Eine Überschrift, total unsexy: Typologien, Identitäten, Basis und Überbau
Die Sonne scheint, die Freizeit lungert mit mir mir rum - der Hund hat schon mit 'nem Border-Collie im Park lustige Runden gedreht, obwohl das da verboten ist, und deshalb macht das dann ja doppelt Spaß, denen zuzuschauen. Die Tageskarte unter www.tarot.de war "Die Kraft", dann also ran den Speck und mal ein paar geistige Purzelbäume schlagen.
Marian Wirth hat bei den B.L.O.G.'s - Rayson und Boche - wahrscheinlich allseits unbemerkt eine ganz spannende Typologie der Positionen rund um die Frage, wie man denn nun mit dem Islam ...
... hierzulande umgehen solle, verfaßt. Die ist insofern sehr brauchbar, da sie die von Bush vorgebenen Lager zurückweist, denen da so oft in allen Schattierungen dann gefolgt wird. Stattdessen arbeitet Marian die folgenden Argumentationsmuster bzw. Diskurstypen heraus:
1.) Die Kulturkämpfer
Sie sehen längst schon einen "Aufeinanderprallen" zweier Kulturen - die westliche und die aggressive islamische. Wehrhaft habe sich der Westen gegen eine totalitäre Kultur zu stellen, die schon über viel zu viel Einfluß verfüge und "uns" demographisch zu überwuchern drohe. Faktisch läuft dies kurioserweise auf eine symetrische Problemdefinition hinaus, eine Art Boxkampf oder Duell, wenn ich's richtiig verstehe
2.) Die Leitkulturalisten
Sie behaupten ein christlich geprägtes Abendland, an das sich hier zu lebende Muslime dann zu assimilieren hätten. Während die Kulturkämpfer sich zumeist global an der Front wähnen und die Welt beglücken wollen, reicht den Leitkulturalisten "Innenpolitik" und bestenfalls zwangsverordnete Marienverehrung, aber die bitte freiwillig . Na ja, ist jetzt polemisch zugespitzt, aber Zuspitzung erhellt ja manches. Innenpolitisch gibt es für sie, typisch konservativ, eine Hierarchie der Kulturen, international könnten sie wohl auch prinzipiell mit konservativen Kräften in anderen Ländern bündeln.
3.) Die Status-Quotisten
Finde den Begriff nicht wirklcih glücklich gewählt, sind aber wohl die Pragmatiker. Die brauchen nicht die großen Erzählungen, sondern schauen besonnen, wie's faktisch überhaupt ausschaut, um dann gezielt zu intervenieren, wo's not tut. Realitätsmanagement ohne Glaube an Leitkulturen und gesellschaftspolitische Endziele. Demokratischer Rechsstaat ist ihnen jedoch der optimale, funktionale Rahmen, um sich den Mühen der Ebene und des Konkreten hinzugeben.
4.) Die Mulitkulturalisten
Das zitiere ich jetzt lieber, um nicht meine Position da einzuschmuggeln:
"Sie halten eine Auflösung der Mehrheitsgesellschaft in mehrere gleichrangige Teilgesellschaften für wünschenswert und ein friedliches Neben- oder Miteinander dieser Teilgesellschaften für möglich. Sie vertrauen fest auf eine (weitere) Säkularisierung der einzelnen Religionen, wenn allen Religionen und Weltanschauungen die gleichen Rechte und Entfaltungsmöglichkeiten eingeräumt werden. Sie wenden sich grundsätzlich gegen Beschränkungen des Zuzugs aus dem Ausland und halten die Aufnahme von Migranten schon allein aus Gründen der kulturellen Bereicherung für wünschenswert.
Durch den Zuzug von Ausländern (egal, ob bereits erfolgt oder zukünftig) auftretende Probleme wollen die Multikulturalisten, so sie die Probleme überhaupt als solche erkennen, vor allem mit Sozialarbeit und staatlichen Transferleistungen lösen."
