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31.05.06

Herbert Schui über Herrn von Hayek

Na, immerhin findet der Crossover statt.

Che 2001 hat heute einen hochinteressanten Aufsatz eines eremitrierten Professors von der Hamburger HWP verlinkt. Bei dessen Lektüre wundert es nicht, daß der aktuelle Hamburger CDU-Senat die HWP auflösen will - weiß gar nicht, ob's ihm jetzt gelungen ist, da gab's noch ein Volksbegehren ...

Herbert Schui bemüht sich unter der Überschrift "Bemerkungen zur Nähe von Neoliberalismus und Rechtsextremismus" um den Nachweis eben dieser Nähe, indem er sich mit den Schriften Hayeks und seiner Schüler auseinandersetzt und diese z.B. mit Zitaten aus Hitlers "Mein Kampf" konfrontiert.

Was da im einzelnen steht, kann ja jeder selbst nachlesen - Leute, die sich der Welt von Nozick und Hayek besser auskennen, werden beurteilen können, wie korrekt deren Gedanken wiedergegeben sind. Mir sind sie zumindest fragmentarisch ...

... auch schon in diversen Diskussionen über den Weg gelaufen, und stark verkürzt kann man sie so zusammenfassen: Gesellschaft wird vorgestellt als aus Individuen zusammengesetzt, welche in Tauschbeziehungen zueinander stehen. Ziel dieser Tauschbeziehung ist die je individuelle Nutzenmaximierung. Die zu tauschenden Güter sind keinswegs nur materialler Art, auch "Güte" und andere ideelle oder emotionale Entitäten können solche Güter sein.

Schui deutet Individuen, die so handelten und sich selbst so verstünden, als "Deformierte", und bei allen Problem, die ich mit einer solchen verkürzten Darstellung intersubjektiver und gesellschaftlicher Prozesse habe, kann ich Begriffe wie ""deformiert" im Bezug auf Menschen dann doch nicht ertragen. Da schleichen sich Entfremdungsmodelle ein, die dann eine wahre und umfassende Natur des Menschen behaupten, nee, ich weiß nicht.

Statler hat prompt auf den Artikel bzw. wohl eher die Kommentare darunter reagiert, genauer: Auf Ches Darstellung, der Begriff des "Aussiebens" sei dem Begriff der Rassenhygiene zuzuordnen, was historisch ja stimmt.

Statler hält das im Falle Hayeks (und Poppers) für, gelinde gesagt, nicht zutreffend, da dieses "Aussieben" in dessen Fall allenfalls das Procedere des Try & Error beschreiben würde: Man wählt mittels Aussiebens jene Handlungsmuster, die Erfolg bringen, und läßt andere bleiben, bei denen Erfolg ausbleibt.

Was an dieser Reaktion irritiert, ist, daß Statler auf den Aufsatz selbst gar nicht eingeht. Da taucht das Bild des Aussiebens zunächst noch der Nähe des von Statler beschriebenen Prozesses auf:

"Vielmehr ist die gesellschaftliche Entwicklung nun, wie Hayek dies nennt, durch einen "Siebungsvorgang" bestimmt. Dieser Vorgang ist eng mit Lernen verknüpft - oder anders, der Gesichtspunkt des Lernens bei diesem Siebungsvorgang kann am leichtesten deutlich machen, was die Entwicklung treibt. Der Mensch lernt, so Hayek, durch die Enttäuschung von Erwartungen. Dies ist Lernen durch Versuch und Irrtum, d.h. durch Dressur und Konditionierung."

Das ist zwar eine einigermaßen boshafte Darstellung dessen, was Hayek wohl meinte, verweist aber ja nun doch auf mehr als auf Kinder in einem Sandkasten, die mit einem Sieb nur spielen. Try & Error ist nun weiß Gott nicht gleich "Dressur und Konditionierung". Das kann genau so gut ein im Rahmen eines spielerischen Umgangs mit etwas stattfindem. Schui stellt dem entgegen das Lernen durch Einsicht, ich würde dem gegenüberstellen das Lernen durch wechselseitige Anerkennung, durch die Bestätigung und Lob durch den Anderen, durch gemeinsamen Spaß, das positive Verstärken von Kreativität etc.. Man muß weiß Gott nicht "deformierte Menschen" behaupten, um festzustellen, daß Lernen durch "Enttäuschen von Erwartungen" zumindest ganz schön frustrierte Menschen hervorbringt, daß dieser so dargestellte Lernprozeß doch arg verkürzt ist - übrigens selbst beim Lernen in beruflichen Kontexten.

Und ein Miteinander als Totalisierung von je individueller Nutzemnmaximierung ist bestimmt keine Welt, in der ich leben wollte - die ganze Tradition der Kritik der instrumentellen Vernunft von Kant über Max Weber über Horkkeimer/Adorno bis Habermas oder Tugendhat ("Instrumentalisiere niemanden!") hat eindrucksvoll deutlich gemacht, daß genau diese Perspektive auf Welt das exakte Gegenteil von Moral ist (und letztendlich irrational). Aber weiter in der Darstellung von Schui:


"Gelernt wird von den Erfolgreichen, und da alles auf individuelle Nutzenmaximierung zugeschnitten ist, können nur individuellen Überlebens- und Bereicherungspraktiken erlernt werden, nicht aber, wie Wirtschaft und Gesellschaft politisch bewußt gesteuert werden könnten. Vielmehr wird das individuell Ineffiziente, wird das, was versagt, herausgesiebt."

Im nächsten Schritt der Darstellung hebt Schui dies Prinzip des Aussiebens auf die gesellschaftliche Ebene:

"Entscheidend für den Zusammenhang dieser neoliberalen Entwicklungsvorstellung mit dem Rechtsextremismus ist die Idee der Aussiebung und Auslese."

Gestützt wird diese Behauptung durch die Konfrontation von Hitler-Zitaten mit einem von Hayek:

"Planmäßige Leitung sei ein (so Hitler) "gefährliches Unternehmen, weil jeder Planwirtschaft nur zu leicht die Verbürokratisierung und damit die Erstickung der ewig schöpferischen privaten Einzelinitiative folgt". "Diese Gefahr wird noch erhöht durch die Tatsache, dass jede Planwirtschaft nur zu leicht die harten Gesetze der wirtschaftlichen Auslese der Besseren und der Vernichtung der Schwächeren aufhebt oder zumindest einschränkt zugunsten einer Garantierung der Erhaltung auch des minderwertigen Durchschnitts (...)." Es ist dieser Auslesegedanke, der auch wesentlicher Bestandteil der neoliberalen Evolutionstheorie ist. Hayek sagt in einem Interview mit der Wirtschaftswoche: "Gegen die Überbevölkerung gibt es nur die eine Bremse, nämlich dass sich nur die Völker erhalten und vermehren, die sich auch selbst ernähren können." Das sei - so Hayek - kein Sozialdarwinismus, sondern "bei mir geht es um einen gesellschaftlichen Evolutionsprozeß"."

Ich kann diese Zitate nicht überprüfen, aber die hauen schon rein. Angesichts der surrealen und permanent wiederholten Behauptung von liberaler Seite, daß links ja sowieso gleich rechts sei, weil Sozialismus und Faschismus beides Kollektivismen gewesen seien und die Abwesenheit freier Märkte zudem, ist's für eben diese Seite wahrscheinlich erschütternd, daß nun ausgerechnet Hitler in manchem zumindest ähnlich dachte.

Mit dem - alles entscheidenden! - Unterschied freilich, daß kein mir bekannter Liberaler jemals die "Vernichtung der Schwächeren" fordern würde - stattdessen ergänzt man dann Hayek um die Smithsche, unsichtbare Hand, die auch bei der Verfolgung von Eigennutz allgemeines Wohlergehen hervorbrächte und glaubt auch daran, daß das ginge.

Aber daß doch die "Besseren" die eigentlichen Motoren gesellschaftlicher Entwicklung seien, das predigen sie seit Jahrzehnten. Ebenso dieser Kampf gegen die Nivellierung auf's Niveau der des "minderwertigen Durchschnitts" klingt in allen Ohren. Soooo schwer fällt's nicht, das auf Darstellungen des wirtschaftlichen Diskurses der Gegenwart zu beziehen, bis hin zur Debatte um "Elite-Universitäten" - und das ist übrigens auch ein Unterschied um's Ganze zum scheußlichen DDR-System, wo's um die "breite Spitze" statt Elitebildung ging.

Ein weiterer Unterschied ist freilich, daß Hitler diese Ausmerzung der seiner Ansicht nach Schwächsten aktiv betrieben hat, während sich der Hayekaner zurücklehnt und alles in "spontanen Ordnungen" sich verwirklichen lassen möchte.

Das ist ja genau die Crux, um die die aktuelle Debatte in diversen Blogs kreist: Die Verfechter einer Hayekschen Perspektive tun so, als würde dann, wenn alles nur mittels minimaler staatlicher Intervention sich vollzöge, es für alle es ganz free und easy werden. Und für wen nicht, der hat dann selbst schuld - von wegen!!! So sagen's die linken Kritiker (so auch ich), die eher ein reales, ökonomisches Machtgefälle postulieren, dieses dann durch demokratische Prozesse kompensiert sehen wollen und eben schlicht wissen, daß nur wenige sich bei einem total entfesselten Markt durchsetzen können. So bemühen sie sich's um Formieren organsisierter Gegegenmacht.

Ihr Ahnherr hingegen gibt, wenn die Zitate stimmen, dann auch ganz unverblümt zu, daß eine "natürliche Auslese" sich vollzöge und nennt das "Evolution" statt "Sozialdarwinismus", als sei Darwin nicht der Urvater der Evolutionstheorie gewesen ... pflichtet also im Grunde genommen der linken Kritik bei. Um ansonsten politisch passiv, weil ein Ziel ja per se totalitär sei, dem Sterben und Elend zuschauen zu wollen - that's life.

Man fragt sich angesichts diesen Zitats, anhand welcher Kriterien überhaupt noch angegeben werden kann, was am Totalitarismus schlimmer ist als an der "spontanen Ordnung" ... selbstzweckhafte und selbstbezügliche Nutzenmaximierung und ein Sterben der Nicht-Angepaßten und Ausgesiebten- super!

Genau das irritiert mich an Statlers Antwort: Darauf geht er gar nicht ein. Auf dieses de facto Menschenverachtende, welches im Hayek-Zitat, so es denn stimmt, zum Ausdruck kommt.

Stattdessen als Antwort das Ausweichen in Erkenntnis- und Lern-Theorie und final in den Sandkasten. Wenn man mit Hayek argumentiert, muß man doch diese Darstellung doch dezidiert zurückzuweisen wollen, anstatt mit anderen Worten nur zu wiederholen, was eh schon im Artikel selbst steht. Da müßte doch eine Kanonade von "So hat der das nie gesagt!", "das ist unseriös, was der Mann da schreibt", "Hayek hat eigentlich dies und das gesagt" als Antwort folgen, von mir aus auch "Schui ist doch eh in der WASG und als Volkswirtschaftler nicht anerkannt!" - nö, kommt nicht wirklich ... hat Schui Recht in seiner Darstellung?

Noch knackiger wird das Ganze im Rahmen der Demokratiekritik des Neoliberalismus Hayekscher Prägung. Da muß man Statler vorab durchgängig und ausdrücklich zubilligen, daß er nicht mit dem Libertären kokettiert und stattdessen dem Demokratischem immer breiten Raum läßt, übrigens auch dem Sozialsystemen noch ein wenig Platz (jo@chim auch, der nennt sich im Geheimen "Links-Hayekaner" und besteht z.B. auch auf Altruismus in der Beschreibung von Gesellschaft).

Deshalb wundert mich aber um so mehr, daß Statler die behauptete Nähe zur Konservativen Revolution der 20er Jahre - Sontheimers "Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik" hatte ich heute schon mal am Wickel - nicht dezidiert zurückweist. Kann aber ja historisch auch einfach längst bekannt sein, Hayek ist für mich seit ein paar Monaten erst ein Name.


"Soll eine solche Gesellschaft, die ihre Fortentwicklung auf Auslese gründet (ohne aber ein genaues Ziel ihrer Entwicklung angeben zu können), Bestand haben, dann ist es wichtig, dass alle, und besonders die Ausgesiebten, das System bejahen. Die Alternative wäre ja, durch kollektive Willensbildung (die Herausbildung einer sozialen Präferenzfunktion) die Lage für die große Mehrheit der Bevölkerung zu verbessern, für die Marginalisierten und auch für die, die systematisch mit kapitalistischen - wie Hayek sie versteht - »natürlichen« Katastrophen zu kämpfen haben. Dafür, dass dies nicht sein soll und darf, mobilisiert der Neoliberalismus nicht wenig an Einwänden. Zunächst versucht die Theorie der kollektiven Entscheidungen nachzuweisen, dass eine optimale demokratische Willensbildungen unmöglich sei. Stichworte sind hier das Wahlparadox (Arrow) oder die Mehrheit, die nur durch Unterstützung der "Schlechtesten" zustande komme (Hayek) – auch hier in klarer Übereinstimmung mit den Theoretikern der »Konservativen Revolution«, denen das Mehrheitsprinzip des Parlamentarismus als "Herrschaft der Minderwertigen" galt und die so nicht wenig dem deutschen Faschimus den Weg bereitet haben.
Weiter seien die Machtmittel des Staates auf die genannten Garantien (Privateigentum usw.) zu begrenzen, weil sie sonst von einer tyrannischen Bürokratie usurpiert oder die Beute wohlorganisierter Interessen (besonders der Gewerkschaften) würden. Damit wird behauptet, dass alle bisher ausprobierten Mittel für kollektive Willensbildung unbrauchbar seien. Des weiteren: Selbst wenn eine solche Willensbildung zustande käme, so wäre diese darauf gerichtet, der Gesellschaft ein Ziel vorzugeben. Dies aber wäre nicht vereinbar mit der »offenen« Gesellschaft und folgerichtig auch nicht mit der individuellen Freiheit, sein Interesse ungehindert am Markt verfolgen zu dürfen. Vielmehr liefe alles darauf hinaus, dass sich die Unfähigen (die Schlechtesten) mit politischen Mitteln das anzueignen versuchen, was ihnen wegen ihrer Leistung nicht zustünde. Damit müßte das Lernen und folglich die Evolution zum Stillstand kommen. Der "Weg zur Knechtschaft" wäre vorgezeichnet. "

All diese Argumente habe ich in der Tat in den letzten Wochen und Monaten vernommen - jedoch durchgängig ohne Bezugnahme auf die "Schlechtesten", die "Minderwertigsten" oder die "Unfähigen", wobei letzteres sich dann in der Regel doch als Attribut für Sozen eignet im liberalen Diskurs.

Stattdessen tritt zumeist eine andere Variante in die Diskussion ein - ein auch moralisch (zu Recht) stark aufgeladener Freiheitsbegriff, der sich gegen Zwang und Herrschaft aufzulehnen habe und dann im egalitären Schließen von Verträgen sich verwirkliche (was ich für naiv und sympathisch idealistisch, aber nicht für boshaft halte).

Wenn's denn stimmte, daß Herr von Hayek im Grunde genommen all den linken Einwänden, die besagen, daß doch so eh nur die immer schon Stärksten sich durchsetzen und die Anderen auf der Strecke blieben, zustimmte und das auch noch gut fand und vor allem dafür kämpfte, daß die sich nicht auch noch untereinander verbünden, die "Schlechtesten" - wie kann man denn dann so ein Modell noch derart moralgeschwängert in den Diskurs eintreten und vertreten werden?

Es ist mir ein Rätsel, daß genau darauf keine Antwort kam ...

PS: Bei allem und vollstem Verständnis für die Wut des Kommentators, der gerne Nasen brechen würde in Che's Blog - in Ordnung finde ich das nicht ...

Drei Links von Rayson

Der Rayson hat mir hier in der Diskussion rund um den Segen des Marktes, den Fluch der Politik und die Möglichkeit der Globalisierung von Sozialstandards drei hochinformative Links zur Verfügung gestellt, Danke!

Nr. 1 thematisiert den weltweiten Rückgang der Kinderarbeit. Zitat:

"Vor allem das gewachsene Problembewusstsein der einzelnen Regierungen habe insgesamt zu der positiven Entwicklung der vergangenen Jahre beigetragen, sagte Günther. Zudem hätten fast alle ILO-Mitgliedsländer die Konvention gegen Kinderarbeit ratifiziert. Günther verwies auf den Teufelskreis zwischen fehlender Bildung und Armut. Kinder, die am Schulbesuch gehindert würden, hätten später keine Chance auf eine qualifizierte Tätigkeit."

Das bestätigt nun gerade nicht die segensreiche Wirkung des Marktes, sondern ebenso die Erfolgschancen politischer Intervention. Auch die Notwendigkeit eines breiten Bildungssystems zur Wohlstandmehrung, auf die Armatya Sen immer verweist, läßt sich anhand dessen belegen. Ebenso stellt der zweite Link, eine NTV-Meldung, fest:

"Als Grund für den Rückgang nannte die zu den Vereinten Nationen (UN) gehörende Organisation zum einen eine größere Entschlossenheit der Regierungen, gegen das Problem vorzugehen. Dies sei vor allem in großen Entwicklungsländern wie Brasilien und China der Fall. Zum anderen habe die stärkere Weltwirtschaft einen positiven Effekt gehabt, indem sie den Druck auf arme Familien reduzierte, ihre Kinder zum Arbeiten und Geldverdienen zu zwingen."

Hier wirken nun Politik und ein starke Weltwirtschaft ergänzend.

Des weiteren schickte er mir den Link zu einer Animation auf der alten B.L.O.G.-Seite, die belegt, daß der Wohlstand weltweit zugenommen habe - vielleicht habe ich was übersehen, nicht weit genug geklickt habe, weil ich zur Arbeit muß, aber da wurde lediglich die Zunahme des Wohlstandes gezeigt, ohne daß klar wurde, wie's kommt. Zudem wurde nicht differenziert zwischen Einkommengefällen z.B. innerhalb der USA und den Unterschieden zwischen Afrika und OECD-Ländern, was bei Sen immer ein sehr wichtiger Punkt in seiner Utilitarismus-Kritik darstellt.

Für mich belegt all dieses zumindestt nicht, daß ein Verzicht auf Politik da alleine schon wirken würde, sondern es formuliert eher, daß ein "Wozu", auf das Menschen sich einigen können, schon auch mit dazu gehört ...

30.05.06

Kulturbegegnungen

"Man frage sich nicht, wer ich bin, und man sage mir nicht, ich solle der gleiche bleiben: das ist eine Moral des Personenstandes; sie beherrscht unsere Papiere. Sie soll uns frei lassen, wenn es sich darum handelt, zu schreiben."

Was Freiheit heißt, das kann man wahrlich von ihm lernen. Weil er zeigt, daß eine umfassende Sinnlichkeit der Disziplinierung und der Normalisierung sich entziehen kann - ja, auch das ist Glück. Ebenso eine Perspektive auf sich selbst und das eigene Tun, die sich der Selbstdefinition entzieht, um in der Selbstpraxis den Anderen genießen zu können.

Er lehrt, daß man weder sich in sich zu finden, noch irgendetwas in sich zu befreien habe. Daß man sich immer neu erfinden kann, anstatt ein vorgängiges Selbst paßgenau freizulegen und zu verwirklichen. Die Vorstellung einer Natur des Menschen - darüber lachte er sich schlapp, ja, ganze Texte über das "Lachen des Michel Foucault" gibt es.

Die Psychoanalyse hat an Einfluß verloren, und wer sich heute noch in Beicht-Ritualen reproduziert, hat auch nix besseres als Benedikt verdient. Foucault würde heute andere Selbstpraktiken in der Historie aufspüren, er, der als akribischer Archivar uns eine neue Geschichte der Gegenwart schenkte. Z.B. jene von der "Einpflanzung der Perversionen" im humanwissenschaftlichen Diskurs. Die, indem sie dort erzeugt wurden und werden, Negativ-Folien zur Abgrenzung lieferten und liefern sollten und sollen.

Die's nicht im selben Sinne gäbe, wenn's nicht die Diskurse gäbe, die, indem sie diese zu beschreiben vorgeben, ihren Gegenstand erst produzieren. So, wie alltäglich in der Blogosphäre dann linke Gutmenschen, Neoliberale und Muslime und vieles andere mehr produziert wird. Die als Für-Wahr-Haltungen dann ganz reale, kommunikative und politische Prozesse in Gang setzen. So wie Politiker vom rechten Rand "Sozialschmarotzer" produzieren und Kommentatoren inmitten des noch rechteren Rands, da, wo's so richtig modert, dann den "unglücklichen, kranken Schwulen" wieder ausgraben, auf daß er endlich wieder Für-Wahr gehalten werde.

Daß man sich den Zuschreibungen entziehen, sich zu ihnen verhalten kann, um in der Praxis sich immer neu zu überschreiten, das hat er mir beigebracht. Da war er näher am Sartre, als er zuzugeben bereit war. Focault hat den Blick des Anderen im Diskurs und institutionellen Praktiken verortet, anonymisiert und diagnostiziert, nicht in der zwischenmenschlichen Begegnung, wie Sartre es tat.

Über die Anderen findet sich in seinem Werk so wenig - erst im Spätwerk, wo er den Gebrauch der Lüste und die Sorge um sich in der Antike aufspürte. Anhand dessen, was problematisiert wurde, diese aufspürte. Wahrscheinlich wollte Foucault sich seinen Zugang zu und Umgang mit den Anderen nicht verderben lassen von dem, was gedacht werden kann. Sie stattdessen spüren. Sie ihn spüren lassen, sich spüren lassen. Oft ist's das Nicht-Gesagte, das einen Autor in Fluß seines permanenten Werdens charakterisiert. Er hat gut daran getan, sich diesen Lebensbereich nicht verderben zu lassen und stattdessen den Klinikern und Panoptisten so bravourös mitten in's Gesicht zu spucken.

Wenn ich heute quer durch die ganzen seltsamen Geister in den vermeindlich "konservativen" Blogs mich lese, bin ich froh, daß er bei solcher Lektüre immer neben mir sitzt und ...

... sich weglacht. Obgleich er um die Brutalität dieser Menschen weiß, es viel drastischer erfahren mußte im Frankreich nicht nur der 50er. Die hemmungslose Brutalität von Menschen, die Schwulenverbände als "Krebsgeschwür" bezeichnen und ihnen gedankenlos das Lieblings-Schmähwort der politischen Blogosphäre zuschieben: Totalitär. Gedankenwirr die eigene Panik in einen solchen Begriff dann gießend.

Will, wer überall Bedrohung seines konkreten So-oder-So-Seins wittert, eigentlich dominiert werden? Immerhin wähnt er überall das Überwältigt-Werden. Es ist ja schon erstaunlich, daß da, in den Blogs vom anderen Ende der Welt, Menschen vor sich kommentieren, die allen Ernstes glauben, der türkische, libanesische, na ja, "südländische" Gemüsehändler könnte innerhalb der nächsten 2 Stunden, Monate, Jahre die Schariah auf sie anwenden und ihre Frauen entrechten. Parallel würde im nächsten GRÜNEN-Abgeordneten-Büro jemand bereits alle Hebel staatlicher Macht in Bewegung setzen, um sie dazu zu zwingen, von irren Lederschwulen gefickt zu werden und die traute Vielsamkeit mit Frau und Kindern aufzugeben.

