" /> Metalust & Subdiskurse: Juni 2006 Archive

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30.06.06

Kommentare und Trackbacks

Derzeit sind wir Opfer einer schweren Spam-Attacke, insofern mußten die Kommentar- und die Trackbackfunktionen "abgeklemmt" werden. Pardonnez-moi, habe ich auch gerade erst erfahren. Wird über's Wochenende hoffentlich geregelt.

28.06.06

Sens "Identity an Violence", zweite Rezension

Das bislang nur auf englisch erschienene Buch "Identity and Violence" von Armartya Sen hatte ich hier neulich schon am Wickel - zumindest eine Rezension zu diesem.

Es scheint bedeutend zu sein, weil es viele Einsichten der "Postmoderne" verarbeitet, die man immer auch als Angriff auf jegliches Identitätsdenken verstehen kann - dabei jedoch nicht in Kulturrelativismen, der Ignoranz des Ökonomischen und einem frei flottierenden Spiel der Zeichen mündet. Sondern, daß Sen stattdessen die Einsichten der postrukturalistischen Denker mit Mitteln klassischer Ideologiekritik kombiniert, somit die Perspektive einer Kritik der politischen Ökonomie (und auch der unpolitischen) formuliert, die "liberal" im Sinne der US-Liberals ansetzt.

Das ist schon enorm, selbst wenn die Rezensenten darauf hinweisen, daß vieles schon vorher sich mehrfach wiedergekäut fand - bündelt es doch Einflüsse verschiedener Weisen kritischer Theorie, die sonst häufig als Gegenspieler auftreten (die Vertreter der reine Lehre der Kritischen Theorie auch nicht als solche akzeptieren würden).

Folgende Frage ließe jedoch Sen offen, so die taz in einer heute erschienenen Besprechung des Buches - und sie gibt gleich selbst eine Antwort:


"Was sind dann aber die genaueren Bedingungen dafür, dass Menschen sich mit einer ihrer vielen Zugehörigkeiten so total identifizieren, dass sie bereit sind, für diese Identität zu sterben und zu töten? Und was könnte man dagegen tun? Wenn es um Identität und Gewalt geht, scheint diese Frage zentral. Allerdings bleibt sie bei Sen vielleicht auch deswegen weitgehend unadressiert, weil die überzeugendste Antwort auf sie ganz unspektakulär ist - und bereits frustrierend häufig benannt wurde. Wenn mangelnde Bildung, soziale Verzweiflung und gewissenlose Führerfiguren zusammentreffen, droht Unheil.

Wer ihm abhelfen will, muss etwas gegen die Ursachen tun."

Hannah Arendt: Zur Renaissance des Politischen

So findet man sogar mal - erstaunlich - via FDOG was Spannendes. In der Weltwoche: Ein sehr guter Text über die hier schon mehrfach behandelte Hannah Arendt. Der Text macht klar, wann's Sinn macht, wirklich von Freiheit zu reden: Nämlich dann, wenn eine Person wie Hannah Arendt alle Doktrinen abschüttelt, mutig selber denkt, verblüffende Bezüge zwischen Unvereinbarem herstellt und dabei doch den Respekt vor der Tradition des Denkens nicht verliert, das Neue in Auseinandersetzung mit dieser sucht. Stimme keineswegs in allem mit ihr überein - aber die Kraft dieses Denkens und wohl auch der Persönlichkeit, die sich hierin zeigt, beeindruckt mich immer neu.

Von ihr haben wirklich alle auf die Glocke bekommen, und das brilliant. Insbesondere ihr Begriff des Politischen bedarf einer Renaissance, behaupte ich, und die folgende Passage sei drum zitiert:


"Macht ist nicht trennbar von Freiheit. Ein Herrschaftssystem kann sich auch auf Zwang und Unterdrückung stützen, aber es besitzt dann keine Macht im eigentlichen Sinne. Die erwächst nur aus der Fähigkeit, durch Überzeugung zu gewinnen. Das Beunruhigende an der Entwicklung moderner Politik besteht für Arendt jedoch darin, dass nicht nur der Marxismus, sondern auch sein Gegenspieler, der Liberalismus, keinen Begriff mehr hat von Macht. Zwar ist Liberalismus auf Freiheit ausgerichtet. Aber, sagt Arendt, «politische Freiheit wird mit Freiheit von Politik verwechselt». (...) Es bedeutet aber auch nicht, dass politische Freiheit ein Gut wäre, welches schon dadurch gesichert wird, dass man es vor staatlicher Beschneidung schützt. Freiheit entsteht für Arendt nur in einem Raum der Auseinandersetzung, in dem über Güter und Werte gestritten wird. Jürgen Habermas mag Recht haben, wenn er der grossen Dame vorwirft, sie habe einen zu «emphatischen Politikbegriff». Trotzdem behält der von Arendt an den Anfängen der europäischen Geschichte freigelegte Sinn politischen Handelns eine unabweisbare Evidenz: Worum soll es denn gehen in einer Demokratie, wenn nicht um die Frage, was eine Gemeinschaft eigentlich will?"

Eben.

Natural Mystic

La vie en rose.jpg

Foto: Naturklinik Michelrieth


"Pflanzen haben vielerlei Gesprächsstoff. Häufig unterhalten sie sich z.B. über die Attacken von Insekten."

Spiegel 26.06.06, S. 114

So sagt's Ian Baldwin. Der hat den multiplen Überwachungsmöglichkeiten des ganz alltäglichen Lebens eine neue Variante hinzugefügt: Er belauscht Gewächse. Im Dienste der Wissenschaft. Am Max-Planck-Institut für Chemische Ökologie in Jena. Die Pointe: Alles ist Infomation. Auch der Duft der Rose. Ob's stimmt?


"Die Sprache des Grünzeugs: Reine Chemie. Das Vokabular: ein Sammelsurium giftiger Wirksubstanzen und hochpotenter Duftstoffe. Sogar Selbstgespräche führen die grünen Schwatzmäuler. Erstaunt ist der Forscher drüber kaum: "Versetzen Sie sich einmal in eine Pflanze: Sie sind festgewachsen, Sie sind die Basis der Nahrungskette, und alle um sie herum will sie auffressen."

Ebd.

Schön ist das nicht. Wie man sich wohl als Feldsalat fühlt? Die Lima-Bohne immerhin ist pfiffig genug, z.B. bei Spinnmilben-Befall - die fiesen Viecher kenne ich nur allzu gut! - per Duftstoff Ameisen und andere animalische Feinschmecker herbeizurufen. Die ekligen, winzigen, gelben Spinninsekten werden dann genüßlich vertilgt. Der soeben erwhnte Feldsalat hat's hingegen schwer: Feldfrüchte seien in dieser Hinsicht ziemlich dumm. Weil die Kompetenz zur Selbstverteidigung nie Zuchtziel war, so Baldwin.

Hallelujah, wenn solche Texte in die falschen Hände fallen, dann landet man auf diesem Wege wieder ratzfatz in den eliminatorischen Biologismen des 19. Jahrhunderts. Wahrscheinlich bringt wie üblich die Fragestellung die falschen Antworten hervor - ...


... wer weiß, worüber die sonst so reden? Vielleicht verkünden sie Duft-Lyrik? Preisen den Schöpfergott? Vielleicht singen sie? Das wäre lernenswerter denn "Schädlingsbekämpfung", weil das Bild vom Parasiten im Volkskörper ja bis heute eines der widerlichsten Bilder ist und ebensolche Ergebnisse hervorbringt. Man denke nur an die Verschärfung des Asylrechtsparagraphen vor gar nicht allzu langer Zeit. Widerlich.

Wenn sie denn sängen, dann sollte dieses deutsche Publikum in den Arenen ihnen einfach mal lauschen. Ist ja unerträglich, dieses ewige "Ohne Holland fahren wir nach Berlin!" und "Steht auf, wenn ihr Deutsche seid!". Extremst unhöfllich. Warum singen die nicht zu.B. Holland in sanfter, liebevoller Ironie Gute Nacht, Freunde, es ist Zeit für euch, zu gehen?" zu? Mit all den Danksagungen im Text?

Seltsam jedoch, daß auch auf französischer Seite gestern so wenig Großartiges geschmettert wurde. Immer nur "Allez-Les-Bleus". Als hätten die nicht eine Tradition, eben jene des Chansons, die so unermeßlich reich ist - und gerade in Kombination mit sogenannten "Immigrantenkulturen" (die meisten der Jungs und Mädels sind ja dort geboren und nicht minder französisch als Herr Sarkozy). Trotzdem: Mando Diao, Les Negresses Vertes und andere zeigen fabulös, wie man Kulturen fortschreibt. Alleine der französische Hip Hop hat so viel Wucht. Und dann immer nur der eine Chor ... "Allez-les-Bleus ...

Immerhin haben die Franzosen gestern den Pflanzen ganz genau zugehört. Haben wohl bei Hameln auf einem Sessel wie dem obigen gesessen und sich informiert, die Rosen auf dem Bezug sprachen zu ihnen. Und was da taktisch bei rauskam - ich fand das schon weltmeisterlich. Diese ganzen, spanischen Vorort-Disco-Schnösel haben sie mal eben auflaufen lassen, die hatten kaum eine Chance - um dann die eigenen Möglichkeiten vortrefflich zu nutzen. Hätte Henry nicht ständig im Abseits rumgestanden: Sie hätten 5:1 gewonnen. Vielleicht hat der Sesselbzug ihnen aber auch einfach nur ein paar Weisen von Brel, dem Belgier, vorgesungen - "La ne vie ne fait pas de cadeau", z.B.. Oder von Serge Gainsbourg was Schönes - auch dieses wundervolle Je t'aime - moi non plaus" kann ja inspirieren. Oder er hat was von der Saiian Supa Crew vorgerappt. Oder er hat mit Benjamin Biolay den Jogger sur le plage beschworen. Das rezipierten dann die Spieler als "Leben heißt Konzentration in Schönheit", sonst bekommt man solche Musik ja nicht zustande. Und so hypnotisierten sie dann die Jünglinge aus dem wundervollen Spanien, daß diese einfach untergehen mußten ...

Schade, daß Ghana wahrscheinlich ein Hotel ohne Blumenmuster auf den Sesseln bezogen hat. Das Spiel konnte ich nicht sehen, aber das Vorbeilaufen am Restaurant, wo Zè Roberto gerade das 3:0 schoß, hat mir völlig gereicht. Denen hätte ich alles, wirklich alles gegönnt, den Ghanaern ...

Bleibt nur ein Paradox in der Analyse des Naturschönen hier im Blog offen: Wie kann die Schönheit der Pflanze, also das, was sie zeigt, wenn sie nicht naturwissenschaftlich objektiviert wird, sein, wenn diese Kommunizieren? Adorno lehrte doch:

"Die Kommunikation der Kunstwerke mit dem Auswendigen jedoch, mit der Welt, vor der sie selig oder unselig sich verschließen, geschieht durch-Nicht-Kommunikation; darin eben erweisen sie sich als gebrochen."

Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie, Frankfurt/M. 1973, S. 15

Gut, Pfanzen sind halt keine Kunstwerke. Doch wenn sie wirklich dichten und singen würden? Kommunikation als Begriffliche tilgt das Besondere, so Adorno - ist da der Duft ein Ausweg? Aus kommunikativen Zusammenhängen entläßt auch dieser nicht, mein After Shave hat z.B. den dämlichen Slogan "separate men from boys", ausgesprochen beknackt, zum Glück weiß das keiner.

Wahrscheinlich kann jedoch aus dem angeführten Adorno-Zitat dann eben doch nur der Schluß gezogen werden, daß Fußball keine Kunstform ist, sondern allenfalls Kunsthandwerk, weil Fußball selbst Kommunikation ist. Aus der Pflicht, der Poesie und nicht etwas der wissenschaftlich objektivierten Selbstverteidigung der Pflanze zu lernen, entläßt uns dieses Diktum nicht: Denn es könnte ja sein, daß genau diese der Weg zum Besonderen ist ...

