Ja, Rayson, da kann man weitermachen!
Eigentlich sollte im zweiten Teil meines Gegrübels über Kultur die Relation von Gesellschaft und KULTUR thematisiert werden. Angesichts derAntwort von Rayson schalte ich den Teil über "Wissen" und "Praktiken" vor. Auch wenn ...
... ich beim von ihm diskutierten Verfassungspatriotismus damit gerade noch nicht lande.
Rayson fragte, ob z.B. die Ausführung über Eßgewohnheiten in meinem ersten Teil denn ernst gewesen sei - ja, war sie, außerordentlich ernst sogar. Hieran anknüpfend stelle ich dann mal dar, welche Heransgehensweise ich im Rahmen der Analyse von Kulturbegriffen vorschlagen würde - s.u. Obwohl gerade der ihm wichtige, im folgenden zitierte Punkt dann auch noch nicht dran ist:
"Nun, ich bin der festen Überzeugung, dass man in Deutschland auch dann ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft werden kann, wenn man weder Schnitzel noch Currywurst zu seinen bevorzugten Speisen zählt. Ein Problem aber bekommen wir, wenn der zu Integrierende beide Mahlzeiten als “unrein” betrachtet und den sowieso dem frühen Herzinfakt Geweihten noch seine geballte Verachtung hinterherschickt."
Da stelle ich auch zunächst nur die Gegenfrage: Worin unterscheidet sich die Verachtung des "zu Integrierenden" von einem Blogger, der das Umfeld anderer Blogger als "unappetitlich" bezeichnet ( habe ich im Fall der rechten Haßblogs auch schon verwendet, die Vokable, zu denen der zitierte Blogger ausdrücklich nicht gehört, ist jetzt nur ein Beispiel von heute, nicht daß ich hier mißverstanden werde)? Ist dieser Blogger (und ich ebenso) nicht integriert, weil er andere verachtet?
Auch die angesprochenen Fragen des "Zusammenlebens" kommen erst in einem späteren Abschnitt über Moral zum Tragen, das ist unten nur angedeutet. Mir geht's halt darum, zu zeigen, daß Kultur allenfalls am Rande, ein paar Elemente gibt's da schon, als Basis der Integration taugt. Dazu muß man aber erst mal erläutern, was mit Kultur man meint.
Hinsichtlich Sprache bin ich mit Rayson einig. Meiner Ansicht nach rekurriert er ansonsten durchgängig auf eine universelle Moral des wechselseitigen Respekts, nicht auf Kultur.
Kultur selbst wird von ihm als "europäischer Bildungskanon" verstanden zum einen, zum anderen als "eingeübtes Alltagsverhalten". Insofern versuche ich mich heute mal an "Wissen" und "Praktiken", um wahrscheinlich ganz viel Triviales, was Rayson pointierter brachte, einfach breit zu treten. Mich macht es aber immer unruhig, wenn sich dem Breitreten nicht gewidmet wird. Ich habe immer Angst, daß nicht klar wird, worüber man gerade redet.
Alles im folgenden Beschriebene verweist aufeinander, geht ineinander über, stützt sich wechselseitig etc. - es ist lediglich der Versuch, ein Begriffsraster zu entwickeln, anhand dessen Fragen, die KULTUR thematisieren, evtl. ja diskutierbar werden.
Wissen und Praktiken
Kultur läßt sich beschreiben und vielleicht auch verstehen, indem man sie zunächst in die Bereiche "Wissen" und "Praktiken" (Michel Foucault folgend) analytisch aufdröselt.
Wissen ist in den meisten Fällen an Sprache gebunden. Eine Sprache entwirft in ihrer Gänze wie auch partiell in ihrer realen Verwendung Kulturformationen und vermag ggf. auch all die verschiedenen Kulturen, die die gleichen Worte und den gleichen Satzbau verwenden, ins Gespräch zu bringen. Deshalb ist in der Tat in den sogenannten "Integrationsfragen" sie von so herausragender Bedeutung, die Sprache. Man glaube aber bloß nicht, ein Asylbewerber sei vor der Abschiebung sicher, nur weil er gut deutsch spricht ....
Wissen ist zumeist sprachlich repräsentiertes Wissen. Verschiedene Typen von Wissen sind zu unterscheiden, wobei die Basisunterunterscheidung "Wissen, wie" und "Wissen, daß" ist.
