" /> Metalust & Subdiskurse: April 2006 Archive

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29.04.06

Heitmeyer spricht: Rechte Gewalt und ihre Entstehungsbedingungen

Vertiefen tut der Wilhelm Heitmeyer auf heute.de, was ich hier in den Kommentaren und in diversen Einträgen behauptet habe: Daß natürlich die Frage nach dem Rechtsextremismus nicht auf den Organisationsgrad der Täter oder die Frage nach der Gewalt reduzierbar ist (via Soziologische Aufmerksamkeit). Und daß rechts-konservative Rhetorik zündelt und diskursiv Feuer legt.

"Ansetzen kann man an vielen Punkten. Man muss sich aber das komplexe Zusammenspiel in der Gesellschaft ansehen: Einstellungen in der Bevölkerung, wirtschaftliche Entscheidungen, organisierte rechte Gruppen, das Verhalten von Eliten - das alles ist nicht voneinander zu trennen. So tragen etwa die Eliten dazu bei, rechte Gewalt zu legitimieren - wie etwa vor einigen Tagen, als Innenminister Schäuble aufrechnete, dass auch Blauäugige und Blonde von Menschen fremder Herkunft malträtiert würden. Auch die Schuldzuweisungen in der Integrationsdebatte nach den Vorfällen an der Berliner Rütli-Schule gingen in diese Richtung."

Interessant ist des weiteren, daß - entgegen diesem Trend, "Gesellschaft" und sozioökonomische Bedingungen ...

... aus dem Diskurs werfen zu wollen - Heitmeyer soziale Desintegration als Bedingung für das Entstehen rechstextremer Einstellungen beschreibt. Das ist zwar ein uralter Hut, aber trotz aller Agitation der Neuen Rechten noch lange nicht falsch.

Klar wird bei einem solchen Interview auch, daß eine Erklärung durch soziokönomische Bedingungen noch lange kein Legitimationsdiskurs ist, wie im Falle der Riots in Paris so oft behauptet wurde. Ebenso deutlich wird, daß eine Kategorie wie "Exklusion", neulich beim Antibürokratieteam noch mit Hohn bedacht, ungemein wichtig ist. Heitmeyer, muß man dazu sagen, ist kein kulturwissenschaftlicher Schreibtischtäter, der hat auch empirisch geforscht.

Die Rolle der Ermittlungsbehörden, das Thema wurde ja auch schon schon kontrovers diskutiert, beschreibt er differenzierter als ich hier irgendwo in den Kommentaren:

"Der Vorwurf, dass man pausenlos wegsieht, ist so pauschal nicht mehr gerechtfertigt. Die Polizei hat es manchmal durchaus schwer, Taten bestimmte Motive zuzuordnen, denn Straftäter aus dem rechten Milieu haben häufig auch ganz normale kriminelle Karrieren".

Okay, akzeptiert. Nichtsdestotrotz: In einem Text in der gestrigen FR schildert ein Vertreter eines Mobilen Beratungsteams gegen Rechte Gewalt das so :


""Es passiert dauernd etwas", sagt Karl-Georg Ohse vom Beratungsteam mbt in Schwerin, vor allem an Wochenenden. Die Polizei spiele solche Taten oft als normale Schlägereien herunter, um sich Scherereien und Arbeit zu ersparen. "Die Polizei deckelt", sagt er."

Aber genau diese Initiativen als "Rot-Grüne Netzwerke" zu diskreditieren und für fragwürdig zu erklären, da wurde ja jetzt auch schon mal der Anfang gemacht. War's Herr Uhl?

Eine Behauptung, die immer wieder krude finde: Das Eintreten für Menschenrechte ist nicht parteiisch. Parteilichkeit formulieren konservative Leitkultur-Theoretiker ganz explizit, die ja durchaus Menschenrechte als Teil derer behaupten. Daß sie damit im Grunde genommen der Rhetorik islamistischer Haßprediger auf den Leim gehen, merken sie noch nicht mal, vermute ich. Ein partikularistisch gedeuteter Universalismus ist ein Widerspruch in sich.

28.04.06

Hast Du schon gehört?

Neues von mir
heute auch hier.

Der schönste Part sei aber vorweggenommen:

"Hast Du schon, hast Du schon gehört? Das ist das Ende - das Ende vom Kapitalismus. Jetzt ist er endlich vorbei. Vorbei, Vorbei, vorbei, vorbei, vorbei, vorbei .... (...) Weißt Du noch? Wir regelten unsere Dinge über's Geld - vorbei, vorbei .... (...) Der Kapitalismus, der alte Schlawiner, der hat uns lange genug auf der Tasche gelegen, vorbei, vorbei vorbei ... Ist ja auch lang genug gewesen."

Peter Licht, Lied vom Ende des Kapitalismus

Trotz Trudchen: Wir tuen's für Oberhausen!

Wattenscheid? Ich weiß noch nicht mal genau, wo das liegt. Haben da nicht die Altintops ihre Karriere gestartet? Ist, glaube ich, der "Farmverein" von Schalke, also das, was der HSV aus uns immer machen wollte, was aber gar nicht und niemals machbar wäre ... Hamburg ist schließlich braun-weiß ... na, und daß das den Schalkern wenig nutzt, sich Wattenscheid als Nachwuchs-Aufwuchs-Stadion zu halten, hat man ja gestern abend wieder sehen könen, hähähä ... voll rasiert worden in Sevilla (blöder Witz, mußte jetzt aber sein, wegen dem Barbier und so).

Heute abend also gegen Wattenscheid, und gegen die müssen wir schon wegen Oberhausen siegen. Das ist ja das verbleibende Saison-Ziel: Die Konkurrenz von RWO schlagen. Wird bestimmt ein völlig demotivierter, müder ...

... Gruselkick unserer Jungs - das viel wichtigere Spiel haben sie ja diese Woche auch schon gewonnen. Fans von Bundes- und Zweitligisten können sich das ja gar nicht vorstellen, was so ein "Oddset-Pokal" bedeutet: Nachdem wir dieses Jahr ja auch so schon moralischer Pokalsieger geworden sind - die Bayern können sowieso prinzipiell niemals moralischer Sieger von irgendwas sein, geschweige den die Frankfurter Eintracht, die immer nur deshalb in Liga 1 landet, weil sie so lange spielen darf, bis sie genug Tore geschossen hat, um aufzusteigen -, müssen wir diese Regional-Trophäe auf den Grandplätzen der Hansestadt erkämpfen. Okay, Mittwoch war's die altehrwürdige "Adolf Jäger-Kampfbahn", kein Grandplatz - da hatte ich allerdings so schreckliche Angst, daß sie im Spiel gegen Altona '93 einen weiteren Tiefpunkt nach all den Gipfelerlebnissen erreichen, daß ich mich erst gar nicht traute, ins Netz zu luken, wie's denn ausgegangen ist. Zum Glück war's ein 4:0, und wir brauchen diesen Pokal, um nächstes Jahr im DFB-Pokal wieder dabei zu sein ...

Zurück zu Wattenscheid: Immerhin ist da eine Vorreiterin der Emanzipation der Frau Schutzpatronin - das Trudchen. Allerdings scheint das arme Mädel so etwas wie eine früher Beleg der Schirrmacher-von der Leyen-Eva Hermannn Kritik am falschen Frauenleben im richtigen Wirtschaftssystem gewesen zu sein - wer schon mit 12 beschließt, keusch zu bleiben und der Nation keine Kinder schenkt und dann noch als frühe Vorhut später folgender Industrialisierung den ganzen Tag nur schuftet, der bringt es halt nicht weit:


"Die heilige Gertrud starb im Alter von nur 33 Jahren. Sie war von zarter Gesundheit und hatte zuviel von sich gefordert. Oft hatte sie den ganzen Tag am Webstuhl oder Spinnrad gearbeitet und die N�chte wachend im Gebet verbracht."

Da sieht man mal wieder, was dabei raus kommt, wenn früh-kapitalistische Arbeitsbedingungen und Christentum eine unheilige Allianz eingehen (auf das Schiff, das Trudchen da in Händen hält, geh ich mal nur insofern ein, daß sie uns hält und hilft und schützt und gar nicht den Schalke-Ableger und so das Meeresungeheuer der Niederlage in alter Solidarität mit den Seefahrern für uns vertreibt) ... aber noch was ist an Wattenscheid bemerkenswert: Da gibt es auch ein Eppendorf. Und St. Pauli versus Eppendorf - da sind wir ja schon im Stadtteil-Vergleich klarer Sieger....

27.04.06

"Soziale Leistungsgesellschaft"?

Huch? Was'n das? "Soziale Leistungsgesellschaft"? Durkheim vielleicht - Arbeit(Leistung)s-Teilung (sozial) schafft Solidarität? Perspektive Deutschland - auch schon blöd, dieser Name, macht's doch nur deutlich, daß es sich in diesem Fall um die subsystemspezifische Perspektive McKinseys auf Deutschland handelt - faßt Ergebnisse einer Internetumfrage so zusammen (via B.L.O.G. und Reformstaub):


"Die Mehrheit der Deutschen fordert eine energische Modernisierung ihres Landes. Drei Viertel der Bundesbürger sind der Meinung, dass die Reformen der vergangenen Jahre nicht ausreichen. Große Einigkeit auch bei der Richtung der Veränderung: 83 Prozent sprechen sich für eine bessere Belohnung von Leistung aus, 54 Prozent plädieren für weniger Staat mit einer stärkeren privaten Risikoabsicherung. Gleichzeitig wünscht sich der Großteil mehr sozialen Ausgleich und nimmt den Staat in den Bereichen Gesundheit, Rente und Bildung in die Pflicht."

Abgesehen davon, daß ich das politische Programm als Antwort auf diese Kollektivbedürfnisse ja gestern schon entworfen habe, finde ich vor allem ...

.. diesen Satz, daß Leistung besser belohnt werden sollte, bemerkenswert. Einfach, weil dieser wahrschienlich im Sinne der CDU/FDP der frühen 80er als "Leistung muß sich wieder lohnen!" gedeutet wird. Kann man aber z.B. auch als Forderung nach Lohnerhöhungen interpretieren. Soziale Leistungsgesellschaft" ist ja auch gar kein Widerspruch, weil man eben - siehe Durkheim oben - sowieso nur zusammen lesiten kann ...

Man kann's aber auch so verstehen: Ich will von allen anderen (sozial) mehr, und weniger dabei gestört werden (weniger Staat), und dafür engagiere ich mich dann auch.

Ist das jetzt so eine Art liberales Credo? Nee, kann nicht sein, da gibt's Andere ja gar nicht. Nimmt man die Adam Smith-Diskussion hier ganz unten in den Kommentaren ernst, dann müßte es auf dem Wege dann ja trotzdem allen besser gehen?

26.04.06

"Handlungsfähiger Staat" versus "Weniger Staat, mehr Freiheit"

Nun diskutieren sie über Grundsatzprogramme, die großen Volksparteien. Bemerkenswert erscheint mir vor alllem das fast schon Blog-typische Allgemeinheitsniveau der Diskussion. Als sei Politik das Gegenüberstellen irgendwelcher leeren Grundbegriffe, die sich sich dann wie Figuren auf einem Schachbrett gegenüberstehen und hohl anglotzen.

Beck hat in der ihm eigenen Leutseligkeit, die ja nix schlechtes ist, meines Wissens zwei konkrete Punkte genannt, die er unter "handlungsfähiger Staat" subsummiert. Sie folgen unterschiedlichen Logiken: Das Bildungssystem und die betriebliche Mitbestimmung. Ersteres ist im staatlichen Institutionengefüge zu verorten, das zweite eine Rechts-Institution, die Handlungsspielräume in nicht nicht-staatlichen Organisationen erschließt (und andere einschränkt). Ersteres will er ausbauen, das zweite bewahren.

Frau Merkel hat - außerordentlich erfrischend und denkoffen übrigens noch dem Brutalo-Konservatismus einer ..

... von der Leyen, eines Schäuble, eines Söder, eines Uhl, eines Schöhnbohm, da konnte man zwischendurch mal wieder sowas wie einen "Duft der Freiheit" zumindest in der Rhetorik atmen - wie die meisten Wirtschaftsliberalen eigentlich nichts gesagt, oder ich habe es nicht mitbekommen, man belehre mich. Nichts außer: Weniger Staat.

Das ist natürlich hochgradig suggestiv, als politisches Programm im Sinne der FDP den Verzicht auf Politik zu fordern. Da ist für mich Beck zunächst mal Sieger nach Punkten, als Beleg mögen die "Das Sozialistenschwein fordert mehr Steuern!"-Ausrufe dienen - wo reflexhaft geschrien wird, hat wenigstens jemand was gesagt.

Weil die sinnvolle Debatte ja derzeit sein müßte, in welchen Bereichen der Staat überhaupt noch eine Rolle spielen soll, nicht die über ein "Mehr" oder "weniger": Beck hat's wenigstens angedeutet: Rechtsstaat und Grundversorgung sowie die Ermöglichung von Chancengleichheit im Bereich der Bildung. Sowie: Demokratie ist nicht auf Behörden, Versicherungssysteme und Palaver reduzierbar, sondern gehört auch in die wirtschaftlichen Systeme selbst. Kann man gut oder schlecht finden, ich find's gut, aber ist ja wenigstens eine Diskussionsgrundlage.

Man betrachte z.B. die bösen Briefe, die man gelegentlich von den Hamburger Wasserwerken erhält: Es ist für mich ein Skandal, daß eine öffentliche Ressource wie Wasser privatisiert wurde. Völlig unproblematisch fände ich hingegen eine Privatisierung der Autobahnen. Anders im Falle der Bahn: Die ist für mich zu subventionierender Teil der Grundversorgung.

Schreibe das nur, weil so überhaupt nicht diskutiert wird. Immer wird nur eine ideologisch motivierte Privatisierung von allem und jedem gefordert, auf der anderen Seite vom Staat gequatscht, aber niemand spezifiert, bei welchen Bereichen denn was Sinn macht.

Eine Privatisierung des Miltärs z.B. fordern ja noch nicht mal Wirtschaftsliberale. Bei der Polizei ist das schon was anderes, private Sicherheitsdienstse sind denen okay - ist ganz klar eine Aushöhlung des Prinzips des Gewaltmonopols des Staates, für das es ja gute Gründe gibt. In den USA sind auch Knäste privatisiert, was für mich wirklich schauerlich ist. Hier wird diese Diskussion auch bald losgehen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Bitte Butter bei die Fische, und Beck hat wenigstens schon mal angefangen. Ich behaupte jetzt einfach mal holzschnittartig, Sen wahrscheinlich vergewaltigend: Gesundheit, Bildung, innere und äußere Sicherheit sollten glasklar Aufgaben des Staates sein. Private Krankenversicherungen sind abzuschaffen. Und: Innerbetriebliche Demokratie hat eher ausgebaut denn eingeschränkt zu werden. Rechts-Institutionen sind zu schaffen, die die Möglichkeit des Miteigentums fördern und begünstigen. Und: Öffentliche Ressourcen müssen öffentliche bleiben. Die gehören allen zusammen und allen gleichermaßen.

Ein weiterer Ansatz von Herrn Beck ist eine starke Erhöhung der Erbschaftssteuer. Finde ich genau richtig. Ökonomische Chancen-Ungleichheit tradiert sich auf diesem Wege, jenem der Erbschaft. Für Chancengleichheit hat ein Staat als Organ der Demokratie Sorge zu tragen, weil gleiche Partizipationsmöglichkeiten am gesellschaftlichen Leben Vorraussetzung gelingender Demokratie sind. Was der Einzelne dann draus macht, ist seine Sache.

Keine Ahnung, ob sich diese Positionen sich durchhalten lassen, aber irgendwo muß man ja anfangen, zu diskutieren ...

25.04.06

Zur Relevanz moralischer Gefühle

Trendy ist es mittlerweile wieder, "Erregungs-" oder "Empörungs-""Kultur" als irgendwas Unsittliches zu klassifizieren. Hier von "Kultur" zu sprechen macht Sinn, weil ein Teilbereich von "Kultur" der Umgang mit den eigenen Gefühlen ist. Wilheminische Geister wie Wolfgang Schäuble, coole Strategen der gezielten Repression und Diskreditierung des politischen Gegners, arbeiten gerne und häufig damit, anderen das "Aufgeregtsein" zuzuschreiben und sich selbst das "Abgeklärtsein". Damit suggerieren sie, sie seien "vernünftiger" und tarnen strategische Operationen als begründete.

Auch bei Autoren quasi-befreundeter Blogs ist dieser Gestus jüngst mal wieder zur Entfaltung gekommen. Ein anderes Blog, das zumeist politisch ganz woanders steht als ich, aktuell aber gerade nicht, aktuell sind wir uns sehr einig, ein Blog, dessen Einträge ich regelmäßig sehr gerne lese und als Bereicherung meines Denkens empfinde, nimmt hingegen regelmäßig das Gefühl "Empörung" sehr ernst, z.B., wenn es darum geht, daß mancher hierzulande die von der Hamas für "gut" befundenen Selbstmordattentate als legitimen Akt der Selbstverteidigung mißdeuten will. Das empört mich auch, nachhaltig.

Drum versuch ich einfach mal einen kurzen ...

... Abriß über die Relevanz moralischer Gefühle. Tugendhat nennt in seinen "Vorlesungen über Ethik", Frankfurt/M. 1993, "Empörung", "Groll", "Schuldgefühle" und "Scham" als solche. Am zweiten Begriffspaar klebt etwas Altertümliches, christlich-repressives. Es ist typisch für Autoren wie Ernst Tugendhat, damit zu spielen, um einen bestimmten Leser- und Studententypus zu provozieren.

Wichtiger als die Provokation ist: Moralische Gefühle sind solche, die sich sowohl auf etwas in der Welt richten können als auch einen Selbstbezug zu dem, der fühlt, darstellen. Während kritisch-postmoderne Autoren Empörung und Groll in der Regel unproblematisch finden, also das, was sich auf Sachverhalte und Andere bezieht, sehen sie Moral insofern als etwas repressives an, daß sie über die Erzeugung von Schuld und Scham, dem berühmten schlechten Gewissen, Individuen unzulässig forme. Klassisches Beispiel ist die Sexualmoral der christlichen Kirche, die dann ein schlechtes Gewissen z.B. im Falle der Onanie produziere. Ich behaupte im Gegensatz dazu, daß Moral etwas viel zu wichtiges ist, als daß ein solches Argument sie im Namen der Freiheit entkräften könnte.

Aber wie geht das, das Moral einen Menschen auf der Ebene der Emotionen prägen und formen kann? Gefühle werden ja auch oft als natürliche Triebkräfte, das Irrationale, das "Andere der Vernunft" betrachtet, und das finden die einen dann gut, die anderen nicht.

Da helfen wie so oft die alten Griechen weiter - hier erläutert von Ernst Tugendhat:


"Für alle Affekte überhaupt gilt, was schon Aristoteles in einer für die ganze Tradition maßgebenden Klarheit gezeigt hat (...), daß es sich bei dem, was man Affekt nennt, immer um positive oder negative Gefühle handelt (Lust oder Unlust), die sich ihrem eigenen Sinn nach auf ein Urteil aufbauen, und zwar ein Werturteil. (...) Die moralischen Gefühle sind (...) dadurch definiert, daß sie Unlustgefühle sind, die sich auf das Urteil über den moralischen Unwert aufbauen: wir empfinden Empörung, wenn wir negativ gefühlsmäßig auf die nach unserem Urteil schlechte Handlung eines anderen reagieren(...)." Ebd., S. 20

Trivial ist das nicht: Da daß Urteil, die Aussage über einen Sachverhalt, den man bewertet, zumindest im besten Falle auch anhand rationaler Kriterien gefällt wurde, gibt es bei allen Affekten immer schon einen notwendigen, internen Zusammenhang zwischen Vernunft und Emotionen. Empörung mal eben als das "Andere der Vernunft" abzuqualifizieren oder aufzuwerten, je nachdem, ist sachlich falsch.

Moral hat zudem den Sinn, a priori verletzliche, weil immer schon in interpersonalen Zusammenhängen sich vorfindende Wesen zu schützen. Sie ist als Reaktionsweise auf sich selbst und auf Welt eine Facette personaler Identität, die nicht als "Identisch-Sein" mit sich selbst zu verstehen ist, sondern als ein Bündel von Dispositionen zu Aktions- und Reaktionsweisen, Einstellungen, Weltsichten, emotionalen Formen der Welterschließung etc. . Bei vielen Personen, nicht bei allen, stellt Moral auch einen wesentliches Element der persönlichen Integrität dar.

Insofern sei jedem zugestanden, daß seine Empörung immer auch a.) der Rationalität zugänglich ist, ja, sich auch rationalen Strukturen verdankt, auf ihnen aufbaut und b.) sich auf je spezifische Moralkonzepte stützt und c.) auch einen Bereich persönlicher Empfindsamkeit darstellt.

Das ist ja dieses so abgrundtief widerwärtige an dieser "Gutmensch"-Rhetorik: Keine der genannten Dimensionen ist sie bereit, anzuerkennen. Meiner Ansicht nach ist sie deshalb im engeren Sinne menschen-verachtend.

Ebenso perfide ist es, den Punkt c.) dahingehend zu verdrehen, daß Empörung so eine Art psychologischer Masturbation sei, die sich auf die Funktion der Selbstaufwertung reduzieren ließe. Das würde ich noch nicht mal einem Herrn Schönbohm unterschieben. Das mag es auch geben, das jedoch bei jeder emotionalen Reaktion, die auf moralischen Urteilen gründet, nun gleich zu unterstellen, ist boshaft und zynisch. Ich kann auch nicht Schlimmes an dem Versuch finden, "ein guter Mensch" sein zu wollen. Das macht zwar nicht wirtschaftlich erfolgreich, ist aber auch im Sinne der Anderen gut.

Micha Brumlik hat neulich in der FR versucht, z.B. die Begründung der Menschenrechte aus emotionalen Reaktionen auf Sachverhalte zu begründen. Diesem Projekt haben schon viele Moralphilosophen sich gewidmet, auch Adam Smith z.B.. Man muß jedoch auch die Urteile selbst, auf denen Emotionen aufbauen, zur Disposition zu stellen bereit sein. Das gebietet die prinzipielle Offenheit für den Anderen.

Es ist ja z.B. auch Empörung als Reaktion denkbar, wenn jemand im Bible Belt Sex vor der Ehe hat. Daß diese empörte Reaktion ein zunächst zu der Person gehöriges, sie in ihrem Person-Sein-als-solchem definierendes Gefühl ist, hat man das im Rahmen einer Moral der universellen Achtung zunächst zuzugestehen. Und dann hilft nur das Überzeugen-Wollen, daß die Moral, auf dem dieses Urteil fußt, eben die Falsche ist. Genau das ist ja der historische Prozeß der Aufklärung.

Nun ist's neuerdings wieder angesagt, wie schon einmal als Reaktion auf den Prozeß der Aufklärung geschehen, Partikular-Moralen an die Stelle des universellen Konzeptes, das die Aufklärung vertrat, zu setzen: Christentum, Kultur, das Nationale. Letzteres ist dann halt blond und blauäugig und hat Vorrang. Das sei in einem eigenen Eintrag beschrieben, wie das funktioniert: Das Nationale als Ersatz-Moral.

Das ist aber die ungleich wichtigere Frage als jene, ob Herr Nehm nun zu Recht oder zu Unrecht die Ermittlungsarbeit im Falle eines auf die Intensivstation geprügelten schwarzen Deutschen übernommen hat. Und so etwas ekliges wie die Unterstellung, daß man diesen Menschen auf der Intensivstation instrumentalisieren würde, wenn man sich massiv gegen Rassismus wendet, habe ich tatsächlich seit Jahren nicht gelesen ...

24.04.06

Schönbohmismus, schon wieder

So, wider Erwarten mal Positives über den Mann zum Einstieg:

"Mag auch die Zahl fremdenfeindlicher Überfälle in Deutschland nicht so hoch sein wie in anderen Ländern, so ist doch jeder Fall einer zu viel. Dass wir mit solchen Taten in den neuen Ländern zum Teil stärker konfrontiert sind als in der alten Bundesrepublik, ist ein Zeichen der Systembrüche."

So das Zitat des Tages der heutigen SpOn-Runde im Fall Rassismus in Deutschland. Der Verweis auf die anderen Länder sowie das Wort "Fremdenfeindlichkeit" seien mal wohlwollend übergangen, der Mann kann wohl nicht anders, aber mehr als solche Richtigstellungen, die für einen Schöhbohm potenziell schon der Sprung über den eigenen Schatten sind, vermute ich mal, will unsereins ja gar nicht.

Daß er's nun unbedingt in einem Kontext äußert, in dem er "Opferkonkurrenz" (Frau Dr. Ulrike Ackermann) ausgerechnet zwischen KZ-Insassen und inhaftierten, ehemaligen Soldaten des 3. Reiches schürt, bringt mich auch schon wieder nachhaltig aus der Fassung, aber das packe ich heute morgen nicht, ...

... das zu diskutieren.

Dazu bringt mich zu vieles, was hier in den Kommentarspalten steht und in jenen eines quasi-befreundeten Blogs, schon zu sehr um die Nachtruhe. Kein Scheiß.