27.06.06

Vaterlandslose Gesellen reloaded

Gute Belege für eine "Diskurstheorie der Macht" finden sich sowieso alltäglich. Heute: Der weitere Verlauf der GEW-Aufklärung rund die Nationalhymne. In allerlei Blogs wurde die ja auch diskutiert. Diese Entwicklung gibt jenen Recht, die im Gegensatz zu mir mit dem allgegenwärtigen Flaggenreigen ihre (in der Regel gut begründeten) Probleme haben:

"Kritik an nationalen Symbolen ist derzeit ein schwieriges Terrain. So ruderte die "Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft" in der Debatte um die Nationalhymne kürzlich zurück. Die GEW Hessen hatte zunächst gemeinsam mit dem Bundesvorsitzenden Ulrich Thöne die Broschüre "Argumente gegen das Deutschlandlied" von 1989 neu veröffentlicht. Nach heftiger interner und öffentlicher Kritik räumte Thöne inzwischen jedoch Fehler ein und entschuldigte sich für die Aktion. Die GEW wolle nicht "den Fans die Fußball-WM vermiesen", heißt es in einer Stellungnahme. "Wenn heute junge Fußballfans die Nationalhymne singen, tun sie das aus Lebensfreude und zur Unterstützung der deutschen Mannschaft.""

schreibt SpOn dazu, und dieses Nachgeplapper all der Feuilleton-Expertisen inklusive der Annahme der schlechten, alten "Mach Dich locker!" und "Spaßbremse"-Sprüche - nee, da wurde ziemlich eindeutig jemand von der Diskurspolizei verhaftet und zum Geständnis gezwungen ... ab heute glaube ich den letzten Satz da oben nicht mehr vorbehaltslos.

26.06.06

Vom Gesetz zur Norm

"Wenn wir aber die kolonialistische Überlegenheitspose gegenüber unserem Nachbarland aufgeben, dann bedeutet das auch zuzugestehen, dass wir von dort einiges lernen könnten. Es ist nämlich keineswegs so, dass sich unsere Freunde in Warschau in einer Krise befänden und bei uns um Nachhilfe ersuchen müssten. Es ist vielmehr umgekehrt so, dass sich die deutsche Lesben- und Schwulenbewegung in eine Sackgasse hineinmanövriert hat und seit der Homo-Ehe-Debatte überhaupt nicht mehr weiß, was sie eigentlich fordern soll. Die Parade in Warschau ist deshalb für viele ein willkommener Anlass, überhaupt wieder aktiv zu werden. Unter Umständen lohnt jedoch ein Blick auf die politischen Differenzen.

So heißt die Warschauer Parade nicht etwa „CSD“ oder „Lesben- und Schwulenparade“, wie es in deutschen Medien kolportiert wurde, sondern Gleichheitsparade. Und ihre AktivistInnen organisieren sich auch nicht in einem „Lesben- und Schwulenverband“, sondern in der „Kampagne gegen Homophobie“. Die polnische Bewegung handelt also nicht auf der Basis einer Identität, sondern aufgrund gemeinsamer politischer Ziele und der Definition dessen, was es zu bekämpfen gilt."


Hat wahrscheinlich außerhalb der Randbezirke der sogenannten, deutschen "Gay Community" niemand mitbekommen, daß während der Gleichheitsparade in Warschau ein junger Berliner niedergeschlagen und verhaftet wurde. Und wohl auch noch sitzt.

Anläßlich dessen fand nun eine Protestkundgebung vor der polnischen Botschaft in Berlin statt. Das obige ist ein Auszug aus einem beeindruckenden Redebeitrag zu eben dieser Kundgebung. x-berg hat ihn in's Netz gestellt - eines der wohl lesenswertesten und selbst beeindruckendsten "Blogs" derzeit (weiß nicht, ob sich x-berg als solches versteht).

Wie als Antwort auf das oben Zitierte lief mir dann heute in einem der Blogs der Neuen Ultrarechten ...

folgendes vor die Augen:

"Diese Brauner Mob Schose und dieses ewige Rumgeheule und Aufgeplustere über angebliche "Rassismen" wirft wirklich die Frage auf, ob wir diesen ganzen Reingeschmeckten hier im Lande vielleicht zu lange zu tolerant gegenüber waren. Wirklich hässlich was diese verrückt gewordenen Neger alles als rassistisch empfinden."

Sowas verlinke ich nicht, zitiere es dennoch. Das bringt deutlich zum Ausdruck, was jene, die bei x-berg unter dem Begriff "Dominanzkultur" abgehandelt werden, denken und fühlen. Da wird implizit ganz unverhohlen mit jenem Knüppel gedroht, den jüngst auch polnische Politiker auspacken wollten, als es um Schwule ging. Gerade heute in der FR ist's wieder zu lesen, wie die nationalen Schlägerbanden dort sich angefeuert fühlen, seitdem die hohe Politik in Polen ihr Handeln legitimierte. Was das oben Zitierte keineswegs in Frage stellt.

Solche Sprüche, die auf der nicht verlinkten Seite auch nicht etwa gelöscht werden, sind nichts, was man mal eben so rechts liegen lassen kann - wie man nicht erst seit Lichtenhagen oder Hoyerswerda weiß. Ein Bekannter erzählte mir neulich, daß er jenes Blog, das ich hier nicht verlinke, deshalb lesen würde, weil sich da all die Sprüche wiederfänden, die er am Wahlkampfstand zu hören bekäme.

Mir ist es trotz mehr als zwei Jahrzehnte währender, intensiver Beschäftigung mit Thesen, Büchern und Theorien, die mit Ausgrenzung und sogenannten "Minderheiten" zu tun haben, schlicht ein Rätsel, wieso sich diese "Dominanzkulturen" herausbilden.

Bei der sogenannten "Homosexualität" mag das noch mit je eigenen, stets und überall geschürten Ängsten zusammen hängen - eigentlich jedoch könnte es doch den "Dominanzkulturen" völlig egal sein, wen oder was oder wie Andere lieben. Ebenso müßte es doch Menschen, die wirklich glauben, auch egal sein, was Andere glauben. Egal nicht im Sinne der Gleichgültigkeit, sondern der Wertfreiheit. Warum dieses Sich-Abarbeiten?

Bei Rassismen können's ja eigentlich noch nicht einmal Ängste sein, die ein Wir konstituieren müssen, das dann Andere abwertet. Gut, klar, man wertet sich selbst ineins damit auf, und es gibt den schwarz=Natur, weiß=Kultur (oder eben Freiheit und Zivilisation) Stereotyp. Aber sonst?

Wie gesagt: Ich könnte Bücher darüber schreiben und versteh's im Grunde genommen trotzdem nicht. Verstanden habe ich's allerdings bestens, als eine sehr gute, schwarze Freundin neulich bei mir im Büro stand und fragte: "Was wollen die eigentlich alle von mir?", als sie mal wieder lange Ausführungen in den Kommentar-Spalten ihres Blogs vorfand. Solche, die lang, breit und boshaft begründeten, wieso sie als "Reingeschmeckte", als Schwarze, gar nicht wirklich deutsch sein könne.

"Dominanzkultur" ist mir da als Ausdruck fast zu zärtlich ... da passiert irgendetwas anderes in den haßzerfressenen Hirnen. Wieso brauchen die das, rumzublöken, daß man sowas wie offen gelebte "Homosexualität" doch nicht für "sakrosankt" erklären solle? Daß Schwarze keine Deutschen sein könnten?

Ein Stück näher bringt einen der Wahrheit wohl eine Erfahrung, die ich als noch halbwegs jugendlicher Praktikant in einer TV-Produktionsfirma machen durfte: "Nee, bitte keine Schwulen in die Sendung, da fühlt sich das Publikum belästigt". '94 war das. Daß ich da nicht sofort das Praktikum geschmissen habe, dafür schäme ich mich heute noch.

Das sagt viel darüber aus, wie jene "Mitte", die immer nur ein mathematischer Durchschnitt ist, Exklusion betreibt: Auch den Gesetzen von Angebot und Nachfrage folgend. Das Fernsehen des größten, gemeinsamen Nenners, das bis hin zu den öffentlich-rechtlichen Sendern sich über Quoten definiert, konstituiert durch Nicht-Sichtbarkeit das Andere. Und wenn das Andere gezeigt wird, dann nur und ausschlließlich im Kontext des Leidens, des Problematischen, dessen, was man nicht sein will.

Da treffen sich dann in der Tat Rassismus und Schwulenfeindlichkeit: Den schwarzen Talkmaster gibt's hier ebenso wenig wie den "arabischen" Nachrichtensprecher, und den schwulen Komissar sieht man vielleicht beim Knutschen, aber bestimmt nicht beim Ficken. Was ja auch nicht sein muß, okay, aber der Heterosexuelle tut's doch auch ständig vor laufender Kamera.

Nicht weniger haben diese Sprüche mit der Diskussion hier zu tun:

"Innerhalb von zwei Generationen verwandelte der schwedische Wohlfahrtsstaat eine Gesellschaft aus Menschen, die weitgehend in der Lage waren, sich in allen Situationen selbst zu helfen, in eine Gesellschaft von Menschen, die keine Verantwortung kennen, weder für sich , noch für andere - sondern nur noch "Rechte"."

Was "Freiheit und Zivilisation" (ich kann diese Aneinanderreihung solcher Begriffe langsam nicht mehr lesen, wirklich Hehres wird durch Selbst-Marketing folgender Sloganisierung schlicht entwertet. Das ist ja schlimmer als diese ganze Polit-Plaketten damals in den frühen 80ern) da vor sich hin schreibt im tiefen Glauben an die gerechte Sache - sorry, gerecht steht wahrscheinlich auf dem Index, im tiefen Glauben an die Freiheit -, ist nicht etwa haarsträubend hinsichtlich eines Plädoyers für Verantwortung. Da kommt's nur immer darauf an, was man darunter jeweils versteht - so pauschal sagt das im Bereich des Politischen rein gar nix aus.

Es ist

a.) wegen seines vulgärmarxistischen Ansatzes, daß das Sein so schlicht, ergreifend und unmittelbar das Bewußtsein bestimme, diagnostisch schlicht minderbemittelt, deshalb ja auch dieser leiernde, jammernde und lamentierende Duktus des Schreibstils und

b.) hinsichtlich des Polemisierens gegen ein Konzept der Rechte schlicht empörend.

Das kann man u.a. in Hannah Arendts "Elemente und Urspünge totaler Herrschaft" nachlesen, was das bedeutet, wenn man gegen die Rechte, die jedem gleichermaßen zustehen, anrennt.

"Entrechtet sie!" ist ja genau das, was der Kommentator da oben im Haß-Blog indirekt schreibt: Wir sind's, die tolerieren, und wenn die Anderen nicht schön brav sind, werden die schon noch merken, daß man Toleranz auch entziehen kann. Der freie und zivilisierte Autor meint im Gegensatz dazu natürlich die Rechte, die Sozialstaaten gewähren, aber daraus dann einen Grundsatzkritik am Konzept der Rechte als solchem durch Anführungsstriche abzuleiten, öffnet genau jene Lücke, in die der Kommentator stößt.

Widerstand regt sich gegen das Konzept der Rechte jedoch aus aus dem politischen Lager, das den bürgerlichen Rechsstaat als solchen angreift - weil dieser eben ebenso, wie er Rechte gewährt, diese auch feucht-fröhlich entzieht, wenn ihm was nicht paßt. Und er selbst sei Wurzel des Übels.

Da weist dann ein anderes Zitat aus der eingangs erwähnten Rede vielleicht einen Ausweg:


"Michel Foucault beschrieb diese Entwicklung bereits in den 70er Jahren als Verschiebung der Machttechnologien vom Gesetz zur Norm."