Das wäre fiktional gar nicht generierbar, was die da vor sich hinfantasieren, die Kommentatoren. Da finden sich frei flottierende Gedanken, Moskau müsse schon aufpassen, daß nicht auch bei ihnen "das Perverse" bald normal sei. Und "Heterosexualität" (wasimmerdasist), würde durch solche "Homosexualitäts"-(wasimmerdasist)-Propaganda bald ganz verschwinden. Ebenso sei's kriminell, so steht's da wörtlich und das sieht Herr Rüttgers ja ähnlich, sowas wie "Homos" auch noch positiv darzustellen. Dagegen sei ein wenig Knüppeleinsatz noch harmlos. Es könne die Jugend gefährden, außerdem sterben alle Schwulen viel früher, sind allesamt unglücklich, und unsere Verfassungsgründer hätte gewußt, daß diese zu bestrafen seien ... wahrscheinlich stellen die sich's in dem Moment, wo sie's posten, bildlich vor. Verfassungväter und ihr Spanking auf dem Homo-Arsch ...

Da, in diesen Blogs aus einer anderen Kultur, treibt ein D.R. sein Unwesen. Der bekommt sich gar nicht mehr ein.

Es gibt da diese alte, aber brandaktuelle Theorie vom "Autoritären Charakter" Adornos. In freudianischen Termini - Freud, der mit seiner Neurosenlehre jenen, die als "homosexuell" täglich produziert sich finden, wahrscheinlich mehr angetan hat als viele andere Denker weiter rechts und dessen Termini ich nicht mag, hier passen sie trotzdem - findet sich dort, stark vereinfacht dargestellt, eine Persönlichkeitsstrukur, die von Ich-Schwäche, einem allmächtigen Über-Ich und einem sich verselbstständigendem Es gequält wird. Und die deshalb dann andere quält.

Da hockt der große Regel-Zensor, das Über-Ich, auf den lustvollen, nicht regelgeleiteten Antrieben und stellt alles spontane ""Ich will!" per se in Frage. Das Über-Ich als internalisiertes, gesellschaftliches Gewissen regiert gnadenlos - und all die Emphatie, all die Lebensfreude, all die Neugier auf den Anderen und den eigenen Spaß wird in Stacheldraht verkleidet und autoritär unterbunden.

Das muß schlimm sein für jemanden wie diesen D.R.. Der hat so etwas wie Ich-Stärkung durch wechselseitige Anerkennung wahrscheinlich nie erfahren. Der projiziert wohl, ich vermute das nur, sein eigenes Über-Ich nach Außen - auf Muslime, die ihm die Hand abhacken könnten, mit der wahrscheinlich allzu gerne zum nächsten, knackigen Hintern greifen würde, ganz egal, ob dieser männlich oder weiblich ist. Auf Muslime, die so ungleich glaubensstärker und konsequenter scheinen. Und projiziert das eigene, abgewehrte Begehren in Schwulenverbände hinein - als Ausdruck der Angst, daß das, was im eigenen Es sich tummelt, ihn irgendwann über- und schlimmstenfalls entmannen könnte. Denn diese ganze in's Es verbannte, wühlende Lust kann ohne solche Projektionen kaum noch im Zaum gehalten werden, während parallel alles, was erregen könnte, auch gleich bekämpft werden muß, weil es so unerträglich fasziniert ... am Rande sei erwähnt, daß das Hineinprojizieren von allerlei Perversionen in "die Juden" auch zur Geschichte des Antisemitismus gehört.

Wie kommen diese Menschen eigentlich darauf, daß allein schon die Existenz von Männern und Frauen, die miteinander Sinnlichkeit und Lust und Liebe erleben, die Institution der "heterosexuellen Ehe" gefährden könnte? Laufen dann alle über, weil's Schwulsein viel mehr Spaß macht? Spaß macht's, keine Frage, aber ich habe gehört, auch sogenannte "Heterosexuelle" sollen welchen haben ...

Auch die CDU hat durchgängig so argumentiert, als es um diese verunglückte "Homo-Ehe" ging, die nur Pflichten, aber keine Rechte kennt. Das würde die Ehe zwischen Mann und Frau in Frage stellen. Mir ist das ein Rätsel - mich haben doch auch nie in öffentlichen Parks knutschende "Hetero"-Pärchen dazu verführt, nun diese Form der Sinnlichkeit als die meine anzunehmen. Wäre es wahr, diese alberne Propagier- und Verführungsmodell, dann gäbe es gar keine "Homosexuellen" ... woher kommt diese Panik, die das eigene, kleine Leben in seiner konkreten Form so schnell, so tief, so radikal gefährdet sieht und überall Fremdbestimmung und Dominanzen wittert?

Dirk Baecker begreift in seinem Buch "Wozu Kultur?" als konstitutiv für das Entstehen einer Kultur die Praxis des Vergleichens. Kulturen begreifen sich erst dann als solche, wenn sie auf andere Kulturen treffen. Die Unterscheidung "eigen" und "fremd" generiert erst das Selbstverständnis.


"Man muß sich das vorstellen: Ein Gläubiger kniet nieder und und beginnt ein Gebet. Ein Intellektueller stellt sich neben ihn und sagt: "Wie interessant! Weißt Du, daß andere Völker an ganz andere Götter glauben?" Wie kann der Gläubige, der an seinen Gott glaubt, darauf reagieren? Natürlich lehnt er die Zumutung des Vergleichs ab, hält den Intellektuellen für einen Neunmalklugen und die anderen Völker für ungläubig. Aber in Wahrheit ist er bereits erschüttert. In Wahrheit hat ihn bereits eine Unruhe erfaßt. Wie kann er glauben, wenn andere anderes glauben? Was kann er wissen, wenn andere anderes wissen? Wer ist sein Gott, wenn andere ihn nicht kennen? Wie weit reicht die Macht seines Gottes, wenn andere ungestört ihren Götzen huldigen dürfen?"

Dirk Baecker, Wozu Kultur, Berlin 2003, 3. Auflage, S. 48

Womit dann auch der Karrikaturenstreit erklärt wäre. Und dann laufen auch noch diese Homos, offensichtlich sich genießend in Latex und in Massen den Boulevard entlang. Ungewißheit befällt dann polnische Politiker, russische Nationalisten und Päpste. Könnte es doch gottgewollt sein? Heißt das alles gar nicht Unglück? Ist das vielleicht gar nicht krank, macht es vielleicht Spaß? Könnte vielleicht sogar mir das Spaß machen?

Dann suchen sie Strafen - AIDS als Strafe Gottes. Uff, geschafft! Entronnen! Seht, da haben sie's! Ich habe doch Recht mit meiner Kleinfamilie und meinem CDU-Parteibuch! Aber, halt - es gibt sie immer noch, gibt sie immer wieder, und sie feiern immer noch, immer wieder, sie lachen, sie inszenieren sich ganz zwangfrei, geben die Diversität ihrer Lüste auch noch offen zu - ist da doch was dran, daß es schön sein könnte, so zu leben? Fragen, die man sich nicht stellen braucht, wenn man über das verfügt, was Freud paraphrasierend Ich-Stärke genannt werden kann ...

Bei denen, wo die fehlt, treibt die Selbstvergewisserung immer skurrilere Blüten. Man dichtet dem Anderen dann das Böse an. Alles Kinderschänder, Vergewaltiger! Man kann sich kaum retten vor dem eigenen Zweifel, je tiefer er nagt, desto drastischer die Vorwürfe...

Da hilft nur Foucault. Der sitzt hier gerade in meinem Korbsessel, reibt sich die Glatze, spielt mit dem Kragen seines weißen Rollkragenpullovers. Und lacht. Denn er weiß, daß diese Zweifel nur dann nagen können, wenn man an Identitäten statt an dem eigenen Wollen klebt und Fremdzuschreibungen sich aneignet. Sich definieren läßt oder selbst definieren will. Wenn man das bleiben läßt, ist man fein raus - und hat im besten Falle viel mehr Spaß als die Anderen ...

Es wächst zusammen, was zusammen gehört

So, jetzt schon der zweite Artikel via Existenzielles Besserwissen. Im Bielefelder Exil hat man wohl viel Zeit zum Lesen - Neid!

Ist schon am Wochenende erschienen, aber was der Eberhard Seidel da in der taz geschrieben hat, ist schon außerordentlich richtig. Mein Reden, sozusagen.


"Was häufig als Gegensatz diskutiert wird, gehört zusammen. Die Angstzonen in Berlin-Neukölln, dem Wedding oder in Ostdeutschland haben mehr miteinander zu tun, als viele wahrhaben wollen. Seit zwanzig Jahren, spätestens seit der Wende 1989, sind ganze Stadtviertel und Regionen von der Reichtumsproduktion und damit von den Freuden des Konsums ausgeschlossen. Wer eine Aufstiegsperspektive für sich sieht, egal ob Migrant oder Deutscher, sucht, so schnell er kann, das Weite und den Anschluss an prosperierende und konsumfreudige Regionen. Zurück bleiben Sozialmilieus, die nur noch wenig mit den materiellen Standards und kulturellen Codes der tonangebenden Mittelschichten verbindet."

Was sich vor kurzem in Frankreich eindrucksvoll zeigte, als ...

... die demonstrierenden Mittelschichts-Studenten von Banlieue-Bewohnern angegriffen und "abgezogen" wurden, von jenen, die noch kurz zuvor in "Riots" die ihnen gesellschaftliche zugewiesene Rolle verwirklicht hatten.

Wobei bei dem Vergleich nicht ignoriert werden darf, daß in der Tat die Rütli-Schüler, jetzt als Symbol verhandelt, nicht als Sachverhalt, noch immer einem exklusiven, ethnischen Selbstverständnis einer längst ausdifferenzierten und somit allenfalls mythisch faßbaren "Mehrheitsgesellschaft" ausgesetzt sind. Ein Selbstverständnis, das die fiesen, kleinen Nazis in Ost und West brutalstmöglich reproduzieren wollen.

Erschreckend erhellend ist's, wenn man den Text von Herrn Seibel zum gestern abend verlinkten Artikel in Beziehung setzt:

"Während die USA viele minimal bezahlte Jobs anbieten und gemäss Lindert über fünf Millionen meist junge Männer aus dem Arbeitsmarkt nehmen und in Gefängnisse stecken, halten die Wohlfahrtsstaaten eine egalitäre Grundschule und eine Berufsbildung bereit."

Was ja aktuell umkippt, sich auflöst, erodiert - unter anderem aufgrund der allseits propagierten Behauptung, der Markt behandele alle gleich, auch aufgrund der Agitation gegen sozialstaatliche Prinzipien. Ein undifferenzierter Haudrauf-Liberalismus führt zu "Überwachen und Strafen". Also genau in's Gegenteil seiner Intention ...

29.05.06

Na sowas!

Das ist dann ja doch ganz spannend. Ich fühle mich bestätigt. Da mag man schon wieder gar nicht groß rumkommentieren oder irgendwas aus dem Zusammenhang reißen. Na, vielleicht doch das hier:

"Es gibt keine schlüssigen Beweise, wonach ein Staat wegen der hohen Sozialausgaben wirtschaftlich weniger stark wäre als ein Land mit einem schmalen Wohlfahrtsbudget. Die schädlichen Auswirkungen von Sozialprogrammen auf das Wirtschaftswachstum sind fast null."

Schön beschrieben ist, wie völlig differente Faktoren beeinflussen, was wirtschaftlich geschieht. Eben nicht ein idealisierter Markt, der dann im Realen durch Nebenbedingugen verzerrt, verbeult und verbogen wird, sondern Komponenten wie z.B. Mentalitäten, einflußreiche, gesellschaftliche Gruppen, auch Ideologien und unterschiedlichen Formulierungen dessen, was als jeweils als Eigeninteresse verstanden wird, bilden den Rahmen für die Beschreibung wirtschaftlicher Prozesse. Geht doch!

Denken, Freiheit und Vielfalt

Zu mehr als Zitaten reicht's bei mir aktuell nicht, bin chronisch überarbeitet. Dafür heute besonders schöne aus diversen tagesaktuellen Anlässen von Michel Foucault:


"Wogegen ich mich wende, ist die These, daß zwischen der Sozialgeschichte und der Geistesgeschichte ein Bruch bestehe. Demnach soll die Sozialgeschichte beschreiben, wie Menschen handeln ohne zu denken, und die Geistesgeschichte soll beschreiben, wie Menschen denken ohne zu Handeln. Aber jeder Mensch handelt und denkt zugleich. Das Handeln und die Reaktionen von Menschen sind mit ihrem Denken verknüpft."

Foucault, Michel, Wahrheit, Macht, Selbst, in: der. u.a., Hg., Technologien des Selbst, Frankfurt/M. 1993, S. 221

Trivial ist das nicht. Foucaults Hauptfeind waren immer bestimmte, humanwissenschaftlich konstituierte und in Institutionen und Praktiken wirkende und sich verfestigende Menschenbilder. Zu seiner Zeit waren das bestimmte Spielarten des Humanismus, die, zumeist durch Varianten der Psychonaylse freudianischer Prägung und marxistisch modifiziert, den Diskurs bestimmten. Foucalt in die Gegenwart zu transferieren, hieße zu prüfen, welche Menschenbilder heute im selben Sinne normativ wirken. Ist's "Der Unternehmer", "der Moslem", "der Gutmensch", "der Kulturalist"? Was auch immer man findet, trage man ein in's folgende Zitat:

"Was mir am X nicht behagt, ist, daß er eine bestimmte Form unserer Ethik zum Muster und zum Prinzip der Freiheit erklärt. Ich glaube, daß es mehr Geheimnisse gibt, mehr mögliche Freiheiten und weitere zukünftige Erfindungen, als wir uns dies im Rahmen von X vorstellen können (...)." Michel Foucault, a.a.O., S. 22

25.05.06

Karl Marx vom Antibürokratieteam oder: Die Menschwerdung des Menschen

"Doch das ganze Programm, trotz alles demokratischen Geklingels, ist durch und durch vom Untertanenglauben der Lasalleschen Sekte an den Staat verpestet oder, was nicht besser, vom demokratischen Wunderglauben, oder vielmehr ist es ein Kompromiß zwischen diesen zwei Sorten, dem Sozialismus gleich fernen, Wunderglauben."

Marx, Karl, Kritik des Gothaer Programms, Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei, geschrieben 1875, zitiert nach: Kurz, Robert, Marx lesen, Frankfurt/M. 2000, S. 218

"Der Staat existiert nur mehr als verschiedene fixe Bürogeister, deren Zusammenhang die Subordination und der passive Gehorsam ist."

Marx, Karl, Kriktik des Hegelsches Staatsrechts, geschrieben 1843, zitiert nach Kurz, Robert, a.a.O., S. 221

"Die Exekutivgewalt mit ihrer ungeheuren bürokratischen und miltärischen Organisation, mit ihrer weitschichtigen und künstlichen Staatsmaschinerie, ein Beamtenheer von einer halben Million neben einer Armee von einer anderen halben Million, dieser fürchterliche Parasitenkörper, der sich wie eine Netzhaut um den Leib der französischen Gesellschaft schlingt und all ihre Poren verstopft, enstand in der Zeit der absoluten Monarchie, beim Verfall des Feudalwesens, den er beschleunigen half. Die herrschaftlichen Privilegien der Grundeigentümer und Städter verwandelten sich in ebenso viele Attribute der Staatsgewalt, die feudalen Würdenträger in bezahlte Beamte und die bunte Mustercharte der widerstreitenden mittelalterlichen Machtvollkommenheiten in den geregelten Plan einer Staatsmacht, deren Arbeit fabrikmäßig geteilt und zentralisiert ist."

Marx, Karl, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, 1869, zitiert nach: Kurz, Robert, a.a.O., S. 223

23.05.06

Kooperationsentzug

Wie es so meine Art ist, poste ich hier ja auch gerne mal das Gegenteil dessen, was ich noch zwei Tage vorher behauptet habe.

In den Debatten rund um Hartz IV und die Legitimation solcher "Sozialleistungen" habe ich und auch Kommentatoren im lawblog die Position vertreten, es sei u.a. klug im Sinne des Verfolgens von Eigeninteressen, diese Systeme aufrechtzuerhalten. Weil es einen eben auch treffen könne. Zudem habe ich Position des wechselseitigen Aufeinandergewiesenseins aller auf alle vertreten.

Ulrich Steinvorth hat für eine solche Position nur bitteren Spott übrig, und dafür ...

... hat er gute Gründe. In Auseinandersetzung mit Hegel und Rawls entfaltet er seine Diagnose.

Bei ersterem findet er die "irrige These gleicher wechselseitiger Abhängigkeit" (Steinvorth, Ulrich, Kann Solidarität erzwingbar sein?, in: Bayertz, Kurt (Hg.), Solidarität - Begriff und Problem, Frankfurt/M. 1998, S. 61, Hervorhebung von mir). Rawls zitiert er dahingehend:


"Ähnlich definiert Rawls zu Beginn seiner Theorie der Gerechtigkeit eine Gesellschaft als "a cooperative venture for mutual advantage ... typically marked by a conflict as well as by an identity of interests." Eine Interessenidentität gebe es, weil "social cooperation makes possible a better life for all than any would have if each were to live solely bis his own efforts". Wegen dieser Übereinstimmung sieht Rawls sogar die Bestgestellten auf die "willing cooperation" der Schlechtestgestellten angewiesen und rationalerweise dazu bereit, ihre eigene Lage nur unter der Bedingung zu verbessern, zugleich die Lage der Schlechtestgestellten zu verbessern. (...)

Diese Annahme spricht der ökonomischen Wirklichkeit zumindest der Gegenwart Hohn. Vielleicht sind die Armen und Arbeitslosen früherer Zeiten als Reservearmee notwendig gewesen, die die Kooperationen der aktiven Arbeiterarmee zugleich antrieb und bei hoher Konjunktur erweiterte; heute sind sie ökonomisch überflüssig und vom Ausschluß sogar der Möglichkeit der Kooperation bedroht."

Steinvorth, Ulrich, a.a.O., S. 61

Und:

"Tatsächlich aber können Solidaritätsforderungen nicht einmal als Klugheitsregeln gerechtfertigt werden. Denn, das ist der materiale Einwand, wenn es klug ist, dem anderen zu helfen, warum können dann so viele Reiche und Mächtige Bedürftigen ohne Schaden Hilfe versagen? Auch heute ist es oft eine fromme Behauptung, es sei klug, dem andern zu helfen. Tatsächlich ist es zwar immer moralisch, aber nur manchmal auch klug."

Steinvorth, Ulrich, a.a.O., S. 59

Eine niederschmetternde Diagnose. Da ergreift mich (wie übrigens wahrscheinlich auch den Autor dieser Zitate) immer ein tiefes, marxistisches Pathos.

Da muß man zwar noch ergänzen, daß "klug" hier im Sinne der Zweckrationionalität verstanden wird, die Passage also keineswegs so zu verstehen ist, daß, wer moralisch handelte, dann dumm sei. Da hilft jedoch trotz alledem nicht weiter, daß Steinvorth im weiteren Verlauf des Aufsatzes im Rekurs auf Locke (!) den Gedanken des Gemeineigentums (!) stark macht. Aber isses denn wahr, was er schreibt?

Wenn dies denn der Fall wäre, Moral letztlich nur machtlos verbliebe und Klugheit keine Solidarität gebietet, dann müssen wohl andere Gründe her, um Solidarität zu fordern - dann reduziert sich das Ganze in der Tat auf Machtfragen und jene, wer denn wohl der Stärkere sei.

Wer also einer solchen Diagnose zustimmt, muß schon wissen, was zu befördern er bereit: Eine Neubegründung des Klassenkampfes, ganz egal, wie dieser sich dann nennt und ob als "Klasse" er sich formiert. Die Pariser Riots - eine Vorhut dessen? Auf jeden Fall eher als die dortigen Studentenproteste.

Besteht vielleicht auch darin die Klugheit, die Rawls meint, das Angewiesensein der Reichen und Mächtigen auf die Schwächsten - daß diese Schwächsten dann, wenn man Solidarität ihnen vorenthält, auf ihre eigenen Stärken geradezu notwendig sich besinnen? Selbst wenn es nicht der Fall sein sollte, daß sie "Opfer der Gesellschaft" sind - und sie selbst beschimpfen sich ja nicht zufällig als "Opfer" auf den Schulhöfen -: Wenn ihnen eine solche Diskussion völlig egal ist und sie eben auch einfach nur ihren unmittelbaren Eigentinteressen folgen? Sich um Moral einen Dreck scheren und selbstbestimmt dann einfach genau so handeln, wie die's zitierten Reichen und Mächtigen eh schon tun?

Manchmal befürchte ich, die Zeit von Marx wird erst noch kommen, ob wir wollen oder nicht ... würde heute das Fernsehen abgeschafft, dann wäre er schon wieder da.

21.05.06

Das Wozu: Nachtrag zu den positiven Freiheiten nach Sen

Habe heute morgen nur sehr allgemein positive Freiheiten als Möglichskeitsbedingungen für's je individuelle Wohlergehen im Anschluß an Armatya Sen skizziert, hier seien sie zur potenziellen Diskutierbarkeit noch vertieft.

Sen beginnt negativ: Skizziert zunächst Formen der Unfreiheit. Diese sind in einem Diskussionsklima, da Staat zunehmend als Zwang nur noch definiert wird, wieder ausgiebig zu thematisieren - es ist politisch gefährlich, wenn Einzelne nur noch die Freiheit, die je eigenen Interessen durchzusetzen, als zwangfrei definieren wollen und damit das jeder Individualität vorgängige, geteilte soziale Leben schlicht zu negieren suchen. Da kommen dann am anderen Ende der Skala bestenfalls Sturzkonservative, schlimmstenfalls lauter kleine Nazis raus.


"Sogar in reichen Ländern leben stark benachteiligte Menschen mit schlechter Gesundheitsfürsorge, fehlender Berufsausbildung, ohne einen gutbezahlten Arbeitsplatz und ohne wirtschaftliche und soziale Absicherung."


Sen, Amartya, Ökonomie für die Menschen, München 2005, 3. Auflage, S. S. 26

Ungleichheit der Geschlechter, ...

... das Vorenthalten politischer Partizipationsrechte, und natürlich in einem weiterhin erschütternd großen Teil der Welt auch frühe Sterblichkeit (eine zugegeben fast schon zynische Formulierung für das, was vorgeht) und Hunger zählt Sen beispielsweise auf als Unfreiheiten. Angesichts einer Diskussion, die ein möglichst umfassendes Abschaffen von Sozialsystemen als Maximierung von Freiheit begreifen möchte, ist dieses doch erwähnenswert.

Vollends unverschämt sind Behauptungen, die heute Arbeitslosen würden durchgängig die eigene Freiheit verneinen, die an sich sie hätten - Blödsinn. Da entmündigt auch keiner, und selbst wenn, würde das auch nix ändern daran, daß aktuell bezahlte Lohnarbeit als nur Lästiges an Managerbeinen Klebendes behauptet wird. Diese Behauptung selbst trägt zum Problem nur bei, weil Diskurse eben Machtwirkungen entfalten und keiner mehr die Frage stellt, ob's denn stimmte.

