Rätselwort Kultur, Teil 2
Ja, Rayson, da kann man weitermachen!
Eigentlich sollte im zweiten Teil meines Gegrübels über Kultur die Relation von Gesellschaft und KULTUR thematisiert werden. Angesichts derAntwort von Rayson schalte ich den Teil über "Wissen" und "Praktiken" vor. Auch wenn ...
... ich beim von ihm diskutierten Verfassungspatriotismus damit gerade noch nicht lande.
Rayson fragte, ob z.B. die Ausführung über Eßgewohnheiten in meinem ersten Teil denn ernst gewesen sei - ja, war sie, außerordentlich ernst sogar. Hieran anknüpfend stelle ich dann mal dar, welche Heransgehensweise ich im Rahmen der Analyse von Kulturbegriffen vorschlagen würde - s.u. Obwohl gerade der ihm wichtige, im folgenden zitierte Punkt dann auch noch nicht dran ist:
"Nun, ich bin der festen Überzeugung, dass man in Deutschland auch dann ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft werden kann, wenn man weder Schnitzel noch Currywurst zu seinen bevorzugten Speisen zählt. Ein Problem aber bekommen wir, wenn der zu Integrierende beide Mahlzeiten als “unrein” betrachtet und den sowieso dem frühen Herzinfakt Geweihten noch seine geballte Verachtung hinterherschickt."
Da stelle ich auch zunächst nur die Gegenfrage: Worin unterscheidet sich die Verachtung des "zu Integrierenden" von einem Blogger, der das Umfeld anderer Blogger als "unappetitlich" bezeichnet ( habe ich im Fall der rechten Haßblogs auch schon verwendet, die Vokable, zu denen der zitierte Blogger ausdrücklich nicht gehört, ist jetzt nur ein Beispiel von heute, nicht daß ich hier mißverstanden werde)? Ist dieser Blogger (und ich ebenso) nicht integriert, weil er andere verachtet?
Auch die angesprochenen Fragen des "Zusammenlebens" kommen erst in einem späteren Abschnitt über Moral zum Tragen, das ist unten nur angedeutet. Mir geht's halt darum, zu zeigen, daß Kultur allenfalls am Rande, ein paar Elemente gibt's da schon, als Basis der Integration taugt. Dazu muß man aber erst mal erläutern, was mit Kultur man meint.
Hinsichtlich Sprache bin ich mit Rayson einig. Meiner Ansicht nach rekurriert er ansonsten durchgängig auf eine universelle Moral des wechselseitigen Respekts, nicht auf Kultur.
Kultur selbst wird von ihm als "europäischer Bildungskanon" verstanden zum einen, zum anderen als "eingeübtes Alltagsverhalten". Insofern versuche ich mich heute mal an "Wissen" und "Praktiken", um wahrscheinlich ganz viel Triviales, was Rayson pointierter brachte, einfach breit zu treten. Mich macht es aber immer unruhig, wenn sich dem Breitreten nicht gewidmet wird. Ich habe immer Angst, daß nicht klar wird, worüber man gerade redet.
Alles im folgenden Beschriebene verweist aufeinander, geht ineinander über, stützt sich wechselseitig etc. - es ist lediglich der Versuch, ein Begriffsraster zu entwickeln, anhand dessen Fragen, die KULTUR thematisieren, evtl. ja diskutierbar werden.
Wissen und Praktiken
Kultur läßt sich beschreiben und vielleicht auch verstehen, indem man sie zunächst in die Bereiche "Wissen" und "Praktiken" (Michel Foucault folgend) analytisch aufdröselt.
Wissen ist in den meisten Fällen an Sprache gebunden. Eine Sprache entwirft in ihrer Gänze wie auch partiell in ihrer realen Verwendung Kulturformationen und vermag ggf. auch all die verschiedenen Kulturen, die die gleichen Worte und den gleichen Satzbau verwenden, ins Gespräch zu bringen. Deshalb ist in der Tat in den sogenannten "Integrationsfragen" sie von so herausragender Bedeutung, die Sprache. Man glaube aber bloß nicht, ein Asylbewerber sei vor der Abschiebung sicher, nur weil er gut deutsch spricht ....
Wissen ist zumeist sprachlich repräsentiertes Wissen. Verschiedene Typen von Wissen sind zu unterscheiden, wobei die Basisunterunterscheidung "Wissen, wie" und "Wissen, daß" ist.
