Man, Man, Man. Die liberale Diskurspolizei betet ihre Dogmen einem Kanon gleich nach und schreitet prompt ein, wenn's gilt, Denken zu unterbinden. Aktuelles Beispiel: Die Kommentare zu einem Eintrag von Dr. Dean. Dieser hat das folgende Zitat von Hannah Arendt zur Diskussion gestellt:
"Ursprünglich erfahre ich Freiheit im Verkehr mit anderen und nicht im Verkehr mit mir selbst. Frei SEIN können Menschen nur in Bezug aufeinander, also nur im Bereich des Politischen und des Handelns; nur dort erfahren sie, was Freiheit positiv ist und dass sie mehr ist als ein Nichtgezwungen-werden."
Weitere Elemente zählt er auf, die zu einem Begriff der "positiven Freiheit" führen könnten, die jenem der von Isiah Berlin verkündeten der "Negativen Freiheit" entgegenstünde. Und, wer hätte das gedacht, Entgegnungen wie die folgenden folgen prompt:
Karsten:
"Ich halte den Versuch, den Begriff Freiheit auf Felder auszudehnen, die außerhalb der Abwesenheit von Zwang liegen für falsch."
Mathias B:
"Leider muss man wieder feststellen, daß "die Freiheit" wieder mal als "negative Freiheit" bezeichnet und Abhängigkeitsverhältnisse in den Freiheitsbegriff miteinbezogen werden.
Materieller Wohlstand und Freiheit vor Not sind in dem Sinne überhaupt keine Freiheitsquellen sondern Ansprüche auf Leistungen von anderen und stellen höchstens ein Abhängigkeitsverhältnis dar. Als Beispiel könnte man den wohlversorgten Haussklaven eines Großgrundbesitzers erwähnen, der zwar über materiellen Wohlstand verfügt, der aber keineswegs über (negative) Freiheit verfügt."
Und, etwas besser:
"Individiuelle Selbstbestimmung unabhängig vom willkürlichen Zwang anderer Menschen oder Menschengruppen."
Rayson:
"Es wäre in meinen Augen eine Begriffsverwirrung und -inflationierung, die Lösung des Problems der Ressourcenknappheit unter Freiheitsaspekten zu diskutieren. Da bin ich ganz bei Benny und Matthias.
Aber auch bei Karsten. Denn wenn wir einmal geklärt haben, was Freiheit ist, was sie ausmacht und was sie bedroht, dann können wir auch über Einschränkungen von Freiheit nachdenken. Nur bitte nicht zuviel."
Na, dann fragt sich ja doch, wer hier eigentlich verwirrrt - und inflationiert, was ja immer auch Entwertung durch zu häufige Wiederholung eines Produktionsvorganges bedeutet. Weiter hilft im flotten Reigen des mythischen Wiederholungszwangs ein Kommentar ...
... von Thaleia, die darauf hinweist, daß das Konzept von Hannah Arendt sich vor Hintergrund der Auseinandersetzung mit der antiken Polis entfalte. Und das ist ja wahr: Man kann ja nicht einfach bei Locke anfangen, zu diskutieren.
Insofern ist's auch schlicht falsch, was Karsten hier schreibt, daß nämlich das Konzept negativer Freiheit das ältere sei. Samt und sonders alle Vertreter eines Konzepts der positiven Freiheit gründen ihre Argumentation in der Auseinandersetzung mit Aristoteteles oder Kant, so auch Hannah Arendt, und das hat einen Grund: Sie argumentieren je unterschiedlich aus der Perspektive eines Konzeptes der praktischen Vernunft.
Die Hayek-etc.-Apologten folgen hingegen faktisch einem Irrationalismus, der bezeichnenderweise einem negativen Heideggerianismus nach der Kehre ähnelt: Ein spontan sich vollziehendes Sein (spontane Ordnung) sei supi, nur habe man auch von dieser sich als Dasein, Subjekt, Mensch, Individuum nun gerade nicht bestimmen zu lassen. Was man stattdessen tut, das können sie noch nicht mal denken ... dann doch lieber zum Heidegger aus "Sein und Zeit" zurück-kehren, die Formel vom Dasein als jenem Seienden, dem es in seinem Sein um dieses Sein selbst geht wieder aufgreifen und dann die Frage stellen, wie man das eigentlich tut.
Und dazu muß man dann zunächst 3 Fragen auseinanderhalten, die in all den Zitaten - außer jenem von Thaleia - schlicht durcheinander gehen:
1.) Wie werde ich selbstbestimmt?
2.) Was ist politische Freiheit
3.) Was heißt es, frei zu handeln?
zu 1.) Das, was Mathias B. da schreibt:
"Individuelle Selbstbestimmung unabhängig vom willkürlichen Zwang anderer Menschen oder Menschengruppen."
wende man mal auf die Kindererziehung an. Das ist das Konzept der antiautoritären Kinderläden, nicht erst seit der Rütli-Schule ein viel diskutiertes Thema. "Schreiben lernen? Nö, das ist willkürlicher Zwang!" - das würde ja noch nicht einmal Mathias B. in's FDP-Programm zur Optimierung des Schulwesens schreiben.