Diese ganzen, vielfach variierten Sätze "Wer Rassismus thematisiert, schadet doch nur dem Ansehen Deutschlands", oder aber wahlweise jenem der Ostdeutschen, sind unerträglich. Eine ganz schlimme "Nestbeschmutzer"-Rhetorik. Irgendwie ist dann auch immer "die Linke" an allem schuld, und anstatt dafür Sorge zu tragen, daß wie vor der Debatte rund um den Asylrechtsparagraphen Rechtsextremismus schlicht geächtet wird, sind neuerdings jene die Bösen, die sich gegen ihn wenden. Machen das alles auch noch ausschließlich aus rein psychologisch eigennütziger Selbstaufwertung. Das ist ein Weltbild, da träumt man plötzlich wirklich vom Auswandern ... aber genau das wollen die ja. Deshalb lasse ich's.

Schönbohm liefert den entscheidenden Hinweis: Daß die Auseinandersetzung mit dem 3. Reich ja identitätsstiftend sein könne. Das ist einer der wenigen Identitätsdiskurse hierzulande neben jenem zum "Verfassungspatriotismus", den ich für sinnvoll halte - auch, weil beide aufeinander bezogen sind. Mittlerweile hat offensichtlich ein Selbstbild sich formiert, daß a.) Hinweise auf die Nazis von einst eh nicht mehr ertragen kann (so erklärt sich auch das Agitieren gegen Israel in allen möglichen, politischen Lagern), weil's b.) ja längst daraus gelernt zu haben glaubt, und deshalb so was wie Rasissmus in Deutschland gar nicht der Fall sein kann, weil's nicht sein darf, und wer's erwähnt, kratzt so nachhaltig am neudeutschen Selbstbild, daß er dann Schuld ist, nicht die Schläger. Gerade bei den Latte Machiato-Fraktionen in Berlin-Mitte und im Schanzenviertel usw. ein oft in Erscheinung tretender Reflex. Auch in deren Schatten formieren sich dann die rechten Banden ...

So kommen dann z.B. schwarze Akademiker nicht mehr nach Deutschland nicht etwa, weil sie in einigen Landstrichen und Stadtteilen sich nicht frei bewegen können, sondern, weil die "destruktive Linke" es wagt, dieses zu erwähnen. Armes Deutschland. Eigentlich ein tolles, vielfältiges Land mit viel Potenzial.

Aber die Söders, Schönbohms (mit Abstrichen), Schäubles (ohne Abstriche, den fand ich bisher eigentlich ganz vernünftig, aber was der in letzter Zeit äußert, reiht sich nahtlos ein in die neue Form der Konservativen Revolution), Uhls und wie sie alle heißen, drängen so derart massiv auf einen neuen Autoritarismus, daß mir Angst und Bange wird ...

23.04.06

"Neger bleibt Neger"

Na, nun ist klar, welche Strategie der rechte Rand verfolgt - da braucht man nur die Märkische Allgemeine zu lesen: Aufrechte Deutsche haben jüngst in Potsdam nur eine weitere Gewalttat gegen blonde, blauäugige Deutsche unterbunden, und wer "richtige" Deutsche "Schwein" nennt, darf sich über ein "dreckiger Nigger" nicht wundern.

Solche Tourette-Syndrom-artigen Ausrufe haben, nunmehr als spontane Eingebung, zumeist unter Alkoholeinfluß, durch die hohe Politik anerkannt, auch nix mit Rassismus oder gar Neonazitum zu tun. Und wer sowas als Rassismus behauptet, stigmatisiert lediglich die Brandenburger als solche. Da hat in Postdam doch nur der Nationale Widerstand einen in die Jahre gekommenen Rütli-Schüler in die Schranken gewiesen, der kurz davor stand, volltrunken seine Frau niederzumachen, wie Nigger und Kanaken, die Barbarei ihrer Herkunfstländer tradierend, das halt so tun.

Nebenbei - ich erinnere mich an eine Geschichte aus meinem unmittelbaren Freundeskreis, in der recht eindringlich die rassistischen Ausfälle eines Potsdamer Busfahrers gegen einen schwarzen Fahrgast, weiblich, in einem ansonsten leeren Gefährt geschildert wurden. War wahrscheinlich Gewalt-Prävention ....

Um die "eigenen Leute" kümmert sich ja eh keiner mehr, nur um Juden und "Ausländer", das wird dann auch von Kommentatoren beim Bembelkandidaten betont. Deshalb tritt Schäuble im Grunde genommen nur als Schutzmacht der "eigenen Leute" auf, die täglich unter "Ausländerkrimininalität" zu leiden haben, und Herr Schönbohm findet ja eh, daß rechtradikale Gesinnung unproblematisch ist, solange sie nicht gewalttätig wird. Oder habe ich ihn da falsch verstanden? Sind ja auch alles potenzielle Wähler dieses Mannes. Und Nazis sind seiner Ansicht sowieso nur jene, die aktenkundig sind. Steht auch so im SpOn-Artikel:


"Außerdem seien die beiden Verdächtigen nicht bei den Sicherheitsbehörden als Rechtsextreme bekannt."

Na dann! Und wenn Frau von der Leyens Erziehungsdiktatur - das hat die von Marcuse! - einschlägt, gibt's sowieso keine Nazis mehr.

Außerdem wird's Zeit, daß sich die Justiz mal wieder der Politik unterwirft! Unabhängigkeit der Ermittlungsbehörden - pah, der Nehm soll mal nicht den Dicken machen. Der hat das Ganze doch erst zum "Politikum" gemacht! Ein Politikum ist Negerklatschen an sich und für sich ja gar nicht. Sind ja nur alltägliche "Einzelfälle". Schon Thatcher hat schließlich gesagt: Sie kenne nur Menschen und den Staat, aber keine "Gesellschaft" dazwischen.

Schönbohm hat die Sache also im Griff. Seien wir also wieder stolz, Deutsche zu sein. Bleibt nur zu sagen "Neger bleibt Neger". So stand's wörtlich in den Kommentaren bei Ringfahndung. Erik hat's schnellstmöglich gelöscht. Ich hoffe, er hat den Typen angezeigt ...

22.04.06

Ich fieber jetzt mit Oberhausen!

Nicht, weil ich nicht mehr mit ganzer Seele und allen Emotionen St. Paulianer bin. Sondern, weil's bei uns nix mehr zu fiebern gibt. 0:2 in Osnabrück, so what? Wir werden eh wieder Sechster. Der Liveticker stürzt noch nicht mal mehr ab, kurz vor Abpfiff. Willkommen im Dazwischen.

Immerhin hat Oberhausen heute auswärts 'nen Dreier eingefahren, und das gegen Wuppertal mit dem Maly im Tor. Außerdem mag ich die. Gegen die sind wir Mainstream. Die sollen in der Liga bleiben! Bitte, bitte, schafft es! Immerhin seid ihr punktgleich mit dem Tabellenvierzehnten und nur 2 Punkte hinter Platz 12. Und Lübeck hat auch vergeigt, das ist schön. Nicht, daß ich die noch gerne in der Liga haben will - einfach so. Reine, boshafte, unmoralische Schadenfreude.

So bleibt nur die Politik, und Dr. Deans Versuch, per Blogroll ein linksliberales Bündnis zu schmieden, hat immerhin schon was Tolles mir gebracht: Ich bin auf diesen Text und die ihm angemessene Diskussion dazu gestoßen. Großartig!

Auf in's Dazwischen

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Quellle: Efraims Tochter

Manchmal passiert in Osnabrück auch heute noch Großes. Siehe oben. Ansonsten ist ist Osnabrück ja eher die Hälfte. Jene zwischen Hamburg und Köln mit dem Zug. Die Halbzeit. Die Mitte. Das Dazwischen. Vorher fährt man, nachdem die wirklich schönen Landstriche Deutschlands hinter einem liegen, weil man die Weser überquerte, ca. 1 1/2 Stunden durch's hügelige Nichts. Obwohl auch Syke vorbeirrauscht, wo der mütterliche ...

... Zweig meiner Familie einst in einem Verschlag auf dem Finanzamts-Dachboden hauste. Weil Pommernland abgebrannt war.

Aber ansonsten: Die Öde. Landschaft, die irgendwie übrig geblieben scheint - mit allem anderen wußten Schöpfer und Kultivierer was anzufangen, aber bei diesem Landstrich gingen dann die Ideen aus. Und wenn man endlich in Osnabrück angekommen ist, freut man sich schon fast auf die Industrieruinen vor Dortmund ... die sind zwar auch nicht schön, aber ungleich interessanter.

Heute fahren unsere Jungs dahin. Jene, die uns alle in eine große Blase Nichts gespielt haben. Eben auch in ein Dazwischen: Jenes zwischen zwei Drittliga-Spielzeiten. Man hat schon gar kein Gefühl mehr zu dem Spiel, außer daß man einen stets geifernden und prollenden Pele Wollitz, Wolle Pelitz, oder wie der Trainer da heißt, vor Augen hat. Und ganz viel lila. So viel lila, wie man es sonst seit den frauenbewegten späten 70ern auf einem Haufen nicht mehr gesehen hat.

Die Fans finde ich ja beeindruckend. Die dümpeln schon seit Ewigkeiten durch diese Drecklsiga, steigen zwischendurch mal kurz auf, lassen sich in der zweiten Liga eine Saison lang demütigen und kehren dann zurück zu den zweiten Mannschaften der Bundesliga-Vereine. Und deren Mannschaft ist dabei nie allein: Osnabrück hat wirklich leidenschaftliche, treue, begeisterungsfähige Fans.

Nicht, daß wir als St. Paulianer in Sachen Ligazugehörigkeit aktuell große Töne spucken könnten, überhaupt nicht, leider so rein gar nicht, drehen ja nun auch in der nächsten Saison die nächste Ehrenrunde ...

Erinnere mich besonders an zwei garstige Spiele gegen die Westfalen: Eines in der Aufstiegssaison in die erste Liga. Wir standen kurz vor dem Aufstieg, Osnabrück lag abgeschlagen auf dem letzten Platz ... trotzdem kamen 3000 Fans mit an's Millerntor. Und die Osnabrücker haben unsere Jungs schwindelig gespielt. Es war wirklich ein Desaster. Umtanzten unsere Abwehr wie Slalom-Stangen, ich gaube, Ansgar Brinkmann war damals bei denen. Binnen kurzem lagen wir 0:2 zurück, völlig verdient. Ich glaube, 2:4 ging's dann aus ...

Das andere Spiel war eines Hoyzer-Spiele. Es wurde immer behauptet, ausgerechnet dieses Spiel habe er nicht verpfiffen, wasweißich - ich war nach dem Spiel jedoch außer mir. Zum einen wegen unserer Mannschaft - die hat grausam gespielt, und insofern hatte Osnabrück schon zu Recht gewonnen. Aber ebenso ereiferte ich mich noch stundenlang in einer SMS-Diskussion mit einem Fußball-Kumpel über diese unsägliche, hundsgemeine, scheißarrogante Schiedsrichterleistung ...

Heute ist alles möglich. Bei beiden Mannschaften geht's um nichts mehr. Das kann ein langweiliges Unentschieden werden oder ein müdes 1 zu 0 für eine der beiden Manschaften. Wir könnnen die höchste Saisonniederlage kassieren - eigentlich glaube ich aber, daß unsere Jungs heute befreit aufspielen, ihren höchsten Auswärtssieg einfahren und unsereins dann in die Tischkante beißt, weil sie wieder zeigen, was sie eigentlich könnten ... und dann doch vergeigt haben.

21.04.06

Die Mutterkreuzlerin und die Bischöfin

Vielleicht doch lieber aus der evangelischen Kirche austreten? Zahle da aus Überzeugung monatlich ein Schweinegeld, habe mich dafür schon abends in Kneipen beschimpfen lassen - aber daß Frau Bischöfin Käßmann, die ich an sich sehr beeindruckend und ganz schön großartig finde, bei sowas mitmacht, finde ich schon erschütternd.

Es wäre ein Gebot christlicher Nächstenliebe, die eine prinzipielle Offenheit für den Anderen und das Andere immer auch impliziert, an solchen Gesprächen nur dann teilzunehmen, wenn auch Juden, Muslime, Philosophie-Professoren und andere Vertreter säkularer Moral dabei wären. Daß Frau von der Leyen individuelle Präferenzen und Prägungen ...

... generalisieren und Kindern als Zwang angedeihen lassen möchte, sei ihr noch zuzugestehen. Frau Käßmann nicht. Wohlverstandenes Christentum ist Glaube, nicht Indoktrination. Das formuliert man als Angebot, nicht per Regierungshandeln.

Selbst diese immer wieder sachlich unterkomplexe Behauptung, "unsere Kultur" sei christlich geprägt - die ist durch alles Mögliche geprägt, auch christlich, aber auch szientistisch, partiell autoritär, teils post-kommunistisch, teils liberal, teils kantianisch, teils sozialdemokratisch, teils durch Schalke 04 usw. - gehört auch zum neo-autoritären Gestus jener, die schon immer das Antiautoritäre an 68 irgendwie "undeutsch" fanden, und Frau von der Leyen spielt halt das ihr Zugedachte. So ist schließlich ihre Rolle in der Regierung, als eine Art Gegengewicht zur Modernität einer Frau Merkel dafür zu sorgen, daß der neoliberale Kurs der Arbeitnehmerentrechtung- und Unterwerfung eben durch sogenannte "christliche Familienwerte" flankiert wird, wahrscheinlich sogar ganz bewußt nach US-Vorbild.

Daß Frau Käßmann sie dabei unterstützt, wäre tatsächlich ein Grund, aus der Kirche auszutreten und ganz privat weiter zu glauben - weil das hier aus DIE ZEIT ganz richtig ist:

"Wenn es heute an Werten wie Verlässlichkeit, Solidarität oder Respekt mangelt, hat dies auch mit den veränderten gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnissen zu tun. Wenn Eltern in ihrem Berufsleben keine Verlässlichkeit mehr erleben, wenn die von der Wirtschaft und denselben Politikern geforderte Flexibilität Familien zerreißt, wenn alles nur noch dem Diktat der Märkte und des Gewinns unterworfen ist, dann können auch „christliche“ Werte nicht mehr gedeihen. Und wenn Schulen schlecht ausgestattet und mit Problemfällen überfrachtet sind – Stichwort Rütli-Schule -, können sie erst recht keine pädagogischen Reparaturbetriebe sein."

Christentum ist immer auch Kapitalismuskritik, da kann Max Weber noch so sehr dessen Geiste in der protetstantischen Ethik verortet haben. Deshalb spielt man als Christ auch nicht mit bei dieser Regierung. Und gibt zudem auch zu, daß vermeindliche "Werte" - sind ja gar keine - wie Verläßlichkeit (ist eine durch Werte begründbare Tugend und zudem eine Regel für die gebotene Konstanz von Handlungsweisen), Respekt (ist eine Haltung anderen gegenüber, die auch, aber nicht nur Vernunft gebietet) und Solidarität (ist ebenfalls eine Einstellung zu Anderen, die ihnen die gleiche Rechte wie mir selbst zugesteht und sowieso immer schon der menschlichen Interpersonalität eingeschrieben ist, auch wenn Liberale sich da immer ausklinken wollen) eben auch säkular begründbar sind und historisch auch in Abgrenzu zu dieser sich entwickelten. Kant hat nicht umsonst die Vernunft kritisiert, um für den GLAUBEN Raum zu schaffen. Und eine Einebnung beider Bereiche ist schlicht der Wunsch nach der Prämoderne. In die bestimmt auch Frau Käßmann nicht zurück will ...

Arische Begriffsverwirrungen

"Es liegen erhebliche Verdachtsmomente dafür vor, dass die Täter die Tat aus Ausländerhass und auf der Grundlage einer rechtsextremistischen Gesinnung begangen haben."

So zitiert SpOn die Bundesanwaltschaft im Falle der Postdamer Mörderschaft. Frau Bundeskanzlerin Merkel ergeht sich, wohl mit ganz ehrenvoller und respektabler Intention, in der Verurteilung von "Fremdenfeindlichkeit", und ihr Minister Schäuble findet's auch nicht besser, wenn Blonde, Blauäugige von Ausländern verprügelt werden. Auch Ausrufe wie "Scheiß Nigger" haben seiner Ansicht nach offensichtlich mit Rassismus nix zu tun. Waren ja auch "unsere Jungs", die Fasttotschläger, die müssen schließlich noch das deutsche Volk fortpflanzen, das hat die Demographie-Debatte ja ergeben, und da wollen wir die Sache doch lieber nicht so eng sehen. Das hat er nicht gesagt. Das lese ich mit guten Gründen da rein. So quatscht man an Stammtischen in der Provinz und rund um die Großstädte herum daher.

Aufrechte Journalisten aller Medien wechseln mittlerweile zwischen "Deutsch-Afrikaner" und "Deutsch-Äthiopier", was ja schon mal ein Riesen-Fortschritt ist und zeigt, daß da was in Bewegung gekommen ist, sprachlich.

Weil: Im Falle eines ganz normalen Deutschen da in Postdam von "Fremden-" oder "Ausländerfeindlichkeit" daherzuquatschen, wenn der, nur weil er zufällig schwarz ist und früher mal woanders wohnte, fast tot geschlagen wird, das ist nichts weiter als ein Beleg für das fortwirkende, völkische Bewußtsein dessen, was deutsch sei. Das bewegt sich dann im Paradigma der "Gerald, Du bist nicht Deutschland"-Kampage - zumeist ungewollt, in gut gemeinten Statements. Da sollte man aber drauf hinweisen.

Frau Merkel kann so weit aber ja auch nicht gar nicht denken, die ist ja abgeschottet im Osten aufgewachsen:

"Für Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus in Ostdeutschland machte Schäuble die Abschottung der Menschen in der früheren DDR verantwortlich. Es habe sich gezeigt, dass rechtsextreme Stimmungen dort am meisten gediehen, wo wenige Ausländer lebten. "Deswegen ist es eher ein Problem, dass in der früheren DDR die Menschen die Erfahrung gar nicht sammeln konnten, was für eine Bereicherung es ist, mit Menschen aus anderen Teilen der Welt zusammenzuleben. Aber die waren ja auch durch eine Mauer eingesperrt."


So Schäuble im Interview mit dem Deutschlandradio. Das Perfide ist, daß er bei einer noch nicht mal wirklich falschen Erklärung die Grundstruktur reproduziert sich findet: So einer wie der Afro-Deutsche ist und bleibt "Ausländer".

Daß Schäuble sich meiner Ansicht nach mit seinen blonden und blauäugigen Sprüchen in der logischen Struktur des "Bomben-Holocaust", im Rahmen dieser Nietzeanischen Umkehr- und Verdrehungssprüche bewegt, sollte als Grund für einen Rücktritt wohl reichen ... der Mann hat in einer Regierung im Jahre 2006 einfach nichts zu suchen. Zudem ein Schäuble sowas nicht einfach so dahersagt, als einer der wenigen Intellektuellen unter den Politikern Deutschlands ...

20.04.06

"Liberals": Ein Plädoyer für den Pro-Amerikanismus in einer bestimmten Hinsicht

Wo jetzt schon von Liberalen in kritischer Absicht auf mich als Liberalen, als der ich mich nur in bestimmten Hinsichten fühle, sehe oder definieren würde, gelinkt wird, mische ich mich doch einfach mal wieder in Grundsatzfragen des Liberalismus ein.

Das Antibürokratieteam verlinkt auf einen ganz spannenden und gründlichen Artikel eines Schweizer "Liberalen Instituts", der ironischerweise vor einer Amerikanisierung des Liberalismus warnt.

Gemeint sind Positionen wie jene von John Rawls oder Ronald Dworkin, die in der Tat, u.a. vermittelt u.a. über Jürgen Habermas und sein Umfeld, nachhaltig jene Positionen geprägt haben, die ich hier regelmäßig vertrete. Es ist ein politischer Liberalismus, insofern er eben nicht glaubt, daß Markt-Automatismen das Wahre, Gute und Schöne schon ganz von selbst hervorbrächten ...

... , und wer dabei auf der Strecke, hat halt Pech gehabt, sondern insofern er behauptet, daß eine auf starken Individualrechten fußende Demokratie das Medium der Freiheit auch des Einzelnen bildet.

Interessant an dem Artikel ist neben vielem anderen vor allem, daß wie so oft im marktliberalen Diskussionsfeld er kategorial schlicht minderbemittelt bleibt. Weil er alles auf die Opposition Staat-Individuum reduziert.

Genau das macht ja den reinen Wirtschaftsliberalismus so irreal: Daß er zwar alles Mögliche in seinen vermeindlichen Auswirkungen auf die betriebswirtschaftlichen Kriterien für individuelles Handeln zu beschreiben vermag, und über Geldmengen dann auch noch Bescheid weiß, aber meiner Ansicht ja noch nicht einmal die Basics interpersonaler, struktureller, kultureller und institutionalisierter Handlungsweisen und Organsitionsformen in den Begriff bekommt (da habe ich immerhin Wirtschafts-Nobelpreisträger wie Douglass C. North auf meiner Seite, wenn ich sowas behaupte).

Kurioserweise bewegt sich ja sogar die Diskussion rund um Anreiz oder Zwang, denen Hartz IV-Empfänger auszusetzen seien, im "Staat-Individuum"-Paradigma, deshalb kann da auch nicht viel Sinnvolles bei rauskommen. "Staat" ist ja nicht einfach nur Zwang oder Bürokratie, sondern hochausdifferenziertes Recht, parlamentarische Domokratie und vertritt in verschiedenen Formen das Gewaltmonopol; bei uns kommt noch der Förderalismus hinzu.

Es gibt unzählige Rechtsformen, die je anderes Zusammenarbeiten hervorbringen und allererst ermöglichen - Vereine, Stiftungen, Genossenschaften, GmbHs, Parteien, Ehe, GbR, AG etc. - im Rahmen derer völlig unterschiedliche Handlungstypen und auch Handlungsergebnisse erst erzielt werden können. Weil's schon unter 80 Millionen einfach wahnsinnig viel Zeit kosten würden, jetzt lauter individuelle Verträge zu erfinden, und zudem Rechtssicherheit für erfolgreiches, wirtschaftliches Handeln auch nicht unerheblich ist.

Die Abschaffung aller Rechtsformen, auf die die Anti-Staat-Rhetorik hinausläuft, ist schon funktional gar nicht mehr sinnvoll zu fordern, da käme schlicht nur ein riesengroßes Chaos hinten raus.

Zudem auch Individulität erst das Ergbenis von allerlei Beziehungsmustern und kulturelllen Prägungen ist, zu denen man sich dann verhält - um all das überhaupt sinnvoll diskutieren zu können, z.B., welche Rechtsformen und Institutionen nun wirklich sinnvoll sind und welche in der Tat da regulieren, wo's schädlich ist, muß man zunächst sich von dieser völlig unterkomplexen und deskriptiv verfehlenden Oppostion Staat-Indiviuum verabschieden. Und stattdessen spezifieren, was man meint, wenn man Staat schreibt - um letztlich auch Indivdualität und dem Individuum gerecht werden zu können und von mir aus auch allerei rechtlichen Unsinn abzubauen. Und da kommt man mit den US-Liberals schon ziemlich weit, wenn man beginnt, sich mit ihnen zu beschäftigen ...

19.04.06

Stoibers Parallelgesellschaft

Nun legen sie nach, die verbalrechtlichen Gotteskrieger aus Bayern. Daß dieses ganze Terrain offensichtlich angesichts der Auseinandersetzung mit dem Islam und Dank des Benedikt neue Brisanz erlangt hat, zeigen die Sprüche des vor der Bundespolitik geflüchteten Stoiber:


"Wenn man den Papst in dieser Weise darstellt, müssen wir uns das als Gesellschaft nicht gefallen lassen."

Das liest's man mal wieder, was der rechte Rand derselben unter Gesellschaft versteht: Die Befugnis zum Rausschmiß, zur Ausgrenzung, zum Verbot. Was heißt denn hier bitte "Wir als Gesellschaft"?

Der Papst besudelt und verhöhnt schließlich auch permanent die Gefühle von Millionen Deutschen, nämlich jene der Homosexuellen, und das noch nicht mal lustig. Ob die katholische Kirche überhaupt noch auf dem Boden der Verfassung sich bewegt, indem sie Frauen keine Priester werden läßt und Verhütung mit Mord gleichsetzt, ist für mich eh fraglich, das können Juristen beantworten. Was jedoch für einen Irrationalismus diese Glaubensfragen hervorrufen, kann man z.B. hier nachlesen - wenn man zwischen demokratischen und religiösen Fragen unterscheidet, gilt das neuerdings als Sonderreligion und Gebot der Beleidigung. Da verknoten sich ganz plötzlich Hirnlappen auch in Deutschland, wenn's um die Religion geht - hingehört und hingelesen wird zumindest nicht mehr. Aber nicht umsonst stammt die Vokabel "Dogma" aus dem Katholizismus. Außerdem will's mir gar nicht in den Kopf hinein, wieso jetzt immer so getan wird, als ginge es gegen das Christentum, wenn's gegen den Papst geht ... Luther hat hier auch 'ne Tradition begründet. Übrigens auch die des religiösen Antisemtismus, die hat er zumindest erschreckend bereichert. Womit ich jetzt wahrscheinlich die Gefühle der Evangelen verletzt habe, indem ich das schreibe. Aber Luther hat eben auch die religiöse Kritik einer Institution wie jener des Papstums begründet, und die Gründe waren sehr gute Gründe. Ratzinger alias Benedikt hingegen ließ jüngst verlauten, die evangelische Kirche sei ja gar keine. Auch das eine Beleidigung religiöser Gefühle, die "wir als Gesellschaft" uns nicht bieten lassen sollten?

Kann denn Liebe Sünde sein?