"Wissen Wie" kann die Form der Zweckrationalität annehmen. Z.B. im Falle der Ressourcen-Nutzung wie der Naturbeherrschung, Spezialfall Körperbeherrschung: "Wie treffe ich bei einem Freistoß das Tor, indem ich ihn anschneide?" Zweckrationalität hat die Struktur "gut zu". "Den Ball anschneiden ist gut, um zum Tore zu schießen".
Es gibt (unhinterfragtes und hinterfragtes) regel-geleitetes, reflexives und intuitives "Wissen, wie" und "Wissen, daß".
"Wissen, daß" formuliert propositionales Wissen, solches, das der Struktur "Es ist der Fall, daß p" folgt. "Wissen, wie" ist in seiner Struktur komplexer. Es ist dem "Wissen, daß" z.B. in den Wissenschaften vorgeordnet - ich muß z.B. lernen, wie ich mir das propositionale Wissen einer Wissenschaft aneigne (z.B. in der Geschichtswissenschaft Quellenkritik betreibe) oder eine Versuchsanordnung aufbaue, eine Hypothese verstehe oder formuliere etc. . Beide Strukturen verweisen zumeist aufeinander. Das "Wissen, wie" begründet Praktiken. Das kann auch beim "Wissen, daß" der Fall sein, muß dies aber nicht. Ein komplexes "Wissen, daß" nennen wir wohl "Weltanschauung" oder "Weltbild", ein nicht weiter überprüftes "Meinung", ein begründetetes z.B. "Position" - eine solche vertrete ich dann ggf. . "Weltbilder" sind wohl zumeist das, was im alltäglcihen Sprachgebrauch unter "Kulturen" verstanden wird.
Eigens zu untersuchen sind zudem
a.) die Erzeugungsprozeduren von Wissen (die Generalisierung von Negativ- und Positiv-Stereotypen von Bevölkerungsgruppen ist eine relativ simple, aber bei Beschreibungen der eigenen oder fremden Kultur verhältnismäßig häufig anzutreffende Erzeugungsprodzedur, die dann z.B. bei Arnulf Baring als Wissen sich behauptet. Die Ethnologie selbst ist eine andere, das "Erfahrungen sammeln" z.B. als Schwarzer in Dresdener Vororten eine dritte) und
b.) die Bedingungen, unter denen Sätze als wahr oder falsch gelten und somit in einen Wissenkanon eingangs- und in diesem anschlußfähig sind ("Jesus hilft!" tritt in christlichen Kirchen durchaus mit Wahrheitsanspruch auf und wird dort ggf. als wahre Aussage akzeptiert, in der Fußgängerzone, von den Zeugen Jehovas geäußert, wird der Satz häufig auf Widerstände oder Ignoranz stoßen)
Des weiteren ist c.) nicht jeder Typus von Wissen im selben Sinne kulturell relevant.
a.), b.) und c.) können meiner Ansicht nach erst im Rahmen einer Gesellschafttheorie analysiert werden, d.h. heißt, sie gehen weit über das hinaus, was im Rahmen eines Kulturbegriffs analysierbar ist.
"Wissen" muß nicht heißen "Schulwissen", "Fachwissen" oder "viel wissen", kann dies aber heißen. Orientierungswissen darüber, wie man sich in der jeweiligen Kultur bewegt, ohne z.B. Sanktionen zu erfahren, nicht einkaufen zu können oder den Bus zu verpassen, ist wohl konstitutiv für die Kultur selbst.
Der hessische Fragenbogen hat einen Versuch unternommen, hinsichtlich der deutschen Kultur einen solchen "Wissenskanon" zu formulieren; ob nun gerade diese Form des Wissens es ist, die dort abgefragt wurde, die als Orientierungswissen in dem, was als deutsche Kultur behauptet wird, maßgeblich ist, ist eine andere Frage (die zudem das Verhältnis KULTUR und Geschichte betrifft, das ist ein späterer Abschnitt).Von einer Ausnahme abgesehen, dem 3. Reich, halte ich Möglichkeit der Behauptung eines solchen Wissenstypus, wie er dort abgfragt werden soll, als ein von allen geteiltes und als relevant erfahrenes Wissen im deutschen Kulturalltag für fragwürdig.
