Was soll das denn heißen?

Mein Immanuel ...
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« Februar 2006 | Hauptseite | April 2006 »

Mein Immanuel ...
"Die progressiven Absichten hinter den neuen Gesetzen sind leicht zu erschließen: Arbeitslosigkeit wird nachhaltig bekämpft. Sitzt ein großer Teil der Jugendlichen erst einmal im Gefängnis, verschwinden sie aus den jeweiligen Statistiken und es sinkt die Jugendarbeitslosigkeitsquote. Gleichzeitig wird die Geburtenrate einen signifikanten Anstieg erfahren, da jede Familie bestrebt sein wird, durch hohe Kinderzahl die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, wenigstens ein Kind ohne Vorstrafe durch die Kindheit zu bekommen."
Völlig zweckentfremdestes und brutalstmöglichst aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat aus einem Hartz4all-Blogeintrag. Ich hoffe, Mischa Mandl verzeiht mir - paßt nur so herrlich als Einstieg in das so gar nicht herrliche oder lustige Thema der Berliner Schulgewalt (außerdem fand ich den Eintrag so dermaßen komisch, daß ich nicht nur lange schallend lachte, mein Hund guckte schon schief, sondern ihn mir auch gemerkt habe). Ziemlich gut ...
... finde ich, was Rayson dazu schreibt.
Alleine schon ein Satz wie
"Die Ursache liegt in einer sich selbst verstärkenden Mischung von kulturellen und sozialen Problemen"treibt mir ja fast Tränen in die Augen, ganz ironiefrei.
Weil natürlich heute wieder irgendeine bestimmt außerordentlich integre und leidgeprüfte Streetworkerin aus Neukölln am Broderschen-Gluckmannschen-Ulrike-Ackermanschen-undsoweiterschen Busen sich nährte und stolz verkündete, das alles habe ja rein gar nix mit sozialen Problemen zu tun, sondern läge an einer Kultur, in der betrunkene Väter ihre Söhne schlügen, und sowas käme ja nur in der arabisch-türkischen vor. Stand heute morgen noch bei SpOn und ich find's nicht wieder ...
Was für ein Schmarr'n! Das passiert auch in Mümmelmannsberg täglich unter ethnisch reinen Deutschen. Was jetzt aber gar keinen Machismo in türkischsstämmigen Unterschichten oder im ebensolchen Kleinbürgertum abstreiten soll, überhaupt nicht. Der allzu oft gerade bei stigmatisierten Unterschichten aufscheint, siehe 50 Cent, und da ist man dann sozusagen über den Goldketten-Link auch gleich bei dem auch bei den B.L.O.G.'s heiß diskutiertem Thema Niedriglohnsektor.
Habe einen Kumpel, der tatsächlich nach kurzen Ausflügen in die Kleinkriminalität (alle geahndet und längst vorbei) über Arbeistamtskurs, 1 Euro-Jobben, Zeitarbeitsfirma nun seinen 1-Jahres-Vertrag hat, ausgeschlossen ist das also keineswegs. Der kann aber auch fließend deutsch, ist blond, blauäugig und zudem außerordentlich hübsch. Da ist dann aber trotzdem nicht unbedingt für plastische Chirurgie, Wasserstoffsuperoxid und Kontatklinsen zu votieren, sondern vor allem für den Punkt 1 in Raysons Argumentation: Bildung. Bildung, Bildung derer, die halt ebenso Deutsche sind wie wir auch, wenn sie hier aufgewachsen sind. Von mir aus auch gerne Beamtenpensionen kürzen oder sonstwas, Steuern aus Kaptitalerträgen rauf, Bildungs-Soli statt Ossi-Soli, egal: Hauptsache dafür das Schulsystem umrüsten und ausbauen.
Zudem mein Kumpel über einen Pflegehelfer-Kurs, den er sich wirklich erkämpfen mußte, wieder in Lohn und Brot kam. Ansonsten steckt man alle, ganz egal, ob sie's beherrschen, oder nicht, per Agentur in Computerkurse. Was für ein Quatsch! Auch da muß doch für alle Altersstufen noch anderes möglich sein.
Kann ergänzend zu alledem nur noch einmal auf das außerordentlich erhellende Charles-Taylor-Interview verweisen, daß ich gestern verlinkte.
Um so ärgerlicher, daß SpOn einen an sich sehr vernünftigen Artikel von Cem Özdemir mit der albernen Überschrift "Vergeßt Multikulti - es lebe die Intergration" versieht, das ist nämlich ein Schein-Gegensatz. Primär geht's um soziale Integration, und inwiefern da Kulturen damit kollidieren, das kann nicht mal eben so generalisiert werden. 'Nen Bauer aus Leer hätte es auch schwer, in meiner Branche Fuß zu fassen, auch ohne Gummistiefel.
Daß hingegen Hauptschulen schlicht abgeschafft gehören, das ist doch offenkundig, und genau das ist dann Integration. Die bedarf einer strukturellen Basis. Wie z.B. auch Fußballvereine eine solche sind, bei the way, kleiner Gedanken-Link. Das Wettern gegen deutsche Vereinsmeierei sehe ich mittlerweile sehr skeptisch und verstehe hervorragend, wieso mein Vater, Bürgermeister in einer Kleinstadt, so innige Beziehungen zu Sportvereinen, Spielmannszügen und zur Arbeiterwohlfahrt pflegte. Fand ich damals natürlich uncool, aber wenn ich die Jugendarbeit des FC St. Pauli oder auch von Altona '93 mir anschaue, dann ist das schon extrem wichtig. Weiß nicht, was aus Barjamovic sonst geworden wäre. Erinnere mich gut daran, wie flehentlich eine Vertreterin der Hamburger Wirtschaftsbehörde, für die EU-Förderung auf St. Pauli zuständig, auf uns einredete, daß wir doch dann bitte auch mal in bestimmte Schulen gehen sollten, wenn wir uns dort ansiedeln würden. Den Kids einfach von Chancen berichten, die das Leben bietet. Auch Praktikanten von dort nehmen sollten. Denn wenn eine bestimmte Schule auf dem Zeugnis stünde, würden die Bewerbungen der Kids in ganz Hamburg sofort in der Ablage "Papiere zurück schicken" landen ...
Aber zurück zum Niedriglohnsektor: Der würde natürlich ein ganz banales, aber außerordentlich wirkungsmächtiges Phänomen auch nicht beseitigen. Eiine Gesellschaft, die auf die maximale Anstachelung von Konsumwünschen setzt und dieses wohl auch so, wie sie aktuell strukturiert ist, zum Überleben braucht, in der sozialer Status eben auch von Geld und allerlei Teurem definiert wird, da werden nicht allzu viele Kids das Hofkehren wählen. Erinnere mich an einen Satz aus dem entfernten Nightlife-Freundeskreis: "Wenn Du Drogen hast, dann hast Du Freunde!", und das ja nur einer von vielen, in dieser Hinsicht formulierbaren Sätzen. Das ist in der Tat auch die kulturelle, nicht nur die soziale Seite des Themas, und die hat mit den "sich tradierenden, barbarischen Riten der Herkunftsländer" zunächst rein gar nix zu tun. Da weiß ich auch keine Abhilfe, aber wer den Kapitalismus will, der muß schon damit leben - nein, das ist keine Polemik, das ist eine Tatsachenbehauptung.

Große Philosophen erkennt man an ihrer Gelassenheit.
Immer schon hat mich die Theorie der Stoa fasziniert, daß Affekte Fehlurteile seien. Und kommt der Verstand wieder in's Lot, dann ist der Affekt auch weg.
Das ist nicht falsch, auch wenn's bei der ersten Konfrontation mit diesem Gedanken so scheint, als sollten Gefühle entwertet werden. Aus der Nummer kommt man raus, wenn man zwischen Stimmungen, Gefühlen und Affekten unterscheidet. Und zudem zugesteht, daß Emotionen und Rationalität kein Oppositionspaar sind. Und daß Affekte, Gefühle und Stimmungen selbst oft Urteilscharakter haben: Wenn ich jemanden liebe, dann bewerte ich ihn rundum positiv. Die Fehlurteils-Theorie der Affekte ist auch dann erfahrbar, wenn das Frischverliebtsein schwindet - oder wenn man "erst mal eine Nacht darüber schlafen muß" oder sagt: "Komm, reg Dich ab". Auch viele Diskussionen in der Blogosphäre können als Beleg dafür dienen ...
Wie ich drauf komme? Weil heute ein so wundervolles ...
... Interview mit einem der wirklich Großen der Philosophie in der taz erschienen ist: Charles Taylor.
Eigentlich ist er als einer der Begründer des sogenannten "Kommunitarismus" berühmt geworden, als Gegenspieler der "Liberals" der US-Philosophie (die nur zum Teil etwas gemeinsam haben mit jenen in der Blogosphäre - prototypisch steht wohl John Rawls für diese Traditionslinie, die auf Denker wie Locke zurückgeht).
Sehr schön kann man diese Debatte verfolgen in: Brumlik, Micha / Brunkhorst, Hauke, Gemeinschaft und Gerechtigkeit, Frankfurt/M. 1993. In der Einleitung steht:
"Der Kommunitarismus von Charles Taylor und Michael Walzer, Alasdair McIntyre und Robert Bellah ist zugleich faszinierend radikal und irritierend unübersichtlich. Faszinierend ist die entschieden antitotalitäre Liberalismuskritik (...). Radikal ist der neue, kommunitaristische Impuls, weil er gegen die alteuropäische Tradition des politischen Identitätsdenkens Differenz, Andersheit und Nichtidentität setzt." (S.12).
Zumeist setzt der Kommunitarismus aristotelisch an und geht von einem geteilten Begriff "des Guten" aus, der nur im Kontext einer Gemeinschaft entstehen könne. "The Sources of the Self", die Quellen, aus den Identität und Selbstverhältnisse sich speisen, würden gewissermaßen wie Muttermilch aus der Gemeinschaft gesogen, wobei hier ein Kollektivismus gerade nicht gegeben sein muß: Dieses geteilte Gute kann auch die Akzeptanz der Differenz zwischen Lebensformen sein.
So kommt's dann dazu, daß die taz Charles Taylor als einen der Begründer des "Multikulti"-Denkens behandelt, sein Neoaristotelismus ist anders als jener z.B. eines Odo Marquard politisch eher links anzusiedeln und so gar nicht konservativ.
Während ich mich allen Debatten immer auf Seite der "Liberals" schlug, konnte ich mich zumimdest der Kommunitarismus-Variante des Charles Taylor nie entziehen. Er ist zweifelsohne einer der ganz Großen der Philosphie der letzten 50 Jahre.
Ich kann jetzt auch gar nix aus dem taz-Interview herauslösen, das ist insgesamt einfach super, da stimme ich jedem Satz zu. Deshalb klare Leseempfehlung und darüber hinaus jene, sich mit diesem Denker zu beschäftigen. Weil er nicht zum Affektiven neigt - und die Auseinandersetzung mit solchen Denkern das eigene Denken auch dann noch ungemein schärft, wenn man ihnen nicht zustimmt ....

Die Welt hat Recht: Donald Fagen-Alben sind etwas Kostbares. Nicht, weil nur alle 12 Jahre eines erscheint. Sondern, weil dessen Alben eigentlich immer und jederzeit veröffentlicht werden können, weil sie so zeitlos sind. Weil man nicht will, daß diese Musik wieder aufhört und man immer wieder die "Play-Taste" drückt. Weil selbst die einzelnen Songs ewig so weitergehen könnten, genau so, wie sie sind.
Weil sie Bilder von Bars und Taxifahrten durch nächtliche Großstädte erzeugen. Amerikanische Städte und Bars sehe ich beim Hören vor mir - Donald Fagen-Musik ist ein wenig wie wirklich große US-Spielfilme, die urbanes Leben lustvoll zelebrieren und dabei doch die Melancholie durch jedes Bild, jede Einstellung hindurchschimmern lassen.
Erinnere mich noch an ein Sylvester in Dänemark, sozusagen das Gegenteil amerikanischer Großstädte, '82/'83 muß das gewesen sein, als wird unaufhörlich das "Nightflight"-Album hörten und wie die Blöden "Ruby, Ruby" oder so ähnlich mitsangen. Deshalb denke ich bei der Musik auch immer an den Geruch von Kiefernholz, obwohl das gar nicht paßt. Die Musik als solche riecht eher nach Whiskey und Zigarrenqualm. Auch wenn ja letzterer in New Yorker Bars, im "Land der Freiheit", dann wohl verboten ist. Aber 'nen illegaler Club in irgendeinem Hinterhof-Keller, wo Donald Fagen und die Band dann jammen, das kann ich mir gut vorstellen. Auf roten Kunstleder-Barhockern sitzen und in der verspiegelten Wand hinter der Bar das Tanzen angetrunkener Paare verfolgen, den Zigarrenrauch schmecken und in einen verchromten Aschenbecher aschen. Und ganz im Moment versinken, einem dieser Momente, in denen man so ganz eins wird mit dem Jazzfunk-Groove und so eine dieser Inseln der Zeitlosigkeit erwischt, in der man nur einfach ist, weil die Musik einen durchdringt, und das reicht.
Steely Dan waren ja eh überragend, und dieses aktuelle Album von Donald Fagen ist es auch. Alleine schon, ...
.. weil der Mann so lustige Sachen in Interviews sagt. Und weil Morph, die Katze, als Titelheld durch seine Songs schleicht:
"Welt: Die Hauptfigur ihres neuen Albums heißt Morph die Katze. Wer ist das denn?
Fagen: Ein Pianostück von Maurice Ravel trägt den Titel "Gaspard de la nuit" nach einem Gedicht von Aloysius Bertrand. Im Begleittext zur Aufnahme, die ich besitze, wird eine geisterhafte Katze erwähnt, die über Paris herabsteigt und zu den Menschen in die Fenster blickt. Das gefiel mir: Ein Katzenphantom landet in New York, streift durch die Straßen und dringt in Appartements ein."
Jetzt ist es gerade hier und räkelt sich in meiner Seele. Und das fühlt sich gut an ...
PS: Nein, ich habe keine Drogen genommen!
Irgendwo in Wuppertal, im Schatten der Schwebebahn oder unweit des Geburtshauses von Friedrich Engels, sitzt noch heute morgen jemand finster grinsend vor seinem Tipp-Kick Tor. Das hat er mit Frischhaltfolie eingewickelt und dabei böse Beschwörungformeln gesprochen...
So etwas Unglaubliches wie gestern habe ich am Millerntor auch noch nicht gesehen. Es gab zwar mal ein Spiel gegen Freiburg, wo Richie Golz, obgleich heimlicher St. Paulianer, auch noch die unmöglichsten Bälle irgendwie bekommen hat. Aber wieviel Großchancen hatten wir gestern? 10? 12? Gut, in der ersten Halbzeit ging der Ball wengistens noch haarscharf am Pfosten vorbei. Dann, in der 30. Minute, sah ein Wuppertaler rot, alle anderen stellten sich von da an um und in ihrem Strafraum auf - und die Chancen, die sich die unseren doch noch herausspielten, krakte ein Herr Maly mit Zorro-Maske dann doch noch irgendwie weg. Schlimm. Grauenhaft. Frustrierend. Wahrscheinlich lag's einfach nur dran, daß Benny nicht gespielt hat ...
Die spannendsten Diskussionsanregungen findet man dann doch immer bei Statler & Waldorf, das kann man ja mal neidlos anerkennen.
Heute setzt Statler sich anläßlich eines Interviews mit Ernst Tugendhat mit dem Begriff der "Gewaltspirale" auseinander und fragt, ob dieser im Fall des "Isarel-Palästinenser-Konfliktes" (wahrscheinlich greife ich schon hier in die Scheiße, weil ich jetzt irgendein falsches Wort gewählt habe) gegeben sei oder nicht. Soll heißen: Ob es sich im Konflikt zwischen "Israelis" und "Palästinensern" um ein wechselseitiges Hochschaukeln und somit um eine zunehmende Eskalation der Gewalt handeln würde.
Vorab sei erwähnt, daß Tugendhat die eine Hälfte des Themas meiner Magisterarbeit war, daß ich jedoch gleichwohl finde, daß dieses Interview in der Tat außerordentlich problematisch ist. Man kann sich ...
... in manchen Passagen schon vorstellen, was er wohl meinen würde, wenn er denn den Raum hätte, ein Buch oder wenigstens einen Aufsatz zum Thema zu schreiben. Andere Passagen sind verhältnismäßig dämlich, und als erfahrener Denker sollte sich Ernst Tugendhat schon etwas genauer überlegen, was er da in Interviewform so von sich gibt.
Das soll aber gar nicht Thema dieses Eintrags sein. Das wird in Lizaswelt teils sehr zutreffend, teils mit etwas zu viel Verve auseinandergenommen. Die Empörung angesichts mancher Äußerungen finde ich aber außerordentlich verständlich und die Kritik teilweise auch richtig.
Solche Sätze:
"Da lacht das Herz der Antiimperialisten und Friedensbewegten, die immer wussten, dass Zionismus und Faschismus eigentlich das Gleiche sind"
sind aber doch zu broderesk und deshalb eben am Ziel vorbei geschossen. Noch ist es ja nicht so, daß sich hierzulande Personen mit unterschiedlichen Positionen gegenüber stünden wie Israel und die Hamas und entsprechende, rhetorische Geschütze auffahren müßten (geschweige denn darüber hinaus, wie dort leider Alltag). Und auch als ehemals Friedensbewegtem wäre es mir überhaupt nie in den Sinn gekommen, Zionismus und Faschismus gleich zu setzen. Völliger Quatsch. Doch, einmal, mit 14, da ist's mir mal passiert, nach der Lektüre irgendeines Stern-Artikels. Das war dann eines der wenigen Male, da mein Vater mir ernsthaft den Kopf gewaschen hat, da habe ich's mir dann gemerkt.
Seit den Diskussionen rund um den Irak-Krieg nagt nur ein völlig anderes Dilemma in meinem Kopf herum.
Ich fand es ja immer plausibel, daß eine Welt ohne ein Hussein-Regime besser ist als eine mit, auch gegen die Demokratisierung des Iraks fielen mir - wie vielen anderen auch - eher indirekte Einwände ein, so Sachen wie amerikanische Interessenpolitik, aber mein Gott, wenn diese dann Demokratisierung mit sich bringen würde, könnte ich auch das nicht wirklich schlimm finden.
Gravierender erschienen mir immer die Einwände, daß eine solche Demokratisierung "von außen" oder "von oben" doch eh nicht funktioniere, dieses Argument erfährt ja gerade eine Renaissance von allen Seiten. Und daß dieses schon gar nicht funktionieren könne, wenn's die Amerikaner tun, da schien mir auch immer was dran zu sein, nicht aus Antiamerikanismus oder gar einer Kritik der US-Unterstützung Israels heraus, überhaupt nicht, sondern aus einer Art von Realismus. Die Diskussion um Wahrheit oder Lüge rund um die Kriegsgründe sei mal dahingestellt, die Diskussion über George W. Bush und seine Entourage sowieso, furchtbare Menschen. All diese Gegenargumente waren aber so oder so funktionale, gegen das hehre, moralisch unterfütterte Ziel als solches fielen mir auch nicht so viele ein.
Auch im Falle des Kosovo-Konflikts war die Position Joschka Fischers natürlich beeindruckend.
Umgekehrt schien's mir, der ich mich so lange mit verschiedenen moralphilsophischen Positionen auseinandergesetzt habe (von denen ich viele auch längst wieder vergessen habe, Hare z.B.), immer völlig absurd, das Führen von Kriegen moralisch begründen zu wollen. Töten ist immer unmoralisch, und ein toter Palästinenser ist nicht besser oder richtiger getötet als ein toter Israeli als ein toter Iraker. Mir ist keine auch annähernd überzeugende moralische Position bekannt, die so etwas begründen könnte.
Das Dilemma ist gewaltig, weil sich's ja in der Tat auch auf die Befreiuung Deutschlands nach dem Kriege erstreckte, würde man so argumentieren, über die ich mich ja heute noch täglich freue. Aber die Formel, daß der Zweck die Mittel heiligte, ist meiner Ansicht nach keine moralische Position, ganz egal, ob man eine Moral des Guten oder des Sollens vertritt. Moral und Zweckrationalität vertragen sich nicht.
Es gibt freilich utilitaristische Positionen, die ein Kriterium wie "maximaler Nutzen für alle" behaupten, wobei dann zumeist "für alle zusammen" gilt, nicht "für alle gleichermaßen". Die haben das berühmte Folgeproblem, wer denn nun alle seien (das hat Ursula Wolf mal auf Ernst Tugendhat entgegnet, z.B.).
Im Sinne einer Summierung des Nutzens fallen dann vielleicht ein paar tausend tote Iraker auch nicht so ins Gewicht, Hauptsache, die Gesamtnutzensumme ist maximal. In diesem Sinne Bushs haben dann dafür vielleicht alle anderen was davon.
Für mich ist das eine Totalisierung der Zweckrationalität. Vernunft im Sinne des Begründens muß im Gegensatz dazu denknotwendig das "für alle gleichermaßen" behaupten, weil Verallgemeinerungsfähigkeit und die Abstraktion von Individualinteressen eben zur Vernunft dazu gehört.
Nun kann man mir mit Tugendhat vorhalten, das sei doch nur "eine Moral", nicht "die Moral". Das ist eine wichtige Unterscheidung in den "Vorlesungen über Ethik" desselben. Dort vertritt er die Position, daß, da es eine absolute Begründung von Moral nicht mehr gäbe, es notwendig sei, die eigene Konzeption in der Auseinandersetzung mit anderen Konzeptionen als die Überlegene auszuweisen, weil wenig gegen sie einzuwenden bliebe - Kurzfassung, klar.
Dann kommen so Habermasianer wie ich und entgegnen: Dann mußt Du doch aber genau die Vorraussetzungen in Anspruch nehmen, die man beim Argumentieren eben in Anspruch nehmen muß, will man denn diskutieren, und dann kommt hinten wieder sowas raus, wie ich's oben beschrieben habe, z.B. ein Kriterium wie "für alle gleichermaßen".
Deutlich wird an dieser arg subsummierenden Auseinandersetzung wohl, daß diese nun mit der Hamas oder ähnlichen nicht führbar ist. Genau das ist ja Statlers Argument: Mit denen geht das eben nicht, Kompromißangebote zählen bei denen nicht, die wollen vernichten, deshalb müssen wir sie bedrohen und ggf. unterwerfen und notfalls noch darüber hinaus.
Ich will diese Position überhaupt nicht verächtlich machen. Sie könnte ja richtig sein. Ich verstehe nur nicht, welcher Begriff, welche Konzeption, welche wieauchimmer begründete Moral das ist, die in Sätzen wie dem folgenden in Anspruch genommen wird:
"Aber lassen wir die moralische Schäbigkeit mal außen vor und bleiben bei dem Aspekt, über den man eigentlich recht nüchtern diskutieren kann".
Worin besteht die moralische Schäbigkeit? Das ist eine wirklich ganz ernst gemeinte Frage, ich verstehe das nicht.
Der Frage vorangestellt ist die folgende Überlegung: "Dann ist wird nämlich nicht mehr zwischen gerechtfertigter und nicht gerechtfertigter Gewalt unterschieden. An einem Tag jagt ein Hamas-Terrorist einen Linienbus in die Luft und ermordet so zehn Menschen, an einem anderen Tag erwischt eine israelische Rakete das Auto eines Hamasführers und sorgt so dafür, daß dieser keine Mordanschläge mehr planen kann. Der Appeaser macht keinen Unterschied zwischen beiden Gewaltanwendungen (..)."
Ich glaube, daß die Appeaser-Position die strikter moralisch begründete ist. Das heißt aber noch lange nicht, daß sie die in der Situation Richtige ist.
Ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob wirklich das Recht auf Selbstverteidigung im engeren Sinne ein moralisches ist. Mir scheint es eher außermoralische Grenzsituationen zu geben, in denen dann andere Kriterien gelten als jene der Moral. Kann falsch sein. Das sind z.b. die "Ich oder Du!"-Situationen. "Diese Stadt ist zu klein für uns beide". Auch das meine ich ironiefrei.
Ich denke und lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen, daß die Frage nach gerechtfertigter und nicht gerechtfertigter Gewalt eigentlich eine rechtliche Frage ist, keine moralische. Und würde dann Habermas (light) dahingehend zustimmen, daß Recht die funktionale Ergänzung zur Moral ist. Dann verschiebt sich freilich die Diskussion hin zur Legalität von Handlungen. Und zu den Bedingungen, unter denen sich Legalität konstituiert. Auch das war ja immer eines der Argumente gegen den Irak-Krieg: Daß dieser geltendem Völkerrecht widerspräche. Den fand ich schon gravierend, den Einwand.
Mir ist die völkerrechtliche Situation im "Palästina"-Konflikt nicht ausreichend bekannt, da würde ich jetzt notwendig Unsinn schreiben.
Aber das Problem läßt sich anders beschreiben und Lösungs- oder Auswegslosigkeitswege lassen sich anders diskutieren, wenn man z.B. rechtliche Fragen von moralischen trennt und dann nicht auch noch Psychologismen wie die "Gewaltspirale" da hineinmischt. Das Grunddilemma des Moralisch Handelnden ist einfach, daß er hilflos bleibt, wenn das Gegenüber sich auf Moral nicht einläßt. Ghandi ist ein historisches Gegenbeispiel, aber zum Schluß lief's da bei ihm ja auch nicht mehr rund.
Ich glaube nicht, daß man dann das Verlassen des Bodens der Moral - Gewaltanwendung - selbst noch moralisch begründen kann. Das kann man dann entweder funktional-rechtlich oder unter der Berufung auf eine außermoralische Grenzsituation. Glaube ich. Bin, wie gesagt, bei dem Thema immer wieder vor allem eines: Irritiert.
PS: Natürlich kann ich jetzt nicht anders, als abschließend doch noch Tugendhat zu verteidigen. Nicht hinsichtlich des im Interview Gesagten, aber doch grundsätzlich. Tugendhat ist wirklich ein Riese der akademischen, deutschen Nachkriegsphilosophie. Er hat die angloamerikanische, (sprach-)analytische Philophie "eingeführt" und so mit Verspätung den linguistic turn auch hierzulande eingeführt. Insofern sei der bei Lizasworld zitierten Die Zeit auch vorbehaltlos zugestimmt, und Lizas Ergänzungen sind, sorry, ein wenig überheblich:
"Die ZEIT pries vor zweieinhalb Jahren Ernst Tugendhat anlässlich des Erscheinens seines letzten Buches Egozentrizität und Mystik mit den Worten, dieser habe „seinen Ruf nicht zuletzt durch zwei sehr seltene Eigenschaften erworben: einmal durch die Fähigkeit, Argumente mit einem hohen Maß an Verstehbarkeit auszustatten, und außerdem durch die Bereitschaft, Positionen begründeter Einwände wegen zu revidieren“. Um die Halbwertzeit von Tugendhats Fähigkeit, „Argumente mit einem hohen Maß an Verstehbarkeit auszustatten“, muss man sich in Anbetracht solcher Interviews gewiss keine Sorgen machen. Die Bereitschaft des Belobigten, seine „Positionen begründeter Einwände wegen zu revidieren“, steht hingegen auf dem Prüfstand."
Mir sind allein 3 Neu-Ansätze der Moralbegründung von Tugendhat bekannt. Und die hat er nicht verfaßt, weil die vorherigen so schlecht waren. Sondern, weil Tugendhat in jeder Hinsicht intellektuell lauter ist und weiß, daß die Form der Philosophie seit Platon das Gespräch ist, und dieses Miteinander-Sprechen ist selbst moralisch gehaltvoll. Statler behandelt, das hat mich gefreut, den Philosophen entsprechend mit Fairness.
Was man hingegen mit jenen macht, die sich dem Dialog entziehen - ich behaupte mal, daß die Moral da keine Antwort weiß ...

Und das wurde auch Zeit. Man kann hier gar nicht aufzählen, wie viel politisch Unsägliches dieser Ex-Justizsenator Kusch da oben auf dem Foto zu verantworten hat, und heute ist er über eine "Protokollaffaire" nun endlich gestolpert und längst hingeschlagen. Ole von Beust, auch nicht viel besser, hat ihn entlassen, als hätt's dafür nicht lange schon verdammt gute Gründe gegeben. Neben all diesem meiner Ansicht nach Verwerflichen, das er gesagt und getan hat ...
... war für mich immer das Schlimmste diese Homo-Komplex-Überkompensation, zu der er zumindest aus meiner Perspektive zu neigen schien. Als müsse er nun ganz besonders hart, autoritär und inhuman auftrumpfen, um ernst genommen zu werden. Grauenhaft.
Dieser Senat ist eh das Schlimmste, was der Stadt seit langem passiert ist, das wird sich auch nach Kuschs Entlassung nicht ändern - Herr von Beust wird auch weiterhin alles präsidial hinfortlächeln, was wichtig ist, und im Schatten dieses Lächeln durchwächst dann einen zunehmende, an Kapitalinteressen orientierte Vermachtung des öffentlichen Raumes die Stadt wie ein Krebsgeschwür. In diesem Fall empfinde ich sogar das fiese Sprachbild ausnahmsweise als angemessen ...
Dieser Fall hat ja völlig zu Recht enorm viel aufgewirbelt. Ist mir völlig unverständlich, daß der eine oder andere Blogger dieses nur als eine "weitere Sau"; die irgendwo hindurchgetrieben würde, begreift - hier geht's sowohl um Prinzipelle als auch um's Menschliche. Die Bloggerin Moni bleibt jetzt standhaft, Glückwunsch! Finde ich saumutig!
Will mich auch gar nicht irgendwo dranhängen, wollte nur meine Spendenbereitschaft erneut bekunden, Kontakt steht im Impressum. Verfolge auch den Verlauf auf der Seite selbst und sehe so ja sonst auch, wann's an der Zeit ist. Und daß Udo Vetter jetzt bereit ist, die Interessen der Bloggerin zu vertreten: Super! (via wirres)
Da lacht sie sich schlapp, die politische Klasse, und klopft sich triumphierend auf die Schenkel. Wir haben's geschafft! Der Wähler stört uns nicht mehr, seitdem wir uns auch öffentlich verbündet haben.
Politik versteht sich als geschlossenes Handlungssystem - der Herr Wulff hat's gestern unverblümt ausgesprochen - und zieht ihr Selbstverständnis aus dem Problemelösen, nicht mehr aus dem Beitrag zur politischen Willensbildung des Volkes. Das sich schon gar nicht auf so anachronistische, linke Mythen wie jenen der "Volksvertretung" beziehen will. Repräsentative Demokratie im Deutschland 2006 versteht das Repräsentieren als Sich-Präsentieren bei Christiansen. Als irgendjemand gestern in der nichtsagendsten Polit-Sendung der bundesrepublikanischen Geschichte - ich glaube, es war der gar nicht so üble Herr von der IG-Metall - auf die desaströse Wahlbeteiligung verwies, antwortete Herr Wulff darauf, daß die Linkspartei ja eine solche sei, die nur blockiere und keine Probemlösungsansätze vorschlage. Aha. Das also ist die Antwort auf die Wahlbeteiligung?
Polit-Management nach Harvard-Buisness-School-Vorbild ist angesagt, und man tarnt dies durch Kohlismen der Über-Papis - und Mamis, wie Kurt Beck einen darstellt. Und bevor 'ne attraktive Frau gewählt wird, ...
... begeistert man sich lieber für die neue Friseur von Merkel. Das schafft in der Polit-Männerwelt Distanzen - eine Frau, die der eine oder andere auch noch sexy finden könnte, die hätte ja dann noch mehr Macht, obgleich sie doch eigentlich Schirrmacher folgend Omi pflegen sollte.
Ja, ich weiß, daß genau eine solche Perspektive auch die ganz Rechten einnehmen und mal wieder nach Weimarer Vorbild das politische System vom Lande trennen, zwischen BRD und Deutschland längst schon wieder unterscheiden wollen. Das hilft nur wenig, wenn man das weiß, weil man selbst auch nicht wüßte, wen man wählen sollte, weil keine Partei das umzusetzen wenigstens vorschlägt, was mich überzeugen könnte ...da kann ich noch so nachhaltig von Demokratie und unserem politischen System überzeugt sein, und das bin ich in der Tat, ich wüßte ja auch nicht, wen ich ankreuzen sollte.
So zitiere ich mal zustimmend SpOn:
"Denn der Verlierer des heutigen Abends ist vor allem die öffentliche Debatte, der politische Diskurs. Die politische Mitte steht heute deshalb vermeintlich glänzend da, weil die Skepsis vor demokratischen Wahlen in Deutschland weiter gestiegen ist. Die Wahlbeteiligung ist abermals auf historische Tiefstände gesunken. Der politische Streit der beiden Volksparteien, das Abgleichen von Positionen, wurde auf die Zeit nach der Wahl vertagt. Das ist neu: Ein Wahlkampf ohne politischen Streit. Die Wähler wollen es offenbar so."
Dem letzten Satz stimme ich nicht zu. Die sehen aktuell keine Alternative - und genau da ist anzuknüpfen: Warum zum Teufel gehen die 5 Millionen, die zum Teil Zeit dafür hätten, nicht massenhaft in die Parteien und sorgen dort für neuen Schwung, statt sich die Nachmittagsprogramme der Privatsender reinzuziehen?????????????
Nachsatz, beim Föhnen mir eingefallen: Demokratie ist nämlich keine Frage eines Angebots, das andere dann nachfragen oder auch nicht, sondern genuin gemeinschaftliches Handeln aus der Perspektive der 1. Person Plural.

