Herbert Schui über Herrn von Hayek
Na, immerhin findet der Crossover statt.
Che 2001 hat heute einen hochinteressanten Aufsatz eines eremitrierten Professors von der Hamburger HWP verlinkt. Bei dessen Lektüre wundert es nicht, daß der aktuelle Hamburger CDU-Senat die HWP auflösen will - weiß gar nicht, ob's ihm jetzt gelungen ist, da gab's noch ein Volksbegehren ...
Herbert Schui bemüht sich unter der Überschrift "Bemerkungen zur Nähe von Neoliberalismus und Rechtsextremismus" um den Nachweis eben dieser Nähe, indem er sich mit den Schriften Hayeks und seiner Schüler auseinandersetzt und diese z.B. mit Zitaten aus Hitlers "Mein Kampf" konfrontiert.
Was da im einzelnen steht, kann ja jeder selbst nachlesen - Leute, die sich der Welt von Nozick und Hayek besser auskennen, werden beurteilen können, wie korrekt deren Gedanken wiedergegeben sind. Mir sind sie zumindest fragmentarisch ...
... auch schon in diversen Diskussionen über den Weg gelaufen, und stark verkürzt kann man sie so zusammenfassen: Gesellschaft wird vorgestellt als aus Individuen zusammengesetzt, welche in Tauschbeziehungen zueinander stehen. Ziel dieser Tauschbeziehung ist die je individuelle Nutzenmaximierung. Die zu tauschenden Güter sind keinswegs nur materialler Art, auch "Güte" und andere ideelle oder emotionale Entitäten können solche Güter sein.
Schui deutet Individuen, die so handelten und sich selbst so verstünden, als "Deformierte", und bei allen Problem, die ich mit einer solchen verkürzten Darstellung intersubjektiver und gesellschaftlicher Prozesse habe, kann ich Begriffe wie ""deformiert" im Bezug auf Menschen dann doch nicht ertragen. Da schleichen sich Entfremdungsmodelle ein, die dann eine wahre und umfassende Natur des Menschen behaupten, nee, ich weiß nicht.
Statler hat prompt auf den Artikel bzw. wohl eher die Kommentare darunter reagiert, genauer: Auf Ches Darstellung, der Begriff des "Aussiebens" sei dem Begriff der Rassenhygiene zuzuordnen, was historisch ja stimmt.
Statler hält das im Falle Hayeks (und Poppers) für, gelinde gesagt, nicht zutreffend, da dieses "Aussieben" in dessen Fall allenfalls das Procedere des Try & Error beschreiben würde: Man wählt mittels Aussiebens jene Handlungsmuster, die Erfolg bringen, und läßt andere bleiben, bei denen Erfolg ausbleibt.
Was an dieser Reaktion irritiert, ist, daß Statler auf den Aufsatz selbst gar nicht eingeht. Da taucht das Bild des Aussiebens zunächst noch der Nähe des von Statler beschriebenen Prozesses auf:
"Vielmehr ist die gesellschaftliche Entwicklung nun, wie Hayek dies nennt, durch einen "Siebungsvorgang" bestimmt. Dieser Vorgang ist eng mit Lernen verknüpft - oder anders, der Gesichtspunkt des Lernens bei diesem Siebungsvorgang kann am leichtesten deutlich machen, was die Entwicklung treibt. Der Mensch lernt, so Hayek, durch die Enttäuschung von Erwartungen. Dies ist Lernen durch Versuch und Irrtum, d.h. durch Dressur und Konditionierung."
Das ist zwar eine einigermaßen boshafte Darstellung dessen, was Hayek wohl meinte, verweist aber ja nun doch auf mehr als auf Kinder in einem Sandkasten, die mit einem Sieb nur spielen. Try & Error ist nun weiß Gott nicht gleich "Dressur und Konditionierung". Das kann genau so gut ein im Rahmen eines spielerischen Umgangs mit etwas stattfindem. Schui stellt dem entgegen das Lernen durch Einsicht, ich würde dem gegenüberstellen das Lernen durch wechselseitige Anerkennung, durch die Bestätigung und Lob durch den Anderen, durch gemeinsamen Spaß, das positive Verstärken von Kreativität etc.. Man muß weiß Gott nicht "deformierte Menschen" behaupten, um festzustellen, daß Lernen durch "Enttäuschen von Erwartungen" zumindest ganz schön frustrierte Menschen hervorbringt, daß dieser so dargestellte Lernprozeß doch arg verkürzt ist - übrigens selbst beim Lernen in beruflichen Kontexten.
