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steynalt, steynreich und weicheierweichend

Manchmal bekomme ich eine SMS von meinem iranisch-deutschen Kollegen. Dann stand er gerade wieder in irgendeiner Check-In-Schlange in einem Flughafen. War wieder der, der aus der Schlange gezogen und einer sicherheitstechnischen Sonderbehandlung unterzogen wurde. Und muß sich danach erst mal auskotzen, ist wütend und frustriert ...

Er ist erst in Frankfurt, dann bei Hamburg aufgewachsen. Ein hübscher, großer Typ mit dunklen Locken und tiefen, braunen Augen. Er hat lange Basketball gespielt und auch Jugendliche trainiert. Wenn wir mal wieder zusammen in irgendeiner Kneipe saßen, fährt er mich manchmal nach Hause - steige dann in den Walddörfer-Kombi seiner Mutter ein und bekomme Schreikrämpfe, weil er tatsächlich Marius Müller-Westernhagen hört. Er hat eine attraktive, selbstbewußte, blonde Freundin - gerade neulich haben wir zu viert mit einer französischen Journalistin gemütlich Matjes mit Bratkartoffeln gegessen, gleich hier um die Ecke, auf dem Großneumarkt, weil unsere Monique zu den wenigen Franzosen gehört, die gutes Essen zu schätzen wissen und zudem, daß Bier dazu viel besser schmeckt als schwere Rotweine.

Laut Mark Steyn bewirken ...

... dieser iranische Kumpel und seine Gen-Genossen folgendes:

"Viel von dem, was wir vage die westliche Welt nennen, wird dieses Jahrhundert nicht überleben. Vermutlich wird es auf den Landkarten noch eine Region geben, die als Italien oder Deutschland bezeichnet wird, so wie es in Istanbul immer noch ein Bauwerk gibt, das St.-Sophia-Kathedrale heißt. Nur ist es eben keine Kathedrale mehr, sondern bloß eine Immobilie. Ebenso werden Italien und Deutschland Namen von Liegenschaften sein. Für jene, die glauben, daß die westliche Zivilisation per saldo besser ist als alle Alternativen, besteht die Herausforderung darin, zumindest einen Teil des Westens zu retten."

Heute, in DIE WELT, schreibt er sowas.

Mark Steyn wird ja von expliziten Neocons wie auch von manchen im liberalen Lager gefeiert wie z.B. Hollinghurst von unsereins, weil er so pfiffige - Applaus! - Bilder für Sozialstaatlichkeit findet. Bilder in schwarz/weiß, mit einer Prise von Hitchcocks "Psycho" gewürzt: Alle, die so verdorben sind, sich Kohle vom Staat überweisen zu lassen, gleichen irgendeinem Jungen in Südfrankreich, der jahrelang neben seiner verwesenden Mutter wohnte, um weiter Sozialhilfe bzw. das französische Äquilvalent dazu zu beziehen.

Wie so viele Necons ist er vom Leichengeruch halt magisch angezogen und bringt d'rum heute in DIE WELT erst mal Europa um die Ecke. Präziser: Steyn behauptet natürlich, dieses Super-Subjekt liefe jauchzend und frohlockend und ahnungslos selbst in den Suizid. Na ja, Nekrophilie kennt viele Spielarten, so erzählen sich zumindest Psychiater auf lindgründen Fluren, und raunen sich zum dumpfen Sound der weißen Birkenstocksandalen allerlei Krankheitsbilder zu.

Unser Prophet Mark Steyn - 'n Bart hat er auch - ließe sich vortrefflich pathologisieren. Der denkt nämlich nur an Sex. Kurzgefaßt lautet sein Artikel: Die Kanaken vermehren sich wie die Ratten, während Europa lieber sich der Abtreibung hingibt, statt menschliche Gegenmunition im Kulturkampf herbeizuvögeln. Er schreibt's natürlich eleganter, aber wer Sozialdemokraten wesenhaft neben wesenden Mütterchen verortet, muß schon damit leben, selbst auch zugespitzt zu werden.

Er redet natürlich vornehm von "Demographie" und zieht christliche Wurzeln aus der Statistik. Sucht Eigentlichkeit, und findet sie bei: "Landesverteidigung, Familie, Glaube, und, am elementarsten, die Fortpflanzung - "Geht hin und mehret euch"", Zitatende, und das begriffliche Viergespann nennt er "primäre Impulse". Warum nicht gleich alles als Triebe begreifen? Und wer seine Triebe verleugnet, dessen Rente ist dann auch nicht sicher, so Steyn ... der "Urgewalt" des Islam sei man als solches Weichei schon gar nicht gewachsen.

Keine Sorge, Herr Steyn, ihre Predigt wird fruchtbare Schöße befeuchten. Alles, was mit "Ur-" anfängt, Entfremdungstheoreme und Eigentlichkeitsfantasien zudem, sind gerade hierzulande allzeit mobilisierbar, ...

