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Von Manifesten, Manifestem und Kant

In der gestrigen taz findet sich ein ganz gut differenzierender Text von Robert Misk, dem ich zwar insbesondere hinsichtlich der "Kulturkampf"-Pointe nicht zustimme, sehr wohl jedoch hinsichtlich der Conclusio, daß ohne Respekt und Anerkennung eben gar nix läuft. Der Text ist eine Erwiederung auf das Manifest einiger Literaten zum Karrikaturenstreit.

Auch zum unten von mir diskutierten Begriff des Totalitarismus findet sich dort Sinnvolles:

"Wir haben allen Grund, mit dem Wort ,totalitär' sparsam und vorsichtig umzugehen", schrieb schon Hannah Arendt in ihrer berühmten Studie "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft". Arendt unterscheidet zunächst totalitäre Herrschaft von totalitären Bewegungen. Der Begriff totalitärer Herrschaft ist für den Islamismus aus naheliegenden Gründen völlig unbrauchbar. In Iran haben islamistische Hardliner wichtige Machtpositionen, aber gewiss nicht die Gesellschaft unter jener Kontrolle, die totalitäre Herrschaft auszeichnet. Allenfalls wäre der Fall Saudi-Arabien diskutabel. Aber darum geht es ja offenbar nicht zentral.

So tut in diesem Kontext nur der Begriff der "totalitären Bewegung" etwas zur Sache. Tatsächlich weisen die islamistischen Kernmilieus einige Charakteristika auf, die totalitäre Massenbewegungen im 20. Jahrhundert kennzeichneten. Der US-Autor Paul Berman hat die Ähnlichkeiten herausgearbeitet: Hass auf den Liberalismus, Hass auf den Westen, Antisemitismus, Todeskult, die Idee eines reinigenden Amargeddons, einer apokalyptischen Säuberung, nach der die neue Welt und der neue Mensch erst erstehen können; der Gestus moralischer Strenge, und die, wenn auch leicht wahnhafte, Vorstellung einer Ursprünglichkeit, die es wieder herzustellen gelte, wenngleich mit modernen Mitteln. Die dschihadistischen Organisationen konstruieren eine Wahn- und Parallelwelt, in die sich ihre Anhänger verpuppen und für die gilt, was Arendt so beschrieb: Ist der Rahmen intakt, dann "ist das fanatisierte Mitglied weder von Erfahrung noch von Argumenten zu erreichen". Ihre Logik lautet: "den Gegner morden, anstatt ihn zu widerlegen, diejenigen, welche nicht bei ihnen organisiert waren, terrorisieren, anstatt sie zu überzeugen".

Ich behaupte dennoch weiterhin, daß auch Denken, das geschlossene Weltbilder ...

... produziert, in sich totalitär im Sinne totalisierenden Denkens ist. Der kritische Weg allein ist noch offen, so ungefähr hat's Kant behauptet, und ich stimme dem uneingeschränkt zu.

Insofern sei jedem die im letzten Jahr bei Reclam Leipzig erschienene Einführung in das Denken Kants von Herbert Schnädelbach empfohlen. Alleine die Einleitung rückt so vieles zurecht, was in derzeitigen Debatten umzukippen droht und ist nicht nur für Philosophen relevant. Schnädelbach deutet Kant als den Philosophen der Moderne, und zwar im folgenden Sinne:

"Wir können heute relativ unumstritten drei Strukturmerkmale angeben, die moderne Kulturen kennzeichnen: vollständige Reflexivität, Profanität und Pluralität (...) Vollständig reflexiv sind Kulturen, wenn sie bei ihrer Selbstinterpretation nicht länger auf etwas beziehen können, was Kultur und damit menschlicher Verfügung entzogen wäre - seien es Dämonen, Götter oder "die" Natur." (S.9)

Und diese menschliche Verfügung, bei Kant konzipiert als vernünftige Selbstständigkeit, könne immer nur als a.) unabhängig von der "Macht der Traditionen und Autoritäten" denkmöglich sein und b.) als Selbstkritik der Grundlagen der eigenen Vernünftigkeit gedacht werden. Es ist dies immer eine Explikation des Descarteschen, methodischen Zweifels.