Seltsam. Als Sprößling eines SPD-Haushaltes, der schon im zarten Alter von 10 Jahren mit Schlümpfen und Gummifiguren zusammen mit seinen Geschwistern Parlament spielte - und das ironischerweise im Urlaub am Wolfgangsee - habe ich sonst immer Wahltage nervös und aufgeregt verfolgt, bei der ersten Hochrechnung lief der Fernseher. (Miraculix war übrigens damals immer Präsident, weil der so weise aussah - har, har! Und mein Bruder hatte 7 kleine Plastik-Wums, auf dem Schützenfest geschossen, und die waren dann schlicht "Die Opposition").
Ich habe so wundervolle Wesen wie die Red Eden Rose da oben auf meinem Balkon wohnen, außerdem noch Leonardo da Vinci, Yellow Charles Austin und die Bow Bells als Hochstämme, eine Rose des Resht, die wundervolle Grace und 'nen Oleander. Ach ja, und eine Clematis namens "The President", bin mir aber nicht sicher, ob die den Winter überlebt hat. William Morris haust da auch noch, aber der muß ...
... dieses Frühjahr in den Garten eines Freundes gepflanzt werden, der ist zu groß geworden.
Wo's endlich draußen wärmer wird und kein Nachtfrost mehr diese herrlichen Geschöpfe schädigen kann, habe ich sie soeben zurückgeschnitten, damit sie um so schöner neu austreiben. So Balkon-Rumgeschnippel ist ja was ganz wundervoll Meditatives, jetzt habe ich zwar zerschundene Hände, bin aber des Lebens froh. Und habe darüber die Landtagswahlen völlig vergessen ... in Zeiten der Einheitspartei ist das aber vielleicht auch gar nicht so erstaunlich.
Diese Einträge zum deutsch-amerikanischen Blog-Karneval, die Statler zusammenfaßt und verlinkt, sind ja außerordentlich spannend. Spannend sind die auch hinsichtsichtlich des Adorno- und Habermas-Bashings, das mich so geärgert hat; deshalb zitiere ich einfach mal 'nen Satz über den Einfluß deutscher Exilanten auf die US-Kultur und setzte ihn dann in Beziehung zu Marian Wirths Metamorphose:
"Frankfurt School luminaries Max Horkheimer and Herbert Marcuse became heroes of the American New Left, which grew out of the anti-war movement in the late 1960s and the 1970s." (Dialog International)
Den zitiere ich, nicht nur, weil ich diese Entwicklung auch retrospektiv gut finde, auch wenn Marcuse ...
... als Inbegriff eines nervtötenden Freudomarxismus fatal auch wirkte und es nur konsequent war, daß er irgendwann eine Erziehungsdiktatur forderte. Strukturell analog zu aktuellen Neocon-Forderungen nach neuer Zwangs-Christianisierung kann man sich die vorstellen, wenn man das möchte ... . Diesen Satz zitiere ich auch, weil er diese unsinnige Europa-Amerika Dichotomie auflöst, die bei links, rechts und liberal gleichermaßen durchschnimmert-
Während ich hier schreibe, läuft im Hintergrund gerade die "MacArthur's Park-Suite" in der Version von Donna Summer (gnihihi). Das am nachhaltigsten fortwirkende Theoriefragment der "Frankfuter Schule" ist wohl bis heute hierzulande die Adorno/Horkheimersche Kritik der amerikanischen Massenkultur in Film und Musik. Und sei's auch nur eine unterschwellige Wirkung.
Sie findet sich im Kulturindustrie-Kapitel der "Dialektik der Aufklärung" und hat uns so wundervolle Sätze wie "Fun ist ein Stahlbad", "Das Kollektiv der Lacher parodiert die Menschheit" oder auch "Kulturindustrie schlägt alles mit Ähnlichkeit" hinterlassen (habe meine Ausgabe der "Flaschenpost" leider verliehen und nicht zurückerhalten, deshalb keine Seitenzahlen. Zitate aus dem Gedächtnis).
Horkheimer/Adorno behaupteten dort so Grundfalsches wie z.B., daß Jazz-Hörer nur marschieren wollten, gemeint war bei ihnen der Swing z.B. eines Benny Goodman. Nichtsdestotrotz witterten sie, gut versteckt und nicht enfaltet, in den Gütern der Kulturindustrie noch Reste eines wahren Lebens im Falschen. Z.B. im Falle knutschender Pärchen oder auch im radikalen Spaß: "Amusement , ganz entfesselt, wäre nicht bloß der Gegensatz der Kunst, sondern das Extrem, das sie berührt. Die Mark Twainsche Absurdität, mit der die amerikanische Kulturindustrie bisweilen liebäugelt, könnte ein Korrektiv der Kunst bedeuten." (DA, S. 150, zitiert nach: Martin Seel, Dialektik des Erhabenen, in: van Reijen, Willem und Schmid Noerr, Gunzelin, Vierzig jahre Flaschenpost, Frankfurt/M. 1987, S. 16).
Um Adorno gerecht zu werden, sind solche Sätze maßgeblich: Für ihn war nicht Wissenschaft oder Moral das "dem totalen Verblendungszusammenhang" sich Entziehende, sondern Kunst. Paradigmatisch z.B. die Schönbergsche Zwölftonmusik. Das kann man zwar blödsinnig finden, aber nicht ignorieren, wenn man seine Sprache angreift: Mit ästhetischen Mitteln wird versucht, die "instrumentelle Vernunft" und das "identifizierende Denken", das als Naturbeherrschung gedacht wird, auszuhebeln. Das ist nicht nur dummes Zeug, z.B. hinsichtlich der Queer-Theory kann man den Sinn und Unsinn dieses Denkens dann sinnvoll diskutieren. Das Projekt ist schlicht ein anderes als das von Popper.
Die Erfahrung von Hollywood und Jazz war im amerikanischen Exil für Horkheimer/Adorno faszinierend und erschütternd zugleich. Diese hochpopulären Formen, in denen die Form den Inhalt einzwängt und dadurch sabottiert, sich das Spontane, das Leben unterwirft, um Menschen in den kapitalistischen Produktionsprozeß einzugliedern, machte die beiden völlig fertig. Auch Freud kam in ihren Analysen nicht zu kurz: Durch die Anstachelung der Vorlust, der nie Befriedigung zuteil werde, würden die Menschen bei der Stange gehalten (die obszöne Implikation der Metapher ist intendiert, nicht umsonst fällt in Entwicklungsmeetings der Fernsehindustrie oft der Satz "Wir müssen die Leute an den Eiern packen!").
Diese Totalisierung der Form haben die beiden Philosophen so derart eindrucksvoll und wirkungsmächtig beschrieben, daß sich die Kulturwissenschaften bis heute nicht davon erholt haben. Dieser ganze seitenweise breitgetretene, zwanghafte Affirmation eines Norbert Bolz z.B. ist nichts anderes als der stets auf Neue fehlschlagende Versuch, sich der Faszination Horkheimers/Adornos zu entziehen.
Sie haben damit all die bildungsbürgerlichen Resentiments gegen die anglo-amerikanische Oberflächkeit, der die wahlweise deutsche oder kontinentaleuropäische Tiefe entgegenstünde, in einem überragenden Text zusammengefaßt. Das 19. Jahrhundert war getränkt von dieser Opposition und deshalb schnell entflammbar, in den 20er Jahren bündelte sich das Ganze zu einer melodramatischen Kritik der "Massenkultur", z.B. bei Ortega y Gasset, der in Deutschland allzu gern gelesen wurde.
Jener Liberalismus, der in der Opposition "Masse/Mensch", ironischerweise Titel eines Theaterstücks des Sozialisten Ernst Toller, sich bewegt, ist immer schon diesem Bildbungsbürgerdünkel verhaftet. Von diesem zehrt die deutsche Volksseele, ob links oder rechts, bis heute.
Hollywood, Kid Creole & The Coconuts und Britney Spears sind dann einfach nur schrecklich trivial, eben keine Hochkultur, und als guter Deutscher beruft man sich vorsichtshalber auf Kafka, wenn man über die US-Kulturen spricht und schreibt. Auch die Credibility-Debatten in Zeitungen wie der Spex sind nicht anderes als die Implementierung der Hoch- und Trivialkultur-Opposition in den Pop-Diskurs selbst.
Interessant in dieser Hinsicht ist Marians Entwicklungsgeschichte zum Thema "Ich und Amerika". Diese ist außerordentlich lesenswert, und die US-Serien sind auch mal kurz erwähnt. Aber nein: Das eigentliche Erweckungserlebnis ist Literatur. Da ist individualbiographisch hier auch nicht zu ironisieren, auf keinen Fall!
Strukturell ist's dennoch komisch, weil die im Zuge des Irak-Kriegs so offensiv pro-amerikansich Argumentierenden (zu denen meines Wissens Marian nicht gehört) dabei allzu gern übersehen, daß die Proteste gegen diesen in einer bestimmten Hinsicht US-Mythen folgen und diese aufwärmen: Massen- und Popkultur-Mythen.
Man kann die ganzen Anti-Vietnam-Filme gar nicht aufzählen, spontan fällt mir nur "Die durch die Hölle gehen" ein. Das ganze Hippie- und Woodstock-Szenario wirkt doch bis heute so gewaltig fort, und in dieser Hinsicht ist dann das Eingangs-Zitat wichtig: Marcuses "Eros and Civilisation", "Triebstruktur und Gesellschaft", ist ja eine der vielen Quellen, aus denen sich genau dieses Szenario speiste, zumeist wohl vermittelt, trivilialisiert, egal. The Doors, Janis Joplin, Jimi Hendrix und die Anderen haben doch zumindest Spuren des selbst von Adorno gewitterten Anderen in der Kulturindustrie auf die Bühne gebracht - und sind sogar dran krepiert, vielleicht, weil's kein wahres Leben im Falschen gibt?
So kommt's dann, daß viele zunächst auf der Anti-Irak-Kriegs-Demo in den USA als solchen das Böse verorten, um zu Hause wahlweise The Strokes oder Frank Zappa aufzulegen. Diese ganze, so oft beschworene Opposition deutsche Kultur/europäische Kultur versus US-Kultur bricht auf der Ebene der Popkultur in sich zusammen, und das ist auch gut so. Was gibt's denn Schöneres, als wenn Elvis "Treat me like a fool, treat me mean and cruel, but love me!" singt?
Und genau das ist ja das Schlimme an der Wirkung des George w. Bush: Dieser verbiesterte christliche Rollback, für den er steht und der auch hierzulande immer stärker wirkt, während er in den USA langsam zerbröckelt, ist immer gegen den kulturellen Fortschritt gerichtet, den die angloamerikanische Popkultur immer auch bedeutet hat. Ich sach nur "Nipplegate".
Klar, auch Elvis war tiefreligiös, aber er war's mit so geballter Sinnlichkeit, das in ihm und jenen, die ihm folgten, die Hoffnungsflamme der älteren Kritischen Theorie auch weiter lodert ...
Dieser Vorgang ist ärgerlich, erschreckend und tut weh, selbst wenn man ihn nur aus der Ferne als Beobachter betrachtet. Sehr Gutes dazu kann man bei Wirres lesen, eine Link-Liste findet sich bei Roland.
Bin neulich ganz unironisch ergriffen aufgrund eines Eintrages beim betroffenen Blog tief in meine Zivildienstgeschichte hinabgestiegen, und es ist einfach nur gemein, daß es gerade diese Autorin trifft, und das auch noch aufgrund eines Berichtes, dessen Wahrheitsgehalt ich zwar nicht überprüfen kann, bei dem ich jedoch auch keinen Grund sehe, wieso sowas erfunden werden sollte. Wo ich schon gar keine "Schmähkritik" oder gar "Persönlichkeitsrechtsverletzung" von noch nicht einmal wirklichen Personen, sondern allenfalls juristischen Personen, wahrnehmen kann. Es ist lediglich eine dieser schlimmerweise alltäglichen Geschichten aus dem Arbeitsleben, nüchtern berichtet ...
Wie's meine Art ist, kann ich gar nicht anders ...
... als in dem Ganzen etwas Grundsätzliches zu sehen, was mir jetzt hoffentlich nicht als mangelndes Mitgefühl mir ausgelegt wird.
Habe selber einen Schwager, der wegen eines vermeindliches Betruges gegen einen Großkonzern verknackt wurde. Es ging um ungleich mehr Geld, als so eine Abmahnung je provozieren könnte, der Fall ist so auch keinerlei kein Grund, Ängste zu schüren.
Wir alle wurden während des Prozesses das Gefühl nicht los, daß mein Schwager schon deshalb keine Chance hatte, weil's eben ein Großkonzern war, der sich betrogen wähnte. Ein Unternehmen, das in jener schwer gebeutelten Stadt, in der der Prozeß stattfand, eben für den Standort auch eine große Rolle spielte. Die Tatsachenbehauptung besteht in der Beschreibung unseres Gefühls angesichts des Handelns des Richters, nicht darin, daß ich Motive für das Fällen seines Urteils als Tatsache behaupten würde. Die bezeugbare Häufigkeit von Formulierungen wie "Ein Weltkonzern wie X macht doch nicht Y!" war nichtsdestotrotz erstaunlich.
Noch ein weiterer, in vielen Blogs diskutierter Vorgang weist eine ähnliche Struktur auf: Das neue Urheberrecht. Alle Rechte den Großinstitutionen, - organisationen, wie auch immer man das nennen will - irgendwo stand, daß hier einer Industrie Rechte eingeräumt würden, die schon bei Staaten problematisch wären.
Insofern ist's auch so kurzsichtig, wenn auf liberaler Seite immer nur die "sozialistischen Folterinstrumente" des Staates in Opposition zu Unternehmer-Rechten gedacht werden. Der Fall ist, daß der Staat aktuell sehr viel dafür tut oder tuen will, Individuen zu entrechten, indem er Unternehmens- und Lobbyinteressen juristisch flankierend stützt - und Entwicklungen wie die neue "Abmahnungskultur" als Vorbild aller Leitkultur ist dafür nur ein weiteres Symptom. Weil im Ringen um das Recht auf öffentliche Rede dann eben jene auf der Strecke bleiben, die sich's nicht leisten können, rumzuprozessieren ... und ich habe seit Ewigkeiten keine Diskussion mehr gehört, wie man da mal Abhilfe schafft.
Weil eben längst durch die Debatte, daß es Gesellschaft gar nicht gäbe, sondern nur Kultur, jetzt auch jeder selbst schuld an der sozialen Situation sein soll, in der er lebt. Weil nur behauptet wird, daß sowas wie Kündigungsschutz unbegründetes Privileg sei usw. - warum sich dann Gedanken machen, wie man sozial schwächer Gestellten ihre Rechte stärkt? Es gäbe ja Rechtsschutzversicherungen, Pflichtanwälte, harhar ...
Das ist der Kontext, in dem der so hundsgemeine Fall als solcher sich entfaltet, und das noch bei einer Institution wie jener, über die man in all den Blogs lesen kann, einer solchen, die sich durch die Kritik an den Verhältnissen profilieren möchte. Das alles ist nur ein weiteres Symptom für den Versuch der kollektiven Entrechtung von Personen durch ihre wirtschaftliche Knebelung.
Das braucht diese Institution noch nicht einmal intendieren, meine Beschreibung liegt da auf einem höheren Allgemeinheitsniveau und ist keine Unterstellung bewußter Absichten (in solchen Fällen muß man ja vorsichtig sein).
Ja, mir ist aufgefallen, daß es sich nicht um ein Unternehmen handelt, aber das Strukturelle greift da trotzdem. Und genau deshalb ist es so wichtig, mit liberalen Positionen im Gespräch zu bleiben. Wenn die Liberalen mal begreifen würden, welchen Entwicklungen sie da diskursiv die Türen öffnen, dann wäre die Zeit für eine neue, politische Bewegung reif ...
Für den Einzelfall hilft das wenig. Da sei auf die bei Roland verlinkte Mail-Aktion verwiesen, und ich signalisiere hier auch schon mal Spendenbereitschaft für den Fall juristischer Auseinandersetzungen und verfolge mal, ob diese gewünscht ist. Es gibt keine Freiheit ohne Solidarität.
Allzubald hänge ich nicht wieder vor diesem Liveticker herum. Kaum, daß ich mal reinschaue, steht's 1 zu 1, unser Torwart wird von irgendwelchen Münster-Spielern vom Platz getreten, unser Abwehrchef vom selben geprügelt, blutend aus Platzwunde, muß runter, die Helden nur noch zu zehnt - oh Gott, schnell wieder raus hier, ich bringe Unglück!
Viertelstunde später, ich geh wieder rein, nur mal nachschauen, und: 88. Minute, 1 zu 2! Schnell wieder weg, will nicht Schuld am späten Ausgleichstor sein, erinner mich da an Spiele, nee, nicht drüber schreiben, Mythos ist ja immer auch der Glaube an den magischen Gebrauch von Worten, und Fußball ist mythisch, also, hektisch auf die Achse des Guten gehen und irgendeinen neuen Aufreger suchen, steht kein richtiger, oder ich hab's vor Aufregung überlesen, bei den B.L.O.G.'s auch nix Neues, was ist da eigentlich los, das Schweigen im Düsseldorfer oder niedersächsischen Walde, oder was?, zurück zum Liveticker, und, ja, das Spiel ist aus, jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa, jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa, tatsächlich haben die Mannen das 1:2 noch gehalten, Mazingu war's, das zweite Tor von ihm, dem Phantom, zu zehnt haben sie es noch erkämpft, und, noch toller: Essen verliert, Kiel und Lübeck spielen nur unentschieden, nur verliert Essen dummerweise ausgerechnet in Jena, so daß Jena jetzt ganz dick im Aufstiegsgeschäft mit drinnen ist, Platz 2, und die waren leider neben Düsseldorf zumindest am Millerntor die beste Truppe, die ich da bisher gesehen habe ... hoffentlich brechen die noch ein, wie bei starken Aufsteigern ja oft zu beobachten ... trotzdem sieht die (wegen Spielausfällen zu unseren Gunsten verzerrte) Tabelle auf einmal wieder anders aus, und selbst wenn dem nicht so wäre, habe ich das "Ihr seid Helden"-Foto heute morgen nicht zu Unrecht hochgeladen, Danke, Norbert!, und egal, was noch komme, das ist schon verdammt cool, was ihr da heute geleistet habt, Jungs, Danke!!!!!!!!!!!!!!!!! Walk on, walk on, with hope in your heart, and you'll never walk alone - ehrlich nicht! Darf nur nicht mehr per Liveticker dabei sein ...
... ist das hier - auf den Totenkopf klicken und genießen, daß so auch international gilt: Hamburg ist braun-weiß!
Wen's interessieren sollte, was mir zu Fußball über den FC St. Pauli hinaus so alles einfällt, der kann das von nun an hier lesen.

