Herbert Schui über Herrn von Hayek
Na, immerhin findet der Crossover statt.
Che 2001 hat heute einen hochinteressanten Aufsatz eines eremitrierten Professors von der Hamburger HWP verlinkt. Bei dessen Lektüre wundert es nicht, daß der aktuelle Hamburger CDU-Senat die HWP auflösen will - weiß gar nicht, ob's ihm jetzt gelungen ist, da gab's noch ein Volksbegehren ...
Herbert Schui bemüht sich unter der Überschrift "Bemerkungen zur Nähe von Neoliberalismus und Rechtsextremismus" um den Nachweis eben dieser Nähe, indem er sich mit den Schriften Hayeks und seiner Schüler auseinandersetzt und diese z.B. mit Zitaten aus Hitlers "Mein Kampf" konfrontiert.
Was da im einzelnen steht, kann ja jeder selbst nachlesen - Leute, die sich der Welt von Nozick und Hayek besser auskennen, werden beurteilen können, wie korrekt deren Gedanken wiedergegeben sind. Mir sind sie zumindest fragmentarisch ...
... auch schon in diversen Diskussionen über den Weg gelaufen, und stark verkürzt kann man sie so zusammenfassen: Gesellschaft wird vorgestellt als aus Individuen zusammengesetzt, welche in Tauschbeziehungen zueinander stehen. Ziel dieser Tauschbeziehung ist die je individuelle Nutzenmaximierung. Die zu tauschenden Güter sind keinswegs nur materialler Art, auch "Güte" und andere ideelle oder emotionale Entitäten können solche Güter sein.
Schui deutet Individuen, die so handelten und sich selbst so verstünden, als "Deformierte", und bei allen Problem, die ich mit einer solchen verkürzten Darstellung intersubjektiver und gesellschaftlicher Prozesse habe, kann ich Begriffe wie ""deformiert" im Bezug auf Menschen dann doch nicht ertragen. Da schleichen sich Entfremdungsmodelle ein, die dann eine wahre und umfassende Natur des Menschen behaupten, nee, ich weiß nicht.
Statler hat prompt auf den Artikel bzw. wohl eher die Kommentare darunter reagiert, genauer: Auf Ches Darstellung, der Begriff des "Aussiebens" sei dem Begriff der Rassenhygiene zuzuordnen, was historisch ja stimmt.
Statler hält das im Falle Hayeks (und Poppers) für, gelinde gesagt, nicht zutreffend, da dieses "Aussieben" in dessen Fall allenfalls das Procedere des Try & Error beschreiben würde: Man wählt mittels Aussiebens jene Handlungsmuster, die Erfolg bringen, und läßt andere bleiben, bei denen Erfolg ausbleibt.
Was an dieser Reaktion irritiert, ist, daß Statler auf den Aufsatz selbst gar nicht eingeht. Da taucht das Bild des Aussiebens zunächst noch der Nähe des von Statler beschriebenen Prozesses auf:
"Vielmehr ist die gesellschaftliche Entwicklung nun, wie Hayek dies nennt, durch einen "Siebungsvorgang" bestimmt. Dieser Vorgang ist eng mit Lernen verknüpft - oder anders, der Gesichtspunkt des Lernens bei diesem Siebungsvorgang kann am leichtesten deutlich machen, was die Entwicklung treibt. Der Mensch lernt, so Hayek, durch die Enttäuschung von Erwartungen. Dies ist Lernen durch Versuch und Irrtum, d.h. durch Dressur und Konditionierung."
Das ist zwar eine einigermaßen boshafte Darstellung dessen, was Hayek wohl meinte, verweist aber ja nun doch auf mehr als auf Kinder in einem Sandkasten, die mit einem Sieb nur spielen. Try & Error ist nun weiß Gott nicht gleich "Dressur und Konditionierung". Das kann genau so gut ein im Rahmen eines spielerischen Umgangs mit etwas stattfindem. Schui stellt dem entgegen das Lernen durch Einsicht, ich würde dem gegenüberstellen das Lernen durch wechselseitige Anerkennung, durch die Bestätigung und Lob durch den Anderen, durch gemeinsamen Spaß, das positive Verstärken von Kreativität etc.. Man muß weiß Gott nicht "deformierte Menschen" behaupten, um festzustellen, daß Lernen durch "Enttäuschen von Erwartungen" zumindest ganz schön frustrierte Menschen hervorbringt, daß dieser so dargestellte Lernprozeß doch arg verkürzt ist - übrigens selbst beim Lernen in beruflichen Kontexten.