"Wissen Wie" kann die Form der Zweckrationalität annehmen. Z.B. im Falle der Ressourcen-Nutzung wie der Naturbeherrschung, Spezialfall Körperbeherrschung: "Wie treffe ich bei einem Freistoß das Tor, indem ich ihn anschneide?" Zweckrationalität hat die Struktur "gut zu". "Den Ball anschneiden ist gut, um zum Tore zu schießen".
Es gibt (unhinterfragtes und hinterfragtes) regel-geleitetes, reflexives und intuitives "Wissen, wie" und "Wissen, daß".
"Wissen, daß" formuliert propositionales Wissen, solches, das der Struktur "Es ist der Fall, daß p" folgt. "Wissen, wie" ist in seiner Struktur komplexer. Es ist dem "Wissen, daß" z.B. in den Wissenschaften vorgeordnet - ich muß z.B. lernen, wie ich mir das propositionale Wissen einer Wissenschaft aneigne (z.B. in der Geschichtswissenschaft Quellenkritik betreibe) oder eine Versuchsanordnung aufbaue, eine Hypothese verstehe oder formuliere etc. . Beide Strukturen verweisen zumeist aufeinander. Das "Wissen, wie" begründet Praktiken. Das kann auch beim "Wissen, daß" der Fall sein, muß dies aber nicht. Ein komplexes "Wissen, daß" nennen wir wohl "Weltanschauung" oder "Weltbild", ein nicht weiter überprüftes "Meinung", ein begründetetes z.B. "Position" - eine solche vertrete ich dann ggf. . "Weltbilder" sind wohl zumeist das, was im alltäglcihen Sprachgebrauch unter "Kulturen" verstanden wird.
Eigens zu untersuchen sind zudem
a.) die Erzeugungsprozeduren von Wissen (die Generalisierung von Negativ- und Positiv-Stereotypen von Bevölkerungsgruppen ist eine relativ simple, aber bei Beschreibungen der eigenen oder fremden Kultur verhältnismäßig häufig anzutreffende Erzeugungsprodzedur, die dann z.B. bei Arnulf Baring als Wissen sich behauptet. Die Ethnologie selbst ist eine andere, das "Erfahrungen sammeln" z.B. als Schwarzer in Dresdener Vororten eine dritte) und
b.) die Bedingungen, unter denen Sätze als wahr oder falsch gelten und somit in einen Wissenkanon eingangs- und in diesem anschlußfähig sind ("Jesus hilft!" tritt in christlichen Kirchen durchaus mit Wahrheitsanspruch auf und wird dort ggf. als wahre Aussage akzeptiert, in der Fußgängerzone, von den Zeugen Jehovas geäußert, wird der Satz häufig auf Widerstände oder Ignoranz stoßen)
Des weiteren ist c.) nicht jeder Typus von Wissen im selben Sinne kulturell relevant.
a.), b.) und c.) können meiner Ansicht nach erst im Rahmen einer Gesellschafttheorie analysiert werden, d.h. heißt, sie gehen weit über das hinaus, was im Rahmen eines Kulturbegriffs analysierbar ist.
"Wissen" muß nicht heißen "Schulwissen", "Fachwissen" oder "viel wissen", kann dies aber heißen. Orientierungswissen darüber, wie man sich in der jeweiligen Kultur bewegt, ohne z.B. Sanktionen zu erfahren, nicht einkaufen zu können oder den Bus zu verpassen, ist wohl konstitutiv für die Kultur selbst.
Der hessische Fragenbogen hat einen Versuch unternommen, hinsichtlich der deutschen Kultur einen solchen "Wissenskanon" zu formulieren; ob nun gerade diese Form des Wissens es ist, die dort abgefragt wurde, die als Orientierungswissen in dem, was als deutsche Kultur behauptet wird, maßgeblich ist, ist eine andere Frage (die zudem das Verhältnis KULTUR und Geschichte betrifft, das ist ein späterer Abschnitt).Von einer Ausnahme abgesehen, dem 3. Reich, halte ich Möglichkeit der Behauptung eines solchen Wissenstypus, wie er dort abgfragt werden soll, als ein von allen geteiltes und als relevant erfahrenes Wissen im deutschen Kulturalltag für fragwürdig.
Selbst über das Rechtssystem haben außer ein paar Basics nur sehr wenige in Deutschland ein weiter gehendes Wissen. Welches Wissen hingegen für die Orientierung nun wirklich relevant ist, das ist auch relevant für Fragen der Integration. Ebenso, ob dies nun staatlich vermittelt werden sollte, oder ob dieses nicht ganz automatisch sich angegeignet wird.