Da stimme ich ja sogar mal meiner neuen Lieblingsfeindin Dr. Ulrike Ackermann weitestgehend zu. Typisch nur für jene, die die Welt auf Systemgegensätze reduzieren wollen (übrigens ein verkappter Hegelianismus), hat sich in ihre beipflichtenende Rezension mit dem Buch "Gerhard Schulze, Die Sünde. Das schöne Leben und seine Feinde" ein Denkfehler eingeschlichen:


"Mit der Rückkehr des magischen, religiösen Denkens, das nicht nur dem Islam und islamistischen Fundamentalisten eigen ist, steht der Vorwurf der Sünde und des gottlosen Lebens wieder auf der Agenda. Und der Westen, dem diese Attacken gelten, verteidigt sich bisher vornehmlich auf der Ebene seiner abtrakten Werte und Verfassungsgrundsätze. Er verteidigt bisher nicht deren inhaltlichen Kern: nämlich die individuelle Freiheit, d.h. die Entfaltung der Persönlichkeit, das Ausleben der Gefühle, die Kultivierung des Sinns für Schönheit und die persönliche Suche nach Glück."

Das ist falsch, beides gegeneinander auszuspielen - falls sie das tut, vielleicht verstehe ich's ja falsch. Die abstrakten Werte und Verfassungsgrundsätze würden ja keinen Sinn machen, wenn sie nicht die Vorraussetzung für einen formalen, inhaltlich nicht weiter bestimmten Begriff des Guten oder des Glücks wären, also genau Teile dessen, was im Zitat gefordert wird: Individuelle Freiheit, Entfaltung der Persönlichkeit, die persönliche Suche nach Glück .

Die Verfassungsgrundsätze und die ihr zugrundeliegenden Moral sind ja nicht selbstzweckhaft. Auch von Verfechtern des Koran wird übrigens oft dessen Schönheit, nicht dessen moralische Richtigkeit in's Feld geführt. Die hedonistischen Welten, die Frau Dr. Ackermann feiert (ich würde die auch jederzeit feiern, aber nicht von jedem fordern) und deren Möglichkeit sind zweifelsohne großartige, historische Errungenschaften, können aber nicht verordnet werden. Es soll aber niemand daran gehindert werden, diesen Weg der Glückssuche zu beschreiten. Was übrigens die Frage nach Chancengleichheit nach sich zieht, man lese Armartya Sen - für diese Glücksentwürfe, die Frau Dr.. Ackermann beschriebt, bedarf es ja der materialen Basis. So in der Sahel-Zone zu leben ist schon schwierig. Na, ein wenig raffiniertes Essen und ein Schnäppchen aus dem Internet gefällig?

Und: Manch einer ...

... ist vielleicht auch glücklicher, wenn er die Gefühle im Zaum hält und auch sonst asketisch lebt. Materiale Glücksentwürfe, die als normative Forderung ("Du sollst!") auftreten, können ohne Absicherung durch eine formale Moral des gleichen Rechts auf Selbstverwirklichung aller dann schnell in's Totalitäre umkippen. Es gab ja z.B. gerade in den späten Achtzigern und Neunzigern auch Spaß-Zwang ("Mach Dich mal locker!", "Spaßbremse!"), der zwar bei weitem noch nicht totalitär war, auch wenn Adorno das glaubte, aber eben gerade das gleiche Recht auf Selbstverwirklichung einschränkte - manch einer verwirklicht sich halt einfach anders, z.B. in der Traurigkeit.

Insofern muß man schon beides aufeinander beziehen, die Moral und das gute Leben. Gegeneinander ausspielen bringt da wenig - aber ansonsten hat ihr Text schon Recht. Ergänzend ist vielleicht zu erwähnen, daß es, man höre und staune, im Iran einen Trend zu Schönheits-OPs bei Frauen gibt. Wurde mir von einem Iran-Reisenden so berichtet ...

Eines der wahrscheinlich schlechtesten Spiele ...

... der Regionalliga-Geschichte fand gestern im Hamburger Millerntor-Stadion statt.

18.04.06

Berlin, Berlin, wir schlagen heut' Berlin!

Welcome back in den Niederungen der Post-Euphorie! Daß es zumindest einen netten Hertha-Fan gibt, weiß ich ja mittlerweile - trotzdem ist's deprimierend, gleich, um jede Austiegshoffung gebracht, gegen die zweite Mannschaft des Hauptstadtclubs anzutreten, nachdem man die erste aus dem Pokal gekegelt hat. Es regnet, es stürmt, kann ein lustiger Kick voller absurder Zufälle werden ... wenigstens können die Jungs aus Berlin ...

... so nicht ihre Stärken ausspielen. Das Gemeine und Wettbewerbsverzerrende an den zweiten Mannschaften ist ja, daß die da oft echte Juwelen im Kader haben, die wir niemals an uns binden könnten ... gerade bei den Hertha-Amateuren erinnere ich mich an verdammt flinke Flitzer. Auf diesem Boden heute kommt das dann wohl nicht zum Tragen ... und trotz allem Gezeter über unser Team derzeit in Fan-Kreisen: Ich finde, man kann denen nix vorwerfen, gegeben haben sie wirklich alles, sie haben's nur in den entscheidenden Momenten nicht gekonnt. Warum auch immer. Außerdem haben sie uns wundervolle Momente geschenkt. Das gilt das "Danke!" weiterhin.

Ich wundere mich - nachdem ich nun auch die Rumpelfüße von Holstein Kiel gesehen habe, grauenhafter Fußball - zwar immer noch, daß eine Mannschaft wie die unsere nicht ganz oben steht. Weiß nicht, ob's an der falschen Mischung zwischen Routiniers und Jungspunden liegt, weil abgesehen von Dinzey die "alten Säcke" immer spielerisch glänzen wollen, obwohl das nicht unser Spiel ist, anstatt Ruhe in's Gefüge zu bringen und es zu strukturieren. Und die Jungspunde wie Arifi und Tornieporth spielen eben einfach nicht konstant. Am coolsten haben unsere Mittzwanziger durchgespielt: Schultz, Morena, Boll, Gunesch (obgleich, glaube ich, noch etwas jünger?). Vielleicht haben zu viele Spieler schon andere Verträge, oder die Qualität hat dann doch nicht gereicht: So what, besser mit St. Pauli in Liga 3 als mit Leverkusen, Bayern oder Wolfsburg in der Ersten. Und so feiern wir heute wohl einen Sieg in postkoitaler Trauer ... es geht ja um nix mehr. Dann klappt meistens was.

Anti-Antirassismus wirkt

Absurd und zugegebenermaßen abscheulich, daß man angesichts dieser Scheußlichkeit als erstes denkt: Wenigstens kommt das Thema so mal wieder in die Tagesthemen. Wenn irgendwo ein paar "Neger" verprügelt werden, interessiert das das ja normalerweise kein Schwein mehr. Der Nachrichtenwert ist gleich null, passiert doch eh täglich. Viel wichtiger ist vielen dann der Kampf, mal wieder die Dinge beim Namen zu nennen und endlich wieder "Neger" sagen zu dürfen gegen diese repressive, allseits dominierende, verlogene linke Politcal Correctness.

Da zitiert man doch einmal mehr nicht gerne, sondern aus purer Notwendigkeit heraus Frau Dr. Ulrike Ackermann von der Achse des Guten, die ihrerseits Herrn Finkielkraut im März-Merkur zitiert:

"Für Finkielkraut hat sich der Antirassismus des 21. Jahrhunderts letztlich in eine Ideologie und Quelle der Gewalt verwandelt, wie es der Kommunismus für das 20. Jahrhundert war." (Merkur, März 2006, S. 161)
Gemeint sind in diesem Fall arabische Gewalttäter in Pariser Vororten, die ihre Handlungen ...

... durch den in der französischen Gesellschaft ominpräsenten Rassismus rechtfertigen wollen. Kleine Anekdote aus meiner Jugend: Trampen in Südfrankreich. Ich steige ein, ein Blonder mit üblem Slang zückt einen Revolver. Nach kurzem Schreck höre ich aus dem Wortwurst heraus" Les Arabes!". Von denen würde er sich ja nicht unterkriegen lassen ... Trutzburg Europa.

Natürlich lassen sich Rassismus-Diagnosen auch in Legitimationsdikurse für Gewalt umformen, und das ist in vielen Fällen zu kritisieren. Daraus jedoch den Schluß zu ziehen, gegen den Rassismus lieber nix mehr zu sagen, weil er ja Gewalt bewirken könnte, ist so, als würde man behaupten, die Hamas solle lieber nicht mehr kritisert und ggf. bedroht werden, weil sie diese Kritik bzw. diese Drohung oder auch sich daran anschließende Handlungen zur Begründung für ein vermeindlich in Selbstmordattentaten sich äußerndes "Recht auf Selbstverteidigung" nutzen könnte. Die Struktur des Arguments wandelt sich nur unerheblich. Man kann es hin und herdrehen und schafft immer nur das, was man zu bekämpfen vorgibt: Gewalt.

Aber genau diese dumpfen Sprüche, jene des Anti-Antirassismus, fließen in den allgemeinen Meinungsstrom dann ein, in dem die Postdamer Schläger schwimmen wie Fische im Wasser.

Verstehe auch nicht, daß in Fällen wie dem oben verlinkten in allerlei Überschriften "Fremdenfeindlichkeit" dann steht, wenn's doch ganz offenkundig um Rassismus geht. Zudem, wenn ich's richtig gelesen habe, der Malträtierte ja auch mit einer "weißen Frau" verheiratet ist und zwei Kinder hat. In den gestrigen Tagesthemen war zudem die Rede davon, daß Beschimpfungen wie "Nigger" auf dessen Mailbox zu hören waren. Kann Zufall sein, muß es aber nicht - solcher "Rassenschande" wurde auch in den Südstaaten der USA vor gar nicht allzu langer Zeit mit Kastration und Lynchen begegnet.

Wenn man ganz offenkundigen Rassismus nun in "Fremdenfeindlichkeit" umtauft, bestätigt man nur das Bild, daß Schwarze hier "fremd" seien. Man sollte endlich auch begriffliche klarer fassen, daß das Eigene und das Fremde eben nicht entlang der Grenze "Herkunftsland" oder "Hautfarbe" sich behaupten läßt. Sonst kommt wieder irgendjemand um die Ecke und behauptet, es sei eine Zumutung für deutsche Gewohnheiten, jetzt ständig auf Schwarze und Araber in so hübschen, historischen Städten wie Postdam zu treffen, und wenn die alle weg wären, dann gäb's auch keine Gewalt mehr ... ungefähr so wurde ja einst die Verschärfung des Asylrechtsparagraphen legitimiert.

Für die bestimmt auch der Schönbohm war. Und der Herr SPD-Bürgermeister, im ZEIT-Artikel zitiert, scheint sich lange nicht mehr mit dem Thema beschäftigt zu haben, wenn er behauptet, die Attacke sei eine "neue Qualität" des Rechstextremismus. Es ist gar nicht so lang her, daß im Potsdamer Landtag eine Ausstellung zum Thema "Opfer rechter Gewalt" zu sehen war. Ansonsten ist's in der Tat eher trendy, den Opfer-Initiativen Geld zu entziehen. Und wahrscheinlich wäre auch der aktuelle Fall nicht schlagzeilenfähig, stünde nicht die WM vor der Tür ... die Welt zu Gast bei Freunden. Har,har,har.

16.04.06

Das ist Demokratie: Langweilig wird sie nie!

So, jetzt muß ich ja doch noch meinen erweiterten Senf zur Popetown-Debatte dazu geben, bißchen spät - aber wo ich hier gerade auf die etwas eigenwilligen Ausführungen bei Freedomwatch verwiesen wurde, einem mir bis dato unbekannten Weblog, hoffentlich linke ich jetzt nicht aus Versehen auf irgendwas aus der PI-Bruderschaft, kann ich ja nicht an mich halten.

Eigenwillig an der Position ist zweierlei:

a.) Sie hebt die Differenzen zwischen dem Prozeß der Demokratie und den Grundlagen, auf denen dieser beruht, auf. Es ist ja auch keine demokratische Entscheidung denkbar, die beispielsweise pauschal die Menschenwürde aufhebt oder Personengruppen, Sozialarbeitern oder Chefs von Banken z.B., das Wahlrecht entzieht.

Schon das Strafrecht als solches ist im Grunde genommen außerordentlich problematisch. Auch wenn's der Rechtspraxis nicht unbedingt immer entspricht, muß schon außerordentlich Gravierendes passieren, bevor in die Bürger- und Freiheitsrechte Einzelner eingegriffen werden darf. Die Meinungsfreiheit gehört zu diesen Basics, die nicht mal eben per Gesetz eingeschränkt werden dürfen, weil sie eben Vorraussetzung der Demokratie als solcher ist: Am Diskurs partizipieren. Sie erreicht erst da ihre Grenze, wo beispielweise Neonazis die Grundlagen der Demokratie als solche infrage stellen. Daß eine solche Infragestellung bei Popetown nun wirklich nicht vorliegt, ist ja wohl offensichtlich.

So können ja allerlei Leute, sich auf's Christentum berufend, gegen die Serie argumentieren und prozessieren, wie sie lustig sind, und auch gerne versuchen, die MTV-Macher zur Absetzung zu bewegen. Was völlig anderes sind die Initiativen, nunmehr den Blasphemie-Paragraphen verschärfen zu wollen. Das ist zutiefst undemokratisch.

b.) Dann steht da noch bei "Freedomwatch":


"Kollidiert der christliche Protest gegen „Popetown“ aber überhaupt mit der Meinungsfreiheit? MTV beeilte sich, klarzustellen, dass man mit der Serie keine Meinung oder politische Position vertreten wolle. Die Serie sei Satire und damit eine Kunstform. Auch deshalb ist der Protest der Christen keine Zensur, sondern höchstens der Versuch, die Sensibilität dafür zu wecken, dass eine Provokation nicht automatisch Kunst ist – und Kunst nicht immer der Provokation um des Provozierens Willen bedarf. "

Was für eine groteske Erörterung! Zum einen ist's absurd, angesichts der Historie des Christentums nunmehr zu behaupten, in den meisten Fälle habe dieses die andere Wange hingehalten, wenn es geschlagen wurde, wie Freedomwatch weiter ausführt. Das gab's zwar auch en masse, da gab's aber auch ganz anderes. Manche glauben aktuell angeblich sogar, der christliche Gott habe ihnen das Bomben schmeißen eingeflüstert. Und nunmehr in eine Welt zurück zu wollen, in der die Kirche oder der Staat entscheiden wollen und dürfen und sollen, welche Kunstformen denn nun erlaubt und welche verboten und welche überhaupt als Kunst anzuerkennen seien: Nee, das ist den Prinzipien der Demokratie widersprüchlich.

Wie gesagt: Da können sich ja gerne allerlei Christen - ich zahle auch Kirchensteuer, 'ne ganze Menge sogar, und das gern, bin aber auch evangelisch - gerne vor sich hinprotestieren, und gut ist, daß sie aktuell nicht die gleiche Militanz wie Islamisten an den Tag legen. Aber mit einer Interpretationshoheit über Künste auch in ihrer populären Form nun Gesetzesforderungen zu begründen - nee, ist für mich glatt verfassungsfeindlich, Herr Söder. Was jetzt in etwas Punkt (i) von Statlers Kommentar entspricht. Freedomwatch bekommt verschiedene Ebenen einfach durcheinander, analytisch ist das etwas schwachbrüstig.

Das ist allerdings auch nicht erstaunlich, wenn man da folgendes im selben Blog liest:

"Nun ist die moderne Demokratie westlicher Prägung ein Grundbestandteil der Ideologie des Liberalismus, und da es sich bei Ideologien um nichts anders handelt als um Religionen, die glauben ohne Gott auskommen zu können, und der Begriff "Ideologie" sowieso nur erfunden wurde, um dem Ruch des Religiösen zu entkommen, ist die Demokratie tatsächlich ein wesentliches Dogma bzw. die Staatsform der Religion Liberalismus."

Das ist zwar auch die Position der islamistischen Haßprediger, da bemüht sich Freedomwatch aber noch um Differenzierung. Das ist aber zugleich eine völlig verdrehte Vorstellung von Demokratie. Das Grundgesetz versucht z.B., Freiheit und Solidarität zu vermitteln, ist insofern weit mehr als nur die Lockesches Variante der liberalen Vorstellung, daß man einer in einem Staate organiserten Gemeinschaft nur deshalb beiträte, weil diese dazu da sei, das je eigene Eigentum zu schützen.

Starke Freiheits- und Menschenrechte sind ja nix, was der liberale Extremismus für sich gepachtet hätte. Die ganze linke Tradition ist eine, die zumindest auf Demokratie hinaus und es nicht akzeptieren wollte, daß die, die mehr besitzen, auch mehr zu sagen haben als die anderen. Das Rätesystem, welches in der Praxis haarsträubend und erschütternd schief ging, ist ja idealerweise auch eine Form der Demokratie. Leider nur idealerweise.

Demokratie heißt zunächst einmal nix anderes als die Selbstgesetzgebung und Selbstbestimmung derer, die über Partizitapionsrechte verfügen. Bei uns ab 18. "Volk" sind jene, die in einem Staat sich organisieren, und außer einem Alters-Limit gibt es auch keine Gründe, irgendjemanden auszuschließen.

Daraus ergeben sich dann eben auch starke Individualrechte, weil es keinen Grund gibt, einigen - z.B. Bischöfen - stärkere Rechte zuzubilligen als anderen. In dieser Hinsicht ist unser durch Lobbyismus geprägtes, reales demokratisches System ja auch gerade potenziell kurz vorm Umkippen, weil zumindest der Eindruck entstanden ist, daß Wirtschaftsführer aktuell mehr zu sagen hätten als "der kleine Mann auf der Straße", wie das früher hieß. Andere hingegen sind der Meinung, sie müßten sich ständig irgendwelchen Sozialismen unterwerfen, die demokratisch nicht legitimierbar seien. Für Demokratien ist dieses Auseinanderdriften nicht ungefährlich, weil aktuell kein Grundkonsens mehr besteht, wofür der Staat eigentlich da ist.

Alles in allem ist Demokratie trotz alledem ein Verfahren zur Entscheidungsfindung, keine Ideologie, die irgendwas mit Religionen gemein hätte. Religionen sind auch keine Ideologien, sondern Glaubenssysteme. Der Ideologie-Begriff macht überhaupt nur Sinn, wenn man ihn im Sinne der "Täuschung" begreift und dem dann eine wie auch immer zu formulierende Wahrheit entgegenhält. Und Religionen haben auch einen Wahrheitsanspruch, nur einen anderen als z.B. die Naturwissenschaft. Marx sah das anders, für den war in der Tat die Religion als "Opium für's Volk" Inbegriff der Ideologie. Ich halte das für falsch. Religion beantwortet einfach andere Fragen als die Demokratie, und da, wo sie glaubt, sie hätte die Fragen zu beantworten, die Demokratie beantwortet, ist sie übergriffig und gehört in die Schranken gewiesen.

Insofern stimme ich dem hier, dem hier und dem hier zu.

Aber: Interessant und aufschlußreich an der zustimmungsfähigen Kritik der Liberalen an den aktuellen, christlichen Forderungen ist ja was ganz anderes - gerade angesichts der wohlfahrtsstaatlichen Ambitionen von diesem Herrn mit der Mütze da in Rom. Das Christentum mit seiner Lehre der Nächstenliebe, des Altruismus, der Solidarität, der Barmherzigkeit, des Friedens, des Sich-Kümmerns um die Schwachen, Armen und Gebrechlichen formuliert in der Tat auch aktuell einen Gegenentwurf zu einem Menschenbild, das sich vor allem bei der individuellen Nutzenmaxierung nicht stören lassen will. Und dieser Gegenentwurf zu einer Totalisierung strategischen, individuell nutzenmaximierenden Handelns, das ist auch in säkularer Form, ganz ohne Bibel, formulierbar.

Von mir aus kann die auch gerne mit dabei sein, die Bibel, solange sie nicht wie die katholische Kirche Schwule und Frauen diffamiert und diskriminiert und, indem sie Verhütung mit Mord gleich setzt und aus dieser Position dann gegen Kondome in Afrika wettert, die Folgen sind bekannt. Das ist eine Debatte, die ungleich ergiebiger ist als jene über eine Cartoon-Serie auf MTV ...

Und wir harren der Auferstehung, die da komme ...

Auferstehung.jpg

Da hoffte man noch mal kurz. Ist immerhin Ostern - da geht's um Auferstehung aus dem Leiden. Das sind zwar eigentlich die Tage, wo man den Balkon in Ordnung bringt - gestern zwei Clematis gepflanzt, weil "The President" den Winter leider nicht überlebt hat -, Fenster putzt und dabei die Passionen von Bach hört. Ich mag ja die Johannes-Passion viel lieber als die Mathäus-Passion. Die hat mehr Power, mehr Leidenschaft, ist ungleich expressiver. Ja, ich weiß, das ...

... Johannes-Evangelium ist auch der Urgrund des religiösen Antisemitismus, und auch deshalb fand Luther es super. Die Bachsche Passion ist trotzdem das Göttliche als Musik ... die Umformung der Materie in Geist ist Grund jeden Kunstwerks, hier jedoch ist ein nie wieder erreichter Gipfel bestiegen, da die Musik noch den Geist selbst transzendiert.

Kunst als Postmaterialismus: Geld allein macht eben auch nicht glücklich, auch das lehrt das Christentum in größtmöglicher Intensität - obgleich's doch besser ist, im Taxi zu weinen als im HVV-Bus, oder nicht? Das böse, fiese Leben erdrückt uns, mögen die Straßen auch uns gehören, wenn die Pinneberger und Holstein Kieler wieder weg sind: In Erinnerungssplitter tritt man dann trotzdem, z.B. an jene der letzten Aufstiegsfeierlichkeiten ... wie man lesen kann, bin ich gerade bei Kettcar, noch nicht bei Bach angekommen. So 'ne Passion direkt nach'm Aufstehen, nee ...

Empfinde die Symbolik der Oster-Geschichte immer wieder als eine, in die tief hinein man gehen kann, um sich neu zu erfahren. Daß der Geknechtete stellvertretend das Leid durchlebt und dann transzendiert hin zu einer besseren Welt, im Tiefpunkt das Göttliche findet und dadurch neue Welten betritt und spürt, was so unermeßlich viel größer ist als wir alle, daß er wie der platonische Gorgias uns zeigt, daß es besser ist, Unrecht zu erleiden als Unrechtes zu tun - ich habe das immer auch als Allegorie auf psychologische und politische Prozesse gelesen.

Wenn intensiv man lebt, dann macht man ja auch immer mal wieder diesen Prozeß durch ... glaube auch, daß Jesus über dieses MTV-Plakat sich amüsiert hätte. Und über Popetown erst Recht.

Lachen sabottiert Herrschaft, das zeigt Eco so nachhaltig überzeugend im "Namen der Rose" - daß Christentum zum Herrschaftswissen wurde, ist ein historisches Desater und zutiefst unchristlich zudem. Finde immer wieder, daß sowas wie ein Papst mit dem Christentum rein gar nichts zu tun hat ... diese letztlich weltliche Institution, die Glauben in Regelwissen übersetzt, dadurch depotenziert und mithilfe dessen Menschen unterdrücken will, indem es vorgibt, sie anzuleiten, das ist doch das Gegenteil von Spiritualität. Und der aktuelle Papst guckt immer so, als ob er das auch wüßte ... Bachs Werk hingegen ist wohl das höchste, größte und wundervollste, was je Spiritualität spürbar und erlebbar machte. Aber der war ja auch Protestant. Ich gebe als Tagesmotto mal "Bach statt Papst" aus und finde das sehr österlich.

Warum ich das alles schreibe? Zum einen, weil's mir wirklich viel bedeutet. Zugleich jedoch, weil ich über das Spiel gestern nicht schreiben will. Noch die Chance verpaßt, die man gar nicht mehr hatte ... bis wir dort am Millerntor, gleich neben dem Heiligengeistfeld, auferstehen in eine bessere Liga, das wird dann noch eine Weile dauern.

15.04.06

Fußballers Tierwelt

Störche siegen nicht.jpg

Bild: Michael-Otto-Institut

Ball wegschlagen gilt nicht! Das Bild, ein journalistischer Beleg, daß Störche eben auch nicht immer siegen - wie sich ja gerade in letzter Zeit häufiger gezeigt hat. Gut, wir auch nicht, das konnten sich ja gerade über 10 Millionen live im Fernsehen anschauen, wie virtuos, kampfstark und leidenschaftlich wir nicht siegen. Aber Kiel hat noch ein wenig mehr verspielt, immerhin waren die in der Liga mal ganz oben, wir nur nah dran, und wenn wir schon nicht sollen, dann gönne ich doch eher den Jenesen den Aufstieg. Weil sie keine Sachsen sind. Obwohl ich gar nix gegen Kiel habe. Mag die Stadt ...

... und die Förde, mag die Holsteiner für ihren trockenen Humor und die Landschaft sowieso. Gut, Ostsee ist nicht Nordsee, aber auch schön. Und viel mehr gibt's über Kiel ja auch nicht zu sagen? MC Winkel wäre doch auch nie MC Winkel geworden, wenn er nicht aus Kiel käme. Da muß man halt viel Langeweile kompensieren ...

Über Störche gibt's aber schon was zu sagen! Kann man auf der oben verlinkten Seite nachlesen. Die sind als Zugvögel nicht nur Vorreiter der Globalisierung, die haben auch das Prinzip der seriellen Monogamie für die Menschen vor-erfunden. Sind sich nämlich nur eine Brutsaison treu und sonst eher ihren Nestern, echte Materialisten. Sie schmeißen auch nicht das erstgeborene Ei aus dem Nest, und Adebar, wie sie ja auch genannt werden, heißt "Glücksbringer". Als Fruchtbarkeitsymbole gelten sie unter anderem, weil sie sich mehrfach täglich paaren. Auch das wahrscheinlich aus Langeweile - jener, die ensteht, wenn man nun ausgerechnet zum Symboltier eines Kieler Fußballvereins wurde. Dann rammeln sie und träumen von Sevilla, Hamburg oder Amsterdam ...