Und ein Miteinander als Totalisierung von je individueller Nutzemnmaximierung ist bestimmt keine Welt, in der ich leben wollte - die ganze Tradition der Kritik der instrumentellen Vernunft von Kant über Max Weber über Horkkeimer/Adorno bis Habermas oder Tugendhat ("Instrumentalisiere niemanden!") hat eindrucksvoll deutlich gemacht, daß genau diese Perspektive auf Welt das exakte Gegenteil von Moral ist (und letztendlich irrational). Aber weiter in der Darstellung von Schui:
"Gelernt wird von den Erfolgreichen, und da alles auf individuelle Nutzenmaximierung zugeschnitten ist, können nur individuellen Überlebens- und Bereicherungspraktiken erlernt werden, nicht aber, wie Wirtschaft und Gesellschaft politisch bewußt gesteuert werden könnten. Vielmehr wird das individuell Ineffiziente, wird das, was versagt, herausgesiebt."
Im nächsten Schritt der Darstellung hebt Schui dies Prinzip des Aussiebens auf die gesellschaftliche Ebene:
"Entscheidend für den Zusammenhang dieser neoliberalen Entwicklungsvorstellung mit dem Rechtsextremismus ist die Idee der Aussiebung und Auslese."
Gestützt wird diese Behauptung durch die Konfrontation von Hitler-Zitaten mit einem von Hayek:
"Planmäßige Leitung sei ein (so Hitler) "gefährliches Unternehmen, weil jeder Planwirtschaft nur zu leicht die Verbürokratisierung und damit die Erstickung der ewig schöpferischen privaten Einzelinitiative folgt". "Diese Gefahr wird noch erhöht durch die Tatsache, dass jede Planwirtschaft nur zu leicht die harten Gesetze der wirtschaftlichen Auslese der Besseren und der Vernichtung der Schwächeren aufhebt oder zumindest einschränkt zugunsten einer Garantierung der Erhaltung auch des minderwertigen Durchschnitts (...)." Es ist dieser Auslesegedanke, der auch wesentlicher Bestandteil der neoliberalen Evolutionstheorie ist. Hayek sagt in einem Interview mit der Wirtschaftswoche: "Gegen die Überbevölkerung gibt es nur die eine Bremse, nämlich dass sich nur die Völker erhalten und vermehren, die sich auch selbst ernähren können." Das sei - so Hayek - kein Sozialdarwinismus, sondern "bei mir geht es um einen gesellschaftlichen Evolutionsprozeß"."
Ich kann diese Zitate nicht überprüfen, aber die hauen schon rein. Angesichts der surrealen und permanent wiederholten Behauptung von liberaler Seite, daß links ja sowieso gleich rechts sei, weil Sozialismus und Faschismus beides Kollektivismen gewesen seien und die Abwesenheit freier Märkte zudem, ist's für eben diese Seite wahrscheinlich erschütternd, daß nun ausgerechnet Hitler in manchem zumindest ähnlich dachte.
Mit dem - alles entscheidenden! - Unterschied freilich, daß kein mir bekannter Liberaler jemals die "Vernichtung der Schwächeren" fordern würde - stattdessen ergänzt man dann Hayek um die Smithsche, unsichtbare Hand, die auch bei der Verfolgung von Eigennutz allgemeines Wohlergehen hervorbrächte und glaubt auch daran, daß das ginge.
Aber daß doch die "Besseren" die eigentlichen Motoren gesellschaftlicher Entwicklung seien, das predigen sie seit Jahrzehnten. Ebenso dieser Kampf gegen die Nivellierung auf's Niveau der des "minderwertigen Durchschnitts" klingt in allen Ohren. Soooo schwer fällt's nicht, das auf Darstellungen des wirtschaftlichen Diskurses der Gegenwart zu beziehen, bis hin zur Debatte um "Elite-Universitäten" - und das ist übrigens auch ein Unterschied um's Ganze zum scheußlichen DDR-System, wo's um die "breite Spitze" statt Elitebildung ging.