Dominanter als dieser Kanon des Wissens der gymnasialen Oberstufe anno 1953 erscheinen mir in realen, deutschen Kulturen (ich plädiere da ehr für's Plural) allerlei Formen des "Fachwissens", die jeweils Sub- oder ganze, eigenständige Kulturen geradezu definieren: Bei Dachdeckern jenes über die Eigenschaften von Spindeln, bei Kiddies das über den richtigen Klingelton, bei liberalen Bloggern reichen in der Regel schon "Vertragsfreiheit", "freier Markt", "Nichts darf das freie Spiel der Kräfte behindern" und "Sozen wollen alles regulieren und sind deshalb doof" als Basis-Wissen, um mitspielen zu dürfen. Wenn man dann noch in jedem zweiten Eintrag den "Islamofaschismus" geißelt, "die Linken" für hysterisch erklärt und ansonsten behauptet, alle würden sich immer nur über Amis und Juden empören und über sonst niemanden, dann ist man in schon ganz gut aufgestellt in diesem subkulturellen "Wissen wie" der liberalen Subkultur im Netz.
Bei linken Blogs sollte man immer wissen, mit wem oder was man sich gerade solidarisieren sollte und über was man sich "als Linker" aktuell empört. Ganz linke Blogger heben sich davon ab, indem sie mit fundierten Analysen der Marxschen Wertlehre glänzen und die Sozis damit toppen, ganz ironiefrei. Und was die ultrarechten Haßblogger wissen müssen, will ich lieber gar nicht wissen. Alle Blogger teilen dann ein Grundwissen um Softwareanwendung und verlinken, und so bildet sich eine "Kultur", eben jene der Blogosphäre. So ungefähr untersucht die "Kognitive Ethnolgie" Kulturen - sie erfaßt Begriffsraster, das notwendige, geteilte Wissen derer, die die Kultur ausmachen.
KULTUR und "kultivieren": Praktiken
Ein Teilbereich kultureller Praktiken läßt sich über den Oberbegriff "kultivieren" beschreiben. "Kultivieren" vereint in sich unzählige Praktiken. Deshalb ist es so wichtig, mit der Unterscheidung "Kultur/Natur" zu beginnen. Historisch ist der Beginn von "Kultur" eben der kultivierende Umgang mit Natur. Es mag so scheinen, als würde ich jetzt einfach das Verb zum Substantiv suchen oder gar etymologisieren. Aber das Verb zum Substantiv ist allemal besser als ständig alles zu nominalisieren, diese deutsche Sprechweise hat zu viel Verwirrung erzeugt, wenn dann über "Werte" wie über Dinge geredet wird. Glaube auch, daß "kultivieren" 'ne Menge hergibt.
"Kultivieren" folgt der relationalen Struktur "umgehen mit". "Kultivieren" als "umgehen mit" verweist immer auf die Relation von dem, der mit etwas umgeht, auf das, womit umgegangen wird. "Umgehen mit" ist nicht immer mit dem "Verfügen über" gleichzusetzen. "Verfügen über" ist ein Spezialfall des "Umgehens mit". Ich kann mit meinem Gegenüber freundlich umgehen, ohne über ihn verfügen zu wollen. Ich kann mit einer Pflanze umgehen, in dem ich sie fasziniert betrachte, ohne sie gleich in eine Vase stellen oder gießen zu wollen.
Diese relationale Struktur ist in eine reflexive Struktur überführbar, d.h, ich kann explizit den Umgang mit etwas thematisieren und es dadurch auch der Infragestellung oder Bejahung zugänglich machen. "Es ist schön, Pflanzen zu betrachten", "Es ist richtig, dem Gegenüber gegenüber freundlich zu sein", "Es ist zweckmäßig, Pflanzen zu gießen" - zu all diesem kann man mit "Ja, stimmt!" oder z.B. mit "Nein, übergieß den Kaktus nicht!" antworten.
"Kultivieren" ist ein Spezialfall des "Umgangs mit". Ich kann auch brutal mit etwas umgehen und es so zerstören. Ich kann aber auch zerstören, um zu kultivieren - einen Baum fällen, um einen Schrank zu bauen, z.B. Solcherlei Destruktion ist in vielen Fällen des Kultivierens wohl unvermeidlich.