Und ein Miteinander als Totalisierung von je individueller Nutzemnmaximierung ist bestimmt keine Welt, in der ich leben wollte - die ganze Tradition der Kritik der instrumentellen Vernunft von Kant über Max Weber über Horkkeimer/Adorno bis Habermas oder Tugendhat ("Instrumentalisiere niemanden!") hat eindrucksvoll deutlich gemacht, daß genau diese Perspektive auf Welt das exakte Gegenteil von Moral ist (und letztendlich irrational). Aber weiter in der Darstellung von Schui:
"Gelernt wird von den Erfolgreichen, und da alles auf individuelle Nutzenmaximierung zugeschnitten ist, können nur individuellen Überlebens- und Bereicherungspraktiken erlernt werden, nicht aber, wie Wirtschaft und Gesellschaft politisch bewußt gesteuert werden könnten. Vielmehr wird das individuell Ineffiziente, wird das, was versagt, herausgesiebt."
Im nächsten Schritt der Darstellung hebt Schui dies Prinzip des Aussiebens auf die gesellschaftliche Ebene:
"Entscheidend für den Zusammenhang dieser neoliberalen Entwicklungsvorstellung mit dem Rechtsextremismus ist die Idee der Aussiebung und Auslese."
Gestützt wird diese Behauptung durch die Konfrontation von Hitler-Zitaten mit einem von Hayek:
"Planmäßige Leitung sei ein (so Hitler) "gefährliches Unternehmen, weil jeder Planwirtschaft nur zu leicht die Verbürokratisierung und damit die Erstickung der ewig schöpferischen privaten Einzelinitiative folgt". "Diese Gefahr wird noch erhöht durch die Tatsache, dass jede Planwirtschaft nur zu leicht die harten Gesetze der wirtschaftlichen Auslese der Besseren und der Vernichtung der Schwächeren aufhebt oder zumindest einschränkt zugunsten einer Garantierung der Erhaltung auch des minderwertigen Durchschnitts (...)." Es ist dieser Auslesegedanke, der auch wesentlicher Bestandteil der neoliberalen Evolutionstheorie ist. Hayek sagt in einem Interview mit der Wirtschaftswoche: "Gegen die Überbevölkerung gibt es nur die eine Bremse, nämlich dass sich nur die Völker erhalten und vermehren, die sich auch selbst ernähren können." Das sei - so Hayek - kein Sozialdarwinismus, sondern "bei mir geht es um einen gesellschaftlichen Evolutionsprozeß"."
Ich kann diese Zitate nicht überprüfen, aber die hauen schon rein. Angesichts der surrealen und permanent wiederholten Behauptung von liberaler Seite, daß links ja sowieso gleich rechts sei, weil Sozialismus und Faschismus beides Kollektivismen gewesen seien und die Abwesenheit freier Märkte zudem, ist's für eben diese Seite wahrscheinlich erschütternd, daß nun ausgerechnet Hitler in manchem zumindest ähnlich dachte.
Mit dem - alles entscheidenden! - Unterschied freilich, daß kein mir bekannter Liberaler jemals die "Vernichtung der Schwächeren" fordern würde - stattdessen ergänzt man dann Hayek um die Smithsche, unsichtbare Hand, die auch bei der Verfolgung von Eigennutz allgemeines Wohlergehen hervorbrächte und glaubt auch daran, daß das ginge.
