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Distributive Gerechtigkeit versus positive Freiheit

"Jeder von ihnen könnte und sollte jeden Arbeitslosen, jeden Rentner und jeden Studenten danach fragen, mit welchem Recht er davon ausgeht, daß er ihm den Lebensunterhalt, die Rente oder das Studium bezahlt. Das könnte etwas Licht ins Dunkel bringen."

Martin M schiebt eine Mischung aus Blues, Verzweiflung und ohnmächtiger Wut, wenn er solche Zeilen irgendwelcher Leitartikler liest, die sowieso durch ein Netzwerk bester Beziehungen vortrefflich getragen werden. Um dann Leuten, die eh schon die Arschkarte gezogen haben, auch noch den Marsch zu blasen. MartinM schiebt völlig zu Recht den Blues.

Würde mich mal interessieren, auf welchem Wege Konrad Adam Leitartikler wurde. Martin hat auch völlig Recht damit, daß die reale Funktionsweise von dem, was einst noch "Arbeitsamt" hieß, mehr Wege versperrt als eröffnet - würde mich sowieso mal interessieren, ob's nicht billiger wäre, dieses ganze Drangsalieren und Verwalten von Leuten einfach bleiben zu lassen, und dafür gezielt Anlaufstellen für jene, die sich weiter qualifizieren wollen, zu schaffen. Ansonsten einfach überweisen. Punkt.

Martin hat des weiteren Recht, daß im Rahmen des Versicherungssystems ja, abgesehen von den Studenten, alle auch eingezahlt haben, die nummehr empfangen. Mein Studium habe ich mehrfach refinanziert, und ich habe persönlich auch kein Problem mit der Abgabenhöhe und finde, daß jeder ein Recht auf diese Zahlungen hat. Im Gegensatz zu Herrn Adam, der sich dann mal dafür rechtfertigen soll, warum er z.B. auf auch von mir bezahlten Straßen Auto fährt, obwohl ich doch keines habe - usw.. Und ob nicht auch er einen Zusammenhang zwischen gewalttätiger werdenden Kulturen auf deutschem Terrotrium und einer permanenten Infragstellung von Individualrechten sieht.

Er legt freilich einen Finger in Wunden, die man aus ganz anderen als aus Finanzierungsfragen nicht einfach ignorieren kann. Thatcher, Reagan und ihre Apologeten haben ja längst gesiegt - die Entsolidarisierung und Atomisierung ist extrem weit fort geschritten, die Rütli-Schule nur ein Symptom für eine Welt, die Leute wie Adam offensichtlich für das Wahre, Gute und Schöne halten. Daß hier noch irgendjemand an so etwas wie einen allem zugrunde liegenden ""Gesellschaftsvertrag" - oder wie auch immer man das nennen will - ...

... glauben würde, das kann man ja wahrlich nicht behaupten. Der Generationsvertrag ist auch nur zu "ich erbe, und keiner soll mir was weg nehmen!" mutiert.

Die Westerwelles und Henkels haben es längst geschaft, daß der berühmte Kampf aller gegen alle in die nahe Zukunft gerückt ist. Und das ist, selbst wenn man nicht deren Positionen teilt, auch objektiv ein Problem.

Treffend nachlesen kann das z.B. bei Charles Taylor in dessen Aufsatz "Wesen und Reichweite distributiver Gerechtigkeit". Taylor skizziert dort zwei Varianten, Verteilungsgerechtigkeit zu begründen: Das republikanische und das Beitrags-Prinzip.

- Das republikanische Modell besagt, kurzgefaßt und deshalb wahrscheinlich verzerrt wiedergegeben: Einfach. weil man zu einer konkreten Gemeinschaft gehört, immer schon in ihr drin steckt, von ihr profitiert, durch sie genährt ist und an ihr partizipiert, kurz, ihr alles schuldet und auf sie notwendig angewiesen ist, hat man ihr zurückzuerstatten, etwas abzugeben von dem, was man erhält. Ist einfach eine Form der Rückerstattung. Und jene, die gerade nichts Materielles beitragen können, werden gestützt, einfach, weil sie dazu gehören - und zwar möglichst alle gleichermaßen, weil es keinen Grund gibt, irgendjemandem weniger oder mehr zu geben. Das ist die entschärfte Variante. Die radikalere, also an die Wurzel gehende Variante fordert Gleichverteilung der Güter überhaupt:

"Die erste (Argumentation) besteht darin, das in unserer Gesellschaft qua republikanischer Gesellschaft implizit enthaltene Gleicheitsprinzip aufzugreifen und danach zu streben, unsere Gesellschaft so zu verändern, daß es vollständig realisiert werden kann."
Taylor, Charles, Wesen und Reichweite distributiver Gerechtigkeit, in ders., Negative Freiheit, Frankfut/M. 1992, S. 182

- Das Beitragsprinzip: Je nachdem, was ein Einzelner zur Gesellschaft beiträgt, soll er erhalten. Dieser Grundfrage folgt Adam oben und beantwortet sie dahingehend: Wer aktuell, ganz unabhängig von bisherigen Beiträgen, nix beiträgt, soll sich permanent vor ihm, dem Beitragszahler, rechtfertigen. Auch Müntes Mundraub folgt diesem Prinzip, im Grunde genommen das gesamte Versicherungsprinzip exklusive dem, was früher "Sozialhilfe" hieß, da ragt ein republikanischer Rest hinein. Auch die Diskussion um Managergehälter bewegt sich vor genau diesem Hintergrund.

Taylor weist völlig zu Recht darauf hin, daß schon im Zuge der Diskussion um beide Prinzipien - Gleichverteilungs- versus Beitragsprinzip - Gesellschaften erodieren können. Was jedoch an den Prinzipien selbst läge:

"So lange wir glauben, daß es darum geht, die Prinzipien distributiver Gerechtigkeit zu ermitteln und zu verteidigen, so lange sind nicht nur die Linke und die Rechte auf eine Auseinandersetzung fixiert, für die es keine zufriedenstellende intellektuelle Lösung gibt (...); vielmehr kämpfen beide auf einem Terrain, das geeignet ist, Frustrationen und Ressentiments zu maximieren, da jede Seite darin bestärkt wird, jede Niederlage in Verteilungsauseianndersetzungen als "Diebstahl", als Verletzung eines fundamentalen Rechts, als Hohn auf die Gerechtigkeit selbst anzusehen."