Ein weiterer Unterschied ist freilich, daß Hitler diese Ausmerzung der seiner Ansicht nach Schwächsten aktiv betrieben hat, während sich der Hayekaner zurücklehnt und alles in "spontanen Ordnungen" sich verwirklichen lassen möchte.
Das ist ja genau die Crux, um die die aktuelle Debatte in diversen Blogs kreist: Die Verfechter einer Hayekschen Perspektive tun so, als würde dann, wenn alles nur mittels minimaler staatlicher Intervention sich vollzöge, es für alle es ganz free und easy werden. Und für wen nicht, der hat dann selbst schuld - von wegen!!! So sagen's die linken Kritiker (so auch ich), die eher ein reales, ökonomisches Machtgefälle postulieren, dieses dann durch demokratische Prozesse kompensiert sehen wollen und eben schlicht wissen, daß nur wenige sich bei einem total entfesselten Markt durchsetzen können. So bemühen sie sich's um Formieren organsisierter Gegegenmacht.
Ihr Ahnherr hingegen gibt, wenn die Zitate stimmen, dann auch ganz unverblümt zu, daß eine "natürliche Auslese" sich vollzöge und nennt das "Evolution" statt "Sozialdarwinismus", als sei Darwin nicht der Urvater der Evolutionstheorie gewesen ... pflichtet also im Grunde genommen der linken Kritik bei. Um ansonsten politisch passiv, weil ein Ziel ja per se totalitär sei, dem Sterben und Elend zuschauen zu wollen - that's life.
Man fragt sich angesichts diesen Zitats, anhand welcher Kriterien überhaupt noch angegeben werden kann, was am Totalitarismus schlimmer ist als an der "spontanen Ordnung" ... selbstzweckhafte und selbstbezügliche Nutzenmaximierung und ein Sterben der Nicht-Angepaßten und Ausgesiebten- super!
Genau das irritiert mich an Statlers Antwort: Darauf geht er gar nicht ein. Auf dieses de facto Menschenverachtende, welches im Hayek-Zitat, so es denn stimmt, zum Ausdruck kommt.
Stattdessen als Antwort das Ausweichen in Erkenntnis- und Lern-Theorie und final in den Sandkasten. Wenn man mit Hayek argumentiert, muß man doch diese Darstellung doch dezidiert zurückzuweisen wollen, anstatt mit anderen Worten nur zu wiederholen, was eh schon im Artikel selbst steht. Da müßte doch eine Kanonade von "So hat der das nie gesagt!", "das ist unseriös, was der Mann da schreibt", "Hayek hat eigentlich dies und das gesagt" als Antwort folgen, von mir aus auch "Schui ist doch eh in der WASG und als Volkswirtschaftler nicht anerkannt!" - nö, kommt nicht wirklich ... hat Schui Recht in seiner Darstellung?
Noch knackiger wird das Ganze im Rahmen der Demokratiekritik des Neoliberalismus Hayekscher Prägung. Da muß man Statler vorab durchgängig und ausdrücklich zubilligen, daß er nicht mit dem Libertären kokettiert und stattdessen dem Demokratischem immer breiten Raum läßt, übrigens auch dem Sozialsystemen noch ein wenig Platz (jo@chim auch, der nennt sich im Geheimen "Links-Hayekaner" und besteht z.B. auch auf Altruismus in der Beschreibung von Gesellschaft).
Deshalb wundert mich aber um so mehr, daß Statler die behauptete Nähe zur Konservativen Revolution der 20er Jahre - Sontheimers "Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik" hatte ich heute schon mal am Wickel - nicht dezidiert zurückweist. Kann aber ja historisch auch einfach längst bekannt sein, Hayek ist für mich seit ein paar Monaten erst ein Name.