Aber daß doch die "Besseren" die eigentlichen Motoren gesellschaftlicher Entwicklung seien, das predigen sie seit Jahrzehnten. Ebenso dieser Kampf gegen die Nivellierung auf's Niveau der des "minderwertigen Durchschnitts" klingt in allen Ohren. Soooo schwer fällt's nicht, das auf Darstellungen des wirtschaftlichen Diskurses der Gegenwart zu beziehen, bis hin zur Debatte um "Elite-Universitäten" - und das ist übrigens auch ein Unterschied um's Ganze zum scheußlichen DDR-System, wo's um die "breite Spitze" statt Elitebildung ging.
Ein weiterer Unterschied ist freilich, daß Hitler diese Ausmerzung der seiner Ansicht nach Schwächsten aktiv betrieben hat, während sich der Hayekaner zurücklehnt und alles in "spontanen Ordnungen" sich verwirklichen lassen möchte.
Das ist ja genau die Crux, um die die aktuelle Debatte in diversen Blogs kreist: Die Verfechter einer Hayekschen Perspektive tun so, als würde dann, wenn alles nur mittels minimaler staatlicher Intervention sich vollzöge, es für alle es ganz free und easy werden. Und für wen nicht, der hat dann selbst schuld - von wegen!!! So sagen's die linken Kritiker (so auch ich), die eher ein reales, ökonomisches Machtgefälle postulieren, dieses dann durch demokratische Prozesse kompensiert sehen wollen und eben schlicht wissen, daß nur wenige sich bei einem total entfesselten Markt durchsetzen können. So bemühen sie sich's um Formieren organsisierter Gegegenmacht.
Ihr Ahnherr hingegen gibt, wenn die Zitate stimmen, dann auch ganz unverblümt zu, daß eine "natürliche Auslese" sich vollzöge und nennt das "Evolution" statt "Sozialdarwinismus", als sei Darwin nicht der Urvater der Evolutionstheorie gewesen ... pflichtet also im Grunde genommen der linken Kritik bei. Um ansonsten politisch passiv, weil ein Ziel ja per se totalitär sei, dem Sterben und Elend zuschauen zu wollen - that's life.
Man fragt sich angesichts diesen Zitats, anhand welcher Kriterien überhaupt noch angegeben werden kann, was am Totalitarismus schlimmer ist als an der "spontanen Ordnung" ... selbstzweckhafte und selbstbezügliche Nutzenmaximierung und ein Sterben der Nicht-Angepaßten und Ausgesiebten- super!
Genau das irritiert mich an Statlers Antwort: Darauf geht er gar nicht ein. Auf dieses de facto Menschenverachtende, welches im Hayek-Zitat, so es denn stimmt, zum Ausdruck kommt.
Stattdessen als Antwort das Ausweichen in Erkenntnis- und Lern-Theorie und final in den Sandkasten. Wenn man mit Hayek argumentiert, muß man doch diese Darstellung doch dezidiert zurückzuweisen wollen, anstatt mit anderen Worten nur zu wiederholen, was eh schon im Artikel selbst steht. Da müßte doch eine Kanonade von "So hat der das nie gesagt!", "das ist unseriös, was der Mann da schreibt", "Hayek hat eigentlich dies und das gesagt" als Antwort folgen, von mir aus auch "Schui ist doch eh in der WASG und als Volkswirtschaftler nicht anerkannt!" - nö, kommt nicht wirklich ... hat Schui Recht in seiner Darstellung?
Noch knackiger wird das Ganze im Rahmen der Demokratiekritik des Neoliberalismus Hayekscher Prägung. Da muß man Statler vorab durchgängig und ausdrücklich zubilligen, daß er nicht mit dem Libertären kokettiert und stattdessen dem Demokratischem immer breiten Raum läßt, übrigens auch dem Sozialsystemen noch ein wenig Platz (jo@chim auch, der nennt sich im Geheimen "Links-Hayekaner" und besteht z.B. auch auf Altruismus in der Beschreibung von Gesellschaft).
Deshalb wundert mich aber um so mehr, daß Statler die behauptete Nähe zur Konservativen Revolution der 20er Jahre - Sontheimers "Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik" hatte ich heute schon mal am Wickel - nicht dezidiert zurückweist. Kann aber ja historisch auch einfach längst bekannt sein, Hayek ist für mich seit ein paar Monaten erst ein Name.