Taylor, Charles, a.a.O., S. 185

Zack, die Diagnose hat gesessen. Eine Lösung bietet auch Taylor nicht an. Das liberale Modell diskutiert er von vornherein weg - der Lockesche Atomismus sei Unsinn, weil man eh schon immer eine Gemeinschaft drinstecke.

Unter aktuellen Diskussionsbedingungen hilft das wenig, weil "Gemeinschaft", die Vorraussetzung beider Prinzipien - entweder man trägt zu ihr bei, oder man ist Träger von Rechten durch reine Zugehörigkeit - schon kaum noch jemand denkt.

Die aktuelle Bundesrepublik versteht sich ja zum Glück nicht mehr als "Schicksalsgesellschaft", eine Plurailtät von Gemeinschaftzugehörigkeiten durchzieht jedes Individuum - die Überflüssigen, die Linksliberalen, die Liberalen an sich, die Linken, die Schwulen, die Leistungsträger, die St. Pauli-Fans, die Hamburger, und bei WM oder Grand Prix dann auch mal "Wir Deutschen" usw. - communitys sind zum Glück vielfältig geworden, denn das ist ja die große Gefahr des republikanischen wie auch des Beitrags-Modells: Exklusiv vorzugehen.

Der Schritt zu Rassismus oder Nationalismus ist da schnell gemacht, "Asylbetrüger" werden ja auch als solche begriffen, die ihre Rechte auf Teilhabe an der Gemeinschaft allenfalls vorgaukeln (widerlich, diese Denke). Marx hat deshalb auch lieber gleich die Weltrevolution antizipiert und für die "Internationale" gekämpft, nur inwiefern hilft die Berufung aus die Weltgesellschaft oder Menschheit weiter, wenn's um die Begründung von Sozialleistungen geht?

Wenn jedoch beide Prinzipien nur vor dem Hintergrund des Behauptens einer Gemeinschaft funktionieren, diese jedoch über Exklusion - z.B. die Gemeinschaft der Werte Schaffenden, iiiih, auf die Adam sich beruft - immer definiert ist, wenn's nicht gleich um die Menschheit geht - was dann? Haben dann nicht die Nozicks Recht - kümmern wir uns nicht um die Anderen, wichtig ist meine je eigene Freiheit, die ist auch das einzige, was man sinnvoll behaupten kann, Verteilungsgfragen sind doch eh obsolet!

Amartya Sen, Wirtschaftsnobelpreisträger, entgegnet dem:

"In meinem Buch Power an Famines habe ich gezeigt, daß selbst riesige Hungersnöte auftreten können, ohne daß jemandes libertäre Rechte, Eigenstumsrechte eingeschlossen, verletzt werden. Die Mittellosen, etwa die Arbeitslosen, oder die Verarmten, können gerade deshalb verhungern, weil ihre "Zugangsrechte" - so legitim sie auch sein mögen - ihnen nicht genug zu essen verschaffen. Man mag darin einen besonderen Fall von "schrecklichen, moralischen Katastrophen sehen, aber Schrecken in allen möglichen Schweregraden (..) sind, wie sich zeigen läßt, durchaus mit einem System vereinbar, in dem niemandes libertäre Rechte verletzt werden."

Armatya Sen, Ökonomie für den Menschen, München 2005, 3. Auflage, S. 85

Das weist eher einen Weg, als daß es schon eine Lösung wäre, die das Taylorsche Dilemma dann umginge. Sen fordert einen Grundkatalog von Bedingungen, "instrumentellen" oder "positiven Freiheiten", die aus moralischen Gründen jedem zuzugestehen seien, um Wohlergehen zu erlangen. Das ist eine Art Basis-Republikanismus vor dem Hintergrund von "Die Menschheit". Das Gleichheitskriterium fungiert hier nicht im Sinne von "Alle sollen das gleiche kriegen", sondern eben "Alle sollen die gleichen Möglichkeiten wahrnehmen können". Aus der Kuchennummer - welche Größe hat das Stück eines zu verteilenden Ganzen - ist man so raus.

Nun sind die Bedingungen in Deutschland nicht so wie in Entwicklungsländern. Ein Freund von mir hat dennoch wochenlang mit Kreuzbandriß, auf Hartz IV angewiesen, von Tütensuppen gelebt. (Ja ich habe ihm ständig Essen und anderes vorbeigebracht). Zudem habe ich gerade wieder in der FR gelesen, daß selbst bei der Schaffung eines Niedriglohnsektors nur relativ gut Qualifizierte wieder in Lohn und Brot kämen, die "Üblichen Verdächtigen" weiter auf der Strecke blieben und de facto eine flächendeckende Absenkung des Lohniveaus die Folge wäre- Niedriglohnsektor ist ja gemeinhin die Antwort auf die Abwesenheit von Arbeitsplätzen. Und daß diese Billiglohn-Jobs dann auch zu mehr als Tütensuppe nicht reichten.

Kann das wirklich das Ziel sein? Vor dem Hintergrund der Globalisierung müßte doch eher auch im Sinne Sens Ziel sein, daß auch Rumänen so viel erhalten wie Deutsche und Kinder in Südostasien nicht mehr arbeiten müssen, sondern Bildung erhalten.

Solche Diskussionen sind bereits ein Schritt in die Praxis. Sen weist aus anderen Gründen, ergänzt durch Elemente des republikaniscvhen Modells, immerhin schon mal eine Richtung, in die ein "neuer Gesellschaftsvertrag" gedacht werden könnte: Kein Rekurs auf eine spezfische Gemeinschaft, ein (stets wandelbarer) Begiff des Minimums für das Wohlergehen, kombiniert mit der Einsicht, daß ein immer schon vorgängiges, wechselseitiges Aufeinanderangewiesensein - auch Herr Adam käme nicht alleine klar und soll sich mal nicht zuviel darauf einbilden, daß er mit seinem Geschreibsel auch noch Geld verdient, ist es das überhaupt wert? - konstitutiv für die menschliche Existenz in ihrem Vollzug ist, und das ist ja schon mal eine ganze Menge.

Und dann trägt eben jeder aus reinem Eigeninteresse so viel bei, wie er gerade kann - eine alte Lösung, die neuer Begründung bedarf. Denn auch ihn könnte es treffen, die Sache mit der Tütensüppe und dem Kreuzbandriß, und deshalb sollte er zahlen ... und wenn vorrübergehend nicht genug Arbeit da ist, schaffen wir das trotzdem. Weil wir uns wechselseitig brauchen ...

Kommentare

Danke für diese Gedanken, Momo!
(Meine Situation ist der Deines Freundes mit dem Kreuzbandriß nicht ganz unähnlich. Auch wenn bei mir nicht das Knie ist.)