KULTUR im Sinne von Kultivierung ist historisch die Feuerstelle, Ackerbau und Viehzucht. In Gesellschaften, die nicht mehr über das primäre Bewältigen des puren Überlebens in Natur- oder Kulturlandschaften (Favellas z.B.) sich reproduzieren und weiter- oder zurückentwickeln, richtet sich die Kultivierung auf andere Felder. Schönheitsoperation z.B., Rosen züchten, Makrame lernen, Selbsthilfegruppen gründen.
Dieser Zusammenhang zwischen "Kultur" und "kultivieren" ist auch jener zwischen "KULTUR" und "Kultur". Kunst in all ihren Feldern ist die Kultivierung der Wahrnehmung mittels Material (darstellerische Fähigkeiten, Sprache, Laute, Gesten, Farben, Wachs und Fett, z.B.). Moderne Kunst thematisiert Material und Wahrnehmung als solche.
Die verschiedenen Formen der Alltagskultur, die man lebt und beschreiben kann (und die die Popliteratur zum Thema hat), sind Formen der Kultivierung. Tischsitten z.B. kultivieren die Nahrungsaufnahme. Händeschütteln, der Wangenkuß, das Nasereiben, Verbeugungen kultivieren die zwischenmenschliche Kontaktaufnahme. Daß "Wissen, wie" diesbezüglich ermöglicht es, sich in einer spezifischen Kultur zu orientieren.
Eine andere Ebene der Kultivierung ist der Umgang mit sich. Sport treiben, Haare schneiden, viel oder wenig Bekleidung, Fleiß, eine Ästhetik der Existenz oder das Schleier tragen sind verschiedene Formen der Kultivierung. Die verschiedenen Weisen des Umgangs mit sich folgen unterschiedlichen Begründungen und Kriterien von je unterschiedlicher Trag- und Reichweite, ggf. verfolgen sie auch unterschiedliche Zielsetzungen. So kann ich ein ärmellosses T-Shirt tragen, um meinen Bizeps zu präsentieren. Das kann ich wollen, weil ich wahlweise sexy sein will oder Stärke demonstrieren oder beides, weil ich Stärke sexy finde oder glaube, daß Andere sie sexy finden. Ich kann fleißig sein wollen, weil ich das
a.) für gut im Sinne von wertvoll oder richtig halte (Tugenden), kurz, ein "guter Mensch sein will", und mein Umfeld mich immer schon gelehrt hat, daß gute Menschen fleißig sind (traditionale Moral). Dies verweist auf ein "Wissen daß" hinsichtlich dessen, was in der spezifischen Kultur als guter Mensch gilt (z.B. auch eine Frau, die einen Schleier trägt). Tugenden verweisen zudem auf die intersubjektive Relation der "Anerkennung", die als Möglichkeit allen intersubjektiven Relationen eingeschrieben ist (moderne, universelle Moral).
b.) zweckmäßig finde, weil das gut zum Geld verdienen ist (Zweckrationaliät)
c.) weil es mir einfach Spaß macht und ich mich sonst langweile (Lust versus Unlust)
Wer jetzt diskutieren möchte, welche "deutsche Kultur" denn nun als Basis der Integration von Immigranten herhalten sollte, muß schon spezifieren, welche der Wissenbereiche und Praktiken relevant sind ... und:
"Es gibt einen m.E. guten Test, dem “Deutschsein” nahe zu kommen: längere Zeit im Ausland leben. Erst die Vielfalt, die es Gott sei Dank gibt, trägt wirklich zur Trennschärfe bei."
Das wird dann Teil 3 des "Rätselwortes Kultur". Das entspricht genau dem, was Dirk Baecker in seinem "Wozu Kultur?" entfaltet. Kulturbegegnungen und - vergleiche ist dann beim nächsten Mal dran ...

Kommentare
Sag' mal, diktierst Du das alles Deiner Sekretärin, oder schreibst Du selbst?
Und wo soll ich die Zeit hernehmen, das zu lesen, hm?
Menno.
Verfasst von: Marian Wirth | 11.04.06 22:26
Mir fehlen dann doch die "kulturellen" Voraussetzungen, um die Details solcher Texte so zu goutieren, wie sie es verdienen - aber ich beiße, unserem Blognamen folgend, mich dann eben an einigen Stellen fest und versuche, mich in eigenen Worten zu nähern.
"Worin unterscheidet sich die Verachtung des 'zu Integrierenden' von einem Blogger, der das Umfeld anderer Blogger als 'unappetitlich' bezeichnet ? Ist dieser Blogger (und ich ebenso) nicht integriert, weil er andere verachtet?"
