Rätselwort Kultur, Teil 1
Eigentlich beschämend: Alle reden von Kultur, und keiner weiß, was damit gemeint ist. Es gibt da Ahnungen, das könnte was mit Goethe, mit Religion, mit Sitten und Gebräuchen zu tun haben. Doch schon diese Reihung der Begriffe, die angesichts ihrer Staubigkeit ein leicht genervtes, allergisches Niesen provozieren, zeigt, daß aktuell nach der heroischen Phase der Postmoderne ganz, wie die neuere, Kritische Theorie es befürchtete, die Lyotards und Derridas und Beaudrillards wohl wider Willen das ganz Konservative befördert haben. Indem sie im Paradigma "Kultur" herumeierten.
Das postmoderne Paradigma war's, ...
... das, ethnologisch und somit immer auch strukturalistisch belehrt, den Kulturbegriff Marx-kritisch gegen die Gesellschaft in Stellung brachte, um DIE GESCHICHTE, das dialektische Sprachuniversum, die Herrn und Knechte, den Mensch an sich und alle Totalisierungen wie ein Gesicht im Sand verschwinden zu lassen.
Die Sprache trat in Schrift und Wort und Zeichen an die Stelle des Ensembles gesellschaftlicher Verhältnisse und die Denker neigten dazu, wie Lynch von dem Entlarven ("Blue Velvet") narrativer Muster und dem Schrecken, der unter ihnen wohnt, weiter zum "Mudholland Drive"der Unverständlichkeit zu düsen, im Sauseschritt. Fanden dort nach all den Relativierungen irgendwann den Haß ...
Derrida drechselte sein Denken noch in Richtung Menschenrechte, doch wo selbst George W. Bush in deren Namen Kriege führt, mag man die ja kaum noch einfordern. Im föhlichen Reigen der postmodernen Sprachspiele und Differenzen, eben: Kultur, in Ästhetisierungen der Existenz und popliterarischem Acessoire-Gesammel löste sich Welt in eine große Retro-Show auf, denn mental stecken wir noch in den frühen 80ern. Und ganz wie damals suggeriert das konservative Denken mit dem Holzhammer nun wieder die Notwendigkeit einer geistig-moralischen Wenden, und Kultur, so lange als Differenzerfahrung gedacht und gelebt, ist plötzlich zum wertenden Kampfbegriff gegen die Barbarei anderer Kulturen erneut mutiert. Was daran liegt, daß schon die frühen 80er eine 50er-Revival-Veranstaltung waren, und jetzt können wir ja vielleicht mal wieder aus einer WM dann neu geboren werden. Kulturell geht das nämlich, geschichtlich nicht, gesellschaftlich schon gar nicht ... die Restaurateure haben Oberwasser und schwingen fröhlich Peitschen, während linkes Denkens sich auch nur noch selbst restauriert und vor allem eines will: Bewahren.Und sich dafür sogar peitschen läßt. Es ergeht sich dann - wenn nicht gerade mit einem adornitisch gewendeten Marx das Richtige Leben im Falschen schon gar nicht mehr gedacht werden kann, weil's den bürgerlichen Rechsstaat gibt - in Empire-Exegesen oder identifiziert sich urchristlich mit dem "Homo Sacer", der leidenden Exitenz in der Endlos-Apocalypse, weil man ja auch nicht weiß, was los ist, wenn ein Irrer in Teheran Israel und Europa mit der Atombombe droht. Und so setzt man dann vorsichtshalber auf noch Schlimmeres ...
Das Umschlagen der Postmoderne in ein dissonantes Neocon-Hallelujah und das laustarke, sich linksrheinisch gar im Straßenkampf befindende Schweigen der Linken, das freiwillig in Kritik verharrt und bewahren will, kann man auch hier hier nachlesen. Wie die Derrida, Lyotard, Deleuze-Nachfolger in der reinen Chronologie des Denkens als "Neo Reacs" das Denken als solches beerdigen, um dem Ressentiment die Türen weit zu öffnen, das ist längst auch hierzulande zu spüren. Das entspricht dann in etwa der aktuellen Politik der CDU/CSU beim sogenannten "Ausländer-Problem". Diskutiert wird zumeist im Spannungsfeld Wert versus Beliebigkeit; das ist an sich schon als Beschreibung falsch und verbirgt zumeist nur noch die Sehnsucht nach Gemütlichkeit.