"Soll eine solche Gesellschaft, die ihre Fortentwicklung auf Auslese gründet (ohne aber ein genaues Ziel ihrer Entwicklung angeben zu können), Bestand haben, dann ist es wichtig, dass alle, und besonders die Ausgesiebten, das System bejahen. Die Alternative wäre ja, durch kollektive Willensbildung (die Herausbildung einer sozialen Präferenzfunktion) die Lage für die große Mehrheit der Bevölkerung zu verbessern, für die Marginalisierten und auch für die, die systematisch mit kapitalistischen - wie Hayek sie versteht - »natürlichen« Katastrophen zu kämpfen haben. Dafür, dass dies nicht sein soll und darf, mobilisiert der Neoliberalismus nicht wenig an Einwänden. Zunächst versucht die Theorie der kollektiven Entscheidungen nachzuweisen, dass eine optimale demokratische Willensbildungen unmöglich sei. Stichworte sind hier das Wahlparadox (Arrow) oder die Mehrheit, die nur durch Unterstützung der "Schlechtesten" zustande komme (Hayek) – auch hier in klarer Übereinstimmung mit den Theoretikern der »Konservativen Revolution«, denen das Mehrheitsprinzip des Parlamentarismus als "Herrschaft der Minderwertigen" galt und die so nicht wenig dem deutschen Faschimus den Weg bereitet haben.
Weiter seien die Machtmittel des Staates auf die genannten Garantien (Privateigentum usw.) zu begrenzen, weil sie sonst von einer tyrannischen Bürokratie usurpiert oder die Beute wohlorganisierter Interessen (besonders der Gewerkschaften) würden. Damit wird behauptet, dass alle bisher ausprobierten Mittel für kollektive Willensbildung unbrauchbar seien. Des weiteren: Selbst wenn eine solche Willensbildung zustande käme, so wäre diese darauf gerichtet, der Gesellschaft ein Ziel vorzugeben. Dies aber wäre nicht vereinbar mit der »offenen« Gesellschaft und folgerichtig auch nicht mit der individuellen Freiheit, sein Interesse ungehindert am Markt verfolgen zu dürfen. Vielmehr liefe alles darauf hinaus, dass sich die Unfähigen (die Schlechtesten) mit politischen Mitteln das anzueignen versuchen, was ihnen wegen ihrer Leistung nicht zustünde. Damit müßte das Lernen und folglich die Evolution zum Stillstand kommen. Der "Weg zur Knechtschaft" wäre vorgezeichnet. "
All diese Argumente habe ich in der Tat in den letzten Wochen und Monaten vernommen - jedoch durchgängig ohne Bezugnahme auf die "Schlechtesten", die "Minderwertigsten" oder die "Unfähigen", wobei letzteres sich dann in der Regel doch als Attribut für Sozen eignet im liberalen Diskurs.
Stattdessen tritt zumeist eine andere Variante in die Diskussion ein - ein auch moralisch (zu Recht) stark aufgeladener Freiheitsbegriff, der sich gegen Zwang und Herrschaft aufzulehnen habe und dann im egalitären Schließen von Verträgen sich verwirkliche (was ich für naiv und sympathisch idealistisch, aber nicht für boshaft halte).
Wenn's denn stimmte, daß Herr von Hayek im Grunde genommen all den linken Einwänden, die besagen, daß doch so eh nur die immer schon Stärksten sich durchsetzen und die Anderen auf der Strecke blieben, zustimmte und das auch noch gut fand und vor allem dafür kämpfte, daß die sich nicht auch noch untereinander verbünden, die "Schlechtesten" - wie kann man denn dann so ein Modell noch derart moralgeschwängert in den Diskurs eintreten und vertreten werden?
Es ist mir ein Rätsel, daß genau darauf keine Antwort kam ...
PS: Bei allem und vollstem Verständnis für die Wut des Kommentators, der gerne Nasen brechen würde in Che's Blog - in Ordnung finde ich das nicht ...

Kommentare
Mit aus dem Zusammenhang, auch aus dem einen ganzen Denkgebäudes, herausgerissenen Zitaten, kann man natürlich alles und nichts belegen.
Eine Auswahl der "Stärkeren" und eine Eliminierung der "Schwächeren" kann man jedem Gedanken vorwerfen, der auf evolutorischen Prozessen beruht, aber so wenig wie Darwins "survival of the fittest" tatsächlich meint, dass die weniger Fitten tatsächlich krepieren (sondern eben im Laufe der Zeit aussterben, während sich die Fitten heute untereinander gegenseitig fressen und dabei ganz real verrecken), so wenig passt eine Ausgrenzung derjenigen, die beim Marktprozess aus den verschiedensten Gründen nicht mithalten können, in Hayeks Gedankenwelt.
Zum Beispiel ist er, bei aller Abneigung gegen den Wohlfahrtsstaat, durchaus ein Anhänger eines allgemeinen Grundsicherung.