Interessant ist, daß Marian jeweils den Positionen bestimmte Lösungspfade zuweist:
zu 1.) Demographie und Ausländerrecht
zu 2.) Sozial - und Bildungspolitik, ggf. Ausländerrecht
zu 3.) Migrationsforschung, Kriminologie, Islamwissenschaft und "Integrationspolitik im engeren Sinne"
zu 4.) Wie genannt: Sozialarbeit und staatliche Transferleistungen
Diese Typologie ist natürlich insofern polemisch, daß sie ganz Schröderesk oder Merkelesk, da nehmen die sich ja nix, die Postion 3 als die einzig realistische zur Darstellung bringt und den anderen dann zuruft "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen. Leude, während ihr große Reden schwingt, krempeln wir die Ärmel hoch!"
In Position 4 wird noch hineingeschmuggelt, daß diese Ewig-gestrigen mal wieder Unfinanzierbares fordern und ansonsten sowieso mental auf einer Blumenwiese spielen, wo alles a priori schön, wahr und gut ist. Da sieht man das debile Grinsen von Claudia Roth vor sich und klopft sich auf die Schenkel wie einst bei "Ich bin der Martin" von Dieter Krebs harhar. Trotzdem macht so etwas ja immer Sinn, das so zu sortieren.
Man kann dem dennoch einen gänzlich anderen Ansatz entgegenhalten. In "Die Welten des Kapitalismus", herausgegeben von Max Miller, Frankfurt/M. 2005, S. 229 - 237, findet sich ein ziemlich spannender Aufsatz von Michel J. Piore, ein Autor, der überraschend häufig auch von Negri/Hardt-Adepten diskutiert wird. Der hat die schöne Überschrift "Neoliberales Ideal und neoliberale Realität in den USA: Politische Mobiilsierung und neue Gouvernanceregime am Arbeitsmarkt".
Auf ein paar Seiten wird die wirtschaftliche Entwicklung in den USA vom "New Deal" bis zur "Neoliberalen Revolution" beschrieben. Das kann hier nicht en detail nachvollzogen werden, sei insofern grob so nachgezeichnet:
Der "New Deal" aus grauer, sozialdemokratischer Vorzeit beruhte im wesentlichen auf der Einrichtung von Institutionen (ich verstehe unter "Institution" jetzt nicht, wie viele Soziologen, einfach nur ein anderes Wort für "Regel" im allgemeinen, sondern rechtlich abgesicherte Organisationsformen gemeinschaftlichen Handelns und deren Vorraussetzungen, vorläufig und nur für dieses Blog formuliert. Also: Vereine, Ämter, Parteien, GmbHs etc., aber auch: Regeln mit klaren, rechtlichen Konsequenzen, also Ehe, das Gebot, richtig zu parken etc.). Gewerkschaften handelten mit Arbeitgebern Löhne etc. aus, sozialstaatliche Regelungen sowie ein staatlicher Rahmen für's konkrete Wirtschaften, Mindestlöhne z.B.. ist ja alles hierzulande sehr vertraut.
Seit den späten 70er Jahren wurde diese Konstruktion den USA wie auch anderswo wieder zerschlagen. Aber, Überraschung: Nix da "Freier Markt", so Priore. Stattdessen seien Schritt für neue Regulierungen aufgrund sozialer Bewegungen ins Wirtschaften hineinspaziert und hätten sich dort breit gemacht. "Der wichtigste Anstoß ging von der Gesetzgebung zur Förderung der Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt aus." (ebd., S. 229)
Hier mischten sich zwei Faktoren: Die rein ökonomisch randständige Position von "Minderheiten" - Schwarze, Schwule, Frauen, Behinderte, jetzt mal kurzgefaßt - und "Identitätsdiskurse". Es fand eine kulturelle Selbst-Aneignung der eigenen Geschichte dieser Personengruppen statt, eine gemeinschaftliche Selbstfindung , die auch zur Formierung von Interessenvertretungen in institutioneller Form mündete. In einem Marsch durch Rechts-Institutionen, Gerichte also, erklagten diese Gruppen zunehmend das Recht auf gesellschaftliche Partizipation hinsichtlich ökonomischer Chancengleichheit. Faktisch setzten sie neue Regulierungen, "Minderheitenschutz", am Arbeitsmarkt durch. Hinsichtlich der Gleichstellungpolitik zwischen den Geschlechtern gibt's hier ja analoge Phänomene, das immer mal wieder geplante "Antidiskirmierungsgesetz" weist in eine ähnliche Richtung.
