformen seien so, wie er sie beschreibt. Wer einmal in einem realen Gerichtssaal gesessen hat, weiß, daß dem nicht so ist. Was nix daran ändert, daß sie so sein sollte, die Welt ... ich zumindest bin dafür. Insofern ist Habermas deskriptiv teils mit Vorsicht zu genießen, teils unwahr; hinsichtlich politischer und anderer normativer Vorstellungen finde ich den schon ziemlich klasse.

Bleibt noch das hier:

"Der Widerspruch bei den Menschenrechten: dass sie den Bock zum Gärtner machen, d.h. den "Bürger" ausgerechnet vor dem schützen sollen, der diesen Schutz gewährt, ist dir aber schon mal aufgefallen, oder?"

Diese theoretische Konstruktion des "Bürgers" entzieht sich nun tatsächlich meiner Kenntnis, obgleich ich das heute morgen noch mal versucht habe, bei Marx nachzulesen. Wahrscheinlich war's zu hoch für mich, aber da schien mir die Methodik, nun ständig irgendwelche Widersprüche zu konstruieren, die man dann hegelianisch dynamisiert, den Sachgehalt zu überwuchern. Ich glaube nicht, daß "bürgerliche" Rechstformen- und Normen immer nur auf den Erhalt von Besitzverhältnissen gerichtet sind. Das hätten die Liberalen zwar gerne, ist aber nicht so. Ebenso ist es auch nicht so, daß Menschenrechte auf bürgerliche Schutzrechte vor staatlichen Interventionen reduzierbar sind (und selbst wenn das so wäre, wäre das ja kein Widerspruch). Das Recht auf körperliche Unversehrtheit gilt ja nicht nur dann, wenn ein Polizist mich verprügeln möchte. Widersprüchlich wird's bei der Wehrpflicht - wenn also Wehrpflichtige in den Krieg geschickt würden. Und das wurde ja nun auch gerade sehr kontrovers diskutiert ...

Mir geht's um Mindestrechte für Personen, nicht Bürger, die sich aus gelingender Interpersonalität notwendig ergeben und somit auch aus der Vernunft als menschlichem Vermögen selbst. Maßgeblich für Vernünftigkeit ist ja immer schon die Unparteilichkeit, nicht der Egoismus. Ich halte es in diesen Fragen mit der Unterscheidung zwischen strategischer Vernunft (instrumenteller Vernunft, Zweckrationalität) und verständigungsorientierter Rationalität und folge Habermas dahingehend, das erstere eine abkünftige Form ist. Freiheit ist das Vermögen, Gründen folgend zu handeln, und handelt man gemeinsam, dann ergeben sich daraus auch begründete Regeln der Solidarität.

Für mich ist insofern auch immer wieder Aufgabe linker Politik, mittels eines sich daraus ergebenden Konzeptes der Rechte von Individuen die kollektive, kapitalistische Unfreiheit zu kritisieren und hier tragfähige Alternativen zu formulieren. "Bürgerlichkeit" unter Bedingungen gelingender Demkartie ist im besten, allerdings wahrscheinlich utopischen Fall (da kann man sich dann ja immer mit regulativen Ideen rausreden) dann die interpersonal einvernehmliche Selbstgesetzgebung von Personen.

Im Anschluß an all das ist dann in der Tat die Frage der Eigentumsrechte die zentrale. Ich würde nicht mit Marx die generelle Aufhebung des Privateigentums fordern. So, wie's aktuell läuft - die Freiheit weniger auf Kosten einer Einschränkung der Möglichkeitsspielräume vieler -, geht's aber auch nicht. Insofern sind die zentralen Fragen der Menschenrechte wieder im Kontext der Fragen der Solidarität, ganz klassisch, zu diskutieren. Die ganzen Konzeptionen negativer Freiheit, wie die Liberalen sie vertreten, sind in der Tat in sich widersprüchlich - wegen dieses ganz alten, aber brandaktuellen Unterschieds zwischen der "Freiheit von X" und "Freiheit zu X". Wer frei von Arbeit, Wohnung und allen Formen des Kapitals unter Brücken wohnt und schon allerorten aus Innenstädten vertrieben wird, wird wohl kaum die Fahne des Liberalismus schwenken ... selbst schuld ist er aber auch nicht. Amen.