Die Vorwürfe verwechseln einfach, ob gewollt oder unabsichtlich, die Beschreibung eines Prozesses mit der eines beliebigen Zustands innerhalb des Prozesses.
Verfasst von: Rayson | 31.05.06 22:35
@Rayson:
Ich glaube, so wird man das Problem nicht los - abgesehen von der Sache mit der Grundsicherung.
Leute wie ich befürworten ja eine begrenzte Steuerung von Prozessen auch auf der gesellschaftlichen Ebene.
Wenn man dem eine "Naturwüchsige" oder wie auch immer sich vollziehende Evolution gegenüberstellt, die dann dazu führt, daß eine (ökonomischen) Herrschaft einer Minderheit über eine Mehrheit ensteht und immer mehr Menschen faktisch auf der Strecke bleiben (die "Überflüssigen" hier in Deutschland halt), und man lehnt sich einfach zurück,weil's ja nur'n Übergang im Rahmen eines evolutionären Prozesse ist, dann ist das schon problematisch, finde ich.
Auch das fehlende "Wozu", das hatten wir ja schon an anderer Stelle - es ist ja nicht jede Zielsetzung auch gleich totalitär, das ist dann notwendig der Abschied von allem Politischen, dem z.B. Hannah Arendt gerade eine Renaissance verschaffen wollte, die ja nun in Sachen Totalitarismus-Theorie auch ein Schwergewicht ist, auf liberaler Seite aber gar nicht im Diskurs auftaucht.
Auch diese Nummer mit der Konservativen Revolution, die sich demokratiekritisch gegen die "Herrschaft der Minderwertigen" richtete, die ist erschütternd hochaktuell. Hat Hayek wirklich mit denen geklüngelt, oder ist das jetzt nur eine Konstruktion von Herrn Schui?
Verfasst von: MomoRules | 01.06.06 08:07
Also, ich weiß nicht, aus welchem Zusammenhang hier ein Jahrzehnte altes Zitat gerissen wurde, das auch noch aus einer Illustrierten, der Wirtschaftswoche, stammt.
Die für mich relevanten Dinge stehen in zitierfähigen Werken. Beispielsweise zur Frage, ob eine staatliche Sicherung des Subsistenzniveaus notwendig ist:
"Bis hierher kann die Berechtigung des ganzen Sozialversicherungsapparates wahrscheinlich auch von den konsequentesten Verteidigern der Freiheit anerkannt werden. Obwohl es viele unklug finden mögen, so weit zu gehen, kann nicht gesagt werden, daß diese mit den von uns dargestellten Prinzipien unvereinbar wäre. Ein Programm, wie wir es beschrieben haben, würde zwar einen gewissen Zwang in sich schließen, aber nur einen Zwanz zur Verhütung stärkeren Zwanges auf den Einzelnen im Interesse anderer; und die Rechtfertigung dafür beruht ebenso sehr auf dem Wunsch Einzelner, sich gegen die Folgen schwerer Not ihrer Mitmenschen zu schützen, als auch auf dem Wunsch, die Einzelnen zu zwingen, für ihre eigenen Bedürfnisse besser vorzusorgen." (aus: Die Verfassung der Freiheit, S. 362)
Allgemein kann man sagen, daß Hayek niemals gegen eine staatliche Sicherung von Grundbedürfnissen war. Im Gegenteil, er hat stets dafür argumentiert. Strikt abgelehnt hat er allerdings die Vorstellung, daß man irgendeine Einkommensverteilung als "sozial gerecht" definieren und dann durch staatlich erzwungene Umverteilung herstellen sollte.
Und ich denke, der logische Unterschied ist klar: die Grundsicherung schafft eine gewisse Sicherheit, überläßt aber alles andere dem freien Spiel des Marktes. Das Ziel der "sozialen Gerechtigkeit" hingegen definiert eine bestimmte Einkommensverteilung als Ziel und schränkt damit die Freiheit des Einzelnen viel drastischer ein, denn sie zwingt die Gesellschaft ins Korsett einer ex ante als wünschenswert definierten Verteilung.
Es hat schon seinen Grund, daß Hayek von den kompromißloseren Libertären (den radikaleren, sektiererischen Mises-Anhängern beispielsweise) als "Sozialist" bezeichnet wird.
