Das Wort zum Karfreitag: Für eine Moral der universellen Achtung!
Die aktuelle DIE Zeit lohnt sogar mal wieder. Die spannendsten Artikel habe ich online nicht gefunden, aber allein schon der Leitartikel von Feridun Zaimoglu hat's in sich. Der entwirft, wie ich finde, sehr gelungen ein Szenario des Zusammenlebens aller hier auf deutschem Territorium auf der Basis einer Moral der der wechselseitigen Achtung:
"Achtung zu haben ist das moralische Gebot der Stunde. Spätestens jetzt sollte man sich von dem Begriff "Respekt" verabschieden. Er ist zur hohlen Phrase von Vorortschlägern verkommen, die ihn benutzen, um ihre Rücksichtslosigkeit zu legitimieren."Die ZEIT, 12.4. 2006, S. 1
Da ist was dran. Bisher hätte ich "Respekt" und "Achtung" ...
... wohl sehr ähnlich verwendet, aber vielleicht hat dieses Hip-Hop-Macho-Gepose und "Respect!"-Gerufe auch eine hierarchische Variante hervorgebracht, die eher "Knie nieder, hier komme ich!" bedeutet. So eine Art kulturelle Etablierung des Effenbergschen Fußballspiels. Achtung hat zudem den Vorteil des stärkeren Gegenbegriffs: Mißachtung. Auch sonst spaziert Zaimoglu sehr souverän durch ein ausgewogenes Diskursuniversum. Der "deutschen" Seite ruft er zu: Wer nur Dekrete brüllt und zugleich Jobs verwehrt, löst auch keine Probleme. Der "türkischen" Seite hingegen: Leude, schwenkt beim Länderspiel auch mal deutsche Fahnen und bemüht euch aktiv um Partizipation und ein Verständnis für die Kulturen der anderen Seite (Kulturen schreibt er nicht, ich schon).
Inmitten der Ausgabe findet sich dann noch eine Doppelseite, auf der kontrovers allerlei rund um die "Integrationsdebatte" diskutiert wird - bis auf einen Text von Ulf Poschardt auf einem durchgängig hohen Niveau. Ich verstehe nicht, wieso jemand, der ein so wundervolles Buch wie "DJ Culture" geschrieben hat, so dermaßen abkacken kann. Höhepunkt seiner Sehnsucht nach Komplexitätsreduktion:
"Das seit 1945 traumatisierte Verhältnis der Deutschen zur Nation erschwert Integration. Das Antideutsche vieler Mulitikulturalisten erschwert Integration. Der deutsche Paß bleibt ohne lebensweltlichen Überbau folgenlos. Vor diesem Hintergrund kann man es einem Ex-Pakistani oder Ex-Albaner kaum verdenken, daß er seine alten, nationalen Traditionen pflegt, wenn sich die deutsche Mehrheitsgesellschaft gegen jede Identitätsbildung sträubt."
Ebd., S. 5
Schon wieder dieser ewige Trauma-Quatsch. Ein Teil der deutschen Staatsbürger hat schlicht von den USA gelernt, daß man Freiheit auch genießen kann und in dieser Hinsicht es sich in Deutschland bisher ganz gut lebte, zumindest seit der zweiten, kulturellen Befreiung um 1968 herum, und im Osten dann eben nach dem Mauerfall mit Einschränkungen auch. Das ist nicht antideutsch, das ist trans-national.
Und ein Patchwork aus Identitäten, das sich gar nicht national zu bestimmen braucht, ist ja auch was Schönes. Bin mir auch sicher, jedes Mal z.B., wenn ich im Kiosk an der Feldstraße einkaufen gehen, daß die Türkenjungs da hinter dem Thresen, immer gut gestylet und coole Musik hörend, genau das genießen. Die gehen übrigens sehr zärtlich mit ihren unverschleierten Freundinnen um.