Sagen wir es doch einmal so: Sich in eine Gesellschaft zu integrieren, in der das Gedankengut der "unappetitlichen" Blogger dominiert, wäre für dich vermutlich keine so gute Idee - die Konflikte wären vorgezeichnet.
Ebenso sollte jemand, der nicht damit fertig werden kann, wenn in seiner Umgebung tote Schweine verspeist werden, und der die Anhänger dieser unreinen Praktiken als unter ihm stehende Existenzen betrachtet, vielleicht lieber nicht Einwohner oder gar Staatsbürger von Deutschland (oder meinetwegen auch Ungarn) werden wollen.
Nicht die Verschiedenartigkeit an sich ist hier für mich maßgeblich, sondern das Ausmaß an Konfliktbereitschaft, die an sie geknüpft ist. Ist meine spezielle Ausprägung mir so wichtig, dass ich sie gegen andere durchsetzen will? Es liegt in der Natur der Sache, dass die "zu Integrierenden" sich dieser Frage stellen müssen und weniger die "Aufnehmenden", obwohl der Sprengstoff auch von dieser Seite kommen kann.
Das Beispiel mit dem "Blogwissen" fand ich recht witzig und gar nicht so untreffend. Wenn wir uns mal vor Augen halten, dass es da nur um virtuelle Spaßveranstaltungen geht, die im Grunde von jedem jederzeit wieder abgebrochen werden können und nicht mit weitreichenden existenziellen Entscheidungem im "richtigen Leben" vergleichbar sind, bekommen wir vielleicht ein Ahnung davon, wieviele geschriebene und ungeschriebene Gesetze für eine Integration in eine Gesellschaft hinein wesentlich sind.
Bei der Gelegenheit: Wenn du das Plural "Kulturen" bevorzugst, sollten wir dann vielleicht nicht auch lieber gleich von "Gesellschaften" reden? Wäre nicht unspannend.
"Wer jetzt diskutieren möchte, welche 'deutsche Kultur' denn nun als Basis der Integration von Immigranten herhalten sollte, muß schon spezifieren, welche der Wissenbereiche und Praktiken relevant sind."
Das ist sicher notwendig, wenn wir nicht dauerhaft zwischen Schnitzeln und Fragebögen umherirren wollen, aber hoffentlich nicht in Form einer Einzelaufzählung.
Die Bedeutung der Sprache ist schon an sich extrem wichtig, bekommt aber deren "Ausweisfunktion" noch eine weitere Komponente. Man kann schon an der Art, wie jemand formuliert, mitbekommen, wie weit er kulturell verankert ist. Wenn es allgemein anerkannt ist, dass Einwanderung nach Deutschland nicht in die Sozialsysteme, sondern in Arbeitsverhältnisse hinein erfolgen soll, dann muss man sogar fordern, dass die Einwanderer besser deutsch sprechen als der durchschnittliche Bundesligaprofi - es sei denn, sie wären ein solcher, aber für diese Jobs gibt es eine natürliche Obergrenze. Nicht aus nationaler Überheblichkeit, sondern als Folge der Entscheidung dieser Gesellschaft, keine Arbeitsplätze niedriger Produktivität im Inland zu dulden.
Verfasst von: Rayson | 12.04.06 00:14
@Marian: Nee, das schreibe ich schon alles selbst! Das ist für mich Entspannung neben dieser teilweise ganz schon flachen Scheiße, die ich in meinem Berufsleben breit treten muß ... ist natürlich ganz schön lang, aber ich finde, Raysons Antwort zeigt doch, das sich das lohnt!!!
@Rayson: Das ist doch alles schon viel spezifischer! Wir kommen voran! Ich würde zwar von im Gegensazu zu Dir prinzipiell Symetrie zwischen Immigranten und schon-hier-Seienden eben auf der Basis einer Moral des wechselseitigen Respekts ausgehen, aber da, wo das Angewidertsein durch Schweinefleisch z.B. in wirklich fiese Handlungen übergeht, ist auch für mich ganz klar eine Grenze erreicht.
Ob das schon für die Broderschen Kindergärten gilt, wo dann muslimische Kinder in offensichtlich ganz korrektem Deutsch christliche oder Atheisten-Kinder als "Schweinefleischfresser" beschimpfen, oder ob das nicht das Einüben des Dissens ist, das man später als Blogger braucht und das in gewissen Grenzen ganz normal ist, das können dann in der Regel ganz gut Leute wie der Kriminiloge Pfeiffer beantworten, den finde ich ja ganz überzeugend.