Was ich beobachte, ist eine Neigung in der Politik zum "sachbezogenen" Denken, ähnlich dem eines medizinischen Spezialisten, der eben nur "die Niere", "die Psychose" oder "das Kreuzband" behandelt. Dann degeneriert ein Mensch eben zum "Leistungsträger" (d. h. er wird auf das, was er leistet, reduziert) und zum "Problemfall" - er wird auf das Problem reduziert, das andere mit ihm haben. Das Unwort des 20. Jahrhunderts, "Menschenmaterial", bringt die Haltung auf den (brutalen) Punkt. Ich halte diese "Versachlichung" - die Neigung, Menschen wie Dinge zu behandeln - für das eigentliche Merkmal ideologischen Denkens. (Du weißt wahrscheinlich besser als ich, wer das zuerst ausgesprochen hat ;) - von mir ist das nicht.)
Den Rekurs auf eine spezifische Gemeinschaft - im deutschen Falle wohl einer "Volksgemeinschaft" - halte ich für extrem gefährlich.
Ein Problem ist auch, dass der Begriff der "Solidarität" hierzulande weitgehend zu einem Synonym für "Gruppenegoismus" degeneriert ist. "Uneingeschränkte Solidarität" heißt oft nur: "Wir halten zusammen - gegen die da, die nicht zu uns gehören".

Auf Altruismus mag ich mich nicht verlassen. Zumal auch ich ganz schön egoistisch sein kann. ("Sei doch nicht so egoistisch" - ein Spruch, den man oft mit "wage es nicht, Deine Interessen zu vertreten" übersetzen kann.)
Altruismus ist ein zu wackeliger Wert, um sich darauf stützen zu können.

@MartinM:

Hatte schon Angst, dadurch, daß ich, weil ich die tiefer liegende Frage dieses Leitartiklers vertieft habe, jetzt fürchterlich unsensibel sei ...

Habe auch gerade noch mal weiter gedacht, parallel zu Deinem Kommentar, und stimme Dir ansonsten in allem zu ... was jetzt nix dran ändert, daß umfassende Solidarität gerade bitter Not tut, sonst gleitet hier allzu vieles weg, was mühselig errichtet wurde.

Nein, denn Solidarität im ursprünglichen, nicht gruppenegoistisch / "gemeinschaftsspezifisch" verengten Sinne, ist ein notwendige Voraussetzung zivilisierten menschlichen Zusammenlebens.

Oh, missverständlich - ich meine, Solidarität ist eine Notwendigkeit, denn sonst haben wir ihn, den Kampf jeden gegen jeden, und zwar bis aufs Messer.

Dann will ich mich zu später Stunde mal von der libertären Seite her nähern, was ich gerne mache, weil es so grundlegend anders als gewohnt ist und vielleicht ein paar Gedankentürchen öffnet.

Mir scheint diese Gemeinschaft, in der man "immer schon steckt" zu schnell vom Himmel zu fallen. Wen soll die denn umfassen? Meine Familie, meine Freunde, meine Gemeinde, mein Bundesland, Deutschland, Europa, "den Westen", die Welt? Darf man sich gegen Andere, die sich ungefragt als Gemeinschaft präsentieren, in der man sich angeblich befindet, zurückweisen? Darf ich wählen, welcher Gemeinschaft ich gerne angehören will und welcher nicht?

Wie entsteht Gemeinschaft? Angeboren? Durch die Gemeinschaft womöglich selbst erzeugt? Oder als freiwilliges, mitunter auch konkludentes und in Grenzen vorgegebenes Handeln von Individuen?

Welche Rechte, welche Macht soll die Gemeinschaft über den Einzelnen haben? Wer entscheidet das? Ein Rat der Weisen oder eine Mehrheit?

Wenn dann noch nach Solidarität gerufen wird, aber Zwang gemeint ist (kann man jemanden eigentlich zu Solidarität zwingen?), dann passiert es eben, so ein Ausbruch wie der von Konrad Adam: Man sieht sich zum Mitglied einer Gemeinschaft erklärt, in deren Statuten der Einkommenstransfers von Arbeitenden und Geldverdienenden zu Nichtarbeitenden festgelegt ist, und fragt sich dann, was man mit denen, die da empfangen sollen, eigentlich zu tun hat.

Die Libertären haben eine Antwort auf solche Fragen: das Sezessionsrecht. Lasst mich in Ruhe, ich lasse euch auch in Ruhe, wir sind quitt für alle Zeiten.

Alle anderen müssen schon die Frage gefallen lassen, wie sie denn Gemeinschaft a) begründen und b) organisieren wollen.

Dass für alle das Grundgesetz gilt, dürfte z.B. nicht geeignet sein, die großen Zusammengehörigkeitsgefühle auszulösen.

Jetzt packe ich noch eine Prise Röpke oben drauf: Je größer die Gemeinschaft ist, die sich zu der erklärt, der man angehört und auf die sich Rechte und Pflichten beziehen, um so schwieriger wird es für den einzelnen Menschen, diese auch tatsächlich nachzuvollziehen, bewusst zu leben. Das war ja mal der Grundgedanke, warum man die Sozialhilfe in die Hand der Kommunen gegeben hat. Mit dem ALGII ist da jetzt nur noch ein undurchsichtiges, bürokratisches und ineffizientes Geschwurbel von Bundes- und kommunaler Zuständigkeit übriggeblieben, an dessen Eingang man wohl tatsächlich besser alle Hoffnung fahren lässt.

Da wird aus Solidarität ein Gesetz mit Zwangsmitteln zur Ressourcenbeschaffung und zur Missbrauchsverhinderung. Wir sehen, dass der Hang besteht, diese auf dem Reißbrett entworfenen Gesetze, deren Scheitern einem Liberalen nur ein resigniertes Schulterzucken entlocken dürfte, noch um weitere Bestimmungen zu "bereichern". Wer da hinter dem ganzen "du sollst", "du musst" und "du darfst", den Formularen und dem demütigenden Antreten bei Sachbearbeitern noch einen Hauch von "Solidarität" wittert, der darf sich melden.

@Rayson:
So sehr ich Dir zu Deinem Kommentar zustimme, geht er glaube ich doch ein wenig an der Diskussion vorbei. Martin und MomoRules scheinen ja ebenfalls den Gemeinschaftsbegriff ausdrücklich abzulehnen und meinen, daß man soziale Sicherungssysteme anders begründen müsse als durch den Rückgriff auf Gemeinschaften.