Wohl wahr. Also mal wieder beim großen Foucault rumgeblättert, und prompt dieses hier gefunden:


"Diese Bio-Macht (die Macht über das Leben statt des Rechts, zu töten) war gewiß ein unerläßliches Element bei der Entwicklung des Kapitalismus, der ohne kontrollierte Einschaltung der Körper in die Produktionsapparate und ohne Anpassung der Bevölkerungsphänomene und ohne Anpassung an die ökonomischen Prozesse nicht möglich gewesen wäre. Aber er hat noch mehr verlangt: Das Wachsen der Körper und der Bevölkerungen, ihre Stärkung und wie auch ihre Nutzbarmachung und Gelehrigkeit (...). Wenn die Entwicklung der großen Staatsapparate als Machtinstitutionen die Aufrechterhaltung der Produktionsverhältnisse ermöglicht hat, so haben die im 18. Jahrhundert entwickelten Ansätze zur politischen Anatomie und Biologie als Machttechniken, die auf allen Ebenen des Gesellschaftskörpers von den verschiedensten Institutionen (Familie und Armee, Schule und Polizei, Individualmedizin und öffentliche Verwaltung) eingesetzt wurden, auf dem Niveau der ökonomischen Prozesse und der sie tragenden Kräfte gewirkt. (...) Die Abstimmung der Menschenakkumulation mit der Kapitalakkumulation, die Anpassung des Bevölkerungswachstums an die Expansion der Produktivkräfte und die Verteilung des Profits wurden auch durch Ausübung der Bio-Macht in ihren vielfältigen Formen und Verfahren ermöglicht. Die Besetzung und Bewertung des lebenden Körpers, die Verwaltung und und Verteilung seiner Kraft waren die unentbehrlichen Voraussetzungen."

Michel Foucault, Sexualität und Wahrheit 1: Der Wille zum Wissen, Frankfurt/M. 1983, S. 168

Ich rauche gern! Somit kam der Sexualwissenschaft die Funktion zu, die nicht-nützlichen Sexualitäten zu konstituieren und zu definieren, von denen man sich abzugrenzen habe - und auch, diese eben diskursiv so erzeugen, daß sie der Intervention zugänglich würden, jetzt mal Foucault arg kurzgefaßt. Gekoppelt an den völkischen Nationalismus im Deutschland des 19. Jahrhunderts ist's auch nicht schwer, so auch die Genese des deutschen Rassismus zu begreifen.

Und was hilft dagegen? U.a. ein Konzept der Rechte, behaupte ich, das auf der Ebene der Norm agiert. Keine Ahnung, ob's stimmt. Aber so ist zumindest ein Feld bereitet, das alles andere als neu ist - das jedoch den Boden bilden kann, die Diskussion zu beginnen ...

Ja, ja, die Liebe ...

Venusfliegenfalle.jpg

Wie kommt die Journaille eigentlich dazu, einem allenfalls übermäßig rustikalen Fußball-Spieler den Spitznamen "Kannibale" einzubrennen, so, wie man das auch bei Kälbern im Western sehen kann? Der hat gestern schließlich nicht ein Stück der Schenkel des Cristiano Ronaldo abgebissen, sondern nur außerordentlich fies zugetreten.

Ist wohl Neues aus dem Exotismus-Paradigma, und das alles nur, weil Columbus, der Depp, dachte, er sei in Asien unterwegs. Kaum hat jemand 'nen Marokkaner als Vater, schlägt das Archaische im Europäer gnadenlos zu mittels des Blicks auf den Anderen. Eben so gnadenlos, wie die beiden christlich-europäischen Mannschaften da gestern zutraten, zuschlugen und zeigten, daß sie's mißverstanden haben, diese Sache mit dem Fußball als Kampfsport.

Hat der Khalid Boulahrouz das eigentlich an der Müllverbrennungsanlange gelernt? Da sollen ja tatsächlich archaische Riten gang und gäbe sein, außer im Langnese-Familieneck. Van der Vaart hat sich so dermaßen für das geschämt, was er dort alles gelernt hat, daß er lieber völlig untergetaucht ist - Boulahrouz hingegen hat so gespielt, wie sich das anhört, wenn die da in Stellingen das seit Jahrzehnten falsche "Wer wird deutscher Meister? anstimmen. Völler (wie fühlt man sich wohl, wenn man morgens in den Spiegel guckt und das Gesicht von Rudi Völler sieht?) und Jauch hatten wohl recht, daß dieses Neid-Foul an dem Jungen, der die "geileren Weiber" (Fußballersprech, Worte wie das Gesicht von Rooney) abkriegt, der Knackpunkt zur Eskalation war. Aber wenigstens ...

... war diese auf 90 Minuten gestreckte Prügelei ungleich unterhaltsamer als der spielerische Tranquilizer mit den Briten des nachmittags. Habe aus Langeweile abgeschaltet. Das muß 'ne Taktik sein: Den Gegner so lange anöden, bis der einzig charismatische Spieler aus dem Team - wohl ebenfalls, um sich die Zeit zu vertreiben - dann sich selbst zitiert und 'nen coolen Freistoß "reinmacht".

Was packte mich die Sehnsucht nach dem Samstag-Abend! Trotz dieser unterschwellig anti-argentinischen Zwischentöne des Linienrichter-Gespanns. Das war das Positiv zum Negativ dieses Kolonialisten-Kicks gestern abend: Leidenschaft, Wille und wohlverstandener Kampfgeist. Die Mexikaner werde ich ja vermissen. Kann man nicht einfach die Portugiesen und Holländer disqualifizieren wegen zu viel van Damme-gucken, und stattdessen die Mexikaner weiter spielen lassen? So, wie die drauf waren, würden die die Engländer einfach niederrennen.

Belibt nur die Frage offen, wieso mir eigentlich bei "Kannibale" als erstes die Venusfliegenfalle einfällt. Die frßt sich ja nicht selbst oder ihre Artgenossen. Sondern Venusfliegen. Oder einfach nur Fliegen? Hat sie mit der Venus anderweitig zu tun? Ist die vielleicht Ausdruck der alles verschlingenden Liebe, die einen gut verdaut, aber regungslos zurückläßt, manchmal? Das wäre dann auch die Antwort, wieso sie mir bei den Kannibalen als allererstes einfiel ...

25.06.06

Geil. Stimmung ist gut.

P1010004.JPG

Ich werde es ihr nie verzeihen, daß sie ausgerechnet an meinem Geburstag vor die Wand fuhr. Nicht, daß sie etwas dafür konnte. Sie ist ja noch nicht mal selbst gefahren. Aber jedes Jahr am eigenen Jubeltag in den Nachrichten den Jahrestags ihres Ablebens zelebriert zu sehen und zu hören, nee, das ist nicht schön. David Austin hat damals sogar eine Rose (die oben wohnt auf meinem Balkon, ich weiß aber nicht ganz genau, ob das nun Yellow Charles Austin ist oder nicht) nach ihr benannt, an english rose namens England's Rose. Den Namen mußte er zurückziehen. Ist mir entfallen, warum. Vielleicht hat das englische Königshaus das ja als Marke schützen lassen? Keine Ahnung. Zuzutrauen wär's ihm. Und Austin, dieser neureiche Aufsteiger unter den Rosenzüchtern, ein einfacher Bauer, und dann am symbolischen Kapital des Adels sich nähren - nee, nix da.

Ich glaube ja, daß, wer heute mit England jubelt - falls es da überhaupt was zu jubeln geben wird -, insgeheim davon träumt, ein Adliger zu sein. Statt im Unterhaus die Mühen der Ebene zu bewältigen, im Oberhaus edle Marken süppeln, das wär geil. Dann wär ...

... die Stimmung gut. Typisch großbürgertümliche Sehnsüchte des Kleinbürgers halt.

Vollprolls wie Rooney sind dann im Fantasieleben die Arbeiter aus den Fabriken von einst, denen man gerne wohlwollend-patriarchal ein paar Almosen rüberwachsen ließe, um das eigene Sein als Ausbeuter nicht ganz so doll zu merken. Die Spieler mit Popstar-Attitude sind die Hoffnarren. Hat Adam Smith ja die Philosophie zu verfaßt: Einerseits egoistisch sein, die unsichtbare Hand, die wird's schon richten. Andererseits dann im moralischen dem Mitgefühl Raum geben - da, wo's nix kostet. Und ansonsten in die Oper gehen - na gut, heute legt man eine credible CD ein.

Bordieu hat sowas in "Die feinen Unterschiede" vortrefflich anlysiert: Wie das Bürgertum Distinktionsgewinne daraus zieht, nicht wie dickbäuchiger Pöbel beim Grillfest zu sitzen und einfach nur Spaß zu haben. Stattdessen durch Klassik-Smalltalk sich erheben über das Plumpe des Gassenhauers, den man einfachnur lustvoll mitschmettern kann - so eine Prise Adorno halt im Habitus. Hauptsache, sich unterscheiden. Die einen genießen es dann, wenigstens bei der WM endlich mal das zu tun, worauf sie Lust haben, nämlich Bier zu trinken. Andere bleiben bei der internalisierten Geschmacks- und somit Selbstkontrolle, dem Zwang zum Selbstzwang:

"So liegt denn auch dem reinen Geschmack nichts weiter zugrunde als Ablehnung oder besser, Ekel vor den Gegenständen, die sich "zum Genusse aufdränge(n) wie Ekel vor vor jenem groben, vulgären Geschmack, der sich in diesem aufgezwungenen Genuß auch noch gefällt."

Bourdieu, Pierre, Die feinen Unterschiede, Frankfurt/M. 1996, S. 761

... so Bourdieu in Auseinandersetzung mit Kant. Nun ist's so, daß dergestalt ein David Beckham sich sehr wohl aufdrängen kann, aber das aktuelle Spiel der englischen Mannschaft? Nee. Von daher mögen sie bitte ausscheiden heute. Ecuador ist mir da doch unglech sympathischer. Trotz dieses paralysierten Standfußballs gegen die deutsche Mannschaft.

Na, und die, die deutsche Mannschaft ... man, warum soll man da noch in den Chor der Schwärmenden einstimmen? Weil er Recht hat! Sensationell, diese ersten 40 Minuten. Das war wirklich Traumfußball. Es tut mir zwar weh, Larsson und Ljundberg verlieren zu sehen, ebenso, zuschauen zu müssen, wie ersterer Elfmeter verschießt; aber das war ganz großer Fußball gestern. Klose ist schier unglaublich - und, keiner hat's gemerkt, wir haben einen echten Lyriker als Torschützen, und das meine ich sogar ironiefrei!

Was ist mir - dann doch - oft die schwerfällige Langatmigkeit deutscher, die rhetorisch überschwängliche Maniriertheit farnzösischer Philosophen auf den Geist gegangen, buchstäblich. Dann warf man einen Blick in die angloamerikanische Schreibe und fand Sätze, so klar wie Quellwasser, fein gewürzt mit einem Hauch von Ironie und doch so prägnant wie die Hooklines guter Popsongs.

Nun ist genau das auch hierzulande vor die Mikrophone getreten. Gute Schreiber erkennt man daran, daß die mit dem Gewohnten brechen und Satz für Satz die Worte suchen, die eben am besten passen, statt im Fundus des Vorformulierten all das zu stapeln, was Eleganz nur suggeriert. Insofern bin ich z.B. kein guter Autor. Poldi ist's. Die aktuelle Zeit weiß zu vermerken:


"Reden ist nicht doch nicht sein Job. Wenn er doch spricht, eher intuitiv, dann sind seine Sätze sogar unfreiwillig wahrer als die jener Mannschaftskollegen, die dreimal nachdenken, bevor sie was sagen. Zu seiner Rolle als Teenie-Schwarm sagt er:"Ich will kein Idol sein. Das sollen andere machen." Machen, nicht sein. Seine Beschreibung des Besuchs der Kanzlerin im Mannschaftshotel hat ebenfalls einen Schuß Weisheit: "Sie hat uns viel Glück gewünscht, dann ist sie weggerannt.""