Die aktuelle Gesellschaft ist in der Tat so beschaffen, daß allzu vielen Verwirklichungschancen nicht eröffnet und Möglichkeitsspielräume nicht gewährt werden; und ich behaupte als Arbeitshypothese, daß daran im engeren Sinne auch niemand schuld ist, sondern daß das "Wozu" der Sozialsysteme und der Marktmechanismen zunehmend der Diskussion entglitten ist und so beide ihre Legitimation verloren haben und daran die Diskussion dann krankt.

Beides wird fast selbstzweckhaft verkündet. Denen, die behaupten, Marktmechanismen würden Massenwohlstand erzielen, glaubt außer Volkswirtschaftlern an Universitäten und die von ihnen beratene, politische Klasse sowieso keiner mehr. Da würde es noch nicht mal helfen, wenn sie denn Recht hätten - solange sie nicht überzeugen, funktioniert ihr Ratschlag nicht. Das widerspräche dem Zusammenhang diskursiver Formationen und realer Handlungen: Überzeugungssysteme motivieren Handlungen, und wo die Überzeugung ausbleibt, handeln Menschen anders, als die "Ärzte" mit ihren Lehrbüchern dieses wollen. Da Gesellschaften und Kulturen jedoch keine Organismen sind, sterben sie nicht, sie wandeln sich, und zumeist irgendwohin, wo niemand intendiert sie haben wollte.

Überzeugt wurden ja nur jene, die nicht im sozialen Netz zappeln, alleine davon, daß dieses zu teuer sei, nicht etwa davon, daß der Markt schon alles ganz allein und von selbst zum Guten regelte. Es haben ja - von ein paar Vorständen abgesehen - immer mehr Leute immer weniger Geld in der Tasche, und der Ausschluß aus dem Arbeitsleben kann fast jeden treffen. Da kann nur Schwarzarbeit und ähnliches hinten rauskommen ...ein informelles System des Regelbruchs, und das kann es dann auch nicht sein. Weil in der Tat der Staat zum Zwang dann greift und strafen will, anstatt seine Institutionen neuen Wirklichkeiten anzupassen.

Aber halt: Auch der Markt und seine Verfechter produzieren Gleiches. Wo immer mehr Leute keine Chance in regulären Marktverhältnissen für sich sehen, greift die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung statt der mittelbaren um sich, mit anderen Worten: Krimininalität. Wo vom Markt selbst Bedürfnisse permanent produziert werden, die durch normale Erwerbsarbeit nicht mehr zu erlangen sind, greift man zu anderen Mitteln, um I-Pod, schicke Autos usw. sich leisten zu können. Deshalb würde der Billiglohnsektor zumindest in dieser Hinsicht gar nix ändern: Wer stellt sich denn freiwillig auf den Grünstreifen und jätet Unkraut? Ja eben, werden sie jetzt schreien, also Hartz IV abschaffen. Was nix änderte. Wohl dem, der private Sicherheitsdienste sich dann leisten kann ... der Markt wird eine immer weiter ansteigende Kriminalität produzieren. Wie er so viele "Nebenkosten" in "Nebenbedingungen" produziert, die in den Kalkulationen der Handelnden gerade nicht auftauchen und auf Kosten aller gehen.

Das Besondere an Sens Ansatz ist, daß er keineswegs Marktmechanismen negieren will. Sen entwickelt eher einen Sockel, auf dem dann die persönliche Freiheit eines jeden sich auch entfalten könnte. Wie dieser zu entstehen habe, sei in die Diskussion verlagert ... das Modell als solches formuliert zumindest ein "Wozu das alles?" im Gegensatz zur Selbstzweckhaftigkeit des Marktes und eines Durchwurschtelns durch Sozialsysteme, die dazu führen, daß nunmehr die Leistungsempfänger zunehmend beschimpft oder gar bedroht werden.

Daß Sensche Wozu ist schlicht die Möglichkeit des Wohlergehen aller gleichermaßen. Uralte Nummer, stammt von Aristoteles. Die von ihm formulierten, im Rahmen des Buches durchgespielten, positiven Freiheiten skizziert er im ersten Kapitel:

a.) politische Freiheiten
b.) ökonomische Vorteile
c.) soziale Chancen
d.) Garantien für Transparenz
e.) soziale Sicherheit

"All diese verschiedenen Typen von Rechten und Chancen tragen dazu bei, die allgemeinen Verwirklichungschancen eines einzelnen zu fördern. Sie können ihren Sinn auch darin finden, einander zu ergänzen. Politische Maßnahmen zur Förderung der Verwirklichungschancen des Menschen und der wesentlichen Freiheiten im allgemeinen können bewirken, daß sie diese verschiedenen, aber untereinander verbundenen instrumentellen Freiheiten stärken."
Sen, Armartya, a.a.O., S. 21

Das spielt er in seinem Buch dann durch. Hier reichen die Stichworte, zugegeben formal und unspezifisch. Die Frage ist, welche Institutionen diesen Grundlagen der "freien Entfaltung der Persönlichkeit", um nichts anderes geht es ja, entsprächen. Ich glaube z.B. nicht, daß dieses das aktuelle Versicherungssystem ist. Das ja nur besagt: Wer eh schon mehr hat, wird immer mehr haben, insofern konstituiert sich in Punkt c.) ein Ungleichgewicht. Noch nicht einmal das dreigliedrige Schulsystem, daß in Punkt c.) vor-sortiert.

Auch Punkt e.) wird nicht befördert - weil eben z.B. Altersarmut ein schwerwiegendes Problem ist, und man sich ja gar nicht vorstellen mag, was passiert, wenn die heute 5 Millionen Arbeitslosen nie wieder Arbeit finden.

Zurück zur Grundfrage: Sie fomuliert wenigstens ein Wozu - die Möglichkeit des Wohlergehens. Ein solches Modell wäre, institutionell durchgespielt, evtl. das Modell eines neuen Gesellschaftsvertrages.

Es ist eines der Grundsicherung. Für nix anderes habe der Staat oder analoge Institutionen z.B. auf europäischer Ebene, muß ja nicht immer Staat sein, wie bisher man ihn kennt, zu sorgen in Sachen Ökonomie. Keine Agrar-Subventionen, kein "Hamburg zahlt an Berlin dafür, daß dort subventionierte Arbeitsplätze entstehen". Vielleicht kann man dann sogar wirklich auf ein progressives Steuersystem verzichten, wer weiß? Wenn's Wozu denn klar ist, dann kann man ja loslegen, alles Mögliche auch durchzurechnen.

Einfach Grundsicherung für Bauern in Südfrankreich ebenso wie für entlassene Industriearbeiter unweit von Bukarest. Es ist dies ein Model der Chancengleichheit, das sich alle wechselseitig zuzugestehen hätten. Es geht nicht um Almosen von Anderen oder vom Staat. Es geht um das sich-wechselseitig-Rechte-zugestehen im Rahmen institutioneller Verfaßtheiten.

Sen hat vorgelegt. Wie er's im Detail durchspielt, kann jeder nachlesen. Wie die Punkte a.- e. als Ergänzung zu den Menschenrechten und als solche begriffen im Konkreten flexibel und anpassungsfähig durchzugestalten wären - das wäre mal wieder eine lohnendere Alternative, als in der heiligen Dreifaltigkeit "Staat - Individuum - Markt" eher unspezifisch lamentierend in den Entweder-oder-Kanon einzustimmen. Stattdessen ein klares "Wozu" und ein gut gelauntes "sowohl als auch!"- wär das nicht was?

Distributive Gerechtigkeit versus positive Freiheit

"Jeder von ihnen könnte und sollte jeden Arbeitslosen, jeden Rentner und jeden Studenten danach fragen, mit welchem Recht er davon ausgeht, daß er ihm den Lebensunterhalt, die Rente oder das Studium bezahlt. Das könnte etwas Licht ins Dunkel bringen."

Martin M schiebt eine Mischung aus Blues, Verzweiflung und ohnmächtiger Wut, wenn er solche Zeilen irgendwelcher Leitartikler liest, die sowieso durch ein Netzwerk bester Beziehungen vortrefflich getragen werden. Um dann Leuten, die eh schon die Arschkarte gezogen haben, auch noch den Marsch zu blasen. MartinM schiebt völlig zu Recht den Blues.

Würde mich mal interessieren, auf welchem Wege Konrad Adam Leitartikler wurde. Martin hat auch völlig Recht damit, daß die reale Funktionsweise von dem, was einst noch "Arbeitsamt" hieß, mehr Wege versperrt als eröffnet - würde mich sowieso mal interessieren, ob's nicht billiger wäre, dieses ganze Drangsalieren und Verwalten von Leuten einfach bleiben zu lassen, und dafür gezielt Anlaufstellen für jene, die sich weiter qualifizieren wollen, zu schaffen. Ansonsten einfach überweisen. Punkt.

Martin hat des weiteren Recht, daß im Rahmen des Versicherungssystems ja, abgesehen von den Studenten, alle auch eingezahlt haben, die nummehr empfangen. Mein Studium habe ich mehrfach refinanziert, und ich habe persönlich auch kein Problem mit der Abgabenhöhe und finde, daß jeder ein Recht auf diese Zahlungen hat. Im Gegensatz zu Herrn Adam, der sich dann mal dafür rechtfertigen soll, warum er z.B. auf auch von mir bezahlten Straßen Auto fährt, obwohl ich doch keines habe - usw.. Und ob nicht auch er einen Zusammenhang zwischen gewalttätiger werdenden Kulturen auf deutschem Terrotrium und einer permanenten Infragstellung von Individualrechten sieht.

Er legt freilich einen Finger in Wunden, die man aus ganz anderen als aus Finanzierungsfragen nicht einfach ignorieren kann. Thatcher, Reagan und ihre Apologeten haben ja längst gesiegt - die Entsolidarisierung und Atomisierung ist extrem weit fort geschritten, die Rütli-Schule nur ein Symptom für eine Welt, die Leute wie Adam offensichtlich für das Wahre, Gute und Schöne halten. Daß hier noch irgendjemand an so etwas wie einen allem zugrunde liegenden ""Gesellschaftsvertrag" - oder wie auch immer man das nennen will - ...

... glauben würde, das kann man ja wahrlich nicht behaupten. Der Generationsvertrag ist auch nur zu "ich erbe, und keiner soll mir was weg nehmen!" mutiert.

Die Westerwelles und Henkels haben es längst geschaft, daß der berühmte Kampf aller gegen alle in die nahe Zukunft gerückt ist. Und das ist, selbst wenn man nicht deren Positionen teilt, auch objektiv ein Problem.

Treffend nachlesen kann das z.B. bei Charles Taylor in dessen Aufsatz "Wesen und Reichweite distributiver Gerechtigkeit". Taylor skizziert dort zwei Varianten, Verteilungsgerechtigkeit zu begründen: Das republikanische und das Beitrags-Prinzip.

- Das republikanische Modell besagt, kurzgefaßt und deshalb wahrscheinlich verzerrt wiedergegeben: Einfach. weil man zu einer konkreten Gemeinschaft gehört, immer schon in ihr drin steckt, von ihr profitiert, durch sie genährt ist und an ihr partizipiert, kurz, ihr alles schuldet und auf sie notwendig angewiesen ist, hat man ihr zurückzuerstatten, etwas abzugeben von dem, was man erhält. Ist einfach eine Form der Rückerstattung. Und jene, die gerade nichts Materielles beitragen können, werden gestützt, einfach, weil sie dazu gehören - und zwar möglichst alle gleichermaßen, weil es keinen Grund gibt, irgendjemandem weniger oder mehr zu geben. Das ist die entschärfte Variante. Die radikalere, also an die Wurzel gehende Variante fordert Gleichverteilung der Güter überhaupt:

"Die erste (Argumentation) besteht darin, das in unserer Gesellschaft qua republikanischer Gesellschaft implizit enthaltene Gleicheitsprinzip aufzugreifen und danach zu streben, unsere Gesellschaft so zu verändern, daß es vollständig realisiert werden kann."
Taylor, Charles, Wesen und Reichweite distributiver Gerechtigkeit, in ders., Negative Freiheit, Frankfut/M. 1992, S. 182

- Das Beitragsprinzip: Je nachdem, was ein Einzelner zur Gesellschaft beiträgt, soll er erhalten. Dieser Grundfrage folgt Adam oben und beantwortet sie dahingehend: Wer aktuell, ganz unabhängig von bisherigen Beiträgen, nix beiträgt, soll sich permanent vor ihm, dem Beitragszahler, rechtfertigen. Auch Müntes Mundraub folgt diesem Prinzip, im Grunde genommen das gesamte Versicherungsprinzip exklusive dem, was früher "Sozialhilfe" hieß, da ragt ein republikanischer Rest hinein. Auch die Diskussion um Managergehälter bewegt sich vor genau diesem Hintergrund.

Taylor weist völlig zu Recht darauf hin, daß schon im Zuge der Diskussion um beide Prinzipien - Gleichverteilungs- versus Beitragsprinzip - Gesellschaften erodieren können. Was jedoch an den Prinzipien selbst läge:

"So lange wir glauben, daß es darum geht, die Prinzipien distributiver Gerechtigkeit zu ermitteln und zu verteidigen, so lange sind nicht nur die Linke und die Rechte auf eine Auseinandersetzung fixiert, für die es keine zufriedenstellende intellektuelle Lösung gibt (...); vielmehr kämpfen beide auf einem Terrain, das geeignet ist, Frustrationen und Ressentiments zu maximieren, da jede Seite darin bestärkt wird, jede Niederlage in Verteilungsauseianndersetzungen als "Diebstahl", als Verletzung eines fundamentalen Rechts, als Hohn auf die Gerechtigkeit selbst anzusehen."

Taylor, Charles, a.a.O., S. 185

Zack, die Diagnose hat gesessen. Eine Lösung bietet auch Taylor nicht an. Das liberale Modell diskutiert er von vornherein weg - der Lockesche Atomismus sei Unsinn, weil man eh schon immer eine Gemeinschaft drinstecke.

Unter aktuellen Diskussionsbedingungen hilft das wenig, weil "Gemeinschaft", die Vorraussetzung beider Prinzipien - entweder man trägt zu ihr bei, oder man ist Träger von Rechten durch reine Zugehörigkeit - schon kaum noch jemand denkt.

Die aktuelle Bundesrepublik versteht sich ja zum Glück nicht mehr als "Schicksalsgesellschaft", eine Plurailtät von Gemeinschaftzugehörigkeiten durchzieht jedes Individuum - die Überflüssigen, die Linksliberalen, die Liberalen an sich, die Linken, die Schwulen, die Leistungsträger, die St. Pauli-Fans, die Hamburger, und bei WM oder Grand Prix dann auch mal "Wir Deutschen" usw. - communitys sind zum Glück vielfältig geworden, denn das ist ja die große Gefahr des republikanischen wie auch des Beitrags-Modells: Exklusiv vorzugehen.

Der Schritt zu Rassismus oder Nationalismus ist da schnell gemacht, "Asylbetrüger" werden ja auch als solche begriffen, die ihre Rechte auf Teilhabe an der Gemeinschaft allenfalls vorgaukeln (widerlich, diese Denke). Marx hat deshalb auch lieber gleich die Weltrevolution antizipiert und für die "Internationale" gekämpft, nur inwiefern hilft die Berufung aus die Weltgesellschaft oder Menschheit weiter, wenn's um die Begründung von Sozialleistungen geht?

Wenn jedoch beide Prinzipien nur vor dem Hintergrund des Behauptens einer Gemeinschaft funktionieren, diese jedoch über Exklusion - z.B. die Gemeinschaft der Werte Schaffenden, iiiih, auf die Adam sich beruft - immer definiert ist, wenn's nicht gleich um die Menschheit geht - was dann? Haben dann nicht die Nozicks Recht - kümmern wir uns nicht um die Anderen, wichtig ist meine je eigene Freiheit, die ist auch das einzige, was man sinnvoll behaupten kann, Verteilungsgfragen sind doch eh obsolet!

Amartya Sen, Wirtschaftsnobelpreisträger, entgegnet dem:

"In meinem Buch Power an Famines habe ich gezeigt, daß selbst riesige Hungersnöte auftreten können, ohne daß jemandes libertäre Rechte, Eigenstumsrechte eingeschlossen, verletzt werden. Die Mittellosen, etwa die Arbeitslosen, oder die Verarmten, können gerade deshalb verhungern, weil ihre "Zugangsrechte" - so legitim sie auch sein mögen - ihnen nicht genug zu essen verschaffen. Man mag darin einen besonderen Fall von "schrecklichen, moralischen Katastrophen sehen, aber Schrecken in allen möglichen Schweregraden (..) sind, wie sich zeigen läßt, durchaus mit einem System vereinbar, in dem niemandes libertäre Rechte verletzt werden."

Armatya Sen, Ökonomie für den Menschen, München 2005, 3. Auflage, S. 85

Das weist eher einen Weg, als daß es schon eine Lösung wäre, die das Taylorsche Dilemma dann umginge. Sen fordert einen Grundkatalog von Bedingungen, "instrumentellen" oder "positiven Freiheiten", die aus moralischen Gründen jedem zuzugestehen seien, um Wohlergehen zu erlangen. Das ist eine Art Basis-Republikanismus vor dem Hintergrund von "Die Menschheit". Das Gleichheitskriterium fungiert hier nicht im Sinne von "Alle sollen das gleiche kriegen", sondern eben "Alle sollen die gleichen Möglichkeiten wahrnehmen können". Aus der Kuchennummer - welche Größe hat das Stück eines zu verteilenden Ganzen - ist man so raus.

Nun sind die Bedingungen in Deutschland nicht so wie in Entwicklungsländern. Ein Freund von mir hat dennoch wochenlang mit Kreuzbandriß, auf Hartz IV angewiesen, von Tütensuppen gelebt. (Ja ich habe ihm ständig Essen und anderes vorbeigebracht). Zudem habe ich gerade wieder in der FR gelesen, daß selbst bei der Schaffung eines Niedriglohnsektors nur relativ gut Qualifizierte wieder in Lohn und Brot kämen, die "Üblichen Verdächtigen" weiter auf der Strecke blieben und de facto eine flächendeckende Absenkung des Lohniveaus die Folge wäre- Niedriglohnsektor ist ja gemeinhin die Antwort auf die Abwesenheit von Arbeitsplätzen. Und daß diese Billiglohn-Jobs dann auch zu mehr als Tütensuppe nicht reichten.

Kann das wirklich das Ziel sein? Vor dem Hintergrund der Globalisierung müßte doch eher auch im Sinne Sens Ziel sein, daß auch Rumänen so viel erhalten wie Deutsche und Kinder in Südostasien nicht mehr arbeiten müssen, sondern Bildung erhalten.

Solche Diskussionen sind bereits ein Schritt in die Praxis. Sen weist aus anderen Gründen, ergänzt durch Elemente des republikaniscvhen Modells, immerhin schon mal eine Richtung, in die ein "neuer Gesellschaftsvertrag" gedacht werden könnte: Kein Rekurs auf eine spezfische Gemeinschaft, ein (stets wandelbarer) Begiff des Minimums für das Wohlergehen, kombiniert mit der Einsicht, daß ein immer schon vorgängiges, wechselseitiges Aufeinanderangewiesensein - auch Herr Adam käme nicht alleine klar und soll sich mal nicht zuviel darauf einbilden, daß er mit seinem Geschreibsel auch noch Geld verdient, ist es das überhaupt wert? - konstitutiv für die menschliche Existenz in ihrem Vollzug ist, und das ist ja schon mal eine ganze Menge.

Und dann trägt eben jeder aus reinem Eigeninteresse so viel bei, wie er gerade kann - eine alte Lösung, die neuer Begründung bedarf. Denn auch ihn könnte es treffen, die Sache mit der Tütensüppe und dem Kreuzbandriß, und deshalb sollte er zahlen ... und wenn vorrübergehend nicht genug Arbeit da ist, schaffen wir das trotzdem. Weil wir uns wechselseitig brauchen ...

19.05.06

Rätselwort Kultur, Teil 3

Heute: Gesellschaft und Kultur, Teil 1.

Den Douglass C. North hatte ich gestern schon am Wickel in reiner Zitatform. In der außerordentlich empfehlenswerten Ausatzsammlung "Welten des Kapitalismus", herausgegeben von Max Miller, findet eher am Rande eine kleine Kontroverse zwischen Johannes Berger und Douglass C. North statt über den Begriff der "Institution" statt.

Berger empfindet den Begriff von Douglass C. North als unscharf, weil dieser nicht ausreichend zwischen "Kultur" und "Institution" unterscheiden würde. Max Miller stimmt dem in der Einleitung zu, was insofern nicht erstaunt, daß es sich bei Berger und Miller um Gesellschaftswissenschaftler handelt, Institution dort zentraler Begriff ist, und eine "Kultursoziologie", die's ja gibt, sich immer in Gefahr begibt, von den Kulturwissenschaften geschluckt zu werden und ggf. den eigenen Gegenstandsbereich abzuschaffen. Es gibt aber auch gute, sachliche Gründe, beides zu unterscheiden - aber anders, als Berger glaubt, was nun gezeigt werden soll.

Max Miller schreibt in der Einleitung zur Aufsatzsammlung zur wirtschaftswissenschaftlichen Theorie des "Neuinstitutionalismus":

"Institutionen werden (...) verstanden als externe Zwänge und Anreizsysteme (...) - oder wie es Douglass C. North in seinem Beitrag zu diesem Band ausdrückt: Institutionen bestehen aus formellen Regeln (Gesetze, Verfassungen, Regelungen), informellen Beschränkungen (Konventionen, Verhaltenkodizes, Normen) und Verstärkungsmechanismen.

Der kulturalistische Ansatz wurde maßgeblich von einer konstruktivistischen Wissenssoziologie (vgl. z.B. Berger und Luckmann 1966) und einem eher soziologisch orientierten Zweig der Organsationsforschung (Miller nennt Meyer, und Rowan,Olsen und March, DiMaggio und Powell, Zucker, Brunsson und Olsen - sind jetzt viele Namen, die zunächst nix sagen, aber zum weitergooglen seien sie angeführt) beeinflußt. Institutionen werden von diesem Ansatz sehr viel breiter verstanden als vom Rational Choice Institutionalismus; sie umfassen hier nicht nur Regeln, Prozeduren und Normen, sondern auch konstruktive Skripts, fraglos geltende Routinen und kulturell als selbstverständlich unterstellte Weltbilder und Wertvorstellungen bzw. kollektiv geteilte normative Überzeugungen, die allen einen Orientierungsrahmen für das Handeln liefern. Wie Hall und Taylor (noch zwei Namen, egal) 1996 mit recht feststellen, bricht bei einer solchen Definition, die begriffliche Unterscheidung zwischen Institutionen und Kultur zusammen."

