Konkurrenz versus Teamgeist
Ja, ich weiß. Wenn man behauptet, der Mannschaftsgeist stünde mit auf dem Platz, begeht man einen Kategorienfehler. Das hat Gilbert Ryle der Philosophie schon irgendwann in den 40ern um die Ohren gehauen. Und "Team", das klingt je nach Perspektive wie eine faustdicke New Economy-Lüge oder provoziert, daß irgendjemand "Kollektiv!" dann kreischt.
Der Anlaß, das zu schreiben: Stefanolix Kommentar hier unter diesem sehr guten Eintrag von Marian Wirth bei den B.L.O.G.'s:
"Ich habe mich dazu gerade in der letzten Woche bei ’spreeblick’ an einer Diskussion beteiligt. Ich bin der Meinung, dass Motivation und Leistungswille bei Eltern und Schülern eine wichtige Grundlage für den Bildungserfolg sind.Dann kam dort ziemlich heftiger Gegenwind mit Argumenten, die ich nicht erwartet hatte. Offenbar scheinen einige Leute dort die Begriffe “Leistung” und “Wirtschaft” für sich als Feindbild aufzubauen. Spreeblick ist ja das Blog mit der höchsten Reichweite in Deutschland und es wunderte mich schon, dass dort solche Meinungen die Mehrheit hatten."
Meine These, daß wir irgendwo in den frühen 80ern stecken geblieben sind, belegt das: Diese "Leistung muß sich wieder lohnen" Sätze wurden ja damals schon gegen die laschen und jugendverderbenden Sozis in Feld geführt. Auch "Feindbild" war ein gern genutzter Begriff. Was nicht heißen soll, daß sie das nicht solle, die Leistung sich lohnen, meine ich. Kommt aber immer drauf an, wie man beschreibt, wie sie zustande kommt. Was heißen soll, daß ein liberaler Atomismus diesen Begriff gar nicht fassen kann (was man spätestens seit Marx und Durkheim eigentlich auch weiß, liebe Ex-DDR-Bürger). Bin dem Link ...
... zur sehr guten Diskussion unter einem noch besseren Eintrag bei Spreeblick gefolgt. Wobei ich dem Artikel nicht in jeder Hinsicht beipflichte, jetzt wieder mit dem Topos vom "Opfer der Gesellschaft" herumzuoperieren, davon halte ich nix. Weil das den Opfer-Begriff ebenso depotenziert, wie das Handeln der Schulhof-Jungs ihn anwendet. Deren "Opfer"-Begriff folgt ja den liberalen Prämissen: Ego-Durchsetzung im Kleinen ist es halt, wenn man gekonnt und virtuos das Gegenüber demütigt und unterwirft. Oder wenn man am erfolgreichsten Handys klaut und Drogen vertickt. Das ist alles liberal. Ist Konkurrenz im Real-Life. "Opfer" heißt: Nicht aktiv sein. Die Ellenbogen nicht einsetzen können.
"Ich sage es aber noch einmal: die Bildung derjenigen, die Leistung bringen wollen und Leistung bringen können, darf nicht durch Jugendliche beeinträchtigt werden, die nur auf Gewalt setzen und keinerlei Regeln beachten. Die müssen andere Chancen bekommen. Immer wieder. Auch wenn sie schon Gewaltdelikte begangen haben. Dazu muss im schlimmsten Fall auch die Chance einer Schulbildung oder Lehre im Heim oder im Knast gehören. Jeder, der aus der Misere rausgeholt wird, ist ein Gewinn für die Gesellschaft. Aber am Anfang muss der Wille stehen, es schaffen zu wollen."
So einer von Stefanolix' Diskussionsbeiträgen. Das ist ja nicht richtig, daß die Schulhof-Gewalttäter keinen Regeln folgen würden. Die folgen einfach anderen Regeln und verstehen unter Leistung eben das, was sie unmittelbar erreichen können.
Interessant wäre, es, das Ineinanderverschränktsein von Regeln der Ego-Durchsetzung und der Solidarität in diesen Gruppen sich genauer anzuschauen. Einer der vielen Punkte in der Debatte ist ja der tiefe Neid darauf, daß in vermeindlichen "Immigrantenkulturen" die Binnensolidarität so gut funktioniert. Und angesichts einer kollektiven Ideologie der Vereinzelung, die per Massenmedien und auch sonst in die Köpfe gehämmert wird, schmeckt das allein schon gar nicht.
Der außerordentlich geschätzte Stefanolix plädiert hier für ein mehrgliedriges Schulsystem. Ich war selbst auf einer Integrierten Gesamtschule, und das hat mir weiß Gott nicht geschadet. Ich habe weder an der Uni noch im Berufsleben irgendein Defizit feststellen können. Ich konnte jedoch immer davon profitieren, auch monetär, daß so etwas wie "Sozialverhalten" damals in sogenannten "Lernzustandberichten" tatsächlich bewertet wurde. Da höre ich jetzt das Schenkelklopfen aus der Ferne angesichts dieser vermeindlich sozialistischen Relikte im Schulwesen der späten 70er Jahre. In der Tat haben jedoch insbesondere jene Schüler, die damals ansonsten in der Hauptschule gelandet wären, von Strukturen der Integration in diesem Sinne profitiert. Wir konnten die mitziehen, wir, die wir damals ansonsten auf dem Gymnasium gelandet wären. Und wir haben in der Tat nicht nur auf die eigene Leistung geschielt. Dümmliches Gutmenschentum wahrscheinlich.
Das transferiere ich bis heute zumeist erfolgreich in's Berufsleben. Da habe ich als Chef z.B. die Schwächen zu kompensieren und die Stärken zu fördern, die meine "Untergebenen" an den Tag legen. Und wer nicht teamfähig ist, sondern auf nur auf seine eigene Leistung schielt, wird gar nicht erst eingestellt.
Uns bricht jetzt eventuell ein größerer Auftrag weg, weil eine Person hinzustieß (eine, die hinzukam jenseits gängiger Einstellungsregeln), die Kooperation noch nicht mal denken kann und jedes Eingehen auf ein Gegenüber, jede funktional notwendige Regel als "vorauseilenden Gehorsam" begreift. Als externen Zwang. Das hat jahrelang aufgebautes Teamwork zertrümmert.
Das dreigliedrige Schulsystem als solches befördert einfach nur Vereinzelung im wilhelminischen Geiste, nix anderes. Und da war's auch nicht erheblich lustiger als in der DDR, im Kaissereich. Klar, für Bürgersöhne und Junker schon, die Mehrheit jedoch blieb auf der Strecke. Die brauchte man für den damaligen Niedriglohnsektor ...
Ich bin mir einigermaßen sicher, daß dieses Bild, das Stefanolix dort oben im Spreeblick-Kommentar zeichnet, das Problem ist: Daß Lernen so begriffen, daß Einzelne nebeneinander her Leistung zu erbringen haben, und andere würden dann bei dieser Durchsetzung des Indiviuums nur stören. Es bedarf im Gegensatz dazu vielmehr des Angebots solidarischen Handelns. Weil Solidarität motiviert. Und wenn man das in der Schule nicht lernt, hat man's im Job später schwer ...
