Was ist Kritik?
So, da ich mir vor lauter Berufung auf Habermas mittlerweile selbst auf den Geist gehe und auch nicht debil in irgendwelchen Biergärten rumhängen will, will schließlich noch ein wenig Spaß am Leben haben, nun mal wieder was Programmatisches.
Etwas, das der Namensgeber meiner "Philosophie und Gesellschaft"-Rubrik unfreiwillig der Nachwelt überließ (ursprünglich enthielt die Rubrik auch "Kultur", enthält die auch immer noch dann, wenn's in einem weiten Sinne um Diskursanalyse geht, aber da gibt es jetzt noch eine zusätzliche Rubrik für Begrifflich-Definitorisches, "kultur, die ich meine", und ein solches Unterfangen ist so gar nicht im Foucaultschen Geiste).
Also ein längeres Zitat von Michel Foucault, den ich hier auch nicht vor lauter Theorie des demokratischen Rechsstaates in den Schrank zu stellen möchte. Dazu ist er viel zu gut geeignet, einen immer wieder aus den eigenen, dogmatischen Schlummern aufzuwecken, um sardonisch grinsend ganz plötzlich mitten in den eigenen Gedanken zu stehen und lustvoll die Peitsche zu schwingen. Und er lacht dabei.
Wohlan:
"Anstatt dieser Prozedur, welche die Form einer Legitimitätsprüfung der historischen Erkenntnisweisen annimmt, könnte man vielleicht eine andere Vorgangsweise ins Auge fassen. Anstatt über das Problem der Erkenntnis könnte diese über das Problem der Macht in die Frage der Aufklärung einsteigen; sie würde nicht als Legitimitätsprüfung vorgehen, sondern als ...
... Ereignishaftigkeitsprüfung oder Ereignishaftmachung.Verzeihen Sie das schreckliche Wort! Unter dem Verfahren der Ereignishaftmachung verstehe ich - mögen auch die Historiker vor Entsetzen aufschreien - etwa folgendes: zunächst nimmt man sich Mengen von Elementen vor, bei denen man empririsch und vorläufig Verschränkungen von Zwangsmechanismen und Erkenntnisinhalten vorstellen kann. Unterschiedliche Zwangsmechnismen, vielleicht auch Gesetzgebungs- und Reglementierungsvorgänge, materielle Dispositive, Autoritätsphänomene usw.; auch die Erkenntnisinhalte werden in ihrer Mannigfaltigkeit und Heterogenität aufgegriffen und sie werden auf die Machteffekte hin untersucht, deren Träger sie als gültige Elemente eines Erkenntnissystems sind. Man möchte nicht wissen, was wahr oder falsch ist, begründet oder nicht begründet, wirklich oder illusorisch, wissenschaftlich oder ideologisch, legitim oder mißbräuchlich ist. Man möchte wissen, welche Verbindungen, welche Verschränkungen zwischen Zwangsmechanismen und Erkenntniselementen aufgefunden werden können, welche Verweisungen und Stützungen sich zwischen ihnen entwickeln, wieso ein bestimmtes Zwangsverfahren rationale, kalkulierte, technisch effiziente Formen und Rechtfertigungen annimmt."
Michel Foucault, Was ist Kritik?, Berlin 1992, S. 30-31 - basierend auf einer Vortragstranskription vom 27.5. 1978
So oft "Zwang" - da freuen sich jetzt die Falschen. Ich behaupte mal, daß jene historischen Felder, die Foucault untersuchte, nicht mehr 1 zu 1 zur Diagnostik der Gegenwart taugen. Die Fragen nach "dem Sex" verheddern sich aktuell zwischen Naturalismus und Religion, das Thema des Wahnsinns scheint mir auch nicht ganz oben auf der Tagesordnung zu stehen, und die Disziplinen folgen nunmehr anderen Regeln als jenen des Militärs oder der Schule des 19. Jahrhunderts. Der Panoptismus ist wohl durch neue, überwachungsstaatliche Maßnahmen reaktualisiert, funktioniert aber anders - einzig die Frage der Delinquenz und des Gefängnisses ist strukturell weiterhin von Relevanz, jedoch nicht mehr im selben Sinne wie einst an die Humanwissenschaften gekoppelt. Irre ich mich? Kann sein.
Aktuell muß man die oben genannte Methodik anders und auf neue Felder anwenden, behaupte ich. Vor allem anderen: Massenmedien, somit auch das Internet, Disziplinierung im Wirtschaftsleben, deren Ausstrahlen auf diskursive Formationen in andere Wissenfelder und Praktiken hienein, die hier begleitenden und konstituierenden Wissensdiskurse und die Flankierung dessen durch neue Formen staatlichen Zwanges und eines neuen Kulturalismus, der diese diskursiven Formationen stützt und flankiert. Man landet dann bei sehr vielem, was bereits die ältere Kritische Theorie formuliert hat, was ja nix Neues ist, die ganze Debatte rund um die Postmoderne in den 80 Jahren basierte unter anderem auf dieser Erkenntnis und trat dann fälschlich als Vernunftlkritik auf.
Theoretiker wie Giorgio Agamben versuchen wohl genau dieses auf dem Feld der staatlichen Macht, die das "nackte Leben" überhaupt erst konstituiert was ich bisher über ihn gelesen habe, überzeugt mich aber nicht. Insofern fordere ich mich einfach selber auf, diese Foucaultsche Programmatik hier nicht aus den Augen zu verlieren ... Gute Nacht.