Nordfriesland ...

st.peter-ording.jpg

(Foto: Sigrid Sveistrup)

... ist übrigens auch sehr schön!

Heavy Stuff

Bei Der Morgen ist ziemlich Gruseliges rund um einen Moderaufruf gegen Dr. Dean zu lesen, gepostet in der Kommentarfunktion jenes Blogs, das ich nicht mal in kritischer Absicht verlinke, weil ich mir nicht sicher bin, ob sich dort nicht strafrechtlich relevante Inhalte finden - und hiermit meine ich nicht die Kommentare.

Ob dem so ist, sollen Juristen untersuchen, ich kann's wirklich nicht beurteilen und behaupte es somit auch nicht. Ich verstehe jedoch nicht, wieso so viele meiner "lesenswerten Klassenfeinde", um Statlers & Waldorfs Zuschreibung zu gebrauchen, darauf linken. Das ist mir schlicht ein Rätsel. So was läßt man rechts liegen und belegt es noch nicht mal mit Tiernamen, das wertet nur auf. Und während mir ja einige Formulierungen rund um den "Karrikaturenstreit" ...

... von Dr. Dean mich schwer nervten, weil man Rechte nicht mit großer rhetorischer Geste entziehen kann, finden sich heute dort sehr gute Hinweise zum so eskalierenden Drama rund um diese schlechten Bildchen, die gerade weltweit Wirkung zeigen. Auch Statler & Waldorf stimme ich weitgehend zu, falls das jemanden interessiert, wem zuzustimmen ich heute bereit bin ;-) ... obwohl auch sie auf diese Seite linken, die ich nicht verlinken will, und auch bei denen verstehe ich's einfach nicht, warum sie das tun. Sowas müßte Liberalen doch ein Gräuel sein.

Auf Seiten wie der hier nur umschriebenen finden sich allenfalls Belege dafür, daß im Zuge der Auseinandersetzung mit dem Islamismus gelegentlich jene, die diesen zu bekämpfen vorgeben, auch nicht weniger gefährlich sind als dieser selbst. Vielleicht innenpolitisch gesehen noch gefährlicher, weil sie den Mainstream hierzulande infiltrieren können.

Selbst wenn sie keine Bomben in Londoner U-Bahnen legen: Jjene, die aus ihrem Denken die Konsequenzen ziehen, amüsieren derweil auf der Straße damit, 12-jährigen mit "arabischem" Aussehen Zigaretten im Gesicht auszudrücken (Negerklatschen interessiert ja eh schon niemanden mehr). Und sie sorgen sie dafür, daß irgendwelche Irren bald wieder neue Solingens und Lichtenhagens stattfinden lassen werden. Weil sie die Gründe hierfür liefern und die Stimmung dafür schüren. Da brauchen sie auch gar nicht selbst zum Brandsatz greifen. Wer behauptet oder Behauptungen zitiert, epidemiehafte (biologisierte Begrifflichkeiten, das kennt man ja noch) Vergewaltigungen durch Araber würden sich wie Schneisen durch die westliche Kultur ziehen, kann seine Hände nicht in Unschuld waschen, sorry, unmöglich ... bald infizieren die dann wieder den Volkskörper der Wirtsvölker, die Araber. Und, auch das sei noch einmal betont: In genau dieser Hinsicht sind dann auch manche der Karrikaturen zu kritisieren. So diskutieren's aber wenige. Gut, Lysis schon.

Daß genau diese neuen Hoyersverdas drohen, das belegt doch Dr. Dean in seinem Blog vortrefflich. Wie gesagt und zur Sicherheit betont: Das ist keineswegs immer so bei jenen, die dem Islamismus entgegentreten, ist auch keineswegs am häufigsten so in deren Fall, aber gelegentlich ist's so. Ein Argument gegen das strikte Zurückweisen des Islamismus als politische Doktrin läßt sich daraus aber nicht stricken. Wie ja z.B. das Erstürmen der dänischen Botschaft aktuell belegt ...