Verfasst von: statler | 01.06.06 10:12
@Statler:
Na, das liest sich ja schon beruhigender ... dem muß man ja nicht zustimmen, insbesondere was Fragen der Gerechtigkeit betrifft, und offen läßt es auch, wie die Grundsicherung konkret ausschaut, und das Ganze als gesellschafts- und handlungs-theoretischen Ansatz sowie die implizite Anthropologie halte ich ja bekanntlich eh für falsch, was immer eine eigene Diskussion ist, die wohl auch ewig im Sinne Poppers offen bleiben wird ...
Aber immerhin, damit kann man sich dann auch auseinandersetzen und muß es nicht gleich auf den Index setzen.
Aber ob der mit den Konservativen Revolutionären geklüngelt hat, das würde mich trotzdem interessieren ...
Verfasst von: MomoRules | 01.06.06 10:26
Nein, mit den Konservativen Revolutionären hat er nicht geklüngelt. Zu der Zeit, in der diese in der Weimarer Republik ihr Unwesen trieben, interessierte sich Hayek für Konjunktur- und Kapitaltheorie, war an der New York University und später bereits an der LSE. Er war zu dieser Zeit noch ein reiner theoretischer Ökonom ohne politische oder philosophische Beiträge oder Äußerungen.
Diese Öffnung seiner Interessen fand ergab sich erst gegen Anfang der 1940er, als die Konservative Revolution längst gegessen war.
Bezeichnenderweise schreibt Schui ja auch nicht, daß Hayek Teil der KR war, sondern daß seine Ideen angeblich deren Ideen nicht unähnlich seien. Auch das ist Blödsinn, aber es ist bezeichnend für Schuis Stil: Nähe insinuieren, wo man keine Nähe nachweisen kann. So funktioniert Denunziation in neo-marxistischen Kreisen.
Verfasst von: statler | 01.06.06 11:18
@Statler:
Na, wenn ich mir Jo@achims Eintrag dazu durchlese und auch Deine Kommentare zur HWP dazu, dann ist das aber auch nicht denunziationsfrei, so was ist nun weiß Gott nicht auf "neo-marxistische Kreise" zu beschränken - daß die HWP u.U. keine allzu dolle Resonanz in wirtschaftswissenschaftlichen Kreisen bisher erfuhr, könnte, ich weiß es nicht, ja zumindest auch an deren Denunziation als neo-marxistische Kaderschmiede liegen. Und auch bei Marx war ja nicht alles falsch, ebensowenig bei Hayek ...
Im mir besser geläufigen Habermas-Umfeld mußte man in den 80ern auch nur jemanden als neo-konservativ ettikettieren, und der war unten durch (so kam auch Foucault verspätet nach Deutschland), und daß solche Prozesse nicht immer nur auf's jeweils gegnerische Lager beschränkt sind, sollte Dir aus dem täglichen Arbeitsumfeld doch eigentlich auch geläufig sein?
(siehe auch die von Dir zitierte Etikettierung von Hayek als "Sozialist")
Diese Gedanken an die Konservative Revolution kommen einem ja auch immer nur in Auseinandersetzung mit dem libertären Strang und dessen Deomkratiekritik.
Jetzt gar nicht, weil die Forderungen in deren Sinne formulieren würden - die bleiben ja zumeist rein negativ -, sondern weil sowas dann hinten rauskäme, würden deren Modelle Anwendung fänden ... was ja der eigentliche Streitpunkt ist.
Ich finde, ihr macht's euch ein wenig leicht mit dem Text von Schui ...
Verfasst von: MomoRules | 01.06.06 12:31
Also insbesondere eine Nähe der Hoppe-Hoppe-Reiter zu rechtsextremem Gedankengut haben wir auch in unserer Auseinandersetzung mit Libertären immer wieder kritisiert - da haben wir keinen Nachholbedarf. Aber Hayek, an dem mir natürlich auch nicht alles gefällt, derart in die Nähe von sowas zu rücken, ist, da hat Statler Recht, neo-marxistische Denunziation.
Bei Schui, von dem ich hier ja nicht zum ersten Mal gehört und gelesen habe, habe ich da nicht die geringsten Zweifel. Der Mann beherrscht alle Tricks, die man Avantgarde der Arbeiterklasse so braucht, bis hin zur Täuschung (man muss da nur mal gar nicht feindliche Diskussionen von WASG-Leuten zur richtigen Außendarstellung im Netz suchen).