Selbst über das Rechtssystem haben außer ein paar Basics nur sehr wenige in Deutschland ein weiter gehendes Wissen. Welches Wissen hingegen für die Orientierung nun wirklich relevant ist, das ist auch relevant für Fragen der Integration. Ebenso, ob dies nun staatlich vermittelt werden sollte, oder ob dieses nicht ganz automatisch sich angegeignet wird.
Dominanter als dieser Kanon des Wissens der gymnasialen Oberstufe anno 1953 erscheinen mir in realen, deutschen Kulturen (ich plädiere da ehr für's Plural) allerlei Formen des "Fachwissens", die jeweils Sub- oder ganze, eigenständige Kulturen geradezu definieren: Bei Dachdeckern jenes über die Eigenschaften von Spindeln, bei Kiddies das über den richtigen Klingelton, bei liberalen Bloggern reichen in der Regel schon "Vertragsfreiheit", "freier Markt", "Nichts darf das freie Spiel der Kräfte behindern" und "Sozen wollen alles regulieren und sind deshalb doof" als Basis-Wissen, um mitspielen zu dürfen. Wenn man dann noch in jedem zweiten Eintrag den "Islamofaschismus" geißelt, "die Linken" für hysterisch erklärt und ansonsten behauptet, alle würden sich immer nur über Amis und Juden empören und über sonst niemanden, dann ist man in schon ganz gut aufgestellt in diesem subkulturellen "Wissen wie" der liberalen Subkultur im Netz.
Bei linken Blogs sollte man immer wissen, mit wem oder was man sich gerade solidarisieren sollte und über was man sich "als Linker" aktuell empört. Ganz linke Blogger heben sich davon ab, indem sie mit fundierten Analysen der Marxschen Wertlehre glänzen und die Sozis damit toppen, ganz ironiefrei. Und was die ultrarechten Haßblogger wissen müssen, will ich lieber gar nicht wissen. Alle Blogger teilen dann ein Grundwissen um Softwareanwendung und verlinken, und so bildet sich eine "Kultur", eben jene der Blogosphäre. So ungefähr untersucht die "Kognitive Ethnolgie" Kulturen - sie erfaßt Begriffsraster, das notwendige, geteilte Wissen derer, die die Kultur ausmachen.
KULTUR und "kultivieren": Praktiken
Ein Teilbereich kultureller Praktiken läßt sich über den Oberbegriff "kultivieren" beschreiben. "Kultivieren" vereint in sich unzählige Praktiken. Deshalb ist es so wichtig, mit der Unterscheidung "Kultur/Natur" zu beginnen. Historisch ist der Beginn von "Kultur" eben der kultivierende Umgang mit Natur. Es mag so scheinen, als würde ich jetzt einfach das Verb zum Substantiv suchen oder gar etymologisieren. Aber das Verb zum Substantiv ist allemal besser als ständig alles zu nominalisieren, diese deutsche Sprechweise hat zu viel Verwirrung erzeugt, wenn dann über "Werte" wie über Dinge geredet wird. Glaube auch, daß "kultivieren" 'ne Menge hergibt.
"Kultivieren" folgt der relationalen Struktur "umgehen mit". "Kultivieren" als "umgehen mit" verweist immer auf die Relation von dem, der mit etwas umgeht, auf das, womit umgegangen wird. "Umgehen mit" ist nicht immer mit dem "Verfügen über" gleichzusetzen. "Verfügen über" ist ein Spezialfall des "Umgehens mit". Ich kann mit meinem Gegenüber freundlich umgehen, ohne über ihn verfügen zu wollen. Ich kann mit einer Pflanze umgehen, in dem ich sie fasziniert betrachte, ohne sie gleich in eine Vase stellen oder gießen zu wollen.
Diese relationale Struktur ist in eine reflexive Struktur überführbar, d.h, ich kann explizit den Umgang mit etwas thematisieren und es dadurch auch der Infragestellung oder Bejahung zugänglich machen. "Es ist schön, Pflanzen zu betrachten", "Es ist richtig, dem Gegenüber gegenüber freundlich zu sein", "Es ist zweckmäßig, Pflanzen zu gießen" - zu all diesem kann man mit "Ja, stimmt!" oder z.B. mit "Nein, übergieß den Kaktus nicht!" antworten.
