Kulturbegegnungen
"Man frage sich nicht, wer ich bin, und man sage mir nicht, ich solle der gleiche bleiben: das ist eine Moral des Personenstandes; sie beherrscht unsere Papiere. Sie soll uns frei lassen, wenn es sich darum handelt, zu schreiben."
Was Freiheit heißt, das kann man wahrlich von ihm lernen. Weil er zeigt, daß eine umfassende Sinnlichkeit der Disziplinierung und der Normalisierung sich entziehen kann - ja, auch das ist Glück. Ebenso eine Perspektive auf sich selbst und das eigene Tun, die sich der Selbstdefinition entzieht, um in der Selbstpraxis den Anderen genießen zu können.
Er lehrt, daß man weder sich in sich zu finden, noch irgendetwas in sich zu befreien habe. Daß man sich immer neu erfinden kann, anstatt ein vorgängiges Selbst paßgenau freizulegen und zu verwirklichen. Die Vorstellung einer Natur des Menschen - darüber lachte er sich schlapp, ja, ganze Texte über das "Lachen des Michel Foucault" gibt es.
Die Psychoanalyse hat an Einfluß verloren, und wer sich heute noch in Beicht-Ritualen reproduziert, hat auch nix besseres als Benedikt verdient. Foucault würde heute andere Selbstpraktiken in der Historie aufspüren, er, der als akribischer Archivar uns eine neue Geschichte der Gegenwart schenkte. Z.B. jene von der "Einpflanzung der Perversionen" im humanwissenschaftlichen Diskurs. Die, indem sie dort erzeugt wurden und werden, Negativ-Folien zur Abgrenzung lieferten und liefern sollten und sollen.
Die's nicht im selben Sinne gäbe, wenn's nicht die Diskurse gäbe, die, indem sie diese zu beschreiben vorgeben, ihren Gegenstand erst produzieren. So, wie alltäglich in der Blogosphäre dann linke Gutmenschen, Neoliberale und Muslime und vieles andere mehr produziert wird. Die als Für-Wahr-Haltungen dann ganz reale, kommunikative und politische Prozesse in Gang setzen. So wie Politiker vom rechten Rand "Sozialschmarotzer" produzieren und Kommentatoren inmitten des noch rechteren Rands, da, wo's so richtig modert, dann den "unglücklichen, kranken Schwulen" wieder ausgraben, auf daß er endlich wieder Für-Wahr gehalten werde.
Daß man sich den Zuschreibungen entziehen, sich zu ihnen verhalten kann, um in der Praxis sich immer neu zu überschreiten, das hat er mir beigebracht. Da war er näher am Sartre, als er zuzugeben bereit war. Focault hat den Blick des Anderen im Diskurs und institutionellen Praktiken verortet, anonymisiert und diagnostiziert, nicht in der zwischenmenschlichen Begegnung, wie Sartre es tat.
Über die Anderen findet sich in seinem Werk so wenig - erst im Spätwerk, wo er den Gebrauch der Lüste und die Sorge um sich in der Antike aufspürte. Anhand dessen, was problematisiert wurde, diese aufspürte. Wahrscheinlich wollte Foucault sich seinen Zugang zu und Umgang mit den Anderen nicht verderben lassen von dem, was gedacht werden kann. Sie stattdessen spüren. Sie ihn spüren lassen, sich spüren lassen. Oft ist's das Nicht-Gesagte, das einen Autor in Fluß seines permanenten Werdens charakterisiert. Er hat gut daran getan, sich diesen Lebensbereich nicht verderben zu lassen und stattdessen den Klinikern und Panoptisten so bravourös mitten in's Gesicht zu spucken.
Wenn ich heute quer durch die ganzen seltsamen Geister in den vermeindlich "konservativen" Blogs mich lese, bin ich froh, daß er bei solcher Lektüre immer neben mir sitzt und ...
... sich weglacht. Obgleich er um die Brutalität dieser Menschen weiß, es viel drastischer erfahren mußte im Frankreich nicht nur der 50er. Die hemmungslose Brutalität von Menschen, die Schwulenverbände als "Krebsgeschwür" bezeichnen und ihnen gedankenlos das Lieblings-Schmähwort der politischen Blogosphäre zuschieben: Totalitär. Gedankenwirr die eigene Panik in einen solchen Begriff dann gießend.