Max Miller, Einleitung, in ders. (Hg.):Welten des Kapitalismus, Frankfurt/M./ New York, S. 24-25

Der Fairness halber müßte jetzt das Douglass C. North-Originalzitat kommen, liefern ich nach, reine Zeitnot. Zurückgeblickt auf die anderen Teile der kleinen Reihe "Rätselwort Kultur" in diesem Blog fällt vielleicht auf, daß in der Tat die dort behandelten Teilbereiche "Wissen" und "Praktiken" in diesen Definitionen von Institutionen enthalten sind. Mit Miller, Hall und Taylor denke auch ich, daß hier eine Ebenendifferenz nivelliert wird, so daß das Selbstverständnis der je eigenen Kultur und Gesellschaft erschwert wird.

Wenn Herr Lammert "Leitkultur" fordert, verdankt sich das diesem Kurzschluß zwischen verschiedenen Bereichen des Normativen (allem voran einer Ent-Differenzierung zwischen Recht, Ethik und Moral) und der mangelnden Unterscheidungsfähigkeit zwischen Gesellschaft und Kultur, behaupte ich, die eben immer auch Kurzschluß zwischen verschiedenen Institutionstypen bedeutet.

Einen ersten Anhaltpunkt liefert die Millersche, auf North fußende (... ist halt alles ein Gespräch ... man steigt immer schon ein in's "Rauschen des Diskurses", den Dialog zwischen Büchern, der schon vor einem da war, den man in Bibilotheken nicht hören, aber sich vorstellen kann als Grundraunen zwischen all den Seiten und Einbänden und Regalen, und Ordnung in dieses Gebrabbel zu bringen, auch das ist dann Wissenschaft, Danke, Michel Foucault, für diese Bilder) Unterscheidung zwischen "formell" und "informell", und die Bereiche, die er in den Klammern nennt (wobei ja "Regelungen" etwas unspezifisch ist). Johannes Berger wendet im selben Band folgendes ein:

"Aus soziologischer Sicht empfiehlt es sich, strikt zwischen Kultur einerseits, Institutionen andererseits zu unterscheiden. Anders als Institutionen sind kulturelle Sachverhalte keine sozialen Tatsachen. Sie gehören der Welt von Sinn und Bedeutung an. Auch und gerade dann, wenn kognitive, evaluative und normative Sinnbezüge das Soziale durchdringen und erst durch den Bezug auf sie sich Soziales von Nicht-Sozialem unterscheidet, sollten die Sinnsphäre und die soziale Sphäre begrifflich auseinandergehalten werden. Kultur (...) ist der Inhalt einer Bibliothek."

Johannes Berger, Soziale Institutionen, technischer Fortschritt und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, in: a.a.O, S. 61

Mit Verlaub: Da bringt Herr Berger nun aber selbst einiges durcheinander. So wichtig die Unterscheidung ist, auf die er hinauswill, so verwirrend ist's, Sinnbezüge und Bedeutungsstiftungen aus dem Sozialen werfen zu wollen.

Max Weber folgend und paraphrasierend würde ich das Soziale immer als jenes Verhalten beschreiben, das seinem intendierten Sinn nach auf andere Personen gerichtet ist. Soziales ist schlicht Interaktion, und in Interaktionen reproduziert und wandelt sich Sinn und Bedeutung. Das kann also nicht das maßgebliche Unterscheidungskriterium sein.

Weiter kommt man mit dem Bild der Bibliothek. Ich behaupte jetzt einfach: Die Bibliothek selbst, die Rohstoffgewinnung und Verarbeitung derer, um Bücher zu drucken, die rechtlich verfaßten Entscheidungswege, überhaupt eine Bibliothek einzurichten sowie die Regeln, sie benutzen zu dürfen (Ausweis, Erfassung der Adresse, Telefonnummer, evtl. Gebühren) - das alles ist Gesellschaft. Ob man sich dann wechselseitig voreinander verbeugt, die Hände schüttelt oder ignoriert, wenn man sich dort über den Weg läuft, und auch, warum man dies tut, daß ist dann der kulturelle Regelkanon. Insofern ist die maßgebliche Unterscheidung gar nicht die zwischen Kultur und Institution, sondern jene zwischen kulturellen und gesellschaftlichen Institutionen.

Genetisch maßbeglich ist Kultur - Gesellschaft materialisiert Kultur, könnte man sagen. Es gibt zudem kulturelle Praktiken und gesellschaftliche Praktiken wie auch kulturelle und gesellschaftliche Institutionen - die Unterscheidung informell und formal ist eine die aus der Perspektive der Gesellschaft getroffene, weil Gesellschaft eben Formalisierung und Materialisierung ist. Das "Nicht-Ich" der Gesellschaft ist das Informelle, Kulturelle.

Sie gliedert sich auf in verschiedene Bereiche, die zumeist der rechtlichen Basis bedürfen, wobei Recht weder alle gesellschaftlchen Teilbereiche erfassen kann noch sollte und dies ja auch nicht tut.

Wer in einem Büro dann Kaffee kocht, weil er der Praktikant ist, ist bereits eine gesellschaftliche Rollenzuweisung, weil "Praktikant" eine rechtlich abgesicherte, auf materialen Verträgen fußende, gesellschaftliche Institution ist und Rollen Institutionen sind. Geschlechterrollen sind kulturelle Rollenmodelle. Im Falle der katholischen Kirche haben sich kulturelle Rollen materialisiert, wenn Frauen nicht Priester werden dürfen.

Daß eine solche Rolle wie "Praktikant" oder "Bischof" sich bilden kann, setzt in der Regel eine Kultur voraus, in der bestimmte Formen der Hierachie sich bereits herausgebildet haben. Umgekehrt wirken gesellschaftliche Institutionen wie Berufsrollen ihrerseits auf Kulturen ein: Das auch normativ wirkende Leitbild "unternehmerisches Handeln" kann Ethik infizieren, also die Vorstellungen davon, welche Lebensentwürfe gut seien. Aber das ist bereits der nächste Abschnitt der Reihe "Rästelwort Kultur": Inwiefern Ethik und Moral, Kultur und Gesellschaft zu unterscheiden sind.

18.05.06

Worte eines Nobelpreisträgers - der muß wohl zum Arzt ...

"Verschiedene Gesellschaften und verschiedene Überzeugungssysteme, verschiedene Kulturen - sie alle unterscheiden sich hinsichtlich der Art und Weise, wie ihr Blick auf die Welt verfaßt ist, und deshalb verfügen sie auch über verschiedene Anreizsysteme. Wenn wir also versuchen, institutionelle Rahmenbedingungen zu gestalten, die hinsichtlich der Regelung des Spiels leisten, was wir von ihnen erwarten, dürfen wir keineswegs außer Acht lassen, daß das jeweilige Anreizsystem zumindest ein Stück weit, wenn nicht gar vollständig, eine abhängige Variable des kulturellen Erbes einer bestimmten Gesellschaft ist. Dies ist einer der Gründe, warum Wirtschafswissenschaftler als Berater anderer Länder so oft falsch liegen. Sie gehen davon aus, daß ein und dasselbe Wirtschaftsmodell überall anwendbar ist. Aber das kulturelle Erbe, das dafür verantwortlich ist, inwieweit wir dieses Modell als ein sinnvolles betrachten, ist eben nicht universal. (...)

Während die Wirtschaftswissenschaften lange Zeit weder den Institutionen Beachtung geschenkt, noch die komplexen Strukturen in der von uns hervorgebrachten Welt untersucht haben, sind uns in diesem Punkt die Soziologen weit voraus. Ein Blick auf soziologische Netzwerkanalysen zeigt, daß die Wechselbeziehungen, die Teil der Struktur sind, einen hohen Grad an Komplexität aufweisen."

Douglass C. North, Auf dem Weg zu einem neuen Verständnis des wirtschaftlichen Wandels, in: Max Miller, Welten des Kapitalismus, Frankfurt/New York 2005, S. 137-138 + 140

Die Trotzgesellschaft

"Natürlich macht man mit, wo immer man kann. Man geht zur Wahl, man sucht sich Arbeit, man gründet Unternehmen, man geht zur Schule und zur Universität. Aber wehe, irgendetwas funktioniert nicht. Dann hat man es ja immer schon gewusst. (...) Denn wenn man aus der trotzigen Beobachtung einer unzureichenden Gesellschaft nicht ins Abwarten und in die kleinstteilige Bemühung um Besserung einsteigen kann, sondern zu irgendwie das Ganze fassenden Reaktionen gezwungen wird, fällt man politischen Kräften in den Schoß, die schon wissen, wie die bessere Gesellschaft aussieht, bereinigt um alle Elemente, die man als Störung ausmachen zu können glaubt."

Na, worum geht's? Dirk Baecker schlägt mit der ihm eigenen Art, irgendwo zwischen Brillianz und systemtheoretisch gewendeter Trivialität angesiedelt, mal wieder diagnostisch zu (via Soziologische Aufmerksamkeit). Ist zweifelohne einer der wirklich spannenden, soziologischen ....

... Zeitgeistdiagnostiker derzeit. Und auch wenn er im obigen Zitat sich auf bestimmte, deutsche Landstriche bezieht, fällt's ja nicht schwer, dieses als generelle Struktur, die derzeit den Diskurs strukturiert, zu verstehen.

Die einen machen "den Staat" dann für alles verantwortlich und wollen ihn wahlweise abschaffen oder zumindest soweit minimieren, daß er ihr Eigentum schützt und sonst garx nix mehr tut. Wenn "Flexibilisierungs"-Maßnahmen nicht greifen, haben sie's immer schon gewußt: Ist noch nicht genug "weniger Staat!".

Für die Anderen ist "Die Wirtschaft" an allem schuld. Gut so weit, daß diese wirklich sie störte und abgeschafft gehörte, gehen die dann nicht mehr, aber anders sollte sie schon sein, damit sie nicht stört.

Für die Dritten auf der neuen Rechten, auch der sich als liberal selbst bezeichenenden Neuen Rechten (die hier verlinkten Blogs meine ich damit ausdrücklich nicht), stört dann alles, was nach Koran riecht und somit die vermeindlich "offene Gesellschaft" gefährdete. Oder aber die abendländisch-christliche Leitkultur, die schon immer wußte, daß Schwule in Latex auf dem CSD aufrechte, gesunde Volksgenossen stören im kuschelig-gemütlichen Bewußtsein ihrer Normalität.

Die zweiten, oben genannten stört auch "Die Globalisierung". Während einige von ihnen in Kritik verharren und so genau auch nicht wissen, wie's besser laufen könnte, wollen andere einfach die Fenster verriegeln und so draußen lassen, was sie stört. Politischer Lärmschutz, sozusagen.

Zur eigenen Beruhigung sind die einzigen in diesem Reigen jene, die kritisieren, ohne gleich abschaffen zu wollen, jene Kritiker von realen Wirtschaftsprozessen und dem konkreten Verlauf der Globalisierung also. Die anderen wollen in der Tat, wie auf einer Skala angesiedelt, "bereinigen" bis "eliminieren" und folgen dabei gelegntlich Kriterien wie "Netzhygiene". Typisch deutsch.

Habe ich Popper da falsch verstanden, daß genau die konkreten Utopien, die Zukunft nicht aus Bedingungen der Gegenwart und Stück für Stück, Bereich für Bereich, emprisch gestützt, erreichen, sondern stattdessen die Wirklichkeit durch eine am Reißbrett entwickelte, bessere Zukunft ersetzen wollen, die wahren Feinde der offenen Gesellschaft sind?

Hannah Arendt habe ich nur halbwegs in Erinnerung, aber war's da nicht "Volk", "Rasse", Nation", heute sagen die einen vorsichtig "Leitkultur", die anderen voller Pathos "Freiheit"; die dann, zaghafter Urteilskraft und gemeinsamen Tätigkeiten und Kommunikationen und somit Individuen übergeordnet, diese so negieren,daß sie im Totalitarismus landen könnten?

Nein, das ist nicht die Totalitarismus-Keule, das ist das Weiterdenken der obigen Struktur, da trifft Herr Becker ja in's Schwarze . Mich zumindest warnt das.

Dirk Baecker geht's um die "Beitritts-Länder", und in mir steigen da immer gleichen Bilder auf: Jene aus diesem berühmten Film "Flüstern und Schreien". Feeling B. z.B. beim Konzert am Ostseestrand, damals, bevor die Mauer fiel. Sie schmettern Texte wie "Wir wollen immer artig sein, denn nur dann hat man uns gerne!". Auch Sandow sind im Film zu sehen. Wenn ich deren "Born in the G.D.R." höre, dann bekomme ich bis heute eine Gänsehaut. Ebenso bei den Skeptikern, nicht im Film, für viele schon deshalb keine wahren Independler unter DDR-Bedingungen, weil sie eine "Einstufung" erhielten, also eine Auftrittsgenehmigung. "Leute, die ganz harmlos scheinen, werden über Nacht zum Schwein" schmettert Eugen, deren Sänger - Lieder vom Kapitalismus, die zumindest ein weit verbreitetes Gefüh in Musik überführen. Ebenso wie dieses sensationelle "Ich such die DDR und weiß nicht, wo sie ist" von Feeling B. Die wurden dann zu Rammstein, zum Teil. Damit ist für mich das Wesentliche an der "Wiedervereinigung" eigentlich schon erzählt. Rammstein haben das wirklich auf den Punkt gebracht.

Was mich bis heute wundert, auch im liberalen Teil der Blogosphäre, ist, wie wenig Spuren dieses enormen, kulturellen Potenzials der DDR 85-89 sich dort finden. Da gab's so großartige und wundervolle, anarchische, ironische und doch hochreflektierte Ansätze, die so gar keinen Eingang in den weiteren "Einigungsprozeß" fanden. Warum eigentlich?

Ich mußte nicht in der DDR aufwachsen und leben und bin heilfroh darüber. Denke aber bis heute, daß viel mehr dort existierte, als bis heute wahrgenommen wurde ... Kohl hat es damals platt gesessen. Doch es schlummert. Vielleicht finden sich dort, in jenen kulturellen Funden aus einer längst versunkenen Zeit, Auswege aus der Trotzgesellschaft?

16.05.06

Die durchsichtige Bluse von Wünsch-Dir-Was

Gerädert auferstanden aus den Ruinen des gestrigen Tages. Ein wichtiger Kunde hat uns ein Drittel des Budgets gekürzt. Jetzt schauten wir uns gemeinsam das Ergebnis an, und, kein Wunder, es gefiel ihm nicht wirklich. Es fehlte was. Weil dieses Drittel Budget eben nicht zur Verfügung stand. Und wir eh schon Miese machen. Sozialabgaben spielen im konkreten Fall budgeter kaum eine Rolle. Alle Festangestellten sind auf so viele Projekte verteilt, daß sie budgeter kaum zu Buche schlagen. Und ohne Festangestellte gäb's gar keine Aufträge. "People's Buisness" nennen das immer die, die das Geld, das ich erwirtschafte, dann an ihre Investoren verteilen.

Obwohl wir alle Zulieferer und Dienstleister eh schon massiv gedrückt hatten, hat die Kohle trotzdem nicht gereicht. Meine Finanzverantwortlichen schrieben mir bitterböse mails, "Ich bin tief enttäuscht von Dir!", wörtlich (war 'ne Frau, klar), als ich eine geringfügige Kostenentscheidung dann einfach getroffen habe, im Sinne des Produkts. (Meine liberalen Blog-Freunde dürfen mich gerne anmailen, worum's ging, für die wäre das lustig. Können's aber auch bleiben lassen)

Vielleicht bekommt den Auftrag dann demnächst jemand anders, und wenn er Pech hat, geht er daran pleite. Das ist sehr wahrscheinlich. Ist vielen passiert, vor allem 2001/2002, passiert vielen immer wieder. Der Kunde ist mächtig.

Das Verhältnis zu ihm ist sehr freundschaftlich, so man kann wenigstens vernünftig über alles reden. Es gibt auch Loyalitäten, Bindungen, eine gemeinsame Geschichte, man mag sich. Man geht auch gerne mal 'n Bier zusammen trinken oder lecker essen, kann offen miteinander kommunizieren. Doch auch bestimmte inhaltliche Fragen, da ...

... wo's politisch wird, und sei's auch noch so indirekt, führten dennoch zu Mißmut. Gut, gäb's gar keine Politik, hätte man dieses Problem auch nicht. Dennoch: Irgendein blöder Fehler, und ich bin weg vom Markt. Gibt da nicht allzu viele Kunden, und jeder kennt jeden.

Gab mal eine Produktion, da hingen so viele mächtige Leute meiner Branche mit drin - hätte ich das versemmelt, wären Jahre des Aneignens von Fähigkeiten umsonst gewesen. Das Risiko hatte ich allein zu tragen. Meine Firma zehrt bis heute vom Ruhm ... insofern war es auch 'ne Chance, klar.

Die Situation mit der Politik haben wir bei anderen Kunden nicht. Bloß keine Politik! Wir wollen unterhalten, nicht problematisieren. Über Geld reden darf ich da nicht, das hat mir mein Chef verboten. Obwohl auch da das Budget hinten und vorne nicht reicht. Aber ist ja auch nur Unterhaltung!

Wo ja nix gegen einzuwenden wäre, wenn's noch Felder gäbe, wo so etwas wie freie Meinungsäußerung möglich ist und mit denen man trotzdem Geld verdienen kann. Das gibt es derzeit nur Blogs. Auch Tageszeitungen müssen, damit als Marke sie funktionieren und sich verkaufen, ein bestimmtes Meinungsspektrum oder eben gar keines, sondern Unterhaltung, produzieren - Stromlinienförmigkeit erzeugen. Ein paar Freaks leistet man sich immer, ein paar, die sich als "Querdenker" am Markt positionieren. Ansonsten: Alle gehen auf Nummer sicher und plappern nach. Keep careful, wenn's um Werbekunden geht!

Auch die EU will die Universitäten an den Markt assimilieren. Neulich gelesen, kleine Randnotiz in irgendeiner Tageszeitung. Glaubt, das definieren zu können, was in Zukunft dann "anwendungsbezogen" gebraucht würde. Der Trend geht zur Abschaffung der Politikwissenschaft und der Assimilierung der Sozialwissenschaften an die Wirtschaftswissenschaften. Parallel leistet man sich noch ein paar Feuilletonisten-Clowns, aber bitte: Anwendungsbezogen! Angewandte Kulturwissenschaften heißt das dann. Das sind in der Regel die Schlimmsten. Philosophie wurde hier in Hamburg an die Geschichtswissenschaften angepaßt. Ein wenig historische Erbauung dank Platon, Kant und Nietzsche. Aber bitte nichts mehr sagen, was heute noch relevant wäre. Und alle müssen noch froh sein: Gäbe es diese staatlichen Universitäten nicht mehr, gäb's wohl noch nicht mal mehr Philosophie, Kulturwissenschaften oder Soziologie. Dann wären endlich alle frei!

Eine Kollegin von mir, vor der jetzigen Produktionspause, die legt sehr viel Wert auf kreativen Selbstausdruck. Geht dafür über Leichen. Sich Kundenwünschen orientieren, das gilt ihr als "vorauseilender Gehorsam". Sie bläht sich auf im Namen von Credibilty und Authentizität. Vielleicht haben wir deshalb im nächsten Jahr noch einen Auftrag weniger.

Sie sitzt sich derweil auf ihrer Terasse den Arsch breit und scheucht zwei Gärtner durch ihre frisch erworbenen Wiesen und Gehölze inmitten einer westdeutschen Großstadt mit hohen Grundstückspreisen. Die Grünzeug-Schergen richten ihr den Garten nach "Themen" ein. So, wie sie's haben will. Sie kann sich das leisten. Dank ihres Lebensgefährten, der hat viel Geld gemacht. Sie hat für unsere Anpassungsleistungen nur Hohn, Spott und wilde Wut übrig. Sie würde sich nicht unterwerfen! Kann sich's erlauben, weil ihr Kerl Kohle mit genau jenen Anpassungsleistungen gemacht hat, die sie uns vorwirft. Wir müssen unsere Miete zahlen ... ich noch nicht mal. Nur Wohngeld. Habe geerbt. Ein Vorteil. Habe niedrige Fixkosten.

Dann sitzt man des abends am Computer und diskutiert im hier verlinkten Kommentarberreich rum. Zur Entspannung. Weil man mal wieder sagen darf, was man wirklich denkt, was aber niemand kaufen würde.

Und grübelt weiter. Weil man neulich selbst proklamierte, man müsse nicht-staatliche Institutionen schaffen, die für Gerechtigkeit und Freiheit im Wirtschaftsleben selbst dann sorgen. Sind vielleicht gar die Libertären da auf richtigem Weg? Ausschließen kann man ja gar nix. Glücklich sein heißt irritierbar bleiben. Aber angesichts der oben geschilderten Erfahrungen fällt mir der Glaube schwer ... vielleicht mache ich mir aber auch 'nen Kopf an falschen Stellen.

Also lieber wieder vertrauteres Terrain: Lese ich doch mal wieder über die Integrationsdebatte. Toller, steiler Einstieg bei Bodo Wuensch (via Statler). Ich jubel. Doch dann diese Conclusio:

"Dem Wissen, dass und wie Menschen, egal, wer sie "sind", wo sie herkommen oder welche Sprache sie sprechen, auf Märkten miteinander agieren und sich ansonsten reichlich wurscht sind. Ein Markt kennt nur eine Unterscheidung, und das ist die willentliche Teilnahme resp. Nicht-Teilnahme. Aber es gibt zum Glück das notwendig ausschließende, demokratisch "legitimierte" Zwangskollektiv, an dessen Gebrechen alles und jeder schuld ist, nur nicht das Kollektiv selbst.

Es ist der Mangel an Urteilskraft."


Alle doof, nur das Kollektiv der Marktliberalen nicht. Wenigstens geben sie mittlerweile zu, daß sie die Demokratie gerne abschaffen würden, in deren Namen George W. Bush Kriege führt. Wenn schon Staat, dann doch lieber China, da wird wenigstens nicht "demokratisch legitimiert".

Warum schreiben die eigentlich alle das gleiche? Ist manchmal wie in der Kirche, wenn man das liest. Eine Liturgie, ein Weltbild, ein Gott. Und wer sich nicht fügt und freiwillig unterwirft, ist dann Faschist. Roosevelt war auch so einer, wurde mir gestern erläutert. Alles Faschisten. Da gibt's halt auch kleine und große Satane auf im libertären Kosmos - Roosevelt ein kleiner, Hitler ein großer.

Denke an die Flure meiner Kunden: Vereinzelt ein paar Spaß"neger", sonst außerordentlich arisch. Liegt natürlich am Sozialstaat ... abends einen deutsch/iranischen Kollegen getroffen. Der hat mittlerweile Angst zu fliegen oder U-Bahn zu fahren, als "potenzieller Terrorist", so schauen ihn alle an. Hollywood hat da gerade wieder einen Film draus gemacht, der beginnt damit, daß der zukünftige Flugzeuentführer betet und Allah preist, sich ganzkörperrasiert und dann die Bomben umschnallt. Der Film wird sich gut verkaufen.