Aber, mal ehrlich - so pitorresk die Viecher ja sind, da finde ich Schnabeltiere beispielweise oder Gottesanbeterinnen oder Wombats ungleich spektakulärer. Es ist sowieso seltsam, warum Fußballvereine sich so seltsame Tiere als Spitznamen ausdenken: Fohlen, Geißböcke, Zebras. Übrigens drei Huftiere - an Ostern erscheint mir das ein wenig teuflisch ... vor allem der Ziegenbock ...

Da ist man doch lieber auf Seiten der "Pirates of the League", der "Kiezkicker", und genießt sogar mal kurz das Klischee vom "Freudenhaus der Liga". Weil ohne uns andere Ligen eben freudlos sind.

14.04.06

Das Wort zum Karfreitag: Für eine Moral der universellen Achtung!

Die aktuelle DIE Zeit lohnt sogar mal wieder. Die spannendsten Artikel habe ich online nicht gefunden, aber allein schon der Leitartikel von Feridun Zaimoglu hat's in sich. Der entwirft, wie ich finde, sehr gelungen ein Szenario des Zusammenlebens aller hier auf deutschem Territorium auf der Basis einer Moral der der wechselseitigen Achtung:

"Achtung zu haben ist das moralische Gebot der Stunde. Spätestens jetzt sollte man sich von dem Begriff "Respekt" verabschieden. Er ist zur hohlen Phrase von Vorortschlägern verkommen, die ihn benutzen, um ihre Rücksichtslosigkeit zu legitimieren."
Die ZEIT, 12.4. 2006, S. 1

Da ist was dran. Bisher hätte ich "Respekt" und "Achtung" ...

... wohl sehr ähnlich verwendet, aber vielleicht hat dieses Hip-Hop-Macho-Gepose und "Respect!"-Gerufe auch eine hierarchische Variante hervorgebracht, die eher "Knie nieder, hier komme ich!" bedeutet. So eine Art kulturelle Etablierung des Effenbergschen Fußballspiels. Achtung hat zudem den Vorteil des stärkeren Gegenbegriffs: Mißachtung. Auch sonst spaziert Zaimoglu sehr souverän durch ein ausgewogenes Diskursuniversum. Der "deutschen" Seite ruft er zu: Wer nur Dekrete brüllt und zugleich Jobs verwehrt, löst auch keine Probleme. Der "türkischen" Seite hingegen: Leude, schwenkt beim Länderspiel auch mal deutsche Fahnen und bemüht euch aktiv um Partizipation und ein Verständnis für die Kulturen der anderen Seite (Kulturen schreibt er nicht, ich schon).

Inmitten der Ausgabe findet sich dann noch eine Doppelseite, auf der kontrovers allerlei rund um die "Integrationsdebatte" diskutiert wird - bis auf einen Text von Ulf Poschardt auf einem durchgängig hohen Niveau. Ich verstehe nicht, wieso jemand, der ein so wundervolles Buch wie "DJ Culture" geschrieben hat, so dermaßen abkacken kann. Höhepunkt seiner Sehnsucht nach Komplexitätsreduktion:


"Das seit 1945 traumatisierte Verhältnis der Deutschen zur Nation erschwert Integration. Das Antideutsche vieler Mulitikulturalisten erschwert Integration. Der deutsche Paß bleibt ohne lebensweltlichen Überbau folgenlos. Vor diesem Hintergrund kann man es einem Ex-Pakistani oder Ex-Albaner kaum verdenken, daß er seine alten, nationalen Traditionen pflegt, wenn sich die deutsche Mehrheitsgesellschaft gegen jede Identitätsbildung sträubt."

Ebd., S. 5

Schon wieder dieser ewige Trauma-Quatsch. Ein Teil der deutschen Staatsbürger hat schlicht von den USA gelernt, daß man Freiheit auch genießen kann und in dieser Hinsicht es sich in Deutschland bisher ganz gut lebte, zumindest seit der zweiten, kulturellen Befreiung um 1968 herum, und im Osten dann eben nach dem Mauerfall mit Einschränkungen auch. Das ist nicht antideutsch, das ist trans-national.

Und ein Patchwork aus Identitäten, das sich gar nicht national zu bestimmen braucht, ist ja auch was Schönes. Bin mir auch sicher, jedes Mal z.B., wenn ich im Kiosk an der Feldstraße einkaufen gehen, daß die Türkenjungs da hinter dem Thresen, immer gut gestylet und coole Musik hörend, genau das genießen. Die gehen übrigens sehr zärtlich mit ihren unverschleierten Freundinnen um.

Es geht mir auch auf den Senkel, daß mir ständig irgendwelche Leute Identitäten zwangsverordnen wollen. In der Tat entfleuchen mir im Kontakt mit Franzosen auch Sätze wie "Meine Güte, wir haben aus dem Krieg wenigstens was gelernt, die nicht". Und da bin ich dann auch ganz stolz drauf. Das hindert mich aber in keinster Weise an der prinzipiellen Achtung anderer Lebensformen, solange diese nicht selbst gegen jene prinzipielle Achtung verstoßen. Und "Identität" behaupte ich in allen möglichen anderen Hinsichten, da ist nicht "deutsch" das Primäre. Und Identisch-Sein mit mir selbst will ich auch nicht, das ist das Gegenteil von Freiheit. Mit dieser Vorstellung von "Deutschtum", die sich z.B. in Südbrasilien, in Joinville oder Blumenau, verhältnismäßig problemlos konserviert hat und die manche auch hier konservieren wollen, will ich nix zu tun haben.

Was zu einem anderen Artikel auf S. 4 überleitet: Lale Akgün, SPD-Abgeordnete, diskutiert unter der Überschrift "Null Toleranz für die Doppelmoral" das auch hier heiß diskutierte Thema "Ehrenmorde".


"(...) Wie kommt es, dass Männer aus islamisch geprägten Kulturen im Namen der "Ehre" Morde begehen wie im Fall der jungen Berlinerin Harun Sürücü? "Weil sie leben wollte wie eine Deutsche, musste sie sterben". Diese Schlagzeile ging nach ihrem Tod durch die deutsche Presse. Was daran ist falsch? Alles. Denn man übernimmt unreflektiert die Selbstwahrnehmung von männlichen Tätern, die tatsächlich glaubten, ihre Schwester habe die "Ehre" der Familie dadurch "beschmutzt", dass sie ein selbst bestimmtes Leben führen wollte."

Sie verweist darauf, daß systematische Analysen zum Thema hierzulande bisher ausgeblieben seien, literarische Erfahrungsberichte gibt es ja. In der Türkei sei das Thema ausgiebig untersucht worden vom "Untersuchungsausschuß zu Ehrenmorden". Diese habe ergeben, daß ein monokausaler Zusammenhang mit dem Islam nicht nachweisbar sei, es gäbe diese z.B. auch in Indien (und dort nicht unter Muslimen). Diese "Tradition" sei älter als der Islam. Ein systematischer Zusammenhang ergäbe sich jedoch zu jenen religiösen Überzeugungen, die die Geschechtertrennung begründen wollen. Frohe Ostern nach Rom. Feudale und patriarchale Strukturen seien maßgeblich, um eine solch scheußliche Praxis hervorzubringen.

"Ehrenmorde sind das ultimative Mittel zur Zementierung eines männlichen Herrschaftsanspruches. Sie kommen dort vor, wo Männer eine extrem starke Machtposition innehaben - oder diese Machtposition in Gefahr sehen. Beide Faktoren - patriarchale und feudale Strukturen - sind in den ländlichen Gebieten, vor allem im Südosten der Türkei und in Mittelanatolien, besonders ausgeprägt."

Die meisten Ehrenmorde würden jedoch in den armen Vororten der Großstädte verübt.

"Dort trifft das patriarchalische System auf die moderne Leistungsgesellschaft. Es zählt plötzlich nicht mehr allein ein überholtes Rollenverständnis, sondern die Leistung des Indiviuums."

Was übrigens meine These belegt, daß Fundamentalismen immer schon eine Reaktion auf Modernisierungsphänomene sind. Wieso zum Teufel wollen nun immer mal wieder ausgerechnet Liberale das Traditionale stärken? "Traditional", das ist auch hierzulande das Patriarchat. Da ist erst um '68 herum gegen massive Widerstände etwas in Bewegung geraten, übrigens unter einer sozialliberalen Koalition. Diese Denkfigur, daß Gleichberechtigung nun als deutsche Tradition, Kultur, wasauchimmer ganz plötzlich der mittelalterlichen, islamischen Kultur gegenüber stünde, ist schlicht falsch. Nicht falsch, was die Sitten und Gebräuche in ländlichen Regionen der Türkei betrifft, sehr falsch aber, was die Selbstbeschreibung der deutschen Gesellschaft betrifft. Nun, endlich, haben wir eine Frau Bundeskanzler, aber wieviel Prozent Professorinnen gibt es? Diese ganze Neo-Reac-Gebährdebatte hat doch nur wieder belegt, daß auch hierzulande sowieso noch eine ganze Menge zu tun ist ...am besten gemeinsam mit Leuten wie Feridun Zaimoglu. Der ist da weiter vorn als der noch immer von '45 traumatisierte Ulf Poschardt. Ich freu mich bis heute alltäglich über die damalige Befreiung ...

Ganz spannend auch auf S. 5 ein paar Zitate aus der Frühzeit der Multikulti-Debatte, die widerlegen, daß Multikulti-Verfechter sich die ganze Veranstaltung immer schon als eine Art "Karneval der Kulturen" vorgestellt hätten:

"Die multikulturelle Gesellschaft ist ist hart, schnell, grausam und wenig solidarisch, sie ist von beträchtlichen, sozialen Ungleichgewichten geprägt und kennt Wanderungsgewinner und Modernisierungsverlierer".

So schrieb's Daniel Cohn-Bendit vor 15 Jahren in DIE ZEIT, nachdem er im Deutschland der 80er im "Amt für multikulturelle Angelegenheiten" der ZEIT zufolge die ersten "Mami spricht deutsch"-Kurse organisierte - um seiner eigenen Propehzeiung entgegenzuwirken. Wer hat hier neulich behauptet, gegen einen vermeindlich linken Zeitgeist sei so etwas wie eine Forderung nach Deutschkursen nicht durchzusetzen gewesen unter dem "Dicken"? Es ist wirklich krude, wie all diese "Wir bashen links"-Freunde offener und anderer Gesellschaften sich mittlerweile genuin linke Forderungen, die z.B. im "Weiberrat" einst formuliert wurden, nun einverleiben, als seien es nicht jene Freiheiten, die gegen ihre konservativen Freunde erst hart erkämpft werden mußten.

Das Zustimmungsfähigste schreibt dann mal wieder die alte Garde: Theo Sommer in diesem Fall, auch auf S.5:


"Wohl aber wird ein multi-ethnisches Deutschland unsere Zukunft sein: Gewöhnen wir uns an Bindestrich-Deutsche: an Turko-Deutsche und Graeco-Deutsche und Italo-Deutsche. Sie alle dürfen ihre unterschiedlichen Wesensgrundierungen behalten. Die Voraussetzung ist jedoch, daß die das Erbe der Aufklärung akzeptieren: Freiheit, Toleranz, Offenheit, Gleichberechtigung der Geschlechter, Trennung von Staat und Kirche, Politik und Religion".

Ja, eben. Daß er nun jedoch eine europäische Leitkultur formulieren möchte und wie auch Cohn-Bendit vor 15 Jahren glaubt, es ginge um Werte, sei infrage gestellt, weil Normen eben keine Werte sind. Das Bild der Mosaik-Gesellschaft, daß Sommer vom US-Philosophen Amitai Etzioni übernimmt, gefällt mir schon besser: Eine Rahmengesellschaft, deren Material die universelle Achtung ist, die Zaimoglu fordert. In das sich dann die Mosaiksteine einfügen.

Bleibt nur zu sagen: Klaus aus Deutschland raus! Hier hagelt's gerade ... wenn er in die Sonne emigriert, komme ich mit ...

13.04.06

Never mind the Ballacks!

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Foto: FC 42.

Angeschlagen, heiser und doch ganz glücklich und beseelt wacht man auf... in vorauseilendem Kater-Bewußtsein lieber 'nen Tag freigenommen ... die Bilder des gestrigen Abends ziehen vorbei: Wie man vor dem Clubheim sich sammelt, der Bayern-Bus durch zufriedene St. Paulianer hindurchfährt, Uli Hoeneß uns durch die Scheibe zuprostet, zum Beispiel. Wir haben zurückgeprostet, und dafür wird mein Kumpel Tom aus Oberhausen ...

... mich irgendwann abends beim Bier wieder wüst beschimpfen. Wenn der Gegensatz so groß ist, wie's beim FC St. Pauli und den Bayern der Fall ist, dann ist da schon wieder Platz für Harmonie. So erklärten sich auch die "roy Makaay, Roy Makaay"-Chöre auf unserer Seite, wenn der mal wieder 'ne Chance versemmelte ...

Ansonsten steigen einfach nur die Bilder eines wirklich phänomenal aufspielenden FC St. Pauli in mir auf. Man, was war ich stolz auf die Jungs. Die haben wirklich alles gegeben. Toll gespielt. Klar, die Bayern haben sie auch spielen lassen, trotzdem gab's diese Phase in Halbzeit 2, da hatten wir sie. Da hätten wir das Spiel drehen können, da waren die kurz so panisch wie die Hertha damals kurz vor Weihnachten. Hat nicht sollen sein - ein Drittligist, der so aufspielt, hätte das Finale allerdings verdient.

Die Stimmung war ein fast schon religöses Zelebrieren dessen, was den FC St. Pauli so einzigartig macht. Gänsehaut, Schluchzen sitzt im Hals, Glück greift um sich. Wundervolles Feuerwerk auf der Gegengeraden, und uns und den Sponsorenkartenkontingentsitzern um uns herum wurde wieder eine aufwändige Choreographie gebastelt. Danke!!! Die Pappen hielten dann auch der ZDF-Unterhaltungschef und die Familie Kerner hoch, die saßen direkt vor mir. Auf der Gegengeraden fragte ein Transparent: "Münte, hast Du Deine Karte auch bezahlt?" Gute Frage, eigentlich.

Überhaupt, der Johannes B. Kerner. Das imponiert, wie uneitel er sich all den Handy-Foto-Wünschen fügte und binnen kurzem aufrichtig interessiert die halbe Haupttribüne ins Gespräch verwickelte - dicke Frührentner mit Schnurrbart ebenso wie Post-Punk-Freaks. Liebevoll seine Kids und seine beeindruckend hübsche Frau umsorgte - auch wenn das eine Kind 'nen Bayern-Schal gekauft haben wollte, na ja, Kinder sind halt so. Kein Hauch von Diva, Arroganz oder irgendetwas in die Richtung strahlten die aus, die Kerners. Super.

Was es mit der "Littmann raus!"-Choreographie auf der Gegengerade auf sich hatte, das wollte er auch wissen. Und das ist in der Tat spannend: Im Vorfeld des Spiels stellte sich heraus, daß das Hamburger Abendblatt alberne Winke-Händchen aus Pappe mit der Aufschrift "Bye, Bye, Bayern" verteilen wollte. Nun sind die "Choreographien", die ganzen Fahnen, Transparente, Papptafeln, die so beeindruckende Gesamtbilder in Fankurven ergeben, den St. Paulianern heilig. Während Bayern die mittlerweile meines Wissens an Agenturen rausgibt und seinen Fußball-Konsumenten so Stadion-Atmosphäre suggerieren will, lief seit Januar in Fankreisen rund um's Millerntor bereits die Vorbereitung für die "Bayern-Choreo" - Spenden sammeln, Helfer organisieren, basteln. Federführend Norbert vom oben verlinkten FC 42, der mir - Danke!!! - auch erlaubt hat, bei Quellen-Nennung Fotos von seiner Seite hier ins Blog zu stellen. Heerscharen kreativer Fans also damit beschäftigt, originelle Gesamtbilder zu inszenieren - und dann kommt so ein Springer-Drecksblatt und entwirft eine Konkurrenz-Veranstaltung. Da machte sich im Vorfeld des Spiels zu Recht Empörung breit - ich habe gestern keine Papp-Händchen gesehen, ich glaube, die Abendblatt-Aktion wurde zurückgerufen. Die Antwort sah man dann im Stadion: "Bye, Bye Littmann"-Händchen wurden geschwenkt.

Corny Littman ist bekanntlich unser Präsident, ein Mann, vor dessen Lebensleistung ich ungeheuren, wirklich UNGEHEUREN Respekt habe. Eine solche Biographie ist unendlich imposant. In manchen Fankreisen ist er mittlerweile für alles Böse in der Welt verantwortlich; manche brauchen das ja, daß sie fortwährend gegen irgendwelche Überväter pubertieren. Es gibt freilich auch viele sachliche Gründe, sich über Littmann aufzuregen - einige in der Historie, aktuell im Vorfeld des Spiels kursierten Gerüchte, er habe sich im Falle der Fan-Gegenwehr gegen Nazis im Stadion und im Viertel rund um das Chemnitz-Spiel nicht ausreichend mit der Kritik des Fan-Beauftragten an der Polizei solidarisiert und zudem auch nicht mit jenen Fans, die nach dem Spiel vor dem Stadion gegen die Faschisten protestierten.

Es gab ja in der Tat allerlei mediale Versuche, diesen Aufstand der Anständigen in "links=rechts"-Randale umzudeuteln. Uns stellte es sich so dar, daß die Hamburger Polizei lieber Wasserwerfer gegen St. Paulianer einsetzte, als strafbare Handlungen zu unterbinden. So flogen Flaschen auf einen Bus mit Chemnitzern drin, als diese den Hitlergruß zeigten. Gegen die Flaschenwerfer ging man vor (wohl zu Recht, verstehen tu ich's trotzdem), gegen Neonazi-Symbole meines Wissen und meiner Beobachtung nach nicht. Littmann habe sich hier nicht deutlich genug positioniert, wird ihm nun vorgeworfen.

Was da Gerücht ist und was Fakt: Keine Ahnung. Choreographien an Springer-Presse zu verkaufen, nachdem Fans seit Monaten hochkreativ selber welche planen, das ist auf jeden Fall außerordentlich Scheiße.

Wieso das alles wichtig ist? Weil genau das der Gegensatz zu Vereinen wie Bayern München ist. Bei uns wird kontrovers diskutiert, nicht nur konsumiert, der Verein als Zusammenschluß von Menschen, nicht als Wirtschaftsunternehmen betrachtet. Was nix gegen Wirtschaftsunternehmen ist, jedoch ein Plädoyer dafür, jene Räume, in denen noch gemeinschaftlich kreativ gehandelt, gelitten, gefeiert und gestritten wird, eher auszubauen denn abzuschaffen. Der FC St. Pauli ist so ein Raum.

Daß der Schiri gestern lieber Gehältern teurer Nationalspieler sich unterwarf und dem wohl nicht zustimmen würde, das konnte man auch wieder gut beobachten. Bayern dürfen schubsen, wir nicht. Auch das war dem Spielverlauf zu entnehmen. Und Ballack ist ein Fußball-Darsteller, ein Poser, kein Fußballer. Ansonsten war das Auftreten der Bayern aber eigentlich ganz sympathisch.

Wobei sie neben unseren Helden trotz Sieg nicht wirklich glänzen konnten. Da war wieder Leidenschaft auf dem Platz. Daß diese Truppe trotz ärgerlichem Versagen in der Liga uns diese Pokal-Erlebnisse beschert hat: Danke, danke, danke! Somit gilt nach dem Spiel wie vor dem Spiel: Never mind the Ballacks! Here's St. Pauli!

12.04.06

Gib mir ein FF ...

Never mind the Ballacks.jpg

Nein, nicht Fist-Fuck. Auch nicht Fuck Forever. Frankfurt im Finale ist gemeint!!! Oder wir nennen's doch einfach weiter Bankfurt. Wegen der B-Serie.

Heute also die Bayern. Was soll man dazu groß zu schreiben ... auf jeden Fall haben wir bessere T-Shirts als alle anderen. Siehe oben. Dieses Bankfurter "Berlin, wir kommen" gestern abend war ja trotz des außerordentlich appetitlichen Oberkörpers von Amantanidis oder wie der heißt ungefähr so aufregend wie Äbbel Woi (oder wie sich das schreibt), eben leicht abgestanden, fad, dumpf und trübe (sorry, Bembelkandidat!)... da lob ich mir doch 'n spritziges Astra ... wären da wenigstens lustvolle Spieler, ganz im Orgasmus aufgehend, abfotografiert worden für's Bankfurt-T-Shirt, aber nee, nix da, einfach nur'n naheliegender Spruch, plump, platt, ohne Esprit. So haben die sich das Finale gar nicht verdient - da haben wir mit "Wir sind Pokal" vorab schon mal 'nen moralischen Sieg errrungen.

Das gute Stück da oben hingegen - Danke, Jan! - heute abend aufzutragen, das alleine schon ist doch ein gutes Omen, ebenso wie das trübe, feuchte Wetter heute. Vielleicht wird's ja eines dieser Shirts, das man dann jahrelang nicht waschen darf, das da oben ...

Also: Auf in den Kulturkampf zwischen Großkonzern und regem, hoch kontroversem Vereinsleben! Postpunk, Nordish by Nature, und Postmaterialismus versus süddeutscher Protz und barocker Pomp und Geldsackhaftigkeit, Leidenschaft, Liebe, Glaube, Hoffnung versus pures Geschäftsleben, Vielfalt versus millionenschwere, gleichgeschaltete Erfolgsverwöhnheit - never mind the Ballacks! Here's St. Pauli!

11.04.06

Rätselwort Kultur, Teil 2

Ja, Rayson, da kann man weitermachen!

Eigentlich sollte im zweiten Teil meines Gegrübels über Kultur die Relation von Gesellschaft und KULTUR thematisiert werden. Angesichts derAntwort von Rayson schalte ich den Teil über "Wissen" und "Praktiken" vor. Auch wenn ...

... ich beim von ihm diskutierten Verfassungspatriotismus damit gerade noch nicht lande.

Rayson fragte, ob z.B. die Ausführung über Eßgewohnheiten in meinem ersten Teil denn ernst gewesen sei - ja, war sie, außerordentlich ernst sogar. Hieran anknüpfend stelle ich dann mal dar, welche Heransgehensweise ich im Rahmen der Analyse von Kulturbegriffen vorschlagen würde - s.u. Obwohl gerade der ihm wichtige, im folgenden zitierte Punkt dann auch noch nicht dran ist:

"Nun, ich bin der festen Überzeugung, dass man in Deutschland auch dann ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft werden kann, wenn man weder Schnitzel noch Currywurst zu seinen bevorzugten Speisen zählt. Ein Problem aber bekommen wir, wenn der zu Integrierende beide Mahlzeiten als “unrein” betrachtet und den sowieso dem frühen Herzinfakt Geweihten noch seine geballte Verachtung hinterherschickt."

Da stelle ich auch zunächst nur die Gegenfrage: Worin unterscheidet sich die Verachtung des "zu Integrierenden" von einem Blogger, der das Umfeld anderer Blogger als "unappetitlich" bezeichnet ( habe ich im Fall der rechten Haßblogs auch schon verwendet, die Vokable, zu denen der zitierte Blogger ausdrücklich nicht gehört, ist jetzt nur ein Beispiel von heute, nicht daß ich hier mißverstanden werde)? Ist dieser Blogger (und ich ebenso) nicht integriert, weil er andere verachtet?

Auch die angesprochenen Fragen des "Zusammenlebens" kommen erst in einem späteren Abschnitt über Moral zum Tragen, das ist unten nur angedeutet. Mir geht's halt darum, zu zeigen, daß Kultur allenfalls am Rande, ein paar Elemente gibt's da schon, als Basis der Integration taugt. Dazu muß man aber erst mal erläutern, was mit Kultur man meint.

Hinsichtlich Sprache bin ich mit Rayson einig. Meiner Ansicht nach rekurriert er ansonsten durchgängig auf eine universelle Moral des wechselseitigen Respekts, nicht auf Kultur.

Kultur selbst wird von ihm als "europäischer Bildungskanon" verstanden zum einen, zum anderen als "eingeübtes Alltagsverhalten". Insofern versuche ich mich heute mal an "Wissen" und "Praktiken", um wahrscheinlich ganz viel Triviales, was Rayson pointierter brachte, einfach breit zu treten. Mich macht es aber immer unruhig, wenn sich dem Breitreten nicht gewidmet wird. Ich habe immer Angst, daß nicht klar wird, worüber man gerade redet.

Alles im folgenden Beschriebene verweist aufeinander, geht ineinander über, stützt sich wechselseitig etc. - es ist lediglich der Versuch, ein Begriffsraster zu entwickeln, anhand dessen Fragen, die KULTUR thematisieren, evtl. ja diskutierbar werden.


Wissen und Praktiken

Kultur läßt sich beschreiben und vielleicht auch verstehen, indem man sie zunächst in die Bereiche "Wissen" und "Praktiken" (Michel Foucault folgend) analytisch aufdröselt.