Will, wer überall Bedrohung seines konkreten So-oder-So-Seins wittert, eigentlich dominiert werden? Immerhin wähnt er überall das Überwältigt-Werden. Es ist ja schon erstaunlich, daß da, in den Blogs vom anderen Ende der Welt, Menschen vor sich kommentieren, die allen Ernstes glauben, der türkische, libanesische, na ja, "südländische" Gemüsehändler könnte innerhalb der nächsten 2 Stunden, Monate, Jahre die Schariah auf sie anwenden und ihre Frauen entrechten. Parallel würde im nächsten GRÜNEN-Abgeordneten-Büro jemand bereits alle Hebel staatlicher Macht in Bewegung setzen, um sie dazu zu zwingen, von irren Lederschwulen gefickt zu werden und die traute Vielsamkeit mit Frau und Kindern aufzugeben.
Das wäre fiktional gar nicht generierbar, was die da vor sich hinfantasieren, die Kommentatoren. Da finden sich frei flottierende Gedanken, Moskau müsse schon aufpassen, daß nicht auch bei ihnen "das Perverse" bald normal sei. Und "Heterosexualität" (wasimmerdasist), würde durch solche "Homosexualitäts"-(wasimmerdasist)-Propaganda bald ganz verschwinden. Ebenso sei's kriminell, so steht's da wörtlich und das sieht Herr Rüttgers ja ähnlich, sowas wie "Homos" auch noch positiv darzustellen. Dagegen sei ein wenig Knüppeleinsatz noch harmlos. Es könne die Jugend gefährden, außerdem sterben alle Schwulen viel früher, sind allesamt unglücklich, und unsere Verfassungsgründer hätte gewußt, daß diese zu bestrafen seien ... wahrscheinlich stellen die sich's in dem Moment, wo sie's posten, bildlich vor. Verfassungväter und ihr Spanking auf dem Homo-Arsch ...
Da, in diesen Blogs aus einer anderen Kultur, treibt ein D.R. sein Unwesen. Der bekommt sich gar nicht mehr ein.
Es gibt da diese alte, aber brandaktuelle Theorie vom "Autoritären Charakter" Adornos. In freudianischen Termini - Freud, der mit seiner Neurosenlehre jenen, die als "homosexuell" täglich produziert sich finden, wahrscheinlich mehr angetan hat als viele andere Denker weiter rechts und dessen Termini ich nicht mag, hier passen sie trotzdem - findet sich dort, stark vereinfacht dargestellt, eine Persönlichkeitsstrukur, die von Ich-Schwäche, einem allmächtigen Über-Ich und einem sich verselbstständigendem Es gequält wird. Und die deshalb dann andere quält.
Da hockt der große Regel-Zensor, das Über-Ich, auf den lustvollen, nicht regelgeleiteten Antrieben und stellt alles spontane ""Ich will!" per se in Frage. Das Über-Ich als internalisiertes, gesellschaftliches Gewissen regiert gnadenlos - und all die Emphatie, all die Lebensfreude, all die Neugier auf den Anderen und den eigenen Spaß wird in Stacheldraht verkleidet und autoritär unterbunden.
Das muß schlimm sein für jemanden wie diesen D.R.. Der hat so etwas wie Ich-Stärkung durch wechselseitige Anerkennung wahrscheinlich nie erfahren. Der projiziert wohl, ich vermute das nur, sein eigenes Über-Ich nach Außen - auf Muslime, die ihm die Hand abhacken könnten, mit der wahrscheinlich allzu gerne zum nächsten, knackigen Hintern greifen würde, ganz egal, ob dieser männlich oder weiblich ist. Auf Muslime, die so ungleich glaubensstärker und konsequenter scheinen. Und projiziert das eigene, abgewehrte Begehren in Schwulenverbände hinein - als Ausdruck der Angst, daß das, was im eigenen Es sich tummelt, ihn irgendwann über- und schlimmstenfalls entmannen könnte. Denn diese ganze in's Es verbannte, wühlende Lust kann ohne solche Projektionen kaum noch im Zaum gehalten werden, während parallel alles, was erregen könnte, auch gleich bekämpft werden muß, weil es so unerträglich fasziniert ... am Rande sei erwähnt, daß das Hineinprojizieren von allerlei Perversionen in "die Juden" auch zur Geschichte des Antisemitismus gehört.
Wie kommen diese Menschen eigentlich darauf, daß allein schon die Existenz von Männern und Frauen, die miteinander Sinnlichkeit und Lust und Liebe erleben, die Institution der "heterosexuellen Ehe" gefährden könnte? Laufen dann alle über, weil's Schwulsein viel mehr Spaß macht? Spaß macht's, keine Frage, aber ich habe gehört, auch sogenannte "Heterosexuelle" sollen welchen haben ...