(Quelle: FC 42)
Komisches Gefühl. Seit der zweiten Hälfte der Hinrunde jedes Spiel als existenziell wichtig erlebt, als einen weiteren Schritt hin zu Liga 2 - und heute, wo's gegen Münster geht, höre ich melodramatische Musik und trage innerlich Trauer.
Man wagt kaum noch, an Siege zu glauben; Münster steckt im Abstiegskampf und unsere Helden, die ich genau wie den Trainer weiterhin jedes Mal feiern werde, wenn sie mir über den Weg laufen, sind mental ausgeknockt. Vielleicht ist auch ...
... eine Bürde von ihnen abgefallen, einige Spieler werden mit nicht ganz so schlechtem Gewissen neue Verträge mit Zweit- und Erstligisten aushandeln, und manchmal kommt es mir vor, als sei genau das das unbewußte Motiv der aktuellen Krise. Kein schlechtes Gewissen haben zu wollen. Nicht wählen zu müssen. Notwendigkeiten behaupten dürfen, als habe der objektive Geist uns den Aufstieg verhagelt.
Heute also Münster, trotz tiefkatholischer Schwärze ein ganz hübsches Örtchen. Das Münsterland mit seinen Bauernhöfen erinnert mich immer ein wenig an die Landschaft nördlich von Hannover - nicht ganz so morastig, aber ebenso flach mit ebenso kuscheligen Dörfern.
Münster selbst ist halt wie Freiburg, Marburg oder Göttingen auch eine von diesen Mittelschicht-Städten voller Beamter und Fahrräder - war's Beck, der gesagt hat, bei Deutschland denke er immer an viel dunkles Grün, nicht nur jenes von Bierflaschen, und alte Fahrräder, die überall rumstehen? Dann war er wohl in Münster ... und wie überall in diesen Uni-Städte gibt es ja auch nicht viel mehr zu erzählen.
Die sind aufgeladen mit Erinnerungen an böse Professoren und wilde Parties; irgendwann treffen sich die Kommilitonen dann in Werbeagenturen oder Call-Centern in deutschen Großstädten wieder und verstehen sich Stunde um Stunde bestens, wenn sie über die Wege-zur-Disco und WG-Erlebnisse plaudern und sich bestätigend anlachen, daß die Juristen-Parties ja immerdie wildesten waren.
Dann lassen ihre längst verlorene Jugend noch einmal "Revue passieren", lustige Anekdötchen über den Kellner X, nennen wir ihn "Tequilla-Manni", in Kneipe Y, wahrscheinlich hieß sie "Sonder-Bar", stehen wie der Jongleur auf der Varieté-Bühne, kurz darauf betritt irgendein Uni-Unikum die Erinnerung, das auch im Winter ohne Socken mit Badelatschen und kurzer Hose in die Seminarräume tigerte und immer irgendeinen Lehrbeauftragten sich ausguckte, an dem er sich rieb. Den er dann in anstrengende und überflüssige Debatten verstrickte, z.B. im Seminar für Generative Grammatik nach Chomsky, wo jedes Semester wieder Studenten mit dem zweibändigen Fanselow/Felix gequält werden. Da sitzt der Mann im Bademeister-Ouftit jedes Jahr erneut und zitiert z.B. Humboldt und Herder und verschafft sich so eine geringfügige, aber doch identitätsstiftende regionale Prominenz.
Solche Leute gibt es ja auch in jeder Fankurve, und wahrscheinlich ist's bei Preußen Münster so einer, der entweder stottert oder eine Hasenscharte hat und auf dem Schulhof verprügelt worden wäre, wenn er nicht seine Preußen-Münster-Kumpels gehabt hätte.
Seine Fußballfreunde von einst sind längst unter der Haube, pflügen Äcker oder saufen sich die Arbeitslosigkeit vom Leib, während die Blagen draußen in Jauchegruben spielen oder sich angespitzte Äste in die Kniekehlen rammen, halt so Sachen, wie spielende Kinder auf dem Lande sie machen.
Die Fankurve von Preußen Münster sah eher nach Landbevölkerung als studentisch aus, und während seine Kumpels von einst frustriert ihr kleinbürgerliches Leben führen, reist unser Dorftrottel noch immer, seit 20 Jahren, mit dem Verein durch die Lande. Trägt irgendeine verschmierte, originelle Kutte an und 'ne witzige Kopfbedeckung, einen Ritterhelm oder sowas, weil das einizige, woran er aus der Schule sich noch erinnert, der westfälische Frieden ist.
Um sich beim Fan-Nachwuchs anzubiedern, klopft er regelmäßig ein paar rechte Sprüche, und nach den Spielen kommt er volltrunken nach Hause, wo seine Eltern sitzen, die sich schreckliche Sorgen um ihn machen. Jetzt ist er schon mehr als 40 jahre alt und hat immer noch nix gelernt! Keine Frau, keine Kinder!
Sie haben wahrscheinlich eine Fleischerei in irgendeinem Dorf, die langsam, aber sicher rote Zahlen schreibt, weil alle Dorfbewohner sich auch nur nach das LIDL-Suppenfleisch leisten können und Landwirtschaft mit Selberschlachten kaum noch stattfindet. Darüber reden sie dann immer mit ihren Verwandten, den Ludowigs aus Wunstorf, deren Laden noch immer ganz gut läuft. Einmal war die Frauke auch bei unserem Dortrottel zu Hause, da hat er stundenlang kein Wort rausbekommen. Er steht sowieso mehr auf Rothaarige und träumt immer von Fesselsex mit der Rothaarigen aus "Desperate Housewifes", und es erregt ihn ungemein, wenn er sich vorstellt, wie sie die Handschellen vorher in die Geschirrspülmaschine hängt.
Heute wird er dann inmitten der kleinen Glatzen in der Fankurve stehen und sich mit "Scheiß St. Pauli, Scheiß St. Pauli"-Rufen die Lebenszeit vertreiben. Abwechselnd mit "Ihr wascht euch nie, St. Pauli!"
Und all das sich vorzustellen erscheint mir ungleich spannender, als das Spiel zu antizipieren, das er sehen wird ...
Die Kurzfassung einer Erwiederung, die sich wahrscheinlich über Monate, wenn nicht Jahre in ganz vielen neuen Einträgen fortsetzen wird. Beziehe mich auf Statlers Antwort auf meine Einwände gegen sein unkommentiertes Posten letztlich diffamierender Zitate von Popper/Albert zu Habermas/Adorno.
zu "Irrtum #1":
"Es geht hier keinesfalls um “Intellektuellenfeindlichkeit”, sondern um eine Allergie gegen Obskurantismus."
Das mag ja sein, aus dem Kontext gerissene Zitate bewirken jedoch intellektuellenfeindliche Reflexe. Halte es mit meinem Lehrer (der Arme kann sich gar nicht an mich erinnern, und ich berufe mich hier ständig auf ihn, für mich war's aber mein Lehrer, das ist Professorenschicksal an Massenuniversitäten) Herbert Schnädelbach, daß man Rationalität auch schlicht als Verständlichkeit ...
... explizieren kann. Und Schnädelbach, der selbst einst bei Horkheimer/Adorno studiert, und, ich glaube, auch promoviert hat, hat sich ebenfalls oft genug über die "Adornitis" aufgeregt. Insofern kann man da die Allergie von Albert/Popper schon verstehen.
Man kann sich aber auch dem gedanklichen Aufwand stellen, sich zu fragen, was für Gründe es sogar für Heidegger gab, für Adorno erst Recht, diese Sprache zu wählen. Das gibt's ja welche, das war in beiden Fällen mehr als eine reine Verschleierungstaktik. Das würde jetzt aber wirklich zu weit gehen, das hier mal eben nebenbei darzustellen, verschiebe ich auf weiter Einträge. Zudem ich final sogar Albert/Popper zustimmen würde. Aber nicht mal eben so durch ein "lustiges" Zitat. Da braucht's vorher schon ein wenig Auseinandersetzung mit dem Sujet.
Im Falle von Habermas halte ich die Vorwürfe für nicht zutreffend. Das hat mit "Obskurantismus" rein gar nix zu tun, was der schreibt. Das ist Diffamierung.
zu "Irrtum #2":
Albert würde zwischen Gadamer, Heidegger und "die Frankfurter" nicht in einen Topf werfen, schreibt Statler.
Er nennt sie jedoch in einem Atemzug, und damit ist zumindest die strategische Absicht des Postenden offenkundig: Alle obskur, nur ich und meine geistigen Väter nicht. Finde ich schade. Da wäre mehr drin.
zu "Irrtum #3":
Poppers Theoreme seien bis heute Grundlage der Forschenden, nächstes Gegenargument. Ja, deshalb gehören sie ja in die gymnasiale Oberstufe. Da werden ja auch irgendwelche Gleichungen, Funktionen und Parabeln gelehrt, und spätestens im Statistik-Seminar stellt man dann fest, daß man sie alle wieder vergessen hat. Die Oberstufe soll Grundlagen vermitteln, dafür ist sie ja da.
"Sie" - die praktizierenden Wissenschaftler - "forschen so, als hätten sie es " - das Denken Poppers - "verinnerlicht. Sie sind nämlich entweder damit beschäftigt (i) empirisch überprüfbare Hypothesen herzuleiten, oder (ii) diese Hypothesen zu überprüfen oder (iii) vorliegende, empirisch aus irgendwelchen Gründen (noch?) nicht überprüfbare Theorien auf Inkonsistenzen oder Unzulänglichkeiten zu untersuchen, sie zu verbessern oder zu verallgemeinern. Kurz und gut: Sie betreiben Wissenschaft als kritisches Geschäft, als Wettbewerb der Ideen."
Das alles gilt ja z.B. für Habermas nicht minder. Darüber habe ich ja geärgert, daß gerade auf "liberaler" Seite, was jetzt von meiner Seite unzulässig ist, das so zu formulieren, egal, muß gleich zur Arbeit, lieber auf diskreditierende Zitate gesetzt wird, als sich dem Wettbewerb der Ideen zu stellen.
Ich würde da gerne mal eine fundierte Habermas-Kritik lesen. Vielleicht überzeugt die mich ja. Stattdessen: "Nur: Aus der Ecke der Frankfurter Schule und ihrer Erben kamen die nicht." Gemeint sind Fortschritte in der Wissenschafts- und Erkenntnistheorie. Das ist wieder das Ärgerliche: So ein Satz steht dann mitten im Zimmer, ohne Beleg. Das ist Tabuisierung in ganz klassischer Form. Und die Vermeidung sachlicher Auseinandersetzung.
In Hamburg z.B. werden ja derzeit z.B. 50% der Stellen in vermeindlichen "Geisteswissenschaften" abgebaut. Aus meiner Ansicht nach rein ideologischen Gründen.
Interessant sind ja z.B. Fragen wie die, welche Hypothesen in Wissenschaften überhaupt formuliert werden. Wenn's da Antworten von Popper gibt, wie Fragestellungen und Problematisierungen sich formen, her damit. Das kann aber keine Theorie der Logik der Forschung selbst beantworten. Bei Adorno, Habermas, aber noch viel mehr bei Foucault finden sich auf solche Fragen Antworten. Und ich behaupte, daß es reine Interessenpolitik ist, daß Studenten diese nicht mehr kennenlernen sollen.
Und ganz egal, ob Albert oder Popper das im Sinne hatten: Wer aus dem Zusammenhang gerissene Zitate postet, der befördert genau das, ob gewollt oder nicht. Ich weiß nur nicht, was das noch mit "Freiheit" zu tun hat ...
zu "Irrtum #4":
Wie bereits bei Statler geschreiben: Da lasse ich mich gerne eines Besseren belehren. War halt 'ne Hypothese ;-) ... überprüfe ich baldestmöglich. Da lasse ich mich dann auch gerne zurechtweisen.
zu "Irrtum #5":
Das korrespondiert mit der Antwort zum vermeindlichen Irrtum #3. Das mit der Landkarte im Maßstab 1 zu 1 ist ja wenig aussagekräftig. Das erwartet ja auch keiner.
Was in den mir bekannten Theorieansätzen als Grundlage aufscheint, ist immer das, was z.B. Charles Taylor als "atomistische Vorstellung" des Menschen, Subjekts, Individuums beschreibt. Da diese "atomistische Vorstellung" in den mir bekannten, auf "rational choice"-Theoremen basierenden, volkswirtschaftlichen Ansätzen unhinterfragt vorrausgesetzt wird, komme immer so in's Grübeln. Weil ich diese Prämisse für falsch halte.
In der Hinsicht halte ich z.B. einen Habermas für Hypothesenbildung für außerordentlich wertvoll. Aber der wird ja tabuisiert, damit die Forschungsergebnisse auch ja bestimmten Interessen dienen, ob nun gewollt oder nicht - bei Statler glaube ich nicht, daß er interessengeleitet argumentiert. Ich halte ihn für einen Überzeugungstäter. Unser Bildungssenator Herr Dräger hingegen tut's.
Das, was Statler als "Geisteswissenschaft" bezeichnet, was für mich jedoch nur ein Bündel unterschiedlicher erfahrungswissenschaftlicher Ansätze ist, ist ja genau in dieser Hinsicht wichtig: Sich darüber zu verständigen, welche Fragestellungen relevant sind. Bei den Naturwissenschaften ist das im Rahmen der Theoriegeschichte selbst zu beantworten. Wirtschaftstheorien sind für mich Gesellschaftswissenschaften. Da bilden sich Fragestellungen anders, ganz egal, ob theoretisch oder empirisch.
Unhinterfragte Vorraussetzungen sowie auch ein Kurzschluß zwischen Begriff und Wirklichkeit, also eine Ontologisierung begrifflicher Voraussetzungen, sind für mich Kennzeichen mythischen Denkens. Aber, wie in allen genannten Punkten lasse ich mich da wirklich gerne korrigieren. Ich gehe prinzipiell davon aus, daß ich auch Unrecht haben könnte. Und bin da, glaube ich, ganz bei Popper ...
Nee. Lustig war das nicht. Ich ahnte schon, was kommen würde.
Gehe mit meinem heißgeliebten, restläufigen und außerordentlich lustvollem Hundetier auf eine Ampel zu, direkt gegenüber vom "Dom". Entgegen kommt mir eine Frau mit großem, weißem Hirtenhund, die einen häßlichen, kleinen Streuner mehrfach wegstöß, der am Hintern des Hirtenhundes klebt. Versuche abzubiegen, zu spät: Das struppige Viech dreht ab und kommt natürlich direkt auf uns zu. Hängt nun am nächsten Hintern. Über eine Ampel. Über eine zweite Ampel. Weit und breit kein Besitzer zu sehen. Läßt sich immer nur ein, zwei Meter wegscheuchen.
Noch ca. 2 Kilometer zur Arbeit. Keinen Menschen interessiert's, daß ich die ganze Zeit versuche, eine kleine Drecksthöle zu vertreiben. Nehme meine Hündin auf den Arm. Findet die blöd, sie will ja poppen. Ich will aber keine Welpen. Weitere Querstraßen, der Streuner entfernt sich. Setze mein Tier wieder ab, er kommt wieder näher. Immer näher. Meine Kleine an der Leine zerrt wie blöde, er läßt sich immer ...
... weniger zurückscheuchen. Bleiben zu dritt an einer Ampel stehen. Das Tier grinst mich mit widerlicher, blauer Zungenspitze an. Fängt an, an meinem Bein rammeln zu wollen. Ein fieser, schwarzer Fleck auf meiner Jeans in Kniehöhe von der dreckigen Hundeschnauze ist das Resultat. Zum Glück nur ein Fleck von der Schnauze, im "Buddah aus der Vorstadt" passiert ja Schlimmeres.
Traue mich nicht, zu treten - so ganz gesund sah der nicht aus, der Hund, und ich habe auch keine Lust auf Hundebiß oder Schuld am nächsten Beißunfall, weil ein Viech durch mich aggressiv wird. Meine Süße zerrt immer mehr, sie findet den toll. Ziehe sie weiter, der Streuner hängt fast auf ihr drauf.
Am Polizeirevier vorbei: Mir reicht's, gehe hinein. Unser Stalker folgt in die Polizeistation. Stehe da vor einem Thresen, ein außergewöhnlich attraktiver Polizist berät gerade einen Bürger mit halblangen Haaren und Designerbrille. Wortreich. Endlos. Drehe mich derweil vor dem Thresen im Kreis, um meinen Hund immer wieder vom liebeskranken Verfolger zu befreien. Kein Mensch spricht mich an.
Ein korpulenter, gar nicht attraktiver Polizist marschiert an mir vorbei, ich rufe ihm zu "Könnten Sie mir helfen?", keine Reaktion. Er geht zu seinem noch etwas korpulenteren Kollegen hinter einer Glasscheibe. Der guckt wenigstens genervt zu mir rüber.
Der Polizist hinter dem Tresen redet weiter auf den Herren mit Parker und Designerbrille ein. Ich drehe mich weiter im Kreis, auch mein Tier ist kaum noch zu halten. Ich komme ins Schwitzen. Drehe mich bestimmt schon 5 Minuten inmitten des Polizeireviers im Kreis, meinen Hund vor dem kleinen, geilen Bock schützend. Verzweifelt. Werde weiter ignoriert.
Zischel vor mich hin "Die Polizei, Dein Freund und Helfer." Dann laut: "Könnten sie mir bitte helfen, diesen streunenden Hund loszuwerden?" "Hä?" "Der will meine läufige Hündin besteigen, und ich will keine Welpen, und weit und breit kein Besitzer." "Ja, dann gehen Sie doch einfach raus und lassen den Streuner hier" blafft der mich an, als hätte ich ihn persönlich beleidigt.
"Der kommt doch mit, könnten sie den nicht kurz zurückhalten" "Ja, gehen Sie doch einfach raus!" Jetzt brüllt er fast.
"Bitte, halten Sie ihn doch einfach kurz zurück ..." Er erbarmt sich. Hält den Köter zurück, der bleibt im Revier. Und ich gehe, mich auf den Tag freuend, da dieses Schauspiel der Läufigkeit vorbei ist, einigermaßen fertig weiter ins Büro ...
Ich zitiere hier jetzt einen Kommentar aus einem anderen Blog, das ich heute morgen verlinkte, zu meinem vorherigen Eintrag.
Einfach, weil dieser sich wiederum auf meinen Eintrag bezog. Will mal darauf verzichten, in diesem Fall in einen anderen Blog zu pinkeln; halte das Ganze auch für interessant genug, um einen eigenen Eintrag daraus zu machen. Außerdem gehören meine Beiträge schließlich auch hier kritisiert. Zudem macht er deutlich, mit was für einem rhetorischen Gestus die Vertreter einer bestimmten Denkschule sich selbst das Prädikat "Kritisch" zusprechen, obwohl sie offenkundig gar nicht wissen, welchen Begriffsumfang dieses Wort hat. Falls es sich beim Zitieren von Kommentaren um eine Urheberrechtsverletzung handelt, weise man mich darauf hin.
"MomoRules sagt und bekennt eingangs seines Kommentars er sei kein Popper-Experte.
Eigentlich müsste mein Kommentar hier enden.
Popper ist ein sehr gewissenhafter und tiefgründiger Philosoph."
Ich glaube, keine Generalkritik an Popper verfaßt zu haben. War ja voll der freundlichen Worte für diesen. "Tiefgründing" ist genau eine dieser diskursiven und zudem typisch deutschen Schlenker, die nichts sagen, aber viel suggerieren. Wenn sich jemand auf die "Tiefe" eines Denkens beruft, autsch, dann heißt es vorsichtig sein.
"Viele seiner Gegner, nicht alle, wissen das Wort Schwäne korrekt hinzuschreiben. Beim Wort Falsifikation wird es bei vielen schon schwieriger."
Das hatte ich tatsächlich falsch geschrieben, da hat er Recht. Das ist aber auch schon wieder so ein nichtssagender Schlenker. Wer substanziell nix zu sagen hat, der beruft sich halt auf Rechtschreibfehler.
"Die sich daraus ergebenden logischen Implikationen haben die wenigsten verstanden und gar verinnertlicht."
Das heißt jetzt natürlich "Ich aber!", "verinnerlicht" hat The Flower übrigens auch falsch geschrieben. Dieser Gestus, des Eingeweihten, des Priesters würde ich eigentlich eher bei Mullahs oder Schwarzmagikern vermuten. genau der ist aber für manche Apologeten des neokonservativ-liberalen Denkkomplexes erschütternd typisch. Bei Konservativen kann man nix anderes verlangen, bei sich auf Popper berufenden Liberalen erwarte ich schon ein wenig mehr.
"Denken ist eine der anstrengendsten Tätigkeiten und “richtig” denken noch mehr."
Stimmt.
"Wer Popper nur mit Falsifikation und Hegel in Verbindung bringt, der kann einem schon leid tun. Aber, gegen Oberflächlichkeit muss man sich gegen alle Seiten hin absichern. Das beste Mittel dagegen ist eine (K)ritische Vernunft."
Ja, Denken und Lesen ...
sind dann offensichtlich doch zweierlei.
Was Popper an Marx kritisiert hat, übrigens zu Recht, ist immer auch der Hegel in Marx. Dieser Kritik hatte ich sogar zugestimmt und sie aktualisiert. Die steht, wenn ich mich recht entsinne, in "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde", und zusätzlich an irgendwas Kryptisches, eine 3-Welten-Lehre, erinnere ich mich auch. Erinnere mich auch daran, sie völlig unplausibel gefunden zu haben. Das mit den zwei Reichen bei Kant war ja schon problematisch genug.
Für Mitleid bedanke ich mich immer herzlich, auf Kritische Vernunft berufen sich auch Kant und Habermas, insofern frage ich mich, wieso Herr oder Frau The Flower hier schon wieder dieses Bild von "Oberfläche" und "Tiefe" bemüht!
Noch erstaunlicher ist, daß die offensichtlich zu reinen Diffamierungszwecken geposteten Zitate im Ursprungsposting mit der tiefsinnigen Überschrift "Flachköpfe" meinen, sich auf Kritische Vernunft berufen zu dürfen. Darüber habe ich mich ja am meisten aufgeregt.
Der ganze rhetorische Zweck dieser unverblümten Sätze da oben steht, wie zu oft im Dogmatismus des liberalen Lagers, aus keiner einzigen Information. Außer, daß Popper offensichtlich nicht mit Hegel in Zusammenhang zu bringen sei und über mehr geschrieben habe als über Falsifikation.
Na, dann sag's mir doch, über was noch, vielleicht revidiere ich dann ja meine Position! Das ist nämlich der Popper, wie ich ihn verstehe: Die Bereitschaft, die eigene Position prinzipiell immer zu revidieren, und das sieht Habermas übrigens genau so. Adorno nicht, der hat Sätze geschrieben wie "Wahrheit ist nicht Kommunizierbarkeit mit Jedermann", und so sieht The Flower das ja wahrscheinlich auch. Dann sollte er sich aber auch nicht auf Kritische Vernunft berufen. Genau das nervt mich ja an Statlers Ausgangsposting: Diese offenkundige Unfähigkeit oder der Unwille, sich mit anderen Positionen auseinanderzusetzen, und wenn man so agiert, kann man sich auf Popper auch nicht guten Gewissens berufen. Stattdessen setzt man auf Diffamierung des Gegenübers.
"Wer in der Wissenschaft bewandert ist vermag alten Wein in neuen Schläuchen zu erkennen."
Schon wieder dieser Seher-Habitus, das Ersetzen der Logik durch Rhetorik. Da guckt sogar jemand durch Schläuche hindurch. Und nimmt für sich in Anspruch, in Wissenschaft "bewandert" zu sein, ohne sich das in irgendeiner Aussage dann wirklich anmerken zu lassen. Diese suggestiven Diskussionspraktiken, in allen politischen Lagern der Blogosphäre anzutreffen, sind unerträglich.
"Welcher kritischer Geist würde leugnen wollen, dass auch Adorno und Habermas einen Beitrag zur Wissenschaft beitragen und beitrugen?"
Ja, Statler z.B., indem er diese dämlichen Zitate postet. Insofern stimmt mir The Flower zumindest in der Hinsicht zu, daß auch dieser seinen kritischen Geist gerne mal versteckt. Könnte ja auch als Schwäche wahrgenommen werden.
"Aber zu welchem Preis? Das meiste ist sehr alter Wein."
Auch mich davon überzeugen zu lassen, da bin ich stets bereit. Ist z.B. auch der Standard-Vorwurf von Luhmann gegen Habermas gewesen, und das war aus dessen Perspektive auch nicht immer nur falsch. Sowas in den Raum zu stellen ist ungefähr so aussagekräftig wie ein PDS-Wahlplakat. Und diese Andeutung "zu welchem Preis". Ja, zu welchem denn? Man kann z.B. guten Gewissens behaupten, daß die Position von Habermas nicht ganz einflußlos auf die Politik von Joschka Fischer war, z.B. im Falle der Intervention im Kosovo eine Rolle spielte. Und das kann man dann falsch und richtig finden und das seinerseits begründen. Nee, nicht die Seher und Priester, die deuten lieber nur an ...
"Wissenschaft beginnt bekanntlich bereits mit einer beliebigen Aussage.
Es ist aber bemerkenswert, dass damals in Tübingen, als Ralf Dahrendorf Popper einlud um es mit einem seiner Gegner [war es Adorno? Habe das Buch gerade nicht hier. Man möge mir diese kleine Schwäche nachsehen.] so richtig knallen zu lassen, es überhaupt zu keiner Explosion kam. Erst Hans Albert und die Schüler dieses Gegners nahmen den Kampf auf. Die eigentliche Begegnung verlief ganz anders als Dahrendorf erhofft hatte."
Das ist nun zwischendurch wirklich interessant. Da würde ich gerne mehr darüber wissen.
"So gesehen, wir leben noch in einer freien Gesellschaft, und es ist allen MomoRules dieser Welt gestattet zu sagen was ihnen beliebt. Sie dürfen jedoch nicht die Wahrheit für sich beanspruchen, falls sie der Realität widersprechen sollte."
Na, Dankeschön! Wer glaubt, sowas gestatten zu dürfen, der wird ggf. sich auch befugt sehen, anderen den Mund zu verbieten. Ich setze so etwas voraus. Das bedarf keiner Betonung. Der zweite Satz ist zum einen etwas schlicht - natürlich darf man nicht für sich in Anspruch nehmen, etwas Wahres zu sagen, falls dieses der Realität widersprechen sollte. Das ist ja trivial. Nicht trivial ist, "die Realität" und "die Wahrheit" zu schreiben. Wer glaubt, daß so etwas beschreibbar wäre, kann in Wissenschaft so bewandert dann auch nicht sein ...
Und warum sich überhaupt so lange darüber auslassen? Fühle ich mich getroffen? Kann sein, merken tu ich's nicht. Ich finde diese Ausführungen einfach nur symptomatisch für die allgemeine Diskussionsverweigerung in 95 % aller auffindbaren Äußerungen in der Blogosphäre. In dieser Hinsicht ist der Kommentar dann relevant.
Auch von hier, fast unbekannterweise, gute Besserung und ich freu' mich drüber, da wieder lesen zu können!
Na, den Fehdehandschuh begrifflich lernbedürftiger Liberaler muß ich ja nun doch aufnehmen, da fühle ich mich persönlich angesprochen und bin wahrscheinlich u.a. sogar gemeint, keine Ahnung. Insofern ist die Provokation gelungen. Ein wenig nervtötend ist dieser Kicherschlumpf-Modus, der auf "die Anderen" in der Schulhofecke zeigt, aber wer's braucht ...
Bin kein Popper-Experte ; seine Falsifikaktionstheorie ist gut für den Philosophie-Unterricht in Oberstufen, wie ja Locke z.B. auch. Auch die feuilletonistische Theorie der offenen Gesellschaft ist, ähnlich wie z.B. Reden von Richard von Weiszäcker, für Sonntagspredigten ganz brauchbar, die Kritik an Hegel und Platon derzeit wohl vor allem auf wirtschaftliberale Positionen anzuwenden, die dazu neigen, sich wie Philosophenkönige zu gebährden. Alles Wesentliche bei Popper findet sich eigentlich auch schon bei Aristoteles vorgedacht, aber das ist ja nix Ehrenrühriges, das gehört dazu, sich von philosophischen Traditionen zu nähren und ist Popper nicht anzukreiden. Die Weigerung seiner akademischen Adepten, von Theorien des politischen Gegners zu lernen, ist da schon ärgerlicher. Kein Wunder, daß diese mit einem Begriff wie "Kommunikatives Handeln" nicht arbeiten wollen ..
Ansonsten gilt: Intellektuellenfeindlichkeit gehört zur Geschichte des Präfaschismus, oft, nicht immer, an das Motiv des "zersetzenden, jüdischen Geistes" gekoppelt, und während Popper dem nie Vorschub geleistet hätte, tun es stattdessen einige derer, die sich zu Unrecht auf ihn berufen, z.B. in den Kommentaren zum oben verlinkten Eintrag.
Gerade Adorno mußte deshalb in's Exil und hat da übrigens ganz vortrefflich empirisch über den "autoritären Charakter" geforscht, also jenes psychischen Gebildes, das aktuell gerade Leute von Bush bis Lammert gerne wieder befördern wollen, das jedoch ebenso die Gutsherrenart diveser Manager produziert.
Die Faschismus-Skala ist bis heute methodisch umstritten, Adorno und seine Mitstreiter haben sich immerhin die Mühe gemacht, in ihrer Forschung über das Schwänezählen hinauszugehen. Noch die hochumstrittene, als qualitative Forschung sich behauptende Literatur von Frau Kelek kann für sich in Anspruch nehmen, in dieser Tradition zu stehen, und genau auf solche Methodiken hat Habermas, über Adorno hinausgehend, immer reagiert: Er hat eine klare Trenn-Linie zwischen Wahrheitsdiskursen und Literatur gezogen, in vielen Werken Adornos ist diese nicht ganz klar.
Nun ist es nicht erstaunlich, daß jene, die alles Wesentliche in "Nebenbedingungen von Märkten" verlagern wollen und stattdessen mit einer unwahren und unterkomplexen Handlungstheorie operieren, gegen umfassendere Modelle polemisieren. Nur, weil sie Instituionen allenfalls als Handlungskonventionen zu denken vermögen und bei Organisationen z.B. begrifflich schon gar mehr nicht ankommen, sich auf Poppers Unverständnis gegenüber weiter entwickelten Theorien als der seinen berufend. Das ist theoriegeschichtlich ein Rückfall vor die Zeit z.B. eines Max Weber.
Man kann nun natürlich auch stolz darauf sein, mit Theoriefragmenten zu arbeiten, die sich in der Logik des täglichen Einkaufs bewegen, gerade in Ruhrpott und Rheinland ist das verhältnismäßig häufig anzutreffen und insofern sympathisch, daß aus altem Arbeiterstolz dieser Habitus sich ursprünglich speiste.
Was dabei aber hinten rauskommt, ...
... das kann man dann in den Kommentaren lesen:
"Im (Jura-)Examinatorium erzählte ein Dozent, er habe zusammen mit einem Freund, der seinerzeit Philosophie studierte, auf den Spuren von Carl Schmitt gewandelt: Man habe etwa herausfinden wollen, was er über Heidegger dachte.
Und so besuchten die beiden die Sekretärin des nicht unumstrittenen Juristen in Berlin. Die alte Dame nahm einen Heidegger-text aus dem Schrank und wies die beiden Jungwissenschaftler auf eine zentrale Textstelle hin, die Schmitt mit dem Bleistiftvermerk:
“Sprich Deutsch, du Affe”
versehen hatte."
schreibt da jemand bei Statler.
Das Symptomatische an dem Zitat ist
a.) Carl Schmitt, da haben wir ihn wieder. Über den kann man sich z.B. sehr gut informieren bei Kurt Sontheimer, Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik, und bei dem Buchtitel ist das dann Wesentliche auch schon gesagt.
b.) "Sprich Deutsch, Du Affe" - das riecht nicht umsonst nach der Fankurve von Dynamo Dresden.
c.) Heidegger und Adorno in einen Topf zu schmeißen ist grotesk. Daß Heidegger den Nazis nicht abgeneigt war, ist ja allseits bekannt ist; sein ganzes Werk speist sich daraus, daß er versuchte, allenfalls altgriechische Termini zu verwenden und ansonsten eben rein deutsch zu schreiben. Das ging so weit, daß bei ihm "Technik" und "Industrialisierung" als "das Gestell" auftauchen. Adorno nannte dies verächtlich "Jargon der Eigentlichkeit". Gadamer gehört zu den großen Gegenspielern von Habermas, und auch sonst belegen die Zitate dieses Herrn Albert im Wesentlichen, daß er offensichtlich mental nicht gerüstet war, sich mit Andersdenkenden konstruktiv auseinanderzusetzen.
Und daß der an sich hochrespektable Popper sich nicht anders zu helfen weiß, als zum Terminus "Flachkopf" zu greifen, belegt allenfalls die Hilflosigkeit seines der Wirklichkeit nicht gewachsenen Denkens. Während Habermas im Gegensatz dazu immer auf der Höhe der internationalen Diskussion sich bewegte und bewegt, so z.B. Searles Sprechakttheorie, die amerikanische, analytische Philosophie, die Systemtheorie Luhmanns und Parsons - um nur einige zu nennen - in seine Theorie zu integrieren vermochte. Das Bemerkenswerte daran ist, daß auch dieser Denker trotz aller gewaltigen Polemiken gegen andere Positionen stets dazu in der Lage war, sich mit den anderen Positionen auch auseinanderzusetzen. Die Zitate von Popper und Albert belegen vor allem, daß die dazu wohl schon zu alt waren.
Es gibt gerade in der Soziologie im Allgemeinen und im Umfeld der älteren und neueren Kritischen Theorie im Besonderen die Tendenz zu aufgeblähten Begrifflichkeiten, Wort-Fetischen und viele sabbelnde Studenten, das kann man gar nicht bestreiten. Es gibt jedoch nicht diese Tendenz zum Unterkomplexen und Mythischen, wie sie den Wirtschafstwissenschaften eigen ist. Es ist ja erbärmlich, wenn man z.B. Aufsätze von Wirtschafts-Nobelpreisträgern wie Douglass C. North liest und der um einen Begriff wie jenen der "Insituion" oder "Kultur" herumeiert wie ein Erstsemester. Auch die Utlilarismus-Kritik eines Armyta Sen ist so dermaßen umständlich, ein souveräner Philosoph hätte da die Hälfte der Seiten nur benötig.
Insofern kramt der eine oder andere aus anderen theoretischen Welten dann eben vorsichtshalber irgendwelche Debatten aus den späten 60ern, frühen 70ern wieder aus, die Gegenwart könnte ja überfordern, und sucht gezielt das Diskreditierende, wohl, weil das eigene begriffliche Vermögen nicht ausreichte, sich ernsthaft mit anderen Positionen - z.B. jener von Habermas - als der eigenen auseinanderzusetzen.
Pointe des Positivismus-Streits ist übrigens, wenn ich mich nicht irre, daß z.B. angesichts der neueren Gehirnforschung man Freiheit noch nicht mal denken kann, wenn man sich nicht auf die Seite von Habermas und Adorno schlägt ...
Aufschlußreiche Hintergründe zu diesem grauenhaften Exempel, das in Afghanistan vollstreckt werden soll, finden sich heute in der FR.
Wieder keine Zeitungen lesen morgen. Wieder sich darüber ärgern, das "St. Pauli - Ich will nicht drüber reden"-T-Shirt damals nicht gekauft zu haben. Wieder diese mitleidigen Blicke der Kollegen.
Dann sitzt man debil des mittags im "Olympischen Feuer", starrt auf das Lechner-Trikot an der Wand und kann es nicht fassen, daß das Parallel-Universum sich doch aufgetan hat. Wahrscheinlich sitzen dann Teile der Mannschaft am Nebentisch und reden über ihre neuen Vereine. Auch die richtig guten Jungs, aber was sollen sie auch tun?
Gut, immer noch besser mit St. Pauli in der 3. Liga bleiben als mit Jena, Kiel oder Essen aufsteigen, immer noch besser ein neues, junges Team auf dem Platz zu sehen, als abgehalfterten Söldnern wie Feinbier und van Lent zujubeln zu müssen ... obwohl ..
Ein Debakel. 1:2 verloren. Neuer Wiederaufbau im Sommer, wieder Spielen gegen den Abstieg ... so ist das im Kapitalismus - ein wenig Medienpräsenz, und schon kaufen die Geldsack-Vereine unseren Kader leer und die Spieler schließen als freie Individuen neue VERTRÄGE. Super. Unter den Umständen sollte man Fußball vielleicht lieber verbieten und nur noch Tennis erlauben ... fuck. Ich geh jetzt heulen und schlage meinen Hund.
Nee, keine Angst, letzteres nicht, bin ja kein Hertha-Fan oder so ...
Die emotionale Verfaßtheit des Fußballfans ist ja gar nicht tiefe Enttäuschung, wie Hornby meinte, sondern Ohnmacht. Tiefe Ohnmacht. Im Stadion kann man das wenigstens noch kompensieren, da brüllt und singt man sich die Lunge aus dem Hals, säuft gemeinsam, reißt Witze und starrt dann wieder in diesem Mix aus Euphorie und Angst, Faszination und Wille dem Ball hinterher. Und am heiligen Millerntor, da gibt es dann auch diese magischen Momente, wo erneut man lernt, daß als Einzelner man zwar nix bewegen kann - aber mit dieser entfesselten Horde rund um den Rasen dann doch mystische Energien freizusetzen in der Lage ist, die Spiele entscheiden.
Aber vor einem Liveticker zu sitzen und genauestens zu verfolgen, wie er Sekunden runterzählt - grausam!!!!!!! Hätte ja auch hinfahren können, bin aber kein Auswärtsspiel-Glücksbringer. 1 zu 1 zur Halbzeit, dabei haben wir nach 5 Minuten geführt. Und dann sitzt man hier, starrt auf diesen blöden Bildschirm, der Puls rast, Schweißperlen auf der Stirn, zitternde Hände, komme mir vor wie beim Lügendetektortest.
Dieses Spiel, können wir einfach nicht verlieren, das wäre sachlich falsch! Als hätte jemand den Realitätsschalter umgelegt und das falsche Paralleluniversum aufgemacht. Nach dieser sensationellen Hinrunde, nach diesen fußballgeschichtsschreibenden Pokalspielen, man ey, das klappt noch!
Man fühlt sich dann wie einst, wenn man auf den Liveticker starrt. Damals, als man über beide Ohren verknallt auf den Anruf wartete. So ganz mit sich im Nichts verharrte und wollte, daß es durch ein Telefonklingeln mit ganz viel Gefühl gefüllt würde. Die Grenze zwischen Ohnmacht und Hingabe ist doch außerordentlich fließend, im Liebesleben wie im Fußballfandasein ... aber heute muß es noch gut gehen, bitte, bitte, lieber Fußballgötter, helft!!! Ja Mazingu, Luz, Schultz, euch meine ich! Und BITTE, lieber Fußballgott, hilf, BITTE!!!!
"Die Linke" erstaunt mich ja immer wieder. Da wird mir sogar ein problematisch-linker Musikgeschmack zugeschrieben, dann liest man das hier und reibt sich erstaunt die Augen.
Für mich war das überhaupt nie anders vorstellbar: Wie auch immer denkbare linke Positionen bedürfen der moralischen Begründung. Das ist ja die Stärke von Positionen wie jenen von Habermas, Honneth oder Tugendhat. Diese Autoren hat Robert Misk wohl verpaßt oder sieht sie als bürgerlich-spießig an, keine Ahnung.
Er verweist stattdessen auf eine marxistische Tradition, die eher über den Umweg der Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse das neue Bewußtsein hervorbringen wollte. Genau diese Politik ist es allerdings, die ratzfatz über zwei, drei weitere Denkschritte im Totalitarismus endet. Weil sie dazu neigt, Menschen umerziehen zu wollen, genau wie der Konservatismus das ja auch will. Für mich ist diese Denkweise allenfalls hinsichtlich historischer Studien interessant.
Es sind nur solche Positionen vertretbar, die die gesellschaftlichen Verhältnisse so ändern wollen, daß es den Menschen besser geht, nicht solche, die Menschen über Umwege besser machen sollen. Das ist dann weder Utilitarismus noch Volkserziehung, wenn man den Kantischen Weg der Begründung beschreitet. Und ich behaupte, daß selbst die Ansätze von Neoaristotelikern wie z.B. Martha C. Nußbaum und Charles Taylor ...
... kantianisch reformuliert werden müssen, um sich nicht völlig berechtigten Einwänden aus dem liberalen Lager auszusetzen.
Über das Thema Werte versus Sollen habe ich mich ja schon ausgiebig ausgelassen, Herr Misk fordert meiner Ansicht nach einen Irrweg. Moral ja, aber nicht solche, die primär mit "Werten" operiert. Das von Trotzki-Zitat im taz-Artikel ist trotzdem schön:
""Die herrschende Klasse zwingt ihre Ziele der Gesellschaft auf und gewöhnt sie daran, alle solche Mittel, die ihren Zielen widersprechen, als unmoralisch anzusehen", formulierte Leo Trotzki in seinem kleinen Pamphlet "Ihre Moral und unsere" und verwarf alle Moralvorschriften, "die die Sklavenhalter für ihre Sklaven aufgestellt haben"".
Na, Frau von der Leyen, Herr Lammert und Herr Rüttgers, was sagen Sie dazu?

(Quelle: KDOW)
... daß wir das Spiel heute abend verlieren. Ganz im Gegenteil: Ich prophezeie, daß nach Abpfiff die Lübecker laut "Tell me why!" jaulen werden (habe gestern in den Kommentaren einen Zusammenhang zwischen Bronski Beat und Fußball behauptet, hier muß ich ihn jetzt einlösen), weil wir eindrucksvoll siegen werden. All diese Selbst-Techniken da oben in der wie ein cooler Freistoß angeschnittenen Grafik (das mit dem Jubilbilder hochladen hat nicht mehr als Beschwörung funktioniert, mußte mir was Neues einfallen lassen) werden unsere Spieler zum Sieg führen, weil wir im Gegensatz zu Lübeck, Jena oder Kiel in die zweite Liga gehören. Und sowieso das coolste Team haben. Jeton Arifi ist auch wieder dabei, der macht dann ja gerne mal ein Joker-Tor, Scharping wird im Alleingang die Lübecker Abwehr auseinandernehmen und überhaupt, ich will jubeln, Punkt.
"Der Begriff Habitus bezeichnet im Grunde eine recht simple Sache: wer den Habitus einer Person kennt, der spürt oder weiß intuitiv, welches Verhalten dieser Person versperrt ist. "
Pierre Bourdieu, Satz und Gegensatz. Über die Verantwortung des Intellektuellen, Berlin 1989, S.26
In Hannover gab es ...
... unweit des Steintores einen Platten-Laden, der hieß Musicland. Von SATURN und MEDIA-MÄRKTEN damals weit und breit noch keine Spur, es waren die 80er - das Vinyl-Paradies "Musicland" war vielleicht 50-100 qm groß, im ersten Stock eines 70er-Jahre-Baus, inmitten einer kleinen Fußgängerzone. Da hat auch Jorgo gearbeitet, so einer mit dunklen Locken, der hat im "Bad" den DJ gegeben. Samstags, aber auch Mitwochs, da war das "Bad" besonders cool. Dann war man am nächsten Morgen zwar müde in der Schule, aber egal.
Wenn Jorgo auflegte, dann konnte man immer wissen, daß diese so wundervolle Gitarrenmusik, die in Franz Ferdinand und Maximo Park zum Teil wieder auftaucht, The Smiths, Psychedelic Furs und sowas, gespielt würde - The Cure galten da schon als zu kommerziell, na gut, mal "Love Cats" und "10:15 on an saturday night" zwischendurch, das war schon okay, aber für The Fall fuhr man sogar nach Braunschweig zu Konzerten.
Im "Bad" legte auch Jimmy auf, ein kleiner Schwarzer mit Dreadlocks, ich glaube, den kannte ich schon aus dem Farmer's Inn in Uetze vom Sehen. Der spielte immer Kram, weiß bis heute nicht, was das überhaupt war, anstrengend war's, viel Elektronik, viel Rhytmus, EBM war's aber nicht. Dem wurde auch der Spruch zugeschrieben: "Alle Frauen stehen auf Negerschwänze", aber das war bestimmt eine boshafte Unterstellung. Vielleicht war's auch keine Unterstellung,keine Ahnung, immerhin soll's vorkommen, daß Menschen sich selbst noch stumpfeste Stereotype überziehen, so, als seien sie wirklich so. Bei Muslimen gibt man sich derzeit ja auch allerhand Mühe, die genau dahin zu bringen.
Das Musicland, der Plattenladen, der war natürlich betont ungestylet, Punk war noch nicht allzu lang vorbei, und Restbestände dieser so offensiv sterbenden Welt latschten auch weiter durch die häßliche City Hannovers, zwischen Beton und gußeisernen Retro-Straßenlaternen, mit Hansa-Pils-Dosen in der Hand. Obwohl das in Hannover gar nicht ungefährlich war, eine Nazi- und Glatzen-Hochburg, manch Berliner sagte damals, Hannover sei Richtung Hackfleisch. In Hamburg gab es schon die Hafenstraße, in Hannover war immerhin das Sprengel-Gelände besetzt, da stiegen dann lustige Partys für Jedermann - und ein heiß umkämpftes Straßenkino gab es auch, in der Nordstadt.
Eigentlich machte man schon einen auf Irgendwo-zwischen-Wave-und Gruftie-und-wenigstens-ein-bißchen-autonom-aussehen-wenn-man's-schon-nicht ist. Öko wollte man nicht mehr sein, weil den Ökos dann bei Klassenfahrten gerne mal das Schneiden der Haare angedroht wurde, oder man schmierte den Weicheiern halt Zahnpasta in die Betten.
Das war die neue Freiheit des Otto Graf Lambsdorff, die das Land im Würgegriff hielt - alle Kabarettistenwitze, die vermutet hatten, er würde aus dem Knast das Kabinett bereichern, hatten ihn doch nicht verhindert. War's Flick, der diese Witze sprießen ließ? Weiß ich nicht mehr. In Hannover war Lieblings-Kabarettist Aller ein Friedrich Kittner, dessen erstes Theater im Wohnzimmer seines Hauses an der Bult die Zuschauer lockte. Ich war da nie, habe ihn nur bei irgendwelchen Festivals gesehen. Fester Bestandteil seines Programms: Eine Nummer über ein Zitat des damaligen CDU-Ministerpräsidenten Ernst Albrecht. Der hatte in irgendeiner Buchveröffentlichung in den 70ern behauptet, unter bestimmten Umständen sei auch Folter legitim.
Platten kaufte ich damals nur solche aus dem Independant-Regal im Musicland. Prinzipiell und nur und ausschließlich. Na ja, ganz wenige Ausnahmen gab es. Madonna die Pet Shop Boys. Die brauchte man für seine Pop-Philosophie, um mitdiskutieren zu können - diese Debatten brachen damals rund um die erste Tempo herum auf. "Lust auf Prinzen" stand da auf dem Titelblatt der ersten Tempo, und was Porschardt heute über Pop und die FDP so aufkocht, stand da eigentlich alles schon drin. Auch wenn sich die Tmepo noch irgendwie als links verstand, irgendwie. Gelegentlich vernahm man auch als kleiner, blöder Abiturient aus der Vorstadt so Stichworte wie "Postmoderne", irgendjemand rief dann Sätze aus wie "Das ist der Fluch der Postmoderne - alles schon mal da gewesen!", und man fand sich cool, wenn man die dann auch einstreute in irgendein Gespräch.
Ganz unzeitgemäß stieß ich aber über den Französisch-Leistungskurs - ich werde Ihnen ironiefrei ewig dankbar sein, Frau Staub! - auf Sartre. Für mich paßte der eigentlich noch viel besser in die Zeit, der frühe Sartre, nicht der Marxist. Ich wußte da ja noch nicht, daß die Postmoderne auch und gerade gegen ihn so rebellierte. Aktuell toben seine verspäteteten Schüler gerade durch die Straßen von Paris, und mittlerweile könnte ich meine damalige Intuition sogar theoretisch begründen: Sartre lauert einfach in jeder postmodernen Theorie als verschwiegene Tiefenstruktur. Na gut, bei Derrida vielleicht nicht, aber der hatte ja auch auch das Programm, über Tausende von Seiten nichts zu sagen, weil Sagen totalitär sei.
Der frühe Sartre: Dieses abolut freie Subjekt, das sich selbst durch Handlung erschafft und auf seine Zukunft hin entwirft. Diese so radikal freie Subjekt, so frei, daß es sogar unter Folter frei sei. Das hat Sartre tatsächlich behauptet. Diese einfach so ins Sein hinein geworfene, nichtende und über Negationen sich von Entwurf zu Entwurf hangelnde menschliche Existenz, die wesenhaft durch ein Defizit an Sein bestimmt ist und nie ankommt - bis sie stirbt und somit keine Existenz des Fürch-Sich-Seins, sondern nurmehr des An-Sich-Seins ist. Das da hängt mit seiner scheußlichen Faktizität, seinem Körper, der Pickel, Impotenz, Geschwüre und Schwangerschaften herbeiekeln kann. Der Faktizität, die aus all diesen sozialen Einflüssen gespeist wurde. Und diese doch tranzendieren kann, in göttlicher Verantwortung für sich selbst.
Gäb's da nicht den Blick des Anderen. Der Blick, der ganz plötzlich mich objektiviert. Bin ich dem Blick des Anderen ausgesetzt, fühle ich mich zurückgeworfen auf das Resultat meiner bisherigen Entwürfe und bin ein Ding. Der Blick des Anderen unterwirft mich, indem er mich bestimmt. Definiert. Auf mein aktuelles So-oder-So-sein mich festnagelt wie Jesus an's Kreuz. Mich als Körper wahrnimmt. Mir eine soziale Rolle zuweist. Da kann ich nur im Gegenzug dazu selbst den Blick auf den Anderen richten, ihn unterwerfen, ihn zum Objekt degradieren, um wieder frei zu sein.
Eine durchmachtete Vorstellung der Zwischenmenschlichkeit, ein dialektisches Wechselspiel des Für-sich - und Für-Andere-Seins. Das schien mir die ganze Pubertät zu erklären. Das befreite mich vom Freudomarxismus in seiner Vulgärversion, in der ich aufgewachsen war. Dieses Gefühl, gar nicht Herr des eigenen Schicksals zu sein, sondern nur das Produkt gesellschaftlicher Verhältnisse und familiärer Prägungen. Nee, wer wesenhaft Nichts ist, die permante Möglichkeit der Negation des So-oder-So-Seins ist, der erschafft sich, der ist nicht hervorgebracht und muß dann auch nicht städnig interpretieren, was das eigene Unbewußte nun gerade wieder gewollt hat.
Da taten sich freilich viele Fallen auf, bei diesem Denken. Im fröhlichen Selbsterschaffungswahn vergaß man allzu leicht eine weitere, zentrale Pointe der Sartreschen Philosphie: Man umgab sich mit den richtigen Platten, kaufte die richtigen Klamotten und färbte die Haare in der richtigen Farbe, ging in die richtigen Discos und glaubte, man sei das alles. Wollte so den Blick der Anderen lenken, steuern, ihnen eine bestimmtes Bild des eigenen Entwurfes vor Augen halten. So funktioniert ja der Großteil firmeninterner Kommunikationen und das Selbst-Marketing in Kneipe, Uni, Vorstellungsgespräch oder Blogosphäre. Sartre nannte das "Le mauvais foi", frei übersetzt würde man wohl "Selbstäuschung" oder "Autosuggestion" dazu sagen.
Was habe ich versäumt! Dank der freiwilligen Selbstbeschränkung auf das Independant-Plattenregal. Depeche Mode, Eurythmics, Yazoo, drei nur der vielen Namen - so viele Eighties-Perlen habe ich mir erst in den 90ern angegeeignet. Und das alles nur wegen dieses "mauvais foi". Bourdieu sagt dazu Habitus. Andere schreiben von Leitkultur.