Das ist ja schonmal ein großer Fortschritt gegenüber naiven Umverteilungsapologeten, die immer mit einem Gemeinschaftsbegriff arbeiten, der dann anfällig für Hayeks alte Kritik ist, daß hier die Moralvorstellungen der kleinen Gruppe (z.B. der Familie) auf ganze Volkswirtschaften übertragen werden, was er aus gutem Grund für unsinnig und unzulässig hält.

Also keine Gemeinschaft. Die Frage ist dann, ob die alternative Begründung für staatlichen Umverteilungszwang wirklich überzeugt. Dazu heute Nachmittag vielleicht noch ein Nachschlag, jetzt muß ich leider erstmal weg...

Hm, statler, du könntest Recht haben, dass ich den richtigen Kommentar auf den falschen Beitrag losgelassen habe, aber es war halt schon spät ;-) Aber ganz sicher bin ich mir immer noch nicht.

Ich lese oben nur die Ablehnung einer spezifischen Gemeinschaft. Dann bleibt aber nur noch eine unspezifische übrig, denn wer soll denn sonst Solidarität leisten? Oder, um die in diesem und im folgenden Beitrag vorbereitete Vorstellung konkret zu nennen, das Grundeinkommen bezahlen?

"Neuer Gesellschaftsvertrag", ist das nicht ein Name für alten Wein in neuen Schläuchen? Oder soll man tatsächlich sagen dürfen: "Nein danke, den Vertrag schließe ich für mich nicht ab?"

Mit Zwangsgemeinschaften habe ich so meine Probleme, darin kann ich Rayson zustimmen. Und Gemeinschaften, egal ob freiwillig, erzwungenermaßen oder eher zufällig zustandekommen, sind Konstrukte, menschengemacht, von der Familie bis zum Nationalstaat. (Es sind ohne weiteres Alternativen zur angeblich "natürlichen" herkömmlichen Familie denk- und lebbar; schon eine WG ist im Grunde ein "Familien-Alternativmodell".) Das Umverteilungsmodell funktioniert meiner Ansicht nach umso besser, je überschaubarer und je freiwilliger eine "Gemeinschaft" ist. Meine Erfahrung ist: Auf Freunde kann ich mich verlasssen, auf persönliche "Beziehungen" meistens auch, verlasse ich mich auf staatliche Institutionen, bin ich, wenn ich Pech habe, verlassen.
Deshalb halte ich den Sozialstaat, (deutschen Bauart) bestenfalls für ein notwendiges Übel - auch wenn ich - angeblich - vom Sozialstaat profitiere. Im Prizip würde ich, aus meiner Situation heraus, eine freiwillige, gegenseitige, transparente und ziemlich staatsferne "soziale Sicherung" bevorzugen. Etwa ein genossenschaftliches System.

Mit dem libertären Sezessionsrecht habe ich mich auch schon beschäftigt - es setzt meiner Ansicht nach sehr viel Freiraum im dürchaus wörtlichen Sinne voraus. (Kein Wunder, dass so viel Libertäre aus den ländlichen Gebieten der USA kommen - viel Sicherheitsabstand zu anderen Menschen ist machbar ;-) ) Im Ernst, unter typischen städtischen Bedingungen funktioniert "Lasst mich in Ruhe, ich lasse euch auch in Ruhe" einfach nicht, "man" wird nicht in Ruhe gelassen - erst recht nicht, wenn man auch äußerlich erkennbar "sein Ding" macht. Es sei denn, man gründet wieder Gemeinschaften, z. B. auf dem Bauwagenplatz. Womit wir fast wieder beim Genossenschaftsmodell wären. (Ich sehe schon, noch ein halbes Jahr ALG II und ich mutiere zum Anarchisten ;) ).

@Rayson:

Da hat der Statler schon Recht, partiell hast Du mir zu später Stunde eigentlich zugestimmt ;-) ...

Wobei ich ja diesem Sezessionsrecht in vielen konkreten Situationen auch zustimmen würde, aber auf einer grundsätzlichen Ebene nicht.

Da oben stecken eigentlich 5 Thesen drin, die in unterschiedliche Kerben hauen:

a.) Kein Schwein wird allein zudem, was er ist. Man ist immer schon in soldarische Strukturen eingewoben, wenn man individuelle Fähigkeiten erwirbt. Sonst erwirbt man auch keine. Die erwirbt man nur in verschiedenen Formen der Interaktion.

b.) Kein Schwein kommt alleine klar. Man ist immer auch auf Andere angewiesen, z.B. in Sachen Arbeitsteilung, aber nicht nur dort.

c.) Ein Rekurs auf eine konkrete Gemeinschaft, die immer den Hintergrund für die beiden Prinzipien der Verteilungsgerechtigkeit bilden, die Taylor ja zutreffend skizziert, ist Nonsens. Da sind wir ganz beieinander.

Das habe ich oben aber eigentlich auch ganz ausdrücklich geschrieben.

Die Begründung Sens ist ein Rekurs auf "die Menscheit" oder "die Weltgesellschaft", was immer eine Konstruktion ist, klar.

Aber so, wie er's baut, nämlich: Um individuelle Fähigkeiten entfalten zu können, bedarf es eines Modells der postiven Freiheiten, und es gibt keinen Grund, die Bereitstellung dieser einigen oder vielen vorzuenthalten, ist der Ansatz eben ein ganz anderer als eine Umverteilung in konkreten Gemeinschaften.

Und auch das "Beitragsprinzip" kann da kritisch nicht greifen, weil dieses eben auch nur vor dem Hintergrund konkreter Gemeinschaften Sinn macht, z.B. im Rahmen einer Firma. Da macht es aber dann doch Sinn, das ist aber eine andere Diskussion als die obige.

d.) Wie diese "positiven Freiheiten" zu gewähren sind, wäre dann ein Umsetzungsproblem. Vielleicht gibt es andere Modelle als sozialstaatliche, wie Martin ja auch hofft.

Hier hat man dann schlicht zwischen Anwendung, die z.B. im Rahmen eines Staates, aber vielleicht auch anders möglich ist, und Begründung und Herleitung des Modells zu unterscheiden.

Na, und dann gibt's noch e.): Man muß das noch nicht mal moralisch begründen, man kann's auch über's Eigeninteresse versuchen: Es könnte jeden treffen, insofern ist's vernünftig, für Systeme zu plädieren, die einen dann auffangen.