"Kultivieren" ist ein Spezialfall des "Umgangs mit". Ich kann auch brutal mit etwas umgehen und es so zerstören. Ich kann aber auch zerstören, um zu kultivieren - einen Baum fällen, um einen Schrank zu bauen, z.B. Solcherlei Destruktion ist in vielen Fällen des Kultivierens wohl unvermeidlich.
KULTUR im Sinne von Kultivierung ist historisch die Feuerstelle, Ackerbau und Viehzucht. In Gesellschaften, die nicht mehr über das primäre Bewältigen des puren Überlebens in Natur- oder Kulturlandschaften (Favellas z.B.) sich reproduzieren und weiter- oder zurückentwickeln, richtet sich die Kultivierung auf andere Felder. Schönheitsoperation z.B., Rosen züchten, Makrame lernen, Selbsthilfegruppen gründen.
Dieser Zusammenhang zwischen "Kultur" und "kultivieren" ist auch jener zwischen "KULTUR" und "Kultur". Kunst in all ihren Feldern ist die Kultivierung der Wahrnehmung mittels Material (darstellerische Fähigkeiten, Sprache, Laute, Gesten, Farben, Wachs und Fett, z.B.). Moderne Kunst thematisiert Material und Wahrnehmung als solche.
Die verschiedenen Formen der Alltagskultur, die man lebt und beschreiben kann (und die die Popliteratur zum Thema hat), sind Formen der Kultivierung. Tischsitten z.B. kultivieren die Nahrungsaufnahme. Händeschütteln, der Wangenkuß, das Nasereiben, Verbeugungen kultivieren die zwischenmenschliche Kontaktaufnahme. Daß "Wissen, wie" diesbezüglich ermöglicht es, sich in einer spezifischen Kultur zu orientieren.
Eine andere Ebene der Kultivierung ist der Umgang mit sich. Sport treiben, Haare schneiden, viel oder wenig Bekleidung, Fleiß, eine Ästhetik der Existenz oder das Schleier tragen sind verschiedene Formen der Kultivierung. Die verschiedenen Weisen des Umgangs mit sich folgen unterschiedlichen Begründungen und Kriterien von je unterschiedlicher Trag- und Reichweite, ggf. verfolgen sie auch unterschiedliche Zielsetzungen. So kann ich ein ärmellosses T-Shirt tragen, um meinen Bizeps zu präsentieren. Das kann ich wollen, weil ich wahlweise sexy sein will oder Stärke demonstrieren oder beides, weil ich Stärke sexy finde oder glaube, daß Andere sie sexy finden. Ich kann fleißig sein wollen, weil ich das
a.) für gut im Sinne von wertvoll oder richtig halte (Tugenden), kurz, ein "guter Mensch sein will", und mein Umfeld mich immer schon gelehrt hat, daß gute Menschen fleißig sind (traditionale Moral). Dies verweist auf ein "Wissen daß" hinsichtlich dessen, was in der spezifischen Kultur als guter Mensch gilt (z.B. auch eine Frau, die einen Schleier trägt). Tugenden verweisen zudem auf die intersubjektive Relation der "Anerkennung", die als Möglichkeit allen intersubjektiven Relationen eingeschrieben ist (moderne, universelle Moral).
b.) zweckmäßig finde, weil das gut zum Geld verdienen ist (Zweckrationaliät)
c.) weil es mir einfach Spaß macht und ich mich sonst langweile (Lust versus Unlust)
Wer jetzt diskutieren möchte, welche "deutsche Kultur" denn nun als Basis der Integration von Immigranten herhalten sollte, muß schon spezifieren, welche der Wissenbereiche und Praktiken relevant sind ... und:
"Es gibt einen m.E. guten Test, dem “Deutschsein” nahe zu kommen: längere Zeit im Ausland leben. Erst die Vielfalt, die es Gott sei Dank gibt, trägt wirklich zur Trennschärfe bei."
Das wird dann Teil 3 des "Rätselwortes Kultur". Das entspricht genau dem, was Dirk Baecker in seinem "Wozu Kultur?" entfaltet. Kulturbegegnungen und - vergleiche ist dann beim nächsten Mal dran ...