Da geht man zu Saturn und schämt sich dafür, Saturn-Sampler zu kaufen, "Groove Edition" oder so - aber, die Gründe hierfür waren gute, denn da ist nicht nur das bis heute bis heute sensationell überragende "Brick House" von den Commodores mit drauf (leider nicht in der noch überragenderen Live-Version), sondern auch das göttliche "Stool Pigeon" von Kid Creole und seinen Coconuts. Das macht immer noch Mordspaß ...
Diese ganzen jungen Dinger, die sich ja nicht nur in der Blogosphäre rumtreiben, können sich an so zentrale und verbindende Ereignisse wie die Rockpalast-Nächte gar nicht erinnern. War's doch eigentlich auch eher ein Event ...
... für die Generation vor der meinen, bin ja eigentlich "Formel 1-Generation". Mein Bruder hatte ganze Regalbretter voll mit Cassetten-Mitschnitten dieser Nächte, zumeist diese orangenen von BASF, Rory Gallagher und so waren da dann drauf. Man traf sich mit Freunden, um die Nächte durchzuglotzen. "Germany proudly presents" war geflügeltes Wort, und als ich mich später mal in einem Meeting mit Peter Rüchel wiederfand, war das schon die Begegnung mit einem Mythos.
Ich erinnere mich eigentlich nur an ZZ Top, The Who, Randy Newman und - eben Kid Creole & the Coconuts. Meine Schwester hatte geladen, es wurde wild gekifft, so daß man immer nur "Gleich kommen die Kokosnüsse!" sagen mußte, und schon kicherte irgendjemand hysterisch los. Meistens die, die, wenn sie einen besuchten, keine Blättchen mehr hatten und sich aus Bibelblättern eine drehen wollten. So Erdloch-Raucher halt (ich mochte Kiffen ja nie. Aber mit den Jungs neben diesem Erdloch sitzen, das war schon lustig kurios).
Der Mann bot eine sensationelle Show mit seinem Dampferdeck-Ambiente als Bühnenshow (da trügt jetzt aber die Erinnerung - ich weiß schlicht mehr, ob er auch beim Rockpalast dieses Kreuzfahrtschiff-Nummer gebracht hat oder nur später bei Konzerten. Aber wir hatten eh noch '82 einen Schwarz/Weiß-Fernseher. Das war einer der Gründe, warum ich die Scheidung meiner Eltern zunächst gar nicht so schlimm fand, weil mein Vater dann einen Farbfernseher hatte. Man ist doch Schwein als Kind). Der Pimp ließ die Coconuts tanzen, eine Show sondergleichen, Tänzer, Bläser, coole Klamotten wie aus längst versunkenen Zeiten. In dieses wundervolle, musikalische Geschehen zwischen Funk, Latin und Disco wurden dann allerlei 30er-Jahre-Big Band-Zitate hineinarrangiert. Lou Begas Mambo Nr. 5 ist eigentlich nur ein spätes Abkupfern des Kid Creole-Rezepts gewesen. Mein Kollege, der sich mit der Geschichte der Schwarzen in den USA und auch sonst überall auf der Welt viel besser auskennt als ich, der wüßte die Bühnenshow viel exquisiter zu zerpflücken, blöd war Kid Creole nämlich nicht, ein Meister des Zitats.
Ich kaufte mir dann die Platte, die, wo auch "Anni, I'm not your Daddy" drauf war. Das wurde dann so eine Platte wie "Extrabreit - Ihre größten Erfolge" und kurioserweise auch Toyah, die heute keiner mehr kennt, die man ständig nicht hatte und hören konnte, weil irgendwer sie gerade geliehen hat. Daß Toyah heute keiner mehr kennt, ist eigentlich auch schade, hatte sie doch so liberale Hymnen drauf wie "I don't wanna go to scholl, don't wanna be nobodys foll, I wanna be free!"
So weit ist es schon mit mir gekommen vor lauter liberalen Mitdiskutanten, daß ich eben sogar freiwillig ein Guido-Westerwelle-Interview gelesen habe. Daß Frau Merkel von der deutschen Maggie Thatcher zu Frau Holle mutiert sei, stand da, das fand ich schon lustig.
Natürlich war genau die Kid Creole-Zeit jene, wo man die FDP zu hassen begann, abgrundtief zu hassen.
Weiß gar nicht, warum bis heute die Mär geht, Schmidt sei an seiner eigenen Partei gescheitert, liegt wohl am unterschwelligen Erbe des Autoritarismus, daß man hierzulande Dolchstoßlegenden so liebt und es nicht mag, wenn der jeweilige Führer einen solchen vermeindlich abbekommt. Schröder konnte dieses narrative Muster sogar für seine Politik instrumentalisieren. Eigentlich dolchten ja damals Genscher und Lambsdorff - weiß noch, wie man witzelte, Drehungen um 180° Grad hießen nunmehr "genschern".
War die Blütezeit der Alternativkultur, deshalb fuhr man auch nicht in innerstädtische "Kommerzdiscos", es sei denn, französische Austauschschüller waren da. Wir sind damals immer 40 Kilometer gefahren, in's "Farmer's Inn" in Uetze, hinter Burgdorf. Dabei war's in die hannöversche Innenstadt nur 10 Kilometer entfernt, aber da gab's nur so Scheußlichkeiten wie die "Rotation" oder die "Röhre".
Im Farmer's Inn trafen sich Langhaarige, tanzten zu Kurtis Blow, zu War, zu Jazzrock und Funk und Black Music. Habe neulich versucht, dieses sensationelle Live Album von Maze feat. Franky Beverly noch mal zu besorgen, das, wo auch "Joy & Pain" zur SM-Mystik des Lebens als solchem den Soundtrack lieferte. Aber das gibt's offensichtlich nur noch in den USA. Da war dieser Song mit drauf mit dem Refrain "Can you feel the night", und ja, wat fühlte ich die, wenn ich dazu tanzte in meiner selbstgefärbten, lila Hose aus dem Berufbekleidungsgeschäft und mit dem "Opa-Unterhemd", und dabei das lange Haupthaar schüttelte.
Mein Schwarm wurde "Pogo" genannt. Mit dem habe ich nie ein Wort gewechselt, obwohl der auch auf meiner Schule war. Angesichts des Anblicks seines Hintern in der schwarzen Lederhose war ein Coming out allerdings unvermeidlich. Der fand "Wot" von Cäpt'n Sensible immer super.
Es war die Zeit vor der Zeit des Sterbens. Langsam, aber sicher tauchten erste Berichte über AIDS in den Zeitungen auf - dieser rätselhafte Krebs, der dazu führte, daß sich kein Pflegepersonal mehr in's Krankenzimmer traute, so stand's zumindest im SPIEGEL, so daß die Patienten jämmerlich verreckten. Lustig war das nicht, gerade zu jener Zeit das Coming Out zu erleben. Bald schon starben dann auch die großen Bewegungen, Öko wurde uncool, man ging doch in Innenstadt-Dicos, allerdings solche, die noch sowas wie "alternativ" ausstrahlten. Das Bad z.B. in den Herrenhäsuer Gärten. Ein altes Schwimmbad, wo man im Sommer draußen auf den Terassen sitzen könnte. Da tanzte man dann zu den Violent Femmes oder The Smiths, was auch schön war. Aber zu Kid Creole im Farmer's Inn in Uetze zu tanzen, das war irgendwie noch viel schöner ... freier im Wortsinne. Bis heute hat ja die Alternativbewegung mehr mit Freiheit zu tun als die FDP.
In diesen alten Disco-Knallern von Bobby Womack über Donna Summer bis Kid Creole schwingt noch was mit, was ich selbst auch nur aus Büchern oder Filmen kenne, was man auch in "DJ Culture" von Ulf Porschardt, dem Verräter, nachlesen kann. Diese kurze, heroische Phase der schwulen Subkultur, wie man sie in älteren Porno-Büchlein, auch in Krimis wie "Gefangen in Babel", als "Der Köder" neu aufgelegt, noch findet. Nach diesem als Romanvorlage wurde "Cruising" mit Al PAcino gedreht.
Da weht so ein Spirit durch die Sounds und Noten, der nach der politischen Befreiung der Körper und der Lust als Utopie, nach diesem gigantischen Aufbruch gegen fortbestehende Widerstände dann doch die Melancholie unterschwellig fortschreibt, diesen Schwermut, der die Euphorie als Illusion enttarnt, weil alles doch zu schön ist, um wahr zu sein. Niemand hat diese Entwicklung wohl schlichter und schöner nachgezeichnet als Arminstead Maupin in den Stadtgeschichten.
Bei uns im Farmer's Inn in Uetze - da war's eher typisch deutsch gemütlich. Freiheit war's aber auch. Aber da war immer einer, der trug Judo-Jacke, Boxerstiefel und die Haare lang, der fuhr 'nen Leichenwagen. Der hat geahnt, was kommen würde ... doch in Songs wie "Stool Pigeon", da ist dann aufbewahrt, was davor beschwingt LEBEN hieß. Nämlich vor allem: "Hotchahachacha".
Von wegen zu viel in einen Topf gepackt!
Frau von der Leyen fordert jetzt ganz offensiv den Verzicht auf's Politische und bläst stattdessen zum Gebet! Ja, noch eins drauf: Wenn ntv als Quelle die Wahrheit spricht, dann weist sie dem Religiösen gar eine gleichrangige Funktion zu wie dem Mittel der Verständigung, der Sprache. Da bleibt nur ein deftiges "Hallelujah" und Dank an Hartz4all für den Hinweis - was da über die wahre Ursache des ausbleibenden Wachtums steht, das ist allerdings viel lustiger ...
Habe ja gar nix Grundsätzliches gegen SpOn, aber der hier ist schon blöd: "Doch intern geht es nicht nur um Glauben, sondern auch um Macht." Na sowas!
Bei zweien meiner Lieblingsdiskussionspartner, Marian und Rayson bei den "minderbemittelten Julis (kicher)" von B.L.O.G., findet sich allerlei rund um die Frage nach Sinn und Unsinn von Wissenstests im Falle der Einbürgerung. Wie üblich gefalle ich mir dann ja darin, ein wenig Ordnung in die Begriffswelt bringen zu wollen - keine Ahnung, ob's mir gelingt, aber versuchen kann man's ja mal.
Ich falle gleich mal mit der Tür ins Haus:
Deutlich unterscheiden muß man meiner Ansicht nach:
1.) die Frage, in welcher Hinsicht Einwanderung oder die Einbürgung hier bereits lebender Personen nützlich, in welcher Hinsicht normativ richtig und in welcher Hinsicht sie wertvoll sind, beantworten.
2.) Was verstehen wir unter deutsch?
3.) Welche Regeln halten wir für sinnvoll, um die Einbürgung zu vollziehen?
4.) Inwiefern ist es sinnvoll, das ganze als Fragen eines wie auch immer definierten, politischen Lagers zu begreifen.
5.) Wie kann ein Zusammenleben konkret aussehen?
Natürlich greifen all diese Fragen ineinander, aber sie getrennt zu beantworten, das würde doch weiter helfen.
zu 1.) Diese Frage läßt sich aufgliedern in einen funktionalen/normativen (a.) und einen an Werten orientierten (b.) Bereich.
1.a.) Nutzt die Einwanderung der aktuellen Verfaßtheit der Sozialsysteme, oder belastet sie nur (funktionale Fragestellung)? Daß die Merkels dieser Welt die "Einwanderung in die Sozialsysteme" gerne dazu nutzen, rhetorisch Personengruppen als Sündenböcke für Sozialkürzungen zu instrumentalisieren, sei mal dahingestellt.
Um das ganze aber sinnvoll beantworten zu können - ist's jetzt gut im Sinne von funktional sinnvoll, wenn eine starke Zuwanderung die Delle in der Demographieentwicklung kompensieren könnte, oder landen die sowieso alle in Hartz IV? - muß man zwischen Einwanderung und Einbürgerung schon hier seiender Personen unterscheiden.
Das versucht Rayson zum Teil. Da wird nur nicht beantwortet, wie es sich z.B. mit den Türken der dritten Generation hier verhält. Alle raussschmeißen? Umschulen? Die Beantwortung dieser Frage müßte funktional in seinem Sinne so lauten: Ja, jeder, der keine Arbeit hat, muß zurück in die Türkei, soweit er noch keinen deutschen Paß hat.
Dem entgegne ich jedoch, das sind dann ein normatives und ein funktionales Kriterium: Sie sind halt hier, deshalb gehören sie zum "Wir", das im politischen System zum Ausdruck kommt. Innerhalb eines "WIr" gelten Regeln der Solidarität, die sich aus den normativen Grundlagen unseres politischen Systems ergeben. Funktional ergänzt, kann Ziel nur sein, die Bildungs- und Partizipationschancen derer zu maximieren. Dann sind sie ein Segen für wie auch immer geartete Sozialsysteme.
Dieses "Wir" ist formal bestimmt, eine grammatische Form, die die Teilnehmerperspektive von nicht näher spezifizierten Gruppen formuliert. Diese bedeutet nicht a priori Gleichschaltung und Kollektivismus, wir können uns ja auch darauf einigen, allesamt nach radikal-liberalen Grundsätzen zu leben, z.B., weil's funktional Sinn macht - ich bezweifel das aber.
Zuwanderung hingegen: Dazu unten mehr, aber ich glaube, da haben Schröder und Rayson Recht. Es macht funktional mehr Sinn, bereits Qualifizierte einzubürgern. Ausnahme: Siehe unten.
1.b.) Die Frage der Werte: Leute wie ich, die ewiggestrigen Multikulti-Verfechter, empfinden ja kulturelle Vielfalt als Wert an sich. Das ist eine letztlich ästhetische Wertsetzung in zweierlei Hinsicht: Man findet's schlicht schöner, ein Straßenbild, in dem auch Schwarzafrikaner und Türken usw. unterwegs sind. Zudem die Türken oft auch einfach besser aussehen ;-) ...
Und, ästhetisch auch in diesem Sinne: Jenem der Selbstverwirklichung, also des "guten Lebens". Da ist man überzeugt, von dieser kulturellen Vielfalt im Sinne wechselseitigen Lernes profitieren zu können. Das zeigt übrigens, daß all die kommunitaristischen Positionen, die einen kollektiven Entwurf des "guten Lebens" postulieren, immer implizit auch funktional argumentieren, im Sinne von "gut für meine Selbstverwirklichung"; das am Rande.
zu 2.) Das ist ja das einzig interessante an diesen Fragebögen - sie behaupten einen kulturellen Wissenskanon, der "deutsch" definieren würde. Unzerzichtbar bei solchen Versuchen sind dann immer "Goethe" und "Schiller", aber auch Röntgen, das Hitler-Attentat und der Holocaust. Ich halte jeden Versuch, so etwas wie "deutsch" Sinne von "geteiltes Minimalwissen" zu begreifen, für zum Scheitern verurteilt. Dazu ist die Personengruppe, die dieses Wissen teilen soll, viel zu groß. Auf diese Weise kann man im Sinne der Kognitiven Ethnologie Subkulturen untersuchen, Berufsgruppen zum Beispiel, aber keine 80 Millionen, die unter völlig in sich ausdifferenzierten Bedingungen leben.
Dennoch halte ich den aktuellen Versuch sogar für einigermaßen honorig - denn bei allen Einwänden, z.B. jenem, ob nicht Shakesspeare viel nachhaltiger gewirkt hat als Goethe, ist das Wissensspektrum, das sich da entfaltet, trotz seiner spießig-bildungsbürgertümlichen Ausrichtung bei weitem nicht so klischeedurchtränkt wie z.B. der Fragebogen in Baden-Würtemberg. Die tauchen zwar auch auf, die Klischees, aber nicht so dominant. Diese Caspar David Friedrich-Einschübe zeigen allerdings auch das geistige Niveau seiner Verfasser. Warum nicht nach Immendorffs "Café Deutschland" fragen?
Lange Rede, kurzer Sinn: Hier wird deutsches Kultur als geteiltes Wissen definiert, auch das Wissen um Recht und Verhaltensregeln, und im Gegensatz zum derzeit allseits präsenten, implizit schon analytisch grundsätzlich rassistischen Begreifen des Deutschen als über Abstammung Definiertem ist das gerade für hessische Begriffe sogar ein Fortschritt. Klar dürfte sein, daß es sich hier um Wahrheitsfragen handelt - wahre Sätze über faktische Kulturphänomene werden geprüft. So auch das Wissen über das politische System sowie das, was in Deutschland als moralisch richtig gälte.
zu 3.) Dies ist natürlich der Knackpunkt, den Marian behandelt. Der ist so ungeheuer schwierig, weil hier Wahrheitsfragen (zu prüfen sei, was für ein Mensch sich an "uns" binden will), moralische Fragen (was soll Menschen zuzumuten sein) und funktionale Fragen (wie erreichen wir das Ziel, nur aufrechte Demokraten einzubürgern?) ineinandergreifen.
Vielleicht ist deshalb Marians Forderung - Leute, laßt euch doch drauf ein, daß man das Regeln brauchen könnte! - zuzustimmen, nicht jedoch den Beispielen, die er wählt. Dieses USA-Beipsiel ist doch grauenhaft!
Ich behaupte, daß man gemäß Punkt zwei auf jede Frage, was denn deutsch sei, auch gut und gerne verzichten kann, und dann braucht man auch keine Leitkultur-Vorstellungen. Man kann es gut und gerne bei den von Rayson formulierten, funktionalen Erfordernissen belassen und stattdessen den auch von ihm zu Recht betonten Asylrechtsgedanken wieder nachhaltig stärken, statt stolz auf besonders menschenverachtende Abschiebepraktiken, wie hier in Hamburg der Fall, zu sein.
Man kann dann auch ganz klar trennen zwischen moralisch gebotenen Einwanderungsmöglichkeiten - man soll politisch Verfolgten helfen - und solchen, die z.B. zum Erhalt der Sozialsysteme beitragen, wenn man die denn überhaupt erhalten will, die Eiwanderung von Qualifizierten also.
Inwiefern auch "Wirtschaftsflüchtlinge" politisch Verfolgte sind, da gibt's ja auch auf liberaler Seite gute Antworten: Z.B. den europäischen Protektionismus gegenüber Gütern und Waren aus Afrika aufheben, dann werden schon ein paar weniger von der EU politisch verfolgt ...
Ich halte es für einen bis heute riesigen politischen Fehler, daß damals der Asylrechtsparagraph verschärft wurde. Das ist einer der viel zu hohen Preise, die für Kohls Vollzug der Wiedervereinigung zu entrichten waren. Die Finanzierung der "Einheit" aus der Rentenkasse ist ein weiterer.
Das führt urück zu Frage 2: Die Beantwortung der Frage "Was ist deutsch?" durch "BRD und DDR" und all dieses eklige, nationale Pathos halte ich bis heute für grundfalsch. Ebenso war es grundfalsch, im Zuge der Änderung des Asylrechtsparagraphen eine moralische Frage - welchen Menschen sollen wir helfen? - in eine funktionale - welche Menschen belasten unsere Sozialsysteme? - zu überführen. Genau an dem Kurzschluß zwischen beiden Ebenen krankt die aktuelle Debatte.
Wichtig hingegen die Zustimmung eines jeden Einwanderers zu dem politischen System und dessen normativen Vorraussetzungen und die Vermittlung des diesbezüglichen Wissens. Da habe ich auch keine Probleme mit Kursen und Fragenbögen, so sie denn für alle, und nicht nur für Muslime gelten. Und mehr als ein politisches System kann und sollte ein Staat auch nicht sein.
zu 4.) Ich finde das prinzipiell unsinnig. Das wäre allenfalls interessant für einen erweiterten Fragebogen, der Indentitätskonstruktionen in der BRD behandelte, um Einwanderer mit dem nötigen, diesbezüglichen Orientierungswissen zu versehen. Da gibt es ja solche, die dann immer sagen und schreiben "Ich als Liberaler, Linker, Konservativer, Sozi" - das braucht es doch nur in manchen Hinsichten, je nachdem, welche Fragen beantwortet werden. Z.B. beim Kneipen-Smalltalk ist das sinnvoll.
Im vorliegenden Fall sind die funktionalen Erfordernisse, wie Rayson zu Recht beschreibt, viel zu dominant, als daß lange Debatten über allgemeine Weltbilder zu führen wären. Klar sollte viel mehr sein, daß Wahrheitsfragen und Debatten über zwangsverordnetes, kulturelles Selbstverständnis von funktionalen Erfordernissen und normativen Fragen klar zu unterscheiden sind.
zu 5.) Da ist ja faktisch ein erstaunlicher breiter Konsens zwischen allen Lagern. Es soll gelten das Grundgesetz, und daran sollen sich alle halten - CSU-Rechtsaußen bitte genauso wie Mullahs.
Insofern sollten diese ganze neochristlichen Prä-Faschisten mal die Klappe halten, wenn sie mit dem Zeigefinger wedeln, und Herr Rüttgers sollte z.B. schleunigst dieses Schulbuch wieder einführen, in dem Homosexualität als ganz normal sich dargestellt findet.
Zudem sollte sich eine breite Mehrheit finden, alle christlichen Restbestände aus dem Grundgesetz zu tilgen hätte, die sind dessen Intentionen widersprüchlich. Dann hat man auch nicht mehr diesen permanenten Kurzschluß zwischen normativen und kulturellen Fragen, der die Debatte so schwierig macht.
Ehe z.B. als Partnerschaft zwischen Mann und Frau zu definieren, das kann man so elegant machen wie das Bundersverfassungsgericht, indem man es rein begrifflich deutet. Daß die Rechten begriffliche Fragen substantiell deuten und dann daraus normative Schlüsse ziehen, zeigt oft nur, wie nahe sie dem Geist der Schariah stehen, denn das ist mythisches Denken ... und genau das ist der Punkt, wo die Lagerfrage dann doch relevant wird. Also: Wenn man den Pointen "völkischer Clowns" nicht aufsitzt, ist die ganze Diskussion gar nicht so dramatisch ...
So, und weil ich hier heute meinen Didaktischen habe, verteile ich jetzt Hausaufgaben:Jeder kann ja mal die Diskrepanz zwischen funktionalen Erfordernissen und normativer Richtigkeit an diesem ein wenig suggestiv geratenen Beispiel von Statler durchspielen ...

Das Duell kann er gar nicht gewinnen. Deshalb ist ungerecht, es überhaupt zu erwähnen. Obwohl das natürlich alle Kritiken tun. Und allein deshalb ist es schon mutig, daß Neil Diamond sein Album "12 Songs" von Rick Rubin hat produzieren lassen. Rick Rubin, der Johnny Cash mit seinen "American Recordings" in jene Sphären beförderte, die Worte gar nicht mehr erreichen können. Jene Sphären halt, in denen dann wahre Spiritualität verortet ist. Diese Spiritualität, von der Mullahs und Päpste in ihren Regelwerken nur träumen können ... Cash konnte sie sogar singen.
Habe neulich wieder das Original von "One" im Radio gehört - Cash hat sich den Song mit Rubins Unterstützung so nachhaltig angeeignet und umdefiniert und ins Nirvana transzendiert, daß Bonos Hymne, von ihm selbst gesungen, nur trivial und billig dagegen scheint. Ist "Solitary Man", das Cash da auch in die Form der Ewigkeit gegossen hat, nicht ein Song von Neil Diamond?
Natürlich kann der damit gar nicht mithalten können. Der späte Cash - das ist eben so weit schon "drüben", da kann jemand so ungebrochen Vitales wie Neil Diamond bei aller Dezenz und allem Understatement in Gesang und Arrangement nur winzig gegen wirken. Die Musik paßt schon zu einem Nachmittag, da ...
... alle Aufstiegsträume in weite Ferne gerückt sind, weil die Konkurrenz punktet und unser Spiel ausgefallen ist. Und selbst wenn es stattgefunden hätte und wir gesiegt hätten, wäre der Unterschied in der Tabellensituation nur graduell gewesen.
Neil Diamond paßt zu einem Samstag, da man vergessen hat, Kaffee-Filter zu kaufen und der Hund fortwährend pubertiert, trotzt und rumjammert. Die erste Läufigkeit ist ja auch nicht schön für so ein Tier. Das will poppen und darf nicht. Steht mit dann auf einmal mit quergestelltem Schwanz mitten im Wohnzimmer und fiept.
Neil Diamond singt als amerikanischer Song-Erzähler, ganz popstaatsmännisch, im wesentlichen davon, daß man sich mit 65 halt nicht mehr so fühlt wie bei der ersten Läufigkeit. Keine Ahnung, worüber der da wirklich singt, aber so, wie er's singt, haut das schon hin. Er glotzt schon ganz schön weltweise über die Prärie und singt sinnierend.
Aber daß spießiger Drücker-Kaffee dann ja auch erstaunlich lecker schmeckt, obwohl man Filterkaffee wollte, das beschreibt dieses Album auch ganz gut.
Er sitzt auf den Felsen von Brokeback Mountain und verbreitet wohl dosiert Gefühl, und man hat schon diese verbeulten Kaffeekannen aus Blech über einem Lagerfeuer vor Augen, wenn er singt, nicht die Las Vegas-Bühne. Rein atmosphärisch, nicht musiktheoretisch. Das ist halt großes amerikanisches Songwritertum und nicht nur Pose. Und läßt in angenehm verhaltenen Arrangements dann leicht verdächtig verlauten: "Create Me". Wie beim ganzen Album fragt man sich dann, ob das jetzt Ami-Kitsch oder was ganz Tolles ist. Da aber Ami-Kitsch eigentlich immer was ganz Tolles ist, solange er nicht Weltpolitik wird, sondern globalisierungsfähige Kultur bleibt, ist halt auch das Album toll.
Die Songs, die Stimme sind melancholisch, da stört nichts, außer diesem zusätzlichen Duett mit Brian Wilson, das inkonsistenterweise Tracks 14 ist und nervt. Als müsse sich ein Neil Diamond über die Beach Boys dann der Credibility versichern.
Die anderen Tracks wühlen phasenweise auch in der unteren Bauchregion, da, wo Wut, tiefe Trauer und Euphorie auch sitzen, und lassen von dort diese Gefühle aufsteigen, die die Größe von Songs ausmacht. Z.B. bei Track 11, "Face me"- das sitzt schon. "Save me a saturday night" singt er gerade, Song 5. Mir hat er auf jeden Fall einen gemütlichen Samstagnachmittag beschert ... aber jetzt gleich erst mal Donald Fagen hören. Ich wette, der toppt das noch ...
"Sowas muß man doch heute nicht mehr haben": Als ich diesen Satz gelesen habe, habe ich Rotz und Wasser geheult. In einem ZEIT-Artikel stand der, einer über pränatale Diagnostik. Eine Frau berichtete von Erfahrungen während der Schwangerschaft. Über den Check, ob das Kind nicht vielleicht behindert würde. Zu ihr wurde dieser Satz gesagt. Er bezog sich, glaube ich, auf Down-Syndrom-Kinder. "Sowas". Von sowas habe ich aber sowas von viel gelernt ...
Waren nur 8 Monate an der Geistigbehindertenschule. Hatte eine Einzelbetreuung am Ende meines Zivildienstes - ein 17-jähriger Junge, der einen schweren Hirnschaden hatte. Nix "Angeborenes", eine Art Unfall. Die ersten 7 Jahre seines Lebens konnte er nicht laufen, dann, als er's konnte, setzten teils krasse, sich zu bis 150 Anfällen am Tag steigernde Wellen von epileptischen Anfällen ein. Zwei bis drei solcher Anfallswellen hatte er im Jahr. Er trug immer so einen gepolsterten Helm aus Leder, damit er sich nicht den Kopf einschlug, wenn er fiel. Damit ich merkte, wann ein Anfall sich ankündigte ...
... gingen wir immer Hand in Hand durch die Stadt und viele dachten bestimmt, wir seien ein schwules Pärchen. Wenn er dann lächelte, glaubten sie's nicht mehr. Die Zähne immer wieder neu machen zu lassen, das hätte sich nicht gelohnt. Die Eltern erzählten immer, daß das erste Wort, das er je gesprochen hat, "Scheiße!" war. Da war er 6 oder so.
Er war eine starke Persönlichkeit. Eine tolle Persönlichkeit. Wenn etwas fehlt, dann merkt man erst, was wirklich ist. Er war purer Wille. Durchsetzungsfähigkeit. Wollte Spaß. Vor allem Spaß. Hat sich regelmäßig schlapp gelacht. Beim Federballspielen, wenn ich dies Ding - wie heißt das eigentlich? Ist das der Federball? - nicht traf, bekam er sich gar nicht mehr ein. Lachte sich manchmal glatt in epileptische Anfälle hinein. Dann mußte ich losspurten, um ihn aufzufangen, damit er nicht auf die Fresse fiel.
Auf Knöpfe drücken, das war auch super. So eine kleine Handlung, so eine große Wirkung. An keinem Lichtschalter kamen wir vorbei, ohne daß er diesen ausprobierte. Richtig brisant wurde das in Kaufhaus-Fahrstühlen. In der Schule, in die ich ihn täglich begleitete, da rangelten die Kids immer darum, wer den Knopf drücken dürfte. Mit dem Ellbogen schoben sie sich weg, boxten. O., mein Schützling, konnte die Schulsituation nicht von jener im Kaufhaus unterscheiden. Ich redete dann immer auf ihn ein, um ihn abzulenken, wenn andere auf die Knöpfe drückten ...
Irgendwann habe ich ihm eine Cassette aufgenommen, mit deutschen Schlagern, damit er von den Texten etwas mitbekam. Die mochte er. Die hörte er dann immer im Walkman. Bei Alexandras "Mein Freund der Baum" hat er dann immer laut "Der Baum" mitgesungen, weil er das Wort erkannte.
Wenn etwas fehlt, dann sieht man, was wirklich ist. Einige der Kinder auf der Geistigbehinderten-Schule kamen aus Wilhelmsburg. Das ist so etwas ähnliches wie Neukölln, da kennen sich ja neuerdings alle bestens aus. Aus "Problemfamilien" kamen sie. T. zum Beispiel. Eine ungemein liebevoller und liebesbedürftiger Junge. Aber chronisch verstört. Bei dem Zuhause war's offensichtlich gar nicht spaßig. Mit dem wurde nur der Sozialpädagoge fertig. Da behaupte noch jemand, die soziale Situation, in der Menschen aufwachsen, hätte nichts mit deren so-oder-So-Sein zu tun...
Auch T. wollte eigentlich nur Spaß und hatte trotz allem auch jede Menge davon. Aber man mußte z.B. aufpassen, daß er nicht mit K. auf's Clo verschwand. T. war voller sexueller Energie und unterschied nicht groß zwischen Männlein und Weiblein. Wenn etwas fehlt, dann sieht man, was wirklich ist.
K. war ein Mädel mit dunklen Haaren und dicker Brille. K. wollte auch Spaß, baggerte in der S-Bahn fremde Männer an. Setzte sich neben die und ließ sich, ganz betont ganz behindert guckend und unterschwellig grinsend, immer weiter zu diesen hinüber sinken, um aus dem Fenster zu schauen. Landete so mit der Schulter fast auf dem Schoß der Kerle. Deren Hilflosigkeit war schon lustig anzuschauen ...
Aber wenn T. und K. zusammen auf das Clo verschwinden wollten - das war eine verzwickte Situation. Wer wollte denen schon Lust verwehren? Mit einer Schwangerschaft wäre K. jedoch nicht fertig geworden. Das wurde mir zumindest so gesagt.
Dann war da noch eine andere K., die für die Münchener Freiheit schwärmte und immer die BRAVO GRIL! dabei hatte. Und ein kleiner, runder Junge mit roten Haaren und Sommersprossen, der eigentlich nicht viel mehr tat, als den ganzen Tag in aller Ruhe das pralle und spannende Leben zu betrachten und sich dabei ganz offensichtlich sauwohl fühlte.
In den Ferien war O., meine Einzelbetreuung, einmal in einer Art Ferien-Camp in der Fischbeker Heide. Das war super, mal was anderes. Da habe ich kurioserweise mit der Tochter von Otto Graf Lambsdorff zusammengearbeitet ... die Kids hatten auch dort verdammt viel Spaß zusammen. Mal Natur, mal Abwechslung.
Überhaupt: Vielleicht hatte ich einfach nur Glück, aber die Quintessenz dieser Zivildiensterfahrung war Spaß und die täglich neue Faszination darüber, wie vielfältig Menschen wahrnehmen. Dieses Unmittelbare, dieses Kontemplative, diese je nach Individuum völlig unterschiedliche Art der Kommunikation. Tolle Charaktere waren das. Und das allertollste war, daß der Zweck nur und ausschließlich im ganz individuellen So-oder-So-Sein der Kids lag. Und somit in Liebe. Wirtschaftliche Verwertbarkeit? Völlig unmöglich. Das war toll. Die hatten Muße. Die waren einfach da.
Man lernte mit ihnen, von sich zu abstrahieren. Sich zurück zu nehmen. Individualität zu respektieren. Sich auf andere Sichtweisen einzustellen. Und gelegentlich auch, einfach mal so da zu sein ...
Die Eltern der Kinder in der Klasse haben ihre Kids heiß und innig geliebt. Die Mutter von O. war ein Bündel psychosomatischer Krankheiten. Sie hat sich schier übermenschlich für ihr Kind engagiert und zahlte nun, nach 17 Jahren, den Preis dafür. Verbrachte schon damals, '88 war's, täglich Zeit auf Ämtern und kämpfte um jeden Pfennig. Das muß heute ungleich schlimmer sein ... sie wirkte aber nicht auf mich, als empfände sie ihr Leben als einen Preis, den sie für eine Fehlentscheidung zahlte. Sie schien ganz erfüllt von sich und der Beziehung zu ihrem Sohn.
Mit Sicherheit war es für sie nicht die Idylle, die ich hier beschreibe, mit Sicherheit nicht. In meinem Bekanntenkreis gab es auch einen Fall wesentlich schwererer Behinderungen. Aber auch dieses Paar wirkte nicht, als habe es auch nur eine Sekunde bereut mit ihrer Tochter, die sehr früh verstarb.
Ich habe nach dem Zivildienst dann noch weiter in einem Behindertenwohnhaus gearbeitet. Vor allem Körperbehinderte, Spastiker. Einer hatte sogar noch das 3. Reich überlebt, die Vernichtung "unwerten Lebens". Seine Eltern hatten ihn versteckt. Der Vater war Heizer, und sein Sohn hat die Kindheit und Jugend, auch später dann, vor allem vor dem Radio verbracht und war ein riesiger Jazz-Fan. Hatte erst mit Mitte 50 seine erste, eigene Wohnung, und die Erfindung des E-Rollis war für ihn der Weg in die Freiheit. Jeden Sonntag machte er sich dann auf den Weg zu Dixieland-Konzerten, mit seinem E-Rolli. Voller Begeisterung.
Er hat sich später umgebracht. Bis heute hasse ich die Hamburger Morgenpost für jenen Abend, als ich mit einer Freundin in einer Kneipe saß, die in der Zeitung blätterte. Und ich auf einmal dieses Foto sah, wie sie ihn aus der Elbe hoben, per Kran, im E-Rolli sitzend ...
Natürlich stand in allen Zeitungen, daß es ja kein Wunder sei, bei einer solch starken Behinderung sich umzubringen. Eine Frechheit. Der Mann war begeisterungsfähig wie kaum ein anderer. Aufgrund einer ärztlichen Prognose hatte er Angst, wieder voll bettlägrig zu werden. Nicht mehr im E-Rolli herumsausen zu können. Er hatte Angst, die Selbstbestimmung, auf die er so lange gewartet hat, wieder aufgeben zu müssen. Und wollte selbstbestimmt sterben ...
Ein anderer meiner damaligen "Kunden" im Rollstuhl ist auf meinem Aufstiegsvideo in der ersten Reihe zu sehen und reißt die Arme hoch, jubelt, als das 2:1 zu fällt. Bei Körperbehinderten galten andere Regeln als bei den Geistig-Behinderten. Das war wie bei allen anderen Leuten auch, nur daß man eben die Fehlfunkktion von Händen und Beinen ersetzen mußte. Spaß gemacht hat's aber auch. Ich vermisse die Zeit. Oft.
Warum ich das alles schreibe? Weil ich diesen Text hier gerade gelesen habe und der mich tief berührt hat (via Ronsens). Dessen Lektüre ich jedem empfehlen würde. Und ich mich daran erinnert habe, wie's war, der Zweckfreiheit, der reinen Kontemplation und dem Spaß des Unmittelbaren beizuwohnen ... und jetzt rede ich täglich über Budgets. Wenn etwas fehlt, dann sieht man, was wirklich ist.
Gestern die Sauce angerührt, heute würzige Details: In der heutigen Ausgabe der BILD-Zeitung pflanzt Frank Schirrmacher seine serielle Volkserziehung fort und feiert das weibliche Geschlecht. Schön! Nicht so schön die Klischees, die er dabei reproduziert:
Zitat 1: "Durch die erhöhte Erwerbstätigkeit der Frau und der "wachsenden Last des Alters" wird sich der Wert einer Tochter in einer "Ein-Kind-Familie" erhöhen - weil die Tochter künftig beides kann: die Rolle des Brotverdieners erfüllen - und die des Betreuers."
Zitat 2: "Töchter werden sich zusätzlich um Großeltern, Eltern und kinderlose Verwandte kümmern müssen - wegen zu geringer Rente und einer funktionsunfähigen Pflegeversicherung."
(BILD, 17.3. 2006, S.8)
Das kann man sich gut vorstellen, wie Frank Schirrmacher da sitzt, die Füße auf dem Mahagoni-Couchtisch, und seiner Frau zuruft: "Uschi," (oder wie immer die heißt), "wasch mal Oma!"
Hat der gedient? Ich habe 5 Jahre in der Pflege zugebracht ...
Ich fand schon immer die feministische Ethik zutiefst konservativ, die meinte, als weibliche Tugend jene der "Fürsorge" verkünden zu müssen. Nix gegen Fürsorge, aber das gilt ja wohl für beide Geschlechter, daß fürsorgliches Verhalten richtig ist. Daß Herr Schirrmacher das nun exklusiv den Frauen vorbehalten will, spricht Bände nicht nur über sein restauratives Frauen-, sondern auch über sein Männerbild. Aber die sind in seiner Vorstellung derweil wahrscheinlich alle am Hindukusch ...
Ja, ist noch das gleiche Blog mit dem gleichen Autor. Vorher sah's für mich ja cooler aus, aber dafür kann man's jetzt viel besser lesen. Danke, Erik! Und so schlicht ist ja auch schön ...
Das wird sich noch rächen für mich ... alle Tippfehler erkennt man sofort ... keiner glaubt mehr, da stünde was Schlaues, nur weil's sich so anstrengend liest ...
Den Hintergrund hierzu liefert ein ganz spannender Artikel in der Neuen Züricher Zeitung - die inneren Widersprüche des konservativ-liberalen Diskursuniversums in den USA werden hier in einem ganz informativen, wenn auch etwas oberflächlichen historischen Abriß aufgezeigt. Schön kurios ist diese Berufung auf den Begriff "Leben" als neuem Leitbegriff - damit jetzt Bombenwerfen auf Menschen legitimieren zu wollen, das ist schon paradox. Im Versuch der Installation eines globalen Kulturkampfes bringt halt immer nur die jeweils andere Seite Menschen um.