Sussebach, Henning, Stürmer sorglos, in: Die Zeit, 22. Juni 2006, S. 58

Das alles stellt der Herr Sussebach zwar reichlich schön überfheblich fest - dabei ist's doch großartig! Die Beatles haben mit "Yeah, Yeah, Yeah!" schließlich auch mehr zum Ausdruck gebracht als, wasweißich, Derrida mit der Grammatologie, und ebenso pointiert, wie er spricht, schießt der Junge jetzt auch seine Tore. Und wer würde auf dieses Strahlen danach verzichten wollen? Das ist ja besser als manche Zigarette danach. Suuuuuuuuuper! Darauf ein Bit. Ach nee, das geht dann doch zu weit. Lieber 'n Astra.

24.06.06

Zur Phänomenologie des gelebten Fußballs: Frankreisch, Frankreisch Teil 2

Cezanne.jpg

Irre wie ich blättern ja beim Spiel Frankreich-Togo in Bernhard Waldenfels' "Phänomenologie in Frankreich". Da geht's um Leute wie Sartre, der den Literatur-Nobelpreis einst zurückgewiesen hat und auch sonst bei allen politischen Irrtümern einfach ein verdammt cooler Typ war, um Paul Ricoeur, neben dem Michel Foucault nicht im Flugzeug sitzen wollte, was als Geschichte nur für jene interessant ist, die sich für Klatsch und Tratsch im Yellow-Press-Style auch rund um Philosophen begeistern können, also für solche wie mich mich.

Und um Maurice Merleau-Ponty, dessen Philosophie so ziemlich das exakte Gegenteil der Spielweise der französischen Mannschaft gestern war. Obwohl ... dazu später mehr. Ich fand die ja richtig gut gestern, die Blauen. Natürlich zeigten sich auf Seiten der Linienrichter antifranzösische Ressentiments, und ebenso natürlich schmettert ich zu akuten Verwirrung meines Hundes jene Textfetzen, die mir aus der Marseillaises geläufig sind, lautstark mit, was mir bei der deutschen Nationalhymne bei aller Lust am allgemeinen Flaggen-Mix dann doch nicht passieren würde.

Was hat uns diese Achteck, L'Hexagone, Großartiges geschenkt! Nicht nur Fußballgötter wie Thierry Henry oder Patrick Vierra, auch eine Edith Piaf, einen Jean Genet, und dann natürlich diese so unglaublichen, so unerreichten, so immer wieder neu verblüffenden Maler des 19. Jahrhunderts. Jene, die ...

... unsere Wahrnehmung so weit öffneten und Welt so völlig neu erscheinen ließen, daß Film, Video oder Computerkünste in Relation dazu Schritte bei Spaziergängen in der Eiffel sind, vergliche man sie mit jenen Neil Armstrongs auf dem Mond. Die Impressionisten und eben Paul Cézanne, der immer mehr von der Welt sich löste, sie in Farben, Flächen, Schattierungen auflöste und erst dadurch Welt zusammenhielt. Der durch die Autonomie des Materials Denk- und Erscheinungsräume schuf, in denen Mensch erst wirklich sein kann - im Flirren des Lichts oder im den stumpfen Differenzen des Graus in Zimmerecken, die's Gelb und Rot der Schnittblumen je anders auf unseren Netzhäuten erblühen lassen. Cézannes Bilder beinhalten das Wandern des Blicks und die Vielfalt der Perspektiven, bringen Farben zu sich selbst und machen so Welt erst welthaftig, eben erfahrbar. Sie sind wie der Schatten, den man spürt, wenn man unter Pinien an der Atlantikküste zum Meer hinüberblinzelt und dabei das Salz auf den Lippen schmeckt.

Solche Erfahrungen beschreibt dann die Phänomenologie. Das hat Sartre an der Philosophie Husserls so fasziniert - daß man loslegen kann mit dem philosophieren, wenn man auf's Glas Wasser schaut, das da als Zuhandenes auf dem Bistro-Tisch vor einem steht.

Merleau-Ponty unternahm tastend Entdeckungsreisen in die Erfahrung selbst, erkundete im Versuch exakter Beschreibung situierte, gelebte Leiblichkeit - thematisierte die Wahrnehmung als solche. Wollte den Mythos von der gegebenen Welt auflösen im Suchen und Schweifen des Blicks, des Fühlens von weichem Fell, wenn man Hunde streichelt, und auch im Wunder menschlichen Ausdrucks, wenn man spricht und schreibt und malt. Merleau-Ponty suchte in der Beschreibung selbst, weil Beschreibung Suche ist, die nicht ankommen muß, sondern in sich Sinn und Sinne findet:

"Was (Merleau Pontys Denk- und Schreibstil) auszeichnet, ist nicht strenge Systematik und prägnante Kürze, sondern ein behutsames Umkreisen und Abtasten der Phänomene in all ihrer Vieldeutigkeit, wobei sich die Probleme nicht hierarchisch aufeinander aufbauen, sondern sich konzentrisch anordnen. Damit verbindet sich die Kunst, Zeichen zu lesen, am geringsten Detail einen Gesamtsinn zu entdecken." Bernhardt Waldenfels, Phänomenologie in Frankreich, Frankfurt/M. 1987, S. 146-147

Das ist auch der Blick Cézannes beim Malen eines Blumenstraußes gewesen, genau deshalb schwärmte Merleau-Ponty so für ihn.

Und stellt man sich das Ganze um 1000% beschleunigt vor, dann hat man ein saugeiles Fußbalspiel vor Augen. Dann ist das jenes High-Speed-Tasten, die Suche nach der Abwehrlücke, die gestern die Franzosen betrieben haben.

Schlechte Fußballspiele werden manchmal durch Elfmeter entschieden, freue mich trotzdem, daß die Ukraine weiter ist, ärger mich über den Gruppensieg der Schweizer und bin maßlos gespannt auf das Spiel Spanien gegen Frankreich.

Die Schweden sollen angeblich heute nachmittag auf's Elfmeterschießen hoffen, und mittlerweile geht mir dieses allseitig hörbare, mit Pipi Langstrumpf und Ikea garnierte Schweden-Bashing richtig auf den Geist. Auch diese Abba-Verballhornungen, die dann "Thank you for the music" als "Bye, Bye Schweden"-Hymne umdichten und einem per mail zugeschickt werden, neeee, da ist mir der andere Teil dieser bisher so wundervollen WM einfach lieber: Wenn z.B. ein gemischter Ghana-Italien-Konvoi jubilierend den Holstenwall entlanghupt und die Fans beider Mannschaften auf dem Spielbudenplatz sich in den Armen liegen, einen Abend lang.

Weltliteratur wäre es, wenn es gelänge, der tastenden Phänomenologie Merleau-Pontys folgend ein Spiel, pralle 90 Minuten, wie dieses heute nachmittag, Deutschland-Schweden, auf Papier zu bringen. Die gelebte, in Situation sich findende Leiblichkeit aus der Perspektive von Fans, all die kleinen Eindrücke - sexy Waden, Angst beim Torschuß des Gegners, Freude und Zungenschnalzen beim Zuckerpaß, explodierende Entspannung beim Tor, das genau Hinsehen auf die Details im Spiel Michael Ballacks, das Saniti und Benny gestern euphorisch und fasziniert beschrieben (ja, ich tue gerade Buße), wenn dieser einen Paß angeschnitten mit dem Außenrist so spielt, wie's nur Weltklassespieler können - gegen die Wahrnehmungen des Spielers auf dem Platz als Text zu montieren, der die Abwehrlücke sucht oder im Zweikampf Blessuren davonträgt oder gerade darüber grübelt, wie er den Trainer haßt, während er die Ecke direkt verwandelt. Viel hätte das mit dem einst hochgeliebten "Stream of consciousness" eines James Joyce zu tun. Aber vielleicht reicht's ja auch, das alles einfach nur zu erleben ...

22.06.06

Amartya Sen zur Patriotismus- und Leidkultur-Debatte

Der Mann hat einfach immer sowas von Recht - großartig. Jetzt hat er sich mit dem auch hier intensiv und immer wieder neu diskutierten Thema "Identität", insbesondere der kulturellen, auseinandergesetzt - die NZZ bespricht das bisher nur auf englisch erschienene, neue Werk "Identity and Violence", und man schnalzt einmal mehr mit der Zunge.

"Menschen, so Sen, seien stets «auf vielfältige Weise anders»: Ihre Unterschiede liessen sich schlicht nicht auf eine Dimension reduzieren. Deshalb geht der Autor in seinem neuen Buch «Identity and Violence» nicht nur scharf mit den Vertretern der These eines Zusammenpralls der Zivilisationen ins Gericht; auch wer sich für ein harmonisches Miteinander der Zivilisationen einsetzt oder beispielsweise Traditionen der Toleranz im Islam auszumachen versucht, sei bereits in die Identitätsfalle getappt. Der Grundfehler bestehe darin, die Menschheit in verschiedene Zivilisationen einzusortieren und diese dann wiederum auf einzelne Staaten zu verteilen."

Und:


" (...) nach seiner Auffassung dient das «Zivilisationsgerede» einerseits dazu, ohnehin starken Vorurteilen eine historische und philosophische Pseudotiefe zu verleihen, andererseits aber auch dazu, von sozialen und wirtschaftlichen Problemen abzulenken."

Ja!!! Und, um die Frage des Rezensenten ganz vernünftig und offen zu beantworten, wie man sich denn Fremdzuschreibungen entziehen könne: Wir arbeiten daran. Auch eine OP kommt ja nicht ohne Diagnose im Vorfeld aus ...

Eine Callas lebt in jedem von uns!

Maria Callas.jpg

Neulich lief auf dem ZDF eine Doku über Mussolini. Die war gruselig vor allem deshalb, weil der Duce als eine Art Operetten-Fürst gzeichnet wurde, der so einem richtig bösen Diktator wie Hitler dann doch nicht das Wasser reichen konnte - fast wie unterschwelliger Nationalstolz wirkte das. Klar, so explizit wurde das nicht gesagt, als Subtext war es stets präsent und fomuliert so auch eine Fragestellung, die sich durch alle WM-Blogs, bei allen ...

... Kommentatoren von Fuballspielen und auch bei den Fans selbst sich findet: Da laufen holländische Fans mit orangenen Holzschuh-Imitaten durch Frankfurter Zeilen, Skandinavier mit Wikinger-Helmen und Brasilianer als Samba-Schule an Tschibo-Filialen und anderen Festbeständen deutscher Innenstädtkultur vorbei. Alles noch verhältnismäßig harmlose Folklore, daß jedoch afrikanischen Mannschaften vorzugsweise "Ineffizienz" attestiert wird und großer Jubel ausbricht, wenn sie "mal" 'nen auch wirkungsvollen statt einem nur kindlich-verspielten Paß treten, das sitzt schon tiefer. Ebenso die Verknüpfung des Italienischen an sich mit Oper und Operette, siehe oben, was dann trotz der vertrackten Defensiv-Techniken von einst eben selbst diese noch der Theatralik anheimgibt, gegen die deutsche Eigentlichkeit, Wahrhaftigkeit und Gründlichkeit implizit sich postioniert findet.

Gemein ist das, weil's eigentlich nie etwas aussagt über die mit Bezeichnungen Versehenen, die man durch's Beziechnen geflissentlich ignoriert, sondern immer eher etwas über jene, die solche Stereotype konstruieren.

Am Anfang war die Unterscheidung, würden Differenztheoretiker da wohl sagen und schreiben, und das, was unterschieden wird, fehlt dann dem Eigenen. Da braucht man nur einmal die Callas Puccini singen hören: Ein solche emotionale Wucht, ein solcher Pathos, ein derartiges Maximum an Ausdruck, wow, da fliegt einem alles weg. Wagner und Richard Strauß mußten schon tief in die Komponistenkiste für den dramatischen Sopran greifen, um durch Parkoure für echte Ganzkörper-Kraftleistungen zu erreichen, was die Callas noch in die trivialste Melodie einfach mittels ihrer Gefühle hineinzulegen vermag. Insofern verweist das Zusprechen der "Operettenhaftigkeit" bei Totti-Gesten auf nichts anderes als den tief empfundenen Mangel an eigenen Ausdrucksmitteln, und so könnte man wohl all die Klischees durchklenieren und würde immer nur auf das Eigene treffen: Eben jenes, was mittels jener Unterscheidung zu Beginn dann ins Jenseits des eigenen Erfahrungshorizontes befördert wurde. Das gilt auch für jene bitterbösen Klischees wie jenen über die Polen, auf die kein Kommentator sich anzuspielen traut ... zum Glück. Es gibt gute Gründe dafür, PC zu sein.