Wissen ist in den meisten Fällen an Sprache gebunden. Eine Sprache entwirft in ihrer Gänze wie auch partiell in ihrer realen Verwendung Kulturformationen und vermag ggf. auch all die verschiedenen Kulturen, die die gleichen Worte und den gleichen Satzbau verwenden, ins Gespräch zu bringen. Deshalb ist in der Tat in den sogenannten "Integrationsfragen" sie von so herausragender Bedeutung, die Sprache. Man glaube aber bloß nicht, ein Asylbewerber sei vor der Abschiebung sicher, nur weil er gut deutsch spricht ....

Wissen ist zumeist sprachlich repräsentiertes Wissen. Verschiedene Typen von Wissen sind zu unterscheiden, wobei die Basisunterunterscheidung "Wissen, wie" und "Wissen, daß" ist.

"Wissen Wie" kann die Form der Zweckrationalität annehmen. Z.B. im Falle der Ressourcen-Nutzung wie der Naturbeherrschung, Spezialfall Körperbeherrschung: "Wie treffe ich bei einem Freistoß das Tor, indem ich ihn anschneide?" Zweckrationalität hat die Struktur "gut zu". "Den Ball anschneiden ist gut, um zum Tore zu schießen".

Es gibt (unhinterfragtes und hinterfragtes) regel-geleitetes, reflexives und intuitives "Wissen, wie" und "Wissen, daß".

"Wissen, daß" formuliert propositionales Wissen, solches, das der Struktur "Es ist der Fall, daß p" folgt. "Wissen, wie" ist in seiner Struktur komplexer. Es ist dem "Wissen, daß" z.B. in den Wissenschaften vorgeordnet - ich muß z.B. lernen, wie ich mir das propositionale Wissen einer Wissenschaft aneigne (z.B. in der Geschichtswissenschaft Quellenkritik betreibe) oder eine Versuchsanordnung aufbaue, eine Hypothese verstehe oder formuliere etc. . Beide Strukturen verweisen zumeist aufeinander. Das "Wissen, wie" begründet Praktiken. Das kann auch beim "Wissen, daß" der Fall sein, muß dies aber nicht. Ein komplexes "Wissen, daß" nennen wir wohl "Weltanschauung" oder "Weltbild", ein nicht weiter überprüftes "Meinung", ein begründetetes z.B. "Position" - eine solche vertrete ich dann ggf. . "Weltbilder" sind wohl zumeist das, was im alltäglcihen Sprachgebrauch unter "Kulturen" verstanden wird.

Eigens zu untersuchen sind zudem

a.) die Erzeugungsprozeduren von Wissen (die Generalisierung von Negativ- und Positiv-Stereotypen von Bevölkerungsgruppen ist eine relativ simple, aber bei Beschreibungen der eigenen oder fremden Kultur verhältnismäßig häufig anzutreffende Erzeugungsprodzedur, die dann z.B. bei Arnulf Baring als Wissen sich behauptet. Die Ethnologie selbst ist eine andere, das "Erfahrungen sammeln" z.B. als Schwarzer in Dresdener Vororten eine dritte) und

b.) die Bedingungen, unter denen Sätze als wahr oder falsch gelten und somit in einen Wissenkanon eingangs- und in diesem anschlußfähig sind ("Jesus hilft!" tritt in christlichen Kirchen durchaus mit Wahrheitsanspruch auf und wird dort ggf. als wahre Aussage akzeptiert, in der Fußgängerzone, von den Zeugen Jehovas geäußert, wird der Satz häufig auf Widerstände oder Ignoranz stoßen)

Des weiteren ist c.) nicht jeder Typus von Wissen im selben Sinne kulturell relevant.

a.), b.) und c.) können meiner Ansicht nach erst im Rahmen einer Gesellschafttheorie analysiert werden, d.h. heißt, sie gehen weit über das hinaus, was im Rahmen eines Kulturbegriffs analysierbar ist.

"Wissen" muß nicht heißen "Schulwissen", "Fachwissen" oder "viel wissen", kann dies aber heißen. Orientierungswissen darüber, wie man sich in der jeweiligen Kultur bewegt, ohne z.B. Sanktionen zu erfahren, nicht einkaufen zu können oder den Bus zu verpassen, ist wohl konstitutiv für die Kultur selbst.

Der hessische Fragenbogen hat einen Versuch unternommen, hinsichtlich der deutschen Kultur einen solchen "Wissenskanon" zu formulieren; ob nun gerade diese Form des Wissens es ist, die dort abgefragt wurde, die als Orientierungswissen in dem, was als deutsche Kultur behauptet wird, maßgeblich ist, ist eine andere Frage (die zudem das Verhältnis KULTUR und Geschichte betrifft, das ist ein späterer Abschnitt).Von einer Ausnahme abgesehen, dem 3. Reich, halte ich Möglichkeit der Behauptung eines solchen Wissenstypus, wie er dort abgfragt werden soll, als ein von allen geteiltes und als relevant erfahrenes Wissen im deutschen Kulturalltag für fragwürdig.

Selbst über das Rechtssystem haben außer ein paar Basics nur sehr wenige in Deutschland ein weiter gehendes Wissen. Welches Wissen hingegen für die Orientierung nun wirklich relevant ist, das ist auch relevant für Fragen der Integration. Ebenso, ob dies nun staatlich vermittelt werden sollte, oder ob dieses nicht ganz automatisch sich angegeignet wird.

Dominanter als dieser Kanon des Wissens der gymnasialen Oberstufe anno 1953 erscheinen mir in realen, deutschen Kulturen (ich plädiere da ehr für's Plural) allerlei Formen des "Fachwissens", die jeweils Sub- oder ganze, eigenständige Kulturen geradezu definieren: Bei Dachdeckern jenes über die Eigenschaften von Spindeln, bei Kiddies das über den richtigen Klingelton, bei liberalen Bloggern reichen in der Regel schon "Vertragsfreiheit", "freier Markt", "Nichts darf das freie Spiel der Kräfte behindern" und "Sozen wollen alles regulieren und sind deshalb doof" als Basis-Wissen, um mitspielen zu dürfen. Wenn man dann noch in jedem zweiten Eintrag den "Islamofaschismus" geißelt, "die Linken" für hysterisch erklärt und ansonsten behauptet, alle würden sich immer nur über Amis und Juden empören und über sonst niemanden, dann ist man in schon ganz gut aufgestellt in diesem subkulturellen "Wissen wie" der liberalen Subkultur im Netz.

Bei linken Blogs sollte man immer wissen, mit wem oder was man sich gerade solidarisieren sollte und über was man sich "als Linker" aktuell empört. Ganz linke Blogger heben sich davon ab, indem sie mit fundierten Analysen der Marxschen Wertlehre glänzen und die Sozis damit toppen, ganz ironiefrei. Und was die ultrarechten Haßblogger wissen müssen, will ich lieber gar nicht wissen. Alle Blogger teilen dann ein Grundwissen um Softwareanwendung und verlinken, und so bildet sich eine "Kultur", eben jene der Blogosphäre. So ungefähr untersucht die "Kognitive Ethnolgie" Kulturen - sie erfaßt Begriffsraster, das notwendige, geteilte Wissen derer, die die Kultur ausmachen.


KULTUR und "kultivieren": Praktiken


Ein Teilbereich kultureller Praktiken läßt sich über den Oberbegriff "kultivieren" beschreiben. "Kultivieren" vereint in sich unzählige Praktiken. Deshalb ist es so wichtig, mit der Unterscheidung "Kultur/Natur" zu beginnen. Historisch ist der Beginn von "Kultur" eben der kultivierende Umgang mit Natur. Es mag so scheinen, als würde ich jetzt einfach das Verb zum Substantiv suchen oder gar etymologisieren. Aber das Verb zum Substantiv ist allemal besser als ständig alles zu nominalisieren, diese deutsche Sprechweise hat zu viel Verwirrung erzeugt, wenn dann über "Werte" wie über Dinge geredet wird. Glaube auch, daß "kultivieren" 'ne Menge hergibt.

"Kultivieren" folgt der relationalen Struktur "umgehen mit". "Kultivieren" als "umgehen mit" verweist immer auf die Relation von dem, der mit etwas umgeht, auf das, womit umgegangen wird. "Umgehen mit" ist nicht immer mit dem "Verfügen über" gleichzusetzen. "Verfügen über" ist ein Spezialfall des "Umgehens mit". Ich kann mit meinem Gegenüber freundlich umgehen, ohne über ihn verfügen zu wollen. Ich kann mit einer Pflanze umgehen, in dem ich sie fasziniert betrachte, ohne sie gleich in eine Vase stellen oder gießen zu wollen.

Diese relationale Struktur ist in eine reflexive Struktur überführbar, d.h, ich kann explizit den Umgang mit etwas thematisieren und es dadurch auch der Infragestellung oder Bejahung zugänglich machen. "Es ist schön, Pflanzen zu betrachten", "Es ist richtig, dem Gegenüber gegenüber freundlich zu sein", "Es ist zweckmäßig, Pflanzen zu gießen" - zu all diesem kann man mit "Ja, stimmt!" oder z.B. mit "Nein, übergieß den Kaktus nicht!" antworten.

"Kultivieren" ist ein Spezialfall des "Umgangs mit". Ich kann auch brutal mit etwas umgehen und es so zerstören. Ich kann aber auch zerstören, um zu kultivieren - einen Baum fällen, um einen Schrank zu bauen, z.B. Solcherlei Destruktion ist in vielen Fällen des Kultivierens wohl unvermeidlich.

KULTUR im Sinne von Kultivierung ist historisch die Feuerstelle, Ackerbau und Viehzucht. In Gesellschaften, die nicht mehr über das primäre Bewältigen des puren Überlebens in Natur- oder Kulturlandschaften (Favellas z.B.) sich reproduzieren und weiter- oder zurückentwickeln, richtet sich die Kultivierung auf andere Felder. Schönheitsoperation z.B., Rosen züchten, Makrame lernen, Selbsthilfegruppen gründen.

Dieser Zusammenhang zwischen "Kultur" und "kultivieren" ist auch jener zwischen "KULTUR" und "Kultur". Kunst in all ihren Feldern ist die Kultivierung der Wahrnehmung mittels Material (darstellerische Fähigkeiten, Sprache, Laute, Gesten, Farben, Wachs und Fett, z.B.). Moderne Kunst thematisiert Material und Wahrnehmung als solche.

Die verschiedenen Formen der Alltagskultur, die man lebt und beschreiben kann (und die die Popliteratur zum Thema hat), sind Formen der Kultivierung. Tischsitten z.B. kultivieren die Nahrungsaufnahme. Händeschütteln, der Wangenkuß, das Nasereiben, Verbeugungen kultivieren die zwischenmenschliche Kontaktaufnahme. Daß "Wissen, wie" diesbezüglich ermöglicht es, sich in einer spezifischen Kultur zu orientieren.

Eine andere Ebene der Kultivierung ist der Umgang mit sich. Sport treiben, Haare schneiden, viel oder wenig Bekleidung, Fleiß, eine Ästhetik der Existenz oder das Schleier tragen sind verschiedene Formen der Kultivierung. Die verschiedenen Weisen des Umgangs mit sich folgen unterschiedlichen Begründungen und Kriterien von je unterschiedlicher Trag- und Reichweite, ggf. verfolgen sie auch unterschiedliche Zielsetzungen. So kann ich ein ärmellosses T-Shirt tragen, um meinen Bizeps zu präsentieren. Das kann ich wollen, weil ich wahlweise sexy sein will oder Stärke demonstrieren oder beides, weil ich Stärke sexy finde oder glaube, daß Andere sie sexy finden. Ich kann fleißig sein wollen, weil ich das

a.) für gut im Sinne von wertvoll oder richtig halte (Tugenden), kurz, ein "guter Mensch sein will", und mein Umfeld mich immer schon gelehrt hat, daß gute Menschen fleißig sind (traditionale Moral). Dies verweist auf ein "Wissen daß" hinsichtlich dessen, was in der spezifischen Kultur als guter Mensch gilt (z.B. auch eine Frau, die einen Schleier trägt). Tugenden verweisen zudem auf die intersubjektive Relation der "Anerkennung", die als Möglichkeit allen intersubjektiven Relationen eingeschrieben ist (moderne, universelle Moral).

b.) zweckmäßig finde, weil das gut zum Geld verdienen ist (Zweckrationaliät)

c.) weil es mir einfach Spaß macht und ich mich sonst langweile (Lust versus Unlust)

Wer jetzt diskutieren möchte, welche "deutsche Kultur" denn nun als Basis der Integration von Immigranten herhalten sollte, muß schon spezifieren, welche der Wissenbereiche und Praktiken relevant sind ... und:

"Es gibt einen m.E. guten Test, dem “Deutschsein” nahe zu kommen: längere Zeit im Ausland leben. Erst die Vielfalt, die es Gott sei Dank gibt, trägt wirklich zur Trennschärfe bei."

Das wird dann Teil 3 des "Rätselwortes Kultur". Das entspricht genau dem, was Dirk Baecker in seinem "Wozu Kultur?" entfaltet. Kulturbegegnungen und - vergleiche ist dann beim nächsten Mal dran ...

Willy wählen!

"Ich habe mich immer mal wieder gefragt: An welche Jahrzehnte haben sich wohl diejenigen Zeitgenossen erinnert, die meinten, das sozialdemokratische Jahrhundert sei vorbei. Haben sie die beiden Weltkriege, Faschismus und Stalinismus ausgeblendet, die großen Wirtschaftskrisen und die neuen, existentiellen Bedrohungen? Nein, die Epoche der sozialen Demokratie muß erst noch kommen, falls und damit es ein Überleben der Menschheit gibt. (...) Die Sozialdemokratie muß sich als Volkspartei ständig erneuern. Nur so kann sie sich als bewegende Kraft bewähren. Dazu gehört, daß das Bündnis, von dem ich sprach - Arbeit, Kultur, Wissenschaft - erneuert wird, daß es vital und tragfähig ist. Vielleicht ist das nicht genau die Mitte, aber die Mehrheit ist es allemal. Mit solchen Allgemeinheiten - an denen immer etwas richtig ist - wie zum Beispiel, daß es auf die Mitte ankomme, ist uns wenig gedient. Gewiß, daß nicht die Mehrheit finden kann, wer nicht in die Mitte reicht, darauf war unsereins auch schon gekommen. Ich weiß aber auch, daß sich das Harmoniebedürfnis vieler durch die Besetzung des Mitte-Begriffs ausbeuten läßt. Dies haben uns geschickte Reaktionäre bis zum Überdruß vorexzerziert."
Willy Brandt, Die Abschiedsrede, Berlin 1987, S. 32-33

Ob's wirklich Kurt Beck ist, der diese vagen Formeln mit Inhalt füllen kann? Ich bezweifel das ... ein neuer Willy Brandt wird gebraucht, kein Landesvater mit Gemütlichkeits-Bonus ... ich trauer ... und Schröder ist schuldig.

"Die Restschule"

Aus Gründen intellektueller Lauterkeit - ja, auch ich klopfe mir gerne selbst auf die Schulter - sei noch ein Gegenartikel zu meiner gestern erneut aufgestellten Forderung nach der Abschaffung der Hauptschule empfohlen. Wenn das hier schon sonst keiner mit mir diskutiert, dann diskutier ich halt mit mir selbst. In der gestrigen FR fand sich folgendes:

"Zwar diagnostizierten die Wissenschaftler tendenziell an Hauptschulen eine höhere Gewaltbereitschaft. Gleichzeitig stellten sie aber fest, dass die Jugendlichen vor allem ihre Klassen als positives "Kontrastmilieu" zu Gewalterfahrungen außerhalb der Schule empfinden. "Wir haben eine gut funktionierende Klassengemeinschaft erlebt sowie ein hohes Engagement der Lehrer", sagt Helsper."

Die Wissenschaftler sind solche ...

... der Universität Halle, die 42 Hauptschulen in NRW und Sachsen-Anhalt untersuchten. Bemerkenswert ist, daß im wesentlichen das "Lernklima" als positiv hervorgehoben, das wechselseitige Anerkennungverhältnis von Lehrern und Schülern. Also das Gegenteil dessen, was aus dem CDU/CSU-Walde derzeit herausschallt. Anerkenne, und Du erzeugst Wandel - altes Gesetz der Gestalttherapie und Moralphilosophie gleichermaßen, übrigens.

10.04.06

Konkurrenz versus Teamgeist

Ja, ich weiß. Wenn man behauptet, der Mannschaftsgeist stünde mit auf dem Platz, begeht man einen Kategorienfehler. Das hat Gilbert Ryle der Philosophie schon irgendwann in den 40ern um die Ohren gehauen. Und "Team", das klingt je nach Perspektive wie eine faustdicke New Economy-Lüge oder provoziert, daß irgendjemand "Kollektiv!" dann kreischt.

Der Anlaß, das zu schreiben: Stefanolix Kommentar hier unter diesem sehr guten Eintrag von Marian Wirth bei den B.L.O.G.'s:


"Ich habe mich dazu gerade in der letzten Woche bei ’spreeblick’ an einer Diskussion beteiligt. Ich bin der Meinung, dass Motivation und Leistungswille bei Eltern und Schülern eine wichtige Grundlage für den Bildungserfolg sind.

Dann kam dort ziemlich heftiger Gegenwind mit Argumenten, die ich nicht erwartet hatte. Offenbar scheinen einige Leute dort die Begriffe “Leistung” und “Wirtschaft” für sich als Feindbild aufzubauen. Spreeblick ist ja das Blog mit der höchsten Reichweite in Deutschland und es wunderte mich schon, dass dort solche Meinungen die Mehrheit hatten."

Meine These, daß wir irgendwo in den frühen 80ern stecken geblieben sind, belegt das: Diese "Leistung muß sich wieder lohnen" Sätze wurden ja damals schon gegen die laschen und jugendverderbenden Sozis in Feld geführt. Auch "Feindbild" war ein gern genutzter Begriff. Was nicht heißen soll, daß sie das nicht solle, die Leistung sich lohnen, meine ich. Kommt aber immer drauf an, wie man beschreibt, wie sie zustande kommt. Was heißen soll, daß ein liberaler Atomismus diesen Begriff gar nicht fassen kann (was man spätestens seit Marx und Durkheim eigentlich auch weiß, liebe Ex-DDR-Bürger). Bin dem Link ...

... zur sehr guten Diskussion unter einem noch besseren Eintrag bei Spreeblick gefolgt. Wobei ich dem Artikel nicht in jeder Hinsicht beipflichte, jetzt wieder mit dem Topos vom "Opfer der Gesellschaft" herumzuoperieren, davon halte ich nix. Weil das den Opfer-Begriff ebenso depotenziert, wie das Handeln der Schulhof-Jungs ihn anwendet. Deren "Opfer"-Begriff folgt ja den liberalen Prämissen: Ego-Durchsetzung im Kleinen ist es halt, wenn man gekonnt und virtuos das Gegenüber demütigt und unterwirft. Oder wenn man am erfolgreichsten Handys klaut und Drogen vertickt. Das ist alles liberal. Ist Konkurrenz im Real-Life. "Opfer" heißt: Nicht aktiv sein. Die Ellenbogen nicht einsetzen können.

"Ich sage es aber noch einmal: die Bildung derjenigen, die Leistung bringen wollen und Leistung bringen können, darf nicht durch Jugendliche beeinträchtigt werden, die nur auf Gewalt setzen und keinerlei Regeln beachten. Die müssen andere Chancen bekommen. Immer wieder. Auch wenn sie schon Gewaltdelikte begangen haben. Dazu muss im schlimmsten Fall auch die Chance einer Schulbildung oder Lehre im Heim oder im Knast gehören. Jeder, der aus der Misere rausgeholt wird, ist ein Gewinn für die Gesellschaft. Aber am Anfang muss der Wille stehen, es schaffen zu wollen."

So einer von Stefanolix' Diskussionsbeiträgen. Das ist ja nicht richtig, daß die Schulhof-Gewalttäter keinen Regeln folgen würden. Die folgen einfach anderen Regeln und verstehen unter Leistung eben das, was sie unmittelbar erreichen können.

Interessant wäre, es, das Ineinanderverschränktsein von Regeln der Ego-Durchsetzung und der Solidarität in diesen Gruppen sich genauer anzuschauen. Einer der vielen Punkte in der Debatte ist ja der tiefe Neid darauf, daß in vermeindlichen "Immigrantenkulturen" die Binnensolidarität so gut funktioniert. Und angesichts einer kollektiven Ideologie der Vereinzelung, die per Massenmedien und auch sonst in die Köpfe gehämmert wird, schmeckt das allein schon gar nicht.

Der außerordentlich geschätzte Stefanolix plädiert hier für ein mehrgliedriges Schulsystem. Ich war selbst auf einer Integrierten Gesamtschule, und das hat mir weiß Gott nicht geschadet. Ich habe weder an der Uni noch im Berufsleben irgendein Defizit feststellen können. Ich konnte jedoch immer davon profitieren, auch monetär, daß so etwas wie "Sozialverhalten" damals in sogenannten "Lernzustandberichten" tatsächlich bewertet wurde. Da höre ich jetzt das Schenkelklopfen aus der Ferne angesichts dieser vermeindlich sozialistischen Relikte im Schulwesen der späten 70er Jahre. In der Tat haben jedoch insbesondere jene Schüler, die damals ansonsten in der Hauptschule gelandet wären, von Strukturen der Integration in diesem Sinne profitiert. Wir konnten die mitziehen, wir, die wir damals ansonsten auf dem Gymnasium gelandet wären. Und wir haben in der Tat nicht nur auf die eigene Leistung geschielt. Dümmliches Gutmenschentum wahrscheinlich.

Das transferiere ich bis heute zumeist erfolgreich in's Berufsleben. Da habe ich als Chef z.B. die Schwächen zu kompensieren und die Stärken zu fördern, die meine "Untergebenen" an den Tag legen. Und wer nicht teamfähig ist, sondern auf nur auf seine eigene Leistung schielt, wird gar nicht erst eingestellt.

Uns bricht jetzt eventuell ein größerer Auftrag weg, weil eine Person hinzustieß (eine, die hinzukam jenseits gängiger Einstellungsregeln), die Kooperation noch nicht mal denken kann und jedes Eingehen auf ein Gegenüber, jede funktional notwendige Regel als "vorauseilenden Gehorsam" begreift. Als externen Zwang. Das hat jahrelang aufgebautes Teamwork zertrümmert.

Das dreigliedrige Schulsystem als solches befördert einfach nur Vereinzelung im wilhelminischen Geiste, nix anderes. Und da war's auch nicht erheblich lustiger als in der DDR, im Kaissereich. Klar, für Bürgersöhne und Junker schon, die Mehrheit jedoch blieb auf der Strecke. Die brauchte man für den damaligen Niedriglohnsektor ...

Ich bin mir einigermaßen sicher, daß dieses Bild, das Stefanolix dort oben im Spreeblick-Kommentar zeichnet, das Problem ist: Daß Lernen so begriffen, daß Einzelne nebeneinander her Leistung zu erbringen haben, und andere würden dann bei dieser Durchsetzung des Indiviuums nur stören. Es bedarf im Gegensatz dazu vielmehr des Angebots solidarischen Handelns. Weil Solidarität motiviert. Und wenn man das in der Schule nicht lernt, hat man's im Job später schwer ...

09.04.06

Rätselwort Kultur, Teil 1

Eigentlich beschämend: Alle reden von Kultur, und keiner weiß, was damit gemeint ist. Es gibt da Ahnungen, das könnte was mit Goethe, mit Religion, mit Sitten und Gebräuchen zu tun haben. Doch schon diese Reihung der Begriffe, die angesichts ihrer Staubigkeit ein leicht genervtes, allergisches Niesen provozieren, zeigt, daß aktuell nach der heroischen Phase der Postmoderne ganz, wie die neuere, Kritische Theorie es befürchtete, die Lyotards und Derridas und Beaudrillards wohl wider Willen das ganz Konservative befördert haben. Indem sie im Paradigma "Kultur" herumeierten.

Das postmoderne Paradigma war's, ...

... das, ethnologisch und somit immer auch strukturalistisch belehrt, den Kulturbegriff Marx-kritisch gegen die Gesellschaft in Stellung brachte, um DIE GESCHICHTE, das dialektische Sprachuniversum, die Herrn und Knechte, den Mensch an sich und alle Totalisierungen wie ein Gesicht im Sand verschwinden zu lassen.

Die Sprache trat in Schrift und Wort und Zeichen an die Stelle des Ensembles gesellschaftlicher Verhältnisse und die Denker neigten dazu, wie Lynch von dem Entlarven ("Blue Velvet") narrativer Muster und dem Schrecken, der unter ihnen wohnt, weiter zum "Mudholland Drive"der Unverständlichkeit zu düsen, im Sauseschritt. Fanden dort nach all den Relativierungen irgendwann den Haß ...

Derrida drechselte sein Denken noch in Richtung Menschenrechte, doch wo selbst George W. Bush in deren Namen Kriege führt, mag man die ja kaum noch einfordern. Im föhlichen Reigen der postmodernen Sprachspiele und Differenzen, eben: Kultur, in Ästhetisierungen der Existenz und popliterarischem Acessoire-Gesammel löste sich Welt in eine große Retro-Show auf, denn mental stecken wir noch in den frühen 80ern. Und ganz wie damals suggeriert das konservative Denken mit dem Holzhammer nun wieder die Notwendigkeit einer geistig-moralischen Wenden, und Kultur, so lange als Differenzerfahrung gedacht und gelebt, ist plötzlich zum wertenden Kampfbegriff gegen die Barbarei anderer Kulturen erneut mutiert. Was daran liegt, daß schon die frühen 80er eine 50er-Revival-Veranstaltung waren, und jetzt können wir ja vielleicht mal wieder aus einer WM dann neu geboren werden. Kulturell geht das nämlich, geschichtlich nicht, gesellschaftlich schon gar nicht ... die Restaurateure haben Oberwasser und schwingen fröhlich Peitschen, während linkes Denkens sich auch nur noch selbst restauriert und vor allem eines will: Bewahren.Und sich dafür sogar peitschen läßt. Es ergeht sich dann - wenn nicht gerade mit einem adornitisch gewendeten Marx das Richtige Leben im Falschen schon gar nicht mehr gedacht werden kann, weil's den bürgerlichen Rechsstaat gibt - in Empire-Exegesen oder identifiziert sich urchristlich mit dem "Homo Sacer", der leidenden Exitenz in der Endlos-Apocalypse, weil man ja auch nicht weiß, was los ist, wenn ein Irrer in Teheran Israel und Europa mit der Atombombe droht. Und so setzt man dann vorsichtshalber auf noch Schlimmeres ...