Ich sach's ja immer wieder: Curry kochen! Und dabei vielleicht Jazz hören? Wer leckere Curry-Rezepte braucht, kann sich jederzeit gerne an mich wenden.

Hamburger Morgenpost, 16.3. 2006
Eine Zeitungsseite in Deutschland. Eine, heute so oder ähnlich wohl in allen Boulevardblättchen zu finden. Bilder. Und Namen:
"Wolfgarten" (!), "Eder", "Bergmann"; "Carstensen", "Hoffmeister", "Oltzen", "Glanz", Dircks", "Erichsen", "Krumbach", "Kaiser" (!), "Eckardt", "Zemke".
Auch in der BILD von gestern ähnliche Namen: "Schaaf", "Gantner", "Perger", "Richter" (!), "Wilding". Undsoweiter. Der Mopo war' nur halb ungeheuerlich: Die hat als kleines, exotisches Feigenblatt noch Frau "Dzieldziel" auf die Doppelseite der Gebärdiskussion fallen lassen, oben rechts zu sehen. Als der gewollte der Dunja Rajter-Effekt in der Hitparade neudeutscher Volkstümlichkeit ist das wohl zu verstehen. Die BILD hat's deutlicher gespürt und schnell noch Frau "Yousoffi" hineinmontiert.
Das deutsche Selbstbild, ethnisch rein wie mit Persil gewaschen. Frau Dr. Ulrike Ackermann, Mitglied der "Achse des Guten", flankiert den Bilderreigen unter anderem im aktuellen MERKUR, den man seitdem auch nicht mehr kaufen darf. Sie zitiert Herrn Finkielkraut zustimmend, der in Frankreich ...
... eine Welle der Empörung u.a. so erntete: "Für Finkielkraut hat sich das der Antirassismus des 21. Jahrhunderts letztlich in eine Ideologie und Quelle der Gewalt verwandelt, wie es der Kommunismus für das 20. Jahrhundert war." (zitiert nach: Ulrike Ackermann, Französische Zustände, in MERKUR, März 2006, s. 261)
Auch sonst findet sich dort im MERKUR, verfaßt von einer Frau, die immerhin mal Hamburger Institut für Sozialforschung mit Größen der Fleißarbeit wie Wolfgang Kraushaar und orginellen Köpfen wie Heinz Bude zusammenarbeitete, diese ganze nicht mehr nur hellbraune Demagogensauce, bis in den Stil hinein wirklich unappetitlich. Kann jetzt jeder selbst sich die Homepage dieser Autorin suchen und eigene Farbenspiele da anwenden, da gibt es den Text als pdf, auf den, weil prototypisch, hier im Blog noch zurückzukommen sein wird. Ich verlinke sowas nicht. Die putzt sich wahrscheinlich erst mal die Zähne, nachde sie den Namen Adorno aussprechen mußte, weil Dahrendorf gerade über den geschrieben hat.
Bislang dachte ich, daß man das als eher randständiges Phämonen und biographisch begründeten Selbsthaß Ex-Linker in der fortwährenden Identitätskrise abtun könnte. Mit denen sich dann DIE WELT, um überhaupt noch irgendwie Identität zu generieren, eben auch schmückt. Wer nicht provoziert, wird halt nicht gelesen.
Ich bin ein Doofchen, ich geb's zu. Seit der Demographie-Debatte machen die ernst, mit Schirrmacher als Flagschiff - in welchem Blog fand sich noch diese abgesprochene Kampagnenbildung zwischen den großen Verlagen und "Publizisten" beschrieben ? Schirrmacher erst auf den SPIEGEL-Titel, dann in die Bild etc. ...
Kanadische Neocons wie Mark Steyn machten die Drecksarbeit im Vorfeld, und nun zieht der Mainstream nach: Neue Bürgerlichkeit, christliche Werte, und, ganz neu, Kindermachen und die per Rentengesetzgebung erzwungene Rückkehr zur bürgerlichen Kleinfamilie. Die Publizistik zumindest ist schon mal fest im Griff dieses gewaltigen und potenziell gewalttätigen Gegen-68. Nicht umsonst laufen auch hierzulande erste Dokus im TV, die eher tastend denn proklamierend, insofern nicht ganz so militant wie in Frankreich, über den Topos der Ziviilsierung der Wilden durch Kolonialisierung berichten und diese somit retrospektiv wieder super finden. Auch das kann man bei Frau Dr. Ackermann nachlesen. Die macht sich auch vor allem Sorgen um die armen Siedler, die aus Algerien zurück nach Frankreich mußten ...
Daß dann im Tagesspiegel heute so ein Text erscheint, ist wohl nicht unbedingt Teil derselben Kampagne, die ja auch als diskursive Formation analysierbar ist und gar keiner Intention bedarf, um zu wirken. Symptomatisch ist der Text des Kommunitarismus-Urvaters nichtsdestrotz. Daß sich die Avantgarde des pointierten Dreckschleuderns, die Achse des Guten, von diesem Text heute distanzierte, kann zwei Motive haben: Entweder sie wollen die faktisch eintretenden Wirkungen ihrer publizistischen Tätigkeit verschleiern und nicht antizipiert wissen. Oder sie halten sich sogar wirklich für liberal ... was die Sache nicht besser machte.
Dieses Demographie-Thema ist der perfide und boshaft-autoritäre Versuch, die Leute notfalls per Rentengesetzgebung in die Zeit vor 68 zurückzuprügeln. Es ist schwulen- und frauenfeindlich und zutiefst rassistisch. Dazu braucht man sich nur diese treudeutschen Fotos da oben anzuschauen: Kein Özgur, kein Li, kein - ja bezeichnend, daß mir noch nicht einmal ein genuin afrikanischer Name einfällt.
Insofern delegitimiert man vorsichtshalber den Antirassismus gleich mit, damit in Zukunft sich keiner mehr aufregt, wenn in Gefängniszellen Afrikaner abgefackelt werden. Alles besser als Kommunismus!
Allein schon die Aufbereitung gegenläufiger Weltbeschreibungen ist Demagogie durch Weglassen: Beim heutigem "Heute in den Feuilletons" bei SpOn wurde auf ein langes Interview in der Sueddeutschen mit einem Sozialforscher, Kaufmann, hieß der, glaube ich, verwiesen. Habe ich Online nicht gefunden, das Interview. Zitiert wurde lediglich ein Passus, in dem darauf hingewiesen wurde, daß auf Dauer ein System nicht tragbar sei, das Kinderkriegen mit ökonomischen Nachteilen belege. Insofern sollten sich jene, die keinen Nachwuchs herbeivögeln, mal auf Rentenkürzungen gefaßt machen.
Das stand auch in der Tat in der Sueddeutschen, da stand aber noch viel mehr. Hab's mittags beim Currywurstessen gelesen. Da stand unter anderem, daß jene Gesellschaften mit der ausgeprägtesten Gleichstellung zwischen Mann und Frau die höchsten Geburtenraten haben. Da stand, daß eine Zuwanderung von einer Million Menschen jährlich nötig sei, um die demographische Delle zu korrigieren. Da wurde vehement kritisiert, daß die deutsche Politik, statt das enorme Potenzial der Einwanderung zu nutzen, faktisch viel zu wenig in die Kinder der Einwanderer und deren Ausbildung investierte. Nee, die Speerpsitze dieses sich.selbst-geißelnden 68ertums rund um Stefan Aust und seine Online-Ableger befördert lieber Türkenbashing durch Broder und anderen, repressiv-autoritären Mist, als diese Punkte gleich mit zu diskutieren.
Wo bleiben die Forderungen nach einem Adoptionsrecht für Schwule? Warum steckt dieses Land proportional viel weniger Geld als in andere Länder in die möglichst frühe Förderung auch von "Menschen mit Migrationshintergrund", also Deutschen? Warum dieses Draufdreschen auf Frauen per Foto-Strecke, die nicht gebären wollen? Wieso diese Weigerung, deutsch anders als über Fortpflanzung sich reproduzierend zu begreifen, wieso diese eklige Ethnisierung? Nee, stattdessen wird fortwährend verbreitet, die Kanacken vergewaltigren unsere Frauen, seien allesamt islamistisch und vermehrten sich wie die Ratten, um "Eurabia" zu vollbringen ...
Hoffnung macht nur noch, daß wenigstens die Liberalen langsam aufwachen, der eine oder andere zu begreifen scheint, mit wem er sich da sonst allzu oft auf die Schulter klopft.
Warum ein so kluger und origineller Kopf wie Alan Posener so viel Lust daraus zieht, sich fortwährend über schwule oder linksliberale Spießer zu erheben und stattdessen Neocons verbal den Sack krauelt (sorry, Herr Posener, für dieses Bild, aber für mich paßt's einfach angesichts Ihrer Ausführungen zu Herrn Wowereit), ist mir sowieso ein Rätsel. Der bezieht klar Stellung. Und auch Statler geht an diesem Punkt sehr offensiv und eindeutig auf Distanz.
Wenn diese so gruselige Liaison zwischen christlichen Neocons und wirtschaftsliberalem Denken bröckelte, dann wäre das ja nicht irgendein strategischer ein Gewinn für die Weltrevolution. Sondern schlicht moralisch und im Namen von Vernunft und Freiheit geboten. Angesichts dieses Ratzinger-Schirrmacher-Aust-Bush-und-danach-Diskursuniversums sind so große Worte jetzt tatsächlich wieder ganz weit oben auf der Tagesordnung anzusiedeln! Ich habe fertig.
Ich muß immer zwanghaft vermitteln. Das ist wahrscheinlich unfrei und liegt an der Waage an der Spitze des dritten Hauses meines Geburtshoroskops. So las ich gestern zwei Artikel mit differenten Stoßrichtungen in FR und FAZ zum Thema "Deutschtürken".
Der eine hieß "Unsichtbare Grenzen", und für solche Texte auf der "Dokumentation"-Seite könnte ich die FR täglich knutschen, so abgespeckt sie ansonsten leider mittlerweile sich präsentiert. Auch nur ein Beispiel dafür, daß der Markt dem Guten schadet ;-) ...
Darin findet sich ...
... unter anderem das Zitat einer Türkischsstämmigen zur gestrigen Moraldiskussion im vorherigen Eintrag:
"Wenn ich auf die Straße gehe, gibt alleine mein Aussehen den Menschen das Gefühl, daß sie mit mir auf eine weise umgehen dürfen, wie sie es untereinander nicht akzeptieren würden."
Das gute an dem Text ist, daß er in Relationen denkt - also das Verhalten der sich in letzter Zeit plötzlich ungeheuer aufgeklärt, tolerant und freiheitlich sich sehenden, deutschen Gesellschaft zu jenem der Deutschtürken auch völlig korrekt in Beziehung setzt. Die Lektüre lohnt für jene, die nicht einfach nur die Vorurteile im Schrebergarten ihrer düngebedürftigen und doch nur kärglich wachsenden Denkfähigkeit hegen und pflegen wollen.
Die FAZ - die Autorn heißt ausgerechnet Mönch, aber das kann sie ja nix für - rezensiert ein Buch der allseits heiß umstrittenen Frau Kelek, und auch dieser Text ist außerordentlich lesenwert, weil: Nicht ganz so plump Frau Kelek instrumentalisierend, wie's viele Neocons so gerne tun.
Aber dann, mittendrin, wieder dieses affige "Man wird jawohl noch sagen dürfen", und das schon wieder auf, nawaswohl, den Block-Gegensatz von einst bezogen:
"Die massive Ablehnung, die Necla Kelek nicht nur von seiten einiger Migrationsforscher erfährt, sondern auch von deutschen Türken, die es besser getroffen haben als die fremden Bräute und die Jungen und Männer dieses Buches, erinnert zuweilen an die Ost-West-Debatten vergangener Jahre. Wer autoritäre, hier islamische, dort sozialistisch geprägte Kollektivstrukturen geißelt, wird angegriffen. Und sei es nur mit dem wenig überzeugenden Argument, daß „wir” so nicht sind. Und so wie jedesmal durch den Osten ein kollektiver Aufschrei ging, wenn auf offensichtliche Fehlentwicklungen dort hingewiesen wurde, so reagiert man gereizt, wenn türkische Dissidenten darauf bestehen, die europäische Demokratie mit all ihren Rechten und Pflichten gelte auch für sie und die Migrantengesellschaft, aus der sie kommen."
Das lebt irgendein Phantom in den Hirnen von Konservativen und Liberalen. Ich habe mich nun wirklich in allerlei linksalternativen Milieus herumgetrieben, aber habe eine einzige Freundin gehabt, die in der DKP war und die DDR verteidigt hat. Viellleicht gab's Sympathien für dieses alle linken Ideale faktisch sabottiernde Konstrukt in der Generation vor ca. 77.
Es gab und gibt auch immer welche, die Kommunismus und Sozialismus forderten, aber den real-existierenden fanden alle Scheiße und bedrückend. Kuba ist in der Tat die einzige Ausnahme, da gibt's auch positive Sichtweisen, nachweislich bis heute. Ich persönlich habe keine Meinung zu Kuba, außer daß ich generell für Demokratie und Menschenrechte votieren würde, die aber bitte nicht mit Bushschen Mitteln zu erreichen wäre.
Wogegen freilich sehr viele votieren, ich auch, ist doch etwas ganz anderes: Nämlich daß allzu oft auf "den Islam" mit dem Stinkefinger gezeigt wird, um jegliche Selbstkritik des Westens totzuschlagen. Das ist strukturell identisch mit der Rhetorik des "Großen Friedenslagers" zu alten Ostblock-Zeiten, und genau das ist ja das zuteifst Autoritäre an der Rhetorik von Bush und seinen hiesigen Adepten.
Und: Daß natürlich der im ersten Zitat aus der FR sichtbar werdende, alltägliche Rassismus - und das ist Rassismus - durch, meine Lieblingsthese, Generalisierung von Negativ-Stereotypen sich einfrißt in immer mehr Hirne, und diese Generalisierung füttert gelegentlich auch Frau Kelek.
Im rezensierten Buch tut sie das offensichtlich nicht, wenn man Frau Mönch Glauben schenkt.
Auf Anspielungen auf diesen sachlich falschen und politisch gemeingefährlichen Konstruktionen wie diesen vermeindlich allerorten vorzufindenden antiamerikanisch-antisemistischen-antirassistischen-"Islamversteher"-Komplex könnte bei solchen Rezensionen dennoch gerne verzichtet werden.
Dieses gruselige Zerrbild als Feindbild führt dazu, daß mit zunehmender Intensität und Breitenwirkung Diskusionen verboten und unterbunden werden sollen, und bewirkt somit genau das Gegenteil der "freien, westlichen Werte". Und einige seiner Adepten haben wohl zum Teil auch genau das im Sinn.
Dessen Adepten sind zudem wahlweise mental bei Adenauer oder in den frühen 80er Jahren stehen geblieben, wie's obige Zitat belegt. Wer sich nicht auf Honecker-Niveau begeben will, sollte davon lieber die Finger lassen, Frau Mönch. Zur Freiheit gehört immer auch Selbstkritik, und die konservative Fraktion ist ebenso Prophet eines neuen Totalitarimus wie der Islamismus selbst.Auch wenn aktuell sie gänzlich anders handeln als dieser ...
Das sollten jene Liberalen, die glauben, mit diesen Konservativen im Sinne des "Transantlantischen" (auch so ein Konstrukt aus alten CDU-Zeiten) sich wechselseitig in dieser Hinsicht auf die Schulter klopfen zu können, schon wissen.
Und die allseits beschworene "Linke" ist aktuell eher ein Gefühl als wirklich totalitarismusfähig ... eher verzweifelte Bewahrer des Erbes Ludwig Erhardts. Aber da lasse ich mich gerne eines Besseren belehren, vielleicht gibt's ja avancierte Konzepte, die mir nicht bekannt sind und nicht autoritär ansetzen? Dann immer her damit!
... dann wächst der Hang zum Patchwork ungemein, und man kann sicher sein: Durcheinander gebracht wird mit Sicherheit alles. Heute: Die Werte. Mit diesem seltsam-konservativen Gestus, der auch die Diskussion um die vermeindliche Renaissance des Bürgertums prägt und üble Launen notwenig verursacht, tritt auch diese Diskussion auf den Plan und drischt nicht minder sachlich falsch auf die 68er ein. Als sei es nicht völlig unsinnig, ständig gegen irgendwelche 60+-jährigen zu pubertieren, aktuell wäre doch eigentlich die 40-50-jährigen dran.
Egal, Michael Großheim hat die ...
... falschen Texte lesen lassen und dann zu dieser Spiegel-typischen, eher willkürlichen Aneinanderreihung irgendwelcher wahrscheinlich von Praktikanten zusammengesammelten Infos lose verknotet und aufgezählt.
Die alles entscheidende Heransgehensweise hat er nicht gewählt, nämlich, sich schlicht anzuschauen, wie wir reden, wenn wir über Werte sprechen. Stattdessen werden Leichen wie Herrmann Lotze ausgebuddelt.
Um kurz zu machen: Werte spielen dann in Debatten eine Rolle, wenn man etwas gut findet. Ganz schlicht. Oder, in Opposition dazu, dann auch etwas schlecht findet. Oder, sprachlich ist auch das möglich, etwas besser oder schlechter findet. Das sind dann evaluative Sätze.
Deshalb ist auch z.B. dieses Platzecksche Gerede von einer Renaissance der Tugenden analytisch nur indirekt eine Gerede über Werte. Zitat SpOn: "Der neue SPD-Vorsitzende Matthias Platzeck scheut sich nicht, die manchen altmodisch klingende Forderung nach "preußischen Tugenden" wie "Anständigkeit, Verlässlichkeit und Pflichterfüllung" zu äußern."
Alleine schon "scheut nicht". Wie mutig!
Verhaltensweisen sind keine Werte, sondern können anhand von "ist gut"-Sätzen in all ihren Varianten beurteilt werden.
Folgeproblem ist dann immer die Frage "in welcher Hinsicht gut", und das verweist auf die Verwendung von "gut" wahlweise im moralischen oder zweckrationalen Sinne (wobei es auch moralphilosphische Positionen gibt , die den zweckrationalen Gebrauch anwenden).
Die zweckrationale Verwendung ist: "X ist gut, um Y zu erreichen". Die moralphilospophische wäre "X ist gut, weil Y".
Hierbei begibt man sich immer in die Gefahr eines endlosen Regresses, weil zumeist Y selbst wieder durch einen weiteren "ist gut, weil"-Satz begründet werden kann oder müßte.
Eine Ausweg, den beispielsweise Kant systematisch inkonsistent wählte und Ernst Tugendhat in seinen "Vorlesungen über Ethik" wieder aufgegriffen hat, ist, die Zweckrationalität selbst als das Nicht-Moralische auszuzeichen, indem man z.B. Menschen generell als Zweck an sich selbst, nicht als Mittel begreift. Das ist auch die Postion der Kritischen Theorie von Horkheimer/Adorno bis zu - mit Abstrichen - Habermas. Bei Adorno/Horkheimer heißt das dann instrummentelle vernunft, bei Habermas strategische.
Bei einer solchen Argumentation begibt man sich jedoch in Gefahr, nur wieder selbst absolute Wertsetzungen zu vollziehen, wie z.B. sich der Begründung entziehende Religionen dies auch tun. Strukturell analog hierzu ist oft die Berufung auf das Nationale als absoluter Wert, oder auch die Natur.
Zumeist bleiben aber noch nicht einmal diese Postionen dabei stehen und landen dann wieder bei zweckrationalen Begründungsmodi: Die Nation sei wichtig, weil man sich doch irgendwo Zuhause fühlen müsse. Dann ist Wohlergehen Ziel, und das ist strukturell analog zu utilitaristischen Positionen. Im Falle der Natur ist diese entweder Wert an sich, insofern Metaphysik, absolute Begründung, oder schützenswert zum "Überleben der menschlichen Rasse", das ist dann wieder ein Zweck: Überleben.
Klar ist: Wer im "ist gut"-Universum sich rumtreibt, ist Gutmensch, und das ist ja nix Schlechtes. Das trifft insofern auch auf viele liberale Positionen zu, die Freiheit wie eine Wertsetzung behandeln, auch in der relationalen "ist besser"-Variante: Frei ist besser als unfrei, deshalb müssen wir alles beseitigen, was unfrei macht.
Nun ist Freiheit gar kein Wert, sondern eine Handlungsvorraussetzung im engeren, analytischen Sinne. Die verwendung von "handeln" macht überhaupt nur Sinn, wenn man Freiheit vorraussetzt. Sonst ist es halt irgendein Geschehen. Selbst das Diktum, daß die Gedanken frei seien, hat noch mit Handlung zu tun, zumindest dann, wenn man Denken als Handeln begreift. Ich plädiere da mal für.
Das ist aber der Kern des Problems der aktuellen Wertdebatte: Die Kriterien für die Verwendung von "ist gut" zeigen häufig Analogien zu ästhetischen Urteilen - "das ist aber 'ne coole Band" ist ja auch eine Verwendungsweise von "ist gut". Deshalb kann man auch gar nicht sinnvoll Werte gegen '68 in Stellung zu bringen. Das 68er-Diskursuniversum ist ein einziges Wert-Universum. "Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment" ist zwar auch lustig und ironisch, aber impliziert auch "es ist nicht gut, zum Establishment zu gehören".
Schuld ist, wenn überhaupt von Schuld die Rede sein kann, die Postmoderne. Diese setzte Ironie als Stilmittel absolut und fungierte nicht immer, aber immer öfter als ästhetisierender Diskurs. Brachte Ästhetik gegen jenen anderen Bereich der Moralphilosophie in Stellung, den der Spiegel-Artikel implizit ständig behandelt, ohne ihn auch nur einmal zu erwähnen: Die Frage nach dem "Sollen". Die läßtbei vielen die Nackenhaare sich sträuben, die Verwendung von "Soll"-Sätzen, "Die wollen mir doch nur was vorschreiben!!!".
Diese sind aber zentral in der Auseinandersetzung sowohl mit konservativen als auch mit radikal-liberalen Positionen. Beide artikulieren sich allzu oft im "ist gut"-Universum. Konservative leiten aus "ist gut"-Sätzen dann Soll-Sätze ab und greifen über dergestalt begründete Tugendlehren in die Psyche von Individuen ein, Liberale neigen zur zweckrationalen Beurteilungen dann, wenn sie pro-kapitalistisch argumentieren, und verbleiben im Falle der Freiheit oft bei "Freiheit ist absolut gut".
Das greift analytisch zu kurz. Wenn Handeln nur als freies möglich ist, dann gibt es hier zwei zu unterscheidende Möglichkeiten freien Handelns. Bei Kant heißen sie Neigung oder Pflicht, Wille oder Willkür (bei der Verwendung des Begriffs "Willkür" ist Kant nicht konsistent). Die eine Variante ist das spontane Handeln - "ich mach's, weil ich jetzt eben Lust dazu habe", das andere ist das begründete Handeln "Ich mach's, weil Du mir wichtig bist".
Begründete Handlungsregeln sind meiner Ansicht nach eigentlich relevante Feld der Moral. Wenn man begründet, ist man bereit, das eigene Handeln auch an Gründe zu binden und nicht bloß der Neigung zu folgen. Hier, in diesem Bereich, wird die Bindung dann z.B. über z.B. das Gut-Finden von Konventionen erst diskutierbar. Dann kann man fragen, ob und in welcher Hinsicht eine Konvention oder Tradition dann eben richtig oder falsch ist. "Richtig" und "Falsch" sind Prädikate für die Beurteilung von Handlungsweisen, dem Ort der Freiheit.
Bin ich bereit, zu begründen, so bin ich gleichermaßen bereit, von meinen Individualinteressen zu abstrahieren, den Gründen des Gegenübers den gleichen Rang zuzuweisen wie meinen eigenen und ihn insofern auch zu respektieren. Das ist die Intuition, die hinter dem Katergorischen Imperativs wie auch der Habermasschen Diskursethik steckt. Das ist auch das Feld der Kritik: Ich kannso auch mit Gründen Handlungsnormen zurückweisen, sie als moralisch nicht relevant auszeichnen etc..
Deshalb führt auch die Rede von Werten in die Irre und provoziert all die aktuellen Kulturkämpfe. Ein Liberalismus, der bei "x ist gut"-Sätzen stehen bleibt, klassifiert dann konsequent Muslime, Christen etc. als schlecht, weil er eben "Freiheit ist gut" ebenso absolut setzt, wie ein Gläubiger eben "Was Gott mir vorschreibt, ist gut" entgegnet, und so beginnt ein metaphysisches Gerangel um's höchste Gut.
Bei einer vernünftigen Diskussion um die Begründung von Handlungsregeln wären die Fronten vielleicht gar nicht so verhärtet. Es gäbe da bestimmt sehr viele Punkte, wo man z.B. mit Islamisten oder Bible-Belt-Christen niemals eine Einigung entstünde, diese zeichnen sich ja druch Dogmatismus mit all den erschreckenden Folgen aus.
Mit normal-gemäßigten Religiösen einigt man sich aber u.U. aber ziemlich schnell. Das Gebot der Gewaltfreiheit ist ja insofern vernünftig, weil eben vernünftige Diskussionen unter Bedingungen der Gewalt gar nicht stattfinden können.
Dann müssen sich aber alle Beteiligten auch den Regeln vernünftigen Begründens stellen. Die stellen in der Tat insofern etwas unfreies dar, da man eben dann an die Gründe sich handelnd auch zu binden hat. Ein im Konzept der negativen Freiheit verharrender Liberalismus verbelibt auf der Stufe von Neigung und Willkür. Ein solcher, der Einigung sucht, ist wirklich frei. Weil die Verwendung von Begriffen wie "freier Wille" nur als vernünftiger überhaupt Sinn macht. Bei aller Vorliebe für die Lust ...
Aber wer positiv wertend auf Blogs wie PI sich bezieht, der will das wahrscheinlich alles weder hören noch lesen. Der will im Dogmatismus der negativen Freiheit schlummern und immer vor allem gegen etwas sein ...
Diese Debatte rund um neue "Bürgerlichkeit" geht mir schwer auf den Geist, ob nun in DIE ZEIT unter so affigen Überschriften wie "Adornos Krawatte" oder zum Teil auch in der taz.
Zumeist werden hier genuin ökonomische und politische Kategorien - bourgeois und citoyen - in eine Frage der Ästhetik umgedeutet, und dann liest wie man wie einst zu Zeiten der NEUEN DEUTSCHEN WELLE, Teil 2 (also die kommerzielle, nicht die erste, post-punkige) und seitdem immer wieder, daß irgendwelche eitlen Dummbatze nun wieder Anzüge tragen, Standardtänze toll finden und zueinander höflich sind. Als sei Höflichkeit zwingend mit dem Bürgertum verknüpft, was für ein Quatsch.
Der Erklärungswert tendiert gen 0, und die vermeindlich harmlose Ästhetik verkleistert nur die neokonservative Interessenpolitik, die dahinter steckt. Die nämlich nix anderes sagt als: Paßt euch an, stellt nix infrage, haltet die Klappe, und wir sind sowieso kulturell überlegen, weil: Ästhetisch zivilisiert. Das ist innovationsfeindlich. Kein Wunder, daß die Wirtschaft krankt ...
Einen ganz spannenden Einlick bietet im Gegensatz dazu heute die taz in die "bürgerlichen" Welten der Deutschtürken. Das korrigiert ein wenig das Bild, das eine Generalisierung des Türken-Bildes im Tal der Wölfe (überragend detailliert und umfangreich dargestellt von Marian Wirth bei B.L.O.G.) hervorbringen würde,ein solches, wie's xenophobe Interessenvertreter gerne zeichnen würden.
Einfach lesen, guter, nüchterner Text, der in der taz (und der von Marian ebenso), der übrigens auch das Wirken von Westbindungen in der Türkei erläutert, ohne zeitglich stattfindende, jedoch häufig lediglich ästhetisierte Welten des Islam und auch des Islamismus dabei unter den Orientteppich zu kehren (dies Bild ist so blöd, das kann ich mir nicht verkneifen). Folgender Absatz ...
... ist trotzdem blöd:
"Am Musikgeschmack lässt sich vielleicht am deutlichsten der Unterschied zwischen den türkischen Migrantenkids und der deutschen Mittelschichtsjugend markieren: Die einen hörten HipHop aus den USA - ein Genre, das vom Leben auf der Straße und im "Ghetto", vom sozialen Aufstieg und von Ausgrenzungserfahrung handelte und mit der Zeit immer mehr einem hemmungslosen Materialismus frönte. Die anderen bevorzugten Gitarrenmusik, die von den Ängsten und Frustrationen des Mittelschichtindividuums handelte. Während die einen dazugehören wollten und vom sozialen Aufstieg träumten, suchten die anderen nach einer musikalischen Gegenästhetik, um sich von ihrer bürgerlichen Herkunft abzugrenzen."
Inwiefern ist denn bitte Gitarrenmusik eine Abgrenzung zur bürgerlichen Herkunft? Bürgerlich wird hier sehr schlicht als "Mittelschicht" klassifiziert, und dieses Gegeneinanderausspielen Hip Hop versus Gitarrenmsuik ist eh unsinnig. Da schleicht sich durch die Hintertür etwas sehr krudes ein, nämlich eine Ethnisierung des Musikgeschmacks, und das nervt. Auch Hip Hop im sozialen Aufstiegstraum zu verorten greift schlicht zu kurz, aber das wäre jetzt ein anderer und neuer Text, das zu diskutieren ...
Oder hat das gar nix mit Inflation zu tun, wenn man 10 Euro-Scheine für mehr Geld verkauft, als als Nennwert drauf steht? Sagt man da überhaupt Nennwert zu?
Wirft das nicht insgesamt Logik unseres Wirtschaftssystems über den Haufen, Geldscheine als zu versteigernde Objekte anzupreisen, obgleich doch sie selbst das Mittel sind, um zu ersteigern? Oder wird so nach und nach der Geldschein so etwas wie eine Aktie mit variablem Wert in kapitalimmanenten Relationen, wenn dies Beispiel Schule macht (wobei "Schule" in diesem Zusammenhang evtl. ein Reizwort ist)? Weiß ich dann nie, was ich gerade wirklich im Portemonnaie habe, weil ich nie weiß, wer zuvor dies Geld in den Händen hielt?Trägt e-bay so unfreiwillig und ungewollt zur Erschütterung unseres heißgeliebten Kapitalismus bei? Ist das die Revolution, auf die wir immer schon gewartet haben? Fragen über Fragen .... (via koelnboy)
Wer als St. Paulianer diese eigentlich unerträgliche Niederlage bei Leverkusen II vorrübergehend vergessen und stattdessen aus erster Hand erfahren will, wie dieser herrliche "Pokalfinale"-Song, der spätestens nach dem 12.4. endgültig die Charts rocken, sorry, zum grooven und ungezügelten Mitsingen bringen wird, der lese hier!
In Frankreich tobt derzeit der Kampf gegen eine neue gesetzliche Regelung, die es erlaubt, als Arbeitgeber Berufseinsteiger möglichst schnell wieder feuern zu können, wenn die's nicht bringen. Girl weist darauf hin, daß dies im Koalitionsvertrag hierzulande als generelle Regelung bei Neueinstellungen ebenfalls geplant ist (via Hartz4all). Habe das zwar nicht gegenrecherchiert, liest sich aber außerordentlich realistisch ...
Hier wird sie auf fruchtbareren Boden fallen als in Frankreich, diese Reform: Ist doch der Wihelminismus das eigentlich relevante, gesellschaftliche Paradigma hierzulande, zumindest innenpolitisch gesehen, den "Platz an der Sonne", z.B. an der aufgehenden, suchen ja derzeit allenfalls Investoren.
Es darf wieder stolz gebuckelt werden! ist der Konfuzianismus nicht sowieso so was ähnliches wie Wilhelminismus? Mir ist der Taoismus ja näher ...
Das Zeitalter der flachen Hierarchien und des Teamgeistes, letzteres ja sowieso dem liberalen Individuum ein Gräuel, wird versinken ... Hauptsache, die altbewährte Gutsherrenart setzt erneut sich durch. Warum noch begründen müssen, wenn man feuert? Recht gründet auf Machterhalt in autoritären Systemen ...
Ein Dreiklassenwahlrecht brauchen wir gar nicht wieder einführen, gesellschaftlich relevante Fragen werden sowieso schon diesem Muster folgend entschieden: 1.) Geldadel, 2.) junge und alternde "Performer" und 3.) dann noch der dreckige Rest, der eh nur per Sozialsystem den Leistungsträgern das Geld aus der Tasche zieht ...
Daß französische Würdenträger sich dann ganz besonders über Sprüche wie "Nous ne travaillons jamais" ereifern, erstaunt auch nicht.
Duckmäusertum durch Angst vor dem Arbeitsplatzverlust ist ja mittlerweile - ganz klassisch - Herrschaftsmittel Nr. 1 geworden, da kann ich mal rethorisch auf längst verstaubt erscheinende Kacke hauen, verstaubt in der Tat nur erscheinend, die stinkt noch ganz gewaltig.
Wahrscheinlich wäre ein kollektives Kündigen die angemessene Antwort - ist nur die Frage, wie man Chinesen, Inder, Polen und Bayern dazu bringt, da mitzumachen ... insofern ist wohl doch nur eine Steigerung des Ist-Zustandes anzustreben: Nämlich die Arbeitenden und Besitzenden dazu bringen, den Arbeitslosen und Besitzlosen noch wesentlich mehr dafür zu zahlen, daß diese nicht auch noch auf den Arbeitsmarkt drängen und die Preise endgültig kaputt machen ...
Wollte schon immer mal einen Eintrag schreiben, der mir Seriositätszweifel bei der Stammleserschaft einbringt - falsch ist all das da oben aber leider wirklich nicht ...
Der Meister hat gesprochen, Teil 2. Und, Überraschung: Er formuliert eine politisch-praktische Forderung für's Fortschreiben der Europäischen Einigung.
"Wenn wir um eines faulen Friedens willen das heikle Thema vermeiden und uns auf dem üblichen Kompromisswege weiter durchwursteln, lassen wir der Dynamik der entfesselten Märkte freien Lauf und sehen zu, wie sogar die bestehende politische Gestaltungsmacht der Europäischen Union zugunsten einer diffus erweiterten europäischen Freihandelszone abgewickelt wird."
Er regt sich auf - das schreibt er wörtlich so - über die ablehenden Referenden zur EU-Verfassung in Frankreich und Dänemark, wobei da doch zu unterscheiden ist: Wie auch die aktuellen Studentenproteste ...
... in Frankreich belegen, war die französische Ablehnung ja nicht primär gegen den EU-Beitritt der Türkei gerichtet, auch wenn Frau Merkel das gerne so hätte, sondern ebenso gegen eine Verständnis von Europa, daß dieses eben als reine Freihandelszone definiert und insofern auch der Habermasschen Position folgend. Daß neue Protektionismen und allerlei Neo-Nationales derzeit in Politikerangst gründend Europa prägen, ist allerdings in der Tat ein Desaster.
Die anderen Forderungen des Kritischen Theoretikers kann ja jeder selbst nachlesen, u.a. fordert er den Aufbau einer europäischen Armee. Spannend ist's sowieso, noch spannender wird's, wenn man die Rede zu zwei anderen Texten in Beziehung setzt.
Da ist zum einen ein Aufsatz vom allseits bekannten Kosmoblogger Ulrich Speck, veröffentlicht im aktuellen Merkur. In diesem Text spricht dieser Europäern ab, etwas aus den Weltkriegen gelernt zu haben.
Er arbeitet sich an den Habermasschen Visionen eines Europa, das als eigenständiges Gegengewicht zu den USA sich versteht, ab, also genau jenen Positionen, die auch im verlinkten Vortrag sich finden. Speck verweist darauf, daß das Loblied auf ein friedliches und gerechtes Europa auch jenseits des Antlantiks gesungen würde und in diesem Zusammenhang u.a. auf das Buch "Postwar. A History of Europe since 1945" des Zeithistorikers Tony Judt.
An diesem kritisert Speck u.a., daß es die Rolle "Amerikas" in der europäischen Nachkriegsgeschichte zu gering nur veranschlagen würde. Anders sähe es der Adenauer-Biograph Hans-Peter Schwarz: Die europäische "Friedenszone war vom Ende des 2. Weltkriegs bis Ende der 90er Jahre in erster Linie das Werk eines mächtigen transatlantischen Impressarios", so zitiert Speck aus dessen Buch "Republik ohne Kompaß. Anmerkungen zur deutschen Außenpolitik."
Der Kosmoblogger zieht daraus den Schluß: "Die westeuropäische Zivilisierung ist weniger des Ergebnis eines "Lernens" aus der Katastrophengeschichte als vielmehr die Folge amerikanischer Übermacht", so steht's im Merkur auf Seite 246. Und, weiter dann auf S. 247:"Wenn aber erst einmal der doppelte Einfluß Amerikas deutlich wird - amerikanische Weltpolitik als Rahmen und Washingtons Einfluß auf Regierungen - , dann verliert die Entgegensetzung von überlegener europäischer Moral und amerikanischer Gewaltsamkeit ihren Sinn. Die Entkopplung westeuropäischer Gesellschaften vom Militärischen ist dann kein Ausweis spezifisch europäischer Tugend mehr, sondern Ergebnis einer funktionalen Arbeitsteilung, in der die Vereinigten Staaten die militärischen Aufgaben übernahmen und es den westeuropäischen Staaten ermöglichten, sich ganz auf das Zivile zu konzentrieren: auf ökonomische Interessen, auf die Befriedigung innergesellschaftlicher Verteilungskämpfe mit den Mitteln des Sozialstaats."
Gegen Ende des Artikels, der überschrieben ist mit "Vom Aufstieg und Niedergang des Europäismus", wird dann Habermas noch als"Priester einer politischen Religion" abgewatscht, ihm werden als pragmatisch gedeutete Intellektuelle entgegengehalten.
Klar ist, daß die verlinkte Rede von Habermas genau auf diese Positionen schon reagiert. Und bei aller Richtigkeit dessen, was Speck da schreibt: Daß "Amerika" hier wie soft sonst auch eine Art Chiffre ist für das, was man innenpolitisch sowieso gerade will, ist, das wird bei genauerem Hinsehen auch deutlich.
Diese ganze Dualismen gehen mir gehörig auf den Geist, denn sie sind allesamt falsch. Habermas weist noch zu Recht, aber doch zu sehr nebenbei darauf hin, daß auch in den USA derzeit ein Kulturkampf, nämlich jener zwischen den Positionen einen ethischen Liberalismus und dem repressiven und produktiven Wirken christlich orientierter Neocons tobt, und selbst das ist ja ein viel zu grobes Raster zum Erfassen eines hochkomplexen Gebildes namens "USA". Eine in sich ausdifferenzierte Gesellschaft wie jene kann als Supersubjekt oder Wertegemeinschaft "Amerika" gar nicht weltpolitisch agieren können, das können allenfalls Regierungen, und beispielsweise zwischen Clinton und Bush sehe ich durchaus Differenzen. Und einige Unternehmen agieren global, und was die zum Teil anrichten, weiß man ja - daß beispielweise amerikanische Universitäten derzeit Coca Cola boykottieren ist so eine Differenzierung, die hiesigen Kulturkämpfern so gar nicht in Rhetorik paßt.
Diese Instrumentalisierung von "Amerika" nervt. Habermas geht da ein wenig differenzierter vor, da er seine europäische Vision eben auch in sich begründet, einen einfach nur moralisch sich überlegen fühlenden Antiamerikanismus lese ich zumindest da nicht. Ein wenig zu dualistisch ist mir das bei ihm aber auch. Wobei der zentrale Dualismus bei ihm "Wirtschaft" versus "Politik" ist.
Daß Speck im Gegensatz zu Habermas europäische Subjekte im Plural nur als Effekt amerikanischer Machstrategien, jetzt mal Foucault paraphrasierend, deutet, ist im engeren Sinne inhuman: Natürlich stimmt seine Beschreibung des weltpolitischen Rahmens und die herausragende Rolle amerikanischer Regierungen, am Selberdenken und Entwickeln eigener Politikbegriffe hat das den einen oder anderen Europäer trotzdem nicht gehindert, und das ja immer auch in Auseinandersetzung mit US-Positionen, Rawls oder Dworkin sind da nur zwei Namen. Auch lassen sich geteilte Erfahrungen wie jene, die ich mal exemplarisch an der eigenen Familiengeschichte durchgespielt habe, nicht einfach so negieren, nur weil's auch die US-Außenpolitik gab und diese wirkte, in Südamerika und Vietnam dann eben anders als in Europa.
Ich behaupte, daß dieses Amerika-Bild neoliberaler Fundamentalisten in der Tat eine reine Instrumentalisierung darstellt, um den Begriff des Politischen und infolgedessen auch das politische System selbst aufzulösen, und das im Rahmen eines rein innereuropäischen Diskurses. Der eine oder andere gibt das ja sogar zu.
Neokonservatismus stößt dann in genau diese Lücke vor, die das Preisgeben eines in politisches Handeln umzusetzenden ethischen Liberalismus dann hinterläßt. Insofern kann, wer in wirtschaftliberaler Hinsicht Amerika und Transantlantisches beschwört, seine Hände nicht in Unschuld waschen, wenn hinten dann Kewil, Lammert oder Ratzinger bei rauskommen.
Ein indirekter Beleg hierfür findet sich in einem ganz anderen Diskursuniversum - im Manager-Magazin (via Fuckup). Das ist schon ganz spannend zu lesen, wie ein Autor, der wohl auch gerne so wäre oder aber sich so sieht, fast leninistisch das "Milieu" der "jungen Performer" zum politischen Leitmilieu der Zukunft erklärt. Das sind Leute wie der hier, Zitat Manager-Magazin:
"München, Lenbachplatz 3. Beste Innenstadtlage. Ein dunkelgrüner Range Rover parkt den Eingang zu. Im dritten Stock arbeitet Emanuel Chibesakunda, Projektleiter bei der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton.
Oder sollte man besser sagen: Er hat hier sein Büro? Denn vier Tage pro Woche ist Chibesakunda auf Reisen. In den vergangenen Jahren betreute er Beratungsprojekte in Thailand, England, Schweden, Dänemark - und gelegentlich auch in Deutschland. In seiner 100-Quadratmeter-Altbauwohnung hält er sich so selten auf, dass er Privatpost lieber an die Adresse seiner Eltern schicken lässt, "sonst bleiben die Rechnungen zu lange unbezahlt liegen".
"(...)Ich liebe es, an meine Grenzen zu gehen - und dann noch ein Stück weiter." In seiner Jugend war Chibesakunda deutscher Vizemeister im Zehnkampf und fuhr Bob im Olympiateam. Heute finden seine Grenzerfahrungen nicht mehr im Verein statt, sondern beim Joggen, im Fitnessstudio oder auf dem Golfplatz.
Einen Großteil seiner Freizeit widmet Chibesakunda der Pflege eines weltweiten Netzwerks aus Freunden und Kollegen. Im vergangenen Jahr war er auf Hochzeiten in Japan und Indien zu Gast und besuchte die Familie seines Vaters in Sambia. (...)
Für die modernen Performer besteht das Leben in der globalisierten Welt aus lauter Möglichkeiten, beruflich wie privat. Aus immer neuen Grenzen, die sie lustvoll durchbrechen. Schneller, höher, weiter.
In einem deregulierten Deutschland sind die modernen Performer die Gewinner. Sie rücken in die Mitte der Gesellschaft. Ihr Lebensstil wird zum neuen Mainstream, dem die Angehörigen anderer Milieus, so gut es geht, nacheifern. Weshalb wiederum die Politik den Bedürfnissen der modernen Performer besonders stark zu entsprechen versucht. Wodurch es nochmals attraktiver wird, diesem Milieu anzugehören - und so weiter."
Ein Hauch von Wallstreet und den längst versunkenen Träumen der New Economy weht durch die Zeilen ... faktisch ist dieses eine Ästhetisierung des Sozialen. Die Beschrebung erinnert an Schulhöfe, wo der eine oder andere dann eben auch zu den "Coolen" gehören will. Auf ca. 10 %, nicht zufällig die FDP-Wählerschaft, beziffert der Autor dieses "Milieu", das sich liest wie eine Lätta-, Gutfried- oder Krönung-Light-Werbung.
Der Text ist außerordentlich lesenwert, er bemüht sich, mit Hilfe des Begriffs der "Milieus" die Gesellschaft der Zukunft zu beschreiben. Ich kenne diese Techniken aus Marktforschung und Zielgruppenanalyse; wie untauglich sie sind, um Gesellschaft zu beschreiben, das wird im Text selbst deutlich. Da taucht in naher Zukunft z.B. das "Milieu" der "Dealer" auf, das mit 7% außerordentlich niedrig angesetzt ist. Da sind jene, die sich, mal legal, mal illegal, irgendwie durchwurschteln.
Sowas wie "legal, illegal": Das streift der Text, ohne es zu erörtern, und darin zeigt sich geballte Unsinn einer solchen Art, Gesellschaft zu beschreiben: Daß das gezeichnete Szenario z.B. ein wahlweise privates oder staatliches, ungleich höheres Sicherheitsaufkommen zur Folge haben würde, sei's Polizei oder Wachmann, Bootcamp oder Knast, das wird verschwiegen.
Dabei ist dies nur ein Beispiel, eines von vielen, das von all den Flexibilisierern zu gerne verschwiegen wird: Wenn die aktuellen Institutionen abgeschafft würden, werden notwenig neue folgen, weil ein Zusammenleben sonst gar nicht führbar ist. Die Anwendung der "Broken Window"-Theorie in New York ist genau ein solches Phänomen. Flexibilisierung führt schlicht zu neuen Formen der Verrechtung, die auf sozialen Wandel dann reagieren. Weg von Gefahren des Totalitarismus führt das nur dann , wenn zugleich das demokratische, politische System eine Stärkung erfährt.
Insofern würde ich Habermas zwar nicht in jedem Detail, aber doch im Ziele zustimmen: Es sind in der Tat neue, politische Institutionen auf europäischer Ebene notwendig, um nicht wie in den USA auch in Entwicklungen, wie sie z.B. der "patriot act" darstellt, folgen zu müssen.
Das Schlußwort gebührt Habermas selbst, und ich bin mir sicher, daß sich hierfür auch in den USA selbst genug Verbündete lassen:
"Nur eine Europäische Union, die außenpolitisch handlungsfähig wird und neben den USA, China, Indien und Japan eine weltpolitische Rolle übernimmt, könnte in den bestehenden Institutionen der Weltwirtschaft eine Alternative zum herrschenden Washington Consensus fördern und vor allem innerhalb der UNO die überfälligen, einstweilen von den USA blockierten, aber auf deren Unterstützung angewiesenen Reformen vorantreiben."
... und will nicht, daß wir jetzt ausgerechnet bei einer von diesen zweiten Mannschaften, die sowieso eine Zumutung sind, den Aufstieg vergeigt haben!!! Was für eine Scheiße, Führung nicht gehalten, rote Karte, 2 Tore in zwei Minuten, was soll denn der Mist? Jetzt bitte wie nach dem 1 zu 4 in Kiel eine Siegesserie starten, Turnaround nach Tiefpunkt, die Liga rocken, und zudem noch Pokalsieger werden! Und bitte Meggle nur noch als Joker einsetzen - auch wenn der das 1 zu 0 gemacht hat und ein toller Typ ist, der lähmt das Spiel ... was für ein Scheiß-Samstag-Nachmittag!