Mir erscheint das ja eher als Anfang denn als schon ausformuliert, man kommt so aber aus den Taylorschen Dilemmata raus, glaube ich ... und somit auch aus den Angriffen, dennen z.B. Martin sich derzeit ausgesetzt sieht.

@Martin:

Genau das ist, glaube ich, die aktuelle Aufgabe - so zu "entstaatlichen", daß eben nicht die linke, völlig berechtigte Kritik greift, daß dann die Stärkeren allen Raum für sich beanspruchen und dieses burtalstmöglich durchsetzen.

Und daß dieses Sezessionsrecht in der Tat in städtischen Gemeinschaften nur zum Teil klappt, stimmt schon - in ländlichen, wo alles nicht so anonym ist, ist das aber unter Umständen noch viel sschwerer ... weil sich konkrete Gemeinschaften mit allem sozialen Druck viel schneller konstituieren als in Hamburg. Selbst am Millerntor kann man ja den Block wechseln ...

"Um individuelle Fähigkeiten entfalten zu können, bedarf es eines Modells der postiven Freiheiten, und es gibt keinen Grund, die Bereitstellung dieser einigen oder vielen vorzuenthalten, ist der Ansatz eben ein ganz anderer als eine Umverteilung in konkreten Gemeinschaften."

Ok, wenn wir die Liste der positiven Freiheiten auf Sens beschränken, kann ich der Forderung sogar folgen.

Aber: Die Frage, wer denn da "nicht vorenthält", die bleibt natürlich offen. Immerhin meine ich verstanden zu haben, dass du einfach den Staat, den wir vorfinden, nicht schon deshalb in dieser Funktion siehst.

"Kein Schwein wird allein zudem, was er ist."

Das ist richtig, aber diejenigen, die mich wirklich zu dem gemacht haben, was ich bin, haben bis auf eine Schnittmenge nichts mit denen zu tun, für die meine "Solidarität" eingefordert wird.

"Kein Schwein kommt alleine klar."

Das regelt man über Verträge.

Ist deine Begründung vielleicht doch weniger eine moralische als eine der Effizienz?

@Rayson:

Die Frage, wer da wem was vorenthält ist, glaube ich, in diesem Fall im Rahmen der Anwendungsfrage zu diskutieren - das Sensche Modell setzt ja auch auf demokratische Partizipation, und in welchem Rahmen diese Demokratien sich konstituieren, bleibt im Grunde genommen offen.

Anders formuliert: Ohne Institutionen, an die dieses delegiert wird, ist wohl's nicht zu wuppen, und es ist dann in der Tat weniger die Frage, wer wem faktisch etwas vorenthält, sondern eher, wie man's wuppt, wenn man's richtig findet. Aktuell würde ich glatt für Institutionen im Rahmen der EU plädieren.

Und dieser Binnen-Radius, in dem Du argumentierst, ist ja de facto etwas dörflich ... diese Nummer mit dem Immer-schon-drinstecken ist gegen atomistische Handlungs-und Subjektivitätsmodelle gerichtet, und das hat dann wieder allerlei Implikationen, das ist aber ein eigener Eintrag.

Weder funktional noch deskriptiv ist doch die Aufsplittung sozialen Lebens in ein permanentes Verträgeschließen zwischen zweien haltbar, behapte ich ja immer. Zudem das Verträgeschließen als solches immer schon allerlei Moral voraussetzt, die wird nicht erst im Vertrag konstitiuiert, und eben diese denkt Sen weiter ...

Daß Du persönlich zu Solidarität nur mit jenen bereit bist, auf die Du nun gerade Lust hast ... Gott, das ist in der Tat nicht zu ändern und sein Dir von herzen gegönnt.

Da besteht dann nur Gefahr, daß einem selbst eben auch Solidarität entzogen wird, wer's mag ... das wird dann normalerweise diskutiert in der Unterscheidung zwischen moralischer Motivation und Motivation zur Moral, so etwas in diesem Sinne. Auch 'n eigener Eintrag, eigentlich.

Ich denke, die Begründung oben ist eine moralische, die dann aber Ffragen stellt, ob so etwas effizient umsetzbar ist ...

"Daß Du persönlich zu Solidarität nur mit jenen bereit bist, auf die Du nun gerade Lust hast ... Gott, das ist in der Tat nicht zu ändern und sein Dir von herzen gegönnt."

Um meine Wenigkeit geht es mir am allerwenigsten, sondern um die Frage, wie tragfähig ein Konstrukt sein kann, dass die Solidarität mit dem Fremden, Unbekannten und Unähnlichen erfordert.

Allein die Perspektive "EU-Ebene" führt das Ganze für mich schon in den Bereich des Irrealen. Der einzige Vorteil, den eine solche Ausdehnung hätte, läge in der Verwischung der Subventionsbeziehungen, d.h. im Aufrechterhalten der Wohlstandsstaatsillusion.

Bevor ich mit meiner bescheidenen Argumentation beginne, ein kleiner Holpersprung auf ein Ausgangsplateau: "Gemeinschaft", präziser Nationalgemeinschaft ist für mich als Bezugs darin gerechtfertigt, dass hier ein gemeinsamer, gemeinschaftlich-demokratischer Rechts- und Kulturraum besteht, in dem der individuelle und gemeinschaftliche Souverän seine Gestaltungskompetenz entfalten kann. Insofern sind Sprachgrenzen relativ natürliche, aber keineswegs zwangsläufige, Nationalgemeinschaften, deshalb, weil sie sowohl den wirksamen Kulturraum, als auch den wirksamen Demokratieraum begrenzen.

(Randbemerkung: aufmerksame Leser können hier den Grund finden, warum ich grundsätzlich gegen eine *umfangreichen* Delegation nationaler Kompetenzen an überstaatliche Organisationen bin)

So, definitorischer Hoppelsprung ist vollbracht.

Ich gehe also nun von einder grundsätzlich legitimierten Gemeinschaft in Form einer Nationagemeinschaft aus.

Da wir in einer Zivilisation mit zahlreichen, letztlich gemeinschaftlich bedingten Vorzügen leben, sollte klar sein, dass die Nationalgemeinschaft gegenüber den Individuen (beschränkte) Rechte hat. Es ist zwar beileibe nicht so, dass die Individuen ohne Nationalgemeinschaft nichts wären (G~tt bewahre!), aber sie sind auch keine Inseln, sondern haben allesamt Grund zur immenser Dankbarkeit gegen diese Gemeinschaft und ihre Organiserung, und war jene Individuen in ihr in besonderen Maße, welche von der Veranstaltung namens Gesellschaft in Gestalt ihres individuellen Wohlstands besonders profitieren.