"Soll eine solche Gesellschaft, die ihre Fortentwicklung auf Auslese gründet (ohne aber ein genaues Ziel ihrer Entwicklung angeben zu können), Bestand haben, dann ist es wichtig, dass alle, und besonders die Ausgesiebten, das System bejahen. Die Alternative wäre ja, durch kollektive Willensbildung (die Herausbildung einer sozialen Präferenzfunktion) die Lage für die große Mehrheit der Bevölkerung zu verbessern, für die Marginalisierten und auch für die, die systematisch mit kapitalistischen - wie Hayek sie versteht - »natürlichen« Katastrophen zu kämpfen haben. Dafür, dass dies nicht sein soll und darf, mobilisiert der Neoliberalismus nicht wenig an Einwänden. Zunächst versucht die Theorie der kollektiven Entscheidungen nachzuweisen, dass eine optimale demokratische Willensbildungen unmöglich sei. Stichworte sind hier das Wahlparadox (Arrow) oder die Mehrheit, die nur durch Unterstützung der "Schlechtesten" zustande komme (Hayek) – auch hier in klarer Übereinstimmung mit den Theoretikern der »Konservativen Revolution«, denen das Mehrheitsprinzip des Parlamentarismus als "Herrschaft der Minderwertigen" galt und die so nicht wenig dem deutschen Faschimus den Weg bereitet haben.
Weiter seien die Machtmittel des Staates auf die genannten Garantien (Privateigentum usw.) zu begrenzen, weil sie sonst von einer tyrannischen Bürokratie usurpiert oder die Beute wohlorganisierter Interessen (besonders der Gewerkschaften) würden. Damit wird behauptet, dass alle bisher ausprobierten Mittel für kollektive Willensbildung unbrauchbar seien. Des weiteren: Selbst wenn eine solche Willensbildung zustande käme, so wäre diese darauf gerichtet, der Gesellschaft ein Ziel vorzugeben. Dies aber wäre nicht vereinbar mit der »offenen« Gesellschaft und folgerichtig auch nicht mit der individuellen Freiheit, sein Interesse ungehindert am Markt verfolgen zu dürfen. Vielmehr liefe alles darauf hinaus, dass sich die Unfähigen (die Schlechtesten) mit politischen Mitteln das anzueignen versuchen, was ihnen wegen ihrer Leistung nicht zustünde. Damit müßte das Lernen und folglich die Evolution zum Stillstand kommen. Der "Weg zur Knechtschaft" wäre vorgezeichnet. "
All diese Argumente habe ich in der Tat in den letzten Wochen und Monaten vernommen - jedoch durchgängig ohne Bezugnahme auf die "Schlechtesten", die "Minderwertigsten" oder die "Unfähigen", wobei letzteres sich dann in der Regel doch als Attribut für Sozen eignet im liberalen Diskurs.
Stattdessen tritt zumeist eine andere Variante in die Diskussion ein - ein auch moralisch (zu Recht) stark aufgeladener Freiheitsbegriff, der sich gegen Zwang und Herrschaft aufzulehnen habe und dann im egalitären Schließen von Verträgen sich verwirkliche (was ich für naiv und sympathisch idealistisch, aber nicht für boshaft halte).
Wenn's denn stimmte, daß Herr von Hayek im Grunde genommen all den linken Einwänden, die besagen, daß doch so eh nur die immer schon Stärksten sich durchsetzen und die Anderen auf der Strecke blieben, zustimmte und das auch noch gut fand und vor allem dafür kämpfte, daß die sich nicht auch noch untereinander verbünden, die "Schlechtesten" - wie kann man denn dann so ein Modell noch derart moralgeschwängert in den Diskurs eintreten und vertreten werden?
Es ist mir ein Rätsel, daß genau darauf keine Antwort kam ...
PS: Bei allem und vollstem Verständnis für die Wut des Kommentators, der gerne Nasen brechen würde in Che's Blog - in Ordnung finde ich das nicht ...