Es geht mir auch auf den Senkel, daß mir ständig irgendwelche Leute Identitäten zwangsverordnen wollen. In der Tat entfleuchen mir im Kontakt mit Franzosen auch Sätze wie "Meine Güte, wir haben aus dem Krieg wenigstens was gelernt, die nicht". Und da bin ich dann auch ganz stolz drauf. Das hindert mich aber in keinster Weise an der prinzipiellen Achtung anderer Lebensformen, solange diese nicht selbst gegen jene prinzipielle Achtung verstoßen. Und "Identität" behaupte ich in allen möglichen anderen Hinsichten, da ist nicht "deutsch" das Primäre. Und Identisch-Sein mit mir selbst will ich auch nicht, das ist das Gegenteil von Freiheit. Mit dieser Vorstellung von "Deutschtum", die sich z.B. in Südbrasilien, in Joinville oder Blumenau, verhältnismäßig problemlos konserviert hat und die manche auch hier konservieren wollen, will ich nix zu tun haben.
Was zu einem anderen Artikel auf S. 4 überleitet: Lale Akgün, SPD-Abgeordnete, diskutiert unter der Überschrift "Null Toleranz für die Doppelmoral" das auch hier heiß diskutierte Thema "Ehrenmorde".
"(...) Wie kommt es, dass Männer aus islamisch geprägten Kulturen im Namen der "Ehre" Morde begehen wie im Fall der jungen Berlinerin Harun Sürücü? "Weil sie leben wollte wie eine Deutsche, musste sie sterben". Diese Schlagzeile ging nach ihrem Tod durch die deutsche Presse. Was daran ist falsch? Alles. Denn man übernimmt unreflektiert die Selbstwahrnehmung von männlichen Tätern, die tatsächlich glaubten, ihre Schwester habe die "Ehre" der Familie dadurch "beschmutzt", dass sie ein selbst bestimmtes Leben führen wollte."
Sie verweist darauf, daß systematische Analysen zum Thema hierzulande bisher ausgeblieben seien, literarische Erfahrungsberichte gibt es ja. In der Türkei sei das Thema ausgiebig untersucht worden vom "Untersuchungsausschuß zu Ehrenmorden". Diese habe ergeben, daß ein monokausaler Zusammenhang mit dem Islam nicht nachweisbar sei, es gäbe diese z.B. auch in Indien (und dort nicht unter Muslimen). Diese "Tradition" sei älter als der Islam. Ein systematischer Zusammenhang ergäbe sich jedoch zu jenen religiösen Überzeugungen, die die Geschechtertrennung begründen wollen. Frohe Ostern nach Rom. Feudale und patriarchale Strukturen seien maßgeblich, um eine solch scheußliche Praxis hervorzubringen.
"Ehrenmorde sind das ultimative Mittel zur Zementierung eines männlichen Herrschaftsanspruches. Sie kommen dort vor, wo Männer eine extrem starke Machtposition innehaben - oder diese Machtposition in Gefahr sehen. Beide Faktoren - patriarchale und feudale Strukturen - sind in den ländlichen Gebieten, vor allem im Südosten der Türkei und in Mittelanatolien, besonders ausgeprägt."
Die meisten Ehrenmorde würden jedoch in den armen Vororten der Großstädte verübt.
"Dort trifft das patriarchalische System auf die moderne Leistungsgesellschaft. Es zählt plötzlich nicht mehr allein ein überholtes Rollenverständnis, sondern die Leistung des Indiviuums."
Was übrigens meine These belegt, daß Fundamentalismen immer schon eine Reaktion auf Modernisierungsphänomene sind. Wieso zum Teufel wollen nun immer mal wieder ausgerechnet Liberale das Traditionale stärken? "Traditional", das ist auch hierzulande das Patriarchat. Da ist erst um '68 herum gegen massive Widerstände etwas in Bewegung geraten, übrigens unter einer sozialliberalen Koalition. Diese Denkfigur, daß Gleichberechtigung nun als deutsche Tradition, Kultur, wasauchimmer ganz plötzlich der mittelalterlichen, islamischen Kultur gegenüber stünde, ist schlicht falsch. Nicht falsch, was die Sitten und Gebräuche in ländlichen Regionen der Türkei betrifft, sehr falsch aber, was die Selbstbeschreibung der deutschen Gesellschaft betrifft. Nun, endlich, haben wir eine Frau Bundeskanzler, aber wieviel Prozent Professorinnen gibt es? Diese ganze Neo-Reac-Gebährdebatte hat doch nur wieder belegt, daß auch hierzulande sowieso noch eine ganze Menge zu tun ist ...am besten gemeinsam mit Leuten wie Feridun Zaimoglu. Der ist da weiter vorn als der noch immer von '45 traumatisierte Ulf Poschardt. Ich freu mich bis heute alltäglich über die damalige Befreiung ...