Da aber Kultur als deskriptiver Begriff viel zu wertvoll ist, als daß man auf ihn verzichten möge, sei allen die Sehnsucht nach Millowitsch und Ohnesorg gegönnt, ist beides auch was Schönes - und es sei ab jetzt aber auch explizit Eintrag für Eintrag geforscht, was man denn sinnvoll meinen kann, wenn von Kultur man spricht. Also, fangen wir mal an.
I. Kultur und Natur
"Das Rohe und das Gekochte" heißt eines der Hauptwerke von Lévi-Strauß, und die Basis-Differenz ist damit auch schon genannt: Der Kulturbegriff macht überhaupt nur Sinn, wenn man ihn als Gegenbegriff zu "Natur" begreift.Und Kultur als Kultivierung des Natürlichen auch gleich begreift. In der Kultur-Natur-Relation ist so allerlei wertfrei und wertend möglich; allein schon eine Berücksichtigung dieser konstitutiven Unterscheidung würde viel Wirres unterbinden: Diese quasi-natürliche Geltung der Tradition, die Vorstellung einer organischen Volksgemeinschaft, die z.B. als Nation dem Staat dann vorgängig sei, erweist sehr schnell sich als der Kurzschluß beider Sphären. Häufig anzutreffen auch die Verwendung von "natürlich" im Sinne von "normal" - die Norm kann immer nur als kulturelle Perspektive auf Natur verstanden werden, behaupte ich. Im Sinne gezielter Normierung ebenso wie im Sinne von "Gewohnheit", die ja in praktischer Hinsicht in etwa meint, was wissenschaftliche Generalisierungen betreiben, wenn sie Schwäne zählen: Gewöhnlich sind die eben weiß. Und der normale Schwan ist's somit auch, weil man's gewöhnt ist, weiße Schwäne auf Alster, Masch- und Wannsee zu beäugen. Kultur hat viel mit dieser Art von Gewohnheit zu tun, drum ist, wer darauf bauend nicht zu viel Schwarze in der Fußgängerzone treffen möchte, zumeist zugleich faul und unfreiwillig und will von lieb gewordenen Gewohnheiten nicht lassen ...
II. Kultur und Freiheit
Man kann Natur zum Maßstab nun erheben, sie für erhaltenswert oder als Ressource betrachten, man kann sie über Regelmäßigkeiten, Naturgesetze, begreifen wollen, zu ihr zurück oder von ihr weg wollen: All das ist immer schon Kultur. Kultur ist die Perspektive auf Natur. Deshalb bietet sich Sprache als Gegenstand der Kulturtheorie an: Weil sie eben immer schon Perspektive ist. Mit Freiheit hat das viel zu tun: Man kann alles eben auch anders sagen.
So kann es szientistische Kulturen geben, ebenso so solche, die in ihr das Heilige sehen, und beides sogar in ein und demselben Einfamilienhaus: Kultur ist a.) ein Sprechen und Schreiben in Sätzen, die je unterschiedlichen Logiken folgen und b.) somit notwendig Differenzerfahrung, weil man um die alternativen Logiken weiß.
So thematisiert man sich nicht nur in Relation zur Natur, sondern immer auch in Relation zu anderen Kulturen, oft auch solchen, die man der eigenen Kultur zurechnen würde: Religion versus Naturwissenschaft, z.B. . Kultur im Plural denken - Dirk Baecker folgend ist das sogar konstitutiv für den Kulturbegriff als solchen. In seinem Buch "Wozu Kultur?" (Berlin 2003, 3. Auflage) entfaltet er diese Gedanken systematisch - wer Kultur sagt, stellt automatisch schon sich selbst infrage, weil er weiß, daß alles eben auch anders sein könnte. Genau hierauf reagieren die ganzen Kulturkämpfer: Sie halten, ganz, wie Sartre es als "mauvais foi" beschrieben hat, die eigene Freiheit nicht aus und verabsolutieren Gewohnheit. "So sind wir eben, und ihr nicht! Und entweder ihr werdet jetzt auch so wie wir, oder wir schmeißen euch raus!".
