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Never mind the Ballacks!

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Foto: FC 42.

Angeschlagen, heiser und doch ganz glücklich und beseelt wacht man auf... in vorauseilendem Kater-Bewußtsein lieber 'nen Tag freigenommen ... die Bilder des gestrigen Abends ziehen vorbei: Wie man vor dem Clubheim sich sammelt, der Bayern-Bus durch zufriedene St. Paulianer hindurchfährt, Uli Hoeneß uns durch die Scheibe zuprostet, zum Beispiel. Wir haben zurückgeprostet, und dafür wird mein Kumpel Tom aus Oberhausen ...

... mich irgendwann abends beim Bier wieder wüst beschimpfen. Wenn der Gegensatz so groß ist, wie's beim FC St. Pauli und den Bayern der Fall ist, dann ist da schon wieder Platz für Harmonie. So erklärten sich auch die "roy Makaay, Roy Makaay"-Chöre auf unserer Seite, wenn der mal wieder 'ne Chance versemmelte ...

Ansonsten steigen einfach nur die Bilder eines wirklich phänomenal aufspielenden FC St. Pauli in mir auf. Man, was war ich stolz auf die Jungs. Die haben wirklich alles gegeben. Toll gespielt. Klar, die Bayern haben sie auch spielen lassen, trotzdem gab's diese Phase in Halbzeit 2, da hatten wir sie. Da hätten wir das Spiel drehen können, da waren die kurz so panisch wie die Hertha damals kurz vor Weihnachten. Hat nicht sollen sein - ein Drittligist, der so aufspielt, hätte das Finale allerdings verdient.

Die Stimmung war ein fast schon religöses Zelebrieren dessen, was den FC St. Pauli so einzigartig macht. Gänsehaut, Schluchzen sitzt im Hals, Glück greift um sich. Wundervolles Feuerwerk auf der Gegengeraden, und uns und den Sponsorenkartenkontingentsitzern um uns herum wurde wieder eine aufwändige Choreographie gebastelt. Danke!!! Die Pappen hielten dann auch der ZDF-Unterhaltungschef und die Familie Kerner hoch, die saßen direkt vor mir. Auf der Gegengeraden fragte ein Transparent: "Münte, hast Du Deine Karte auch bezahlt?" Gute Frage, eigentlich.

Überhaupt, der Johannes B. Kerner. Das imponiert, wie uneitel er sich all den Handy-Foto-Wünschen fügte und binnen kurzem aufrichtig interessiert die halbe Haupttribüne ins Gespräch verwickelte - dicke Frührentner mit Schnurrbart ebenso wie Post-Punk-Freaks. Liebevoll seine Kids und seine beeindruckend hübsche Frau umsorgte - auch wenn das eine Kind 'nen Bayern-Schal gekauft haben wollte, na ja, Kinder sind halt so. Kein Hauch von Diva, Arroganz oder irgendetwas in die Richtung strahlten die aus, die Kerners. Super.

Was es mit der "Littmann raus!"-Choreographie auf der Gegengerade auf sich hatte, das wollte er auch wissen. Und das ist in der Tat spannend: Im Vorfeld des Spiels stellte sich heraus, daß das Hamburger Abendblatt alberne Winke-Händchen aus Pappe mit der Aufschrift "Bye, Bye, Bayern" verteilen wollte. Nun sind die "Choreographien", die ganzen Fahnen, Transparente, Papptafeln, die so beeindruckende Gesamtbilder in Fankurven ergeben, den St. Paulianern heilig. Während Bayern die mittlerweile meines Wissens an Agenturen rausgibt und seinen Fußball-Konsumenten so Stadion-Atmosphäre suggerieren will, lief seit Januar in Fankreisen rund um's Millerntor bereits die Vorbereitung für die "Bayern-Choreo" - Spenden sammeln, Helfer organisieren, basteln. Federführend Norbert vom oben verlinkten FC 42, der mir - Danke!!! - auch erlaubt hat, bei Quellen-Nennung Fotos von seiner Seite hier ins Blog zu stellen. Heerscharen kreativer Fans also damit beschäftigt, originelle Gesamtbilder zu inszenieren - und dann kommt so ein Springer-Drecksblatt und entwirft eine Konkurrenz-Veranstaltung. Da machte sich im Vorfeld des Spiels zu Recht Empörung breit - ich habe gestern keine Papp-Händchen gesehen, ich glaube, die Abendblatt-Aktion wurde zurückgerufen. Die Antwort sah man dann im Stadion: "Bye, Bye Littmann"-Händchen wurden geschwenkt.