Bei uns in der Firma, ganz "frei" am Markt agierend, ist's in der Tat so, wie Herr Wuensch beschreibt. Nur daß sich wechselseitig kurioserweise kaum jemand wurscht ist. Allerdings sind all die "Integrierten" allesamt Kinder aus "gutem Hause". Wer das soziale Kapital nicht früh erworben hat: Keine Chance. Manchmal werden allerdings auch gezielt bestimmte, ethnische "Farben" eingekauft, aber bitte nicht für den "seriösen" Bereich. Das verkauft sich nicht, wird nicht akzeptiert.

Andere verkaufen sich gut, weil sie "Kanacken"-Klischees so vortrefflich verkörpern, Bushido z.B.. So tradieren sich die Bilder, die dann für Exklusion sorgen. Ach stimmt, das steht ja auch auf dem Index, das Wort Exklusion, sorry. Ich vergaß: Das heißt ja "Niedriglohnsektor" ... z.B. als Gärtner inmitten einer bundesdeutschen Großstadt.

15.05.06

Kleines Grundsatzreferat ...

... das mir eben in der Diskussion bei freilich.ch mit Christian Hoffmann und Robert Nef passiert ist, aber das vielleicht ja der eine oder andere auch hier lesen wollen könnte, wer weiß?

"Ich spiele jetzt mal kurz den Habermas-Vertreter, einfach, um klar zu machen, was der andere Christian meint.

Bei Habermas ist Demokratie ein vernünftiges Sich-Einigen, das die potenzielle Zustimmungsmöglichkeit aller von den zu beschließenden Maßnahmen Betroffenen zu berücksichtigen hat - potenziell, weil's eben praktisch ganz schön schwierig ist, ...

... ständig alles auszudiskutieren.

Es ist also nicht die quasi-dezisionistische Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit, idealerweise, die dann ihre je eigenen Interessen durchsetzt, sondern ein rationales Verfahren, das die Interessen aller Beteiligten gleichermaßen berücksichtigen sollte.

Anders als Moral regelt Demokratie jedoch auch Fragen wie, wasweißich, wie hoch soll der Anteil der Ausgaben für Verteidigung sein oder wer kümmert sich denn jetzt um die Wasser- und Energieversorgung. Wollen wir da am Ende der Straße einen Parkplatz? Wer soll ihn bauen? etc. Das sind ja keine moralischen Fragen.

Mit Sprache hat das deshalb zu tun, weil Habermas das Ganze über die Explikation von sprachlichen Regeln und Diskurstypen begründet bzw. die Vorrausetzungen von Begründung selbst expliziert.

Während Herr Nef oben das Sich-Einigen mal eben so beschreibt, sagt Habermas: Halt, wenn man denn argumentiert - sich einigen will, einen Konsens herbeiführen will-, nimmt man notwendig einen bestimmten Regelkanon in Anspruch. Z.B.: Alle haben prinzipiell das gleiche Recht, mitzudiskutieren, es gibt eine Symetrie zwischen den Sprechern, man zollt sich wechselseitig Respekt, man gesteht den Gründen des anderen das gleiche Gewicht zu wie den eigenen, abstrahiert insofern automatisch von den eigenen Interessen, wenn man denn wirklich argumentiert. Das ist der berühmte Standpunkt der Unparteilichkeit.

So ungefähr funktioniert - stark vereinfacht - die Diskursethik. Dieser Diskurstypus ist bei Habermas jener, der "normative Richtigkeit" thematisiert. Also jener, der sagt, wie wir handeln sollten. Es gibt auch noch einen, der für Wahrheitsfragen zuständig ist, einen weiteren (etwas verunglückten), der expressive Wahrhaftigkeit thematisiert. Das ist die sogenannte "Theorie der Getungsansprüche".

Als Ergänzung zur Diskursethik, aus der er dann z.B. die allgemeinen Menschenrechte entwickelt, begreift Habermas das Demokratieprinzip als (ideale, permanent zu realisierende) Grundlage politischer Diskurse:

"D: Gültig sind genau jene Handlungsnormen, denen alle möglicherweise Betroffenen als Teilnehmer rationaler Diskurse zustimmen können." (Z.B. Habermas, Jürgen, Zwischen Naturalismus und Religion, Frankfurt/M. 2005, S. 87)

Dieser beschreibt zunächst das Gesetzgebungverfahren, noch keine konkreten Regeln wie "Jeder soll von heute an zwei mal täglich seinen Garten umgraben". Das wäre ja absurd. Das Demokratieprinzip formuliert, wie instituionelle Rahmen begründet werden, innerhalb derer dann alles möglich ist und jede Menge nicht durch staatlichen Zwang hervorgebrachtes Handeln fröhliche Parties feiern kann.

Das ist ja weiß Gott nicht weit weg von dem, was Herr Nef beschreibt und muß im Grunde genommen sich noch nicht mal notwendig in einem Staat sich institutionalisieren. Nicht umsonst thematisiert Habermas auch Bürgerinitiativen oder Nicht-Regierungs-Organisationen, ist Pro-EU etc.. Das alles ist schon basisdemokratisch gedacht, nicht als Parteiendemokratie. Habermas spricht hier auch von kommunikativer Macht.

Der Staat legitimiert sich ja auch zunächst über's Gewaltmonopol, um eben die Willkür der Stärkeren einzuschränken. Das ist ja auch unter "Marktliberalen" nix unübliches, Militär, Polizei und neutrale Gerichtsbarkeit als staatliche Aufgaben zu definieren.

Wenn zwei Großgrundbesitzer in Freiburg sich um einen neuen Häuserblock streiten, will ja keiner (außer dem Großgrundbestzer selbst), daß ihn der bekommt, der mehr Kohle hat, um sich eine Mad Max-artige Privatarmee zu leisten, die dann die Mannen des anderen um die Ecke bringt. Insofern kommt Staat in's Spiel, um Konflikte zu regeln, wenn sich Leute nicht an die Regeln halten, z.B. das Tötungsverbot. So kann - und ich denke, muß man - staatlichen Zwang rechtfertigen: Dessen Gesetze müssen eben auch für ein Volk von Teufeln gelten, um auf die berühmte Kant-Formulierung anzuspielen.

Daß das alles dann auch zu absurden Folgen führen kann - jeder noch so blöde Nachbarschaftsstreit kommt vor Gericht - spricht ja nicht gegen die grundsätzlichen Annahmen.

Der Dissens beginnt ja auch einem ganz anderen Feld, das ist die Behauptung, daß in der Wirtschaft alles frewillig geschehe. Das ist der alles entscheidende Unterschied zwischen Leuten wie Christian Schenkel und mir und Dir und Robert Nef auf der anderen Seite. Ihr zeichnet ein Bild des Wirtschaftslebens von Freiwilligkeit, Willkürfreiheit, proppevoll von einvernehmlichen und vernünftigen Handlungen - schön wär's. Deckt sich aber nicht mit meinen realen Erfhrungen, ich arbeite in einer GmbH, die Tochter einer mittlerweile einigermaßen großen AG ist.

Im Grunde genommen projiziert ihr das, was die Diskursethik oder auch das Demokratieprinzip artikulieren, in die Wirtschaft hinein. Mit dem Untershied allerdings, daß "alle potenziell Betroffenen" kein Kriterium ist, sondern stattdessen idealtypisch konstruiert wird, alles seien alles und jedes jeweils Verträge zwischen zwei symetrischen Partnern (korrigiert mich, wenn ich's falsch darstelle).

Anders formuliert: Moral als Tauschbeziehung, wie Herr Nef in der anderen Diskussion formuliert, setzt z.B. Symetrie voraus - meiner Ansicht nach ist diese reziproke Symetrie dann die Moral, nicht der Tausch.

Ich sehe hingegen das ganz reale Marktgeschehen allzu oft, keineswegs immer, als Menschen instrumentalisierendes, unterdrückendes, hierarschisches und zunehmend menschenverachtendes System und plädiere zur Korrektur dessen für eine demokratische Kontrolle dessen im Sinne der Betroffenen von Entscheidungen. Z.B. in Form von Betriebsräten. Sonst hat man die Herrschaft einer Minderheit über eine Mehrheit, was ja auch nicht besser als die Hayeksche Umkehrung.

Ich finde staatlichen Zwang in prinzipiell notwendig (z.B. im Falle des Mordes, der Vergewaltigung etc.), ein übertriebener staatlicher Zwang ist entsetzlich. Staatlicher Zwang hat auch auf's Notwendige beschränkt zu bleiben, lieber Herr Schäuble.

Ich finde aber Zwangsverhältnisse im Wirtschaftsleben ebenso scheußlich und halte dieses für noch nicht mal im Ansatz so frei und idyllisch, wie es von "euch" immer gezeichnet wird. Wirtschaft generiert keine Moral, sondern setzt diese bestenfalls voraus (da halte ich Adam Smith für schlicht naiv). Die Moral, die sie vorraussetzt, impliziert jedoch auch ein demokratisch kontrolliertes Recht, das allerdings anderen Regeln folgt als die Moral selbst, dieser aber nicht widersprechen sollte, so würde ich das Ganze zusammenfassen, und ich glaube, Christian Schenkel sieht das ähnlich ..."

14.05.06

Männerbilder, Frauenmoral: Zur Kritik der "Negativen Freiheit" aus Sicht des Feminismus der frühen 80er Jahre

In den Diskussionen bei den B.L.O.G.s rund um die Arbeiter-Ethos-Intervention des Münte, daß, wer nicht arbeitet, auch nicht essen solle, fiel sie mir wieder ein: Carol Gilligan. In männlich dominierten Universitäten hat sie meiner Ansicht nach nie jenes Gewicht erlangt, daß einem Rawls, Habermas, Rorty oder auch Sen zugesprochen wurde.

In Auseinandersetzung mit der Kohlbergschen Entwicklungspsychologie fomulierte sie einst einen "weiblichen" Moraltypus der "Fürsorge", der der abstrakten Prinzipienethik Kantischer Tradition entgegenstünde bzw. diese ergänze.

In populariserter Form findet sich diese heute in jeder Frauenzeitschrift. Meiner Ansicht nach muß man die von ihr entwickelten Modelle zweier Moraltypen strukturell verstehen und von der Geschlechterfrage insofern lösen, daß es hier nicht um eine "Natur" des Mannes oder der Frau geht, sondern um zwei Modi von Interaktionsstrukturen. Wobei (wenn ich's richtig verstanden habe, ist 'ne Weile her, meine Auseinandersetzung mit diesen Positionen dank meiner feministischen Cousine) diese Idealtypen-Konstruktion ja eh in der Behauptung differenter Sozialisationsbedingungen gründet. Selbst Herr Schirrmacher nimmt implizit diese Moral in Anspruch, wendet sie jedoch konservativ in der Behauptung, daß Frauen dann in Zukunft eben ...

... für Pflege der Alten und Einkommen gleichermaßen zuständig sein sollten.

Die eigentliche Stoßrichtung ist genau umgekehrt: Auch Männer sollten mal aufhören, ihre offenkundig so traumatische Ablösung von der eigenen Mutter als Rechts- und Wirtschaftsethik zu generalisieren. Offenkundig wird dieser Zusammenhang, wenn der Sozialstaat dann auf einmal begrifflich als "Amme" verkleidet die Bühne des Diskurses betritt: O Schreck, nie wieder so ohnmächtig sein, wie damals, als der Busen (oder die Flasche) mich nährten!

Manche Feministinnen würden das wohl als psychoanalytisch verständlich, in der Wirkung jedoch als schauerlich begreifen. Die ganze Freudsche Ödipus-Komplex-Theorie wurde von feministischer Seite als Flucht vor der Mutter als jene, die mich nährt und von der ich abhänge, mit Bravour auseinandergenommen. Ein Schelm, wer bei dieser Denkfigur nicht an die "negative Freiheit" der "Marktliberalen" denkt! Gerade in der verbalen Agitation gegen sogenannte "Gutmenschen" z.B. im Falle des Irak-Krieges schwingt immer das kriegerisch-heroische, männliche Selbstbild mit, das vor gegen etwas sich artikuliert und behauptet.

Mit ungeheurer, gedanklicher Durchschlagskraft entwickelt Jessica Benjamin diese Denkfiguren in "Die Fesseln der Liebe", eines der großartigsten Bücher, die ich jemals las. Sie bezieht sich auf die Hegelschen Denkfiguren von "Herr und Knecht" (das Marx- und Sartre-Paradigma wie auch jenes mancher liberaler Typen der Staatskritik) sowie des "Kampfes um Anerkennung" (Axel Honneth), allerdings ohne Kampf.

Für sie ist Autonomie erst das Ergebnis der Anerkennung durch Andere. Diese Struktur liest sich z.B. hier anhand eines gesellschaftlichen Extrembereichs von Abhängigkeitsverhältnissen schön durchgespielt:


"Die amerikanische Psychoanalytikerin Jessica BENJAMIN (1990) hat die frühe Entwicklung, in der sich das kindliche Selbst in der Beziehung zu anderen differenzierend ausbildet, als einen spannungsvollen Prozess zwischen Selbstbehauptung (Autonomie) und wechselseitiger Anerkennung von Mutter und Kind beschrieben: "Ich erkenne dich an als mein Baby, das mich anerkennt" (S. 18). Anerkennung durch die Mutter (hier verstanden als "soziale Mutter", die nicht mit der biologischen identisch sein muss) "ist jene Reaktion der anderen, die die Gefühle, Intentionen und Aktionen des Selbst überhaupt erst sinnvoll macht" (S. 16), ihnen Be-Deutung verleiht. Sie ist somit die Bedingung der Möglichkeit "für die Entwicklung von Selbsttätigkeit und Urheberschaft" (S. 16) - man kann ergänzen: von Selbst-Bewusstsein und Autonomie, aber einer Autonomie, die sich in der gegenseitig anerkennenden Beziehung konstituiert (Benjamin spricht deshalb auch vom "intersubjektiven Selbst"; S. 23). Autonomie und Angewiesensein auf den Anderen stehen in der intersubjektiven Entwicklungstheorie in einem engen, widersprüchlichen (paradoxen) Zusammenhang. Zerbricht dieser bzw. löst er sich auf eine Seite hin auf, entstehen problematische Herrschafts- und Unterwerfungsverhältnisse bereits in der Eltern- bzw. Mutter-Kind-Beziehung."

Zurück zu Carol Gilligan: In diesem Text wird sowohl die Kohlbergsche Theorie (auch als Erklärung dessen, was ich hier immer als "postkonventionelle Moral" bezeichne) als auch die Gilligansche Entgegnung sehr präzise und klar dargestellt. Drei Passagen seien zitiert:

"Gilligan geht also von der Prämisse aus, daß sich Frauenidentität (seit ihrer Kindheit) durch und in Verbundenheit bestimmt, Männeridentität durch Getrenntheit. Ein größeres oder stärkeres Netz von Beziehungen stärken die Frauen und ihre Entwicklung; während Männer eher an Trennungen wachsen (z.B. von der Mutter, den Eltern, ...). So wird nach Gilligan auch erklärlich, warum Studien zeigen konnten, daß Frauen in Situationen der Distanz, Angst vor Isolierung haben; während Männer eher Nähe als gefährlich erleben und Angst vor Verschmelzen haben. Bindung und Trennung sind die Pole des menschlichen Lebenszyklus."
"Männer erleben Konflikte als Fragen der Fairneß zwischen verschiedenen Individuen. Frauen erleben Konflikte durch konkurrierende Ansprüche, auch Ansprüche an sich selber. Sie gehen von der Erkenntnis aus, daß Menschen wechselseitig abhängig sind. Hieraus folgern sie dann, daß das Bedürfnis nach Mitgefühl und Zuwendung (letztlich) universellen (allgemeingültigen) Charakter haben sollte und so (möglichst) niemand verletzt werden soll. Sie gehen, nach Gilligan, davon aus, daß Gewalt letzten Endes für alle zerstörerisch ist. Ihre Ethik der Verantwortung, Anteilnahme und Gewaltlosigkeit steht dabei nach Gilligan im Gegensatz zur Unanschaulichkeit der männlichen Moral, die die Gefahr in sich birgt, sich vom realen Leben zu entfernen und so letztlich Menschen statt Prinzipien zu opfern."
"Der Mann sieht zunächst sich und dann seine Beziehungen zu anderen. Während die Frau sich in Beziehungen sieht. Hieraus folgt dann das unterschiedliche Moralverständnis nach Gilligan."

Das liberale Individuum - einfach männliches Selbstbild, das sich einem nicht verabeiteten Mutter-Komplex verdankt? Das entbehrte insbesondere hinsichtlich der völlig berechtigten Patriarchats-Kritik am Islam von liberaler Seite nicht einer gewissen Komik ...

So, liebe liberale Freunde, jetzt agressiv werden. Wurde ich auch immer angesichts dieser feministischen Theorien. Gerade dieser Umweg über die frühkindliche Psyche hat, wie alle Spielarten der Psychoanalyse, immer auch was Manipulatives.

Nichtsdestotrotz war meine extreme Gereiztheit angesichts dieser Theoreme für mich immer auch ein Beleg, daß sie nicht falsch sind ... getroffener Hund bellt, sozusagen.

12.05.06

Gerne in die Ferne schweifen ...

Pirates-bay.jpg

Foto: Backpackerinfo

.. denn das Gute liegt nicht nah. Heute abend kommt schließlich nur die zweite Mannschaft des 1. FC Köln an's Millerntor, angemesserner Gegner im heroischen Kampf um Platz 5 - da freut man sich vor allem auf lecker Astra und nedde Leude und endlich mal wieder Singen, Gröhlen, Fluchen und so. Fühlt auch ein wenig freudige Erregung angesichts des Fluchtlichtgegurkes einer sich grundlos selbst durcheinander würfelnden Mannschaft und erinnert sich gerne an ein Match zurück, da Bounoua 3 oder 4 Tore gegen die "Domstädter", "Geißböcke", gähn, gegen die aus der engen, stickigen Stadt mit dieser Jahrtausende alten Baustelle in der Mitte halt, geschossen hat. Aber sonst .... gibt's jetzt endlich wieder einen Grund, sich auf die WM zu freuen!!!

Auf Tobago findet sich 'ne Piratenbucht, siehe oben, angeschnitten, blöde Formatierung hier, das Foto ist jedoch ein journalistischer Beleg für deren Existenz - und da dachten die sich wohl, die Tobager und Trindisten: Mönsch, da oben unweit der coolen Küste mit den garantiert palmenfreien Stränden spielen doch ein paar Irre so gar nicht Steel-Drum-kompatibel als "Freibeuter der Liga" gerade um Platz 5 der Liga 3!

Das könnte doch lustig sein, mal gegen die zu spielen! Palmen ham wa eh genug zu Hause, 'n bißchen Punkrock und Rock'nRoll ist zwischendurch auch mal was Schönes, wo jeder Depp bei uns sofort exotische Klischees von Palmen, Steel-Drums und sich räkelnden, kaffeebraunen Leibern an weißen Stränden im Kopf hat, schon Kant, als er über die faulen Südseebewohner schrieb, die sich nur der Neigung, nie der Pflicht hingeben würden.

Sämtliche Klischee widerlegen jetzt einfach, indem wir uns in nordischen Bruchbuden Blutgrätsche und Küstennebel hingeben und uns mit Grönland verbrüdern. Grönland? Ja, weiterlesen! Warum soll man auch in Rotenburg versauern und die schönste Stadt Deutschlands den Amis überlassen? Nix wie hin ...

... mit unserer Nationalmannschaft ins tollste Stadion der Bundesrepublik! Und so wird es ein Spiel FC St. Pauli gegen die, ach was, mit den Insulanern geben!


"Die Welt zu Gast am Millerntor: Grönland, Gibraltar und Sansibar spielen beim Regionalligaklub vom 29. Mai bis zum 3. Juni ihre "Mini-WM" aus. Doch damit nicht genug. Wie das Abendblatt erfuhr, wird mit der Nationalmannschaft von Trinidad und Tobago auch ein WM-Teilnehmer seine Visitenkarte am Millerntor abgeben. Der FC St. Pauli empfängt die in Rotenburg (Wümme) untergebrachte Elf des niederländischen Trainers Leo Beenhakker am 5. Juni."

So berichtet das Hamburger Abendblatt, und das mit Grönland, Gibraltar und Sansibar wußte ich auch noch nicht. Großartig! Fuck Beckham, Ballack, Ronaldinho, laßt ihr euch mal erkennungsdienstlich behandeln in den FIFA-Arenen und euch mit der Bundeswehr bedrohen, richtig Spaß haben wie üblich wir!

Dann hoffen wir mal, daß, damit's noch spaßiger wird, Benny sich heute abend herorisch mit erstmals 2 Toren in einem Spiel einen neuen Vertrag erkämpft, den wollen wir hier schließlich behalten!

11.05.06

Was ist Kritik?

So, da ich mir vor lauter Berufung auf Habermas mittlerweile selbst auf den Geist gehe und auch nicht debil in irgendwelchen Biergärten rumhängen will, will schließlich noch ein wenig Spaß am Leben haben, nun mal wieder was Programmatisches.

Etwas, das der Namensgeber meiner "Philosophie und Gesellschaft"-Rubrik unfreiwillig der Nachwelt überließ (ursprünglich enthielt die Rubrik auch "Kultur", enthält die auch immer noch dann, wenn's in einem weiten Sinne um Diskursanalyse geht, aber da gibt es jetzt noch eine zusätzliche Rubrik für Begrifflich-Definitorisches, "kultur, die ich meine", und ein solches Unterfangen ist so gar nicht im Foucaultschen Geiste).

Also ein längeres Zitat von Michel Foucault, den ich hier auch nicht vor lauter Theorie des demokratischen Rechsstaates in den Schrank zu stellen möchte. Dazu ist er viel zu gut geeignet, einen immer wieder aus den eigenen, dogmatischen Schlummern aufzuwecken, um sardonisch grinsend ganz plötzlich mitten in den eigenen Gedanken zu stehen und lustvoll die Peitsche zu schwingen. Und er lacht dabei.

Wohlan:

"Anstatt dieser Prozedur, welche die Form einer Legitimitätsprüfung der historischen Erkenntnisweisen annimmt, könnte man vielleicht eine andere Vorgangsweise ins Auge fassen. Anstatt über das Problem der Erkenntnis könnte diese über das Problem der Macht in die Frage der Aufklärung einsteigen; sie würde nicht als Legitimitätsprüfung vorgehen, sondern als ...
... Ereignishaftigkeitsprüfung oder Ereignishaftmachung.Verzeihen Sie das schreckliche Wort! Unter dem Verfahren der Ereignishaftmachung verstehe ich - mögen auch die Historiker vor Entsetzen aufschreien - etwa folgendes: zunächst nimmt man sich Mengen von Elementen vor, bei denen man empririsch und vorläufig Verschränkungen von Zwangsmechanismen und Erkenntnisinhalten vorstellen kann. Unterschiedliche Zwangsmechnismen, vielleicht auch Gesetzgebungs- und Reglementierungsvorgänge, materielle Dispositive, Autoritätsphänomene usw.; auch die Erkenntnisinhalte werden in ihrer Mannigfaltigkeit und Heterogenität aufgegriffen und sie werden auf die Machteffekte hin untersucht, deren Träger sie als gültige Elemente eines Erkenntnissystems sind. Man möchte nicht wissen, was wahr oder falsch ist, begründet oder nicht begründet, wirklich oder illusorisch, wissenschaftlich oder ideologisch, legitim oder mißbräuchlich ist. Man möchte wissen, welche Verbindungen, welche Verschränkungen zwischen Zwangsmechanismen und Erkenntniselementen aufgefunden werden können, welche Verweisungen und Stützungen sich zwischen ihnen entwickeln, wieso ein bestimmtes Zwangsverfahren rationale, kalkulierte, technisch effiziente Formen und Rechtfertigungen annimmt."