Nur, nach welchem Prinzip organiert man hier Solidarität, und wodurch wird dieser Prozess beschränkt? Immerhin sind hier Fehler leichter als alles Übrige.

Nach republikanischen Prinzip, Beitragsprinzip oder libertär?

Das Beitragsprinzip schließe ich aus, deshalb, weil es, von Ausnahmefällen abgesehen, kaum jemals "gerecht" bzw. nicht-gewillkürt formuliert werden kann.

Mich überzeugt zudem weder das "republikanische Prizip" noch der ökonomische Libertarismus (verstanden als staatfeindlichen Radikalindivualismus), jedenfalls nicht in jeweils reiner Form.

Eine vollkommene Egalisierung von Wohlstand (sozusagen radikalrepublikanisch), eleminiert wesentliche ökonomische Anreize (fast alle!), lähmt damit Ökonomie und allgemeinen Wohlstand - und liegt somit nicht im Interesse der Gemeinschaft. Zudem, und dies ist nicht minder wichtig, werden im Radikalrepublikanismus zwangsläufig Freiheiten der Individuen über Gebühr strapaziert, und sei es nur, dass zur Aufrechterhaltung der egalitären Ordnung auf Dauer üble Repression notwendig ist.

Denn: Menschen sind nicht nur Kollektivwesen, sie sind genauso stark, oder sogar stärker noch Individuen. Sie streben also von ganz alleine gegen staatliche oder sonstwie geartete Gängelung, was m Fall der radikalrepublikanischen Ordndung dann nur noch mit recht totalitärer Repression beantwortet werden kann.

Eine libertär organisierte Gesellschaft ist hingegen eine völlige Fiktion, im Übrigen auch die Idee des Minimalstaats, weil beides zwangsläufig zu Refeudalisierung und dem Kampf der Starken gegen die Schwachen führt. Menschen sind klasse, aber der Schritt zur Bestie ist klein, ein Übermaß an Macht (staatlicher UND privater Macht!) korrumpiert praktisch jeden von uns.

Das spricht zugleich gegen den großen "Bläh-Staat", gegen große Bürokratien ganz allgemein, deshalb, weil auch der klügste bürokratische Plan entweder an seiner Komplexität scheitert (Märkte koordinieren grundsätzlich effizienter) oder, noch wahrscheinlicher, an seiner Machtfülle, die empfindlich gegen individuelle Freiheiten (positiv wie negativ!) wirken wird.

Ist also ein Dilemma unausweichlich, ein unendlicher Kampf zwischen den Rechten der Individuen, die sich gegenüber dem Staat behaupten wollen, und wiederum dem Staat, der seine Machfülle auszubauen gedenkt?

Vielleicht.

Es hängt davon ab, *wie* (!)

1. Märkte und individuelle Freiheitsrechte
2. Solidarität/Umverteilung und
3. den Staat organisiert sind.

(Neben dieser Dreiteilung verzeihe man mir bitte fortab das heutzutage hässliche Wort "Staat" - den Begriff "Nationalgemeinschaft mag ich nicht wegen seiner Konnotationen und Färbung garnicht, so schön der implizite Verweis auf einen gemeinsamen Demokratieraum auch ist)

Doch, wie wägt man diese drei Faktoren untereinander ab, wie organisiert man das?

Ich zweifle entschieden daran, dass man hier jemals zu einer deduktiv sauberen Antwort kommen kann, die sich zugleich in der Praxis bewähren wird.

Aber man kann sich in dieser Antwort m.E. gut durch eine sinnvolle Überlegung annähern.

Und zwar auf diese Weise:

Vor diesem Hintergrund der drei, teils untereinander konkurrierenden (!) Ansprüchen lässt sich aus wesentlichen Erkenntnissen der Glücksforschung ein "quasi-utilataristisches Optimum" bilden.

Denn der Glücksbeitrag von Wohlstand und Geld verläuft empirisch/faktisch (! und ohne jede deduktiv herbeigesponnne Theorie) stark degressiv. Gehört jemand zu den untersten 20-30 Prozent, also zu den Minderwohlhabenden in einer Gesellschaft, dann bringt ihm "1 Euro" noch relativ viel in Bezug auf die Erhöhung seines gespürten Glückes. Den oberen 30-50 Prozent fehlt dieser "1 Euro" recht wenig, er wird sich hier jedenfalls nicht sonderlich glücksmindernd auswirken! Den übrigen Bereich lässt man am Besten in Ruhe...

(bedeutet: Wenn nur 30-50% einer Gesellschaft besteuert werden, ist das aus Sicht der Glücksforschung ideal)

Betrachte ich es als Ideal einer Gesellschaftsordnung, dass sie möglichst glücklich sein soll, ergibt sich aus den Erkenntnissen aus gesamtgesellschaftlicher ökonomischer Effizienz, notwendigen individuellen Anreizen und dem deutlich (!) unterschiedlichen *Glückswert* des "1 Euros" die Möglichkeit, einen Idealpunkt des Ausgleichs bzw. der Umverteilung zu bilden.

Ein echter Hoffnungsschimmer im Kampf von Ideologien und ökonomischen-sozialen Leitideen, wie ich finde!

Grob formuliert:

Komplette Umverteilung scheidet aus (da: ineffizient und zudem Individualfreiheiten bedrohend), keine Umverteilung wäre aus Sicht der Glücksforschung dämlich wie verantwortungslos, jedenfalls unter der Zielsetzung, eine möglich glückliche Gesellschaft zu erhalten.

(Da haben wir sie also, die ökonomische Optimierung positiver Freiheiten.)

Hätte ich einen schuldenfreien Staat zur Hand, würde ich behaupten, dass das Anstreben einer Staatsquote von 33% ein Ideal bildet aus

1. Ökonomische Anreizmaximierung auf Märkten und Maximierung von negativer ökonomischer Individualfreiheiten.

(auch: Als Wohlstandsquelle)

2. Glücksmaximierung in einer Gesellschaft durch maßvolle Umverteilung.

Eine 1/3 (Staat) zu 2/3 (Individuen/Markt) -Verteilung würde bedeuten, dass genug Mittel für die von Momorules angesprochenen "Basisrepublikanismus" zur Verfügung stehen. Und einen Schlacks obenauf, zur Verfügungstellung öffentlicher Güter (z.B. genügend Bildung), zur Förderung von Chancengleichheit, und zur Ausbildung, Pflege und Sicherung von Rahmenbedingungen, die für effiziente Wirtschaftsprozesse (Märkte) notwendig sind.