Ein genetischer Interpersonalismus, der wohl selbst bei diesen transzendental-empirischen Doubelttenstrukturen wie Chomskys generativer Grammatik, bei der mir Sprache durch soziale Stimuli "wächst" wie ein Organ, noch gilt, ist wohl unabweisbar. Die Behauptung also, daß ich erst in interperonalen Prozessen so etwas wie "ich selbst" werde. Ich kann mich nicht aus mir selbst heraus erzeugen, und genau das besagt das Hannah Arendts Zitat zunächst, immerhin steht da "ursprünglich". Welche Implikationen das dann für ein Erwachsenenleben hat, das wäre die Anschlußfrage. Dazu mehr unter 3.)
zu 2.) Die Diskussion rund um "Negative Freiheit" bezieht sich ja eigentlich auf dieses Feld - jenes der politisches Freiheit. Was ja etwas anderes ist, als die Frage, mit welchen Mittel auch immer ich Freiheit als solche zu expliziere. Und es ist schlicht unsinnig, einen reinen Begriff "negativer Freiheit" zur formulieren - weil von nix nix kommt. Selbst das Erdloch, in das man sich verkriechen könnte, setzt die Erde vorraus. Auch die Privtateigentumstheoretiker begreifen dieses als Vorraussetzung negativer Freiheit, was bereits ein Begriff positiver Freiheit ist. Es gibt einfach kein vorraussetzungsfreies Handeln, und da, wo Möglichkeitsbedingungen in's Spiel kommen, auch politische Möglichkeitsbedingungen, ist es schon kein Konzept negativer Freiheit mehr.
Das ist alles kein Argument gegen die Kritik staatlichen Zwangs. Das präzisiert jedoch die Diskussion: Welche Vorraussetzungen wollen wir vom Staat, welche von der Freundin oder dem Chef oder der Börse oder wasweißich gewhrt bekommen. All das ist jedoch immer die Vorstellung der Formlierung eines Rahmens, in dem sich ein Möglichkeitsspektrum erschließt, und eine Einschränkung dieses Spektrums durch den Staat kann man dann ggf. kritisieren. Oder aber fordern, das politsche System sei dazu da, ein Minimum von Möglichkeiten allen gleichermaßen zuzugestehen. Z.B. den Schutz des Privateigentums.
Hannah Ahrendts Philosophie ist nun ein Versuch, einen solchen Rahmen handlungstheoretisch in Auseinandersetzung mit der Polis zu definieren. Raysons Diktum der Ressourcenknappheit ist eine ander Möglichkeit, Handlungsvoraussetzungen zu definieren. Und da gibt's noch andere. Man ist bei einer solchen Problembeschreibung nur ganz woanders angekommen als bei einer Diskussion "positive" versus "negative Freiheit" oder "Staat als Zwang" versus "Freiheit": Wer so am Staate klebt, daß er sich nur frei fühlen kann, wenn dieser ihn gerade mal zu nix zwingt - sorry, aber der ist 'ne arme Sau.
3.) Weil er nicht vernünftig sein will und deshalb auch gar nicht frei sein kann. Das ist ja die eigentliche Pointe der Aristoteliker: Sie gehen davon aus,
a.) daß eine gemeinsame Vorstellung des Guten, das handelnd man mit Anderen anstrebt, den "sozialen Kitt" bereitstellt, eine Gemeinschaft also ausmacht. Das kann man mit guten Gründen kritisieren, bemerkenswert ist, daß die Hayekaner und Popperianer in dieser Hinsicht eben auch Aristoteliker sind, die sagen, unsere Vorstellung des Guten ist die Abwesenheit von Knechtschaft und ein freies Spiel der ökonomischen Kräfte, denn nur ein solcher Rahmen ermöglicht individuelle Freiheit. Das ist sozusagen eine Bestimmung der positiven Freiheit - Handlungsmöglichkeiten - durch die Abwesenheit von etwas, damit alles gut werde. Diese Handlungsmöglichkeit selbst lassen sie jedoch unbestimmt, und da hat Mathias B. sich aus Versehen gleich zwei mal verraten:
"Individuelle Selbstbestimmung unabhängig von willkürlichem Zwang."
Da hat sich das Wörtchen "Willkür" eingeschlichen. Noch nicht einmal die härtesten Verfechter z.B. des Sozialstaates wollen irgendwen willkürlich zu irgendetwas zwingen. Die behaupten dafür gute Gründe. Und denen kann man dann sinnvoll widersprechen.
Willkür ist das Kennzeichen von Terrorregimen - in einer Demokratie wird idealerweise über den richtigen Weg gestritten. Wenn Macht um ihrer selbst willen dann an die Stelle von Gründen tritt, was auch in Demokratien vorkommt, häufig sogar, dann betritt zwar nicht gleich Willkür die Bühne, aber die Art von Gründen ist eine andere.