Das Umschlagen der Postmoderne in ein dissonantes Neocon-Hallelujah und das laustarke, sich linksrheinisch gar im Straßenkampf befindende Schweigen der Linken, das freiwillig in Kritik verharrt und bewahren will, kann man auch hier hier nachlesen. Wie die Derrida, Lyotard, Deleuze-Nachfolger in der reinen Chronologie des Denkens als "Neo Reacs" das Denken als solches beerdigen, um dem Ressentiment die Türen weit zu öffnen, das ist längst auch hierzulande zu spüren. Das entspricht dann in etwa der aktuellen Politik der CDU/CSU beim sogenannten "Ausländer-Problem". Diskutiert wird zumeist im Spannungsfeld Wert versus Beliebigkeit; das ist an sich schon als Beschreibung falsch und verbirgt zumeist nur noch die Sehnsucht nach Gemütlichkeit.

Da aber Kultur als deskriptiver Begriff viel zu wertvoll ist, als daß man auf ihn verzichten möge, sei allen die Sehnsucht nach Millowitsch und Ohnesorg gegönnt, ist beides auch was Schönes - und es sei ab jetzt aber auch explizit Eintrag für Eintrag geforscht, was man denn sinnvoll meinen kann, wenn von Kultur man spricht. Also, fangen wir mal an.

I. Kultur und Natur

"Das Rohe und das Gekochte" heißt eines der Hauptwerke von Lévi-Strauß, und die Basis-Differenz ist damit auch schon genannt: Der Kulturbegriff macht überhaupt nur Sinn, wenn man ihn als Gegenbegriff zu "Natur" begreift.Und Kultur als Kultivierung des Natürlichen auch gleich begreift. In der Kultur-Natur-Relation ist so allerlei wertfrei und wertend möglich; allein schon eine Berücksichtigung dieser konstitutiven Unterscheidung würde viel Wirres unterbinden: Diese quasi-natürliche Geltung der Tradition, die Vorstellung einer organischen Volksgemeinschaft, die z.B. als Nation dem Staat dann vorgängig sei, erweist sehr schnell sich als der Kurzschluß beider Sphären. Häufig anzutreffen auch die Verwendung von "natürlich" im Sinne von "normal" - die Norm kann immer nur als kulturelle Perspektive auf Natur verstanden werden, behaupte ich. Im Sinne gezielter Normierung ebenso wie im Sinne von "Gewohnheit", die ja in praktischer Hinsicht in etwa meint, was wissenschaftliche Generalisierungen betreiben, wenn sie Schwäne zählen: Gewöhnlich sind die eben weiß. Und der normale Schwan ist's somit auch, weil man's gewöhnt ist, weiße Schwäne auf Alster, Masch- und Wannsee zu beäugen. Kultur hat viel mit dieser Art von Gewohnheit zu tun, drum ist, wer darauf bauend nicht zu viel Schwarze in der Fußgängerzone treffen möchte, zumeist zugleich faul und unfreiwillig und will von lieb gewordenen Gewohnheiten nicht lassen ...

II. Kultur und Freiheit

Man kann Natur zum Maßstab nun erheben, sie für erhaltenswert oder als Ressource betrachten, man kann sie über Regelmäßigkeiten, Naturgesetze, begreifen wollen, zu ihr zurück oder von ihr weg wollen: All das ist immer schon Kultur. Kultur ist die Perspektive auf Natur. Deshalb bietet sich Sprache als Gegenstand der Kulturtheorie an: Weil sie eben immer schon Perspektive ist. Mit Freiheit hat das viel zu tun: Man kann alles eben auch anders sagen.

So kann es szientistische Kulturen geben, ebenso so solche, die in ihr das Heilige sehen, und beides sogar in ein und demselben Einfamilienhaus: Kultur ist a.) ein Sprechen und Schreiben in Sätzen, die je unterschiedlichen Logiken folgen und b.) somit notwendig Differenzerfahrung, weil man um die alternativen Logiken weiß.

So thematisiert man sich nicht nur in Relation zur Natur, sondern immer auch in Relation zu anderen Kulturen, oft auch solchen, die man der eigenen Kultur zurechnen würde: Religion versus Naturwissenschaft, z.B. . Kultur im Plural denken - Dirk Baecker folgend ist das sogar konstitutiv für den Kulturbegriff als solchen. In seinem Buch "Wozu Kultur?" (Berlin 2003, 3. Auflage) entfaltet er diese Gedanken systematisch - wer Kultur sagt, stellt automatisch schon sich selbst infrage, weil er weiß, daß alles eben auch anders sein könnte. Genau hierauf reagieren die ganzen Kulturkämpfer: Sie halten, ganz, wie Sartre es als "mauvais foi" beschrieben hat, die eigene Freiheit nicht aus und verabsolutieren Gewohnheit. "So sind wir eben, und ihr nicht! Und entweder ihr werdet jetzt auch so wie wir, oder wir schmeißen euch raus!".

Das gilt übrigens auch für die Verteidiger rheinischer Unternehmenskultur, solange sie als Bewahrer auftreten, ob's mir nun paßt (natürlich paßt's mir nicht) oder auch nicht. Kultur als Gegenbegriff zur Natur ist immer dem Verständnis von "Natur als Notwendigkeit" entgegengesetzt. Alle Debatten, ob unsere Gene denn nun bestimmen, wie wir handeln, ist der Gegendiskurs eines totaliserenden Naturalismus gegen eine Philosophie der Freiheit. Ebenso jedoch auch Theorien, die eine Quasi-Naturgesetzlichkeit des Ökonomischen behaupten, dem Individuen sich gefälligst zu unterwerfen hätten: Auch diese betreiben eine Metaphysik der Ökonomie und negieren Freiheit.

Denen kann man immer entgegenhalten: Es bedarf eines Konzepts der Naturwissenschaft, der Vorlkwirtschaftslehre, der wasweißich, das selbst nur in bestimmten Kulturen entstehen kann - in anderen wirken z.B. Schicksalsmächte, wenn solche metaphysischen Enititäten, die menschliches Handeln bedingen, behauptet werden. Alles Theoreme und Weltsichten, die dem Begriff der Freiheit, der analytisch schon im Kulturbegriffe steckt, entfleuchen wollen. Schief geht das immer.

Auch das Bestimmtsein durch Kulturen, das es wohl zweifelsohne gibt, kann den Natur-Kultur-Gegensatz nicht übersteigen. Die Frage bleibt, wie man sich dazu verhält, bestimmt zu werden. Wer behauptet - und in der Islam-Debatte ist das oft der Fall -, Kulturen würden determinieren, behauptet Kulturen als strukturell identisch mit dem Naturbegriff der eigenen Kultur. Und verneint so die deskriptiv die Freiheit, die er vermeindlich schützen will ...

III.

KULTUR versus Kultur

Typisch deutsch die Begriffsverwirrung, mit einem identisch scheinenden Begriff etwas beschreiben zu wollen, was wie Oberbegriff und Unterbegriff zueinander sich verhält. Da gibt's dann parallel einerseits Kulturstaatsminister und andererseits Kulturkämpfer in Bayern und Brandenburg, die Immigrantenkulturen als das Andere behaupten, das gefälligst zum Eigenen werden solle.

Theater, bildende Kunst, Literatur, Musik etc. sind die eine Sphäre, nicht ganz, aber oft deckungsgleich mit "Kunst" die als Teil der hier zu untersuchenden, allgemeineren Begrifflichkeit KULTUR dann eben diese mit ausmachen. Das ist begrifflich außerdordentlich perfide, wenn man Tischsitten und -gebräuche z.B. sich betrachtet: Die Wilden essen dann halt nur mit Fingern, wir hingegen mit Besteck. Besteck - Eßkultur - ist dann ebenso das alltägliche Äquivalent zur Opernkultur wie die der Stolz auf das einzigartie, antike Sofa - Bourdieu hat das vortrefflich in "Die feinen Unterschiede" beschrieben.

Unsere Kultur hat Goethe hervorgebracht, die der Schwarzen allenfalls Voodoo. Daß auf Togolesen oder Kenianer nicht mit der selben Energie gedroschen wird wie auf Muslime aus beispielsweise Algerien, verdankt sich der Doppeldeutigkeit des Kulturbegriffs: Der Islam hat immerhin Moscheen gebaut, eine tiefisinnige Schriftkultur hervorgebracht und Aristoteles zurück in's Abendland befördert - kurz: Man nimmt die hier ganz einfach ernster als die "Primitiven" mit ihren "Bambusröcken" und "Lehmhütten" und ihrer "Vielgötterei". Un weil sie selbst nix zustandebringen, wollen die dann hier nur schmarotzen. "Wirtsvölker" hat Hitler sowas genannt. Das Erbe des Kolonialismus liegt tief, es ist dan der Zeit, sich davon zu befreien.

In der Islam-Debatte wechselt sich ab die Angst vor tatsächlicher Überlegenheit - Botho Strauß ist dafür ein Symptom, Mark Steyn ebenfalls - dieser so "glaubensstarken" KULTUR gegen den verweichlichten, skeptischen Westen mit der Wiederkehr des Motivs der "Barbaren", gegen die man dann KULTUR und Kultur gleichermaßen ins Feld führt. Ein Topos übrigens, der von europäischer Seite auch allzu gerne gegen die US-KULTUR gewandt sich findet, deren "MacWorld"- und Popkultur dann eben auch nur barbarisch ist angesichts der eigenen, hehren Kulturleistungen.

Dies wüste Flimmern in der Deskription, die sich durchgängig auf die positiv bewertete Kultur, die auf die KULTUR ausstrahle, mit bezieht, ist Wurzel vielerlei Übels. Wie immer dann, wenn Wertung und Beschreibung durcheinander gehen, das wissen wir ja auch nicht wirklich erst seit Max Weber. Ohne Wertung geht nicht. Man muß aber klarstellen, wo man wertet und wo nicht.

Es tritt jedoch noch etwas mit hinzu zum Überlegenheitsdünkel: Wirtschaft und Wissenschaft. In der Selbstdefintion unserer KULTUR ganz zweifelsohne Zentren, um die ein kulturelles Selbstverständnis sich dann rankt, allerlei Blüten treibend. Das verweist auf die eigentlich maßgebliche Differenz:

IV. Kultur und Gesellschaft

Tja, und das wäre dann hier zu viel für heute, das auszuführen. Deshalb steht dort oben "Teil 1". Es sei nur noch einmal verwiesen auf den Einstieg: Den Übergang zur postmodernen Kulturtheorie. Bis dato prägte den Diskurs ein marxistisches Konzept von Gesellschaft. Gesellschaft war die Basis, Kultur war nur der Überbau, und KULTUR wurde kaum gedacht, allenfalls auf Seiten der konservativen KULTURkritik, die oft auf Kultur sich berief . Das Basis-Überbau-Theorem war für Konservative Anlaß des Spotts: "Basis ist derjenige Teil des Überbaus, den derjenige Teil des Überbaus, der sich für Überbau hält, für Basis hält", so Odo Marquard (in "Schwierigkeiten mit der Geschichtsphilosophie", Frankfurt/M. 1973, S. 181, zitiert nach: Schnädelbach, Herbert, Zur Rehabilitierung des animal rationale, Frankfurt/ M. 1992, S. 163. Alles, was ich hier schreibe, ist eine Anwendung der Grundbegrifflichkeiten im dort zu findenden Aufsatz "Kultur und Kulturkritik", S. 158 ff., sowie seines Aufsatzes zum Thema "Kultur" in; Schnädelbach, Herbert / Martens, Ekkehard (Hg.) , Philosophie - Ein Grundkurs, Reinbek bei Hamburg 1991, Bd. 2, S. 508 ff. . Die Aufsätze in den zwei Bänden sind alles andere als Philosophie-Vorschulwissen und zum Einstieg in Thematiken einfach unverzichtbar, meine ich.)

Ich halte die genauere Analyse der Relation Kultur versus Gesellschaft für den einzig gangbaren Weg einer Analytik der Gegenwart. Das ist seit Marx so, und das hat sich nicht geändert. Zu oft werden beide Begriffe gegeneinander ausgespielt, das ist wahlweise Unsinn oder Ideologie, und schlicht ist's auch nicht. Im Detail wird das ganz schön kompliziert. Ich probier mal unregelmäßig weiter dran rum ...

08.04.06

Vergeigt, Verspielt, Verschissen, Vertan, Verloren, Verkauft - Verdammt!

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Da freut man sich ja noch nicht mal mehr, wenn der Schweini dem Olli die Dinger jetzt selbst reinhaut. Und das nach der gestrigen Entscheidung, dem Klinsischen Vernichtungskrieg pro Lehmann! Und im Falle des FC St. Pauli ist's auch nur ein Gerücht, vom Freudenhaus der Liga zu reden - eigentlich ist dieses Gesaufe und Gesinge da am Millerntor nur ein ausgefeiltes Trauerritual um eine andere Liga. Mal um eine, aus der man rausfliegt, mal um eine, in die man nicht hineinkommt. Heute zumindest scheint's mir so, als stünde der Totenkopf dafür: Für Dauer-Trauer im Liga-Betrieb. Erst inna Hinrunde Hoffnung anfachen, und die dann mit sowas wie heute schon wieder löschen. Oberhausen. Leverkusen, Wuppertal, Jena: Lauter Sargnägel. Nie wieder bin ich so freundlich zu Thüringern, nie wieder ... und dann auch noch so ein jämmerliches, unspektakuläres 0:1. Und meiner armer Hund hat auch seine Unschuld verloren. Leidenschaftliche Spielgefährtin voller Genuß war sie bis vor kurzem in der Hundeschule. Nun wollen die geilen Böcke alle ständig auf sie drauf, sie ist nur noch am wegbeißen und ganz verstört. Ein schwarzer Samstag. Aber jetzt kann man ja wenigstens befreit gegen die Bayern aufspielen ... und der Schweini und der Olli spielen sich ja schon mal ein.

Jena: Zum Glück keine Sachsen!

Ihr seid Helden!.jpg

Erschütternd eigentlich, über Jena so rein gar nix zu wissen. Wenigstens scheint's Thüringen zu sein und nicht Sachsen.

Meiner Ansicht nach haben wir ja weder ein Araber- noch ein Türkenproblem, sondern eines mit Sachsen. Allein schon die Bezeichnung "Niedersachsen", und da komme ich immerhin her, belegt ja deren kulturell tief verwurzelten Herrenmenschen-Gestus. Wahrscheinlich haben die damals unter Androhung von Prügel mit dem Baseballknüppel und Schlimmerem irgendwelche Befreiungsgsoffiziere in der englische Zone dazu gebracht, beim
Neuerfinden eines Bundeslandes gleich schon mal klarzustellen, daß es niedere und höhere Sachsen gibt.

Zu Zeiten der DDR wurden dann Amerikanismen wie Baseballschläger unterdrückt, um so mehr konnte man nach der Einheit wieder so richtig schön die Sau rauslassen mit den Dingern. Aber zurück in die Nachkriegszeit: Die ganze Globkes und wie sie alle hießen, die Adenauer dank einer "immensen Integrationsleistung" (Guido Knopp) ...

... das Neue Deutschland schaffen ließ, die konnten dann ihre NSDAP-Organsationserfahrung einbringen und haben das dann zementiert, dieses mit den niederen und den höheren Sachsen.

Ich bin mir auch sicher, daß Neonazitum in Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen jeweils etwas ganz anderes darstellt. Sind ja ganz unterschiedliche Völker, Sitten und Kulturen. In der sächsischen Kultur ist sowas halt ganz besonders tief verwurzelt und kommt immer mal wieder durch. War das nicht sogar mal 'ne Sozen-Hochburg? Na also, links und rechts sind ja eh das Gleiche. Und König Kurt war einfach eine willkommene Führerfigur.

Es ist also an der Zeit, die Integration von Sachsen zu diskutieren. Daß diese allesamt die Disposition zur Kriminalität in sich tragen, daß durfte ich ja letzte Woche in der Chemnitz-Fankurve bewundern. Und ich sage euch: Nicht die moderaten Sachsen sind das Problem, sondern die Radikalen! Schon 5 % Radikale reichen da aus! Wie wollen wir die denn auch herausfiltern? Ich glaube auch nicht, daß Integrationskurse da ausreichen. Ist ja mittlerweile zum Glück auch bis zur BILD-Zeitung durchgedrungen. Gestern, die Headline

:

"Sachsen-Politik: So hat der Staat versagt!"

Und dann:

"Die Debatte über Sachsen-Gewalt in unseren Stadien, in unseren Dörfern und Vorstädten bringt es ans Licht: Beim Thema Sachsen-Intergration hat der Staat versagt! Die unbequemen Wahrheiten, was unsere Politiker jahrelang lieber verschwiegen ... S. 2
"

Und über der Überschrift "7 Wahrheiten über Sachsen-Politik" findet sich Schauerliches:

"Bildung - Fakten: Rund 10 % aller Schüler in Deutschland sind Sachsen." Das ist ja an sich schon erschütternd. Aber härter noch: "Kriminalität - Fakten: Jeder fünfte einer rechtsextremistischen Stratftat Verdächtige ist Sachse. Besonders hoch der Sachsenanteil bei schwersten, rechtsextremistischen Straftaten: Jeder dritte Mord an einem Ausländer, jede dritte Vergewaltigung schwarzer Frauen und jeder dritte schwere Raub wird von einem Sachsen begangen" Sprache: "Jeder zweite der rund 2,6 Millionen Sachsen in Deutschland spricht kaum deutsch!" Stattdessen sächseln sie. Eine Schande für die Nation!

Na, da steht noch ungleich mehr, deshalb bin ich froh, daß wir heute gegen Jena gewinnen und nicht etwa gegen Dresden oder Chemnitz spielen. Da pfeifft dann auch hoffentlich kein Schiedsrichter Konzessions-Elfmeter, um die Sachsen nicht zu provozieren, gibt Rote Karten, wenn diese berechtigt sind, ohne Angst zu haben, daß sein Linienrichter wieder mit Sachsen-Böllern beworfen wird.

Die Geschichte des FC Carl Zeiss Jena ist eh imposant, im Hinspiel am Millerntor haben die auch verdammt guten Fußball gespielt, kontrolliert, zweikampstark, keine blöden und überflüssigen Schnörkel - wundert mich gar nicht, daß die in der Tabelle so gut dastehen. Auch in Sachen Multikulti haben sie's drauf: Immerhin wurde ein Schwabe, Lothar Späth, zum Volkshelden dort. Das zeugt von Toleranz!

Glaube trotzdem daran, heute wieder "Ihr seid Helden!" unseren Jungs zurufen zu können! Sind sie nämlich! Und bei Jena beginnt gerade die Krise! Die hatten diese Saison noch keine!

Aber, zurück zum Sachsen-Problem: Kann man nicht einfach den Tschechen vorschlagen, als einer Art historischer Sühne Sachsen zu übernehmen? Affenlaute in Stadien, wenn ein schwarzer Spieler am Ball ist, kennen die da ja auch ganz gut - liegt wahrscheinlich an der Jahrhunderte währenden, rassischen und kulturellen Vermischung zwischen Sachsen und Tschechen ... also: Für den Anschluß Sachsens an Tschechien! Es ist an der Zeit, daß die Politik wieder Lösungen diskutiert, statt unter dem Banner falsch verstandener Toleranz Mulitkulti-Illusionen zu pflegen!

06.04.06

Kräftig applaudieren!

Ein herrliche Replik auf den Herrn Baring - wie war noch dieses Bonmot? Er altert schlecht? - findet sich heute bei SpOn (ich bekenne mich dazu, SpOn-Verlinker zu sein!). Zitat:

"Liebe Konservative: Kapiert endlich, dass dieses Herkunftsland Deutschland heißt. Multikulti ist eine Realität. Es gibt keinen Weg zurück zu einem "ethnisch begradigten" Deutschland. Liebe Große Koalition: Ihr seid dabei, die Chance auf die zweite deutsche Einheit zu verspielen - die republikanische Einheit der Einwanderungsrepublik Deutschland. Liebe Sozialdemokraten: Wie soll man eigentlich Euer dröhnendes Schweigen in dieser wichtigen Zukunftsdebatte deuten? Es gibt Wege aus der Multikulti-Krise. Man muss sie nur gehen wollen. Wie wäre es denn mal mit einem Gesetz zur automatischen Einbürgerung jedes in Deutschland geborenen Kindes? Das wäre doch mal ein echtes Angebot."

(http://www.spiegel.de/politik/debatte/0,1518,409905,00.html, heute abend wird richtig verlinkt)

Voll zustimmungsfähig, der Text.

Auch klasse ist ...

... das hier :http://www.achgut.de/dadgd/view_article.php?aid=2216&ref=0 von Tobias Kaufmann! Hätte ja nicht gedacht, daß ich noch mal der Achse des Guten applaudieren würde, heute tue ich's!

Das Problem der Willensfreiheit, Teil 1

Ach, den Gedanken übernehme ich jetzt einfach mal und starte hier in loser Folge eine Eintragsreihe zum Thema "Freiheit". Kann's ja nicht hinnehmen, daß es Positionen gibt, die das Denken hierüber Leuten wie Milton Friedmann überlassen wollen und glauben, jede Alternative dazu als "Sozialismus" diskreditieren zu können - wie war das noch mit Chile und den Chicago Boys (das war jetzt ein Einschub auf dem Niveau dieses Eintrages dort bei meinen Lieblings-Mitdiskutanten von den B.L.O.G.s)?

Dabei ist Sozialismus ja gar keine Diskreditierung, weil der real-existierende sowieso keiner war (habe ich auch schon vor dem Mauerfall so vertreten!) und z.B. Lafontaine in letzter Zeit wohl tatsächlich dem Nationalbolschewismus näher steht als sozialiistischen Idealen, sei's drum, das ist ein anderes Thema.

Das Problem der Willensfreiheit ist ja philosophiehistorisch auch nicht ganz neu, traditionell ...

... wurde es als "Freiheit versus Determininismus" auf allerhand Ebenen abgehandelt - schwerpunktmäßig wohl in allerlei Varinaten religiöser Debatten, und, strukturell erstaunlich analog dazu, dann eher in der Auseinandersetzung mit den Naturwissenschaften bzw. einem mechanistischen Naturverständnis.

Wer Adorno kritisieren möchte, sollte sich übrigens immer vor Augen führen, daß er genau dieses mechanistische Naturverständnis geißelte und die instrumentelle Vernunft, das identifzierende Denken, Zweckrationalität, im wesentlichen als Naturbeherrschung verstand. Seine Philosophie, sein ganzer Denk- und Sprachmodus probiert sich als die Möglichkeit, sich dem zu entziehen. Obgleich's ja ihm zufolge gar kein Leben im Falschen gäbe und, da das Ganze das Unwahre sei, man nicht viel mehr tun könne, als diese Unwahrheit des Ganzen als solche zu diagnostizieren.Das muß man alles nicht teilen, aber als Philosophie der Freiheit ist das schon ernst zu nehmen. So kann man, wenn ich ihn richtig verstanden habe, ja Freiheit in der Kontemplation zumndest erahnen, und das ist kein schlechter Gedanke.

Klarer ist immer schon Jürgen Habermas gewesen, und der setzt sich in seiner letzten Veröffentlichung auf seine Art mit dem Gegensatz von Freiheit und Determination auseinander. Er reagiert hiermit auf jene Forschungen, die MartinM in den sehr guten Kommentaren hier dazu veranlaßten, Willensfreiheit als falsifiziert zu behaupten. Da könnte man dann plump entgegnen: "So, und welcher neurologische Reflex hat Deinen Kommentar hier verursacht?", aber man kann auch Habermas zitieren. Der bezieht sich auf die Forschungen von Benjamin Libet, "Mind Time. "ie das Gehirn Bewußtsein produziert", Frankfurt/M. 2005.