"Moderne Kulturen sind zugleich profane Kulturen. Profan ist das Weltliche, das was im Vorhof des Heiligen verbleibt, und dies ist bei den Prinzipien kultureller Moderne wirklich der Fall. Hier ist die politische Macht nicht mehr von Gottes Gnaden, sie geht vom Volke aus. Das Rechtssystem vollstreckt nicht länger göttliche Gebote, sondern von Menschen gesetztes Recht." (S. 11)

"Vollständige Reflexivität einer Kultur bedeutet aber nicht nur Profanität, sondern auch Pluralität. Wenn Kulturen sich erst einmal als Lebenszusammenhänge begriffen haben, die ohne göttliche Offenbarung und Weisung auskommen müssen, bleibt ihnen nichts als anderes übrig, als ihre Weltdeutungen und Handlungsnormen selbst zu erfinden und zu verantworten; die aber sind notwendig umstritten, denn es sind ja immer viele, die sich daran beteiligen wollen. Moderne Kulturen sind darum Kulturen ohne eine "natürliche" oder gottgewollte Mitte, die menschlicher Verfügung entzogen wäre; in diesem Sinne sind sie dezentriert, und sie erhalten sich nur im Zusammenspiel und häufig genug im Konflikt der verschiedenen kulturellen Mächte und Instanzen." (S.13)

"Daß moderne Kulturen kein Zentrum mehr aufweisen, von dem her alle Teilbereiche gesteuert werden könnten, wird seit ihrer Entstehung als "Entzweiung", "Entfremdung" oder "Verlust der Mitte" beklagt; in unserer Tradition war hier vor allem Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) der Wortführer. So wurde er zum Stammvater der deutschen Romantik und ihrer Träume von Ganzheit und Versöhnung, die bis in unsere Gegenwart fortdauern. Dabei ist die Romantik selbst ein modernes Phänomen. Sie setzt die Erfahrung der Modernität voraus; sie leugnet sie nicht einfach, möchte sie aber hinter sich lassen." (S.14)

"Inzwischen sollten uns spätestens die Erfahrungen des Totalitarismus von jenen romantischen Ganzheitssehnsüchten geheilt haben (...).Wir haben gelernt, dass es die Pluralität, ja sogar die Gegensätzlichkeit der Prinzipien ist, die in der modernen Kultur unsere Freiheiten garantiert; und die Vorstellung, sie müssten sich samt und sonders aus einem einzigen Superprinzip ableiten lassen, das womöglich noch der politischen Macht verwaltet wird, sollte uns schrecken. In der modernen Kultur mit ihrer Pluralität der Prinzipien besteht unsere Freiheit in einer Pluralität von Freiheiten; diese gründen selbst in in einer Reihe fundamentaler Unterscheidungen, die in ihrer Gegensätzlichkeit die Modernität unserer Kultur ausmachen." (S. 15) Die da sind: Wissenschaft, Moral, Politik etc., Luhmann hat sie dann als "soziale Systeme" gedacht.

Ich hoffe mal, daß Herbert Schnädelbach mir diese langen Zitate verzeiht, sie sind nicht als Urheberrechtsverletzung intendiert, sondern sollen vielmehr auffordern, das Buch zu kaufen - der Autor ist auf jeden Fall der Lehrer, von dem am allermeisten ich lernte ich meinem Leben.

Klar ist ja sowieso, daß Gottesstaat-Fantasien nun in einem kaum zu übertreffenden, krassen Gegensatz zur so charakterisierten, modernen Kultur stehen. Meine Ansicht nach stellen sie jedoch die extremste Form "romantischen" Denkens dar, sind immer schon Reaktionen auf die hohen Ansprüche der Modernität für's Individuum (das war das große Thema des frühen Sartre). Weniger extrem und doch antimodern und im oben genannten Sinne romantisch sind Lammertsche Leitkultur-Fantasien, und fast so extrem war der Nationalismus des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, der auch ganz klar ein Reflex auf die Modernisierung und die "Entzauberung der Welt" (Max Weber) war und in zwei Weltkriege mündete.

Modernes Denken, moderne Politik sind ohne das ganze, von Kant eröffnete Feld nicht zu haben.

Und wer "Freiheit" wie ein neues Superprinzip behandelt, wie eine (ha!) "neue Mitte", muß verdammt aufpassen, nicht prä- oder antimodern zu werden. Ohne Selbstreflexion ist sie nicht zu haben, weil diese Freiheit ist.

Ohne Pluralität ebensowenig, weil diese immer das Resultat von Freiheit ist, und wer Freiheit als eine Art positive Wertsetzung begreift, hat überhaupt nicht verstanden, wie Freiheit sinnvoll gedacht werden kann.

Wertsetzungen setzen Freiheit voraus. Und auf Gott als Handlungsgrund muß man schon verzichten können, will man denn frei sein, Herr Bush, und insofern ist's unsinnig, daß viele auch nur entfernte Sympathisanten der Islamisten glauben, dieser könne ein "Befreiungskampf" gegen US-Imperialismus sein - kann er nicht, weil Freiheit nur als moderne Freiheit zu haben ist, sonst ist sie keine. Und wer allein den Markt als Ort der Freiheit begreift, bleibt nicht minder unterkomplex. Damit jetzt auch ja wieder alle ihr Fett abbekommen ... Gruß an Rayson!

Kommentare

Gruß zurück von einem, der sich den Schuh nicht anzieht ;-)

Um so besser!

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