Man kann nun mit Hayek sagen, daß Demokratie eben nicht der optimale, politische Rahmen sei, der maximale Handlungsmöglichkeiten erschlösse. Dann wären es aber immer noch andere Diskussions- und Einigungsprozesse, von mir aus in wechselnden "Gemeinschaften" von Fall zu Fall, je nach Problem, die kooperatives Handeln ermöglichen. Man baue eine Gartenlaube: Dann ermöglicht mir der, der das Rankgitter zu bauen in der Lage ist, das Pflanzen der Clematis. Das geht's dann eben gar nicht um die Freiheit von äußerem Zwang, sondern darum, wie man zusammen etwas mit guten Gründen zustande bringt. Ein reiner Begriff negativer Freiheit kann Handlungsmöglichkeiten in Interaktion mit anderen in dieser Form gar nicht denken. Deshalb vertritt ihn ja in Wirklichkeit auch niemand außer jenen, die in Diskussionen sich als die tollsten Liberalen ausweisen wollen.
b.) Und, was ist das alles? Praktische Vernunft - begründestes Handeln. Gründe sind selbst Handlungsvorraussetzung, und genau hier setzen ja alle Verfechter von Konzepten positiver Freiheit von Aristoteles über Kant über Hannah Arendt bis Habermas und Sen an.
Sen's Konzeption ist eine, die zeigen will, daß bestimmte politisch-gesellschaftliche Vorraussetzungen gegeben sein müssen, damit man überhaupt die Fähigkeit erwirbt, am Spiel des Begründens teilzunehmen. Kant formuliert den Kategorischen Imperativ als Begründungsmodus von Handlungen. Habermas rekontruiert die Regeln, denen die Prozesse Begründens selbst folgen. Hannah Arendt hat in ihrem >Spätwerk versucht aufzuzeigen, wie man aus der Kantisches Urteilskraft Begrümndungsmodi gewinnen kann, die sich dem Dogmatismus und dem Doktrinären entziehen und sich stattdessen auf die Welt, die Sache und die Menschen wirklich einlassen.
Was ist es denn, was mich bestimmt, wenn ich selbstbestimmt handel? Eine von Fall zu Fall andere Art von Gründen, nicht "das Selbst".
Womit man dann bei Raysons Forderung angekommen wäre, nämlich zunächst einmal zu bestimmen, was denn Freiheit sei. Diese ist die Fähigkeit, begründet zu handeln. Alles andere wäre ein schlichtes Geschehen, kein Handeln.
Wenn jedoch Gründe es sind, die uns motivieren, dies oder das zu tun, ja, die Handlungen verursachen, dann ist da immer schon eine Handlungsvorraussetzung und Freiheit immer schon postiv. Was man mit diesem Vermögen dann anfängt, das ist dann die politische Anschlußfrage.
Das ist eigentlich trivial, aber diese ganze Diskussion von liberaler Seite dient ja auch ausschließlich dazu, aus Gründen der Diskurshoheit dem gegenüber immer das böse Wort "Zwang" rüberschieben zu wollen. Kurzgefaßt:
"Praktische Freiheit - hier einmal gleich gesetzt mit dem Freiwilligen bei Aristoteles - ist (Kant und Aristoteles) zufolge nicht bereits dort realisiert, wo äußerer Zwang entfällt, sondern erst dann, wenn die Vernunft selbst das Handeln bestimmt."
(Schnädelbach, Herbert, Vermutungen über die Willensfreiheit, in: ders., vernunft und Geschichte, Frankfurt/M. 1987, S. 106)
Und:
"Gründe als propositionale Gehalte vernünftiger Argumente lassen sich nur vom Gebrauch her verstehen, der in Sprachspielen, die zugelcih Lebensformen sind, nach regeln von ihnen gemacht wird. Rationalität muß somit auh als Kompetenz der regelgerechten Teilnhame an solchen Lebensformen interpretiert werden, und die ist ohne kausale Wirksamkeit gar nicht denkbar: wer in diesen Sprachspielen nicht bewirken kann, der kann auch nicht mitspielen."
(Schnädelbach, Herbert, a.a.O. S. 114)
So die Anwendung der Wittensteinschen Sprachspieltheorie, und wenn man all das erst mal begriffen hat, kann man auch diskutieren, welche Implikationen dieses für politisches Handeln hat.
Wie man auf einem solchen Wege einen umfassenden Begriff von Selbstbestimmung als einem praktischen Sich-zu.Sich-und-zu-Anderen-Verhaltens gewinnen kann, das hat eindrucksvoll Ernst Tugendhat in "Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung" geziegt. Mit sprachanalyitischen Mitteln der Heideggerschen Formel, daß das Dasein jenes Seiende sei, dem es in seinem Sein um dieses Sein selbst geht, neues Gewicht zu verleihen - daß das geht, das sei dann demnächst gezeigt ...