(Quelle: FC42)
Leverkusen ist ja eigentlich was, wo man durchfährt. Dann auf Industrie-Anlagen guckt und sich innerlich bereit macht, gleich durch den Kölner Innenstadt-Kessel sich kämpfen zu müssen. Wo man Beklemmungen erfährt, weil man an die Schildergasse denkt.
Heute müssen unsere Helden dort hin. Demütigenderweise gegen eine zweite Mannschaft spielen. Als wäre nicht Bayer Leverkusen sowieso schon, ähnlich wie Wolfsburg, als Verein sekundär. Ein Stadion, in dem Fan-Gesänge elektronisch verstärkt werden müssen, damit sie überhaupt jemand hört, ich weiß ja nicht ... kurios, daß die "Werksmannschaften" es immer nur geschafft haben, den Konzern und Geldsackhaftigkeit zu repräsentieren. Der Arbeitermythos landete dann woanders ...
... bei Schalke z.B., wo er ja mittlerweile auch nicht mehr hingehört.
Trainiert werden die von Ulf Kirsten, die Jungs aus der Zweiten von Leverkusen, den ich ja außerordentlich unsympathisch finde, da kann er noch so viele Tore geschossen haben. Der erscheint mir immer als sowas wie die personifizierte Körperbehaarung in ihrer unangenehmen Variante. Nicht, daß sowas wie Körperbehaarung nicht auch ganz schön sexy sein kann, bei ihm ist mit mir dieser Faktor zumindest nicht zugänglich.
Und Calmund, den ich ja immer super finde, regiert jetzt bei Fortuna Düsseldorf mit, hat sich massenmedial völlig verrannt, und Fahnder schnüffeln fortwährend um ihn herum. Tut mir leid für ihn. Als der damals quer über den Millerntor-Rasen lief, waren wir alle erstaunt, wie behende, flink und schnell sich dieser voluminöse Körper bewegt. Wir haben, glaube ich, sogar applaudiert, als er zur Haupttribüne schritt. Weil echte Typen und Persönlichkeiten Applaus verdient haben ... und damals, in dieser Champions-League-Saison, da habe ich auch mit Leverkusen gefiebert und mich weggeärgert, als Zidane wie aus dem Nichts dieses so unverschämte Tor schoß, dieses Tor, das eigentlich eine Frechheit war, weil außer Zidane so ein Tor gar keiner schießen kann, und der hat's fast nebenbei, mal eben so, geschossen, irgendwo aus dem Raum schräg links vorm Tor heraus ... seitdem finde ich Leverkusen aber eigentlich wieder nur überflüssig. Nicht wegen Zidande. Sowieso.
Genau wie die zweiten Mannschaften von Bundesligisten in der Regionalliga auch. Die sind die institutionalisierte Wettbewerbsverzerrung. Schicken ihre schweineteuren, weltweit eingekauften Nachwuchsspieler auf den Platz, Spieler, die sich kein Drittligist leisten könnte, Spieler, denen es meist mehr um's Vermarkten ihrer selbst geht als um die Mannschaft, in der sie spielen.
Bin mir aber sicher, daß die Kirsten-Boys heute untergehen werden. Weil unsere Truppe sich mit monetärer oder Marketing-Sprache gar nicht beschreiben läßt. Weil's eigentlich alles Typen sind, Persönlichkeiten, die mehr als nur Applaus verdient haben. Die sich den Arsch aufreißen und wissen, was Teamgeist ist. Weil auch Scharping heute wohl spielen wird.
Und weil der Schnee hier heute in Hamburg die Stadt noch schöner macht, als sie eh schon ist. Und unsere von Schwaben durchsetzte Truppe dies noch richtig genießen wollen wird, dieses Stadt-Erlebnis ... und so werden sie mit Wellen der Euphorie in der Magengegend in die weiß eingehüllte Hafenstadt zurückkkehren wollen ... und weil wir die Punkte jetzt einfach brauchen nach all den Spielausfällen. Gründe genug, zu siegen, und Leverkusen II soll eh wieder aus der 3. Liga verschwinden. Weil zweite Mannschaften von Bundesligisten da halt nix zu suchen haben ... ganz einfach.
Der Meister hat gesprochen, und dann muß man ihn ja auch wenigstens zitieren.
Bin ja eher widerwillig in vielen meiner Argumentationen Habermasianer geworden; dessen Theorien sind schwerfällig, unsexy, wenig unterhaltsam geschrieben und eben immer so schrecklich vernünftig - was ja auch ihren Kern ausmacht. Was ihre Größe ausmacht - man kann den Mann einfach nicht genug bewundern.
Man liebt Adorno, muß ihn einfach lieben für diese begrifflichen Eskapaden, dieses virtuose Jonglieren mit Sprache, die in's Sperrige sich zirkelt und so zur Meta-Poesie verwandelt. Man man muß ihn lieben für die gewaltigen Polemiken des Bildungsgroßbürgers, wie auch für diesen abgrundtiefen Ernst der Verzweiflung, die in nicht minder abgrundtiefer Realhistorie ihren Grund findet.
Man möchte selbst einen Kant gelegentlich knuddeln für diese übermenschliche Mühe des Gedankens, diese unendliche Lauterkeit im Ringen und Offenlegen genau dieses Ringens um begriffliche Präzision.
Habermas respektiert man. Ich zumindest. Wenn er seine Denkfächer ausbreitet und an ihnen arbeitet, große Gesten nur andeutend und doch nie wirklich vollziehend: Nix als Ehrfurcht kann ich da empfinden. Selbst in harschen Angriffen wie jenen, damals, gegen die Postmoderne oder gegen die Neocons der 80er, selbst bei all der Wut und Polemik ist immer jener gedankliche Kraftakt spürbar, der Habermas zu einem Giganten des Geistes macht.
Das, was beinahe verstörend als der von ihm beschworene "zwanglose Zwang des besseren Arguments" in's eigene Zähneknirschen sich einschleicht, langsam setzt und, umformatiert, zu eigenem Denken wird, das sitzt bei ihm einfach. Ist gut platziert wie ein hervorragend herausgespielter Torschuß. Und setzt sich fest.
Wenn man bei Foucault abwechselnd laut loslachen möchte, stürmisch applaudieren, tief verstört wird und dann seitenweise gar nix mehr versteht, bei Luhmann sowieso in den seltensten Fällen über eine halbe Seite hinaus kommt und zumeist zunächst empört ist, gräbt man sich durch Habermas-Seiten wie mit einem Pflug. Man stößt auf schweres Gestein, natürlich bekommt man als postmoderner Freigeist zunächst einen gedanklichen Nervenzusammenbruch, wenn man von einer "Konsenstheorie der Wahrheit" liest. Die teile ich bis heute nicht, was er jedoch meinte, dem muß man sich schon öffnen, anstatt mal eben loszupöbeln und dann leichterer Kost nachzuplappern.
Mühsam, sperrig, aber effizient ist das Denken von Habermas, es knirscht und quietscht beim Nachvollziehen, und doch bleibt immer viel mehr hängen, als man ursprünglich wollte.
Andere hauen ihre Thesen raus und wollen glänzen, schillern, suggerieren, toll sein. Habermas hat in der "Theorie des kommunikativen Handelns" hingegen als Denkarbeiter versucht, die Theorie selbst mit theoriegeschichtlichen Mitteln zu entwickeln (Schnädelbach, Herbert, Vernunft und Geschichte, Frankfurt/M. 1987, S. 238) - das bedeutete eine lautere Offenlegung der eigenen Bezugspunkte, was etwas ist, dem z.B. Foucault sich stets entzog. Das bedeutet auch die gewichtige Exegese der soziologischen Klassiker, Max Weber, Talcott Parsons z.B., die eben Denkschwerstarbeit ist, der auch viele der Großen der akademischen Philosophie sich in diesem Umfang, dieser Intensität, dieser Wucht zumeist entziehen.
Die betreiben dann entweder nur reine Klassiker-Exegese, bringen diese zur Darstellung und gehen nicht allzuweit darüber hinaus. Oder sie nehmen andere Denker eher zum Anlaß eigener Gedanken, als sie zu durchdringen. Habermas hingegen hat beides in systematischerAbsicht kombiniert und dabei ein ungemein tiefsinniges, komplexes, in sich ausdifferenziertes und zudem noch außerordentlich brauchbares, hochfiligranes Theoriewerk entwickelt, gegen das all die großen Thesen seiner postmodernen Konkurrenten von einst - Foucault explizit ausgenommen - fast lachhaft scheinen. Nicht umsonst hat Derrida sich dem "Meisterdenker" dann in rhetorischen Siebenmeilenstiefeln angenähert, ihm die Hand gereicht und wirkte dabei doch ein klein wenig winzig neben seinen großen Worten ...
Habermas ist Idealist, es ist nicht immer leicht, bei ihm die Beschreibung des Seins vom Sollen zu trennen, und ich behaupte, daß er tatsächlich beides zu oft nicht sauber trennt. Auch wenn's genau diese Differenz ja ist, die seinem Buch "Faktizit und Geltung", positivem Recht und dessen Legitimation und somit Veränderbarkeit, den Titel gab.
Anke Thyen hat die Kritische Theorie der "Frankfurter Schule" in Seminaren sinngemäß als eine solche gekennzeichnet, die die Potenziale der gesellschaftlichen Veränderung aus der Theorie der Gesellschaft selbst heraus entwickeln will.
Manchmal führt das bei Habermas dazu, daß die Gesellschaft so beschrieben wird, daß seine letztlich normativen Überzeugungen dann auch ja sich aus ihr sich ableiten lassen, und dabei fällt dann sehr viel unter den Tisch und führt ein Eigenleben, dort liegend und kriechend. Als er seine Rechtsphilosophie, "Faktizität und Geltung", schrieb, hat er wohl viel mit Verfassungsrechtlern diskutiert, so scheint's beim Lesen, aber wahrscheinlich keinen schmierigen Strafrechtsprozeß mit wilhelminischem Richter besucht. Was das Gigantische des Werks nicht schmälert. Aber eben in der Theorie dann fehlt. Den Mühen der grausigsten Ebenen hat Michel Foucault sich unterzogen, und man muß wohl mit beiden denken, will man heute eine Kritische Theorie der Gesellschaft formulieren. Da reichen immer neue Exegesen der Marxschen Werttheorie nicht aus ...
Lange Einleitung für ein Posting, mußte ich wohl mal los werden, in dem ich eigentlich nur zitieren wollte, was Habermas anläßlich einer Preisverleihung über das Internet zu sagen hat:
"Die Nutzung des Internet hat die Kommunikationszusammenhänge zugleich erweitert und fragmentiert. Deshalb übt das Internet zwar eine subversive Wirkung auf autoritäre Öffentlichkeitsregime aus. Aber die horizontale und entformalisierte Vernetzung der Kommunikationen schwächt zugleich die Errungenschaften traditioneller Öffentlichkeiten. Diese bündeln nämlich innerhalb politischer Gemeinschaften die Aufmerksamkeit eines anonymen und zerstreuten Publikums für ausgewählte Mitteilungen, sodass sich die Bürger zur gleichen Zeit mit denselben kritisch gefilterten Themen und Beiträgen befassen klönnen. Der begrüßenswerte Zuwachs an Egalitarismus, den uns das Internet beschert, wird mit der Dezentrierung der Zugänge zu unredigierten Beiträgen bezahlt. In diesem Medium verlieren die Beiträge von Intellektuellen die Kraft, einen Fokus zu bilden." (Habermas anläßlich der Verleihung des Bruno Kreisky-Preise, veröffentlich im östereichischen "Der Standard")
In der Tat ist für das für Habermas so zentrale Konzept der Öffentlichkeit das Internet zunächst etwas Fragmentierendes. Hier konstituieren sich Perspektiven uneindeutiger, chaotischer, es wird weniger noch als in den "Mainstream"-Medien der Wahrheitsgehalt von Aussagen überprüft.
Was auf diese jedoch einwirkt: Da wahrscheinlich beinahe alle Redaktionen mittlerweile aus reiner Personalnot Infos im Internet sammeln, die so oft auf seltsame Art etwas Vermitteltes in neuer Form darstellen, kam ja z.B. bei den Pariser Riots soviel Unsinn dabei raus. Noch die Selbststilisierung irgendwelcher Pariser Jungs in ihren Blogs wurde wie eine Augenzeugenaussage behandelt, hysterisch sich überschlagende Fantasien wie die einer Gudrun Eussner entfalteten auf einmal Wirkung bis hinein in DIE ZEIT oder den aktuellen Merkur. Da sind schlicht neue Diskursdynamiken am Werk, die, ergänzt durch den Dramatisierungs-, Popularisierungs- und Häppchen-Wahn des Fernsehens, in der Tat etwas ganz anderes erzeugen, als Habermas es vorfand, als er "Strukturwandel der Öffentlichkeit" in den 60er Jahren schrieb.
Anderes Beispiel, selbstkritisch: In den Kommentaren bei Che2001 wurde mir neulich völlig zu Recht der Vorwurf gemacht, einen ZEIT-Artikel positiv wertend zu zitieren, in dem Diskussionen in einem Internet-Forum dargestellt sich fanden. Ich hätte doch nur mal in das Forum selbst schauen müssen, um zu sehen, daß die Darstellung der ZEIT eben auch sehr selektiv gewesen sei. Klar, hätte ich müssen - als nebenberuflich Bloggender haue ich hier ja auch allerlei raus, immer in der Annahme, daß doch jeder weiß, daß dies kein journalistisches Format ist, sondern eher eine private Meinungsseite, darum geht's mir ja bei BLOGs. Wer weiß, vielleicht zitiert das aber wieder irgendein überarbeiteter Volontair bei irgendeiner Tageszeitung, der endlich nach Hause zu seinem Lover will und mal eben ins Netz steigt, um einen Artikel fertig zu machen.
Habermas geht es im obigen Zitat auch um die Rolle der Intellektuellen. Ist eine offene Frage, ob die nicht gerade im Netz, indem sich wieder mehr auf sie beziehen, doch zur Entfaltung kommen, sogar mehr als zuvor. Aber auch anders.
TV funktioniert ja z.B. wie ix, der auch den leisesten Hauch der Abstraktion schon als Wichtiggetue, langweilig und Schlimmeres geißelt, und da ist ix ja nur ein Symptom wie in vielem anderem auch für viele Andere auch.
Plötzlich findet man hier im Netz aber auch Leute, die einem das volkswirtschaftliche Modellieren von Märkten erläutern, andere beziehen sich auf Hayek und ich bin plötzlich genötigt, mich mit dem zu beschäftigen, ob ich den mag oder nicht. Andere diskutieren die Werttheorie bei Marx, was ja auch mal wieder spannend ist - wenn auch im Print-Bereich gelegentlich noch, wenn auch sehr entschärft, seitdem die diLorenzos am Ruder sitzen, Intellektuelle auftauchen, so ranken sich parallel dazu z.B. in der Blogosphäre unter ein paar hundert Leuten rund um zentrale Intellektuelle genau jene Arten der Debatte, die früher auch Sartre in die Jazzkeller trug. Und viel mehr haben den damals auch nicht diskutiert - war aber der Boden, auf dem sein Mythos wachsen konnte.
Ich denke, daß Habermas zuzustimmen ist, daß sein Strukturwandel der Öffentlichkeit zeitgemäß reformuliert werden müßte. In Sachen Wirkung der Intellektuellen bin ich in letzter Zeit optmitischer geworden - auch wenn ich weiß, daß z.B. diesen Text hier sowieso niemand bis zum Ende liest.
Oha. Schon wieder scheint's verschobene Spiele in der Regionalliga gegeben zu haben. Herr Zwanziger sagt zwar gerade im Morgenmagazin, daß es nicht sicher sei, ob es sich um einen Wettskandal handele und daß Schiedsrichter wohl diesmal nicht betroffen seien. Dafür aber Spieler. Es könnte Tor-Absprachen gegeben haben. Der KICKER verweist auf Verdachtsmomente gegen den 1. FC Eschborn in der Regionalliga Süd.
Natürlich gruselt's da den St. Paulianer. Daß dadurch die Tabellensituation z.B. zu unseren Ungunsten verschoben werden könnte. Außerdem hockt man dann wie alle Fans von Regional-Liga-Vereinen derzeit da und bangt, daß ein eigener Spieler einbezogen sein könnte ... wobei mich das bei einem Aufstiegskandidaten doch wundern würde, ganz abgesehen davon, daß wir sowieso nur hochintegre Spieler haben ;-) ... Eschborn hingegen ist Letzter in der Regionalliga Süd und steht kruz vor der Eröffnung eines Insolvenzverfahrens.
Beim letzten Wettskandal gehörten wir ja auch zu den Gearschten, wurden nachweislich verpfiffen - während der HSV 2 Millionen zugeschanzt bekam, gab's bei uns keinerlei Entschädigungen. Dabei zeigt der HSV doch gerade wieder, daß er mit dem Geld gar nicht umgehen kann ... wir schon ... neuerdings zumindest wieder ... bezeichnend, daß wieder nur "Oha, und das kurz vor der WM!" kommentiert wird. Drittligisten gehen offensichtlich Kommentatoren am Arsch vorbei. Es sei denn, sie lassen sich in die David-Goliath-Erzählung einweben. Narrativer Standard. Und als Erlebnis ja doch schön ... soooo schön ....