Das gilt übrigens auch für die Verteidiger rheinischer Unternehmenskultur, solange sie als Bewahrer auftreten, ob's mir nun paßt (natürlich paßt's mir nicht) oder auch nicht. Kultur als Gegenbegriff zur Natur ist immer dem Verständnis von "Natur als Notwendigkeit" entgegengesetzt. Alle Debatten, ob unsere Gene denn nun bestimmen, wie wir handeln, ist der Gegendiskurs eines totaliserenden Naturalismus gegen eine Philosophie der Freiheit. Ebenso jedoch auch Theorien, die eine Quasi-Naturgesetzlichkeit des Ökonomischen behaupten, dem Individuen sich gefälligst zu unterwerfen hätten: Auch diese betreiben eine Metaphysik der Ökonomie und negieren Freiheit.
Denen kann man immer entgegenhalten: Es bedarf eines Konzepts der Naturwissenschaft, der Vorlkwirtschaftslehre, der wasweißich, das selbst nur in bestimmten Kulturen entstehen kann - in anderen wirken z.B. Schicksalsmächte, wenn solche metaphysischen Enititäten, die menschliches Handeln bedingen, behauptet werden. Alles Theoreme und Weltsichten, die dem Begriff der Freiheit, der analytisch schon im Kulturbegriffe steckt, entfleuchen wollen. Schief geht das immer.
Auch das Bestimmtsein durch Kulturen, das es wohl zweifelsohne gibt, kann den Natur-Kultur-Gegensatz nicht übersteigen. Die Frage bleibt, wie man sich dazu verhält, bestimmt zu werden. Wer behauptet - und in der Islam-Debatte ist das oft der Fall -, Kulturen würden determinieren, behauptet Kulturen als strukturell identisch mit dem Naturbegriff der eigenen Kultur. Und verneint so die deskriptiv die Freiheit, die er vermeindlich schützen will ...
III.
KULTUR versus Kultur
Typisch deutsch die Begriffsverwirrung, mit einem identisch scheinenden Begriff etwas beschreiben zu wollen, was wie Oberbegriff und Unterbegriff zueinander sich verhält. Da gibt's dann parallel einerseits Kulturstaatsminister und andererseits Kulturkämpfer in Bayern und Brandenburg, die Immigrantenkulturen als das Andere behaupten, das gefälligst zum Eigenen werden solle.
Theater, bildende Kunst, Literatur, Musik etc. sind die eine Sphäre, nicht ganz, aber oft deckungsgleich mit "Kunst" die als Teil der hier zu untersuchenden, allgemeineren Begrifflichkeit KULTUR dann eben diese mit ausmachen. Das ist begrifflich außerdordentlich perfide, wenn man Tischsitten und -gebräuche z.B. sich betrachtet: Die Wilden essen dann halt nur mit Fingern, wir hingegen mit Besteck. Besteck - Eßkultur - ist dann ebenso das alltägliche Äquivalent zur Opernkultur wie die der Stolz auf das einzigartie, antike Sofa - Bourdieu hat das vortrefflich in "Die feinen Unterschiede" beschrieben.
Unsere Kultur hat Goethe hervorgebracht, die der Schwarzen allenfalls Voodoo. Daß auf Togolesen oder Kenianer nicht mit der selben Energie gedroschen wird wie auf Muslime aus beispielsweise Algerien, verdankt sich der Doppeldeutigkeit des Kulturbegriffs: Der Islam hat immerhin Moscheen gebaut, eine tiefisinnige Schriftkultur hervorgebracht und Aristoteles zurück in's Abendland befördert - kurz: Man nimmt die hier ganz einfach ernster als die "Primitiven" mit ihren "Bambusröcken" und "Lehmhütten" und ihrer "Vielgötterei". Un weil sie selbst nix zustandebringen, wollen die dann hier nur schmarotzen. "Wirtsvölker" hat Hitler sowas genannt. Das Erbe des Kolonialismus liegt tief, es ist dan der Zeit, sich davon zu befreien.