"Gesellschaft" ist ja unter anderem die rechtliche Verfaßheit eines Staates, Bundeslandes, wasweißich. Ob's das im Plural gibt ist angesichts der Ausdifferenzierung des Rechts ist eine ganz spannende Frage, auch die Relation EU- und nationales Recht, ich denke aber schon, daß die Verfassung im Falle Deutschlands stark genug ist, um von Gesellschaft im Singular zu reden.
Allerdings gibt's die Ausdifferenzierung in funktionale Teilsysteme - Wirtschaft, Recht, Politik, Bildung z.B. - und das ist ja in der Tat im Moment die eigentliche Debatte: Nämlich jene, wie die nun zusammenhängen, bzw. auch in Konkurrenz zueinander treten, sich wechselseitig dominieren wollen.
Deshalb hat man aber die Integrationsdebatte meiner Ansicht nach primär auf der Ebene der Gesellschaft zu diskutieren, weil jedes Subsystem da andere Antworten geben würde.
Leute wie ich versuchen dann, ein Primat des Politischen im Rahmen der Verfassungsrechts zu begründen .. das ist der übernächste Eintrag. "Ihr Liberalen", verzeih' mir, neigt dazu, eine Sub-Perspektive innerhalb eines Subsystems einzunehmen, die des Arbeitgebers, und diese dann kulturell zu flankieren. Einigen können sich in der Regel Linke und Liberale gut darauf, daß es sowas wie eine universelle Moral gibt, innerhalb derer starke Freiheitsrechte ein maßgebliches Kriterium für Moralität sind. Insofern sind die Konservativen da der eigentlich Gegenspieler ...
Verfasst von: MomoRules | 12.04.06 08:36
"Insofern sind die Konservativen da der eigentlich Gegenspieler ..."
Damit diene ich ja ein wenig, denn vieles von meiner Argumentation ist deutlich weniger liberal und mehr konservativ als z.B. Statlers. Als "Liberaler" hätte ich mir über Integrationsfragen keine anderen Gedanken zu machen außer dem, ob der Einwanderer hier einen Job bekommt oder nicht (wohl das, was du mit "Arbeitgeber-Sicht" meinst). Wie schön nahe die Liberalen doch da dem Marxschen Konzept von Überbau und Unterbau sind, nicht wahr?
Ich muss aber auch zur Kenntnis nehmen, dass es außerhalb der Arbeitswelt und des Marktes noch andere Formen der menschlichen Interaktion gibt. Die Gedanken, die sich z.B. damals ein Röpke darüber gemacht hat, sagen mir z.T. sehr zu. Das ist dann doch in einer bestimmten Form konservativ, indem das Bild eines Menschen dahintersteckt, der nicht nur als freier, rationaler Nutzenmaximierer durch die Gegend optimiert, sondern der sich im Lauf der Zeit an bestimmte Dinge gewöhnt hat, die für ihn wichtig sind. Das entspricht ja auch unserer Alltagserfahrung im angeblich so rationalen Betrieb: Der Mensch tut viel mehr das Gewohnte als das Vernünftige.
Verfasst von: Rayson | 12.04.06 14:32
@Rayson: Röpcke kenne ich nicht. Daß vieles am Marktliberalismus invertierter Marxismus ist, die These vertrete ich übrigens auch gerne und häufig.
Das mit der Arbeitgeberperspektive meinte ich anders, aber das ist ein eigener Eintrag.
Das mit der Gewohnheit stimmt schon, begründet aber nix, finde ich. Mich bringt's tatsächlich auch gerade ziemlich aus der Fassung, daß der Spar-Laden, in dem ich seit 16 Jahren einkaufe, plötzlich ein Edeka ist. Auch ernstzunehmendere, therapeutisch relevante, psychologische Krisen brechen ja oft aus, weil's Menschen nicht leicht fällt, einen Wandel in ihrem Leben zu "integrieren". Aber Wandel findet halt sowieso statt, und einer der Gründe, warum sich jetzt alle auf "Ausländer" stürzen, ist ja, daß ein Wandel diesbezüglich psychologisch leichter abzuwehren ist als eine Flexibilisierung des Arbeitsmarktes ...
Verfasst von: MomoRules | 13.04.06 11:52