Diese behaupten, daß dem bewußten Entschluß, so oder so zu handeln, immer schon ein synaptisches Gewitter oder sowas ähnliches vorausginge, daß also im neurologischen Vorbewußten alles eh schon entschieden worden sei. Das wurde auch schon als einen Bestätigung der Theorie des Unbewußten Freuds behauptet, andere deuten es determinitisch: Mein Handeln ist notwendig verursacht durch das, was mein Hirn sowieso schon ganz von selbst macht. Habermas entgegnet dem:

"Die manifeste Versuchsanordnung ist auf willkürliche Körperbewegungen zugeschnitten, die den Aktoren zwischen Absicht und Ausführung der Handlung nur Bruchteile von Sekunden einräumt. Daher stellt sich die Frage, ob die Testergebnisse über die Klasse von Handlungen hinaus generalisiert werden dürfen." (Habermas, Jürgen, Zwischen Naturalismus und Religion, Frankfurt/M. 2005, S. 158). Und, weiter: "Normalerweise sind Handlungen das Ergebnis einer komplexen Verkettung von Intentionen und Überlegungen, die Ziele und alternative Mittel im Lichte von Gelegenheiten, Ressourcen und und Hindernissen abwägen. Ein Design, das die Planung, Entscheidung und Ausführung einer Körperbewegung zeitlich eng zusammenpresst und aus jedem Kontext von weiterreichenden Zielen und begründeten Alternativen herauslöst, kann nur Artefakte erfassen, denen genau das fehlt, was Handlungen implizit erst zu freien Handlungen macht: der interne Zusammenhang mit Gründen." (Ebd., S. 159) Und ergänzt unter berufung auf Peter Bieri: "Der Handelnde ist dann frei, wenn er will, was er als Ergebnis seiner Überlegung für richtig hält. Als Unfreiheit erfahren wir nur einen von außen auferlegten Zwang, der uns nötigt, anders zu handeln, als wir nach eigener Absicht handeln wollen."(Ebd., S. 161) "Im Prozeß des Nachdenkens gelangt der Aktor nicht zufällig, weil nicht grundlos, zu einer rational motivierten Stellungnahme. Einsichten entstehehn nicht willkürlich, sie bilden sich nach Regeln." (Ebd.) "Was rationale Motivation durch Gründe heißt, können wir nur aus der Perspektive des Teilnehmers am öffentlichen Prozeß des "Gebens und Nehmens von Gründen" (Robert Brandon) erklären. Deshalb muß ein Beobachter das Diskursgeschehen in einer mentalistischen Sprache beschreiben, d. h. in einer Sprache, die Prädikate wie "meinen" und "überzeugen", "bejahen" und "verneinen" enthält. In einer empiristischen Sprache müßte er, aus grammatischen Gründen, alle Bezüge auf die propositionalen Einstellungen von Subjekten, die etwas für wahr oder falsch halten, eliminieren." (Ebd., S. 162)

Daß all dieses ein spätes Echo dessen ist, was als "Positivismusstreit" in Soziologie-Geschichtsbüchern steht, sollte offenkundig sein.

Habermas bindet Freiheit an die Teilnehmerperspektive, nicht jene des objektivierenden Beobachters, der beispielweise behauptet, alle seien freier, wenn der Kündigungsschutz fiele. Und er bindet sie an Gründe, die motivieren und die intersubjektiv diskutierbar sind. Eine rein negative Freiheit kann diesen Schritt schon gar nicht mehr vollziehen: Die müßte, um sich von allen Einflüssen frei zu halten, noch die Begründung als Zwang erfahren. Ob all das trivial ist, kann ja diskutieren,wer Lust dazu hat. Oder auch nicht.

05.04.06

Nachschlag zu Baring

Woher der Mann aus dem vorherigen Eintrag sein Wissen höchstwahrscheinlich schöpft, kann man heute in der FR lesen:

"Der Fall sei "sehr schief dargestellt worden", Schlagworte wie "Hasschule" seien, trotz der Probleme, "absolut unzutreffend". Um die Lage möglichst dramatisch darstellen zu können, hätten Journalisten gezielt "die problematischen Schüler aktiviert", sich selbst zu inszenieren. Hochschild will die Kontakte der Schule zu den Medien abbrechen. Um die Arbeit weiterführen zu können, werde es keine weiteren Presseerklärungen mehr geben.

Schülersprecherin Katrin El-Mahmout kritisierte, Schülern sei Geld für Geschichten über Gewalt- und Drogenexzesse geboten worden. Der schlechte Ruf der Schule verschlechtere die Chancen der Schüler: "Wir wollen uns irgendwann bewerben, wir wollen nicht stigmatisiert werden", sagte El-Mahmout: "Ich möchte einfach, dass die Presse nicht mehr über uns Scheiße schreibt."

Soweit heute die FR. Hochschild ist der neu eingesetzte, komissarische Leiter der nunmehr berühmt-berüchtigten Berliner Rütli-Schule. Gestern abend beim NDR-Magazin ZAPP gab es einen Beitrag zur Berichterstattung über diese Schule zu sehen, der diese Darstellung vollumfänglich unterstützte (und der übrigens auch die krude Datenbasis, die der aktuellen Demographie-Debatte zugrundeliegt, auseinandernahm).

"Deutsches Selbstbewußtsein": Arnulf Baring ist gescheitert

... nicht etwa das, was als "Mulitikulti" sinnvoll zu bezeichnen wäre: Nämlich die Koexistenz verschiedener Lebensformen und Lebensstile auf einer klaren, rechtlichen Basis.

Es mag ja sein, daß, wie Statler vermutet, die BILD im heutigen S.1-Interview mit Herrn Baring eifrig herumredigiert hat, damit auch ja das hinten raus kommt, was die In-der-U-Bahn-Leser dann empört. Allerdings ist mir Arnulf Baring bisher, HB-Männchen-like in Talkshows sitzend, auch nicht gerade durch besonders herausragende, analytische Schärfe oder profundes Wissen aufgefallen. Aber hinsichtlich dieses Eindrucks lasse ich mich wie üblich auch gerne korrigieren.

Dennoch kann man wohl guten Gewissens vom Scheitern eines Wissenschaftlers sprechen, wenn dieser auf's Vorurteil setzt. Ebenso halte ich es für unwahrscheinlich, daß er seinen Text nicht gegengelesen hat, bei Print-Interviews ist das im Gegensatz zu TV-Interviews eigentlich üblich. Da reiht sich Klischee an Ressentiment:

"Da wir Deutschen ein geringes Selbstwertgefühl haben, wagten wir lange nicht, von den Zuwanderern Integrationsanstrengungen zu verlangen. Insofern haben wir Isolierungstendenz Vorschub geleitstet. Viele Politiker hofften, „authentisch gebliebene“ Ausländer würden Deutschland positiv aufmischen."

"Integration" wird bei so einem Gerede grundsätzlich nicht spezifiziert, allenfalls als Anstrengung behauptet, die von anderen zu fordern sei. Diese Assymetrie der politischen Forderung verhindert dann, was sinnvoll mit Integration gemeint sein kann.

Das ist ein schulmeisterliches "Sei, wie ich Dich haben will!", dann, wenn es im Baringschen Sinne auf das anzuwenden sein soll, was er meint: Nämlich die konkrete Verfaßtheit einer Lebensform. Oder, aktuell auch ...

... anzutreffen: Beweis mir doch erst mal, daß Du so oder so nicht bist (Deine Frauen nicht schlägst etc.). Und, ganz ehrlich: Wenn mir die BILD-Zeitung oder Herr Baring so kämen, würde ich auch dicht machen.

Diese These vom "geringen Selbstbewußtsein", angewandt auf 80 Millionen Psychen, halte ich zudem immer schon für unsinnig. Da wird etwas konstruiert, das auf gar nichts referieren kann: Es gibt kein kollektives Selbst. Es gibt so etwas wie sich-identifzieren mit, und womit man dann jeweils sich identifiziert, das kann man positiv oder negativ oder irgendwie dazwischen bewerten, wenn man's braucht.

Sich-Identifzieren-mit kann im Sinne der Zugehörigkeit verstanden werden, und Eigenschaften dessen, wozu man sich gehörig fühlt, sind dann Gegenstand der Bewertung, wie man das findet, wozu man sich gehörig fühlt. Wenn man das für gut befindet, wozu man sich gehörig fühlt, dann kann daraus auch ein "Sich-gut-finden, weil man dazugehört" werden. Das ist freilich die etwas billige Variante des Selbstbewußtseins im positiv wertenden Sinne. "Wer nix wird, wird deutsch", sozusagen.

Andere Varianten sind z.B.: Ich bin stolz darauf, dies oder das geleistet zu haben: Abitur, einen Hausbau, den Hausputz. Oder: Ich neige dazu, in zwischenmenschlichen Beziehungen so oder so zu reagieren - z.B. zuverlässig zu handeln, liebevoll auf Andere einzugehen. Reflexiv, indem ich über diese, meine Verhaltensdispositionen nachdenke, kann ich dann auch sinnvoll Sätze formulieren wie "Ich bin ein eher vorsichtiger Mensch". Das kann ich dann postiv bewerten und daraus "Selbstbewußtsein" ziehen.

"Selbstwußtsein" wäre dann das "Wissen, daß p", also Bewußtsein davon, daß ich zu diesem oder jenem neige, mir insofern diese oder jene Eigenschaft zusprechen kann. Den Wissensvorspung, den ich dabei vor Anderen habe, besteht in der täglichen Erfahrung meiner selbst. An sich können andere vieles meines so-oder-so-seins aber ebenso gut wie ich selbst beurteilen.

Was sie nicht können, ist, sich im selben Sinne wie ich selbst dazu zu verhalten. Ich kann mein Verhalten freiwillig, aus Neigung oder Überzeugung ändern. Andere können mich allenfalls dazu zwinge, daß ich es ändere. Praktisch, Nicht deskriptiv werde ich "Ich selbst". Das nominalisierste "Selbst", das gelegentlich durch die Diskurse geistert, kann nur sinnvoll als eben dieses "Selbstverhältnis" gedacht werden, also der bewußten Steuerung meiner Verhaltendispositionen, behaupte ich jetzt einfach mal.

Was hat nun das alles mit "deutsch" zu tun? Rechtskonservative wie Baring wollen, glaube ich, tatsächlich identische Eigenschaften, Verhaltensweisen - und - dispositionen sowie Selbstverhältnisse allen gleichermaßen anerziehen, sie dazu zwingen. Das ist faktisch Gleichschaltung und die normative Forderung nach dem konkreten so-oder-so-Sein von Personen. Und wenn man mit "Totalitarismus" irgendetwas sinnvoll meinen kann, dann jawohl das.

Forderte Baring nicht faktisch das, machte die Rede von "Selbstbewußtsein" meiner Ansicht nach keinen Sinn. Er unterscheidet dabei ja auch nicht zwischen moralisch verbotenen Handlungsweisen, also solchen, die man nicht soll, weil sie sonst eine Sanktion nach sich ziehen, Normen also, die in den vielen Fällen auch Rechts-Normen sind, und anderen Verhaltensweisen. Schnitzel essen und Menschen umbringen wird als das Gleiche behandelt in dieser Denke, eben beides Kultur, wenn ich's denn richtig verstehe. Und: Er geht mit Formulierungen wie der Behauptung der Möglichkeit eines deutschen Selbstbewußtseins davon aus, daß "deutsch" eine Eigenschaft sei wie "rot", "humorvoll" oder "hysterisch".

Ich halte sowas für überhaupt nich verifzierbar. Wie soll man denn die gemeinsame Eigenschaft von 80 Millionen feststellen? Die klassische Antwort, lange Zeit auch rechtlich, war "Abstammung". Das führt immer zu Rassismus. Konsequent betrachtet, gäbe es dann auch heute Viertel-, Achtel-, Halbdeutsche. Diese ganze Seltsamkeit der Rußlanddeutschen, die angeblich mehr Rechte auf Einwanderung hätten als ein Inder oder Angolaner, basiert ja auf diesen kruden Abstammungslehren. Wo fängt man denn da an? Wie weit geht man zurück? Will man eine spezifische deutsche Genkonstellation bestimmen? Na, dann Hallelujah!

Das Schlimme ist, daß genau dieses Bild das Selbstverständnis so vieler Deutscher prägt. Sie reden und tun, als sei "deutsch" eine Eigenschaft wie "brustbehaart" - zumeist jedoch "weiß". Das Selbstverständnis vieler, wenn nicht der meisten Deutschen ist völkisch. Obgleich dies deskriptiv haltlos ist, ein rassistisches Selbstverständnis ist es zudem. Diese ganze Konstruktion, auf die Baring meiner Ansicht nach implizit referiert, bewegt sich im Rahmen dieses Denkens und korrespondiert insofern mit der "Du bist nicht Deutschland, Gerald!"-Kampagne. Deutlich wird dieses auch in einer anderen Interviewpassage:

"BILD: Wieso gibt es fast ausschließlich Probleme mit Türken, Arabern, Albanern und Rußlanddeutschen, nicht aber mit Einwanderern aus anderen Ländern?

Das hat möglicherweise mit der hohen Gewaltbereitschaft in diesen Volksgruppen zu tun. Auch der politisch aufgeladene Islamismus spielt eine verhängnisvolle Rolle, man denke nur an die unerträgliche, nicht hinnehmbare Unterdrückung der Frauen.

BILD: Ist es zu verantworten, noch mehr Ausländer hereinzuholen?

Prof. Baring: Soweit es Problemgruppen betrifft: natürlich nicht."

Das ist auch schon wieder diese Kollektivierung von Verhaltensweisen. "Gewaltbereitschaft" ist die Eigenschaft von Volksgruppen in Barings Denken. Das hat wohl eher im Einzelfall geprüft zu werden - unser ganzes Rechtssystem ist darauf ausgrichtet, im Einzelfall zu prüfen, und das zu Recht. Herr Baring scheint davon nix zu halten. Daß nun auf einmal Konservative Frauen nicht mehr unterdrücken wollen, ist ja eine postive Begleiterscheinung der Debatte. Aber die Generalisierung des Negativ-Stereotyps ist die Struktur des Vorurteils.

Es gibt aber einen anderen Weg, "deutsch" zu verstehen, nämlich im Sinne des Staatsbürgerrechts. Das ist nun eine der wenigen Großtaten von rot-grün, sich an dieses Thema gewagt zu haben. Für mich ist deutsch, wer hier aufgewachsen ist. Und wer hinzukommen will, der sei willkommen. Dazu später mehr.

Diese Ebene kann die ganze Diskussion auch versachlichen gegen diese ganze Anti-Multi-Kulti-Hetze. Daß eine Sich-dazugehörig-fühlen im Sinne einer Anerkennung der Gesetze eine Selbstverständlichkeit zu sein hat - ich weiß gar nicht, wer dem jemals widersprochen hätte. Daß islamistische Fundamentalismen dazu nicht bereit sind, ist offenkundig, entsprechend haben sie so behandelt zu werden wie Neonazi-Ideologien.

Im Sinne der Anerkennung der Rechtsstaatlichkeit sind dann wohl auch die überwiegende Mehrheit der XYZ-Deutschen, ganz unabhängig von dem vorherigen Wohnort ihrer Eltern, ungleich deutscher als randalierende Neonazis. Die ja nicht umsonst wieder zwischen "BRD" und "Deutschland" unterscheiden wollen, so, als sei die BRD als ein "übergepropftes" politisches System den zugrundeliegenden Wurzeln widersprüchlich. Da kann man nicht nur an Hochstammrosen sehen, daß das Aufgepropfte oft viel schöner ist als der Stamm darunter - zudem das Bild natürlich falsch ist. Es gibt diese Wurzeln nicht.

Es gibt nur eine politische Partizipationsgemeinschaft, innerhalb derer Personen mit gleichen Rechten ausgestattet sind. Im Rahmen dessen kann sich so etwas wie ein "Wir" konstituieren, daß dann, aus der Teilnehmerperspektive formulierend, aufgabenteilig ein spezifisches Terrotorium und gemeinschaftliche Aufgaben beackert.

Die Frage spitzt sich dann zu auf die Zugangsmöglichkeiten zum Wir. Und da ist's wohl funktional sinnvoll, in der Tat da, wo sie überhaupt stattfindet, so etwas wie eine "Zuwanderung in die Sozialsysteme" zu unterbinden. Das ist aber eine funktionale, keine kulturelle Frage. Und kann auch das Asylrecht z.B. nicht aushebeln. Das gilt moralisch und rechtlich.

Ob man im Anschluß daran weitere Deregulierung z.B. des Arbeitsmarktes für richtig hält, die "Integration" dann über zauberhafte Automatismen quasi von selbst hervorbringt, oder aber eher für die gezielte Förderung der Integration in soziokönomischen Zusammenhänge, nicht kulturelle, plädiert, das ist eine Anschlußfrage.

Nicht beantwortet ist damit die Lage derer, die faktisch schon dazugehören, von allerlei Mechanismen aber von der Teilhabe abgehalten werden, z.B. von Herrn Baring, der ja durch sein assymetrisches Gequatsche lediglich Ausgrenzung zementiert. Und auch die Frage, welche Teilhabe überhaupt relevant ist. Herr Baring dinniert ja auch nicht jeden abend zwangsweise mit Sozialpädoginnen, Automechanikern und PDS-Abgeordneten, um sich in die Vielfalt der Subkulturen auf deutschem Territorium zu integrieren. Ich gehe auch in andere Kneipen als mein Praktikant. Was scheren mich dann türkische Kulturvereine? Ich habe ja auch nix gegen Karnevalsvereine einzuwenden und kenne auch niemanden, der sich da wohl fühlt. Aber die darf's schon trotzdem geben ...

Wichtig sind freilich auch im engeren Sinne moralische Fragen, und in genau dieser Hinsicht ist Baring ein Schurke: Moral gebietet die Bereitschaft zur wechselseitigen Perspektivenübernahme. Genau diese Bereitschaft fordert er ausschließlich von "der anderen Seite". Der prägt durchgängig den Diskurs über das Integrationsthema, dieser Unwille. Das schließt Dialoge aus, und wer diesen sich verweigert, ist im engeren Sinne unvernünftig. Was hinten rauskommt, muß auch keine Perspektivenindentität sein. Aber solange man die des Anderen wechselseitig respektiert, ist ein großer Schritt zum Miteinander schon getan ... eine Identität der Lebensformen braucht man dazu nicht. Eine klare, rechtliche Basis schon.

Heut' mal 'n Adorno

"Erfüllte Leben geradewegs seine Bestimmung, so würde es sie verfehlen."

Theodor W. Adorno, Minima Moralia, Frankfurt/M. 1973, S. 101

Heute blau, morgen blau ...

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Foto: Museums-Magazin

Geschah die Geburt der Menschheit aus dem Geiste des Alkohols? Das eine oder oder andere Phänomen menschlichen Mit- und Gegeneinanders wäre dann leichter erklärbar. Auch der Mythos von den "grünen Männchen" - nur ein verquaster Rousseauismus. Loriot hingegen: Visionär mit seiner Figur des "blauen Klaus". Ja, da oben hinterm Sessel lukt er hervor, und das erinnert an Abende mit der "Ibu"-Aldi-Chipstüte, im Schlafanzug vorm Fernseher, als man sehnsüchtig auf den "Thööööööööööööööölke!"-Ruf wartete ... aber das ist eine andere Geschichte.

04.04.06

Die Provokationstheorie der Wahrheit

Daß sich hier in Hamburg eine Art autoritärer Allparteienregierung etabliert hat ist ja nicht erst seit der Diskussion rund um das letztlich menschenverachtende, neue Hundegesetz offenkundig. Weil dieses sich miener Ansicht nach unmittelbar gegen die frei Entfaltung der Persönlichkeit richtet und den Bürgern der Stadt die Fähigkeit zu eigenverantwortlichem Handeln abspricht. Also genau das, was ansonsten zugunsten des Sozialabbaus zweckentfremdet propagiert wird.

Nun ist auch höchstrichterlich das Sammeln von Unterschriften für Volksentscheide auf Hamburgs Straßen unterbunden worden, und die Hamburger Schein-Opposition findet das auch noch prima. Na ja, nur indirekt, prima findet sie, daß in anderer Hinsicht die Hürden für Volksentscheide nicht erhöht wurden und CDU-Wünschen nicht nachgegeben wurde, daß z.B. an Wahltagen solche nicht stattfinden dürften. Aber wahrscheinlich freute die Oppostion ebenso, daß sie, falls sie noch mal ans Ruder kommen sollten, nicht in die Gefahr geraten werden, diese dann ebenso zu ignorieren, wie's der aktuelle Senat tut, weil das Volks ja keine Ahnung hat. Weil eben Unterschriften jetzt nur noch in Amsstuben gesammelt werden dürfen.

Wie sich das für Regime im wilhelminische Geiste gehört, agiert jetzt auch die Hamburger Polizei. Zumindest in Sachen Realitätskonstruktion. Heute z.B. nachzulesen bei SpOn und auch in offiziellen Verlautbarungen dieser Freund-und-Helfer-Institution als solcher. Da zitiert man im Gegenzug dazu auf einmal ....

... sogar Herrn Beckstein:


„Der Hitlergruß ist bei uns eine Straftat und kein Ausdruck besonderen britischen Humors“, sagt der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, der bayerische Innenminister Günther Beckstein der Süddeutschen Zeitung. „Wer so etwas tut, wird konsequent festgenommen.“
(Quelle: Süddeutsche Zeitung)

Ja, daß eben genau dieses nun wirklich von großen Gruppen im Fanblock der Chemnitzer vollzogen wurde, ist auf allerlei Fotos festgehalten. Aber nein: Die wollten ja nur "provozieren". Steht auch so bei SpOn, oben verlinkt:


"Chemnitzer Fans hatten die Anhänger des FC St. Pauli am Samstag mit faschistischen Parolen und Fahnen provoziert und zudem mit einer Rauchbombe für eine fünfminütige Spielunterbrechung gesorgt."

Es gibt ja zu Recht dieses Satz, daß Faschismus keine Meinung, sondern ein Verbrechen sei, war sogar mal eine Werbebande am Millerntor - auf eine "Provokation" dieses zu reduzieren ist eine Frechheit. Wahrscheinlich ist es auch nur die Provokation eines hartnäckig fortlebenden, linken Zeitgeistes, wenn im Osten alltäglich Schwarze gejagt werden, und gäbe es diesen Zeitgeist nicht, würde man die in Ruhe lassen.

Aber auch die Hamburger Polizei folgt der Provokations-Theorie::


"Kurz nach Spielbeginn provozierten Chemnitzer Fans durch rechte Parolen. Dadurch fühlten sich St. Pauli Anhänger provoziert, die Stimmung unter den Fans wurde immer gereizter."

So wurden wir ja dann auch aufgefordert, nicht unsererseits zu provozieren, indem wir "Nazis raus" brüllten. Das macht mich immer noch fassungslos. Daß auch dieses urdemokratische Statement seinerseits nur als "Provokation" gewertet wird. Vielleicht ist es ja out, in Deutschland sich gegen Neonazismen zu äußern. Ich habe das "Nie wieder!" immer als oberste Staatsbürgerpflicht verstanden. Das ist in einer polizeilichen Provokationstheorie der Gesellschaft auf nicht aufzulösen.

Aber im SpOn-Artikel legen die Ordnungshüter noch nach:

"Wir haben die Dynamik der Interaktion zwischen den verschiedenen Fangruppen unterschätzt."

Stimmt. Aufrechtes Eintreten für Menschenrechte und Demokratie ist man in Hamburg ja in der Tat nicht mehr gewohnt. Das kann die Polizei schon mal überraschen, da kann sie ja nix für. Welche Menschenrechtskomission war's neulich noch, die die Abschiebepraxis in Hamburg und die Unterbringung der Abzuschiebenden geißelte? Daß jene, die im Chemnitzer Fanblock standen, dieser Praxis wohl zustimmen würden, gibt allerdings alleine noch kein Argument gegen diese her ...

Diese zirkuläre oder spiralförmige Interaktionstheorie - so lese ich sie, lasse mich da von der Polizei aber auch gerne korrigieren - setzt das Eintreten für Demokratie und Menschenrechte mit dem Verhalten jener gleich, die genau dieses abschaffen wollen. Damit kein Zweifel aufkommt: Ich halte weder Stein- noch Flaschen- noch sonstwas für -Würfe legitim, bin strikt dagegen, find's grundfalsch, daß sie stattfanden.

Ich bin aber sehr stolz darauf, zu einer Community zu gehören, die faktisch einen Naziaufmarsch in einer Fankurve nicht unwidersprochen lassen wollte. Insofern schäme ich mich, bei der spontanen Gegendemo nicht dabei gewesen zu sein. Zudem überhaupt nicht absehbar war - auch hier korrigiere man mich -, daß die Nazis per Bus abtransportiert würden.

Auch für mich stellte es sich im Stadion so dar (kann mich da irren, ich berichtehier über meine Wahrnehmung), als sei die Polizei im Falle dieses Mobs, der Hitlergrüße zeigte, U-Bahn-Lieder sang, Feuer legte und mit extrem lauten und gefährlichen Knallkörpern auf Menschen warf, zudem offenkundig damit drohte, den Zaun zur Haupttribüne wahlweise einzureißen oder hinüber zu klettern, nicht gewillt, dieses Verhalten nachhaltig zu unterbinden, indem sie den z.B. Block räumten. Sie haben diese - für meine Wahrnehmung deutlich zeitverzögert - umzingelt, eine Verhaftung beispielsweise war für micht nicht wahrnehmbar. Ich bin auch davon ausgegangen, daß nunmehr die Glatzen über den Kiez ziehen und ein paar Leute krankenhausreif prügeln würden. Und schäme mich, daß ich nicht zu jenen gehörte, die sich dem in Weg stellten.

Daß dann noch ein Mädchen aus Chemnitz - wenn sie denn bei SpOn korrekt zitiert wird - solche Sätze absondert:

"Politik gehört nicht zum Fußball, das können die in ihrer Freizeit machen"

das faßt die Situation eigentlich ganz gut zusammen. Politik als belanglose Freizeitbeschäftigung jenseits des Wesentlichen. Derartige Sätze äußert sie über offenkundig Rechtsradikale, deren Freizeitbeschäftigung mit dem Baseballschläger und nicht nur diesem vielen Zeitungen noch nicht einmal mehr eine Meldung wert ist. Und auch sonst ist das ein Politikbegriff, dem durch ihre Verlautbarungen offenkundig auch die Hamburger Polizei mit ihrer ping-pog-artigen Provokations- und Interaktionstheorie zuzustimmen bereit ist. Auch hier korrigiere man Fehlinterpretationen.