Ein sehr guter Text zu den Hintergründen des "Karrikaturenstreits" findet sich beim Spindoktor (via DerMorgen). Aber auch intendierte Provokationen muß die Welt schon aushalten, meine Güte. Jetzt vom Mißbrauch des Rechts auf Meinungsäußerung zu reden, ist dummes Zeug. Man kann Rechte nicht mißbrauchen.

Kickers Emden spielt besser als Werder Bremen ...

... und hat gestern trotzdem am Millerntor verloren. Die Mannschaft hat mir im Gegensatz zu ihren Fans aber wirklich imponiert. Hatte immer diese kurzen Momente, wo ich tiefe Sympathien für den Underdog hegte, obwohl die ja gerade gegen uns spielten. Und ihr 2:2 war einfach ein saugeiles Tor ... habe denen dann auch applaudiert nach dem Spiel. Super waren die.

Die ersten 30 Minuten waren die Deichkicker den Kiezkickern sowas von überlegen - aggressiver, frischer, lockerer, was ja alles kein Wunder ist, wenn man sich diesen so wundervollen, emotionalen Extremismus rund um die Pokalspiele vergegenwärtigt. Da brauchten alle, jene auf den Geraden und jene in den Kurven wie auch die Spieler auf dem Platz einfach einen Moment, um zu begreifen, daß jetzt mal Schluß ist mit heroisch und es wieder einfach nur um die Liga geht. Danach haben die Unseren aber wieder aufgedreht und die Sache klasse gemacht. Danke, Glückwunsch!!!

Die Emdener regen sich jetzt ...

... über den Schiri auf; was ich nicht verstehe ist, ist, daß wieder wie bereits von Bremer Seite so getan wird, als könnten wir was für dessen Verhalten.

Der wirkte auch ein wenig wie Louis de Funes im Gendarme von St. Tropez, habe mich phasenweise schlappgelacht über dessen Körperssprache. Und er hat wirklich jeden Zweikampf, selbst solche ohne jede Körperberührung, gepfiffen. Die rote Karte für Canizarro war auf jeden Fall berechtigt, das war eine ganz klare Tätlichkeit. Den Elfmeter konnte ich nicht sehen, kann mir aber sogar vorstellen, daß der ohne die Pokalsiege u.U. nicht gepfiffen worden wäre selbst dann, wenn er berechtigt war. Jetzt sind ja auch unsere Spieler teure Spieler, und dann greift bei Schiris der Eigentumschutzreflex. Die wirken ja oft so, als seien sie von Julis Bonn ausgebildet worden ...

Immerhin: Ich selbst hatte auch meine großen Momente, jawohl! Prompt, nachdem ich aussprach "Fertig machen zum Torjubel", fiel auch das 1:0. Irgendeiner unserer Spieler macht sich fertig zum Freistoß schräg gegenüber, ich sach "Der geht rein!", prompt fällt das 4:2.. Nach dem 2:2 raune ich Jochen links neben mir zu "Keine Bange, wir schaffen noch zwei". "Oooooch, 1 reicht mir doch völlig ....". Dann hat er aber auch gejubelt ... und wehe, irgendjemand karrikiert mich jetzt!

03.02.06

Keine Ostfriesenwitze! Solidarität trotz Sieg!

0506_20_bremen_44.jpg

(Quelle: Bildergalerie Basis-St.Pauli)

Ostfriesland ist ein Traum. Plattes Land, gute Luft, gutes Bier, hoher Himmel, Weite, Meer, Ruhe. Und herrlich unaufdringliche, unprätensiöse Menschen. Und Schafe auf'm Deich. Diese Tiere haben's ja nicht verdient, phonetisch so gerufen zu werden wie der Trainer von Werder Bremen, den ich bis vor kurzem noch so klasse und sympathisch fand ...

Freu mich auf die Haupttribüne heute abend! Freu mich auf unsere Mannschaft, die uns uns jetzt schon so oft so glücklich machte! Freu mich darauf, daß es wieder ein ganz normales Liga-Spiel ist und nicht diese affektierten Millionäre da über den Platz laufen. Emden ist mir ja äußerst symptahisch, ist so frei von Glamour und großer Geste - you're welcome! Und ich glaube inständig daran, daß keine Spur von Überheblichkeit unser Dream-Team von einem wahrscheinlich nicht allzu hohen, aber klaren Sieg abhalten wird!