All das ist das eigentlich bemerkenswerte an der aktuellen WM: Daß trotz aller Ekligkeiten, die wir auch hier stets dokumentieren, so etwas völlig Ineffizientes, Desorganisiertes, einfach nur Lustvolles nunmehr im Eigenen sich zeigt. Zur besten Arbeitszeit laufen Spiele, und ganze Straßenzüge feiern ab; es werden nicht etwa "Südländer kopiert", wie irgendwo zu lesen stand, sondern das eigene Sein in seiner sinnlichen Mannigfaltigkeit auf öffentlichen Plätzen ausgelebt.

Glaube, daß bei vielen Fahnenschwenkern eher die karnesvaleske Lust ohne Inhalt sich ihren Weg sucht, und genau deshalb feiern derzeit allerlei Nationen so friedlich miteinander rum: Weil am Anfang nicht mehr nur die Unterscheidung steht, sondern die gemeinschaftliche, pure Lust am Dasein. Wenn's denn stimmte, wäre auch die Patriotismus-Diskussion hinfällig, die viele in den Flaggenreigen hineinlesen wollen - darum ginge es dann gar nicht, sondern um eine Integration der Callas in den eigenen emotionalen Horizont. Und dann hätte man vielleicht einen weiteren Schritt getan, den protestantischen Ethos, den Weber als Geist des Kapitalismus ausmachte, hinter sich zu lassen - ich sag euch: Das wird Arbeitsplätze schaffen!

Vielleicht irre ich mich gar grausam und projiziere nur von mir Gewolltes in die Straßen hinein, kann sein - wenn's denn wahr wäre, dann wär's gut.

Wobei abschließend noch zu erwähnen wäre, daß die Callas wirklich eine schönere Rose verdient hätte, als jene, die man da oben sieht und die nach ihr benannt wurde ...

PS: Wer heute als erstes kommentiert, bekommt 'nen Astra von mir zugeschickt, er ist dann der 1000. Kommentator.

21.06.06

Mehr ...

... dazu auch hier.

20.06.06

Mag erst mal keinen Kakao mehr trinken und weiß, daß das falsch ist ...

Nachdem ich Didier Drogba hier so blumig verabschiedet habe, ebbt die Diskussion nicht ab. Deshalb. Der Fußballgott macht Werbung für Kakao von seiner Côte d'Ivoire, auch, um die "Planteurs" dort zu unterstützen.

Seltsam erscheint schon, daß Schwarze in der Werbung vorzugsweise halb- oder ganz nackt oder mit wackelnden Ärschen dargestellt werden. Gut, auch Poldi, Beckham und andere werden erotisiert und sexualisiert - aber dann eher in der Parfum-Werbung oder auch im Falle des Fast Foods.

Würde eine High-Tech oder Edel-Marke sich Drogbar als Werbe-Ikone aufbauen? Ich weiß es nicht, aber ich habe bei der ersten Ansicht des Spots noch nicht mal im Ansatz an implizite Rassismen gedacht , was sehr, sehr gut an meinem noch ungeübten Blick liegen kann - der Hinweis auf die Edelmarke verweist u.U. auf Anderes: Eben jene Bedingungen, unter denen einst der Kakao angebaut wurde und auch heute noch wird. Diese kann man in dem Spot implizit zitiert sehen: Den schwarzen, schwitzenden Körpern im Kontext kolonialer Herrschaft - organisierte Unmenschlichkeit der brutalsten Form also (im konkreten Falle kolonialen Produzierens über eine Kritik der Arbeitswertlehre das Faktum der Ausbeutung zurückweisen zu wollen, das würde - vermute ich - nur wenigen einfallen).

"Das verwerfliche an dieser Werbung ist für mich, dass ein nackter schwarzer Mann dazu herhalten muss einen postkolonialen Wirtschaftskreislauf zu kaschieren bzw. zu legitimieren", so sah es ein Kollege heute in einer mail zum Thema.

Kolonialismus war auch, vielleicht primär ein politisches Phänomen, klar - auf welche Art jedoch Wirtschaft und Politik sich in postkolonialen Ländern heute noch durchdringen, das kann man in einem ...

... etwas älteren, dennoch erhellenden Artikel in der taz nachlesen. Auch Fragen der "Entwicklungspolitik" lassen sich am konkreten Beispiel ungleich besser diskutieren; bemerkenswert, daß hier und im befreundeten Blog Sozen-Bashing und Selbstbespiegelungen politischer Lager so ungleich mehr Resonanz erzeugen als ein Thema wie die Wirtschaft in afrikanischen Ländern.

Was vorgeht an der Côte d'Ivoire, das kann man ja im Artikel selbst gut nachlesen.Mir erscheint bemerkenswert, daß an die Stelle von regulierenden Maßnahmen - garantierte Produzentenpreise, also so eine Art Mindestlohn, staatliche Kakakoreserven - dann ein Geflecht korrupter Institutionen tritt, die sich mit den Weltmarkt-Mechanismen offensichtlich ganz hervorragend vertragen. Daß zudem multinationale Konzerne in die Lücke vorstoßen und die Eigenständigkeit der Produzierenden dem Artikel zufolge zurückdrängen, wobei nichts über die Differenz der Lebensbedingungen der Abhängigen und Unabhängigen beschrieben wird. Kann ja sein, daß es die gibt und es den Abhängigen besser geht. Vermute aber, daß deren Lebensbedingungen den Händlern schnurz sind.

Die Kohle bleibt zudem nicht dort im Lande hängen, sagte mir eine Internetrecherche über diverse Seiten, sondern bei den "Großhändlern", während der größere Teil der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lebt, Kinderarbeit auf Kakao-Plantagen en masse stattfindet und einem Link zufolge ein reger Kinderhandel dort stattfindet - Eltern verkaufen aus Not ihre Kids für die Arbeit im Kakaoanbau. Der Weltmarktpreis für Kakao ist zudem drastisch gesunken, auch deshalb das Elend dort, das letztlich maßgeblich zum dort brodelnden Bürgerkrieg beiträgt.

Das sind nun allerlei ganz konkrete und ziemlich scheußliche Faktoren, die die Lebenssituation von Menschen dort beschreiben. Ich hänge die hier mal nur so aneinander - kann mir irgendjemand einfach mal erläutern, wie diese Wirtschaftmechanismen da an der Elfenbeinküste nun wirklich laufen, ob irgendjemand sich da mal über Lösungsmöglichkeiten und Alternativen Gedanken gemacht hat?

Auch von einer Öffnung der europäischen Märkte für afrikanische Güter würden ja, vermute ich, allenfalls die "Zwischenhändler" und multinationalen Konzerne profitieren, die, solang's nicht zu hart wird, auch mit korrupten Regimen wenig Probleme haben ... auf der anderen Seite hilft's wohl auch wenig, wie im Schwarzbuch Globalisierung pauschal Freihandel für die Wurzel alles Bösen zu erklären. Wer gibt mir Phillosophen da ein wenig Butter bei die Fische? Ist meinerseits noch eine reine Suchbewegung ...

P>S: Und jetzt schießt das Empire auch noch ein Tor ... gegen meine Schweden ... Scheiße ...

17.06.06

Bye, bye Drogba: Rosen drücken auf's Herz

Boris Vian.JPG

Es gibt diesen Roman von Boris Vian - "L'ecume des jours", "Der Schaum der Tage". Da ist nicht nur diese sensationelle Sequenz drin, in der Jean-Sol Partre - na, wer damit wohl gemeint ist - einem Popstar, Philosophenkönig, Patriarchen gleich zu einem Vortrag vor hysterisierten Studenten einreitet:

"Chick, eine der Hauptpersonen, ist ein fanatischer Bewunderer von „Jean- Sol Partre". Es geht ihm aber nicht um den Inhalt seiner Bücher, sondern darum, alle möglichen Ausgaben und Reliquien zu besitzen - wie zum Beispiel die in Stinktier gebundene Ausgabe von „Moder oder Erbrechen". Besonders komisch ist die Schilderung des berühmten Vortrags „Der Existentialismus ist ein Humanismus", den Sartre am 29. Oktober 1945 gehalten hatte, und der zu einem Massenereignis geworden war. Sartre erscheint dabei auf einem Elefanten, umringt von Scharfschützen. Die draußen wartenden Massen werden von dem Elefanten niedergetrampelt, während sich drinnen Sartre mit einem Beil den Weg zum Podium freischlägt, wo er dann ausgestopfte Exemplare von Erbrochenem vorführt. „Für mich gibt es keine Essenz."

Quelle: Wienerzeitung



Zentrum der Geschichte ist eine Blume. Eine Seerose. Sie wächst in der Lunge von Chloé. Diese leidet schwer unter dem Gewächs ....

... wie ein Oleander unter Spinnmilben, vegetiert dahin.

Vian war eine faszinierende Persönlichkeit. Ein Multitalent, ein Chronist des bewegten Nachkriegs-Paris, ein Künstler, der wie Ionesco im Absurden das Wahre fand. Aufgrund einer Diphterie im Alter von 15 Jahren trägt er einen schweren Herzfehler davon und wird gerade mal 39 Jahre alt. Als Jazz-Trompeter tingelt er durch die Existentialisten-Kaffees; später schreibt er Chansons.

Erstmal lief er mir akustisch über den Weg in friedensbewegten Zeiten, hat er doch das berühmte "Le Deserteur" geschrieben - ich meine, anläßlich des Algerien-Krieges. Jürgen Slopianka, den heute kein Schwein mehr kennt, hat das Lied auf deutsch gesungen: "Lieber Herr Präsident! Ich schreibe diesen Brief an Sie, darin schreibe ich Dinge die sind Ihnen vielleicht fremd" geht das los, und dann eben, was ein Deserteur so singt, wenn er begründet, warum er desertiert. Hat das eigentlich etymologisch was mit Wüste zu tun, "Deserteur"? Wäre ja spannend zu wissen, und in Wüsten wachsen auch keine Seerosen, allenfalls in den Oasen oder als Fata Morganen.

Boris Vian hat auch, was ich soeben erst bei der Recherche zu diesem Eintrag entdeckte, einen Roman unter einem Pseudonym geschrieben, ohne zuzugeben, daß er unter einem Pseudonym schrub:

Der Verleger Jean d'Halluin empfahl Boris als Rezept für ein erfolgreiches Buch eine Mischung aus Henry Miller, William Faulkner und Hemingway. Vian ging die Wette ein, ein so buntes Buch in nur 14 Tagen zu verfassen, was er auch schaffte, zumindest was die Zeit betrifft. „Ich werde auf eure Gräber spucken" veröffentlichte er unter dem Pseudonym Vernon Sullivan, trat aber als Übersetzer aus dem Amerikanischen auf · nach dem Krieg war die Nachfrage nach ausländischer Literatur groß. Der Pornokrimi, in dem Sex, Mord, Alkohol, Rassenverfolgung und Gewalt wild vermischt werden, kam im November 1946 auf den Markt und wurde augenblicklich zum Skandal. Der wurde umso größer, als das Buch neben der Leiche einer ermordeten Prostituierten gefunden wurde. Gleichzeitig wurde es ein kommerzieller Erfolg. Vians Autorenschaft blieb nicht lange geheim, vor allem nach seinem Nachwort zum zweiten Sullivan-Buch „Tote haben alle dieselbe Haut". Darin beschimpft er die Literaturkritiker, die ein schlechtes Buch zu einem Erfolg machen, und andere, „kompliziertere" Bücher, die sie nicht verstehen, zum Tode verurteilen. Nach einer Klage wegen Verleitung Jugendlicher zur Ausschweifung wurde es im Juli 1949 schließlich verboten.
Quelle: Wienerzeitung

Welcher Kolonialherr will schon was über "Rassen"verfolgung, über Gewalt lesen - und welches christliche Regime über Sex? Wieso ist eigentlich diese Verführungsthese bei Christen so beliebt? Wegen "und führe mich nicht in Versuchung"?