Eines vorweg: Ich persönlich finde die Arctic Monkeys einigermaßen langweilig. Ganz nett, aber auch nicht allzu spektakulär. Aber das ist ja egal, was ich da finde. Habe sie auch nicht live gesehen, und der allseits diskutierte taz-Artikel über Musik-Blogs gefiel mir auch gut. Na, und der CD-Aufdruck oben ist eh super, weil in der Tat das Rauchen mittlerweile aktiver Widerstand geworden ist und auch mich die Sehnsüchte nach Volkserziehung und Volksgesundheit mal niederschmettern, mal machen sie mich aggressiv.
Aber nach Jahren des Gitarren-Bands-Hören setze ich jetzt wieder ganz auf Donna Summer, live 1999. Suche sogar die Lyrics von "On The Radio" im Netz, weil gestern inmitten eines angenehm verqualmten ICE-Waggons des Songs wundervolle Mischung aus Traurigkeit und Euphorie mich abgrundtief hinein ins Lied sog. Weil ich dannn innerlich einmal mehr Architektur tanzte und mich ganz auflöste in dieser so wundervollen Stimme, im geraden Disco-Beat, in dieser ultimativen Sehnsucht nach dem Mehr.
Ich versuchte dann, den Text zu verstehen. Verstand ihn aber nicht. Machte nix. Genoß dieses Feeling, so frei von aller Attitude. Frei von allem, was auch nur im entferntesten als sophisticated gelten könnte. Mich befiel diese wundervolle Zeitlosigkeit, die mich früher immer nachts um 4 in der "Wunderbar" erwischte, wenn Udo Jürgens' "Ich weiß, was ich will" aufgelegt wurde - dieser Schwebezustand des Sicheinlassens, diese so seltsame, emotionale Klarheit, die sich bei all den Gitarrenbands so richtig nur bei Mando Diao finden läßt.
Nachdem schon meine ganz und gar Disco- und House-sozialisierten Kollegen stolz verkünden, sie würden immer mehr Gitarrenmusik hören, kann ja irgendwas nicht stimmen. Vielleicht war Madonna ja doch visionär mit ihren Aerobic- und Dancefloor-Visionen?
Nun versuche man mal, einen Artikel über ein Donna-Summer-Live-Album von 1999 in irgendeinem Feuilleton ...
... unterzubringen. Keine Chance. Dabei behaupte ich jetzt einfach mal, daß aktuell in der allgemeinen musikalischen Heulsusigkeit schnoddrig-eitler Zottel-Sensibelchen mit Gitarre um den Hals, selbst in der gelackten und anzugtragenden Variante, weniger utopisches Potenzial steckt als in einem Donna Summer-Live-Album von 1999. Und begründe das noch nicht einmal, auch wenn ich's gestern in voller Intensität fühlte - im ICE, als ich mich über die Dicken im Sweat-Shirt, die bestimmt alle Wohnmobile fahren, und auch über die Typen im Anzug und die Öko-Frauen, die immer in Göttingen einsteigen und ewig so aussehen werden wie 1981 schon, einfach hinwegtranszendierte und sowas wie eine emotionale Utopie spürte.
So, und auch diese soeben verfaßten Zeilen biete man mal der FRANKFURTER RUNDSCHAU an, wo auch Klaus Walter gelegentlich schreibt. Keine Chance.
Klaus Walter, das ist, glaube ich, der, der auch "Der Ball ist rund" bei irgendeinem süddeutschen Sender moderiert, so steht's auch in DIE ZEIT, und der in der Spex immer auf Platz 1 bei den beliebtesten Radiosendungen landet. Mit dem habe ich kurioserweise ausgerechnet in Mainz, in irgendeinem alten Kastell zwischen Menschen, die sich exakt so gaben wie die bei beim Festival in Sulingen 1982 oder so, jenem Festival damals, bei dem auch Spliff auftraten, mal über Konstantin Wecker diskutiert. Daß ich Hannes Wader vehement verteidigte, verstand er, aber meine Vorliebe für Konstantin Wecker, da konnte er nicht folgen. Diese Aura des bayrischen Kraftpakets mochte er nicht, während die so unglaubliche Energie des Konstantin Wecker mich schon ungemein beeindruckt.
Genau da, bei diesem über die Jahrzehnte hinweg geretteten Alternativ-Festival, dessen Namen ich vergessen habe, habe ich auch Noah kennengelernt und freue mich heute noch darüber. Wir sind mit dem Zug zusammen zurück nach Hamburg gefahren, und ich habe erstmals Äppelwoi getrunken, seitdem allerdings auch nicht wieder. Den haben wir am Frankfurter Bahnhof noch feierlich gekauft. Das haben wir dann zelebriert in einem fast leeren Zug, meine Äpelwoi-Premiere. Initiationsriten sind ja wichtig.
Der oben erwähnte Klaus Walter nimmt in einem ziemlich tollen Text, heute einzulesen auf der Homepage von DIE ZEIT, die gängigen Erzählklischees im Pop-Feuilleton auseinander. Im Grunde genommen bringt er auf den Punkt, was den Blog vom Print - auch auch TV und Radio - unterscheidet: Daß hier im Netz nicht alles durchformatiert wird, daß nicht alles durch Integration in die ewiggleichen narrativen Muster nivelliert wird. Da wird ein Stück vom Traum der Postmoderne wahr - die Möglichkeit der Bruchstückhaftigkeit des Erzählens, die im besten Fall mit Stereotypen bricht.
Das ist nicht in allen Blogs so, das ist auch in meinem nur zum Teil so, das muß auch nicht genutzt werden - aber alleine, daß man's nutzen könnte, reicht schon. Dummerweise ist aktuell keine Möglichkeit weit und breit in Sicht, daß genau dieses auch Eingang in die "Mainstream-Medien" finden könnte, von ARTE und 3SAT einmal abgesehen. Die Feigheit und Anpassung ist allgegenwärtig, und ich gehöre ja auch zu denen, die da alltäglich mitmachen ... weil sonst eben die Miete auch nicht gezahlt werden kann und der Hund kein Futter bekäme. Das zu den Realisierungsmöglichkeiten von Freiheit im Kapitalismus - aber verglichen mit russischen Journalisten geht's uns ja noch gut. Der faktische Tod des Experimentierens in "Mainstream"-Medien ist dennoch ein kulturelles Desaster, das funktioniert nämlich so:
"(...) Nicht selten verkaufen Niedriglohnvielschreiber einer renommierten Tages- oder Wochenzeitung für besseres Geld die schlechtere Version eines Artikels, dessen bessere Version sie für schlechteres Geld an Intro, Musikexpress oder Spex verkaufen.
Kürzer, platter, schlechter ist die Feuilleton-Version, weil sie den Imperativen von easy reading, Formatierung und Serviceterror folgen muss. Danach darfst du die "general-interest-Abonnenten" nicht mit Insiderwissen überfordern, mit namedropping belasten, mit Anglizismen verprellen. Du darfst niemals Dinge voraussetzen ("Ich musste einmal fast zwei Drittel einer CD-Kritik nur damit verbringen, den Begriff Remix zu erklären", erzählt Pinky Rose in Popjournalismus). Du darfst ein Spezialistenthema nicht zu ausführlich vertiefen. Du darfst nie ohne gegebenen Anlass über etwas schreiben! Ein solcher Anlass ist ein neues Album, oder Buch, ein neuer Film. Oder ein lokaler, regionaler oder nationaler Bezug: die dritte Hamburger Schule, das neue deutsche Popwunder oder eine ominöse Swissness (komisches Wort, klingt verschwitzt). Und du darfst das Publikum nicht duzen. (...)"
Soweit auf den Punkt gebracht von Klaus Walter. Beim Rest des Artikels fehlt mir ein wenig eine favorisierte Richtung, das, was der Autor als Ausweg sich zumindest vorstellen könnte. Es wird sich über Neukonservative und die Papstbegeisterung völlig zu Recht ereifert, und Porschardts Forderung, wer auf Pop stehe, solle die FDP wählen, wird auf's Korn genommen. Und ein schöner Schlußsatz findet sich auf jeden Fall auch, bei dem ich nicht begriffen habe, ob's ein Zitat ist oder von ihm selbst stammt: "Wenn man Nonkonformismus entwickelt, sollte man wenigstens wissen, was der aktuelle Konformismus geschlagen hat." Den laß ich mal so stehen, den Satz. Und lege gleich wieder meine Donna Summer Live 1999 CD ein ...
Wenn man viel durch die Blogosphäre (oder was auch immer gerade der durch die Blog-Polizei erlaubte Begriff ist) surft und zudem noch im ICE nach Frankfurt den MERKUR liest, dann hat man ja manchmal den Eindruck, in ganz Deutschland hätten Linke, Islamisten und Neonazis schon längst den großen, antiamerikanischen Mob formiert, um unserem Abendland endgültig den Rest zu geben.
Halberstadt trotzt dem Mega-Trend und erweist sich als Spalter: Konstantin Wecker durfte dort ein Konzert gegen Neonazis nicht geben, weil die NPD mit aktiver Teilnahme drohte (via rebellmarkt und Statler & Waldorf, na sowas!)
Da ist's wohl an der Zeit ("Es ist an der Zeit", Wader, "Und auch Dich haben sie schon genauso belogen, wie sie's mit uns auch heute noch tun"), mal wieder Wecker und seine radikal-liberalen, völlig ironiefrei, Gesänge zu zitieren. Z.B. den hier, der mich vortrefflich durch die Pubertät leitete:
"Und keinem ist der Arm so lang
auch nicht der Obrigkeit
daß mir ein ehrlicher Gesang
im Halse stecken bleibt."
Oder auch der hier: "Du bist so häßlich, daß ich's kaum ertragen kann, mich stört Dein Lächeln und Dein Gang, mich stört die Art, wie Du mich ansiehst" - gut, eigentlich ein wirklich erschütterndes Beziehungsdrama als Lied, das wirklich unter die Haut geht, kann man aber auch ohne weiteres Halberstädter NPD-Funktionären und Stadtverordneten zusingen. Und der ewige Hoffnungsschimmer, in musikalische Form gegossen:
"Wenn der Sommer nicht mehr weit ist
und der Himmel ein Opal.
Weiß ich, daß das meine Zeit ist,
weil die Welt dann wieder breit ist
satt und ungeheuer fett".
Ist zwar völlig unpolitisch und nicht zum Thema passend, aber mit Abstand das schönste Lied von Wecker ... und das hier ist ja nur ein Blog.
Auch als stets nur nebenamtlich vor sich hin spekulierender Ex-Philosoph liegt man ja nicht immer voll daneben!
Betriebsräte sind gut für Unternehmen - sagt die Hans-Böckler-Stiftung, die hat's erforscht, und gepostet hat's das Hartz-Blog. Das korrespondiert ja in etwas mit dem, was ich hier geschrieben habe, Marian hatte in den Kommentaren auch schon eine solche Quelle gepostet - und das entspricht zudem mit meiner eigenen Berufserfahrung. Lesen und Weiterdenken, wie wirtschaften wirklich funktioniert, sag ich mal ...
"Können angeborene Unterschiede zwischen den Geschlechtern die Tatsache erklären, dass es in den »harten Wissenschaften« weniger Frauen gibt?"
Daß jemand, der offensichtlich sich aus lauter blindem Anrennen gegen die vermeindlich alle domierende Political Correctness zu solchen Stilblüten hinreißen läßt, nunmehr nicht mehr Harvard-Präsident ist, ist ja eigentlich was Gutes.
Nix da: DIE ZEIT - jener vom letzten Donnerstag, bin ein wenig spät dran - formuliert im einleitenden Text zu einem ganz spannenden Artikel über den erzwungenen Rücktritt vor allem den Vorwurf, daß Reformen in Harvard nun im Sande verlaufen würden. Dabei ist der ganze Artikel ...
ein einziger Beleg dafür, daß der Mann ganz offensichtlich unter chronischen Beurteilungsmängeln leidet - Zitat:
"Summers hatte eine gewaltige Vision. Allerdings kommunizierte er sie auf ganz eigene Art. Er machte seine persönliche Hackordnung der modernen Wissenschaften öffentlich und ließ verlauten, er halte Wirtschaftswissenschaftler für schlauer als Politologen und Soziologen."
Das ist wieder dieser seltsame, vom Gegenstand her denkende Intelligenzbegriff, der auch so oft in BLOGs sich findet (auch meinem, wenn's um SAP-Mitarbeiter geht): Wer meine Postionen nicht teilt, liegt nicht falsch, er ist einfach dumm.
Lese ja nun seit geraumer Zeit ein wenig rum in allerlei volkswirtschaftlichen Texten, zumeist nur an Oberfläche kratzend, und dennoch, wenn man Douglass C. North z.B. liest, fällt vor allem eines auf: Am fruchtbarsten sind immer jene Wirtschaftswissenschaftler, die sich auch Grundbegriffe der Politikwissenschaft und Soziologie produktiv aneignen.
Zudem z.B. Bentham und Adam Smith auch Moralphilosophen waren, und Max Weber, einer der Klassiker der Soziologie, hatte auch allerlei Sinnvolles zur Analyse wirtschaftlicher Zusammenhänge zu sagen, hieß doch eines seiner Hauptwerke "Wirtschaft & Gesellschaft". Und allzu häufig ist man als jemand mit einem Nebenfach-Abschluß in Soziologie doch erstaunt, wie strunznaiv und grundbegrifflich minderbemittelt mancher Text eines Wirtschaftswissenschaftlers ist, wenn er sich Gesellschaft und Kultur öffnet. Da ist doch Abhilfe nötig und nicht die Abschaffung der Nachhilfe
Beides nun gegeneinander auszuspielen, ist an sich schon ein Grund für erzwungene Rücktritte. Schlimm nur, daß die allseits diskutierten Vorgänge rund um die Unviersität Göttingen - kann man z.B. hier und hier z.B. lesen - im selben ideologiserten Paradigma der Universitätspolitik sich bewegen.
Insofern ist aber auch der einleitende Text im ZEIT-Artikel in der Tat ärgerlich. Weil hier wieder so getan wird, als seien Reformen als solche immer schon gut, einfach, weil's sie gibt. Als käm's nicht vielmehr darauf an, welche Reformen es sind ...

Den Kalauer kann ich mir einfach nicht verkneifen - warum ging der Oscar eigentlich nicht an ver.di?
Im Tractatus von Wittgenstein findet sich irgendwo ein Paragraph, der besagt, daß es Sätze gibt, die so allgemein sind, daß sie nichts mehr aussagen. Der folgende ist so einer: "An der Globalisierung kommt heute keiner mehr vorbei, das müssen auch die Gewerkschaften lernen."
"Die Globalisierung". Geht's noch unspezifischer? Dieses dämliche Wort ist zu einer Chiffre für so dermaßen viel Unsinn geworden, daß man's kaum noch aushält. Auf beiden Seiten: Sowohl bei jenen, die damit nun wirklich jede Schweinerei begründen wollen, als auch bei jenen, die eine solche unsinnige Abstraktion dann kritisieren wollen und dabei allzu häufig nur noch ängstlich ins Eckchen des Nationalen sich verkriechen.
Geäußert hat den Satz SAP-Mitbegründer Dietmar Hopp im SPON-Interview, und auch sonst gibt das erstaunlich wenig her. Außer, daß ...
... eine Möglichkeit, dieser Mega-Metapher noch Sinn abzugewinnen, dort am Rande erörtert wird: Daß SAP nun auch in China investieren will. Na, dann herzlichen Glückwunsch, einen Boykott durch demokratische Machenschaften braucht SAP dort in der Tat nicht zu fürchten. Herr Hopp selbst kann da wohl wenig für, ist er im von ihm gegründeten Unternehmen doch gar nicht mehr tätig. Was ihn nicht darin hinderte, bereits im Vorfeld der nunmehr gescheiterten Betriebsratgründung eigenwillige Vernunft-Konzepte zu verkünden:
" "Ein von der IG Metall gesteuerter Betriebsrat widerspräche jeder Vernunft und passt nicht zur SAP-Kultur", sagte er der "Wirtschaftswoche". Die Interessen der Belegschaft würden von den Arbeitnehmern im Aufsichtsrat "mit Augenmaß und ausgesprochen erfolgreich" vertreten, sagte Hopp weiter.Da die Arbeitnehmer-Aufsichtsräte bisher als Quasi-Betriebsrat agieren würden, "konnten wir eine lähmende Bürokratie vermeiden. Was ich wirklich fürchte, ist ein fremdgesteuerter Betriebsrat", wurde Hopp weiter zitiert" - das alles kann man nachlesen auf der Homepage des Manager-Magazins.
Da geht so allerlei querbeet in diesem Text-Auszug. Zum einen wird eine spezifische Unternehemenskultur behauptet, die offensichtlich zu deutschem Recht nicht paßt. Formal wohl sowas wie eine islamistische Parallelgesellschaft.
Dieser Vergleich ist zwar auch, aber nicht nur polemisch: Eine mögliche Kritik an potenziell vorhandenen Strukturen von Parallelgesellschaften - potenziell, weil ich nicht weiß, ob's die wirklich gibt - ist ja, daß dort Frauenrechte mißachtet würden. Eine Kultur, in denen Betriebsräte nicht passend scheinen, wäre eine solche, die faktisch Arbeitnehmerrechte mißachtet. Bei SAP mißachten sich die Arbeitnehmer aktuell sogar selbst, auch das soll unter muslimischen Frauen gelegentlich vorkommen, ist im Gegensatz zu SAP dort aber nicht generalisierbar.
Die Rhetorik des Herrn Hopp ist mir wohlvertraut: Gerade in börsennotierten Unternehmen gibt es ja die Sichtweise, zumeist ausschließlich auf Vorstandsseite, dort seien ja alle Unternehmer, weil sie Aktien des eigenen Unternehmens kaufen könnten. Was in der Realität lachhaft ist: Es gibt immer wenige Großaktionäre, die die Entscheidungen treffen, wirklich unternehmerisch handeln können die wenigsten, die Anteile am Unternhemen, in dem sie arbeiten, besitzen. Nur kaufen und verkaufen können sie.
Im obigen Text über Herrn Hopp wird aber auch eine Mitarbeitervertretung im Aufsichtsrat beschrieben, die als "Quasi-Betriebsrat" fungieren würde, und das ist ja was Feines. Kann mich jemand aufklären - ist dies eine dieser klar rechtlich abgesicherten Mitarbeitervertretungen, wie z.B. bei Opel und Karstadt sie sich auch fanden, solche, die die Hälfte des Aufsichtsrates durch Arbeitnehmervertreter besetzen, oder ist es ein freiwilliges, somit jederzeit entziehbares Zugeständnis der Unternehmensführung, oder existiert's, weil so viele SAP-Mitarbeiter zugleich auch im Besitz von Aktien sind?
Das ist die zentrale, weiterführende Frage, die sich auch aus den Diskussionen bei den Bissigen Liberalen - hier und hier - ergibt. Ich behaupte, daß rechtlich klar abgesicherte Instanzen, die Arbeitnehmerrechte vertreten, immer auch im Unternehmensinteresse sind. Sie wirken konfliktmindernd und vermittelnd, die Mitarbeiter agieren mutiger und nicht nur aus Angst heraus, und dann arbeiten sie in der Regel auch besser und motivierter.
Habe in der Diskussion bei den B.L.O.G.s z.B. darauf hingewiesen, daß eine nicht kleine Anzahl von aktuell agierenden Managern und deren Controller-Entourage völlig verlernt haben, prozessorientiert zu denken. Die controllen mit irgendwelchen BWL-Parametern dann so vor sich hin und behaupten fröhlich irgendwelche angeblich optimalen Relationen von Personal- und Produktionskosten, wasweißich, mehr als 30% Personalkosten seien ganz grundsätzlich zu viel - behaupten dieses jedoch häufig in völliger Unkenntnisse realer Produktionsprozesse.
Im Idealfall können Betriebsräte dafür sorgen, daß auch die realen Arbeitsprozesse in die betriebswirtschaftliche Betrachtung einbezogen werden. Sie könnten dazu beitragen, daß nicht nur der ganze betriebswirtschaftliche Verwaltungsapparat überdehnt und unnötig aufgebläht wird, während Produktionen personell ausbluten - das ist schon fast ein Gesetz, daß dies passiert in Unternehmen.
Viele Firmen gehen nicht wegen irgendwelcher Gewerkschaftsinterventionen pleite, sondern wegen éines zu pompösen Overheads, dessen Lieblingsbeschäftigung darin besteht, Budgets überbelastende virtuelle Kosten zu erfinden und Produktionen so lange zu "verschlanken", bis keiner mehr die Produkte kaufen will. Z.B. wird erstaunlich häufig in den ökonomischen Verwaltungsapparaten unbefristet eingestellt, in den Produktionsapparaten nur projektbezogen. Vielleicht wäre es umgekehrt doch effizienter? Betriebsräte sind zumindest idealerweise näher an der Basis, um dergleichen diagnostizieren zu können.
Das alles sei nur als Ausschnitt aus komplexen, betriebswirtschaftlichen Wirklichkeiten genannt, um dieses so seltsam defensive, das in den Kommentaren bei den B.L.O.G.s aufscheint, mal ins Konstruktive zu wenden.
Z.B. dieses Posting von Marian, der auch hier schon veröffentlich hat:
"Wir haben auf der einen Seite ein Unternehmen, das seinem Standort treu ist, soziale Verantwortung für seine Mitarbeiter übernimmt und diesen auch noch “gutes Geld für gute Arbeit” zahlt, so dass am Ende des Tages auch “Brot mit ordentlich Butter drauf’” da ist (um mal Münte-Slang zu verwenden) - ein Unternehmen also, das sich genau so verhält, wie es vor allem die SPD immer wieder fordert."
Das ist für mich genau das Grundübel der aktuellen Debatte, sorry, Marian. Fühle mich manchmal wie im Kaiserreich - diese merkwürdige Bittstellerei in der Grundhaltung in Richtung Unternehmen, die gerade auf SPD-Seite dann in's Beleidigte umkippt, wenn die Unternehmen nicht so freundlich sind, trotz Jahren des Sozialabbaus immer noch keine neuen Leute einzustellen.
Das ist eine Grundhaltung, die dann irgendwann wirklich beim Modell Rumänien landet, weil sie institutionelle Alternativen zum Bestehenden gar nicht mehr ins Auge faßt, sondern immer nur das Handeln Anderer bewertet. Das kann für mich nicht das Ziel sein.
In anderen Kommentaren geht's dann zumeist um Fälle von Kündigungen, in denen Betriebsräte eine in der Tat große Rolle spielen können - aber das ist zumeist so ein Gejammer, so ein angstbetontes "Wenn ich alt werde, dann hilft mir wenigstens noch der Betriebsrat!". Wird immer alles nur vom Ende her gedacht, die Frage, welche konstruktive Rolle Arbeitnehmervertretungen in Unternehmen spielen können, die behandelt kurioserweise nur Herr Hopp.
Dann gibt's noch Freiheitsfanatiker, die alles Demokratische sowieso als "Sauhaufenherrschaft" begreifen, das ist eine liberale Spielart, die wirklich unter Wilhelm Zwo lieber hätte leben sollen und mal schleunigst zu Putin auswandern sollte. Und dann noch Postings wie dieses hier:
"Bisher brauchten sie keinen Betriebsrat.
Und wenn sie künftig einen brauchen sollten, dann wird das mit hoher Wahrscheinlichkeit daher kommen, daß der Betriebsrat selber dafür gesorgt hat. So läuft das nämlich: Erst das Unternehmen ruinieren, und dann ganz stolz einen Sozialplan aushandeln."
Möchte ja gerne mal wissen, woher der Autor hier sein profundes Wissen nimmt. Nur mal Opel als Beispiel: Da ist das Fiasko u.a. auch entstanden, weil unter dem Banner der Gewinnmaximierung so viel in der Produktion gespart wurde, daß die Produktqualität ganz erheblich darunter litt. Parallel wurde zu wenig in die Entwicklung neuer Produkte investiert, so daß die Konkurrenz davon zog. Das alles ist freilich eine Implementierung von Finanzmarkt- und Börsenlogiken in die interne Organsationsweise von Betrieben, und genau das ruiniert ungleich mehr Unternehmen als die schlichte Existenz von Betriebsräten und Gewerkschaften.
Insofern, Conclusio: Viel wichtiger, als nun über das Für und Wieder von Betriebsräten zu diskutieren, ist doch die Frage, ob die aktuell ihnen zugesprochenen Befugnisse im Rahmen des Betriebsverfassungsgesetz noch die richtigen sind. Zustimmung bei Neu-Einstellungen und Kündigungen z.B. - das ist in der Tat ein Mehr an Bürokratie, bei dem man sich fragt, was es denn soll.
Die Nicht-Zustimmung im Falle von Kündigungen ist zwar vor Arbeitsgerichten von Vorteil, aber gibt es nicht Möglichkeiten, aus aktiven Arbeitnehmervertretungen einen Standortvorteil zu machen? Solange nur über Gehälter, Arbeitszeiten etc. debattiert wird und im wesentlichen in diesem Bereich Arbeitnehmerrechte verortet werden, tangiert das zwar die berühmte Binnennachfrage und ist insofern wichtig, aber ansonsten ist damit nun wirklich kein wirtschaftlicher Erfolg zu machen.
Wenn ich hingegen meinen Chefs die Logik des speziellen Teilmarktes, auf dem ich aquirierend tätig bin, erläutere, und aufgrund dieser Logik dann Umschichtungen in Budgets vorschlage, hört der mir ja auch zu, weil er 'n guter Chef ist. Das muß doch institutionalisierbar sein im Sinne rechtlicher Absicherung, um nicht nur dem Wohlwollen Anderer ausgesetzt zu sein oder zu hoffen, daß man auch so coole Chefs bekommt, wie der meine ist.
Ich bin der festen Überzeugung, daß, wenn man das mal weiterdenkt, hinten sehr viel produktivitätssteigerndes dabei rauskommt. Dann wird aus einer Machtkonstellation besten Fall ein beide Seiten motivierendes, gemeinschaftliches Handeln.
Ist zunächst nur angedacht, ich weiß. Aber wenn man sich Texte z.B. von Douglass C. North oder Amartya Sen so durchliest, immerhin beides Wirtschafts-Nobelpreisträger, dann beginnt man zu grübeln, ob in solche Richtungen nicht neue Wege linker Politik zu denken sind (haben bestimmt auch schon ganz viele so gemacht, in diese Richtung gedacht, ganz viele, die ich wieder nicht kenne, aber weder bei der Linkspartei noch bei der SPD noch bei den Gewerkschaften sehe ich irgendeinen Ansatz, der dem entspräche. Die bleiben bei der Frage stehen, was man von "Die Wirtschaft" fordern kann oder auch nicht. Bißchen wenig).
Wenn schon die Politik kaum noch gestalten kann, dann muß halt nachgedacht werden, wie man in konstruktiver Absicht die Demokratie in die Betriebe bringt. Da Staatswirtschaft keine Alternative sein kann, muß es eben anders geschehen - z.B. durch eine Neu-Definition von Betriebsräten und deren Befugnissen.
Und wie man dann jenseits von Aktiengesellschaften neue Beteiligungsformen an Unternehmen denken könnte, darüber grübel ich dann ein anderes Mal ...
Das ist sogar ganz informativ: Wer wird Revolutionär?
In der gestrigen taz findet sich ein ganz gut differenzierender Text von Robert Misk, dem ich zwar insbesondere hinsichtlich der "Kulturkampf"-Pointe nicht zustimme, sehr wohl jedoch hinsichtlich der Conclusio, daß ohne Respekt und Anerkennung eben gar nix läuft. Der Text ist eine Erwiederung auf das Manifest einiger Literaten zum Karrikaturenstreit.
Auch zum unten von mir diskutierten Begriff des Totalitarismus findet sich dort Sinnvolles:
"Wir haben allen Grund, mit dem Wort ,totalitär' sparsam und vorsichtig umzugehen", schrieb schon Hannah Arendt in ihrer berühmten Studie "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft". Arendt unterscheidet zunächst totalitäre Herrschaft von totalitären Bewegungen. Der Begriff totalitärer Herrschaft ist für den Islamismus aus naheliegenden Gründen völlig unbrauchbar. In Iran haben islamistische Hardliner wichtige Machtpositionen, aber gewiss nicht die Gesellschaft unter jener Kontrolle, die totalitäre Herrschaft auszeichnet. Allenfalls wäre der Fall Saudi-Arabien diskutabel. Aber darum geht es ja offenbar nicht zentral.
So tut in diesem Kontext nur der Begriff der "totalitären Bewegung" etwas zur Sache. Tatsächlich weisen die islamistischen Kernmilieus einige Charakteristika auf, die totalitäre Massenbewegungen im 20. Jahrhundert kennzeichneten. Der US-Autor Paul Berman hat die Ähnlichkeiten herausgearbeitet: Hass auf den Liberalismus, Hass auf den Westen, Antisemitismus, Todeskult, die Idee eines reinigenden Amargeddons, einer apokalyptischen Säuberung, nach der die neue Welt und der neue Mensch erst erstehen können; der Gestus moralischer Strenge, und die, wenn auch leicht wahnhafte, Vorstellung einer Ursprünglichkeit, die es wieder herzustellen gelte, wenngleich mit modernen Mitteln. Die dschihadistischen Organisationen konstruieren eine Wahn- und Parallelwelt, in die sich ihre Anhänger verpuppen und für die gilt, was Arendt so beschrieb: Ist der Rahmen intakt, dann "ist das fanatisierte Mitglied weder von Erfahrung noch von Argumenten zu erreichen". Ihre Logik lautet: "den Gegner morden, anstatt ihn zu widerlegen, diejenigen, welche nicht bei ihnen organisiert waren, terrorisieren, anstatt sie zu überzeugen".
Ich behaupte dennoch weiterhin, daß auch Denken, das geschlossene Weltbilder ...
... produziert, in sich totalitär im Sinne totalisierenden Denkens ist. Der kritische Weg allein ist noch offen, so ungefähr hat's Kant behauptet, und ich stimme dem uneingeschränkt zu.
Insofern sei jedem die im letzten Jahr bei Reclam Leipzig erschienene Einführung in das Denken Kants von Herbert Schnädelbach empfohlen. Alleine die Einleitung rückt so vieles zurecht, was in derzeitigen Debatten umzukippen droht und ist nicht nur für Philosophen relevant. Schnädelbach deutet Kant als den Philosophen der Moderne, und zwar im folgenden Sinne:
"Wir können heute relativ unumstritten drei Strukturmerkmale angeben, die moderne Kulturen kennzeichnen: vollständige Reflexivität, Profanität und Pluralität (...) Vollständig reflexiv sind Kulturen, wenn sie bei ihrer Selbstinterpretation nicht länger auf etwas beziehen können, was Kultur und damit menschlicher Verfügung entzogen wäre - seien es Dämonen, Götter oder "die" Natur." (S.9)
Und diese menschliche Verfügung, bei Kant konzipiert als vernünftige Selbstständigkeit, könne immer nur als a.) unabhängig von der "Macht der Traditionen und Autoritäten" denkmöglich sein und b.) als Selbstkritik der Grundlagen der eigenen Vernünftigkeit gedacht werden. Es ist dies immer eine Explikation des Descarteschen, methodischen Zweifels.
"Moderne Kulturen sind zugleich profane Kulturen. Profan ist das Weltliche, das was im Vorhof des Heiligen verbleibt, und dies ist bei den Prinzipien kultureller Moderne wirklich der Fall. Hier ist die politische Macht nicht mehr von Gottes Gnaden, sie geht vom Volke aus. Das Rechtssystem vollstreckt nicht länger göttliche Gebote, sondern von Menschen gesetztes Recht." (S. 11)
"Vollständige Reflexivität einer Kultur bedeutet aber nicht nur Profanität, sondern auch Pluralität. Wenn Kulturen sich erst einmal als Lebenszusammenhänge begriffen haben, die ohne göttliche Offenbarung und Weisung auskommen müssen, bleibt ihnen nichts als anderes übrig, als ihre Weltdeutungen und Handlungsnormen selbst zu erfinden und zu verantworten; die aber sind notwendig umstritten, denn es sind ja immer viele, die sich daran beteiligen wollen. Moderne Kulturen sind darum Kulturen ohne eine "natürliche" oder gottgewollte Mitte, die menschlicher Verfügung entzogen wäre; in diesem Sinne sind sie dezentriert, und sie erhalten sich nur im Zusammenspiel und häufig genug im Konflikt der verschiedenen kulturellen Mächte und Instanzen." (S.13)
"Daß moderne Kulturen kein Zentrum mehr aufweisen, von dem her alle Teilbereiche gesteuert werden könnten, wird seit ihrer Entstehung als "Entzweiung", "Entfremdung" oder "Verlust der Mitte" beklagt; in unserer Tradition war hier vor allem Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) der Wortführer. So wurde er zum Stammvater der deutschen Romantik und ihrer Träume von Ganzheit und Versöhnung, die bis in unsere Gegenwart fortdauern. Dabei ist die Romantik selbst ein modernes Phänomen. Sie setzt die Erfahrung der Modernität voraus; sie leugnet sie nicht einfach, möchte sie aber hinter sich lassen." (S.14)
"Inzwischen sollten uns spätestens die Erfahrungen des Totalitarismus von jenen romantischen Ganzheitssehnsüchten geheilt haben (...).Wir haben gelernt, dass es die Pluralität, ja sogar die Gegensätzlichkeit der Prinzipien ist, die in der modernen Kultur unsere Freiheiten garantiert; und die Vorstellung, sie müssten sich samt und sonders aus einem einzigen Superprinzip ableiten lassen, das womöglich noch der politischen Macht verwaltet wird, sollte uns schrecken. In der modernen Kultur mit ihrer Pluralität der Prinzipien besteht unsere Freiheit in einer Pluralität von Freiheiten; diese gründen selbst in in einer Reihe fundamentaler Unterscheidungen, die in ihrer Gegensätzlichkeit die Modernität unserer Kultur ausmachen." (S. 15) Die da sind: Wissenschaft, Moral, Politik etc., Luhmann hat sie dann als "soziale Systeme" gedacht.
Ich hoffe mal, daß Herbert Schnädelbach mir diese langen Zitate verzeiht, sie sind nicht als Urheberrechtsverletzung intendiert, sondern sollen vielmehr auffordern, das Buch zu kaufen - der Autor ist auf jeden Fall der Lehrer, von dem am allermeisten ich lernte ich meinem Leben.
Klar ist ja sowieso, daß Gottesstaat-Fantasien nun in einem kaum zu übertreffenden, krassen Gegensatz zur so charakterisierten, modernen Kultur stehen. Meine Ansicht nach stellen sie jedoch die extremste Form "romantischen" Denkens dar, sind immer schon Reaktionen auf die hohen Ansprüche der Modernität für's Individuum (das war das große Thema des frühen Sartre). Weniger extrem und doch antimodern und im oben genannten Sinne romantisch sind Lammertsche Leitkultur-Fantasien, und fast so extrem war der Nationalismus des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, der auch ganz klar ein Reflex auf die Modernisierung und die "Entzauberung der Welt" (Max Weber) war und in zwei Weltkriege mündete.
Modernes Denken, moderne Politik sind ohne das ganze, von Kant eröffnete Feld nicht zu haben.
Und wer "Freiheit" wie ein neues Superprinzip behandelt, wie eine (ha!) "neue Mitte", muß verdammt aufpassen, nicht prä- oder antimodern zu werden. Ohne Selbstreflexion ist sie nicht zu haben, weil diese Freiheit ist.
Ohne Pluralität ebensowenig, weil diese immer das Resultat von Freiheit ist, und wer Freiheit als eine Art positive Wertsetzung begreift, hat überhaupt nicht verstanden, wie Freiheit sinnvoll gedacht werden kann.
Wertsetzungen setzen Freiheit voraus. Und auf Gott als Handlungsgrund muß man schon verzichten können, will man denn frei sein, Herr Bush, und insofern ist's unsinnig, daß viele auch nur entfernte Sympathisanten der Islamisten glauben, dieser könne ein "Befreiungskampf" gegen US-Imperialismus sein - kann er nicht, weil Freiheit nur als moderne Freiheit zu haben ist, sonst ist sie keine. Und wer allein den Markt als Ort der Freiheit begreift, bleibt nicht minder unterkomplex. Damit jetzt auch ja wieder alle ihr Fett abbekommen ... Gruß an Rayson!