Ganz spannend auch auf S. 5 ein paar Zitate aus der Frühzeit der Multikulti-Debatte, die widerlegen, daß Multikulti-Verfechter sich die ganze Veranstaltung immer schon als eine Art "Karneval der Kulturen" vorgestellt hätten:
"Die multikulturelle Gesellschaft ist ist hart, schnell, grausam und wenig solidarisch, sie ist von beträchtlichen, sozialen Ungleichgewichten geprägt und kennt Wanderungsgewinner und Modernisierungsverlierer".
So schrieb's Daniel Cohn-Bendit vor 15 Jahren in DIE ZEIT, nachdem er im Deutschland der 80er im "Amt für multikulturelle Angelegenheiten" der ZEIT zufolge die ersten "Mami spricht deutsch"-Kurse organisierte - um seiner eigenen Propehzeiung entgegenzuwirken. Wer hat hier neulich behauptet, gegen einen vermeindlich linken Zeitgeist sei so etwas wie eine Forderung nach Deutschkursen nicht durchzusetzen gewesen unter dem "Dicken"? Es ist wirklich krude, wie all diese "Wir bashen links"-Freunde offener und anderer Gesellschaften sich mittlerweile genuin linke Forderungen, die z.B. im "Weiberrat" einst formuliert wurden, nun einverleiben, als seien es nicht jene Freiheiten, die gegen ihre konservativen Freunde erst hart erkämpft werden mußten.
Das Zustimmungsfähigste schreibt dann mal wieder die alte Garde: Theo Sommer in diesem Fall, auch auf S.5:
"Wohl aber wird ein multi-ethnisches Deutschland unsere Zukunft sein: Gewöhnen wir uns an Bindestrich-Deutsche: an Turko-Deutsche und Graeco-Deutsche und Italo-Deutsche. Sie alle dürfen ihre unterschiedlichen Wesensgrundierungen behalten. Die Voraussetzung ist jedoch, daß die das Erbe der Aufklärung akzeptieren: Freiheit, Toleranz, Offenheit, Gleichberechtigung der Geschlechter, Trennung von Staat und Kirche, Politik und Religion".
Ja, eben. Daß er nun jedoch eine europäische Leitkultur formulieren möchte und wie auch Cohn-Bendit vor 15 Jahren glaubt, es ginge um Werte, sei infrage gestellt, weil Normen eben keine Werte sind. Das Bild der Mosaik-Gesellschaft, daß Sommer vom US-Philosophen Amitai Etzioni übernimmt, gefällt mir schon besser: Eine Rahmengesellschaft, deren Material die universelle Achtung ist, die Zaimoglu fordert. In das sich dann die Mosaiksteine einfügen.
Bleibt nur zu sagen: Klaus aus Deutschland raus! Hier hagelt's gerade ... wenn er in die Sonne emigriert, komme ich mit ...

Kommentare
Sehr guter Artikel. Danke.
Verfasst von: apollon | 14.04.06 14:11
Na dann, Frohe Ostern.
Verfasst von: Erik | 14.04.06 14:29
Frohe Ostern zurück an euch zwei! Erik, Du warst der 500. Kommentar - Glückwunsch! Da geb' ich Dir bei Gelegenheit 'n Astra drauf aus!
Verfasst von: MomoRules | 14.04.06 18:14
Danke für den Tipp! Werde mir die "Zeit" zulegen. Deinen Kommentaren stimme ich weitgehend zu.
Verfasst von: MartinM | 15.04.06 00:48