Das Problem der Willensfreiheit, Teil 1
Ach, den Gedanken übernehme ich jetzt einfach mal und starte hier in loser Folge eine Eintragsreihe zum Thema "Freiheit". Kann's ja nicht hinnehmen, daß es Positionen gibt, die das Denken hierüber Leuten wie Milton Friedmann überlassen wollen und glauben, jede Alternative dazu als "Sozialismus" diskreditieren zu können - wie war das noch mit Chile und den Chicago Boys (das war jetzt ein Einschub auf dem Niveau dieses Eintrages dort bei meinen Lieblings-Mitdiskutanten von den B.L.O.G.s)?
Dabei ist Sozialismus ja gar keine Diskreditierung, weil der real-existierende sowieso keiner war (habe ich auch schon vor dem Mauerfall so vertreten!) und z.B. Lafontaine in letzter Zeit wohl tatsächlich dem Nationalbolschewismus näher steht als sozialiistischen Idealen, sei's drum, das ist ein anderes Thema.
Das Problem der Willensfreiheit ist ja philosophiehistorisch auch nicht ganz neu, traditionell ...
... wurde es als "Freiheit versus Determininismus" auf allerhand Ebenen abgehandelt - schwerpunktmäßig wohl in allerlei Varinaten religiöser Debatten, und, strukturell erstaunlich analog dazu, dann eher in der Auseinandersetzung mit den Naturwissenschaften bzw. einem mechanistischen Naturverständnis.
Wer Adorno kritisieren möchte, sollte sich übrigens immer vor Augen führen, daß er genau dieses mechanistische Naturverständnis geißelte und die instrumentelle Vernunft, das identifzierende Denken, Zweckrationalität, im wesentlichen als Naturbeherrschung verstand. Seine Philosophie, sein ganzer Denk- und Sprachmodus probiert sich als die Möglichkeit, sich dem zu entziehen. Obgleich's ja ihm zufolge gar kein Leben im Falschen gäbe und, da das Ganze das Unwahre sei, man nicht viel mehr tun könne, als diese Unwahrheit des Ganzen als solche zu diagnostizieren.Das muß man alles nicht teilen, aber als Philosophie der Freiheit ist das schon ernst zu nehmen. So kann man, wenn ich ihn richtig verstanden habe, ja Freiheit in der Kontemplation zumndest erahnen, und das ist kein schlechter Gedanke.
Klarer ist immer schon Jürgen Habermas gewesen, und der setzt sich in seiner letzten Veröffentlichung auf seine Art mit dem Gegensatz von Freiheit und Determination auseinander. Er reagiert hiermit auf jene Forschungen, die MartinM in den sehr guten Kommentaren hier dazu veranlaßten, Willensfreiheit als falsifiziert zu behaupten. Da könnte man dann plump entgegnen: "So, und welcher neurologische Reflex hat Deinen Kommentar hier verursacht?", aber man kann auch Habermas zitieren. Der bezieht sich auf die Forschungen von Benjamin Libet, "Mind Time. "ie das Gehirn Bewußtsein produziert", Frankfurt/M. 2005.