Vernon Sullivan wurde von Vian als Schwarzamerikaner aufgebaut; und es war die Zeit, da über afroamerikanische Kultur Europa auch sonst zu neuer Wahrheit und Freiheit fand: Erst über den Jazz, dann über den Blues und den Rock'n'Roll - und sei's auch nur über die "British Inavsion" vermittelt .

Es war die Kultur von Schwarzen, die uns befreite. Sie haben uns der Tanzschul-Dressur entrissen. Nicht, weil sie irgendwie "näher an der Natur" wären, wie rassistische Mythen das gerne hätten. Sondern weil sie in den USA als Stigmatisierte, als Marginalisierte, als Unterschichten, als jene, denen Inklusion verwehrt wurde, nicht im selben Sinne der sozialen Kontrolle unterworfen waren (Dank an Peter Wicke für diese Einsicht).

Für die schwarzen Jazz-Musiker, die damals nach Paris kamen, muß es gleichermaßen eine so unendlich befreiende Erfahrung gewesen sein, nach Paris zu kommen und auf einmal gefeiert zu werden - wo daheim nicht nur in den Südstaaten Jubeln nicht gerade die alltägliche Reaktion war, wenn Schwarze z.B. Busse betraten.

Ich hatte mal das große Glück, Eric Burdon interviewen zu dürfen: Wie dieser das Jazz-Szenario in Paris beschrieben hat, war mitreißend. Doch kurz darauf flog er erstmals nach New York, mit The Animals in die Ed Sullivan-Show. Er freute sich, in's Heimatland der schwarzen Musik zu kommen - wachte des morgens auf im Hotel und sah an die dem Hotel gegenüberliegende Wand gemalt: "Eric Burdon is a Nigger-Lover". Später, mit Eric Burdon & War, hat er gezeigt, was Großartiges dabei rauskommt, ist man bereit, von schwarzer Kultur zu lernen. Als er mit diesen durch Europa tourte, war Rassismus Alltag angesichts einer "gemischtrassigen" Combo.

Um so größer die Freude, als gestern auf einmal "Angola!"-Rufe während des Spiels durch meine Straßen schallten.

Und um so größer der Frust, als die Ivorer dann doch rausgeflogen sind - gegen eine ehemalige Kolonialmacht, eine von denen, die Institutionen ausgebildet hatten, auch wirklich von den Kolonien zu profitieren.

Dabei war ich mittlerweile so weit, mehr mit der Elfenbeinküste zu fiebern als mit der deutschen Nationalmannschaft. Dieses Spiel gegen Argentinien - die kann ich seit gestern auch endgültig nicht mehr leiden, und ich werde auch nie wieder behaupten, daß ich Mexikos Art, Fußball zu spielen mag - war so sensationell schön.

So wuchs mir prompt Salbei und eine englische Rose in meiner Lunge, und die Dornen drückten direkt in's Herz, als die Elfenbeinküste ausschied - kann man ja oben sehen, wie das gerade aussieht in mir.

Rayson hat prompt, während das Spiel noch lief, einen tollen Text zum Thema geschrieben und geht angstfrei mitten hinein in's Thema - Kompliment!!!

Wobei ich doch die Anschlußfrage stellen würde: Wie kann Afrika uns helfen? Was können wir eigentlich von denen lernen? Ich glaube, es ist schier unendlich viel ... so vielfältig wie dieser Kontinent selbst.

Ich war so bereit, den Ivorern bis in's Finale und darüber hinaus zu folgen. Frisch verliebt in eine Mannschaft und schon isses aus. Da mag ich gar nix schreiben über die Spiele heute ... außer, daß ich Italien jede Niederlage gönne, mir Portugal nach deren Auftaktspiel am Arsch vorbei geht und ich den tschechischen Fußball trotz Rosenwuchs in mir genießen werde. Auch wenn da, in Tschechien, mittlerweile die übelsten Rassisten auf den Rängen stehen - unmittelbar neben manch Italienern.

Aber das römische Reich ist ja schon einmal untergegangen, weil es von den vermeindlichen "Barbaren" einfach nichts lernen wollte - nichts anderes ist "unsere Asylpolitik". Die Rose sticht schon wieder - mitten hinein in mein Herz.

16.06.06

Fantasien auf Sofas in Doppelhaushälften bei Ahrensburg zum Thema Last-Minute-Giftbaskets

Last Minute-Gifts2.jpg

Foto: Gifts-Flowers-Giftbaskets.comhttp://www.gifts-flowers-giftbaskets.com/index.cfm/Last_Minute_Gifts

Der Trend geht zum Last-Minute-Tor. Ökonomisch WM gucken hieße, immer erst ab der 80.Minute einzuschalten. Um diese unerträglich öden Vorspiele sich zu ersparen - gut, die Nummer in Dortmund war durchgängig dramarturgisch spitze, aber diese Kicks gestern hatten ja nix mit quick & dirty zu tun. Mal abgesehen von Ecuador - ich sach' nur: Vorsicht, Favoriten! Denkt an Griechenland!

Wahrscheinlich hat der Fußballgott das alles nur inszeniert, um diese unsäglichen "Ich verlasse das Stadion früher"-Existenzen, die Ehrenrunden und Endlos-Jubel nicht genießen wollen, genießen können, ja, für die Genuß an sich schon Lethargie nur noch bedeutet, die Schranken ihres entsagungsvolllen Lebens so richtig deftig und schmerzhaft spüren zu lassen. So Leute wie Beckenbauer halt - er und Klinsi ...

... haben sich Ljungbergs Kopfballtor im Stadion nicht mehr gegeben. Solchen Typen ruft man am Millerntor dann einfach nur zu "Geh doch zum HSV!", womit auch schon alles gesagt wäre. Daß diese dumpfen Briten es nun geschafft haben, ärgert. Nur Dank Haareziehen in die nächste Runde, nee, habe ja was gegen diese Sprüche von wegen "mädchenhaft" im Männersport, beim dem Fußballer mit den weltweit unerotischten Waden war's dieses eine Mal angemessen. Wer Rasta-Locken mißbraucht, der hat's verdient, schnellstmöglich auszuscheiden.

Dafür hat's Schweden geschafft, für die bin ich ja eigentlich immer, bei jeder Meisterschaft, auch wenn's mir für Valdez und Santa Cruz, diesen immer dekorativen Total-Ausfall, leid tut. Heute gewinnen hoffentlich die Serben gegen Argentinien, diese so unangenehm bayerneske Effizienz-Truppe, und die Elfenbeinküste gegen die Niederlande.

Die Ivorer sollen einfach nicht ausscheiden. Die machen gewinnen dann auch noch gegen Serbien-Montenegro, und Drogba sollten wir deutschlandweit schon deshalb Schreine errichten, weil es ihn gibt. Und weil sein Blick einfach sowas von unter die Haut geht ... bei Mexiko und Angola bin ich neutral, falls das jemanden interessiert. Weil man mit Angola schon aus Prinzip sympathisiert, ich's aber auch mag, wie Mexiko Fußball spielt. Außerdem haben die eine interessante Küche. Und wissen, wie man sich im Paradigma des Exotismus betrinkt:


"Zutaten:

* 60ml Rum (weiß)
* 120ml Ananassaft
* 50ml Kokoscreme (Calahua)
* 20ml Vollmilch
* gestoßenes Eis
* Ananas
* Cocktailkirschen

Zubereitung:

Das Glas zur Hälfte mit gestoßenem Eis füllen. Alle flüssigen Zutaten mit einigen Ananasstücken im Elektromixer gut durchmixen, ins Glas gießen und umrühren. Ein Stück Ananas einschneiden und an den Glasrand hängen. Mit einem Cocktailspieß eine Kirsche an die Ananas stecken und mit zwei Trinkhalmen servieren. Die Piña Colada kann genau so gut auch mit braunem Rum zubereitet werden.

Das ist ein Drink für Walddörflerinnen und höhere Töchter aus den Elbvororten. Gymnasiastinnen, die erst Spanisch und Portugiesisch studieren, weil sie da mal im Urlaub waren, um dann doch unbewußt sich mit einer "guten Partie" zwangszuverheiraten, weil es eben den Zwangswirkungen der Tauschgesetze deutscher Partnerwahl gehorcht, den Bankabteilungsleiter aus Großhansdorf zu ehelichen und nicht den Latin Lover.

Dann sitzen sie bei der nächsten WM auf ihrem Designer-Sofa in irgendeiner Doppelhaushälfte bei Ahrensburg, klopfen dem Gatten neckisch auf den Schmerbauch, heilfroh, nicht der Gnadenlosigkeit sozialer Kontrolle beim Kindergarten-Grillfest unterworfen zu sein, nur weil sie irgendetwas Dunkelhäutigeres importiert zu haben.

Um dann doch davon zu träumen, was so alles passieren könnte, wenn sie Typen wie Kaka oder Cristiano Ronaldo das Last-Minute-Gift zum Last-Minute-Tor überreichen würden - weil die sind, was Deutschland nicht ist.

14.06.06

Was Deutschland nicht ist ...

Exotismus.JPG

"Schön und kaffeebraun sind alle Frauen in Kingston Town" sang der Vico Toriani einst vor sich hin. Gut, Kingston Town ist nicht in Brasilien, aber er meinte das, was Deutsche denken, wenn sie über Brasilien reden. Ein wenig Gauguin halt. Deshalb ist es auch kein Zufall, wenn Beckmann den alten, schimmeligen, fiesen und garstig gemeinen Hut vom "Farbigen" sich aufsetzt, während er sich ernsthaft einbildet, er würde gerade Spiele kommentieren.

Es ist nicht erstaunlich, daß neben so viel deutschen Flaggen an Hamburger Balkonen derzeit die brasilianische weht. Deren Nationalmannschaft ist einfach das Positiv zum Negativ des Selbstbildes vieler Deutscher - Exotismus in Reinform. Da brauchte man sich gestern nur diesen Waldi-Talk im Ersten anschauen - ...

... ein Klischee nach dem Anderen haute die Alt-Herren-Runde da raus.

Der einzige, der's unter Umständen merkte, war Harald Schmidt - indem er das Ganze als "erotische Veranstaltung" klassifizierte. Schön und Kaffeebraun - solche Leiber sexualisiert man als Nordeuropärer zunächst. Dieser Promi-Koch ergänzte um das "feurige Spiel" und die "Würze", also das, was die Mehlschwitze nicht hat, und irgendein inmitten Rios platzierter Reporter, schon ganz außer Atem angesichts all dieses Samba-Schul-Geschehens, berichtet: Die Behörden und Universitäten seien geschlossen, die Leute hätte ihre Autos verkauft, um nach Deutschland fliegen zu können. In Brasilien gäbe es keine Religion (was nun wirklich Nonsens ist), keine Staatsphilosophie, nur Fußball.

Karasek flankiert das Ganze mit einem Spruch über französische Pensionskassen. Natürlich gehen die auch "locker" an das Spiel, so wird der Talk dann fortgesetzt, und Fragen wie: "Stehen die Abwehrblöcke auch nah genug beieinander?" stellten sich bei denen doch gar nicht. Die Brasilianer machen zwischendurch auch ""Päuschen", so Harald Schmidt, und dann spaziert noch eine Blondine im Brasilien-Trikot, so eine, der sie allesamt mit der flachen Hand auf den Arsch klopfen möchten, durch's Bild und bringt den Kerlen Bier. Alle hatten "Zauberfußball" erwartet, Magie eben - sitzen da in ihrer tristen, entzauberten Fensehwelt und wünschen sich Voodoo von den "Farbigen", den kaffeebraunen.