02.02.06

Streichelt Kuschs Ego!

Manchmal, aber nur manchmal muß man sogar was aus der Hamburger Morgenpost zitieren. In der heutigen Ausgabe, auf S. 9, findet sich ein herrliches Interview mit ehemaligen, niedersächsischen Justizminister und Kriminologen Christian Pfeiffer. Thema: Der Hamburger Justizsenator Kusch. Der ist ja eh bekannt als schlimmer Finger, nun forderte er die Abschaffung des Jugenstrafrechts. Was Pfeiffer über ihn sagt, ist darüber hinaus bei ganz schön vielen ganz schön oft anwendbar:

"Er scheint in einer narzisstischen Krise zu stecken. Offenbar hat er Lustgewinn daran, alle vier Wochen durch einen neuen verrückten Vorschlag aufzufallen. Er braucht diesen Kitzel, es streichelt sein Ego."

Ja, ja, die Wilden

quiz.jpg

Nachtrag zum Beitrag zuvor und der vermeindlichen "Zivilisierung der Wilden" nun noch eine "Karrikatur" - was es mit diesem gemeingefährlichen Drecksbild da oben, das ich hier ausdrücklich als journalistischen Beleg für die oben genannte These veröffentliche, auf sich hat, kann man bei Noah Sow nachlesen ...

Lagerdenken: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns

Wahrscheinlich bin ich schlicht zu blöd. Ich verstehe nämlich nicht, daß diese ganze Diskussionen rund um die dänischen Karrikaturen Mohammeds nun auf Teufel komm raus an altbekannten Frontlinien verbale Splitterbomben entzünden müssen.

Gut, die Mitglider der Achse des Guten positionieren sich da sowieso immer schon per Namensgebung, sehen sich halt im diskursiven Stellungskrieg und verharren so stahlhelmbewehrt im Schützengraben. Aber da müssen doch nicht gleich alle anderen mitmachen. Eine schönes Leben ist das nämlich bestimmt nicht.

Aber warum treibt's Der Morgen dazu, Broders Artikel auf Spiegel Online dann mit sowas beantworten:

"Wer herabsetzende Hetze gegen Menschengruppen verteidigt, verwirkt das Recht darauf, sich gegen Antisemitismus zu wenden."

Kann man Rechte in dieser Form verwirken? Und wieso entscheidet sowas Dr. Dean? Fand den Artikel von Broder ...

... nun auch nicht gerade überragend, aber dieser - ausnhamwiese sei's zugestanden - lebt halt bei allem, was mich an ihm auch einfach nur aufregt, von Zuspitzung, das ist seine Position im Diskurs, die Rolle füllt er aus, und deshalb ist's immer gut, ihn zu lesen. Und auf PI-Niveau war Broder da noch lange nicht gelandet, das passiert allenfalls Michael Miersch, dem allerdings immer. Es ist doch schlicht der Fall, daß Terrordrohungen einschüchtern sollen und man sich davon einfach nicht beeindrucken lassen darf, und daß es solche aktuell gibt und daß das schlimm ist, daß es die gibt, ist ebenso der Fall.

Ebenso wenig verstehe ich, daß der hoch geschätzte Lysis den von Broder attackierten taz-Artikel mal eben so unkommentiert ins Netz stellt. So doll ist der nun auch nicht, weil die Fragen, die rund um die Karrikaturen ein derzeit wirres Ringelreihen tanzen, nicht mal eben damit erledigt sind, daß in Dänemark in der Tat die wohl übelste der west- und nordeuropäischen Xenophobie-Wellen an die Strände schwappte und allerlei Eiländer verseuchte und Jütland gleich mit.