Dummerweise ist der schuldenfreie Staat bei uns nicht mehr drin, so gesehen muss man die ideale Staatsquote vermutlich auf ca. 40-45% anheben, und muss im Übrigen sehr entschlossen kämpfen, und zwar gegen Ineffizienzen im Staat, gegen die sich im Staat ausbreitenden Partikularinterssen und dafür, dass der Staat als Rahmensetzer und Freiheitswahrer (!) gut funktioniert.

@Rayson:

"Das Aufrechterhalten der Wolhstandsstaatsillusion" ist ein wenig wie die "Aufrechterhaltung der Illusion, daß es Liebe gäbe" - was ist denn daran illusionär?

Die Solidarität mit den "Unähnlichen" - mhhh, da hast Du deskriptiv wohl in mancher Hinsicht Recht, das ist die einem spezifisch gewendeten Gemeinschaftsgedanken entspringende, zumeist dem Konservativen (der eben nur graduell von härteren, auch in's Faschistoide übergehende Gemeinschaftsvorstellungen sich unterscheidet, behauptet ich)entsprechende Denke. Damit meine ich jetzt nich Dich, sondern jene, die meinen, mit "unähnlichem" nicht solidarisch sein zu wollen.

Das ist übrigens für mich einer der zentralen Unterschiede zwischen links und rechts - rechte Ideologien formulieren Binnensolidaritäten, linkes Denken begründet internationale Solidarität, jawohl, immer noch, und weil sie begründet, ist's auch keine Ideologie.

Womit ich Dich jetzt weiß Gott in keine rechte Ecke stellen will, nicht faksch verstehen, libertäre Ideen schließen halt Solidarität lieber gleich ganz aus dem Diskurs aus. Da stimme ich aber Dr. Dean zu: Es ist halt nur eine sogar ganz schöne Utopie ...

@Dr. Dean:

Dein Einstieg ist gefährliches Fahrwasser. Weise ja immer wieder gerne darauf hin, daß Habermas gute Gründe hat, Recht und demokratische Verfahren als funktionale Ergänzung zur Moral zu begreifen. Soll heißen: Moral ist nur universal begründbar und nicht unter Rekurs auf konkrete Gemeinschaften (Rorty sieht das z.B. anders, das am Rande). Konkrete Gemeinschaften wie die Staatsbürger, die eine Demokratie als "Willensgemeinschaft" ausmachen, sind insofern nur vor dem Hintergrund dieser unversalen Moral als legitim auszuweisen.

Wußte gar nicht, daß es außerhalb der Psycho-Wissenschaften Glücksforschung gibt ;-) ...

Das sind zum Teil dann bereits technische Fragen, wie so ein Sensches Modell der "Grundsicherung" denn finanzierbar wäre. Das überlasse ich dann lieber den Anderen - sehe mich meinerseits eher für Begriffliches und Begründungsfragen als zuständig an ...

Oh je, happiness economics. Die größte Zeitverschwendung, seit man Farbe beim Trocknen zuschauen kann.

Auch wenn sie gerne das Gegenteil behaupten, haben die ökonomischen Glücksforscher das zentrale Problem nicht gelöst, daß individuelle Glücksäußerungen nicht vergleichbar sind. Wenn Individuum A im Fragebogen "halbwegs glücklich" ankreuzt, dann kann er damit etwas ganz anderes meinen als Individuum B, die das gleiche ankreuzt. Und wenn dann auch noch Individuum A in Castrop-Rauxel sitzt, Individuum B aber auf West-Samoa, dann wird der Vergleich völlig sinnlos.

Abgesehen davon weiß ich eh nicht, was das mit Ökonomie zu tun haben soll. Abgesehen von den ökonometrischen Methoden. Happiness Economics ist oberflächliche Psychologie, gepaart mit ein paar Methoden empirischer Wirtschaftsforschung. Und damit Zeitverschwendung. Einfach nur Zeitverschwendung.

Der große Ton, eine komplette - und ergiebige - Forschungsrichtung zu verdammen, und zwar deshalb, weil sie konträr zum Weltbild steht:

Ich finde es wenig originell, wenn jemand glaubt, er könnte hochgradig verlässliche experimentalökonomische Befunde und Befunde der Glücksforschung einfach wegdiskutieren, ohne sich damit auseinanderzusetzen, mit dem Argument: "Zeitverschwendung".

*räusper*

Das wirklich Schöne an Glücksforschung und Experimentalpsychologie aber ist: Auf dieser Basis kommt man z.B. zu prognosetauglichen Heuristiken!

Und man kann dann mit derartigen Hilfen fundierte Ideologiekritik vornehmen. Sooo übel, ist das nun wieder auch nicht, Herr Statler!

@Momorules

"Moral ist nur universal begründbar und nicht unter Rekurs auf konkrete Gemeinschaften "

Mir ging es nicht um Menschenrechte, sondern "nur" um Solidaritätszusammenhänge, und wie man diese begründen kann. Ein gemeinsamer Entscheidungsraum spielt dann m.E. schon eine Rolle.

Nun war mein "Sprung" hoppelig, denn über den Solidaritätszusammenhang eines gemeinsam bestimmten Gemeinwesens gibt es selbstverständliche auch andere Solidaritätsquellen, sowie, selstredend, eine Solidarität zu *allen Menschen auf der Welt*.

Randnote: Wobei die Neocon-Libertären dann natürlich gleich mehrfach paradox sind: Sie bestreiten innenpolitische Solidaritätspflichten, aber in der Außenpolitik gilt eine Art schrankenlose Solidarität [natürlich besonders dann, wenn man mal endlich wieder das Militär beauftragen kann]...

*Gnihihi*

Nun, es gibt keinen Grund, aus ideologischen Gründen gegen happiness economics zu sein. Das schöne an ökonomischer Glücksforschung ist, daß sie für alles und auch für das Gegenteil positive Effekte auf das geäußerte Glück nachweisen kann.

Wenn es um ideologische Gründe ginge, würde ich mir einfach die Studien herauspicken, die für die von mir präferierte Politik einen positiven Effekt auf Glück 'nachweisen' und diese stolz herumzeigen.

Ich bin gegen die ökonomische Glücksforschung, weil sie methodisch dubios ist. Ein Rückfall in früh-utilitaristische Zeiten mit kardinaler Nutzenmessung, der Behauptung der Vergleichbarkeit individueller Einstufungen des eigenen Wohlbefindens und all diesem Müll.