Aber im Zuge dieses wohl unausgesprochen dem polizeilichen Handeln zugrundeliegenden "rechts=links"-Schemas ist ein alltäglichesund in schlechterdings allen Situationen stattfindendes Eintreten für Demokratie und Menschenrechte schon irgendwie "links". Solche Begriffe werden dann im allgemeinen Diskurs lieber genutzt, um Muslime auszugrenzen und zu diffamieren. Aber bloß nicht sich auf sie berufen, wenn man auf Neonazis trifft ...

03.04.06

Bio-Macht: Alles nur eine Frage der Evolution ...

Die gesamte Hamburger Presse berichtet heute über die ekligen, kleinen und großen Nazis aus Chemnitz am Samstag am Millerntor. Am tiefsten hinab in die Logik des braunen Sumpfes steigt die taz hinab.

"Auch aus Rostock und Cottbus waren sie angereist, um das "rote" Hamburg aufzumischen. Und, wie es schon vorher in der Szene hieß, um den "Kiez von Punks, Zecken und Türken zu säubern"."

Wieso fällt mir dazu ...

... vor allem und als allererstes das Blog der selbsernannten Freunde der offenen Gesellschaft ein? Das muß biologisch bedingt sein. Eine Verformung irgendwelcher Synapsen nach Jahrzehnten der falschen Lektüre verursacht in mir solche Assoziationen. Ist ja alles bewiesen, was die da so vor sich hinschrieben im FDOG-Blog; und was sie da und daß sie das schreiben, dafür können sie auch nix. Das ist einfach das übliche, überschießende Jungmänner-Hormon-Gebräu, über das sie und ihre Kumpels im Geiste sich so gerne auslassen, wenn's um Araber geht.

Wie man Araber gegen Türken ausspielt, das kann man jetzt sogar bei Alan Posenerhttp://www.wams.de/z/plog/blog.php/apocalypso/schulstunden/2006/03/31/der_ruetli-schwur nachlesen in einem ansonsten sehr vernünftigen und guten Text. Aber so erklärt sich dann auch das "Türken raus!" der Faschos, da oben im taz-Artikel beschrieben. Das rufen die Chemnitzer dann auch primär aus (biologisch bedingtem) Antiamerikanismus, weil die Türkei ja auch immer mit "dem Westen" bündelt. Aber auch da können sie nix für, denn:

"Es gibt einen erfolgversprechenden und einfachen Weg, die Linke mit all ihren Spleens zu verstehen: Betrachten Sie sie einmal als ein gigantisches Projekt zur Rettung eines rousseauistischen Menschenbildes. Wo immer Menschen sich Gewalt oder Gemeinheiten antun, kommt eine Rettungstruppe linker Intellektueller herbeigeeilt und erklärt lautstark, welche gesellschaftlichen Umstände zu diesem Unglück geführt haben.."

So steht's bei den FDOG, deshalb haben sich ja die St. Paulianer auch auf der Budapester Straße versammelt. Die wollten die Chemnitzer retten und bekehren! In einer Art aktiver Sozialarbeit! Mehr dazu lesen kann man hier und hier.

"Diese Erklärungen werden grundsätzlich nicht bewiesen."

Man beweise mir die Notwendigkeit einer offenen Gesellschaft. Für die bin ich abgesehen davon auch. Wird wahrscheinlich nix draus. Zumindest dann nicht, wenn das Volk beginnen sollte, die FDOG zu lesen - die tun ja mit ihren Texten alles, wirklich alles dafür, diese zu verhindern. Und merken's wahrscheinlich noch nicht mal ...


"(...) das ist auch gar nicht möglich."

Ach so.

" Natürlich gibt es menschliche Konflikte, die sich weitgehend aus gesellschaftlichen Verhältnissen erklären lassen."
Wie jetzt? Dann doch?
"Weitgehend! "

Ach so.

"Die Biologie spielt immer und überall und meist eine ebenso wichtige Rolle wie die Gesellschaft. Und das lässt sich nicht nur beweisen. Es ist bewiesen."

Apropos: Schon mal was von der Popperschen Falsifikationslehre gehört? Und: War's Gobineau, der das auch bewiesen haben wollte? Oder war's Lamarque (über den ich gerade nix finde)? Manche blieben ja damals im 19. Jahrhundert auch bei der reinen Kulturtheorie stehen, wenn sie gegen Juden hetzten. Andere taten das mittels biologischer Beweise menschlichen Verhaltens. Auch Slaverei und Kolonialismus ließ sich mit dem primitiven Geist der Neger vortrefflich begründen. Ebenso Elektroschocktherapie an Schwulen und Schlimmeres gründete im Glauben biologischer Beweisführung.


"Das Gewicht der einzelnen Faktoren variiert natürlich stark. Und nicht selten lassen sie sich gar nicht eindeutig isolieren. "

Ich habe mich schon immer gefragt, wie man wissenschaftlich strikt belegt, beweist. Jetzt habe ich's endlich gelernt. Man behauptet die Variation von Faktoren, die sich nicht eindeutig isolieren lassen. That's it!

"Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass alle Erklärungsmodelle die von den biologischen Grundlagen des Menschen nichts wissen wollen, ebenso grundfalsch und absurd sind wie die (heute nur noch selten vertretenen) Erklärungsmodelle, in denen das menschliche Verhalten allein aus den Gesetzen der Biologie abgeleitet wird."

Ja, Baby-Blue, aber dann erzähl mir doch, anhand welcher Kriterien Du das unterscheiden willst, die biologische Verhaltenserklärung von einer - ja, wie denn eigentlich? - begründeten, anderen Erklärung menschlichen Handelns. Wortreich nix sagen gilt nix. Und wieso Du meinst, nicht-biologisch "verursachtes" Verhalten überhaupt sinnvoll beschreiben zu können, wenn das doch alles gar nicht beweisbar ist.

"Falsche Erklärungen führen aber zu falschen Lösungsansätzen."

Ja. Stimmt.

"Noch das beeindruckendste linke Theoriegebäude fällt lautlos in sich zusammen, wo wir es mit den harten Fakten der Soziobiologie konfrontieren."

Über's 19. und frühe 20. Jahrhundert habe ich mich ja schon ausgelassen. Der Satz findet sich bestimmt auch irgendwo in Schriften des

Alldeutschen Verbandes
. Alles schlimm genug, aber die neue Rechte setzt noch eins drauf und zitiert dann ein Essay über die evolutionären Grundlagen von Grausamkeit und Intoleranz. Womit dann ja klar wäre, wie's zu den Geschehnissen in der Chemnitzer Fankurve kam: Alles eine Frage der Evolution ...

Was für ein Dreck! Sorry, aber wer auf solche Leute in seiner Blogroll linkt, der muß sich schon gut überlegen, welches Denken er da befördern will ...

02.04.06

Anti-Antirassismus und seine Folgen

Habe mich soeben schon schon in "Du bist Weltmeister" darüber ausgelassen. Zusätzlich zu "Weiß ist nicht nur eine Hautfarbe"-Widerwärtigkeiten ist freilich folgender Passus bemerkenswert an der tagesschau.de-Meldung:

"Unterdessen versucht die NPD auch mit anderen Mitteln, das Fußballfest im Sommer für ihre politischen Ziele zu instrumentalisieren. So kündigte sie an, bei den Spielen mit iranischer Beteiligung die Solidarität mit Präsident Machmud Ahmadinedschad ausdrücken zu wollen. Dieser genießt seit seinen antisemitischen Hetztiraden hohes Ansehen bei den Rechtsextremisten."

Vertieft wird das Ganze hier. Insofern sei noch einmal präsizisert, ...

... was ich im vorherigen Eintrag meinte, als ich eine Verbindung zur Islam-Debatte herstellte.

Auf vielen der neurechten Seiten ist's üblich geworden, Riots wie jene in Paris oder auch an der Hauptschule in Neukölln damit erklären zu wollen, daß der Islam als gelebte Kultur die Gewalttätigkeit hervorbrächte und die Erklärung durch die soziale Situation, in der diejenigen lebten, falsch sei und zudem Gewalt legitimieren würde.

Das Ganze wird dann eingebettet in einen allgemeineren Diskurs, der Antisemitismus im wesentlich als Antilberalismus und Antikapitalismus deutet und dessen rassistischen Gehalt leugnet (als habe es keine Rassegesetze im 3. Reich gegeben, wat ein Schiet).

So versucht man dann im nächsten Schritt a.) Antirassistische Positionen, die vertreten, die Islamkritik würde selbst auf einen neuen Rassismus gegen Araber und schwarzafrikanische Muslime hinauslaufen, als bodenlos und totalitär gar zu kennzeichnen und b.) auch jede Kritik an "den USA", die immer nur als pauschale gedeutet wird, nicht etwa als eine Kritik an der konkreten Außenpolitik der Regierung Bush, als antisemtisch und anti-israelitisch zu diskreditieren.

Dieser ganze Thesenkomplex macht einen völlig irre, weil er in seiner Mischung aus Verdrehungen, haltlosen Unterstellungen und boshafter Demagogie kaum noch entwirrbar ist, publizistisch aber immer wirkungsmächtiger wird.

Schlimm ist an ihm, daß diese merkwürdigen Kausalerklärungen menschlichen Verhaltens, die Koran-Lektüre verursache notwendig Gewalt, alle anderen Ursachen dieser wegerklärt und durch den Versuch, Antirassismus zu delegitimieren, genau das hervorbringt, wogegen dieser sich richtet. Und weil er eine Beschäftigung mit der eigenen Kultur zu unterbinden sucht und dabei auch noch den Vorwurf des Antisemtismus instrumentalisiert.

Den selben Argumentations-Mustern folgend wären auch die Glatzen in der Chemnitz-Fankurve keine Rassisten, sondern einfach nur antliberale, und "DIE DEUTSCHE KULTUR" würde in ähnlichen Kausalmustern Gewalt hervorbringen wie "DIE ISLAMISCHE KULTUR". Das ist ja meines Wissens die Position der Antideutschen, die ist aber Quatsch. Weil's beides eben in dieser Form gar nicht gibt. Und natürlich sind Glatzen immer auch antiliberal. Aber Rassisten sind sie auch, das zeigen doch die Kampagnen gegen schwarze Nationalspieler.

Es soll gar nicht bestritten werden, daß es unter "Linken" antiamerikanische" und in Antisemtismus umschlagende Israel-Kritik gibt und teilweise wohl auch die Tendenz, sich mit ziemlich üblen Ideologen zu identifizieren, weil man sie für Opfer von irgendwem hält. Ebensowenig soll bestritten werden, daß manche im linken Lager aufzufindenden Kritik-Inhalte von den Rechten adoptiert wurden und teils im Zuge der Globalisierungs-Kritik dann in manch linkes Hirn zurückwandern. Auch den Satz, den Broder immer wieder zitiert, die Deutschen würden den Juden Ausschwitz nie verzeihen, muß man sich wohl immer wieder in's Hirn hämmern, wenn man über Israel diskutiert. Deshalb sind diese oben beschriebenen Muster trotzdem falsch.

Denn diese neurechte, rassistische Propaganda formiert sich immer auch im Schatten des obigen Diskurskomplexes. Eben weil er

a.) von Elementen der eigenen Kultur ablenkt, und weil er

b.) verhindern will, über soziale Probleme überhaupt noch zu reden. So daß die Rechten im Osten ja lange Zeit die einzigen (neben der PDS) waren, die so etwas wie eine "soziale Frage" überhaupt noch thematisiert haben. Herzlichen Glückwunsch, Herr Schröder. Man hat sie denen überlassen, hat ihnen Jugendarbeit überlassen, hat ihnen in jeder Hinscht viel zu viel Raum gelassen.

Diese "soziale Frage" kann nix legitimieren, rein GAR NIX, und die kleinen Glatzen sind allemal selbst verantwortlich dafür, für welche Ideologie sie sich entscheiden, ganz unabhängig von ihrer sozialen Situation, ebenso wie jeder Prügeltürke selbst dafür verantwortlich ist, wenn er prügelt.

Das ist aber kein Argument gegen die soziökonomische Inklusion, Integration, wie immer auch man das nennen will. Natürlich forciert die Diskussion über sie auch "Ich bin rechts, weil ich arbeitslos bin"-Rechtfertigungen.

Nur wird man die Rechten auch nicht los, wenn man seitenlang auf Einwanderer und deren Kinder und Enkel eindrischt. Da ist auch dieses eklige Bündnis mit dem Irren aus Teheran (das dramatisch schlimm ist) kein Grund, diesen neurechten Diskurs in die Köppe zu prügeln, indem man ewig Falsches wiederholt.

Nicht umsonst glaube viele in ostdeutschen Dörfern, daß ihre Glatzen ja nur diese gewalttätigen und kriminellen Kanacken vom Hofe prügeln würden. Ihnen so den Pariser Vorort vom Leibe halten würden und eventuelle Selbstmordattentäter, Ehrenmörder und was da sonst noch in "Ich bin stolz, Deutscher zu sein" grassiert.Man erkläre mir mal die Differenz zwischen Stolz und Ehre ..

So nährt und legitimiert die Anti-Antirassismus Propaganda genau jenes Verhalten, das ich gestern in der Fankurve von Chemnitz sehen durfte.

01.04.06

Bloß nicht provozieren!

abschaum.jpg

Das ist für mich doch eine neue Erfahrung. Daß ein Stadionsprecher stelllvertretend für den Einsatzleiter der Polizei dazu auffordert, doch besonnen zu bleiben und die "Nazis raus!"-Chöre zu unterlassen. Bloß keine Nazis provozieren! Nachdem kurz zuvor kleine, Chemnitzer Glatzen ein nicht gerade harmloses Feuer in ihrem Fan-Block entzündeten und mit Knallkörpern auf Menschen warfen. Und die Haupttribüne stürmen wollten.

Keine Ahnung, ob's stimmt, daß unser Fan-Beauftragter in der Halbzeit deren Block räumen lassen wollte. Steht so in unserem Forum, wo ich auch obiges Foto her habe. Die Polizei hat die Jungs stattdessen lediglich freundlich umzingelt. Da habe ich schon aus minder schweren Gründen Geknüppel gesehen. Habe mich auch gewundert, daß es für mein rein subjektives Gefühl ziemlich lange dauerte, bis die Polizei und die Ordner es für nötig hielten, dagegen einzuschreiten, als ein paar kleine Nazis über den Zaun zum Block neben unserem klettern wollten. Zu uns wollten. Rumprügeln wollten.

Habe mich nicht gewundert, daß ein paar Familien mit Kindern die Flucht ergriffen, als dieses Pack da am Zaun hing wie die Affen. Bei den anderen schon, die sich aus der Situation verpissen wollten und hinter die Haupttribüne liefen, bei denen habe ich mich schon gewundert. Die Jungs am Zaun waren vielleicht 15,16,17. Fanden sich saugefährlich. Möchte auch lieber nicht wissen, wieviele Mitschüler ...

... mit bunten Haaren oder Hip Hop-Hosen und "Menschen mit Migrationshintergrund" die schon auf dem Gewissen haben. Vielleicht noch keinen, kommt vielleicht erst noch. Fühlten sich zumindest saustark und gemeingefährlich, wie sie da hingen und sich vom Chor "Nazis raus!" ganz offensichtlich angesprochen fühlten. Und solange man vor ihnen flüchtet, werden sie sich auch weiter gefährlich fühlen ...

Wir da in unserer zweiwöchentlichen, trauten Runde auf unseren Bänken waren auch wieder zu blöd. Daß da lauter kleine Faschos im Block waren, das war offensichtlich. Die lungerten schon vor dem Spiel vor dem Zugang zur Fankurve rum und glotzten nicht zuletzt mich bitterböse an, als ich vorbeispazierte. Als sie jedoch diese oben sichtbaren Fahnen mit dem weißen Kreis in der Mitte ausrollten, raunt mir mein Kumpel noch zu "Die bauen eine Torwand auf". Ich hab's auch nicht begriffen, daß dies Fahnen sind, in deren Mitte nur dies weltberühmte Zeichen fehlt ... im Nachhinein begreif ich's schon. Ekliges Dreckspack. Ausweisen.


"Grossartig waren allerdings die "Sankt Pau-lee"-Sprechchöre während der Spielunterbrechung. Laut, spontan,emotional, und von allen 16000 getragen. Intensiver kann man in zwei Worten nicht ausdrücken, für welche Werte die Fanszene steht, und welche Gesinnung sie kompromisslos ablehnt.

Danach waren auch unsere Jungs wie ausgewechselt... denen wurde klar, dass es heute um mehr als nur 3 Punkte ging."

... so steht's im St. Pauli-Forum, und so isses richtig. Nach der Bitte, doch nicht mehr im Chor "Nazis raus!" zu fordern (wie grotesk!), stimmte das ganze Stadion jene "St. Pauli-Rufe" an und jeder wußte, was gemeint war.

Und unsere Mannschaft, die in der ersten Halbzeit gespielt hat wie ein Absteiger gegen eine wirklich ganz imposante, aber elendiglich abschlußschwache Chemnitzer Truppe (die immerhin Tabellenletzter ist, gegen die wir aber nach 40 Minuten ca. 0:3 hätten zurückliegen müssen), unsere Mannschaft kam ganz klassisch durch den Kampf zurück in's Spiel und hat dann auch verdient gewonnen. 3:2. Hat, wie's oben im Zitat steht, auch gegen diese Naziärsche als solche gewonnen und gewinnen wollen. Man hat's ihnen angespürt.

Wieso der Schiedsrichter noch einen aus meiner Perspektive unberechtigten Elfmeter für die Chemnitzer gab, keine Ahnung. Man wurde das Gefühl nicht los, auch er wolle den Mob nicht provozieren und deshalb ein wenig gegen uns pfeiffen. Wahrscheinlich eine Fehlwahrnehmung. Keine Ahnung. Man interpretiert ja viel in's Verhalten Anderer hinein. Obwohl aus solchen Gründen ja auch schon Konstantin Wecker-Konzerte abgesagt wurden ...

Ja, liebe Anti-Islam-Kulturkämpfer, schreibt ruhig weiter über die muslimische, antiwestliche Spezialität der Disposition zur Gewalt, die z.B. Asiaten naturgemäß nicht haben würden. Ich kenne auch eure Thesen, daß http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,409048,00.htmlnatürlich auch die Chemnitzer Bengel antiwestlich sind. Das stimmt auch. Die sind antiwestlich, klar, klar!

Mit eurer Fokussierung auf die Muslime nehmt ihr und viele andere, die euch folgen, jedoch die Scheinwerfer von jenem Pack, daß sich z.B. da in der Chemnitz-Fankurve sammelte und seid so - zwar indirekt nur, aber immerhin - auch mitverantwortlich für das, was dort passiert. Weil ihr dafür sorgt, daß die eigene Kultur wie weißgewaschen erscheint. Wie dieser weiße Kreis in den Fahnen dort oben ...

Nachtrag: Mehr zum Thema, auch über das St. Pauli-Rund hinaus, gibt's bei SpOn zu lesen. Zitat:


"Hässliche Szenen auch in Hamburg. Dort gibt es regelmäßig Auseinandersetzungen, wenn der FC St. Pauli Gegner aus dem Osten empfängt. So auch am Samstag im Spiel gegen das Regionalliga-Schlusslicht aus Chemnitz. Schon in der ersten Halbzeit kommt es zur Eskalation: Rund 200 Anhänger provozieren die als politisch links bekannten Fans des FC St. Pauli mit Liedern wie "Eine U-Bahn bauen wir, von St. Pauli bis nach Auschwitz" oder "Galatasaray, wir hassen die Türkei".

Dass es bei dieser brisanten Begegnung zu Problemen kommen könnte, war laut St. Paulis Sicherheitsbeauftragten Sven Brux absehbar: "Es ist jedes Mal das Gleiche. Im Vorfeld werden unsere Bedenken von Seiten des Gastvereins mit den Worten 'da passiert schon nichts' abgetan", sagt Brux. Seine Stimme überschlägt sich dabei fast vor Wut. "Nach dem Spiel heißt es dann: 'Wir wissen auch nicht, wo die herkommen'", so Brux weiter. Ein weiterer Grund für seinen Zorn: St. Pauli hatte die Polizei bereits während des Spiels nach einer heftigen Rauchbombenattacke des Chemnitzer Anhangs und diverser weiterer Provokationen dazu aufgefordert, den Block zu räumen, um ein Aufeinandertreffen der rivalisierenden Fangruppen nach dem Spiel zu vermeiden - vergebens."

Karl Marx, Fußball und der 1. April

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"Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose "bare Zahlung". Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt. Sie hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt."

Seufz! Der olle Kalle und sein Kumpel aus Wuppertal und ihr "Kommunistisches Manifest", was haben die darin doch für wundervolle Sachen geschrieben! Allein schon deshalb steht Chemnitz in der Tabelle zu Recht genau da, wo sie stehen. Wer benennt denn bitte eine Stadt wieder um, die nach so einem Koloß des Denkens benannt wurde? Wie der Kapitalismus als solcher ...

... Freundschaftsbande und Teamwork angreift, aushöhlt und in Einzelinteressen auflöst, das kann man ja bei unserem Team derzeit ganz gut beobachten. Das steht der Luz kaum 2 Meter vor dem Tor, der Torwart bestimmt 3, vielleicht 4 Meter rechts von ihm, und er schießt den Torwart an - und das alles nur, weil diese hochsubventionierte Hertha-Tante in der Hamburger Lokalpresse verlauten ließ, den Luz wollten sie gerne kaufen. Dabei geschah's bestimmt nur aus Niedertracht und Rache, dies zu lancieren, weil deren Pokalniederlage bei uns am Millerntor eben auch das obige Zitat belegte - hat der Hoeneß-Dieter dann ja sogar zugegeben, daß da eine Mannschaft, unsere, gegen Individualisten gespielt habe, hoch bezahlte, versteht sich. Ja, und neidisch, wie der Kapitalist als solcher nun mal ist, will er natürlich, daß es anderen genau so schlecht geht wie ihm selbst und seufzt noch zynisch "Geld allein macht ja auch nicht glücklich ..."

Glaube trotzdem an unser Team! Auch an Luz! Da kann er noch so sehr bei Videodrehs befreundeter Bloggerinnen beim Durchgang durch den Spielertunnel verächtlich "Pah, Kultclub!" zischelnd gegen Wände treten, der liebt das schon, dem lustvollen St. Pauli-Volk den nackten Oberkörper zu präsentieren und nach dem Spiel zum T-Shirt-Tausch von süßlich grinsenden Haupttribünen-Girlies gefordert zu werden. Der liebt den Torjubel, die Pose, den St. Pauli-Kampf. Und gerade als Schwabe weiß er gelebte Solidarität bestimmt auch zu schätzen ...

Man muß ja nur einmal auf eine St. Pauli-Jahreshauptversammlung gehen, und man hat den Widerspruch von Solidarität und Individualinteresse in einer dialektischen Bewegung der Wirklichkeit um sich herum wabern. Da gibt's immer die kampfbereiten Selbstdarsteller, die mit der Satzung wedelnd zum Angriff übergehen und Claquere um sich versammeln. Und da gibt's - Widerspruch! - diese magische Milieuverschwisterung: Wenn eine Horde älterer Herren z.B. auf mich und meinen Fußballkumpel und auch sonst besten Freund zurauschen, man kennt sich von der Haupttribüne, smalltalkt alle zwei Wochen prächtig und freut sich, einander zu sehen und zudem, daß man da in diesem Verein versammelt ist. Unter ihnen einer, ganzkörpertätowiert, sogar die Platte inmitten des verbliebenen Haarkranzes glänzte in bunten Farben und fantasievollen Motiven, ebenso der mittlerweile als Faltenwurf sich präsentierende Hals: Ein Kunstwerk. Der Mann ist bestimmt noch so zur See gefahren, wie B. Travens Tottenschiff es beschreibt - und da sitzt er dann mit uns, zwei Kulturen, eine Idee, ein Glauben, eine Leidenschaft: Der FC St. Pauli.

Man lauscht gemeinsam dem schwulen Präsidenten, der für die Homo-Bewegung so unendlich viel erreicht hat und in dessen Theater ich einige der schönsten und intensivsten Momente meines Lebens erlebte. Gäbe es da nicht diese üblichen, linken Sektierergrüppchen, die Marx definitiv weder gelesen noch verstanden haben, die ständig Littmann stürzen wollen, obwohl sie selbst nicht wissen, was sie eigentlich stattdessen wollen: Dieses kleine Stück gelebter Utopie, das der Verein trotz allem darstellt, wäre wieder präsent - diese so seltsame Wesenheit, die alle verbindet und immer wieder neu in's Stadion treibt. Und da fallen die Sektierer dann auch nicht mehr groß auf, weil man säuft, leidet, jubelt und singt. Und spürt, daß Leidenschaft nur gemeinsam möglich ist ...

Heute also gegen Karl-Marx-Stadt, ist unser Didi da eigentlich noch Trainer? Unser "Man muß den Gegner durch permanentes Toreschießen zermürben"-Didi, unser "in Demuth nach oben"-Didi? Dessen Motti soll heute bitte unsere Mannschaft ernst nehmen, vom letzten Spiel gegen den Mann mit der Maske namens Maly haben wir noch ein paar Tore gut ...

Und ich warte auf den Moment, wo der Schiedsrichter einen Elfmeter pfeifft, der Spieler welcher Mannschaft auch immer diesen versenkt, der Schiri dümmlich gackernd, wie Schiris das so tun, zusammenbricht und ausruft: "April, April!"

Mit freundlicher Unterstützung durch:
ringfahndung.de