Insofern kann man die Verteidigung von Meinungsfreiheit und dem Recht auf Satire nicht mal eben damit beantworten, daß es aktuell übles, rechtsextremes Agitieren rund um Arhus und Horsens, auf Seeland und Aero gibt. Und trotzdem die Diskussion führen, wann menschenverachtende Stereotypenbildung eben politisch so fatal wirkt, daß sie durch das Recht auf Meinungsfreiheit nicht mehr abgedeckt ist. Ob das "Verletzen religiöser Gefühle" hier ein Kriterium sein kann oder nicht, das ist 'ne relevante Frage - ich glaube nicht, und ich glaube auch, daß Muslime damit genauso leben müssen wie alle anderen Religionen auch, daß man sich über ihre Propeheten lustig macht.

Ein Kriterium hingegen kann die Beantwortung der Frage sein, wann die antimuslimische Agitation - auch die eines Herrn Broder - tatsächlich in zu Rassismus strukturell analogen Phänomenen umschlägt, und ob das bei diesen Karrikaturen der Fall ist. So fragt das ja kaum noch jemand - irgendeine französische Zeitung hat's, glaube ich, getan.

Ebenso kann man sinnvoll über die "arabischen Reaktionen" debattieren, die ja teilweise unerträglich hysterisch sind. Das ist zwar irgendwie verständlich, soweit es sich eben gegen jene unerträgliche Fremdzuschreibung, alle Muslime seien qua kultureller Tradition auch Bombenwerfer, richtet. Dann aber Server als Vorstufe zum Angriff auf Menschen zu attackieren, das trägt auch nicht gerade dazu bei, das Vorurteil zu widerlegen ...

Die Reaktionen sind zudem verständlich hinsichtlich dessen, daß tote Iraker aus westlicher Perspektive eben nicht so schlimm sind wie tote Israelis, New Yorker oder Londoner (bitte jetzt keine Polemik über palästinensische Selbstmordattentäter und das Recht auf Selbstverteidigung, ich weiß das und bedarf da keiner Belehrung. Mein iranischer Kumpel kriegt trotzdem 'ne Krise, wenn er sich Bomben auf Teheran vorstellt, das ist ja kein islamistischer Affekt - daß exiliranische Kumpel von ihm Hitler toll finden, findet er auch schrecklich, generalisiert das aber nicht und hatt stattdessen 'ne Doku über Hip Hop- und Progressive-Rock-Musiker im Iran gedreht). Die Empörung darüber fließt ja ein in den Karrikaturenstreit.

Aber in der Form, in der die Reaktionen jetzt auftreten - sorry, nee, da können Karrikaturen noch so sehr Katalysator sein, das ist einfach nur der Mob, der sich formiert (und der kann sich ja bekanntlich in allen politischen Lagern auch unabhängig von Klassen- und Schichtzugehörigkeiten formieren).

Ich will aber meinerseits nicht den Fehler machen, den so viele Islamkritiker machen, nämlich Negativ-Sterotypen einfach zu generalisieren - nein, ich meine nicht "die Araber" mit dem, was ich schreibe, die gibt's nämlich ebenso wenig wie "Die Deutschen", "Die Juden", "Die Schwarzen", "Die Schwulen", "Die Briten" oder "Die Bayern". Schreiben Sie sich das bitte hinter die Löffel, Herr Broder.

Zu solchen Unterscheidungen wie den obigen gibt es jedoch keinerlei Bereitschaft im Blätterwald wie auch im Blog-Dorf nicht, nee, da werden immer nur Fundamental-Oppositionen in Mauerform zwischen Lagern errichtet und dann auf diesen fiktionalen Barrikaden die Fahnen geschwenkt. Das ist reine Bush-.Wirkung, ganz egal, welchem Lager man sich nun gerade zuordnet, und das geht mir doch schwer auf den Sack, daß dem das gelungen ist, daß so diskutiert wird. Frau Merkel, Herr Lammert und Herr Koch reiben sich schon mal die Hände, weil sie wissen, daß sie das bald auch hierzulande instrumentalisieren können, und dann wird wieder vielen im Namen der Meinungsfreiheit der Mund verboten, wie's einst schon bei der Kommunistenhatz geschah (weil's immer schon ein Unterschied war, zur stalinistischen Nomenklatura zu gehören oder als West-Linker sich kommunistischen Wünschen ganz hinzugeben, das nebenbei).