Diese behaupten, daß dem bewußten Entschluß, so oder so zu handeln, immer schon ein synaptisches Gewitter oder sowas ähnliches vorausginge, daß also im neurologischen Vorbewußten alles eh schon entschieden worden sei. Das wurde auch schon als einen Bestätigung der Theorie des Unbewußten Freuds behauptet, andere deuten es determinitisch: Mein Handeln ist notwendig verursacht durch das, was mein Hirn sowieso schon ganz von selbst macht. Habermas entgegnet dem:
"Die manifeste Versuchsanordnung ist auf willkürliche Körperbewegungen zugeschnitten, die den Aktoren zwischen Absicht und Ausführung der Handlung nur Bruchteile von Sekunden einräumt. Daher stellt sich die Frage, ob die Testergebnisse über die Klasse von Handlungen hinaus generalisiert werden dürfen." (Habermas, Jürgen, Zwischen Naturalismus und Religion, Frankfurt/M. 2005, S. 158). Und, weiter: "Normalerweise sind Handlungen das Ergebnis einer komplexen Verkettung von Intentionen und Überlegungen, die Ziele und alternative Mittel im Lichte von Gelegenheiten, Ressourcen und und Hindernissen abwägen. Ein Design, das die Planung, Entscheidung und Ausführung einer Körperbewegung zeitlich eng zusammenpresst und aus jedem Kontext von weiterreichenden Zielen und begründeten Alternativen herauslöst, kann nur Artefakte erfassen, denen genau das fehlt, was Handlungen implizit erst zu freien Handlungen macht: der interne Zusammenhang mit Gründen." (Ebd., S. 159) Und ergänzt unter berufung auf Peter Bieri: "Der Handelnde ist dann frei, wenn er will, was er als Ergebnis seiner Überlegung für richtig hält. Als Unfreiheit erfahren wir nur einen von außen auferlegten Zwang, der uns nötigt, anders zu handeln, als wir nach eigener Absicht handeln wollen."(Ebd., S. 161) "Im Prozeß des Nachdenkens gelangt der Aktor nicht zufällig, weil nicht grundlos, zu einer rational motivierten Stellungnahme. Einsichten entstehehn nicht willkürlich, sie bilden sich nach Regeln." (Ebd.) "Was rationale Motivation durch Gründe heißt, können wir nur aus der Perspektive des Teilnehmers am öffentlichen Prozeß des "Gebens und Nehmens von Gründen" (Robert Brandon) erklären. Deshalb muß ein Beobachter das Diskursgeschehen in einer mentalistischen Sprache beschreiben, d. h. in einer Sprache, die Prädikate wie "meinen" und "überzeugen", "bejahen" und "verneinen" enthält. In einer empiristischen Sprache müßte er, aus grammatischen Gründen, alle Bezüge auf die propositionalen Einstellungen von Subjekten, die etwas für wahr oder falsch halten, eliminieren." (Ebd., S. 162)
Daß all dieses ein spätes Echo dessen ist, was als "Positivismusstreit" in Soziologie-Geschichtsbüchern steht, sollte offenkundig sein.
Habermas bindet Freiheit an die Teilnehmerperspektive, nicht jene des objektivierenden Beobachters, der beispielweise behauptet, alle seien freier, wenn der Kündigungsschutz fiele. Und er bindet sie an Gründe, die motivieren und die intersubjektiv diskutierbar sind. Eine rein negative Freiheit kann diesen Schritt schon gar nicht mehr vollziehen: Die müßte, um sich von allen Einflüssen frei zu halten, noch die Begründung als Zwang erfahren. Ob all das trivial ist, kann ja diskutieren,wer Lust dazu hat. Oder auch nicht.

Kommentare
Gut gekontert: "So, und welcher neurologische Reflex hat Deinen Kommentar hier verursacht?" Vorweg: diese m. E. radikal materialistische Position vertrette ich eher hypothetisch; in der wohl zutreffenden Erkenntnis, dass mein Hang zur Mystik, Magie und Spökenkiekerei auch mit erheblichen sophistischen Anstrengungen nicht mit dem meinerseits für bis auf weiteres für die Wirklichkeit besser als andere Ansätze beschreibenden "kritischen Rationalismus" in Verbindung mit der "Evolutionären Erkenntnistheorie" in Einklag zu bringen ist. Ich bin also nach meinen eigenen Maßstäben ein "irrationaler Spinner". Aber da die Welt eine offene ist, stört mich diese "Bewußtseinsspaltung" (nicht "Schizophrenie", das ist was anderes) eher weniger.