Unternehmen in den USA fürchteten nun Klagen, wenn sie sich nicht auf die Berücksichtigung der Minderheiteninteressen einließen und reagierten mit dem diesem begrifflich scheußlichen "Human Resoruces Management", HRM. "Da das Ziel dieser Programme darin besteht, das Unternehmen vor Anklagen wegen willkürlicher und ungleicher Behandlung der Arbeitnehmer zu schützen, sind sie bei veränderten Umweltbedingungen nicht so einfach zurückzunehmen. Dadurch erreichen sie ein Stück der Stabilität, die zuvor das Tarifverhandlungssystem besaß."
Die Pointe ist nun gerade nicht, daß durch diese boshafte Gängelung durch Gleichheits- und "Multikulti"-Fanatiker die Wirtschaft ächzt und stöhnt, dem Zusammenbruch nahe. Nix da.
Piore macht eine zweite Ebene auf. Auch die Arbeitsorganisation habe sich parallel dahingehend gewandelt, daß statt identitätsstiftender Rolle einen Berufs - einer Funktion also - in einem, klar in sich geschlossenen Unternehmen nunmehr Arbeit in Vernetzungen zwischen Unternehmen sich etabliert habe, und daß zudem Arbeit zunehmend projektbezogen und teamorientiert organisiert sei. "Jedes Projekt ist ein Unikat, Innovation und Kreativität sind notwendig, um es zu produzieren. (...) Arbeit (braucht und) belohnt heute die Fähigkeit, professionelle Kompetenz und Erfahrung jenseits traditioneller Professionsgrenzen zu integrieren und das jeweilige Wissen in spezifischen Anwendungskontexten nutzen zu können." (ebd., S.234) Das betrifft mit Sicherheit nicht alle wirtschaftlichen Bereiche, hinsichtlich meiner eigenen beruflichen Erfahrung ist das aber zutreffend.
Beide Ebenen - neue arbeitsrechtliche Situationen durch Minderheitenschutz und neue Identitätsdiskurse sowie neue Wirklichkeiten im Arbeitsprozeß - führt Priore nun zusammen:
"Verschiedenheit kann effizient sein. Die Branchen, die für das Wiedererstarken US-amerikanischer Firmen auf den Weltmärkten verantwortlich sind (...), haben die am stärksten diversifierten Belegschaften. In diesen Branchen ist die Beschäftigung am stärksten expandiert. Also sind sie auch am stärksten offen für neue und wachsende Arbeitnehmergruppen, wodurch die Belegschaften bunt gemischt sind. Es gibt aber auch eine Begründung der Arbeitgeberseite für die Vielfalt: Sie wurde in den Buisness Schools entwickelt und von Managern aufgegriffen, die versuchen, HRM-Strategien für Minderheiten zu rechtfertigen. Die Begründung basiert auf genau den neuen Formen der Unternehmensorganisation, die die traditionellen Grenzen überschreiten und Teamwork in Projekten fordern. Beides braucht und belohnt die Fähigkeit zum wechselseitigen Verständnis, das Differenzen zu überbrücken hilft. Und eine kulturell diversifizierte Belegschaft tendiert dazu, diese Fähigkeiten zu entwickeln und zu pflegen. Vielfalt fördert auch neue Ideen, da es die möglcihen Quellen der Kreativität vervielfacht und viele dieser Ideen in Wirklichkeit ein Kondensat aus den verschiedenen Perspektiven sind." (ebd., S. 237)
Na swoas! Leitkultur als Wirtschaftshemmnis und Multikulti als Motor neuer Entwicklungen? Kulturkampf als Innovationsverhinderung? Unter dem Lichte solcher Gedanken besehen stellt sich doch die Eingangstypologie in ganz anderem Lichte dar ... und auch deren Problem: Wirtschaft taucht da nämlich nur im Rahmen der Diskreditierung von Multikulti auf.