Beim Antibürokratieteam finden sich dann untereinander unvermittelt zwei gegensätzliche Weisen, mit dem Thema umzugehen. Da wird zum einen in katholischen Schulen nach Zensurphänomenen gesucht, was ja gut ist. Da wird aber zugleich ein Leserbrief amüsiert ins Netz gestellt, der wieder ganz unverblümt die These formuliert, ironiegewandet, daß ja "Der Westen" im Zuge der Kolonialisierung die Wilden zivilisiert habe.

Das ist eine der übelsten Ausprägungen der Vorstufen zu rassistischem Denken. Wer dergestalt ins Horn kultureller Überlegenheit stößt und so eine der grausigsten und verwerflichsten Phasen der Menscheitsgeschichte, den Kolonialismus, retrospektiv zu legitimieren sucht , ist wirklich nah dran, zu "Mein Kampf" zu blasen - hat irgendjemand den Dreck mal gelesen? "Mein Kampf" tritt auf als biologisierte Kulturtheorie. Dann kann man ja Putin auch mal wieder slawisch deuten ... und vielleicht neue Ostmarkenverbände gründen.

Das ist ein Denken, das dem Antikürokratieteam sonst fremd ist, aber kaum bilden sich Lager rund den "Karrikaturstreit", taucht's nebenei und wohl auch unbemerkt auf einmal auf wie'n Springteufel, und hinterher will's keiner gewesen sein ...

Grauenhaft, das alles. Weiß nicht, was das soll. Habe Sehnsucht nach Zeiten, als noch differenziert wurde, statt gegen jemanden sein zu sollen, weil man nicht für ihn ist ...

01.02.06

Amok-Allofs und Zigarrenrauchen

Falls die BILD jetzt keinen Borderline-Journalismus betreibt oder einfach nur das macht, was sie sonst auch macht, erwägt Werder Bremen jetzt das entschlossene Ergreifen juristischer Maßnahmen gegen den DFB. Für den Fall, daß finanzielle Schäden entstünden. Nicht etwa Schmerzensgeld für Klose, nö. Verletzungen sind nur hinsichtlich wirtschaftlicher Schäden relevant.

Glaubwürdiger erscheinen da die Gerüchte, Allofs habe den Schiri vorm Pokalspiel angepflaumt, ob dieser denn wisse, wie viele Millionen da auflaufen würden. Meine Güte, ein Sympath mutiert mit voller Midienwirkung zum unfairen Humankapitalisten, und muß jetzt aufpassen, daß ihm nicht sowas widerfährt:

"In Charlotte, NC, kaufte ein Rechtsanwalt eine Kiste mit sehr seltenen und sehr teueren Zigarren und versicherte diese dann, unter anderem, gegen Feuerschaden. Über die nächsten Monate rauchte er die Zigarren vollständig auf, und forderte dann die Versicherung auf (die erste Prämienzahlung war noch nicht einmal erbracht), den Schaden zu ersetzen.
In seinem Anspruchsschreiben führte der Anwalt auf, dass die Zigarren durch eine Serie kleiner Feuerschäden vernichtet worden seien. Die Versicherung weigerte sich zu bezahlen, mit der einleuchtenden Argumentation, dass er die Zigarren bestimmungsgemäß ver(b)raucht habe. Der Rechtsanwalt klagte... und gewann!

Das Gericht stimmte mit der Versicherung überein, dass der Anspruch
unverschämt sei, doch ergab sich aus der Versicherungspolice, dass die Zigarren gegen jede Art von Feuer versichert seien, und Haftungsausschlüsse nicht bestünden. Folglich müsse die Versicherung bezahlen, was sie selbst vereinbart und unterschrieben habe. Statt ein langes und teures Berufungsverfahren anzustrengen, akzeptierte die Versicherung das Urteil und bezahlte 15.000 US-Dollar an den Rechtsanwalt, der seine Zigarren in den zahlreichen ´Feuerschäden´ verloren hatte.