@MomoRules

Am Wohlfahrtsstaat ist illusionär die Auffassung, durch Staatseingriffe ließen sich einerseits Knappheit und Opportunitätskosten abschaffen und andererseits Wohlstand durch Umverteilung erzeugen. Das Einkommen kommt da zum Einzelnen wie der Strom aus der Steckdose.

Dass du dich bei der "Solidarität mit dem Unähnliche" auf eine wertende Einteilung zurückziehst, löst das Problem nicht.

Ich hatte mal im Zusammenhang mit den Mohammed-Karikaturen auf einen FTD-Artikel hingewiesen, der eine Untersuchung aufgriff, wonach die Vorliebe der skandinavischen Länder für stark umverteilende Systeme eine Funktion der Homogenität dieser Gesellschaften sei. Zuzug von Fremden, die ebenfalls die Leistungen dieser Sozialstaaten in Anspruch nehmen, lässt die Fundamente dieser Systeme in den Augen der "Alteingesessenen" schmelzen. Nehmen wir das einfach mal als Fakt - dass die Linken hier die besseren Menschen sein sollen, hilft uns ja so lange nicht, wie nicht alle Menschen auch Linke sind.

@Statler
Ich weiß nicht, was Sie aus dieser Forschungsrichtung kennen. Methodisch hat es im letzten Jahrzehnt enorme Fortschritte gegeben, z.B. in Zusammenarbeit mit der Hirnforschung. Das ist dann schon so etwas wie exaktes Messen.

Ich schätze ja durchaus auch andere Quellen wirtschaftswissenschaftlicher Erkenntnis, aber es ist doch schön, wenn teisl stabile, zuverlässige Heuristiken rauskommen, die sich - teils - mit ökonomischen Gesetzen prima decken (z.B.: abnehmenden Grenznutzen). Gute Empirie erleichtert die Entscheidung darüber, welcher deduktive Pfad beschritten werden kann. Denn so einfach, wie man sich das gerne denkt, ist es ja nicht, zumal, wenn man sich der realen Welt nähert und den diversen Einflussfaktoren, die dort eine Rolle spielen, die man teils nicht kennt oder anderenteils nicht zu deuten vermag. Ursache-Wirkungszusammehänge in den Wirtschaftswissenschaften sind oft eine überaus heikle Sache - in der Mikroökonomik wie in der Makroökonomik und Sie wissen das.

Man kann z.B. Hayek oder von Mises mögen, aber sorry: Willkür lauert in den Wirtschaftswissenschaften an fast jeder Kreuzung. Von daher kann man über belastbare Ergebnisse, egal wo sie her kommen, dankbar sein, umso mehr, wenn sie teils überraschen.

@Rayson
"Am Wohlfahrtsstaat ist illusionär die Auffassung, durch Staatseingriffe ließen sich einerseits Knappheit und Opportunitätskosten abschaffen und andererseits Wohlstand durch Umverteilung erzeugen."

Das ist ein Trugschluss, da Du Dir, Verzeihung, einen Pappkameraden gebaut hast, gegen den Du anreitest, nämlich den real exisitierenden Wohlfahrtsstaat, wie ich annehme.

So muss das aber nicht sein.

Ich versuchs mal ganz sachte:

Nehmen wir einmal an, dass es ein demokratisches Staatswesen gäbe, ganz frei von Wohlfahrtsstaat. Nehmen wir fernerhin an, dass es hier eine Gruppe darbender Armer gäbe, leistungsbereit, aber durch die Armut geschwächt. Und nehmen wir an, dass die Hilfsbereitschaft in dieser vorbildlichen Gesellschaft, villeicht als einziger nennenswerter Nachteil, nicht einmal das klägliche Nivau des englischen Victorianismus err3eicht. Kurzum: Die Armen darben.

Nun lassen wir ein Wunder geschehen, die Bürger erklären sich, vielleicht verwirrt durch eine Medienkampagne, monatlich 3% ihres Einkommens zur Überwindung der schlimmsten Armut zur Verfügung zu stellen, und wunderhafter noch, eine Reihe von Beamten erweist sich äußerst effizient dabei, diese 3% so umzuverteilen, dass sie tatsächlich vollständig und zu eben den Ärmsten der Armen gelangen, und z.B. die Cholera in den Armenviertel beseitigt wird.

Ein Riesenfortschritt, ganz zweifellos!

Ich will dich nicht langweilen Rayson, zumal Dich meine Schreibe sowieso bis auf Blut reizt, die Pointe dieser Geschichte kommt hier:

Deine Aussage "Staatseingriffe [können keinen] Wohlstand durch Umverteilung erzeugen - ist in diesem Beispiel, sagen wir mal: Sehr fernliegend. Denn, dank des Geschick des umverteilenden Staates in diesem Beispiel widerspricht Deiner Auffassung ja deutlich. Es wurde - durch einen umverteilenden Staat - Wohlstand geschaffen!

Übrigens ist das angeführte Beispiel nicht einmal sehr uneralistisch, wenn man z.B. auf die deutsche Geschichte und die Entwicklungen in einzelnen Städten schaut. Betrachte die deutsche Seuchengeschichte und nimm den handelnden Staat dabei als "Wohlfahrtsstaat". Und doch: Genau das ist dieser Staat im Beispiel.

Ein Widerspruch zu Rayson?

Teils - teils hat, jedenfalls in der pauschalen Aussage, auch Rayson recht. Es lässt sich durchaus ein Punkt erreichen, wo ein umverteilender Staat insgesamt eher Wohlstand vernichtet als mehrt.

Wo dieser Punkt liegt: Das ist die spannende Frage, und nicht, ob Umverteilen generell Unfug sei.

P.S.
Ich halte Hayek für einen Trottel.

@Alle zusammen:

Da beantworte ich das eine andere noch mal in einem eigenen Eintrag,, das ist nämlich in der Tat ganz spannend, wenn das mit der "Glücksforschung" auf das bezieht, was Rayson über die Homogenität schreibt ... das war nicht nur wertend, Rayson, und ein Rückzug schon gar nicht, das ist auch deskriptiv außerordentlich wichtig. Kommt dann im vierten Teil von "rätselwort Kultur" - wie nämlich spezifische Ethiken, die ggf. auch als Glücksstreben auftreten, Teilbereiche von Kultur ausmachen und wieso diese nicht Maßstab morlischen Handeln sein können, sehr wohl aber ökonomischen Handlungsweisen mit eine Rahmen vorgeben(die Weber-Nummer mit der prostestantischen Ethik ist ja berühmt, da kann man aber noch mehr drüber sagen).

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