Ich habe übrigens meine Unterscheidung von Prozess und Zustand wohl nicht verdeutlichen können. Das "auf der Strecke bleiben" ist etwas, das sich in einem langen Prozess herauskristallisiert - es muss sich nicht in einem konkreten Zustand von konkreten Menschen manifestieren. Auch Tiere, deren Art zum Aussterben "verurteilt" ist, können doch ein (artspezifisch) angenehmes Leben führen.
Es soll nicht heißen, dass man das Leid Einzelner zum Heil eines Prozesses, dessen Wohl sich praktischerweise erst in der Zukunft erweist, hinnehmen soll - so denken ganz andere... Liberalismus zielt nicht auf ein zukünftiges Heilsversprechen, sondern auf den besten Weg für hier und heute.
Verfasst von: Rayson | 01.06.06 12:49
Also, an einer Denunziation liegt's nicht, daß die HWP keinerlei Resonanz hervorrief. Es hat schon eher was damit zu tun, daß deren Exponenten in Käseblättchen (klingt polemisch, ist aber so) wie der "Zeitschrift für Marxistische Erneuerung" oder "spw Zeitschrift für Sozialistische Politik und Wirtschaft" publizierten und darüber nicht hinaus kamen.
Und das hat jetzt gar nix mit links oder rechts zu tun. Es gibt genügend renommierte internationale Fachzeitschriften, die Beiträge ohne Rücksicht auf politische Provenienz drucken, wenn sie nur gut sind. Selbst das sich fest in Chicago-Hand befindende Journal of Political Economy druckt gelegentlich Sachen, die einen klaren Linksdrall haben.
Gut, das JPE wäre jetzt als Meßlatte arg hoch, aber es gibt vom Journal of Post-Keynesian Economics bis zum Journal of Economic Issues auch dezidiert linke Zeitschriften mit Anspruch, in denen die Linken veröffentlichen, die etwas zu sagen haben und die es verdienen, gehört zu werden. Ist da der Schui vertreten? Ist da irgend ein HWPler vertreten? Nö. Also behalte ich mir vor, diese Leute fachlich nicht übermäßig ernst zu nehmen.
Verfasst von: statler | 01.06.06 15:31
@Rayson + Statler:
Ich finde ja sogar auch, daß es dem Herrn Schui noch nicht einmal textimmanent gelingt, da wirklich eine Verbindung von den Nazis zu Hayek schaffen, weil's vom lediglich Elitären, nicht-interventionistischen selbst in der dar- bzw. unterstellten Form noch'n weiter Weg ist zum Rassenwahn und einer aktiven, massenhaften Vernichtung von Menschen ... aber auch das ist ja ein weites Feld, da gibt's auch andere Positionen.
Dieser methodische, handlungstheoretische Atomismus, den Hayek, Nozick etc. wohl betrieben haben, kann man guten Gewissens trotz alledem in der Tat klassisch-marxistisch unter Ideologieverdacht stellen, denke ich. Die halte ich für alles andere als tot, die Ideologiekritik, so lange sie sich immer auch sich selbst anwendet. Was Herr Schui wahrscheinlich nicht macht, und da liegt dann tatsächlich das Problem, zugegeben.
Was die HWP betrifft, war die mir immer geläufig als der Versuch, Gesellschaftswissenschaften udn Wirtschaftwissenschaften zusammenzuführen, was ja, man korrigiere mich, gerade erst so richtig am Anfang steht ... vielleicht waren die einfach zu früh am Start?
Kenne mich nicht so aus in der WiWi-Zeitungschriften-Landschaft, aber für mich klingen die Käseblättchen ja eigentlich ganz sympathisch ;-) ... ich witter Wahrheit ja überall, außer am rechten Rand. Sei's drum.
Würde man heute Forschung im Geiste von Max Webers Schriften zur Religionssoziologie fortschrieben wollen, würde es sich auf empfehlen, bei der GQ, der Freundin und dem Wachturm anzufangen mit der Analyse.
Außerdem bleibe ich dabei, daß sich da immer noch genug Ansätze in dem Aufsatz finden, die man vertiefen könnte. Auch von liberaler Seite. Und wie Jo@chim Begriffsbildung betreibt, würde ich ja auch gerne mal lesen, das nebenbei.