In der Islam-Debatte wechselt sich ab die Angst vor tatsächlicher Überlegenheit - Botho Strauß ist dafür ein Symptom, Mark Steyn ebenfalls - dieser so "glaubensstarken" KULTUR gegen den verweichlichten, skeptischen Westen mit der Wiederkehr des Motivs der "Barbaren", gegen die man dann KULTUR und Kultur gleichermaßen ins Feld führt. Ein Topos übrigens, der von europäischer Seite auch allzu gerne gegen die US-KULTUR gewandt sich findet, deren "MacWorld"- und Popkultur dann eben auch nur barbarisch ist angesichts der eigenen, hehren Kulturleistungen.
Dies wüste Flimmern in der Deskription, die sich durchgängig auf die positiv bewertete Kultur, die auf die KULTUR ausstrahle, mit bezieht, ist Wurzel vielerlei Übels. Wie immer dann, wenn Wertung und Beschreibung durcheinander gehen, das wissen wir ja auch nicht wirklich erst seit Max Weber. Ohne Wertung geht nicht. Man muß aber klarstellen, wo man wertet und wo nicht.
Es tritt jedoch noch etwas mit hinzu zum Überlegenheitsdünkel: Wirtschaft und Wissenschaft. In der Selbstdefintion unserer KULTUR ganz zweifelsohne Zentren, um die ein kulturelles Selbstverständnis sich dann rankt, allerlei Blüten treibend. Das verweist auf die eigentlich maßgebliche Differenz:
IV. Kultur und Gesellschaft
Tja, und das wäre dann hier zu viel für heute, das auszuführen. Deshalb steht dort oben "Teil 1". Es sei nur noch einmal verwiesen auf den Einstieg: Den Übergang zur postmodernen Kulturtheorie. Bis dato prägte den Diskurs ein marxistisches Konzept von Gesellschaft. Gesellschaft war die Basis, Kultur war nur der Überbau, und KULTUR wurde kaum gedacht, allenfalls auf Seiten der konservativen KULTURkritik, die oft auf Kultur sich berief . Das Basis-Überbau-Theorem war für Konservative Anlaß des Spotts: "Basis ist derjenige Teil des Überbaus, den derjenige Teil des Überbaus, der sich für Überbau hält, für Basis hält", so Odo Marquard (in "Schwierigkeiten mit der Geschichtsphilosophie", Frankfurt/M. 1973, S. 181, zitiert nach: Schnädelbach, Herbert, Zur Rehabilitierung des animal rationale, Frankfurt/ M. 1992, S. 163. Alles, was ich hier schreibe, ist eine Anwendung der Grundbegrifflichkeiten im dort zu findenden Aufsatz "Kultur und Kulturkritik", S. 158 ff., sowie seines Aufsatzes zum Thema "Kultur" in; Schnädelbach, Herbert / Martens, Ekkehard (Hg.) , Philosophie - Ein Grundkurs, Reinbek bei Hamburg 1991, Bd. 2, S. 508 ff. . Die Aufsätze in den zwei Bänden sind alles andere als Philosophie-Vorschulwissen und zum Einstieg in Thematiken einfach unverzichtbar, meine ich.)
Ich halte die genauere Analyse der Relation Kultur versus Gesellschaft für den einzig gangbaren Weg einer Analytik der Gegenwart. Das ist seit Marx so, und das hat sich nicht geändert. Zu oft werden beide Begriffe gegeneinander ausgespielt, das ist wahlweise Unsinn oder Ideologie, und schlicht ist's auch nicht. Im Detail wird das ganz schön kompliziert. Ich probier mal unregelmäßig weiter dran rum ...

Kommentare
Ich habe gerade einen Artikel gefunden, der exakt meine Meinung wiedergibt:
"Multikulti will gelernt sein", Die Zeit Nr. 3/2005 http://www.zeit.de/2005/03/Essay_Richter
Verfasst von: Marian Wirth | 10.04.06 01:50
Meine auch! Der ist auch sehr "habermasianisch" - dieser dort Charles Taylor zugeschriebene "prozedurale" Begriff des Politischen ist ja Habermas. Auch die erwähnte Sheyla Benhabib kommt aus der Ecke. Ich wäre nur immer vorsichtig mit einem Konstruktivismus, das taucht da in einem Satz auf, aber sonst voll zustimmungsfähig.
Verfasst von: MomoRules | 10.04.06 12:55