Immerhin schafft's der Mann, neben Negativ-Utopien gleich auf Seite 1 schon die Conclusio zu verkünden:

"Darum geht es in diesem Krieg: um unser mangelndes zivilisatorisches Selbstvertrauen. Das fortschrittliche Programm - verschwenderische soziale Wohlfahrt, Abtreibung, Säkularismus, Multikulturalismus - ist, zusammengenommen, das eigentliche Selbstmordattentat. Das Tolle am Multikulturalismus beispielsweise ist, daß man gar nichts von anderen Kulturen wissen muß. Alles, was es braucht, ist, andere Kulturen cool zu finden. Multikulti heißt, daß Ihr Kind für die Weihnachtsfeier statt "Stille Nacht" irgendeinen Stammesgesang lernt, aber nicht, daß Sie in einer afrikanischen Gesellschaft leben möchten."

Klar will der Deutsche nicht beim Neger leben! Sowas verprügelt man hierzulande lieber! Oder zündet's gleich an, ha! Schlägt's der Natur zu, während man selbst in Hochkulturfantasien schwelgt, die ja auch Sie mit Ihrem Plädoyer gern neu entfachen möchten, das klappt hier schon traditionsgemäß ganz gut. Diese Wortreihung allerdings, deftiger als Blutwurst, die muß man noch mal wiederholen: soziale Wohlfahrt, Abtreibung, Säkularismus, Multikulturalismus. Ich suche den Rest des Abends dann mal die Zusammenhänge zwischen diesen Themen - bei Abtreibung und Säkularismus geht's schnell, aber sonst? - und schreibe derweil weiter ...

Auf den ganzen Text braucht man allerdings nicht einzugehen, dazu ist der schlicht zu dumm. Alleine schon zu behaupten, Kultur sei was Konstantes, das dann sich ausbreitet wie Unkraut und mittels Vermehrung andere Kulturen überwuchert, das ist diagnostische Albernheit. Da kann auch nur jemand drauf kommen, der glaubt, daß er's mit der Bibel halten würde - Spanien war unter maurischer Herrschaft ja auch was anderes als unter der d'rauf folgenden Inquisition.

Wieso kommt eigentlich kein Schwein drauf, daß selbst bei einem demographischen Wandel nicht "urgewaltlich" dann aktuelle, iranische Tagespolitik das Leben in Buxtehude in naher Zukunft prägen wird, sondern was ganz anderes? Die Türkenjungs im Sozialbau gegenüber - die neben den zwei urdeutschen Alkoholiker-WGs - würden sich für die der Einführung Schariah auch nicht bedanken. Jede Wette.

Der Begriff der Kultur macht überhaupt nur Sinn, wenn man ihn über Wandel, menschliche Schöpfung und Kreativität bestimmt. Natur ist Notwendigkeit und Kausalität, Kultur Freiheit, nicht Tradition, jetzt mal ein wenig zu kurz gefaßt. Allein schon deshalb ist dieses quasi-naturalistische Primärimpulsgeschehen in Steyns Text Nonstop Nonsens. Auf diese Illuminatenhaften Fantasien kann wirklich nur jemand kommen, der glaubt, Kultur sei sowas wie ein erhaltenswertes Museum. Der Mann ist in der Tat auf Leichen fixiert und will sogar durch Sex noch neue produzieren lassen. Es lebe das Mutterkreuz.

Und, zurück zu seinen "primären Impulsen". Wie waren die noch? "Landesverteidigung, Familie, Glaube, und, am elementarsten, die Fortpflanzung". Da pflichtet ihm in Feiern dieser "Primärimpulse" dann auch der iranische Präsident bei, der seine Schäfchen vor Hollywood-Filmen beschützen will. Wieso eigentlich Glaube als "Primärimpuls"? Diese rechten Amis haben immer so ein fatales Faible für Wesens-Metaphysik.

Sehe mich bestärkt in dem, was ich hier heute morgen als Pointe schrieb ... dieses obszöne Papst-Bejubeln in Köln war da nur die Vorhut.

Zurück zu meinem iranischen Kollegen: Als die BILD die "Volksbibel" herausbrachte, hat er das nur noch als Angriff auf sein Existenzrecht in Deutschland erlebt ... so schaffen die Steyns erst das, was sie prophezeien: Nämlich das Aufeinanderprallen invariabler Kulturen. Meinen Kollegen prügeln sie verbal in eine Rolle hinein, auf die er von selbst noch nicht mal käme ...

Und was hat das mit dem oben erwähnten Hollingshurst zu tun? In "Die Schönheitslinie" beschreibt er das England zu Beginn der Thatcher-Ära. Der Held lebt als Untermieter in der Villa eines Torey-Abgeordneten und lernt über eine Kontakanzeige seinen Partner für "das erste Mal" kennen - Leo, ein Schwarzer. Dieser kann seinen Lover nicht mit nach Hause nehmen, wegen seiner gläubigen Mutter. Der Held will seine Eroberung auch nicht mitschleppen ins prachtvolle Gebäude seiner zutiefst konservativen Gastgeber. Also treiben sie's in einem PRIVATPARK, zu dem nur Privilegierte eine Schlüssel haben. Für mich hat diese Erzählkonstruktion viel auch mit den Neocons der Jetzt-Zeit zu tun ... und, übrigens: Der aktive Part ist nicht der Schwarze.

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