Michel Foucault, Was ist Kritik?, Berlin 1992, S. 30-31 - basierend auf einer Vortragstranskription vom 27.5. 1978

So oft "Zwang" - da freuen sich jetzt die Falschen. Ich behaupte mal, daß jene historischen Felder, die Foucault untersuchte, nicht mehr 1 zu 1 zur Diagnostik der Gegenwart taugen. Die Fragen nach "dem Sex" verheddern sich aktuell zwischen Naturalismus und Religion, das Thema des Wahnsinns scheint mir auch nicht ganz oben auf der Tagesordnung zu stehen, und die Disziplinen folgen nunmehr anderen Regeln als jenen des Militärs oder der Schule des 19. Jahrhunderts. Der Panoptismus ist wohl durch neue, überwachungsstaatliche Maßnahmen reaktualisiert, funktioniert aber anders - einzig die Frage der Delinquenz und des Gefängnisses ist strukturell weiterhin von Relevanz, jedoch nicht mehr im selben Sinne wie einst an die Humanwissenschaften gekoppelt. Irre ich mich? Kann sein.

Aktuell muß man die oben genannte Methodik anders und auf neue Felder anwenden, behaupte ich. Vor allem anderen: Massenmedien, somit auch das Internet, Disziplinierung im Wirtschaftsleben, deren Ausstrahlen auf diskursive Formationen in andere Wissenfelder und Praktiken hienein, die hier begleitenden und konstituierenden Wissensdiskurse und die Flankierung dessen durch neue Formen staatlichen Zwanges und eines neuen Kulturalismus, der diese diskursiven Formationen stützt und flankiert. Man landet dann bei sehr vielem, was bereits die ältere Kritische Theorie formuliert hat, was ja nix Neues ist, die ganze Debatte rund um die Postmoderne in den 80 Jahren basierte unter anderem auf dieser Erkenntnis und trat dann fälschlich als Vernunftlkritik auf.

Theoretiker wie Giorgio Agamben versuchen wohl genau dieses auf dem Feld der staatlichen Macht, die das "nackte Leben" überhaupt erst konstituiert was ich bisher über ihn gelesen habe, überzeugt mich aber nicht. Insofern fordere ich mich einfach selber auf, diese Foucaultsche Programmatik hier nicht aus den Augen zu verlieren ... Gute Nacht.

Zur Konstruktion ethnischer Identität

Gestern mittag in der Firma: In einem lockeren Versammeltsein, ein Brainstorming zum möglichst souveränen Überspringen anstehender Arbeitshürden, entbrennt eine Debatte rund um Bushido und Fler.

Seltsames wird beobachtet: Zum Beispiel, daß, obgleich Sexismus in den Texten dieser Neu-Berliner Schlecht-Rapper (Sehnsucht nach ICE-T, Kurtis Blow, Warren G. und Tupac und Dr. Dre und auch dem Rödelheim Hartreim-Projekt steigt in mir auf, bei letzterem aller Political Correctness zum Trotz - die sind ja meiner Ansicht nach nicht nur stumpf im Hirn, sondern auch musikalisch unerträglich, diese New Kids on the Block aus der Haupstadt) so unverblümt sich äußert, so viele Mädels da im Publikum z.B. von Bushido sich breit machen. Gut, der Mann ist zweifelsohne ganz sexy, daß aber auch bei Fler die "Girls" dann kreischen - so ganz verstanden wir's nicht.

Die Diskussion ging weiter - ein Kollege ...

... erzählt aus seiner Jugend in einem südlichen, arg abseits gelegenen Stadtteil von Hamburg. Ein Mitschüler sei 4 Wochen plötzlich nicht mehr zur Schule gekommen - einer mit Glatze und den rechten Schnürsenkeln im Springerstiefel. Es stellte sich heraus, daß seine Gesinnungsgenossen ihn krankenhausreif geprügelt haben, weil er sagte, Michael Kühnen sei schwul gewesen. Bushido wird der Schlachtruf "Die Tunten sollten vergast werden!" zugesprochen, jetzt engagiert er sich gegen Gewalt an Schulen im Rahmen eines Projekts der BRAVO.

Er hat kommerziell höchst erfolgreich den "bösen Kanacken" gespielt, jetzt muß er den nächsten Schrit tun, und dieser nächste Schritt ist ja weiß Gott nichts Schlechtes. Über Fler hat er sinngemäß im ARTE-Magazin TRACKS gesagt, daß er Fler verstehen würde. Im Hip Hop bräuchte man Lover und Hater, man müsse polarisieren, und als weißer Deutscher habe Fler doch gar keine andere Wahl, als, ich sach's ma' hoffentlich genau genug, mit dem rechten Rand zu kokettieren.

Nein, ich will nicht den Hip Hop für irgendwas verantwortlich machen. Popmusik ist immer Symptom, Katalysator, Ausdruck gesellschaftlichen und kulturellen Wandels, nicht dessen Ursache. Wenn sich im Rahmen derer dann "Ethien" formieren, der böse, männliche Macho-"Kanacke" und "der nationale Widerständler" und dank ganz normaler Marktmechanismen sich massenmedial durchsetzen, verweist das auf ganz andere Felder als jene des Pop.

Wenn Pop in's Spiel kommt, gewinnt die Sache jedoch immer an Brisanz, weil gegen Bilder dessen, was als cool und sexy gilt, Vernünftiges oft kein Gehör mehr findet - Walter Benjamin hat nicht umsonst den Faschismus als "Ästhetisierung des Politischen" gekennzeichnet. Das läßt keineswegs den Schluß zu, jegliche Ästhetisierung des Politischen sei faschistoid, verweist jedoch auf eine zentrale Problematik der "Mediengesellschaft", die Räume des Nicht-Sagbaren oder Nicht-Mehr-Gehört-Werdens konstituiert - keine Schweige-, sondern eine Weghör- und Wegseh-Spirale erzeugt.

Wie ich auf all das komme? Deshalb. Und deshalb (nö, in diesem Fall kein "via").

Das ist alles sooo neu nicht - z,.B. der Kriminiloge und ehemalige niedersächsische Justizminister Christian Pfeiffer hat in diversen Forschungen darüber berichtet. Insofern ist die Frage, ob's denn ein Einzelfall sei oder nicht, auch unerheblich - natürlich formieren sich in "Minderheiten" spiegelbildlich ähnliche Einstellungen wie auf Seiten der "Mehrheitsgesellschaft", und verantwortlich ist auch dafür jeder Einzelne. Das Schema selbst ist dennoch zu kritisieren.

Ich persönlich halte ja Mittel wie das geplante Antidiskriminierungsgesetz im Gegenzug dazu für sinnvoll - das schafft ein klares, rechtliches Statement, und bemerkenswert ist, siehe oben, wie nah sich die Neoreacs in rechten und konservativen Milieus sowohl bei "Immigranten" (sehr oft sind diese auch Deutsche) als auch in der "Mehrheitsgesellschaft" stehen.

Schwulen-Bashing betreiben (macht schließlich auch der Papst), Frauen wahlweise über "bitch" oder die Mutterrolle definieren usw. - dieser ganze falsch verstandene religiöse Kanon differiert ja nur unerheblich, und auch in Sachen Gewalt sind die Vollstrecker der Leitkultur-Ideologien in beiden Lagern so weit nicht auseinander nicht. Würde mich mal interessieren, wie PI das deuten würde, wenn Moscheen brennen? Ganz im Ernst - wäre das dann fehlgeleiteter, aber in der Sache gerechter Zorn der aufrechten Deutschen? Ernst gemeinte Frage. So ungefähr wurde schließlich einst auch die Verschärfung des Asylrechts begründet.

Das Problem liegt ja auf einer ganz anderen Ebene, und das ist auch das Problem des Antidiskriminierungsgesetzes: Dieses zementiert die diskursiv erzeugten Differenzen und reproduziert das Schema Mehrheit/Minderheit, reproduziert die Konstruktion von Ethnien, den Sexismus, diese quasi-fiktive Scheidelinie zwischen "homosexuell/heterosexuell" etc.

Wahrscheinlich sind die hiesigen Kulturen noch nicht so weit, diese Schemata zu übersteigen. Dabei sind genau diese jene Konstruktionen, die die im SpOn- und Tagesspiegel-Artikel beschriebenen Probleme allererst erzeugen: "Platz da für Araber" ist ja nur denkbar, wenn Begriffe wie "Araber" Identitäts-Fremd- und Selbstzuschreibung prägen. Oder wenn Schäuble als Gegensatz zu "schwarz" sofort "blond und blauäugig" assoziiert. Daß auch in den oben erwähnten deutschen Hip Hop diese Konstruktion von Ethnien nunmehr eingedrungen ist, das ist in der Tat neu. Diesen hat alle Kritik zu gelten. Man muß halt durch den Begriff hindurch gehen, um ihn aufzulösen, da hatte Adorno schon Recht. Seeed z.B. machen das sehr gut ...

Es gab mal eine Zeit, da sprach man von "Klassen" statt von "Ethnien". Ohne Scheiß: Mir gefiel das besser ...

10.05.06

Marktliberalismus als Beobachtung dritter Ordnung

Den Robert Nef hatte ich ja hier schon mal am Wickel. Der ist gegen Chancengleichheit und zudem ein Dualist. Das ist immer das Erbe von Religionen, der Dualismus, Gut und Böse halt.

Würde beide Kategorien auch nie zurückweisen, was z.B. PI schreibt, ist meiner Ansicht nach abgrundtief böse, Katholizisten auch im evangikalen Lager passiert das häufig, weil sie Spiritualität falsch verstehen - letztlich taugt's aber nicht zur weltumspannenden Dichotomie, ein solches Begriffsduo als Zentrum von allem und jedem in den Mittelpunkt des Denkens zu stellen. Sowas machen ja nicht umsonst bevorzugt iranische Präsidenten. Bei Nef taucht das ganze als Dualismus Zwang versus Privatautonomie auf:

"Die Gesellschaft ist nicht dreigeteilt in “Staat” “Wirtschaft” und “Sozio-Kultur”, sondern unterliegt zwei grundverschiedenen aber aufeinander bezogenen Steuerungsprinzipien: Zwang und Privatautonomie." (in den Kommentaren bei freilich.ch zu finden).

Das liest sich wie die Beschreibung Luhmannscher "binärer Codes" - z.B. Information/Nicht-Information im Falle des gesellschaftlichen Subsystems "Medien". Der Luhmann war jedoch schlau genug, diverse Kommunikationssysteme ...

... mit differenten, binären Codes zu unterscheiden - Religion, Recht, Politik, Kunst, Wirtschaft z.B., und als Gesellschaft erscheint das Ganze dann auch nur aus der Perspektive des soziologischen Beobachters von Beobachtungen, des Systemtheoretikers. Und die Nummer mit den binären Codes funktioniert auch bei Luhmann nicht, behaupte ich jetzt unbewiesen, weil sie der Komplexität und realen Funktionsweise von Sprachspielen und Diskurstypen nicht gerecht wird. Im folgenden probiere ich damit trotzdem mal rum.

So wird bei diesem chronisch wirren (sorry, ix, geht nicht gegen Dich) Geschreibe von Herrn Nef über Moral im oben verlinkten Kommentar deutlich, um was es sich einem sich auf Fragen des Marktes reduzierenden Liberalismus handelt: Um ein Subsystem des Subsystems Wirtschaft, das jedoch den Umweg über einen Beobachter zweiter Ordnung, der Wirtschaftswissenschaft, wählt.

Wahrscheinlich funktioniert das so (ich hypothetisiere jetzt ganz freilich vor mich hin, ist ja nur ein Blog hier): Vertreter dieser Schule sind Beobachter dritter Ordnung. Soll heißen: Sie beobachten Wirtschaftswissenschaften, welche ihrerseits Wirtschaft als Teil des gesellschaftlichen Subsystems "Wissenschaft" zu beschrieben versuchen. Wirtschaft selbst ist eine Beobachtung erster Ordnung.

Dabei re-implementieren Marktliberale dann jedoch den binären Code der Systemlogik der Wirtschaft selbst - die behaupte ich jetzt mal eigenständig als "Gewinn/Verlust", keine Ahnung, was das bei Luhmann ist - in diese Beobachtung dritter Ordnung, obgleich doch die Wirtschaftswissenschaft als Beobachtung zweiter Ordnung mit dem binären Code "wahr/falsch" operiert. Aus dieser Perspektive nähern sie sich einem Gegenstandbereich wie "Moral" an, der, auf binäre Codes reduziert, in der Dualität "richtig/falsch" operiert, und beurteilen das dann, Bezug nehmend auf den wirtschaftlichen Code "Gewinn/Verlust", aus der genuin religiösen Perspektive als "gut/böse". Letzteres wird dann übersetzt in "Zwang"" versus "Privatautonomie", um "Gewinn/Verlust" zu ermöglichen.

Das bin nicht ich, der hier jetzt exzessiv kompliziert hier vor sich hin dualisiert, das macht der Kommentar von Herrn Nef selbst. Weil der die ganze Zeit behauptet, über Moral zu schreiben, tut er aber gar nicht in seiner Bezugnahme auf seine Wirtschaftswissenschaftler.

"Röpke sieht den Markt als eine Institution, die mehr Moral verbraucht als produziert (...)"

Gewinn und Verlust.

"Ich werde den Verdacht nicht los, dass er auch den “richtig verstandenen marktkonform helfenden und unterstützenden Staat” in den Kreis der moralgenerierenden Institutionen einreihte."

"Moralgenerierende Insitutionen" - es sind nicht Institutionen selbst, die Moral generieren. Ein solcher Satz ist in der Tat entlarvend: Die ganze Analyse klebt fest an dem, was sie kritisiert - wie immer, wenn man eine Position daraus gewinnt, daß man etwas kristiert, und als scheinbare Antwort dann die Negation dessen behauptet. Das ist eigentlich das Bemerkenswerteste am marktliberalen Diskurs: Der ist so fasziniert vom Stalinismus, daß er sich in der Negation dessen erschöpft. Deshalb hat er wirklich konstruktiv und fruchtbar so wenig zu Debatten beizutragen ...

"Ich habe in meinem Votum sogar in Analogie zur staatlichen “Streuerschraube” das Bild der staatlichen “Moralschraube” gebraucht, die, wenn sie zu stark angezogen wird, die Moral-Erträge in einer Gemeinschaft per saldo senkt."

Gewinn und Verlust - "Moral-Erträge" zu behaupten ist zutiefst unmoralisch. Das ist höherer Blödsinn.

Weiter kommt man mit der "Moralschraube" - das ist herrlich Foucault folgend gedacht, aber muß doch von Fall zu Fall spezifiert werden. Wieder trifft es so nur auf Systeme wie die Ex-DDR zu, wo in der Tat eine Pseudo-Moral, die sich aber meines Wissens noch nicht einmal so nannte, zu allerlei Amoralität beitrug. Der Schritt von moralischer Begründung hin zu politischer Macht ist ein hochkomplexer. Die "Moralschraube" kommt wohl am offensichtlichen in der "Werte-Diskussion" zum Tragen, aber genau da ist auch der Kurzschluß zwischen Moral und der strategischen Rationalität des Subsystems Politik am offenkundigsten, siehe Frau von der Leyen.

"Man will das (aus dieser Sicht) intrinsisch angelegte und tendenziell im Zeichen des Moralzerfalls fortschreitende Marktversagen im grossen Stil durch wohlfahrtsstaatliche Massnahmen kompensieren. Dabei ist ja aus Röpkes (und auch aus meiner) Sicht der Wohlfahrtsstaat die Hauptursache des Moralzerfalls…"

Immer noch nicht wurde spezifiziert, was denn nun mit Moral eigentlich gemeint ist. Diese nun an "Marktversagen"
oder "Folgen des Wohlfahrtsstaates" zu knüpfen ist allenfalls suggestiv. Solche Zusammenhänge bedürfen der Explikation und nicht der formelhaften Beschwörung. Ein einziges Mal, bezugnehmend auf Hayek, wird's spezifisch:

"Die moralischen Defizite in einer Gesellschaft können nicht durch “mehr Staat”, sondern nur durch “mehr (negative) Freiheit” ausgeglichen werden. (...) Für mich ist der entscheidende “Moralgenerator” der fremdherrschaftsfreie Tausch (...) “durch Tausch den Feind zum Freund machen”…"

Moral als Tauschbeziehung - Hallelujah. Das steht dann da so - Kant paraphrasierend würde das Zitierte auch für Mafiosi gelten. Sowas kommt bei einer Beobachtung dritter Ordnung dann raus, die nicht sauber zwischen Diskurs- und Rationalitätstypen sowie differenten Systemlogiken unterscheidet.

Einen Versuch zu spezifieren, was denn unter Moral zu verstehen sei, unternimmt Christian (wieso heißen eigentlich fast alle Schweizer Christian?) Schenkel in Auseinandersetzung mit dem gelichen Kommentar von Robert Nef auf libera.lism.us.

"Was ist Moral? Moral ist nichts weiter als die Gesamtheit aller impliziten und expliziten, d.h. gesetzlich kodifizierten, Regeln des Zusammenlebens einer Gemeinschaft. Im Gegensatz zu natürlichen determinieren moralische Regeln das menschliche Handeln nicht, nein, sie qualifizieren es. In einer Demokratie sind die Regeln in einem qualitativen und quantitativen Sinne jederzeit verhandelbar. Dadurch dass alle, die von den Regeln des Zusammenlebens betroffen sind, über ihre Notwendigkeit und Ausgestaltung mitreden und mitentscheiden dürfen, kommt diese Staatsform dem Ideal des autonomen Individuums am nächsten. Der liberal-demokratische Staat ist also keine moralische Instanz, die darüber entscheidet, wie seine Bürgerinnen und Bürger zu leben haben."
Das ist prinzipiell richtig, aber bringt nun seinerseits einiges durcheinander. "Implizite und explizite" Regeln, wobei letztere dann das Recht seien, greift zu kurz. Es gibt nicht umsonst auch Insitutionentheorien, die Instituionen als "Regel" explizieren, das gilt dann aber auch für's Händewaschen vor dem Essen. Rechtliche und moralische Regeln haben zudem differente Begründungsmodi. Richtig ist, daß der liberal-demokratische Rechsstaat dem Ideal des autonomen Individuums am nächsten kommt, aber nicht, weil ständig über Moral zu diskutieren wäre. Moral thematisiert die unhintergehbaren, wechselseitigen, grundlegenden Regeln des Zusammenlebens, der Interaktion, vom Standpunkt der Unparteilichkeit aus und gilt universal.

Recht und Politik sind funktionale Teilsysteme, die einer so auszuformulierende und zu begründenden Moral möglichst nicht widersprechen sollten, sie haben jedoch in sehr vielen Fällen einen viel weiteren Gegenstandsbereich und können in sehr differenten Formen auftreten: Moralisch ist es unerheblich, ob man ein 1-,2-,3-Kammern-Parlament hat oder im Rahmen der Straßenverkehrsordmung auf Links- oder Rechtsverkehr setzt.

Lange Rede, kurzer Sinn: Die Verkürzungen und Kurzschlüsse der Staat-Individuum-Entgegensetzung führen zu rein gar nichts, sind deskriptiv falsch bis ungenügend. Erstaunlich, daß ein solcher Diskurs so wirkungsmächtig werden konnte.

Und was denn Moral, was Recht, was Wissenschaft, was Politik sei muß man zunächst mal spezifizieren, bevor man alles durcheinander würfelt ...

09.05.06

Bürgerbegehren, Kultur und Individualrechte

So, dann nutze ich doch mal die Gelegenheit, auf den nutellafarbig und nicht minder fettig glänzenden Rand der Blogosphäre Bezug zu nhemen, ohne ihn direkt verlinken zu müssen. Weil Statler auf einen dortigen Eintrag Bezug nimmt, meiner Ansicht nach jedoch in seiner Kritik haarscharf am eigentlich wichtigen Thema vorbeischrammt.

PI, allseits berüchtigt, beklagt, daß Volksbegehren gegen den Bau von Moscheen nicht stattgegeben würde. Daß dieser Protest dann in rechte Ecke gestellt würde - ja, wohin denn sonst? Köln-Ehrenfeld, Berlin-Heinersdorf und München sind die Schauplätze des Geschehens - ein empörter Bürgermob ...

... wendet sich an diesen Orten gegen Grundrechte, und PI findet, wenn ich's richtig verstehe, daß diese angesichts eines "demokratischen" Aufschreis dann auch nix wert seien. Beizupflichten ist ihm allerdings, daß in diesem fall auch meiner Ansicht nach ein Rassismus-Vorwurf meinem Informtaionsstand nach nicht zu rechtfertigen ist, da lasse ich mich aber auch allzugerne eines Besseren belehren ...

Dieser Aufschrei der Bürger ist zwar noch nicht bei Hoyersverda oder Lichtenhagen angekommen, die Motivlagen werden mutmaßlich ähnlich sein. Zur Begründung, warum denn Moscheen nicht in treudeutsche Wohngebiete gehörten, wird dann im Nebensatz z.B. erwähnt, daß Moslems ja vergewaltigen würden - die Teilnehmer der Versammlungen haben wohl wahlweise PI oder die EMMA gelesen.

Was für ein Nullsatz: Auch manche Christen vergewaltigen gelegentlich, ebenso soll das schon bei Hamburgern, Polen, und Römern vorgekommen sein. Und es ist bei allen gleichermaßen schlecht und böse - erwähnt sei am Rande, daß der Tatbestand "Vergewaltigung in der Ehe", der christlichen Ehe, auch nicht mal eben so, ganz selbstverständlich, in Deutschland durchzusetzen war. Vielleicht wurde es als Eigentumsrecht verstanden, als Besitz des Körpers der Angetrauten? Egal, ein Pauschal-Urteil gegen Deutsche oder Christen kann das nicht begründen. Und ein Eintreten für die Frauenrechte - die INDIVIDUALRECHTE sind - sollte es auch nicht verhindern.

"Alle gleichermaßen" - bemerkenswert ist, wann die Neue Rechte auf einmal "Demokratie" kreischt und in einem Atemzug damit wenig überraschend belegt, daß sie diese weder verstanden hat noch deren fundamentale Regeln zu akzeptieren bereit ist.

Da wird die folgende Meldung aus dem Hamburger Abendblatt zitiert:


"Berlin (dpa/bb) - Das Bürgerbegehren gegen den Bau einer Moschee in Berlin-Pankow ist nach Angaben der Innenverwaltung verfassungswidrig. Es greife in das Grundrecht auf Ausübung der Religionsfreiheit ein, sagte Sprecherin Henrike Morgenstern am Montag."