Streicher-Schmelz und rauchige Bläser, und diese Stimme, die so karg in Tiefen wühlt ... "Deine Augen folgen mir/ irgendetwas denkst Du Dir./ Sind es Wünsche/ ist es mehr?/ Was auch immer in Dir vorgeht/ freut mich sehr!/ Illusionen Illusionen, sind das schönste auf der Welt", und die Piroschka-Geige im Hintergrund singt wie ein Nachhall von Zarah Leanders Puszta-Träumen und hält so die Erinnerung an Sinti und Roma, somit die Wurzel all unserer Folklore wach ... und zugleich jene an Zeiten, in denen die Leander ihre Puszta-Träume aufnahm und was da mit Sinti und Roma geschah.
Eine großartige Compilation, auf die das Cover dort oben verweist. 5 Jahrzehnte Hildegard Knef, in einer CD-Box verstaut mit dem Titel "Ich bin den weiten Weg gegangen". Dachte immer, ich ...
... würde alles von dieser gebrochenen Heldin, dieser unerreichten Grand Dame des deutschen Chansons, von dieser Über-Persönlichkeit, dieser so und durch sie-selbst-seienden Jahrhundert-Künstlerin kennen. Hier um mich herum stapeln sich Vinyl und CDs von der Knef. Seit 1980 oder so hat diese Stimme mir Wege gewiesen, mich getröstet, mir Mut gemacht, mich inspiriert und mich entspannt. Jüngst wurde sie mal wieder gefeiert, man muß sie jedoch hören, möglichst ganz alleine ihr lauschen, wie sie modelliert und Texte erforscht und noch im Intonieren jeder Silbe die Einheit von Nachdenklichkeit, unendlicher Tiefe des Gefühls und ironischer Distanz sucht. Das kann wohl sonst nur die Hoger, wenn sie Gedichte liest, und sonst niemand mehr.
Der Begriff Diva traf auf die Knef nie wirklich zu. Sie war kein mythisches Wesen, sie war ganz Mensch und hatte schwer daran zu tragen. Sie eckte an und inszenierte ihre Schwächen so konsequent, daß angesichts dieser vortrefflichen Kompensationsleistung die Dietrich wie eine flache Werbetafel ihrer selbst nur noch erschien. Andere Diven leben von der Pose, die Knef hat diese dekonstruiert ...
Gerade die Zusammenstellung der 50er Jahre in der CD-Box, lauter Entdeckungen. Und ein Eintauchen in die Zeit, von der die ARD jüngst behauptete, da wären "wir" geworden, was "wir" sind. Blödsinn! "Uns" gab's schließlich vorher schon ...
Bei der Zusammenstellung alter Schellack-Aufnahmen ist nicht nur dieses wundervolle, allerdings außerordentlich prä-emanzipatorische ""Without love" mit dabei, das "The Neff" als erster, deutscher Nachkriegsstar am Broadway sang. Cole Porter hat es ihr auf den Leib geschrieben, und sie wurde, ich glaube von "LIFE", zum ausdrucksvollsten Gesicht des Jahres, irgendeines Jahres in den 50ern, gekürt.
Auch in Frankreich veröffentlichte Singles sind nun auf CD gebrannt, und da erstehen sie auf, diese Bilder aus den 50ern, als meiner Mutter noch glauben gemacht wurde, Kinder bekäme man vom Küssen. Als sie auf dem Schulhof dann von irgendeinem Bengel geknutscht wurde, da starb sie fast aus Angst vor der "Schande". Habe sie irgendwann gefargt, ob's denn irgendein relevantes Nachtleben gegeben hätte, damals in ihrer Jugend. Mein Vater hätte sie irgendwann mal mit in eine Bar genommen, sagte sie dann. Da war sie so um die 20. Kurz darauf wurden ihr Kinder gemacht, und mein Vater machte Karriere.
Die Knef saß derweil mit Tyrone Power in New Yorker Schwulenbars. Beschreibt dies in "Der geschenkte Gaul", ihrer Autobiographie, einem vorausahnenden Gegenentwurf zum großen "Dresden-Drama" im ZDF. In expressiver Sprache beschreibt sie die Kriegswirren, als die rote Armee in Berlin einmarschierte und sie sich als Mann, als Soldat, verkleidete, um der Vergewaltigung zu entgehen. Und vieles Schreckliche mehr. Ohne sich dadurch reingewaschen zu fühlen von der Schuld der Deutschen, ganz ohne erleichtert durch die Katharsis dann in Reinheit aufzuerstehen, wie's Dresden-Drama das Kriegsende zeigt, wohl gegen die eigene Intention. Die Knef hat stattdessen kurze Zeit später "Die Mörder sind unter uns" gedreht, den ersten, bedeutenden Nachkriegsfilm. Eine Herangehensweise an's Kino, die kurz darauf von den Heimatfilmen einerseits, "Ernst-Thälmann - Sohn seiner Klasse"-Monumentalfilmen andererseits in die Vergessenheit geschwemmt wurde. Und die Knef, auch die geriet baldigst in Verruf durch 10 Sekunden Barbusigkeit in "Die Sünderin".
Man spürt sie, diese erdrückende Prüderie der 50er, wenn man die alten Knef-Aufnahmen hört. Weil sie durch pure, stimmliche Präsenz das Süßliche der frühen Romy Schneider, dieses debile Mädchenlachen der frühen Schell hinwegsingt, ganz Vollweib und sich doch Geschlechter-Stereotypen entziehend. Wie sie sich fast tot lacht über die Welt. "Du bist sonderbar" wird sie von Männerstimme mit französischem Akzent angesungen auf der CD. Man hört das Wissen um's Unzeitgemäße in dieser rauchigen Stimme, die so quer zu der überragenden Kunst einer Catarina Valente stehend 'nen tiefen Schluck Jazzkeller und Existenzialismus zu sich nahm und dann loslegte. Eine Frau, die wohl gerade deshalb neben Gregory Peck und Ava Gardner spielen durfte und selbst in diesem Film, "Schnee am Kilemanjaro", trotz traumhaft schönem Körper, der Swimming Pools entsteigt, stimmlos gegen jeden Glamour singt, indem sie ihn inzeniert, dann auch gleich sabottiert, ihn lustvoll umspielend ihn in Schutt und Asche legt, während sie eine Gräfin spielt.Auch eine Version von "My heart belongs to Daddy" ist auf der Compilation, 2 Jahre, bevor die Monroe es sang. Die Monroe mythisiert Mädchenhafthaftigkeit. Die Knef ist ganz Frau und grinst und sehnt zugleich den Song an die Wand. Dehnt die Silben sirenenhaft ins Rotzige und Ordinäre und bringt die Päderastenhymne so in Zwielicht des Rotlichts zurück, wo sie hingehört.
Drei Mal durfte ich sie treffen. Zwei Mal in Schmidt's Tivoli. Damals noch begeisterter Philosophie-Student und nicht minder begeistert in Behindertenarbeit vertieft, damals noch mit Knackarsch, den ich in weiße Jeans dann preßte, um auf Männerfang im "Camelot" zu gehen. Ein Freund von mir arbeitete im Theater auf der Reeperbahn, und die Knef war zur Schmidt-Show geladen.
Sie hatte gerade mit Extrabreit das Remake von "Für mich soll's rote Rosen regnen" aufgenommen, und mein Kumpel sprach mich an, ob ich nicht als ihr persönlicher Betreuer fungieren wolle. Klar wollte ich. '91, '92 muß das gewesen sein, und sie hatte diese so unglaubliche Aura, ganz Knef halt. Alle gingen ein wenig mit ihr um, als sei sie schon längst grenzdebil - war sie nicht, kein Stück, mitten hinein in dümmliche Erklärungen von Selbstverständlichkeiten drang messerscharf ihre Stimme "Hab' ich verstanden. Bin ja auch nicht ganz neu"; und der Saal schwieg.
Sie hatte Angst davor, von Autogrammjägern bedrängt zu werden. So war's dann wirklich ein Erlebnis, mit einer sich an meinen Arm klammernden und sich zugleich hinter mir versteckenden Knef so schnell als möglich durch's Bistro von Schmidt's Tivoli zu hasten, um sie ins Taxi zu geleiten ...
Ein weiteres Mal noch durfte ich sie bei einer Schmidt-Show bewirten. Jahre später begegnete ich ihr in ihrer Berliner Wohnung, ein halbes Jahr, bevor sie starb, muß das gewesen sein. Ihr Mann erkannte mich sogar wieder, ein ungemein würdevoller und warmherziger Mensch. Ein Fernseh-Interview war's, und ich betrat die weitläufige Wohnung mit Kamera-Team. Hildegard Knef saß mit Bademantel und Lockenwicklern auf dem Sofa und ließ die Maske gewähren. Selten hat mich etwas so beeindruckt wie dieser so souveräne Umgang miit dem eigenen Altern, den sie an den Tag legte. Sie sah keine Notwendigkeit, sich im "Naturzustand" vor Kamerateams zu verstecken. Sie war die Selbstverständlichkeit in Person.
Wir haben das natürlich nicht gedreht, haben die Maske abgewartet und schön eingeleuchtet - und mir gegenüber saß ein Mensch, der ganz von Wärme und Weisheit und auch einem tiefen Stolz auf die eigene Biographie erfüllt war. Sie strahlte eine unglaubliche Ruhe aus, wich mit beeindruckender Eleganz Fragen aus, die sie nicht beantworten wollte, und strahlte doch ganz tief von innen, wenn Fragen nach Jazz, nach Cole Porter, auch nach Till Brönner ihr so unglaubliches, so überragendes, so einzigartiges Leben und Schaffen in vollem Glanz entfalteten. Ich ließ mir sogar - mache ich sonst nie - ein Autogramm geben, das steht jetzt auf meinem Regal, "Mit Dank - Hildegard Knef". Als sie starb, war ich todtraurig und sehr, sehr dankbar, daß dieses Erlebnis mir noch zuteil wurde.
Und warum jetzt hier dieses Promi-Geschichtchen? Weil ich hier gerade die 50er-Jahre-Aufnahmen dieser so endlos faszinierenden Künstlerin höre. Weil mich das an die 50er in Deutschland denken läßt. Und weil die Knef immer schon ein Gegenentwurf zum Adenauer-Deutschland war und paradoxerweise doch ein Beleg dafür, daß die kulturelle Amerikanisierung schon ziemlich klasse und notwendig war, Adorno zum Trotz. Und weil die Knef uns trotzdem bis heute vormacht, wie man im Rahmen des Hollywoodesken und des Pop dennoch Individualität bewahrt und zudem den Geist der Bohéme, der Literatenkultur der 20er Jahre, atmen kann. Deshalb war sie eine Vorhut des kulturellen Wandels, der um '68 uns dann ein zweites Mal befreite. Auch das spürt man ihren Chansons an: Eine Sehnsucht nach dem, was in '68 als Datum sich bündelte ... sei's Beat, sei's "Make Love, not war", sei's Can oder Dutschke. Denn erst da wurden wir, was wir sind. Die Knef war's vorher schon.
Erich Mühsam, die rechte Sau! Tucholsky, der Nazi! Toller, der Faschist!
Bei den selbsternannten "Freunden der offenen Gesellschaft" schließen sich mal wieder narzißtische Kreise: Wer zu oft in den Spiegel glotzt, der erkennt sich offensichtlich selbst nicht mehr wieder.
Sie verlinken (eigentlich ja ein Tabuwort für jene, ver"linken", komisch, daß die scheinliberale Begriffspolizei da noch nicht eingeschritten ist) einen hier en detail nicht zu kritiserenden, weil viel zu komplexen Text, obwohl's da viel zu kritisieren gäbe.
In diesem Text steht unter anderem folgendes: "Der "Hauptfeind steht nicht mehr im eigenen Land, er hat vielmehr globale Dimensionen angenommen." Damit sind alle Widersprüche auf einen reduziert und nach außen verlagert." Na,wen meinen sie da wohl?
Die "Achse des Guten"? George W. Bush? Microsoft? Nee, natürlich meinen sie die Gleichung links=rechts=islamistisch. Und wer die US-Außenpolitik kritisiert, ist automatisch auch gleich Antisemit. Und eigentlich waren ja Kommunismus und Nationalsozialismus im Kern antiamerikanischer Anti-Imperialismus, natürlich schon damals gegen den heutigen Westen gerichtet. Und eigentlich haben die ja immer schon gebündelt.
Was für eine Propaganda-Sauce. Im Grunde genommen ziehen die ihren ganzen Pro-Amerikanismus aus dem, wogegen sie sind. Dann wird ein Gebräu angerührt, in dem alle anderen außer ihnen selbst Nazis sind. Genau das hat ja schon an vielen Altlinken unendlich genervt, diese denunziatorische Rhetorik.
Das Thema als solches ist ohne Zweifel wichtig, natürlich hat die aktuelle Rechte bis Neonazi-Szene sich linke Antiglobalisierungs-Rhetorik und Kapitalismuskritik einverleibt, und natürlich hat die Nazi-Ideologie damals sich auch Teile "linker" Denkweisen angeeignet, sonst hätte er sich ja nicht National"sozialismus" genannt. Natürlich war Teil, vielleicht Kern dessen auch antiliberales Denken, und natürlich war ein wesentliches Element des Antisemitismus immer auch die Hetze gegen den "Börsenjuden" und den "westlichen Krämerseelengeist".
Mit all dem wird man aber die Differenzierungen nicht los. Dieses ganze "Mit Popper gegen Popper denken" geht mir doch schwer auf die Nerven.
Weil:
1.) Sowohl der Leninismus als auch der Nationalsozialismus ja selbst sowas von imperialistisch waren, das ist ja historisch allzu offenkundig. Daß Wegbereiter des nationalsozialistischen Imperialismus wie der "Alldeutsche Verband", der "Flottenverein" oder "Ostmarkenverband", alles antisemtisch durchsetzte Organisationen, die vehement für einen in sich selbst begründeten Imperialismus fochten ("Volk braucht Raum", "Überlegenheit der deutsche Rasse/Kultur", "Platz an der Sonne") nun aber sowas von dezidiert gegen wirklich alle denkbaren Formen des linken Denkens wetterten, daß SA und Kommunisten in der Weimarer Republik sich nicht nur auf den Straßen von Berlin die Fresse einschlugen, daß gerade linke, jüdische Intellektuelle wie Erich Mühsam die ersten waren, die in KZs wie Oranienburg gefoltert und massakriert wurden, das und noch viel mehr wird man dadurch nicht los. Die "Nationalbolschewiken" waren doch nur eine Splittergruppe. Ebenso gab es neben den Kommunisten noch allerlei andere linke Kräfte. Die USPD gegen Ende leider nicht mehr, ich erinnere jedoch exemplarisch an den kurz vor '33 unter anderem von Erich Kästner unterzeichneten Aufruf für das Zusammengehen der sich spinnefeind seienden SPD und KPD, um die Nazis zu verhindern.
2.) Zum Antisemitismus hat sehr vieles beigetragen hat, eben auch und insbesondere eine rassistisch gewendete Kulturtheorie, die sich z.B. bei Mark Steyn und seinen demographisch untermauerten, kulturellen Überwucherungsfantasien dann implizit und vielleicht sogar ungewollt wieder findet. Diese ganze Denkbewegung von Gobineau bis Hitler kann man auch nicht einfach so in die Tonne treten. Da stimmen mir ja zum Glück genug im Gegensatz zur FDGO wirklich Liberale uneingeschränkt zu. Daß genau gegen diesen Denk-Dreck viele Liberale in der Realhistorie anstanken, das macht sie mir ja so sympathisch.
3.) Die Rolle von so richtigen "Kapitalisten" und die Interessen "des Kapitals" im Falle des Nationalsozialismus kann man nun auch nicht mal eben wegdiskutieren, indem man Bushs "Achse des Guten" in die Realhistorie rückprojiziert und dessen Weltbeglückungsrhetorik auch noch glaubt.
All das sind jetzt nur ein paar wenige der unzähligen Differenzierungen, die man vornehmen müßte, wenn man sich mit dergleichen beschäftigt. Von richtigen Historikern kann man ja lernen, daß der zu große Denkbogen durch realhistorische Quellen in der Regel nicht mehr gedeckt ist. Die sind sehr, sehr viel vorsichtiger. Weil sie Empiriker sind. Für was stand Popper noch? War das nicht eine Reformulierung des Empirismus?
Wenn man den Begriff des Totalitarismus sich mal vergegenwärtigt, mit dem Demagogen wie die FDGO wahllos um sich schmeißen, dann macht dieser doch nur Sinn, wenn man ihn auf in politische Praxis gewendetes, totalisierendes Denken anwendet. So habe ich Hannah Arendt zumindest immer verstanden, deshalb hat sie ja die selbst nicht an Prinzipien orientierte Urteilskraft Kants als politische Philosophie zu denken versucht. Die kantische Urteilskraft ist nicht totalisierbar.
Das Gegenteil totalitären, also totalisierenden Denkens im oben genannten Sinne ist das Kritische Denken.
Dazu zähle ich auch Popper, Marx nur zum Teil, weil Marx mit Hegel - Popper hat darüber geschrieben - eben totalisierende Gesamtdeutungen im Sinne einer "großen Erzählung" einer dialektisch dynamisierten Variante von DIE GESCHICHTE versuchte. Genau die taucht bei den Verfechtern des globalen "Sieges" des Kapitalismus übrigens wieder auf.
Marx' Kritik am real-exitistierenden Kapitalismus bleibt davon zunächst unberührt, die können Volkswirtschaftler, am Konkreten orientiert, dann zurückweisen oder auch nicht. Auch die Adorno/Horkheimer-Variante der Kritischen Theorie totalisiert aber sowas von offenkundig, aber wenigstens in kritischer Absicht - Ziel ja ein "raus aus dem Totalisieren" (das ist meines Wissen bei Marx anders, bei Lenin sowieso). Daß es kein wahres Leben im Falschen gäbe, machte das Erreichen des Ziels dann aber vorsichtshalber auch gleich fast unmöglich. Fast, weil's ja noch Kunst gibt und negative Dialektik gäbe.
Wer, wie die FDGO, nun selbst alles, wirklich alles auf einen konstruierten "Der Westen - alle anderen"-Gegensatz bezieht und die Kritik der eigenen Prämissen nicht in die Weltdeutung einbezieht (kritisches Denken ist prinzipiell immer auf sich selbst auch anzuwenden, sonst ist es keines, deshalb ist ja Kant das unerreichte Vorbild, weil dessen Denken eben eine Selbstkritik der Vernunft ist , und in dieser Tradition steht auch Popper), totalisiert selbst und ist somit in der Tat in einem totalitären Diskurs unterwegs.
Und das Zitat oben - "Der "Hauptfeind steht nicht mehr im eigenen Land, er hat vielmehr globale Dimensionen angenommen." Damit sind alle Widersprüche auf einen reduziert und nach außen verlagert" trifft vor allem auf die FDGO selbst zu. Ich plädiere für eine Umbennung der Internet-Präsenz dieses neu-totalitären Denkens. Auf Popper können die sich wirklich nicht berufen ... wat bin ich froh, daß es all die anderen liberalen Seiten im Netz gibt, die mir täglich auf's neue beweisen, daß der Liberalismus ansonsten nicht als Totalitarismus auftritt. Das wäre aber ja sowieso eine totalisierende Behauptung und somit unzulässig ...
Es soll ja Leute geben, die Demokratie eh als eine Art notwendiges Übel betrachten. Übel deshalb, weil eine Mehrheit über eine Minderheit bestimme und deren individuelle Freiheit einschränken würde.
Mit solchen Prämissen gewinnt man freilich noch nicht einmal ein Fußballspiel. Nicht umsonst war ja Tennis dann auch der Trend-Sport in den Reagan-Thatcher-80ern. Aber schon beim Doppel wird's richtig schwierig, das Prinzip der individuellen Freiheit. "Diese Mitspieler-Schwein zwingt mich zurück an die Grundlinie" !
Daß übrigens sogenannter Fun-Sport in den 90ern so zog, auch das kein Zufall: Da galt ja dies "Spaß in der Masse" als zeitgemäß, da unterwarf sich der Mensch den Gesetzen des Marketings, indem er an "Eventkultur" sich assimilierte. Mit anderen fuhr man Skateboard oder Snowboat und setzte dabei ganz auf onanistische Lust und Spaß. Verglichen mit Tennis schon mal ein Fortschritt, und trotzdem war's Gruppenwixen statt Sex ...
Zurück zum Thema: Liberales Denken hat ja, zuende gedacht, so einen seltsamen Hang zum Verbot. Dem Verbot gesetzlicher Regelungen zum Beispiel, die Interessenvertretungen ökonomisch ....
... Schwächerer auch rechtlich abzusichern. So z.B. heute mein geschätzter Diskussionspartner Rayson - der empört sich darüber, daß Arbeitnehmer sich prinzipiell organisieren dürfen. Betriebsräte gründen, z.B. So steht's nämlich im Betriebsverfassungsgesetz. Konkret zitiert er den Fall SAP, wo die IG-Metall notfalls auch ohne die Arbeitnehmer einen Betriebsrat installieren wollen könnte. Aktuell erwägt die den Gang vor's Arbeitsgericht. Obwohl sich die Belegschaft mit eindeutigen 90% gegen die Betriebsratsgründung aussprach. Gefundenes Fressen, so ein Fall. Dann findet der Hayek-Liberale Demokratie auf einmal gar nicht mehr übel, sondern super.
Schön doof von der SAP-Belegschaft, den Henkels zu glauben, möchte ich erwiedern. Stockholm-Syndrom? Identifikation mit dem Aggressor?
Die Propaganda hat gewirkt. Gewerkschaften, Betriebsräte, alles angeblich unfreies Apparatschiktum. Alles kleine Honeckers. Darum bitte ich die liberalen Genossen hiermit, mit ähnlicher Vehemenz die Abschaffung des BDI zu fordern, z.B.. Auch ein öffentliches Auftrittsverbot für Herrn Hundt. Schon sowas wie eine organisierte Börse auf klarer, rechtlicher Basis mit nicht minder klaren, rechtlichen Regeln schränkt doch nur ein! Weg damit!
"Aber da machen die doch frewillig mit, die Börsianer und die Chefs", wird dann zumeist geantwortet. Ja, und daß Arbeitnehmer heute schon so abgrundtief dämlich sind, nicht zu begreifen, daß Gewerkschaften und Betriebsräte auch dem rationalen Nutzenkalkül folgend schlicht Arbeitnehmerinteressen organsieren, das macht mich völlig fertig.
Da sollten auch mal wieder alle freiwillig mitmachen. Daß sie's nicht tun, weil's irgendwie "uncool" wirkt, das ist ein gesellschaftliches Drama. Kein Wunder, daß die Gewerkschaften derzeit so seltsam operieren, wenn die guten Leute, die dort neue Realitäten einbringen könnten, diesem seifigen Gerede der "Flexibilisierer" folgen und dann abends einsam in's Kissen heulen, weil sie nicht wissen, wie sie sich gegen ihren jähzornigen und willkürlichen Chef wehren sollen und auch noch glauben, diese Form der Unterwerfung sein so eine Art Naturrecht ...
Dabei war's doch eigentlich Trend bei den Macht- und Kapitalstruktur-Zementierern, die immer Flexibilsierung predigen und glauben, Gewerkschaften würden dem im Wege stehen, neuerdings Betriebsräte ganz toll zu finden. Die CDU z.B. sagt sowas. Weil angeblich betriebliche Bündnisse, zu denen man Betriebsräte braucht, ja so viel effizienter seien als Gewerkschaften. Faktisch ist das ein Primat der Betriebswirtschaft vor der Volkswirtschaft.
Klar, die Betriebsräte kann man besser erpressen. Atomisiere und herrsche, sach ich mal.
Als in unserer Firma ein Betriebsrat gegründet wurde, war ich natürlich an vorderster Front mit dabei. Die Geschäftsführung war dagegen, ganz offenkundig nur widerwillig dagegen, weil sie selbst noch zur eher 68-geprägten Generation gehören. Nun stand man kurz vor dem Börsengang, und, keine Ahnung, ob's stimmt, Gerüchte kursierten, daß Analysten dann die Aktie schlechter bewerten würden. Oha! Hat die jemand gewählt, die Analysten? Das zum Thema Demokratie und Kapitalismus ...
Da meine Chefs Respekt vor ihren Mitarbeitern und deren Interessen haben, schlugen sie ein alternatives Gremium zur Interessenwahrnehmung der Mitarbeiter vor. Eines, das "aktiv" sein im Gegensatz zu den nur "reagierenden" Betriebsräten. Viel begrifflicher Hype, und in der Tat gab es große Teile der Belegschaft, die meinten, so etwas wie ein Betriebsrat sei doch "peinlich", so, als würde man auf dem Schulhof eine falsche Jeans-Marke tragen. Andere behaupteten, das sei doch ein Instrument aus dem 19. Jahrhundert. Stimmt nicht: Die Grundzüge des Betriebsverfassungsgesetzes stammen aus den frühen 20er Jahren, als man mal wieder mit Bismarckscher Strategie den Sozialisten das Wasser abgraben wollte.
All das hat mich geärgert, auch, weil ich feststellte, daß ich wie alle anderen auch überhaupt nicht wußte, welche Befugnisse Betriebsräte wirklich haben. Habe mir dann das ganze Betriebsverfassungsgestz durchgelesen, und es kam zu einem richtigen Showdown auf einer Betriebsversammlung: Die Geschäftsführung stellte ihr hippes Alternativgremium vor, und ich widerholte inständig die maßgebliche Differenz: Daß nämlich Betriebsräte eine klare Rechtsposition haben, Alternativgremien auf den Goodwill der Geschäftsführung angewiesen blieben, post-feudal, sozusagen. Habe dann die wirklich wenigen Punkte aufgezählt, in denen Betriebsräte überhaupt was zu sagen haben - unter anderem das Aushandeln von Sozialplänen im Falle von Kündigungswellen -, und auch, daß Betriebsräte gar nicht nur "passiv" und blockierend seien, sondern als Stimme der Basis in Unternehmen auch außerordentlich konstruktiv der Geschäftsführung zur Seite stehen können. Habe dann bei jedem Punkt den Firmenjuristen gefragt, ob ich's denn richtig darstellte, und der konnte nicht anders als zustimmen. Finde meinen Auftritt bis heute außerordentlich heroisch, und der Betriebsrat wurde nicht zuletzt infolgedessen gegründet.
Natürlich gab's Kündigungswellen, und natürlich war die Geschäftsführung dann außerordentlich froh, einen Betriebsrat als Ansprechpartner zu haben, statt nun Unmengen individueller Kündigungsschutzklagen etc. führen zu müssen. Blockiert wurde überhaupt nie. Teamwork ist ja auch meinen Chefs alles andere als fremd.
Faktisch agiert die SAP-Belegschaft zutiefst undemokratisch. Das ist so, als würde die Bevölkerung der Stadt Hamburg nunmehr beschließen, erst im Jahr 2030 wieder eine neue Bürgerschaft zu wählen. Also so ein Modell, wie dieser irre Chavez es gerade für die Stabilisierung seiner Herrschaft überlegt.
Rayson stimmt ja mit mir offensichtlich überein, daß demokratische Prozesse auch dann, wenn sie ein Übel sind, in Unternehmen eine Rolle spielen sollten. Die SAP-Belegschaft hat stattdessen das Übel an der Wurzel gepackt und damit einen bundesweiten Trend bestätigt: Im Zuge wirtschaftlicher Verwerfungen ist die Bevölkerung nur allzu bereit, demokratische Errungenschaften über Bord zu werfen ... und das, ja, Walter Benjamin, aufgrund einer Ästhetisierung des Politischen.
... heute kann man der Welt nicht vorenthalten: "Warum ist das n bei nutella schwarz"? Das spornt Recherche-Ehrgeiz an ...
... ich höhne wieder! Lach mich schlapp, wenn die deutsche Nationalmannschaft binnen kurzem 0 zu 2 zurückliegt. Aber Leute wie mich hat man ja früher eh als "vaterlandslose Gesellen" bezeichnet, und einer der schlimmsten, politischen Momente in meinem Leben war, als mein heiß geliebter und hoch verehrter Willy Brandt neben Kohl die Nationalhymne zum Einheitstag einst sang ...
Sie haben's geschafft, u.a., weil das Auftreten von Frings und Borowski (den ich, glaube ich, immer falsch schreibe) am Millerntor so unsäglich war. Diese Diven ohne jeden Stolz mit ihren sauteuren Beinen, die dann unsere Spieler immer schlechtgelaunt und beleidigt umtreten wollten, wenn's weder Schiedsrichter noch Kameras gerade sehen konnten. Dieses arrogante Naserüffeln in den Gesichtern, auf so einem Platz gegen diesen billigen Sozialschrott - unsere Mannschaft - überhaupt antreten zu müssen. Diese Sprüche von Schaaf und Allofs: "Stellen sie sich vor, ein Spieler verletzt sich, und wir werden deshalb nicht Weltmeister!"
HAR,HAR,HAR! Alle standen gestern auf dem Platz und haben gezeigt, wie sie Weltmeister werden wollen. Das Ganze war ja so dermaßen langweilig, daß ich freiiwillig zu Britney Spears umgeschaltet habe ... weil ich bei diesen Neue Deutsche Welle-Trikots mit dem schwarzen Ärmel sowieso nur noch an Sponsoren-Karten und chinaeske "Sicherheits"-Gesetze denken kann. Und nichts würde ich mir mehr wünschen, als daß irgendeine afrikanische Underdog-Mannschaft Weltmeister würde ...
Es gab eine Phase in der Völler - und frühen Klinsmann-Ära, da habe ich wirklich wieder mitgefiebert. Da saß ich bibbernd vorm Fernseher. Da fand ich die Mannschaft sympathisch und wollte, daß sie gewinnen, da war ich geradezu versöhnt und habe nur bei der Nationahymne weggezappt.
Jetzt höre ich mich um, und immer mehr Leuten geht's so, daß ihnen die WM auch gestohlen bleiben kann und sie mit Klinsi und seinen Jungs nicht mehr jubeln können ... kann mal jemand erklären, wie das jenseits von Pokalspiel-Erlebnissen dazu kam? Das sind nicht nur Niederlagen oder Schlechtspielen ... wahrscheinlich ist's die System-Lebenswelt-Differenz nach Habermas. Einmal schlaumeiern pro Eintrag muß ich. Damit nicht aus Versehen ix hier liest.
Viel schlimmer in Sachen Fußball als die Niederlage der Nationalflaschen gestern ist somit, daß Holstein Kiel das Nachholspiel gegen Leverkusen II gewonnen hat und wir nicht mehr Zweiter in der dritten Liga Nord sind. Ich will raus aus dieser Drecksliga! Und bei uns wird wenigstens noch Fußball gelebt und nicht nur noch verkauft ...
Epic - was das so ist, was da hinter steckt, das haben wahrscheinlich wieder alle mitbekommen, nur ich nicht.
Gut, heute ist es soweit, jetzt hab auch ich's mitbekommen, Dank an Nerdcore, und irritiert sah ich's mir an, das Filmchen, und las auch die Gedanken dazu bei Zielpublikum. Zentraler Punkt ist wohl der folgende, auch von Nerdcore zitierte:
"Es ist eine komische Gleichung, aber ich denke jetzt schon vielleicht zwei Jahre über diesen Gedanken nach und er wird mir immer schlüssiger je mehr ich darüber nachdenke. Wenn die »Information« das einzig wirklich geldwerte Gut wird, wird der Austausch von Informationen zur eigentlichen Transaktion - und irgendwann kann der Ausgleich mit der Zwischenwährung Geld entfallen. Information gegen Information. Persönlichkeitsprofil gegen Werbung, Rezeption gegen Ware, Aufmerksamkeit und Weiterempfehlung für Dienstleistung."
Und:
"Schon heute reicht es aus, wenn eine Bank sich über Kreditwürdigkeit äußert, um eine Firma zu ruinieren. Schon jetzt genügt eine falsche Information auf dem Börsenparkett, um Aktien in Turbulenzen zu bringen. Und wenn ein eBay-Objekt einmal in einer Ausstellung stand, führt diese Information zu einer Potenzierung ihres Werts.
Geld, Wert, Information. Es verschmilzt die Bedeutung, die Grenzen verschwinden."
Sind jetzt verhältnismäßig umfangreiche Zitate, ich hoffe, Alexander Endl verzeiht mir.
Das Ganze korrespondiert ein wenig mit dem, was ich hier mit Statler diskutiere, meinerseits eher tapsig und naiv, da ich mich mit den ganzen digitalen Revolutionen und deren Folgen immer viel zu sehr nur am Rande beschäftigte, und im Falle von Marx wohl auch, wenn überhaupt, nur über ein Halbwissen verfüge und mich da gerne weiter aufklären lasse. BLOGs sind ja auch zum Explizimachen der Grenzen des eigenen Wissens ganz gut geeignet.
Der Wandel von Geld in Information ist ja in der Tat partiell schon vollzogen. Wie viel Geld ich habe, sagt mir der Kontoauszug. Gut, ich kann's ggf. auch alles abheben, aber ansonsten sind Finanztransfers ja eh schon Datenströme.
Auch sonst bestätigt diese Epic-Vision auch jene, die glauben, durch BLOGS, die sich im wesentlichen als Alternativ-Angebot zu klassischen Medien verstünden, würden letztere perspektivisch abgelöst. Letzteres glaube ich zwar nicht, weil die meisten Leute schlicht zu faul sind, sich in aktive User zu wandeln und TV z.B. nun mal das aktuelle Opium für's Volk ist, und das Volk will Opium haben. Die offenen Internet-Strukturen werden meiner Ansicht nach auch nie das "geschlossene Werk" ersetzen können, trotz aller Versuche der Literatur im Netz, BLOGs werden klassisches, journalistisches Handwerk in der Breite nicht adaptieren können, und auch die Rezeptions-Situation des Fläzens auf Sesseln und Sofas beim Lesen eines Buches ist einfach unersetzlich.
Trotzdem: Kurios erscheint mir die Parallelität zweier Entwicklungen. Einerseits finden statt die ersten Kriege um Energiequellen, und glaubt man den Prognosen, wird es davon ja bald nochwesentlich mehr geben. Das ist nur eines der vielen Momente, wo ganz handfeste und nicht-virtuelle Fragen wieder explizit diskutiert werden, andere sind Massenarbeitslosigkeit, der Aufschwung in China und Indien, die Vogelgrippe, AIDS in Afrika, alles noch im Rahmen klassischer Politik sowie auch Sinnlichkeit und Gegenständlichkeit potenziell erfaßbar. Was die Betroffenen betrifft, ist letztere Formulierung natürlich eine Frechheit und typisch Internet-menschenverachtend - und wie die das alles sinnlich erfahren und erfassen!!!
Nun ist Information und die Entwicklung im Netz auch auf Sinnlichkeit angewiesen, um lesen zu können und zu hören. Nichtsdestotrotz hat sich da ja längst eine zweite gesellschaftliche Realitätsebene, so verzettelt sie auch sein mag, gebildet - das ist die zweite, oben genannte Entwicklung. Eine Wirklichkeit wird konstituiert, die sich zwar, wie klassische Medien auch, immer mal wieder noch wie ein Satz auf einen Sachverhalt bezieht, aber dabei eben doch ungleich mehr Autopoesie erzeugt, jetzt mal Begriffe zweckentfremdend. Eine, die noch viel mehr als Weltbeschrebungen sowieso mittels diskursimmanenter Vernetzungen und Verweise Realität produziert. Informationen über Individuen wären dann nur Knotenpunkte in einer dezentralen Diskursmaschine.
Und diese wirkt auf die Individuen, die potenziell ihre Daten zugänglich machen. Gestern abend habe ich z.B. eine Doku auf ARTE über Terrorismus gesehen, und abgesehen davon, daß ich mich bei einem Wissenschaftler, der über die RAF dozierte, ständig fragte, ob er gerade über George W. Bush redet, eine völlig paranoide Frage ist das natürlich, in jeder Hinsicht unsachlich und falsch, war eine andere, zentrale These die folgende: Daß nämlich der Islamismus der "zweiten Generation" ohne das Internet undenkbar sei. Fast hatte man das Gefühl, aufgrund der sozialen Isolation in den Ländern, in denen die Attentäter lebten, hätten sie sich u.a. auch übers Internet individuiert - im Foucaultschen Sinne, der besagt, daß auch Kommunikationsstrukturen Individualität erst erzeugen.
Wie bekommt man jetzt aber die Epic-Visionen mit einem, ich sach mal, klassischen Materialismus zusammengedacht? Ein Basis-Überbau-Verhältnis oder doch etwas anderes? Konstruiere ich ein Schein-Problem? Alles längst diskutiert, ein alter Hut, wieder nur'n Faß mit Verfaultem aufgemacht? Antworten erbeten ...