Corny Littman ist bekanntlich unser Präsident, ein Mann, vor dessen Lebensleistung ich ungeheuren, wirklich UNGEHEUREN Respekt habe. Eine solche Biographie ist unendlich imposant. In manchen Fankreisen ist er mittlerweile für alles Böse in der Welt verantwortlich; manche brauchen das ja, daß sie fortwährend gegen irgendwelche Überväter pubertieren. Es gibt freilich auch viele sachliche Gründe, sich über Littmann aufzuregen - einige in der Historie, aktuell im Vorfeld des Spiels kursierten Gerüchte, er habe sich im Falle der Fan-Gegenwehr gegen Nazis im Stadion und im Viertel rund um das Chemnitz-Spiel nicht ausreichend mit der Kritik des Fan-Beauftragten an der Polizei solidarisiert und zudem auch nicht mit jenen Fans, die nach dem Spiel vor dem Stadion gegen die Faschisten protestierten.

Es gab ja in der Tat allerlei mediale Versuche, diesen Aufstand der Anständigen in "links=rechts"-Randale umzudeuteln. Uns stellte es sich so dar, daß die Hamburger Polizei lieber Wasserwerfer gegen St. Paulianer einsetzte, als strafbare Handlungen zu unterbinden. So flogen Flaschen auf einen Bus mit Chemnitzern drin, als diese den Hitlergruß zeigten. Gegen die Flaschenwerfer ging man vor (wohl zu Recht, verstehen tu ich's trotzdem), gegen Neonazi-Symbole meines Wissen und meiner Beobachtung nach nicht. Littmann habe sich hier nicht deutlich genug positioniert, wird ihm nun vorgeworfen.

Was da Gerücht ist und was Fakt: Keine Ahnung. Choreographien an Springer-Presse zu verkaufen, nachdem Fans seit Monaten hochkreativ selber welche planen, das ist auf jeden Fall außerordentlich Scheiße.

Wieso das alles wichtig ist? Weil genau das der Gegensatz zu Vereinen wie Bayern München ist. Bei uns wird kontrovers diskutiert, nicht nur konsumiert, der Verein als Zusammenschluß von Menschen, nicht als Wirtschaftsunternehmen betrachtet. Was nix gegen Wirtschaftsunternehmen ist, jedoch ein Plädoyer dafür, jene Räume, in denen noch gemeinschaftlich kreativ gehandelt, gelitten, gefeiert und gestritten wird, eher auszubauen denn abzuschaffen. Der FC St. Pauli ist so ein Raum.

Daß der Schiri gestern lieber Gehältern teurer Nationalspieler sich unterwarf und dem wohl nicht zustimmen würde, das konnte man auch wieder gut beobachten. Bayern dürfen schubsen, wir nicht. Auch das war dem Spielverlauf zu entnehmen. Und Ballack ist ein Fußball-Darsteller, ein Poser, kein Fußballer. Ansonsten war das Auftreten der Bayern aber eigentlich ganz sympathisch.

Wobei sie neben unseren Helden trotz Sieg nicht wirklich glänzen konnten. Da war wieder Leidenschaft auf dem Platz. Daß diese Truppe trotz ärgerlichem Versagen in der Liga uns diese Pokal-Erlebnisse beschert hat: Danke, danke, danke! Somit gilt nach dem Spiel wie vor dem Spiel: Never mind the Ballacks! Here's St. Pauli!

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Die folgenden Weblogs beziehen sich auf diesen Eintrag Never mind the Ballacks!:

» "Der Berliner an sich ... von Berlin steil
... ist wenig begeisterungsfähig und vom Hang zum meckern geprägt." weiß Dieter Hoeneß, 53. Und sagt es auch, im Tagesspiegel Interview mit Christian Ulmen. Ansonsten wünschen sich beide eine Fankultur für Berlin , wie sie der FC St. Pauli hat.... [Weiter lesen]

Kommentare

Hab's mir am Fernseher angeschaut. Der Torhüter hat wohl den eigentlichen Unterschied an diesem Abend ausgemacht. Wenn Kahn den Kopfball von Luz nicht noch um den Pfosten gestreichelt hätte, wäre die Dramatik eine ganz andere geworden. Und das 1:0 war unnötig.

Die Kritik am Schiri teile ich übrigens nicht. Die an Ballack hingegen schon.

@Rayson: Ich bekenne, das 1 zu 0 gar nicht gesehen zu haben, weil ich da gerade in die andere Richtung guckte, wo ich ganz plötzlich ein paar Bayern-Fans jubeln sah ... in den Zeitungen fanden einige, das sei haltbar gewesen, andere, Hollerieth sei die Sicht versperrt gewesen (das war sowieso das Tor, wo ich weniger sehe, sitze eher auf der anderen Seite). Aber so stimmt das schon, daß der Torwart den Unterschied machte ... und wenn das Luz-Ding reingegangen wäre, das wäre extrem aufregend geworden. Was ja alles enorm angesichts dessen ist, daß wir zwei Klassen tiefer spielen.