Und keiner merkt, daß sie die ganze Zeit nur über Deutschland reden ... in einer Mischung aus tiefer Frustration und ganz viel Überheblichkeit. Findet man ja nicht erst bei Kant, diese Bilder von den lustbetonten (bei ihm heißt das Neigung) "Südseebewohnern", auf die der Deutsche an sich dann immer auch neidisch ist in seiner Selbsdisziplin, deren Auflösung er derzeit laustark beklagt. Die zugleich beim exzessiven Feiern doch endlich aus den Selbstbildern der Nation verschwinden soll.

Dieses Deutschland mit seinen Dichtern und Denkern in seinen Universitäten, an die so recht auch keiner mehr glaubt und die's ökonomisch schon gar nicht bringen. Mit seiner Autoindustrie, die langsam den Bach runter geht, mit der pensionskassenbehafteten Bürokratie, seiner Staatsgläubigkeit und seinen "christlichen Wurzeln". Dieser Deutsche, der nur marschieren kann, aber gar nicht so richtig mit dem Arsch wackeln - das können nur die "Farbigen", und deshalb wird durch sie alles zur "erotischen Veranstaltung". Die "feurigen" Südamerikaner negieren einfach all das, was der Deutsche glaubt, über sich selbst denken zu müssen. Wobei immer mitschwingt, daß seine Ordnung, seine Disziplin, sein Organisationstalent selbst in Behörden und im Staatswesen, seine Autos insgeheim dem "Billigen" aus aller Herren Ländern natürlich bis heute überlegen bleibt, und dafür verzichtet man dann traditionell auch gerne auf die Lust ...

Diese Brasilien-Sehnsucht ist dann sowas wie der Balkonkasten da oben, der meine: Da wachsen Petunien, Solanum, Ziertabak und Lobelien, lauter exotische Pflanzen, Magariten dahinter, die hier keinen Winter überstehen würden. Weil's keine plumpen Staudenmagariten sind. Gut, mittendrin ein Salbei, der auch hier die freie Wildbahn übersteht. So klebt man sich den Süden an den Balkon und sehnt sich nach ungebremster Leiblichkeit, wittert sie bei den Anderen ...

Viel spannender wird's noch, fragt man sich, wieso solche Begeisterung den "Kaffeebraunen" entgegenschlägt, nicht jedoch z.B. Ghana oder der Elfenbeinküste. Gut, für's Spiel der Letzeren hat sich "die Nation" dann doch begeistert, ansonsten herrscht eher Mitleid vor und ein Bemühen, die überhaupt ernst zu nehmen. Keine Flaggen von denen neben deutschen an den Häuserwänden. Glaubt's mir: Der Grund ist nicht nur die glorreiche, brasilianische Fußballgeschichte. Die Ghanaer sind dann doch zu schwarz ...

Man verstehe mich nicht falsch. Ich plädiere nicht für ein anderes, deutsches Selbstbild. Nicht für mehr Selbstbewußtsein, nicht für mehr Selbstkritik, nicht für mehr Antideutsches oder gar die Besinnung auf deutsche Tugenden.

Ich plädiere für den Verzicht auf jegliches Selbstbild und somit auch das Verfassen solcher Texte hier. Stattdessen dieser unglaublichen Atmo, die da im Stadion gestern abend noch bei der Fernsehübertragung ständig hörbar war, sich einfach nur hingeben. Auf Bilder und Selbst-Thematisierungen lieber ganz verzichten. In-Der-Welt-Sein - nicht daneben stehen ... dann hat der Exotismus keine Chance mehr. Und dann kann man diese Pflanzen da oben auch wieder einfach nur genießen ...

13.06.06

Frankreisch, Frankreisch Teil 1

NizzaAltstadt1.jpg

Foto: Urlaube-Info


„Ich bin dem Maße Knecht, in dem ich in der Tiefe meines Seins von einer Freiheit abhängig bin, die nicht die meine ist und die doch die Bedingung meines Seins ist. Soweit ich Gegenstand von Wertungen bin, die mich qualifizieren, ohne dass ich auf diese Qualifikation Einfluß nehmen oder sie auch nur kennenlernen kann, bin ich in Knechtschaft. Zugleich bin ich aber in Gefahr, soweit ich Hilfsmittel für Möglichkeiten bin, die nicht meine Möglichkeiten sind, deren bloße Anwesenheit jenseits meines Seins ich nur vermuten kann, die meine Transzendenz verneinen und mich zu einem Mittel für Zwecke machen, die ich nicht kenne. Und diese Gefahr ist kein unangenehmer Zufall, sondern die dauernde Struktur meines Für-Andere-seins.“

Jean-Paul Sartre, Das Sein und das Nichts, Reinbek bei Hamburg 1962, S. 356

Ein Platz in Nizza, in der Altstadt. Ein Bierchen noch unweit der Promenades des Anglais süppeln – es war heiß, obwohl schon dunkel war. Auf dem Wege dorthin, den Boulevard entlang, der Spruch eines Passanten, verächtlich: „Ou est le cheval?“. Weil ich eine „Reiterhose“ trug, das war damals trendy. Auch meine blondierten Haare ernteten seltsame Blicke – der französische Schick kam ohne Ohrring und Post-Punk-Zitate aus. Deren Habitus: Frisch gebügelt, aber immer verspielt. Stil demonstrierend. Charme in der Mimik und die Geste immer ein ganz klein wenig zu groß. Manchmal auch viel zu groß. Meistens sehr liebenswert ... weil alles aufgehoben wird durch das Spiel.

Vormittags Unterricht mit frisch gekündigten Reemstma-Managern, ...

... Krankenschwestern aus Paderborn und diesem Typen aus Frankfurt, der in zerknitterten Anzügen und 3-Tage-Bart immer verpennt wirkte. Wie der Detektiv aus einem US-Krimi der schwarzen Serie. Der eine Grundzerissenheit mit sich herum trug wie ein Acessoires und zu allem Überflluß auch noch ganz sexy war. Wir teilten ein Zimmer und redeten doch wenig miteinander. Deshalb mochten wir uns. Weil wir beide in Ruhe lassen konnten. Später zogen wir sogar zusammen um, in die Wohnung in der Altstadt. Vorher residierten wir in einem Appartement unweit des Bahnhofs, einem mit Schimmel im Bad.

Nachmittags war’s mir zu heiß, da blieb ich im Appartment. Schrieb einen Text darüber, was Hildegard Knef mit Nizza zu tun habe. Da ging's um Exil als psychischem Zustand - und zugleich einer tiefen Verbeugung vor ganz realen Exilanten, Walter Mehriing tauchte da, glaube ich, auf. Walter benjamin kannte ich da noch nicht. Auf die Terace de Fréderic Nietzsche bin ich aber auch geklettert. Und nach Cannes bin ich gefahren, im Gedenken an und in tiefer Verehrung für Klaus Mann. Der hat sich dort umgebracht.

Wenn die ganz außerordentlich hinreißend denkoffene Krankenschwester aus Paderborn mit auf ein Bier dort auf dem Platz in der Altstadt ging, musste ich immer über AIDS mit ihr reden, weil sie sofort dieses Thema ansteuerte. Das war damals so. Wer schwul war, der musste ununterbrochen über AIDS reden mit jedem, der’s erfuhr, daß er schwul war. Das war sogar gut gemeint, das zeigte Interesse, Offenheit und Toleranz. Kaum bekannte Bekannte von Mitbewohnerinnen schenkten einem Bücher über Sterbende, die heroisch und im Reinen mit sich AIDS meistern, verschenkten die Werke mit verständnisvollem Blicke. Sie selber lasen sowas nicht. Gar nicht so viele Jahre später ist eine gute Freundin von mir daran gestorben ...

So ragte in’s frisch erwachte, amouröse Für-Sich-Sein dann immer wie eine Scherbe dieses Thema AIDS bestimmte auch mich. Ob ich wollte oder nicht: Er war Teil meines Seins. Schön war das nicht. Erwischt hat's mich aber a uch nicht.

Zu Zeiten des Sprachurlaubs war ich schon bei Foucault gelandet. Begonnen hatte es in der Normandie. Beim Schüleraustausch in St. Pierre sur Dives. Eine eher ärmliche Familie mit 3 Töchtern und einem herrlichen, alten Bauernhaus in einem kleinen Dorf unweit des Marktfleckens, da war ich 2 Wochen zu Gast und lernte, dass man auch anwenden kann, was man in der Schule lernt.

Es war traumhaftes Wetter, wir fuhren viel mit dem Rad zwischen Hecken hindurch, und einen Ausflug nach Caen unternahmen wir auch. Da hatten die Deutschen wenig übrig gelassen. Hatten noch im Rückzug die Stadt platt gebombt. Ohne „Militärische Notwendigkeit“, wie deutscher Neusprech es im Falle Dresdens heute formuliert. Eine Caen-Debatte habe ich in noch keiner Kommentarfunktion verfolgen dürfen. Viele unserer Austauschschüler hatten noch Verwandte, die einst live dabei waren. Es war Völkerverständigung im besten Sinne des Wortes, dieser Austausch. Heute ironisiert manch einer ja sogar diesen Begriff, für den mein Vater ein erfülltes, politisches Leben führte.

Es war die Zeit der „Ne touche pas mon pôte!“-Sticker, diese gelbe Hand als Stoppschild. Wir haben später auch „Tee im Harem des Archimedes“ uns angeschaut mit dem Französisch-Leistungskurs. Eine erschlagend deprimierende Geschichte über die Immigranten-Kids in den Banlieues. Nicht so brutal wie später „La Haine“ – liebevoller waren die Figuren gezeichnet. Das war Mitte der 80er, „La Haine“ kam 1996 in die Kinos. Und bei den Riots nun vor kurzem taten alle so, als hätte es sie überrascht … in einem Programmkino am hannöverschen Raschplatz haben wir den Film geschaut. Standen danach 10 Minuten schweigend vor dem Kino und konnten uns nicht trennen. Der Film hatte uns in unserem ganzen Für-uns-Sein durchdrungen, jetzt standen wir da wie erschlagen und wussten nicht mehr, wohin mit uns. Konnten uns nicht trennen voneinander.

Der war toll, der Französisch-Leistungskurs. Unsere Lehrerin hieß Frau Staub. Die war großartig. Irgendwann gegen Ende der zwölften Klasse war unsere Motivation auf dem Tiefpunkt. Dann hat sie uns anhand von Claire Brètechers „Die Frustrierten“-Comics weiter die Sprache gelehrt.

Das Schlüsselerlebnis war jedoch Sartre. Wir lasen „Huis Clos“, jenes Stück mit einem Mann und zwei Frauen in der Hölle. Diese sieht aus wie ein schlichtes Hotelzimmer, alle drei finden es zunächst harmlos. Keine glühenden Zangen, kein Fegefeuer. Aber dann geht’s los: Lesben-Esther verliebt sich in Heten-Estelle, und der Typ – ich habe den Namen vergessen – natürlich in die Esther. Das Infernale: Sie können sich nicht mehr ändern, nicht mehr entwickeln, können keine Entwürfe ihrer selbst mehr anstreben, geschweige denn verwirklichen. Entlieben? Ist nicht!

Auch der Blick der jeweils Anderen: Er bleibt invariabel. Sie können den Anderen nicht überzeugen, ja doch liebenswert zu sein. Wie versteinertes An-Sich-Sein steht das Wechselspiel der Perspektiven mitten im Zimmer. Sie bleiben im Dreieck verliebt, zurückgeworfen auf ihre Faktizität, unfähig zur Transzendenz. „Die Hölle, das sind die Anderen“, dieser so berühmte Satz stammt aus diesem Theaterstück.