Gut, bleiben wir mal beim Post-Neopositivismus, auch als "kritischer Rationalimus" bekannt. (Popper bekäme, wenn er das lesen würde, wohl einen seinen berüchtigten Wutanfälle.) Außer Determinismus - das Hirn ist eine Art programmgesteuerter Computer -
und "freien Willen" gibt es eine dritte Möglichkeit: das Gehirn würfelt sozusagen. Der Zufall spielt eine große Rolle (die er auch in jedem nicht-idealen Computer spielt). Zusätzlich zu den "Zufallsgeneratoren" im Gehirn und in der Wahrnehmnung haben wir ein im Laufe der Evolution erworbenes Bewertungssystem (in der schiefen Computer-Analogie: Systemsoftware) ergänzt durch durch Umwelt und Erziehung erworbenes Erfahrungen und Bewertungsregeln. Eine "Idee" funktioniert in diesem - m. E. klotzmaterialistischen - Modell so: es gibt irgendwo im Gehirn eine zufällige Verknüpfung von Gedächtnisinhalten. Diese wird gefiltert, durch angeborene neuronale Mechanismen, durch gleichfalls angeborene "instinktive" Wahrnehmungsfilter, durch erworbene Wertmaßstäbe, durch persönliche Lebenserfahrung usw. - bis dann die "zufällige Verknüpfung" zum ausführbaren und ausgeführten Einfall (z. B. diesen Kommentar zu posten) führt. Nachdem ich längst gehandelt habe (indem ich z. B. ein Wort tippte), tritt ein nachgeordneter Mechanismus namens "Bewußtsein" in Kraft. Seine Funktion liegt darin, die (uns nicht bewußten) Auswahl-Mechanismen des Gehirn zu optimieren.
"Als Unfreiheit erfahren wir nur einen von außen auferlegten Zwang, der uns nötigt, anders zu handeln, als wir nach eigener Absicht handeln wollen." Das stimmt auch in diesem neuro-psychologischen Modell - weil der "Zufallsgenerator" im Gehirn sitzt, ebenso die ererbten und erworbenen Auswahl- und Bewertungsmechanismen. So grausam es klingt: ein Mensch, der z. B. durch Gehirnimplantate "ferngesteuert" würde, hätte stets das volle subjektive Bewußtsein des freien Willens - auch wenn er in "Außensicht" etwa so "frei" wie ein Industrieroboter ist.
(Ich tue dem "kritischen Rationalismus" hier natürlich gewalt an, in dieser vereinfachten Form ist das hier ziemlich platter Positivismus der Marke "Metaphysik ist Mumpitz", in Tateinheit mit "Klotzmaterialismus" - aber nicht wenige Wissenschaftler und noch mehr Wissenschaftsgläubige denken wirklich so.)
Verfasst von: MartinM | 06.04.06 13:35
@MartinM: Danke für die ausführliche Erläuterung! Aber ganz abgesehen von den politischen Konsequenzen - z.B. die Spökenkiekerei (die ich übrigens nicht irrational finde, die ist nur anders begründet). Das machst Du doch, WEIL Du es magst und sie Dir etwas ANDERS erklärt und verständlich macht, als Politik oder Naturwissenschaften dies könnten. Diese Vorliebe, ist die Dir passiert, und passiert sie Dir immer auf's Neue? Die strebst Du doch an!
Habermas verstehe ich ja eher so, daß das gesamte Diskursuniversum der 1. und 3. Person, die Teilnehmerperspektive - "Ich gehe jetzt nach Hause", "Wir wollen ein Haus bauen!", "Ich habe Schmerzen" - auch nur IN SICH Sinn macht und ein Selbstverständinis expliziert, das uns als Menschen überhaupt erst frei und menschlich macht. Und so reden wir nun mal und verstehen uns auch so, es kommen ja Häuser und Aspirin zustande. Und es ist fundamental etwas anderes, zu sagen, "Ich habe Schluckauf" oder "Er hat Schluckauf".
Diese Quasi-Selbst-Objektivierung "Ich bin ein ferngesteuerter Roboter" beschreibt einfach etwas ANDERES als das Selbstverständnis der 1. und 3. Person. Und auch Wissenschaftler, die so etwas erforschen, sagen doch "Ich habe Hunger!"
Ich würde ja auch immer eher dazu neigen, totalisierende Naturwissenschaften unter Metaphysik-Verdacht zu stellen, ohne dadurch Naturwissenschaften in Frage zu stellen, wie z.B. Adorno/Horkheimer das getan haben und auch Teile der Ökologie-Bewegung. Jedem Tierchen sein Pläsierchen ... glaube auch, daß der methodische Zweifel (Descartes), den Popper und Albert weiter ausgearbeitet haben, eine solche Natur-Metaphysik im naturwissenschaftlichen Sinne nicht formuliert hätten.
Verfasst von: MomoRules | 06.04.06 15:12