PI zeigt sich tief erschüttert angesichts diesen Verweises auf Grundrechte, wo doch das Volk gar nicht wolle, daß Menschen diese Rechte auch wahrnähmen. Womit der grundsätzliche Gestus dieser Agitatoren eben auf den Punkt gebracht ist: Individualrechte wie das Recht auf Reilgionsfreiheit interessieren diese ebenso wenig wie den rechten Rand der CSU. Demokratie, die Grundrechte Einzelner negieren will, ist keine - sondern ein offenkundig selbstwidersprüchliches Unterfangen.

Ein Punkt, der angesichts aller "Multikulti"-Debatten von Relevanz ist. Da werden zu häufig, und das nicht nur bei der extremen Rechten, zwei Ebenen nicht unterschieden: Jene der Kultur selbst und jene der nur und ausschließlich postraditional zu begründenden Individualrechte.

Diesem Thema widmet sich auch Jürgen Habermas in "Zwischen Naturalismus und Religion", Frankfurt/M. 2005. In einem Artikel mit dem Titel "Kulturelle Gleichbehandlung - und die Grenzen des postmodernen Liberalismus" setzt er sich u.a. mit dem kanadischen Philosophen Charles Taylor auseinander.

Dieser betrachtet in seinem 1993 veröffentlichten Werk "Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung" den Erhalt der französischen Sprache in Quebéc als eine Art "Wert an sich" und ist im Rahmen einer Politik des survivance, des Überlebens, gar bestrebt, "Angehörige dieser Gruppen zu erzeugen, indem diese Politik beispielsweise dafür sorgt, daß sich auch künftige Generationen als Frankophone identifizieren." (zitiert nach Habermas, Jürgen, a.a.O., S. 311).

Kein Schelm ist, wer dabei an den "Erziehungsgipfel" von Frau von der Leyen denkt. Ansonsten: "Autsch!", bei all meiner sonstigen Bewunderung für Charles Taylor. Wobei ich mir sicher bin, daß Benedikt und PI Hand in Hand das auch super fänden, wenn an der Stelle von "Frankophone" man Christen setzte und das Ganze dann auf Deutschland bezöge.

Habermas entgegnet:

"Das Argument stützt sich unausgesprochen auf die Prämisse, dass die kulturellen Ressourcen gewissermaßen vor ihren individuellen Nutznießern einen Vorrang haben (...). Daß sich Rechte unmittelbar auf kulturelle Ressourcen beziehen können, ist nicht trivial. Denn dann muss sich die Schutzwürdigkeit dieser Kollektivgüter unabhängig vom Interesse der Bürger an der Aufrechterhaltung ihrer persönlichen Indentität rechtfertigen lassen. Kollektive Rechte, die eine Gruppe nicht im Dienste der kulturellen Rechte ihrer individuellen Mitglieder stärken, sondern auch über deren Köpfe hinweg direkt dem Fortbestand des kulturellen Hintergrundes des Kollektivs dienen, bergen ein Potential gruppeninterner Unterdrückung. (...) Eine Überlieferung muss ihr kognitives Potential so entfalten können, dass die Adressaten die Überzeugung gewinnen, es lohne sich, genau diese Tradition weiterzuführen. Und die hermeneutischen Bedingungen für die Fortsetzung von Traditionen können eben nur durch individuelle Rechte sichergestellt werden." (Habermas, Jürgen, a.a.O., S. 312 - 313)

Und da sage noch jemand, es gäbe keinen Linksliberalismus! Klar ist, daß die Ebenen-Differenz zwischen moralisch zu begründenden Individualrechten und Kultur, die sich ein Individuum ggf. selbst aus Überzeugung aneignet, gleichermaßen zur Kritik bestimmter Auswüchse in deutsch-muslimischen Milieus dienen kann (und nicht nur dort) als auch zur Kritik der Neuen Rechten. Übrigens auch zur Kritik einer substantialisierten, selbst kulturell gedeuteten Aneignung des "liberalen Erbes" von Hayek bis Popper. Bürgerbegehren können solche Individualrechte nicht aushebeln, und zu diesen gehört halt auch das Recht auf Religionsfreiheit.

Statler macht nun den selbst kulturell folgenschweren Fehler, daß er gar nicht direkt auf die Begründung von Individualrechten Bezug nimmt, sondern sofort bei einem Recht, das allenfalls aus diesen abzuleiten wäre, ansetzt, nämlich dem Recht auf Privateigentum. In Kreisen der Marktliberalen wird immer davon ausgegangen, Besitzrechte und das Recht auf Vertragsfreiheit seien ein Erstes. Das stimmt aber nicht. Was dann auch in Zukunft hoffentlich als Thema in Debatten in diesem und anderen Blogs auftauchen wird ...

08.05.06

Hegel zwingt immer, ...

... zur Vereinfachung - trotz der Komplexität seines Systems.

Heutiger Beleg für den Hegelianismus als großem Vereinfacher: Alan Posener (via Liberale Stimme), eigentlich ja ein origineller und wendiger Kopf, immer für gute Pointen gut.

Daß jedoch jegliche sinnvolle Erkenntnis durch Hegel eingeschränkt wird, zeigt auch sein Text zu zwei Büchern aus den 90ern (oder ist Fukuyamas These vom "Ende der Geschichte" Ende der 80er? Egal!). Hegel nervt deshalb, weil er a.) totalisiert, die Immanenz von allem und jedem behauptet und b.) eben alles in Dualismen überführt - nix anderes ist ja die Dialektik, die zwei Elemente zueinander in Widerspruch bringt, um diese dann auf einer "höheren" Stufe "aufzuheben".

So was gibt's, zweifelohne, es ist aber nur eine Dynamik in der "Bewegung" diverser "Wirklichkeiten".

Posener sebst beschreibt Welt ...

... auch nur zum Teil so, findet aber gut, daß George W. Bush sich wie der objektive Weltgeist gebährdet - übrigens genau der verhehrende Fehler Leninis, der aus den geschichtsphilosophischen Automatismen Marx' dann die Praxis abgeleitet hat.

"Hand aufs Herz: Was für ein Amerika ist uns da lieber? Ein Land, das an seine weltgeschichtliche demokratische Mission glaubt, an die Vision Schillers, Hegels, Fukuyamas – oder ein Land, das sich wieder abwendet vom alten Kontinent, das sich wieder einigelt in seine Selbstgerechtigkeit, wie nach dem Ersten Weltkrieg?"
Typisch für Hegelianismus ist, die Welt auf gerade mal 2 Alternativen reduzieren zu wollen.Als gäbe es nur diese beiden.

Insofern ist eine vereinfachende Opposition "Europa" versus "Amerika", die Posener zu recht geißelt, natürlich auch unsinnig. Wenn man den Text von Posener jedoch durchgeht, fällt auf, daß er dieses Schema zwar aufzubrechen versucht (z.B. durch's Übernehmen der Diagnose der "multipolaren Welt"), letztlich aber doch in den entscheidenden Passagen reproduziert.

Und das, obgleich er auf die Poppersche Totalitarismus-Kritik im Vorbeigehen kurz eingeht, diese jedoch gar nicht als Totalitarismus-Kritik rezipiert, sondern nur als Explikation des Fallibilismus, dabei hängt beides durchaus zusammen. Die geschichtsphilosophische Totalisierung ist's ja gerade, DIE GESCHICHTE als eine Art Gott zelebriert, auf den man sich praktisch beruft und dem alle die versplitterten Individuen, Milieus und konkreten Lebenformen, Diskursformationen und gewachsenen oder brutal durchgesetzten Strukturen, die historischen Brüche und Verschiebungen überall auf der Welt sich dann zu fügen hätten. Da war der Popper schon ganz pfiffig in seiner Kritik.

Das Problem an Texten wie diesem vom geschätzten Posener ist, daß hier mit Mitteln der Kulturkritik auf ein gewaltiges Epos angespielt wird, daß Lyotard nicht umsonst als "Die großen Erzählungen" bezeichnete. Er meinte damit sowohl den Marxismus als auch jene, die glauben, "der Kapitalismus" sei nunmehr die treibende Kraft im Verlauf von DIE GESCHICHTE.

Den Kapitalismus gibt's ja nur theoretisch. Faktisch gibt's in manchen Weltregionen Kinder, die Fußbälle nähen, in anderen Rentener, die von ihrer Rente nicht leben können, in wieder anderen Favellas und hier Hartz IV und unüberschaubar anderes mehr. Man kann der Postmoderne mit guten Gründen Kulurrelativismus als Ergebnis vorwerfen, aber Derrida, Lyotard und Foucault haben Konstruktionen wie DIE GESCHICHTE schon vor Fukuyama gekonnt zerlegt, am brilliantesten wohl Foucault in "Die Ordnung der Dinge". Totalisierende Gesamterzählungen sind a.) theoretisch unhaltbar und b.) neigen dazu, totalitär zu werden. Nicht umsonst hat Hannah Arendt sich auf Kants Urteilskraft bezogen ...

Das zur Kenntnis zu nehmen hilft ungemein - denn ansonsten bleibt man wie Posener und die meisten Marktliberalen im Paradigma von 68 hängen. Das war - von den genannten Franzosen abgesehen - eben eines des Hegelmarxismus, und die "Weltbeglückung durch Kapitalismus"-Prediger bewegen sich ja in dessen diagnostischem Rahmen, wie Posener ganz unverblümt zugibt. In dieser Hinsicht ist der Text auch lehrreich.

Denn auch diese ressentimentgeschwängerte Darstellung dessen, was der politische Gegner sei, ist zweifelsohne an Adorno geschult, ohne dessen weitere Denkschritte in Richtung einer negativen Dialektik des Nicht-Identischen noch nachvollziehen zu wollen. Dieser Gestus des Diskreditierens, in Säcke packen und dann Draufhauens kennt man aus der Kulturkritik der älteren Kritischen Theorie, wobei Posener mit deren Brillianz dann doch nicht mithalten kann. Am unverschämtesten wird das Ganze, wenn Kritik an "Neocons" dann im Finale dieser geballten Kulturkritik - so suggeriert Posener pauschal dem Antisemtismus zugeschlagen wird:

"Und Deutschlands Intellektuelle, bis vorgestern noch selbst mehrheitlich Hegelianer Marx’scher Prägung, reagieren auf Amerikas universalistischen Anspruch gepaart mit Amerikas Macht wie weiland ihre romantischen Vorfahren auf den universalistischen Anspruch Frankreichs gepaart mit Napoleons Macht: Man entdeckt das Eigene wieder, das sich vor allem durch die Abgrenzung zum Fremden definiert: damals das „Welsche“, heute das Amerikanische. Man wird, trotz Ferienhäuschen in der Toskana, zum Globalisierungskritiker; zum Kulturrelativisten, ob defensiv wie die Multikulturalisten, ob offensiv wie die Leitkulturhammel. Man feiert die Wonnen der Religion, der Familie und der Provinz, und fordert für all das eben noch als spießig Diffamierte den Schutz des Staates. Man predigt einen nationalen Sozialismus gegen das heimat- und herzlose Finanzkapital, gegen die jüdischen Heuschrecken der Hedge-Fonds und die amerikanisierten Ackermänner der Deutschen Bank, kurz: gegen das raffende im Gegensatz zum schaffenden Kapital; gegen die Zumutung „amerikanischer Verhältnisse“ in der Sozialpolitik und die Zumutung betriebswirtschaftlicher Rechnungsführung in der Oper. Man imaginiert ein Europa, das am deutschen Wesen genesen soll, ein Europa nicht des freien Wettbewerbs, sondern der Zünfte und der Kungelei. VW ist das Modell Deutschland: Huren für die Arbeitervertreter, Luxusmarken für die Manager, derweil chinesische, tschechische und polnische Arbeiter den Überschuß erwirtschaften, von dem die Wolfsburger leben. Man altert vor sich hin und befördert Bücher wie „Minimum“ an die Spitze der Bestsellercharts. Man vergißt die Kriege im Kosovo und in Afghanistan mit ihren Kollateralschäden und mutiert zur „mittleren Friedensmacht“, im Gegensatz zur großen und kleinen Kriegsmacht. Man sagt wieder offen, daß die Juden die Welt beherrschen, nur nennt man sie jetzt „Neocons“. Man betet heimlich: Gott strafe Engelland. Äh, Amerika."

Ein solcher Absatz erübrigt die Lektüre von 95% der sich liberal wähnenden Blogs, da ist ja alles versammelt. Klar, das alles gibt's - aber was sagt denn eine solche Aneinanderreihung eigentlich aus?

Den Antisemtimsus gab's und gibt es immer schon auch auf der Linken, da auch Marx zu erwähnen, ist richtig, ebenso, daß das geißeln des "Westlichen Krämerseelengeistes" wichtiges Element der Vorgeschichte von '33 war - aber die These, daß Antisemitismus immer primär Antiliberalismus gewesen sei und Liberalismus notwendig einen entfesselten Markt bedeute ist a.) historisch falsch und b.) eher Diskursstrategie denn der Wahrheitsfindung dienlich. Sowas ist für Claquere geschieben, nicht, um irgendetwas Sinnvolles über die Welt auszusagen.

Bemerkenswert ist, daß im ganzen Text nur einmal spezifiziert wird, was denn nun Kapitalismus sei: Networking. Das ist wohl auch zwischen Genossenschaften oder Kombinaten prinzipiell vorstellbar (wobei ich für letztere nicht plädieren würde). Und was Demokratie so alles heißen kann, wird auch wie üblich unterschlagen - ebenso, daß ein freier Markt eben diese auch gefährden zumindest kann. Das sieht man ja gerade hierzulande.

Demokratie tritt wie ein Wortfetisch in die Debatte, um Bombenschmeißen zu legitimieren - kein Argument hierzulande, außer in den Randbezirken postmodernen Denkens, wo ein kruder Kulturrelativismus dann tatsächlich nur den konservativen Blick auf "arabische" und persische" Lebensformen reproduziert und behauptet, diesen sei Demokratie aufgrund ihrer wahlweise tribalistischen oder religiösen eben nicht zuzumuten, ist mir gegen z.B. den Irak-Krieg bekannt, daß Demokratisierung per se doof fände.

Womit der wesentliche Einwand schon fomuliert wäre: Die Kritik besagte doch nur, daß der konkrete Weg so nicht funktionieren würde (eine Kritik aus Popperschem Geiste) - und daß Krieg eben nicht das Gute ist. Allenfalls letztes Mittel zum Zweck.

Der zitierte Absatz belegt vor allem eines: Eine Biographie, die aus 68 nix gelernt hat und jetzt im selben Sinne pro-amerikanisch ist, wie einst die verballhirnten Ideologen der Stamokap-Theorie dagegen waren. Da macht eine Berufung auf Hegel schon Sinn. Und ansonsten ist das Ganze auf eine innerdeutsche Kulturkritik im Feuilletonisten-Milieu reduzierbar - man konstituiert da Lager zu Selbstaufwertungszwecken, behauptet DIE ZEIT und die Süddeutsche dann als "linksspießig" und will anders sein. Das sei gegönnt, sagt aber nichts. Dabei ist man sich auch nicht zu schade, inflationär den Antisemitismus-Vorwurf zu instrumentalisieren. Das hat was von Schulhof. Über reale Zustände überall auf der Welt sagt es wenig nur aus ...

07.05.06

'ne Rückrunde Kitsch: Shirley Bassey's "Still"

Die Bayern schon wieder Meister und Pokalsieger, "Wixer, Arschloch, Hurensohn"-Gesangsvereine wie Essen und Aachen steigen auf (sorry, Eule70, ich kann da nicht aus meiner Haut!), Sympathen wie Köln oder Duisburg verlassen die erste Liga und wir bleiben in der dritten, während Oberhausen es wohl nicht mehr packt - worüber soll man sich in dieser Saison eigentlich noch freuen?

Gut, Mainz hat den Klassenerhalt geschafft , der HSV wurde zum Glück nicht Meister und hat sich gestern bei der so unangenehmen Hertha wenigstens mal wieder ordentlich blamiert, den Bochumern und Jenesen gönne ich Aufstiege von ganzem Herzen ... daß mein Millerntor-Verein auf der Zielgeraden nach all der Euphorie so jämmerlich verreckte, das verstehe ich trotzdem nicht.

Kein Nachbericht zum Wattenscheid-Spiel, kein Vor-, kein Nachbericht zum gestrigen 0:2 in Essen (es gibt nur eine Hafenstraße!, für die steht der Totenkopf im Logo) hier im Blog , noch nicht einmal mehr in unserem Forum werden die Spiele diskutiert - soll dies große Nichts, das einen überfällt wie die Zahnfee, nun wirklich alles gewesen sein?

Zum Glück gibt's ja die großen Hymnen alter Diven ...


... als Trost beim Liebeskummer. Denen hörend folgen heißt, Enttäuschung in die Lust am großen Pathos umzumünzen ... heute: Shirley Basseys "Still".

"Baby"

... ja, nach Jahren redet man seinen Verein dann so zärtlich an, er ist wie ein guter Freund geworden und somit überlebensnotwendig, und auch gute Freunde frustrieren ja immer mal wieder ...


"Morning's just a moment away
And I'm without you once again"

... einfach, weil man bei einem solchen Saisonfinale einfach gar nix mehr fühlt. Und die Anwesenheit des Anderen sich in dessen Abwesenheit im Gefühl zeigt. You left me, my FC St. Pauli - ich weiß, es ist nur eine kurze, eine sehr schnell vorrübergehende Trennung, trotz alledem: Wir hatten doch so schöne Zeiten in dieser Saison!

"You laughed at me ..."

Ja, bei jeder vergebenen Großchance, z.B. gegen Wuppertal, fühlte ich verhöhnt. Bei ersten Halbzeiten, in denen nach 3 Minuten "Wir wollen zeigen, wer hier der Herr im Hause ist!" ein an sich tolles Team in F-Jugend-Fußball verfiel und gegen potenzielle Absteiger spielte wie ein solcher, das war, wie auf dem Schulhof ausgelacht zu werden ...

"You said you never needed me
I wonder if you need me now"

So fühlte es sich an, wenn die Leidenschaft auf den Rängen durch stümperhaftes Rumgegurke auf dem Platz eine Antwort fand, da wähnte man sich nicht gebraucht, überflüssig.

Aber jetzt geht's ja bald wieder um den Dauerkartenverkauf, da wirst Du mich wieder umwerben, irgendein Stareinkauf wie in der letzten Saison Thomas Meggle wird verkündet werden, und doch, der Glaube wird zunächst mir fehlen ...

"We played the games that people play"

- gemeint ist Fußball -

"We made mistakes along the way
Somehow I know deep in my heart
You needed me"

Ja, liebe Mannschaft, lieber Trainer, die Fehler sehe ich dann doch bei euch ... wir brauchten euch auch, und gegen Bochum, Berlin und Bremen habt ihr uns alles gegeben, wir spürten, wie auf den Wellen der Massen-Euphorie ihr euren Seelenhunger stilltet und ihr uns brauchtet - und doch:

"Remembering the pain, if I must stay"

Ja, wir müssen da bleiben, auf den harten Drittliga-Bänken, während ihr, massenmedial im Kamera-Focus euch als Spieler neu erfindend, euch schon in neuen Sphären wähnend den Gesamterfolg dieses weltweit einzigartigen Vereinskosmos' zum individuellen Sprungbrett degradiertet ...

"It's deep in my mind, and locked away
But then most of all
I Do Love You
Still"

Ja, lieber FC St. Pauli, und aktuell tut's noch nicht mal mehr weh.

"Memories
Times I'm sure, will never forget
Those feelings we can't put aside
For what we had"

Ja, Pokalsiege, das 3 zu 0 gegen Essen im Hinspiel, diese - waren's 7? - Siege am Stück in der Hinrunde, ja, selbst dieses Gefühl, ihr würdet nach einer völlig verkorksten ersten Halbzeit auch gegen die Nazis in der Chemnitz-Fankurve spielen, sie niederringen, ihnen zeigen wollen: So nicht, verpißt euch!

"Sometimes I try to understand
But it's so heavy on my mind
So many dreams that flew away
So many words we didn't say"

Ja, ja - seufz ...

"Two people lost in a storm"

Gemeint sind Stani und Truller, die sind der FC St. Pauli, und auch sie wurden von Trainer und Mannschaft dann im Stich gelassen ...


"Where did we go?
Where'd we go?
Lost what we both had found
You know we let each other down
But then most of all
I Do Love You
Still"

Wat'n Kitsch! Und doch: Wie wahr ...

Es ist Sonntag morgen, die Sonne scheint - und ich sach ma': Eine neue Mannschaft ist wie ein neues Leben, eine neue Saison ist eine neue Chance, und zum gleichen Zeitpunkt nächsten Jahres wird dann weder "J'avais rèvè d'une autre vie - mais la vie a tué mes rèves ..." aus "Les Misèrables" auf die aktuelle Lage angewandt noch "Ich liebe das Leben" von Vicky Leandros (um im selben musikalischen Kosmos zu bleiben) hier in diesem Blog zerlegt werden, sondern ganz klar: "Get up, stand up" von Bob Marley. Ein anderes musikalisches Feld - dann geht's ja nicht mehr um das Überführen der Enttäuschung in die Lust am Pathos. Sondern um das Recht auf die nächsthöhere Liga ...

05.05.06

Gerechtigkeit und gutes Leben

Die Woche der Philosophen-Zitate in diesem Blog - heute: Martin Seel.

"Ein gutes Leben (für jene, die ein selbstbestimmtes, personales Leben führen können) besteht darin, in der Dauer ihres Lebens einen bestimmten Gebrauch dieser Fähigkeit zu machen - den einer freien, vollzugsorientierten und weltoffenen Lebensführung, die Zugang zu gelingender Interaktion, gelingender Arbeit, gelingendem Spiel und gelingender Betrachtung hat. Unparteiliche und allgemeine Rücksicht auf diese Lebensmöglichkeit (...) macht den Kern einer Moral der wechselseitigen personalen Anerkennung aus."

Martin Seel, Versuch über die Form des Glücks, Frankfurt/M. 1995, S. 249

Für mich hat das auch politische Implikationen - und zeigt, daß Kooperation eben die Möglichkeitsbedingung von Freiheit ist, nicht deren Einschränkung (man vergleiche die Diskussion in den Kommentaren hier).

Reich sie in's Heim: "Besatzer"-Kinder

Manchmal zappt man eigentlich zufrieden durchsonnt durch die Kanäle, und plötzlich stockt der Atem: So gestern mir widerfahren, als ich bei ARD Extra in diese Reportage hineingezogen wurde: "Die Kinder der Besatzer". Da ist der Titel außerordentlich unglücklich gewählt, für mich waren das immer noch Befreier, nicht Besatzer. Auch wenn sich bei der Sowjet-Armee schon kurz darauf dann doch das Besatzertum durchsetzte.