Jetzt kommts! Nachdem der Anwalt den Scheck der Versicherung eingelöst hatte, wurde er auf deren Antrag in 24 Fällen von Brandstiftung verhaftet. Unter Hinweis auf seine zivilrechtliche Klage und seine Angaben vor Gericht, wurde er wegen vorsätzlicher Inbrandsetzung seines versicherten Eigentums zu 24 Monaten Freiheitsstrafe (ohne Bewährung) und 24.000 US-Dollar Geldstrafe
verurteilt."

Gepostet von der Boxbeutelzecke im St.Pauli-Forum. Kann ja jeder mal für sich durchspielen, was das für Allofs hieße.

Aber wie kann der Mann seine Millionen überhaupt auf den Platz schicken bei solchen Verhältnissen? Seine hochengagierte Regionalligatruppe hätte da geringere, finanzielle Verluste bedeutet - und besser gespielt hätte die auch allemal ...

Berlin-Bashing und Lebensstile

Berlin-Bashing mag ich ja sowieso. Diese nur um sich selbst kreiselnden Kohorten der Selbstgefälligkeit da rund um Mitte herum treiben mich immer in den ICE zurück nach Hamburg. Sollen sie doch reden und sich feiern, egal - aber laßt den Rest der Republik einfach in Ruhe.

Drum: Was heute Jan Engelmann zur Schein-Diskussion um Neue Bürgerlichkeit in der taz schreibt, ist einfach so klasse, daß mir noch nicht mal irgendwas einfällt, ...

... was ich dem hinzufügen könnte. Also - da bleibt nix anderes übrig als zitieren!

"(...) Bei sämtlichen Feuilleton-Debatten steht eines ganz bestimmt nie zur Debatte: das eigene, enge Milieu der beteiligen Journalisten. So werden Partygespräche im Berliner Kollegen- und Bekanntenkreis umstandslos zu kulturellen Großwetterlagen hochgerechnet: "Ach, der Trend am Prenzlauer Berg geht inzwischen zum Drittkind? Na, da werden die freistehenden Lofts wohl bald in Kitas verwandelt und der Wasserturm in Ursula-von-der-Leyen-Siegessäule umbenannt werden!" - "Neulich habe ich übrigens einen Typen von der FDP in Steglitz kennen gelernt, der war eigentlich ganz vernünftig …"

Das Schema ist klar: Was hier, am point zéro der neuen Tendenzen, bereits seismografisch erspürbar ist, wird schon bald die ganze Republik beschäftigen. Und dabei spielt es auch keine Rolle, dass man anstatt über angebliche Verbürgerlichungstendenzen mit gleichem Recht auch über Verelendungstendenzen oder die strukturelle Langeweile von Journalisten reden könnte. Dem FAS-Mann Claudius Seidl ist darin zuzustimmen, wenn er die (auch hier in der taz) geführte Debatte zur neuen Bürgerlichkeit für ein reines Berlin-Phänomen hält. Woanders würde man angesichts von musikalischer Früherziehung, "Baby on Board"-Stickern auf VW Tourans und dem angeblichen Megatrend zur Minidatsche wohl achselzuckend zur Tagesordnung bzw. zum Schichtbeginn übergehen. Doch in Berlin, der deutschen Hochburg des neurotischen Lebensstilvergleichs, ist dies schlicht nicht möglich. Hier haben sich Sinnsuchende und urbane Scouts längst darauf verständigt, dass jede kleinste und unspektakulärste Alltagsbeobachtung schon soziologische Rückschlüsse auf epochale Zäsuren zulässt: "Ach, kiek mal die da, statt mit Pornobrille jetze mit Geigenkoffer unterwegs (...)."

Ach, ist das schön! Noch besser allerdings die Conclusio, auch eine meiner Lieblingsthesen, bei 2/3 aller innenpolitischen Kulturdebatten anzuwenden:

"Es handelt sich bei all dem, was Grundlage der Bürgerlichkeitsdebatte bildet, um aggregierte Lebensstilaussagen. Eben nicht um unverrückbare soziale Identitäten."

Eben! Zum Glück bin ich in einer Gewerkschaft ...

Mit freundlicher Unterstützung durch:
ringfahndung.de