Auch die CDU hat durchgängig so argumentiert, als es um diese verunglückte "Homo-Ehe" ging, die nur Pflichten, aber keine Rechte kennt. Das würde die Ehe zwischen Mann und Frau in Frage stellen. Mir ist das ein Rätsel - mich haben doch auch nie in öffentlichen Parks knutschende "Hetero"-Pärchen dazu verführt, nun diese Form der Sinnlichkeit als die meine anzunehmen. Wäre es wahr, diese alberne Propagier- und Verführungsmodell, dann gäbe es gar keine "Homosexuellen" ... woher kommt diese Panik, die das eigene, kleine Leben in seiner konkreten Form so schnell, so tief, so radikal gefährdet sieht und überall Fremdbestimmung und Dominanzen wittert?
Dirk Baecker begreift in seinem Buch "Wozu Kultur?" als konstitutiv für das Entstehen einer Kultur die Praxis des Vergleichens. Kulturen begreifen sich erst dann als solche, wenn sie auf andere Kulturen treffen. Die Unterscheidung "eigen" und "fremd" generiert erst das Selbstverständnis.
"Man muß sich das vorstellen: Ein Gläubiger kniet nieder und und beginnt ein Gebet. Ein Intellektueller stellt sich neben ihn und sagt: "Wie interessant! Weißt Du, daß andere Völker an ganz andere Götter glauben?" Wie kann der Gläubige, der an seinen Gott glaubt, darauf reagieren? Natürlich lehnt er die Zumutung des Vergleichs ab, hält den Intellektuellen für einen Neunmalklugen und die anderen Völker für ungläubig. Aber in Wahrheit ist er bereits erschüttert. In Wahrheit hat ihn bereits eine Unruhe erfaßt. Wie kann er glauben, wenn andere anderes glauben? Was kann er wissen, wenn andere anderes wissen? Wer ist sein Gott, wenn andere ihn nicht kennen? Wie weit reicht die Macht seines Gottes, wenn andere ungestört ihren Götzen huldigen dürfen?"Dirk Baecker, Wozu Kultur, Berlin 2003, 3. Auflage, S. 48
Womit dann auch der Karrikaturenstreit erklärt wäre. Und dann laufen auch noch diese Homos, offensichtlich sich genießend in Latex und in Massen den Boulevard entlang. Ungewißheit befällt dann polnische Politiker, russische Nationalisten und Päpste. Könnte es doch gottgewollt sein? Heißt das alles gar nicht Unglück? Ist das vielleicht gar nicht krank, macht es vielleicht Spaß? Könnte vielleicht sogar mir das Spaß machen?
Dann suchen sie Strafen - AIDS als Strafe Gottes. Uff, geschafft! Entronnen! Seht, da haben sie's! Ich habe doch Recht mit meiner Kleinfamilie und meinem CDU-Parteibuch! Aber, halt - es gibt sie immer noch, gibt sie immer wieder, und sie feiern immer noch, immer wieder, sie lachen, sie inszenieren sich ganz zwangfrei, geben die Diversität ihrer Lüste auch noch offen zu - ist da doch was dran, daß es schön sein könnte, so zu leben? Fragen, die man sich nicht stellen braucht, wenn man über das verfügt, was Freud paraphrasierend Ich-Stärke genannt werden kann ...
Bei denen, wo die fehlt, treibt die Selbstvergewisserung immer skurrilere Blüten. Man dichtet dem Anderen dann das Böse an. Alles Kinderschänder, Vergewaltiger! Man kann sich kaum retten vor dem eigenen Zweifel, je tiefer er nagt, desto drastischer die Vorwürfe...
Da hilft nur Foucault. Der sitzt hier gerade in meinem Korbsessel, reibt sich die Glatze, spielt mit dem Kragen seines weißen Rollkragenpullovers. Und lacht. Denn er weiß, daß diese Zweifel nur dann nagen können, wenn man an Identitäten statt an dem eigenen Wollen klebt und Fremdzuschreibungen sich aneignet. Sich definieren läßt oder selbst definieren will. Wenn man das bleiben läßt, ist man fein raus - und hat im besten Falle viel mehr Spaß als die Anderen ...

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Verfasst von: InfemyIdeon | 04.10.07 16:55