Das mit dem Schiri: Da macht nicht nur die immer zugestandene "Vereinsbrille" oder die fehlenden Zeitlupen, größere Distanz zum Geschehen etc. den Unterschied aus, wenn man sich das im Stadion anguckt. Da sieht man dann so allerlei, was man im Fernsehen gar nicht zu sehen bekommt. Habe mir das Werder-Spiel hinterher noch mal auf DVD angeschaut, und die ekligsten Szenen z.B. von Frings, wurden nicht gezeigt. Zumindest in der ersten Halbzeit hat der Schiri gestern immer gepfiffen, wenn unsere schubsten, und nie, wenn's die Bayern taten. Verstehe auch nicht, wieso Kahn nicht gelb sieht, wenn er rot sieht (blödes Wortspiel) und Boll fast umhaut.

Ist aber egal. Wir hätten's schaffen können, und es war'n toller Abend! Was will man mehr ...

Ich habe die Fernsehübertragung mitgeschnitten - also: aus der Position der Torkamera sah es wirklich so aus, dass Hollerieth nicht allzuviel sehen konnte. Kahn genießt sowieso eine Art "Klingonenbonus", wenn er mal wieder Schaum vorm Mund hat, deshalb wunderte es mich nicht, dass der Schiri, die IMO sowieso ziemlich viel durchgehen ließ, nicht gelb gab.

Das "Hamburger Abendblatt" (eher ein gemäßiger, sprich gemäßigt marktliberal-konservativer, Vertreter des Hauses Springer) versuchte wohl, mit der alberne Winke-Händchen-Aktion Popularität "abzustauben". Hat ja ein Imageproblem, dieser leisetreterische und opportunistische Lappen, und damit verbunden ein Auflagenproblem.
Könnte man auch Trittbrettfahrerei oder schamlosen Populismus nennen. Allerdings hat jetzt auch Littmann ein Imageproblem.

@Martin M.: Habe gestern im Hamburg-Journal auch noch mal die Tore, aber ebenso unsere verpaßten Chancen gesehen ... manmanman, das tat dann doch ganz schön weh.

Und das Abendblatt ist eigentlich die am Vernünftigsten über St. Pauli schreibende, Hamburger Zeitung. Aber die Nummer mit den Papphändchen war echt albern ...

Littmann hat das Image-Problem ja nicht erst seit heute, und der verhält sich auch wirklich immer wieder ganz schön ungeschickt. Die Kritiker schießen aber auch in einer Form, meine Güte - ziehe den Zorn selbstgerechter, linker Kleingruppen auf Dich, dann fühlst Du Dich wahrscheinlich wie zu Zeiten der Inquistion, wenn Du Dich drauf einläßt. "Gestehe endlich, daß Du ein Schwein bist!" Aber lieber Diskussionen als Absolutismus, sag ich mal ...

habe das spiel auch im tv verfolgt und das pech von pauli sehr bedauert, euch hätte ich viel lieber in berlin gesehen, denn dann wäre wesentlich mehr einsatz auf pokalrasen zu erwarten gewesen.
ist doch wirklich schade, daß die moralischen sieger sich davon nix kaufen können.

@Bembelkandidat: Im Grunde genommen kultivieren wir ja seit bald 20 Jahren genau das, daß wir als moralische Sieger uns nix davon kaufen können ;-) ... ach, und eigentlich ist das auch völlig okay. Bayern-Fan z.B. würde ich gar nicht sein wollen, ist ja schrecklich, wie die Fußball spielen. Oder wie als Gladbach-Fan immer wieder den Mythos der 70er aufkochen müssen, neenee.

Da finde ich Fahrstuhl-Vereine wie eure Eintracht, die Kölner, Bochum oder Mainz (wenn ich das einem Frankfurter sagen darf) viel charmanter, die gelernt haben, daß Siegen halt nicht alles ist. Wie heißt's noch? Es geht um's Tun und nicht um's siegen?

Wir reproduzieren dann halt unseren Mythos in der Gegenwart, dazu paßt diese Niederlage einfach, und wir brauchen wohl vor allem emotionale Extreme ...

Dürfte stimmen, Momo. Stellen wir uns mal vor, Pauli wäre, wie der HSV, seit den 60er Jahren ununterbrochen in der 1. Liga. (Eigentlich auch der Stoff, aus dem man Fußball-Mythen macht. Eigentlich.)
Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wäre der FC St.Pauli kaum noch vom HSV unterscheidbar.
Wobei zwischen dem HSV und der gepflegte Langeweile des FC Bayern Münchens immer noch einige Kilometer Abstand liegen.

@MartinM: Wohl richtig - wobei ja Nomen auch immer Omen est, und St. Pauli ist eben St. Pauli. Letztlich haben wir eben das Glück der Innenstadtlage, obwohl der Herr Nagel ja gerade alles dafür tut, uns dieses versauen zu wollen. Und dieser Stadtteil ist nun mal weltweit einmalig ... sind ja aus dem Geist der Hafenstraße auferstanden, und erstaunlich ist, daß sich das trotz allem zumindest ein wenig bis heute gehalten hat, dieses Feeling, damals Mitte bis Ende der 80er. Als ich damals nach Hamburg kam ... die Doofen sollten sterben ... gestern standen sie aber wieder im Holstein Kiel-Block ;-) ...

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