Egal. Ich tröste mich hier derweil sozialromantisch mit Peter Lichts Liedern vom Ende des Kapitalismus - schöne CD! Die alte Tante Wohlfahrtsstaat stirbt da übrigens auch ...
Verfasst von: MomoRules | 01.06.06 18:49
Ach momo,
nichts liegt mir ferner als mit dem Knochenbrecher von Leipzig in Konkurenz zu treten. Die von mir angedrohte gebrochene Nase ist meine krude Art darauf hinzuweisen das ich nicht laenger bereit bin zwischen physischen Gewalttaetern auf der Strasse und virtuellen Gewalttaetern an der Tastatur zu differenzieren.
Ergo reagiere ich auf die jedes ertraegliche Mass ueberschreitende Gewalt in der Sprache der eischlaegigen Verdaechtigen mit sprachlicher Gegengewalt.
Hartz ist Gewalt. Hartz pervertiert den Begriff des Sozialstaats und man kann sich den Mund ueber dieses Buerokratiemonster zerreissen solange man lustig ist, das aendert nichts daran, dass Hartz das Ergebnis der unablaessigen Vorderung nach Deregulierung, nach Rueckbau monetaerer Transferleistungen ist. Da hilft auch das herzhafteste "sooooo haben wir das nicht gemeint" auch nicht weiter.
Wer nicht gewillt ist die Konsequenzen, in klardeutsch die Verantwortung, fuer seine Forderungen zu uebernehmen, soll bitte mit Forderungen mehr zurueckhaltung ueben, in klardeutsch die Klappe halten.
Und solange die Konzepte zur Befriedung sozialer Konflikte aus unsichtbaren Handen oder inhaltsleeren Parolen im Sinne von "Chancen wahrnehmen" bestehen, werde ich weiterhin Diskursunwilligkeit zur Schau stellen.
Wirklich beruhigt haben mich die hier vorgetragenen, allzu zoegerlichen Bekentnise zu demokratischen Strukturen und sozialstaatlichkeit nicht. Den Vorwurf der inherenten staatsfeindlichleit halte ich daher aufrecht.
Auch wenn es moeglicherweise gegen den Verhaltenskodex in Bloggerland verstoesst bekommst du an dieser Stelle fuer deine Beitraege der letzten zwei drei Tage ein plattes und pauschales FULL ACK.
Erhellend, treffend und 'angenehm' zu lesen. danke.
achja: du darfst mich gerne namentlich mit meinen Kommentaren in Verbindung bringen.
Verfasst von: loellie | 02.06.06 12:39
@loelli:
Das, was Du zum Sozialstaat und auch der Art, wie drüber diskutiert wird, schreibst, das verstehe ich aber sowas von gut .... hatte das mit dem Nasenbrechen meinerseits auch eher als Ausdruck von Wut verstanden angesichts einer Diskussion, die auch gut wie 'ne Mischung aus Arroganz und Ignoranz rüberkommen kann und die man als Rechtfertigung eines üblen Umgangs mit Menschen verstehen kann, verstanden - siehe auch die aktuellen Kauder-Sprüche.
Aber bevor hier die Leute auf der Matte stehen und mir vorwerfen, ich würde Gewaltandrohungen gutheißen ...
Namen betreffend hätte ich noch mal nachschauen müssen, stimmt schon.
Und Danke für's Lob (wobei ich tatsächlich nicht weiß, was "FULL ACK" heißt, ich gesteh's).
Verfasst von: MomoRules | 02.06.06 13:11
"FULL ACK" steht fuer 'full(y) acknoledged(ment)' im Sinne von "Volle Zustimmung". Desweietren sind solche postings text, bzw inhaltslos. Eine vor allem im Heise/TP-Forum verbreitete Unsitte, welche auf das Fehlen einer Bewertungsfunktion zurueckgeht.
Ich dachte du haettest aus ueberfluessiger Pietaet heraus meinen Nick "unterschlagen". Dann wars also vorrauseilender Gehorsam ... (nein nein, ich trietz' jetzt nur).
Da du mir weiter oben etwas vorweggenommen hast das genauso gut hierher passen wuerde, schau ich mir das noch mal an ...
Verfasst von: loellie | 02.06.06 15:02