"Aber die Islamofaschisten wollen doch gerade diese Vielfalt verhindern", blubber, dann jagen wir ihnen doch einfach Nachwuchs ab, indem wir diesen überzeugen! Immerhin wollen fast 50% der iranischen Jugendlichen nach Europa - bestimmt nicht, um uns zu missionieren.
Statt Befürchtugen vor kulturellen Überwucherungen zu formulieren, wär's wohl besser, sie im von Priore genannten Sinne willkommen zu heißen! Und da hilft dann wohl als Weg dahin das Handeln der Status-Quotisten - aber ganz visionsfrei braucht das alles trotzdem nicht zu bleiben ...
Und, nochwas: Regulierung kann produktiv sein, und ohne Institutionen läuft gar nix.
Insofern müßte das Verhältnis Kultur/Gesellschaft (diese verstehe ich als Ensemble der Instituionen) mal wieder neu diskutiert werden, denn: Vielleicht ist ja am Basis/Überbau-Theorem von Marx doch was dran? Wieso Identitätsdiskurse trotz alledem faksch sind - das schreibe ich dann noch einmal in einem eigenen Eintrag ...

Kommentare
"dann jagen wir ihnen doch einfach Nachwuchs ab, indem wir diesen überzeugen!"
Ich werde das Gefühl nicht los, dass wir mit dieser Forderung als angebliche Lösung wieder am Anfang des Problems stehen...
Um Vielfalt als positiv zu bewerten, brauche ich keine Experten, die das im Kontext abhängiger Arbeitsverhältnisse "entdecken". Liberale glauben das ja eh. Aber es muss eben immer Vielfalt in einem gegebenen Rahmen sein, und um diesen Rahmen geht es doch.
Verfasst von: Rayson | 24.02.06 19:17
@Rayson: Zum Überzeugen gibt's gar keine Alternative. Außer Ausweisen, gar nicht rein lassen. Oder aber "Umerziehen von oben", so eine Marcuse-Erziehungsdikdaktur. Oder alle umbringen. Bei sowas landen Idealisten dann ja meistens.
Frage mich ja manchmal, ob nicht längst ein liberaler Leninismus am Wirken ist ... nein, Dich meine ich damit nicht, aber die FDGO z.B..
Und der Rahmen: Klar, mit dem Grundgesetz ist dafür ja schon mal eine ganz gute Grundlage da. Ich empfand den Verfassungspatriotismus von Habermas nie als dummes Zeug ...
Verfasst von: MomoRules | 24.02.06 20:12
Natürlich: Wenn es geht, geht es durch "Überzeugung" oder besser: durch Akzeptanz. Des Phänomens der Überzeugung bin ich nämlich noch nie teilhaftig geworden...
Aber nichtsdestotrotz ist das mehr Problem als Lösung, also nicht gerade "einfach".
Verfasst von: Rayson | 25.02.06 22:11
@Rayson:
"Des Phänomens der Überzeugung bin ich nämlich noch nie teilhaftig geworden..."
Komisch, wieso glaube ich Dir das auf's Wort? ;-) ...
Sagen wir mal so, Vorschlag: Akzeptieren tut man Menschen in ihrem konkreten So-oder-so-sein, überzeugt wird man durch Argumente oder Phänomene, die sich in solche überführen lassen (freie, westliche Lebensformen, z.B.). Ist aber für mich kein Problem, sondern die zu bewältigende Aufgabe! Und was Priore so schreibt, ist ja zumindest hinsichtlich des Arguments, daß kulturelle Differenzerfahrungen ökonomisch produktiv sein können, zumindest für mich mal eine Beschreibung, die ein wenig quer zu dem steht, was sonst so diskutiert wird ... zudem: Gerade die Islamkritiker beschreiben die Welt oft so seltsam statisch. Was z.B. Marian beschreibt, sind Prozesse, und das halte ich für ebenfalls für weiterführend ...
Verfasst von: MomoRules | 26.02.06 10:01