Erzählt wurden Geschichten Einzelner, die Schicksale von Kindern, gezeugt von US- und französischen Soldaten. U.a. eine Grundschullehrerin, die Tochter eines schwarzen G.I.'s. Wohin und warum der verschwunden ist wurde nicht erzählt, auf jeden Fall fand die Mutter des Kindes sich als alleinerziehend im Franken der 50er Jahre wieder. "Bekam" dann trotzdem noch einen weißen Mann "ab", eine ganz normale Familie entstand. Aber nein: Per Jugendamt wurde die Frau genötigt, ihr Kind in ein speziell für solche Kinder vorgesehenes Heim zu geben. Haarsträubend! Es wurde berichtet, damals sei diskutiert worden, diese Kinder doch lieber in's Land ihrer Väter zu schicken. Die paßten doch nicht hierher...

Wochenschauen von 1955 wurden eingeschnitten über das "Problem der Mischlingskinder" - in manchen Phasen deutscher Geschichte hatten die Volksgenossen ein Selbstverständnis wie die Hunde. Auch nicht viel besser allerdings in einer Passage der Off-Text: Die junge Bundesrepublik sei mit diesem "Problem" (sinngemäß) "überfordert" (wörtlich) gewesen. Da drang ein Hauch von Verständnis durch - mir unverständlich, ich war empört. Was nun an schwarzer Haut überforden soll, will mir ja bis heute nicht in den Kopf hinein. Wird aber erstaunlich oft geäußert, dieser Gedanke.

Klar wurde aber beim Zuschauen, daß es neben der Aufarbeitung der Kolonialgeschichte Deutschlands auch sonst noch viel zu tun gibt: Die Nachkriegsgeschichte ist seit dem Mauerfall fast zur adenauersierten Tabuzone verklärt. Dabei wirkt dieses "Mischlingskinder"-Gerede bis in diese "Gerald, Du bist nicht Deutschland"-Kampagne fort ... schlimm. Diese völkische Ursuppe muß endlich raus aus den Hirnen.

04.05.06

Mythos und Politik

"Heiligkeit oder Unheiligkeit, Zugänglichkeit oder Unzugänglichkeit, Segen oder Fluch, Vertrautheit oder Fremdheit, Glückverheißung oder drohende Gefahr."
... so kennzeichnet Ernst Cassirer den "mythischen Raum" (E. Cassirer, Mythischer, ästhetischer und theoretischer Raum, in ders: Symbol, Technik, Sprache, S. 103, Hg: E.W. Orth / J.M. Krois, Hamburg 1985, S. 103, zitiert nach: Volker Gerhardt, Vernunft aus Geschichte, in, H-J. Braun, H Holzhey, E. W. Orth, Über Ernst Cassirers Philosophie der symbolischen Formen, Frankfurt/M. 1988, S. 233).

Das ist außerdordentlich spannend, sich mit Cassirers Kennzeichung des Mythischen als symbolische Form zu beschäftigen, hat der in's New Yorker Exil geflüchtete, Hamburger Philosoph doch ähnlich wie Horkheimer/Adorno den Rückfall in's Mythische als das entscheidende Strukturmerkmal des Nationalsozialismus begriffen und wägte jede Form des Politischen in Gefahr, in's Mythische zurückzukehren.

Der Mythos ist für ihn, ...

... wenn ich's richtig verstanden habe, so eine Art symbolische Ursuppe, in dem Signifikat und Signifikant, Symbol und das, wofür es steht, noch eine unauflösliche Einheit bilden.

In seiner Philosophie der symbolischen Formen beschriebt er (wenn ich's jetzt richtig erinner, ist wirklich eine Weile her) die fortschreitende Abstraktion der symbolischen Formen im Zuge der kulturellen Evolution von ihrem Gegenstand.

Heraus kommt eine Theorie verschiedener Darstellungsformen, aufgegliedert in verschiedene Weisen der Abstraktion - am fortgeschrittensten sei die Wissenschaft mit Formeln wie "E - MC Quadrat" (keine Ahnung, wie man die 2 hochkriegt). Sprache, Kunst, Religion, Mythos und Wissenschaft sind die symbolischen Formen, und wichtig ist das Verständis der Kennzeichnung des Mythischen, wenn man z.B. das hier liest:


"Der Staat kann sicher gut Geld einziehen, verteilen und ausgeben — aber Wohlstand schaffen und sichern? Sparsam mit den Einnahmen umgehen? Die optimalen wirtschaftlichen Entscheidungen treffen?"

Ich lese das mal als Symptom. Vielleicht ist's auch religiös im Cassirerschen Sinne, die Religion tritt durch monotheistische Gottheiten als Abstraktion in die Welt, da ist nicht mehr der Baum selbst die Gottheit, die ist irgendwo anders. In den Gesetzen des Marktes, z.B..

Eine Art Liturgie ist dieses Nachbeten nichtsdestotrotz: Für die einen ist das aktuelle Handeln des bolivianischen Präsidenten dann eben ein Schlag ins Gesicht des oder der Neoliberalen, die anderen reproduzieren ihr Credo von Staat versus Marktwirtschaft, am differenziertesten wie üblich Statler.

Ansonsten die totale Öde der Wiederholung irgendwelcher Mantras, zu denen meditativ und zirkulär im oben skizzierten, mythischen Raum alle im Kreise sich drehen und sich dabei selbst auf die Schulter klopfen "Ich glaube an den Markt, den Barmherzigen" usw..

Auch die Kapitalströme, die durch die Welt fließen, haben etwas von Styx und Ganges und den anderen mythischen Strömen, an denen man das Ritual ideell oder faktisch zelebriert - sie nähren und versorgen uns wie der Busen der Natur. Glücksverheißung und das Bannen drohender Gefahr werden ineins gedacht, wenn man in ihren Auen weidet, die Gegenseite fühlt sich überschwemmt - und so planschen alle in den seichten Gewässern der Grundsätzlichkeit, die, wie Pfähle dann eingerammt, die Bauten tragen sollen wie einst bei den Wikingern (ich mußte das Bild jetzt einfach exzessiv durchdeklinieren).

Vielleicht liegt's aber auch nur daran, daß über Bolivien, nicht über Uruguay diskutiert wird. Das hat noch mehr Magie. Nicht zuletzt Funny van Dannen denkt oft an Uruguay:

"Ich war nocht nicht in Uruguay und ich muß auch gar nicht hin.
Wahrscheinlich ist es nur das Wort, dem ich verfallen bin.
Es klingt so wild und dunkel, ja, es klingt nach Zauberei:
3 U auf engstem Raum - ich denke oft an Uruguay."


03.05.06

Nicht mitspielen dürfen

Emma-Titel.jpg

Manche Textpassagen gehen einem tagelang durch den Kopf. Selbst dann, wenn sie olle (aber bedeutende) Briefe aus dem 19. Jahrhundert weiterspinnen. Birgit Recki, Philosophie-Professorin an der Hamburger Universität und Leitung der hiesigen Ernst-Cassirer-Arbeitsstelle, bespricht im aktuellen Merkur das aktuelle "Kong Kong"-Remake. Äußerst lesenswert, wie sie den Film als eine Art Mythos der Menschwerdung interpretiert. Hängen blieb bei mir folgendes:


""Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt", heißt es bei Schiller im fünfzehnten seiner Briefe über die Erziehung des Menschengeschlechts. Das heißt aber auch, und Schiller notiert es mit aller gebotenen Vorsicht, daß wir überall dort, wo wir Spielerisches in der Natur antreffen, schon auf dem Weg zum Menschlichen sind." (Merkur, Mai 2006, S. 454-455)

Schön! Ausgeschlossen zu werden, wenn Männer miteinander spielen - darüber empört sich die EMMA auf unterschiedlichen Niveaus in der aktuellen Ausgabe. Im Wesentlichen ...

... wollen die Texte belegen, daß Frauen gut sind, weil Männer schlecht sind, was doch ein wenig Old-School-Feminismus ist. Das Ganze gipfelt in der Titel-Story. Dessen auf einem dem Artikel beigefügten Foto keck-provokativ in die Kamera grinsende Autorin Cornelia Filter bringt ganz amüsant alles durcheinander, tarnt im Vorbeigehen noch ein wenig Homophobie als Kritik an verdrängter Homophilie und legt ein paar Feuerwerke wie z.B. das Folgende:


"Anders als in Europa war Feministinnen in Amerika der Marsch durch die Instituionen gelungen. Überall machten sie mit: in Politik, Wirtschaft, Kultur, Medien, Forschung und Wissenschaft, Militär und Sport. Zum "Gegenschlag" holte die Neue Rechte unter Ronald Reagan und George Bush senior aus. Das militante Fußvolk stürmte Abtreibungskliniken, während die geistige Elite gegen die Berufstätigkeit von Frauen mobil machte und die Mutterschaft als heilige, weibliche Pflicht pries."

Von der Leyen und Schirrmacher, ich hör euch trapsen!

"Unter Bush Junior hat sich die Lage zugespitzt. Und es kommt nicht von ungefähr, daß zu seinen eifrigsten Unterstützern ein neuer christlich-fundamentalistischer Männerbund gehört, der drei Millionen Mitglieder hat: die "Promise-Keepers". Nicht zufällig ist der Gründer ein Football-Trainer. Wie bei einem Football-Team geht es den Promise-Keepers, schreibt Helmut Blazek in seinem Buch über Männerbünde, "um die Verteidigung männlicher Ehre, die Unterordnung des Individuums unter den Willen des Coach-Führers, die Bejahung von Stärke und Macht." Und das alles mit missionarischem Auftrag: für Jesus, Keuschheit, Ehe und Familie - gegen das weibliche Selbstbestimmungsrecht." (EMMA Mai/Juni 2006, S. 101)

Oha. Football und Fußball somit auch als braune Neocon-Sauce und Entmündigungs-Strategie gegen Männer und Frauen gleichmaßen - ich werde mich jetzt schämen, wenn ich den Jungs auf dem Platz zujubel. Fußball macht aus ihnen schlechte Menschen, das schreibt auch ein "Fußball-Vater", der seinen Jungen zum Training begleitet:

"(...) ich glaube, daß Fußball dem Charakter nicht besonders gut tut. Allein schon, daß die gegnerische Mannschaft vom Publikum immer ausgepfiffen wird. Oder die verdammte Lügerei. Fast jeder Spieler, der ein Foul begangen hat, streitet es hinterher ab. Im Strafraum lassen sie sich theatralisch fallen, schon die Kleinen, um einen Elfmeter zu kriegen." (EMMA Mai/Juni 2006, S. 83)

Verlogenes Patriarchat - wobei: Vereine wie die Hertha, Essen, Chemnitz oder Dresden auszupfeiffen, das ist außerordentlich ehrlich. Und zudem moralisch einfach richtig. Egal. Die EMMA surft weiter durch Frauensport und läuft so richtig zur Hochform in der Kritik politischer Ökonomie auf, in einem hervorragenden Artikel zur FIFA. Möchte man fast ganz posten, darf man nicht, also ein schlimmes Detail:

"Nicht dabei sein werden die Fußball-Näherinnen. Über ein Drittel der Fußballnäh-Sklavenarbeit wird gemäß Statistik der Organisation "No Logo Deutschland" von Frauen und Kindern in Sialkot/Pakistan zu einem Monatslohn von knapp 35 Euro gestichelt. Seit bekannt ist, unter welchen Bedingungen Fußbälle produziert werden, bemühen sich zwar alle großen Sportherstelller via Sozialprojekte um ein besseres Image, aber es handelt sich vor allem um Lippenbekenntnisse." (EMMA Mai/Juni 2006, S. 80)

Letzteres wird zwar nicht belegt, aber schlucken mußte ich schon. Artikel unbedingt lesen.

Die "Fäninnen" werden in der EMMA nichtsdestotrotz auch beschrieben, also Frauen, die in den Fankurven sich ganz der Leidenschaft für's Team und dem Verein hingeben und das kriegerische Treiben auf dem Platz auch noch befördern.

Mir würd's ja reichen, würden die Bälle ausgetauscht oder unter besseren Bedigungen produziert würden. Na, und die FIFA anderes agieren würde usw.

Immerhin ist auch dem Cover da oben zu entnehmen, daß allein schon die Waden und Hintern den Stadion-Besuch lohnen. Oha, vertippt. Kaum schreibe ich über die EMMA, werde ich geradezu zwanghaft sexistisch. Und wähle drum 'ne andere Pointe: Kommt, Feministinnen, die wollen doch nur spielen!


PS: Fußball und Werbung ist heute auch hier Thema.

01.05.06

Mayday: Prekäre Lagen

Andere haben es schon früher mitbekommen. Ich unbefristet Festangestellter - so eine Art Fossil, gefunden irgendwo auf den zerklüfteten Baustellen des Arbeitsmarktes - muß wieder erst DIE ZEIT lesen, um vom "Prekariat" zu erfahren. Ist wie der Frühling: Dauert etwas länger, bis es nach Norden kommt.

Heute ist er da, der Frühling, und DIE ZEIT schreibt über's Prekariat. Über die ungesicherten, die neu ausgebeuteten, die Tagelöhner, die Generation Praktikum, die Zwangsflexibilisierten.

Kurios ist, parallel einen Coverversion von Dylans "like a Rolling Stone" zu hören. Kurios zudem, daß das Prekariat heute den "Mayday" ausruft - wie eine nachholende Kritik an der Generation Techno, die mit ihrem blinden und zugedröhnten Hedonismus, ihrer Attitude des "Spaß Konsumierens" und ihrer Inszenierung FDPhafter Pluralität auch nicht viel mehr erreicht hat als die Prozentzahlen auf derSchuhsohle von Guido Westerwelle. FDP-Pluralität war's, weil's eben Verkaufen auf dem Fleischmarkt der Eitelkeiten und der medialen Aufmerksamkeit war.

Es ist ja falsch, immer den Grünen ...

... unterschieben zu wollen, sich eine plurale Gesellschaft wie den Karneval der Kulturen vorgestellt zu haben. Vielmehr haben rund um die New Economy die FDPisierten und ihr ideologisches Umfeld diese ganze "Individualität in der Masse" vom resistenten Punk zum bunten Haarschopf auf der Loveparade entwertet. Westbam sagte damals: "Wir sind die erste Generation, die ein Stück vom Kuchen abbekommt", es wurden Labels und Zeitungen gegründet, die sich jedoch um "Majors" lagerten, dann kam der Internet-Hype und dieser riesige, stinkende Pfannkuchen alter Yuppie-Wallstreet-Träume - genau in diesem Feld begann die "Generation Praktikum" ihren Marsch in die Verzettelung, die Nichtigkeit, bis der Kuchen überhitzt dann allen um die Ohren flog.

Die Lebenslüge der Technosierten - Ulf Porschardt ist bis heute das Symptom hierfür - ist zu glauben, daß der Abschied von "Staat und Bürokratie und Gewerkschaft und Betriebsrat usw." dann alle (unterschiedlich) reich und glücklich machen würde und die Gesellschaft in einer großen Wolke der Wohlstands-Harmonie und dem sozialen Frieden, geboren aus der totalisierten Konkurrenz, so ganz von selbst das tiefe Glück angesichts immer neuer Joughurtsorten im Regal gebären würde.

Schröder hat daraus dann FDPisierte "Ich-AG"-Politik gemacht, und parallel diagnostizierten Sexualwissenschaftler die neue Unlust angesichts der "Vertragsmoral" in deutschen Betten: Aushandeln, welche Praktik wechselseitig gewünscht sei, wie diese Zettel beim Brunchen, wo man dann Rührei und Toast ankreuzen kann. Sexuelle Dienstleistung in der Partnerschaft, andere Menschen konsumieren.

Die Alternativbewegung, aus der die Grünen hervorgingen, hat's immer schon gewußt: Wir müssen eigene ökonomische Strukturen bilden und selber wirtschaften. Aber unabhängig von "der Industrie", nichtvgekoppelt an "Majors". Ist zwar nur die taz wirklich übrig geblieben, egal, der Ansatz war richtig, damals aus dem Tunix-Kongreß hervorgegangen, der aus dem Stamokap-Wahn der 68er, der Folgewirkung der Großtheorie, so z.B. die RAF, schon längst gelernt hatte und Antworten im konkreten Lebensumfeld, im konkreten Projekt dann suchte.

Mehr Konsum ist nicht mehr Glück, dazu braucht's andere Menschen, auch das so eine Weisheit von damals. Wir wollen eine plurale Gesellschaft, aber die muß in Anti-Sexismus und Anti-Rassismus sowie einem konsequenten Verzicht auf Gewalt gegen Menschen begründet sein (letzteres war zwar noch umstritten, aber die damals wirklich breite Masse, die solche Ideen zu tragen bereit war, stimmte dem vollumfänglich zu, ich auch. Ein ebenfalls sehr großer Teil, ich z.B., sah auch Gewalt gegen Sachen als nicht legitimierbar an). Auch so begründete sich der Pazifismus: Eine Unterscheidung zwischen legitimer und illegitimer Gewalt sei nicht begründbar.

Positiv gewendet ist Anti-Sexismus immer ein Kampf für Frauenrechte, Antirassismus immer ein Konzept formaler Gleichheit, um materiale Differenz zu ermöglichen. Sprüche, damals "schwer angesagt" wie "Der Verfassungsschutz ist dazu da, die Bürger vor der Verfassung zu schützen" provozierten lautes Gelächter - weil eben allen klar war, daß das Grundgesetz schon ganz in Ordnung ist. Es gab Konzepte der Basisdemokratie, die zum Rotationssystem der GRÜNEN führten - gut, ging schief, der Versuch war in Ordnung.

Insofern ist's schlicht lächerlich, wenn von liberaler Seite jetzt ständig mahnend und belehrend Demokratie, Menschenrechte, Frauenrechte "der Linken" vorgehalten werden - das haben die sich abgeguckt! Und dann trivialisiert und auf Ökonomie verkürzt, zu allem Überfluß auch noch als "Machtkritik" auftrumpfend.

Da wird die Sache albern. Weil Macht eben zumeist als ökonomische Macht auftritt - genau das ignoriert der Wirtschaftsliberalismus, und genau das treibt jetzt Prekäre auf die Straße. Darüber hat "die Linke" von Marx und Foucault z.B. ungleich mehr gelernt als alle Liberalen zusammen (Marx ohne Foucault ist doof, mit Foucault erhellend), die ja innerbetriebliche Bürokratie z.B. selten geißeln und immer so tun, als sei, würde sie nur wirklich realisiert, die freie Marktwirtschaft eine Spaß-Veranstaltung wie die Love Parade. "Kapitalismus heißt schlemmen" stand es neulich irgendwo - ich mußte sofort an jene denken, die man zuhauf nun auch in Hamburg findet, die ihre Mahlzeiten aus Papierkörben fischen.

Das sind die Prekären - doofer Begriff, aber gut, einen zu haben. Im mir bekannten Feld der Arbeit schildert Thomas Gross in DIE ZEIT das so:

"Von einer »Zerstörung der Mittelschichten« spricht der italienische Soziologe Sergio Bologna in seinen unlängst publizierten Thesen zur neuen Selbständigkeit. Bologna fasst die neuen Dienstleister als Zwitterwesen zwischen Arbeitnehmer und Unternehmer. Neben ihrer betrieblichen Anbindung fungieren sie zugleich als Investoren, die kulturelles Kapital in die modernen, dezentralisierten Unternehmen einbringen, die ihrerseits damit das Investitionsrisiko nach außen verlagern. Weil die Produktzyklen aber immer kürzer werden, das Tempo am Arbeitsmarkt sich weiter erhöht, weil die persönlichen Netzwerke, aus denen die kreativen Impulse stammen, zugleich eine objektive Konkurrenz darstellen und der Mythos der »Kreativbranchen« die dabei auftretenden Widersprüche nur notdürftig kittet, erlebt sich der Einzelne im Alltag oft nur als dauergestresste Monade."

Also das, was z.B. Statler sich als Lösung aller Arbeitsmarkt-Probleme vorstellt:


"Wir haben es hier mit keinem konjunkturellen Problem zu tun, nicht mit “zu geringer Binnennachfrage“, sondern mit der längst bekannten, jahrzehntelang schwelenden deutschen Krankheit: inflexible Arbeitsmärkte, zu ausgeprägte Gewerkschaftsmacht, kollektive Lohnaushandlung und so weiter."

Das Bemerkenswerte daran ist, daß Handwerks-Zunftordnungen, Arbeitgeberverbände oder die Pharma-Industrie-Lobby hier selten gegeißelt werden. Und überhaupt "Macht" und "organsiertes Handeln" als Kategorie nur in Erscheinung treten, wenn's gegen die vermeindlich "kollektivistische" Linke geht. Die "Multis" sind wirtschaftliche Notwendigkeit, nicht etwas Vermachtung, organisiertes Handeln schon gar nicht, alles auf individuellen Verträgen gründende Einzel-Handlungen und Entscheidungen, und das wird behauptet, wo sogar schon an US-Universitäten Coca Cola boykottiertwird ... Man schaue sich mal die Jungs an der Börse an - die sehen alle gleich aus und handeln alle gleich ...

Ich finde diese Re-Nationalisierung des PDS-WSAG-Diskurses auch haarsträubend. Linke Positionen sind nur international überhaupt formulierbar, nicht umsonst war die Hymne der Linken einst die Internationale:


"Wacht auf, verdammte dieser Erde, die stets man noch zum Hungern zwingt! Das Recht wie Glut im Kraterherde nun mit Macht zum Durchbruch dringt. Reinen Tisch macht mit dem Bedränger! Heer der Sklaven, wache auf!
Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger, alles zu werden, störmt zuhauf.

Völker, hört die Signale! Auf, zum letzten Gefecht! Die Internationale erkämpft das Menschenrecht! Völker, hört die Signale! Auf, zum letzten Gefecht! Die Internationale erkämpft das Menschenrecht.

Es rettet uns kein hö´hres Wesen, kein Gott, kein Kaiser, noch Tribun.
Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun!
Leeres Wort: des Armen Rechte! Leeres Wort: des Reichen Pflicht!
Unmündig nennt man uns und Knechte, duldet die Schmach nun länger nicht!

Völker, hört die Signale! Auf, zum letzten Gefecht! Die Internationale erkämpft das Menschenrecht! Völker, hört die Signale! Auf, zum letzten Gefecht! Die Internationale erkämpft das Menschenrecht."

Kann man am Tag der Arbeit ja mal wieder zitieren, auch, wenn man wie ich Kommunismus immer doof fand. MENSCHENRECHT, liebe FDOG. SELBER TUN - Eigeninitiative, aber eben zusammen. "UNMÜNDIG NENNT MAN UNS UND KNECHTE": Machtkritik, Aufklärung, der Ausgang des Menschen aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit.

Wie schließt der Artikel von Thomas Groß so schön:

"Tatsächlich entscheidet sich am Begriff der Arbeit, ob es sich bei den Prekarisierten um bloße Opfer der gesellschaftlichen Entwicklung handelt oder nicht doch um eine Avantgarde, die bereits in die Kämpfe der Zukunft verstrickt ist. Denn wenn die Macht der Verhältnisse darin besteht, sich die lebendige Arbeit anzueignen, dann schlummert in diesem Sachverhalt kraft Dialektik auch der Same der Veränderung."

Vielleicht würde es doch mal wieder Sinn machen, sich lieber die Alternativbewegung der späten 70er, frühen 80er mal wieder genauer anzuschauen, anstatt über Claudia Roth zu kichern?

Mit freundlicher Unterstützung durch:
ringfahndung.de