Die Begegnung mit Sartre einst hat mein Leben verändert. Ich hielt das Referat über Sartres Philosophie im Französisch-Leistungskurs. Sartres Intersubjektivitätstheorie in „Das Sein und das Nichts“ war dann auch Thema meiner Zwischenprüfungsarbeit. Und Thema in der mündlichen Magisterprüfung im Hauptfach Philosophie. Eine Hausarbeit nannte ich „Sartre überwinden!“, weil diese Theorie so hundsgemein ist. Wenn ich jetzt in die Kommentarspalten von Blogs schaue, sehe ich immer, dass er nicht zu überwinden ist …

Jetzt sitze ich hier auf meinem Balkon, und Frankreich hat gerade gespielt. Schlecht gespielt. Es gab Zeiten, da habe ich beim Hören der „Marseillaises“ weit mehr empfunden, als ich’s beim Hören der deutschen Nationalhymne jemals empfinden werde. Frankreich war seit der Normandie immer bei mir - mitsamt seiner Philosophen. Und seiner Romane, vor allem jener der Philosophen. Im Literarischen war Sartre für mich auch ein Erweckungserlebnis. Wie er in den Bänden von „Les Chemins de la Liberté“ aufzeigt, dass ein Frei-sein-von eben gar keine Freiheit ist, sondern allzu oft eine ganz böse Variante der Negation des Für-Andere-Seins – das ist dann Thema im nächsten Frankreisch-Frankreisch-Eintrag ….

Kontingenz, Krisenbewältigung, Kunst

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Konnte zwar das erste Spiel gestern nicht sehen, vom zweiten Spiel nur die Tore, aber trotz chronischer Harmlosigkeit Ghanas war das dritte Spiel wenigstens ein wenig weniger langweilig als Portugal gegen Angola.

Wobei's natürlich ärgerlich ist, die Schlußphase Japan - Australien verpaßt zu haben und noch ärgerlicher, daß es die Japaner nicht geschafft haben. Habe an sie geglaubt. Die sind Pop, die Australier nicht.

Dafür waren die Rosicky-Tore selbst in der Zusammenfassung ein Traum,wahrhaftig. Und das Ergebnis hatte ich auf's Tor genau getippt, kann hier nachlesen.

Heute prognostiziere ich wagemutig drei Unentschieden - glaube, daß weder Brasilien noch Frankreich gleich im ersten Spiel groß auftrumpfen werden. Und nach diesem ganzen Pogo in Togo werden diese entfesselt aufspielen, um sich dann dumme Gegentore zu fangen: 2:2.

Dieser Kuffour-Fehler gestern war so dermaßen kurios, daß man ihn dafür knuddeln möchte, den Sammy - ja, beim Fußball geht's halt um Kontingenz. Zufall, Geworfensein sein in die Situation ...

..., in der der Spieler dann über sich hinauszuwachsen sucht, dabei oft scheitert - sich dann auf die Faktizität der eigenen Fähigkeiten reduziert wiederfindet ie ein Häuflein Sammy Kuffour.

"Das Element des Nichtkönnens in der Ausübung höchsten Könnens unterscheidet den Sportler grundsätzlich vom Artisten. Der Artist ist ein Virtuose dessen, was er kann; er führt sein Können vor. Der Sportler hingegen ist ein Virtuose dessen, was er nicht kann; er zelebriert sein Unvermögen."

Martin Seel, Die Zelebration des Unvermögens, in ders., Ethisch-Ästhetische Studien, Frankfurt/M. 1996, S. 197

Soll heißen: Wäre jedes Tor im selben Sinne einzuüben wie der dreifache Salto am Trapez, würde das Spiel ganz schön langweilig. Es ist eher unwahrscheinlich, daß ein neuer Weltrekord im 100-Meter-Lauf stattfindet - und gerade deshalb schaut man so gerne zu, weil's eben doch passieren könnte.

Sonst bräuchte man sich ja heute Frankreich oder Brasilien gar nicht anzuschauen, wenn nicht der Favoritensturz trotz überlegener Fähigkeiten in der fußballerischen Grundausstattung stets stattfinden könnte - Dank des Unvermögens echter Weltstars. Das über 90 Minuten währen könnende Unvermögen, das Tor wirklich zu treffen, ist's, was stete Angstlust und Aufstöhnen auf den Rängen erzeugt.

"Der sportliche Wettkampf stellt als solcher eine Krise des Könnens der beteiligten Sportler dar - eine Krise desjenigen Könnens, das sie in einer ganz ander gearteten Trainingssituation auszubilden und zu stabilisieren versuchen. Von der Bewältigung dieser Krise handelt das Drama des Sports."

Martin Seel, a.a.O., S. 190

In der Krise zeigt sich ja wahre Freiheit, weil sie Routinen bricht. Daß Freiheit ein Vermögen ist, nicht die Abwesenheit von Zwang, zeigt Seel in einem anderem Aufsatz über das eigentliche Thema meines Schreibens über Fußball hier, das Naturschöne im Kontext des Sozialen, in der Auseinandersetzung mit Hegel:


"Eigentlich sind es also drei Attraktionen ästhetischer Natur, die Hegel beschreibt - ich möchte von ihrer kontemplativen, ihrer korresponsiven und ihrer imaginativen Anziehungskraft sprechen. Dabei versetzt die ästhetisch angeschaute Natur ihre Betrachter in eine jeweils andere Stellung zu dem lebensweltlichen Sinnzusammenhang, in dem sie ihm gegenübertritt. Im kontemplativen Verhältnis erlischt dieser Zusammenhang; im korresponsiven Verhältnis tritt er in Erscheinung; in der imaginativen Hinwendung wird er zur Anschauung möglicher Welten überschritten. In jeder dieser durch Natur gewährten Attraktionen, so läßt sich sagen, eröffnet sich eine andere Form der Freiheit: erstens ein Freisein von allen Sinnsetzungen, zweitens eine Freiheit zur sinnlich artikulierten Wahrnehmung der je eigenen Situation, schließlich eine Freiheit der erfindenden Abwandlung künstlerischer Deutungen des Lebens."

Martin Seel, in: a.a.O., Ästhetische Argumente in der Ethik der Natur, S. 207

"Korresponsiv" bezieht sich auf die Lebensform des jeweiligen Menschen,

"ihr zeigt sich die Natur als "verwandt", wo sie sich als existentiell bedeutsame Wirklichkeit menschlichen Handelns darbietet. Schön unter diesem Aspekt ist Natur, wo sie der Lebensform des Menschen in anschualicher Form Entsprechung Ausdruck verleiht."

Martin Seel, in: a.a.O., Ästhetische Argumente in der Ethik der Natur, S. 206

Diese drei Aspekte, diese drei Freiheiten, denen man sich bei diesem grandiosen Lupfer Rosickys zum 3:0 hingegeben kann, beziehe man nun auf jenen, der im Jahre 1957 die Briefmarke dort oben in Togo entworfen hat. Wer das wohl war? Wann gab er sich der Kontemplation hin, was war seine Lebensform, wieso imaginierte er genau dieses Pflanzen- Motiv? Ich würde's gern wissen - man berichte mir, was in Togo 1957 los war. Ich weiß das nämlich nicht ...

12.06.06

Das Naturschöne

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"Das zaghafte Ziel des "Public Happiness", gerade unter dem Aspekt seiner Öffentlichkeit, fiel den reichgewordenen "armen Leuten" zum Opfer, die entschlossen für nichts anderes leben als für die Befriedigung ihrer Bedürfnisse ihrer nun in's Gigantische gestiegenen Bedürfnisse."

(Hannah Arendt, Über die Revolution, München 1963, S.180, zitiert nach: Heuer, Wolfgang, Hannah Arendt, 1987 Reinbek bei Hamburg, S.105)

So schrieb Hannah Arendt über Zeit nach der Revolution - der amerikanischen. In tiefer Ehrfurcht vor dem Geist der US-Verfassungsväter, deren Umsicht und deren Behauptung des prinzipiellen Vorrangs des Prozeduralen vor dem Prinzipiellen, kontrastierte sie in ihrem Werk über die Revolutionen den schaurigen Verlauf der jakobinischen Herrschaft mit jenem der Befreiuung vom Kolonialherren in Nordamerika.

War zwar auch nicht alles richtig, was sie dort schrub - nichtsdestotrotz ist's schon spooky, daß einige nun wieder so tun, als sei das Konkret-Historische, was auf den Sturm auf die Bastille folgte, nunmehr, im Jahre 2006 endlich von ihnen als "totalitär", na, was sonst, alle totalitär, nur wir nicht, entdeckt worden, das am Rande. Ebenso spooky ist's, setzt man das obige Zitat in Beziehung zu einem weiteren Text aus dem taz-Sonderheft, das ich ...

... gestern schon am Wickel hatte:

"Bei uns in Afrika gibt es die Tradition der mündlichen Überlieferung, also die Alten geben den Jungen alles weiter. Das Zusammengehörigkeitsgefühl ist dadurch stark ausgeprägt. In Europa hingegen macht jeder einfach sein Ding. Als ich das sah, sollte ich sofort wieder zurück nach Afrika." (taz-journal "Es ist Liebe", Mai 2006, S. 51)

Das schreibt Bonga Kwenda, ein Ende der 60er, Anfang der 70er erfolgreicher Leichtathlet aus Angola. Deren Mannschaft uns ja gestern zusammen mit ihren ehemaligen Kolonialherren eines der langweiligsten Spiele der WM-Geschichte bescherte.

Da zwingt man seinen rituellen "Sonntags kochen wir!"-Gast zum Fußballgucken, obwohl der sich für diesen Sport rein gar nicht interessiert - und dann sowas. Wenigstens mein erstes auf's Tor genau richtig getippte Ergebnis in unserem firmenübergreifenden WM-Tipp.

Ansonsten mußte ich putzen im Schweiße meines Angesichts und konnte die anderen Spiele nur am Rande verfolgen - so doll wirkte das alles ja nicht, was ich durch aufgewühlten Staub blinzelnd da verfolgen durfte. Mal abgesehen von der Schlußphase Mexiko gegen Iran.

Vielleicht wird's heute ja spannender. Die US-Boys sind ja durchaus ansehnlich, die Tschechen immer für Traumfußball gut - 3 zu 0 für Tschechien, sach ich mal. Die schnuckelig-poppigen Japaner werden hochmotiviert und außerordentlich quirlig die rustikalen Australier ebenfalls mit 3 zu 0 zurück zu den Schnabeltieren schicken, und Italien-Ghana wird wieder ein dröges 1 zu 0-Spiel. Für Italien.

Da erwarte ich auch eher Minimalismus, die müssen ihre Kräfte für's Finale schonen. Diese politisch verwirrte Nation mit dem Nord-Süd-Gefälle und einer einfach unbeschreiblich schönen Vegetation!

Gerade direkt hinter der Grenze, inmitten des Tessins, am Lago Maggiore, wo monumentale Hotelbauten den Drei-Klassen-Wahlrechts-Prunk (keine Ahnung, ob's auch in Italien Drei-Klassen-Wahlrecht gab) heute eher morbide verströmen, da wuchert's, so, üppig bunt und unvergleichlich lebendig. Mittendrin im See diese 3 Inseln - die Fischer-Insel mit pittoresken Gassen, hübsch für Touristen renoviert. Und die mit dem Kloster drauf, und dann jene mit dem so absurden Barock-Garten - irgend ein Vertreter des liberalen Bürgertums, vielleicht war's auch ein Adliger, nahm sich zu jener Zeit ja nicht viel, hat Schergen tonnenweise Erde auf das Eiland schippern lassen, um einen protzigen Garten nach französischem Vorbild anlegen zu lassen.

Wenn man oben am Hang im Garten sitzt, ein paar Hundert Meter Höhe über Serpentinen erklommen, hinabschaut auf den spiegelglatten See, umgeben vom Dreiklang Hibiskus, Rosen und Oleander - dann löst man sich auf in der Ruhe, die der uralte Kontrast von Wasser und Berg ausstrahlt wie eines der Naturbilder aus dem I Ging, und weiß eher vorbewußt, daß dieses Panorama die Ewigkeit ist, man selbst hingegen ein kleiner, sterblicher Wurm, ein Häufchen Kohlenstoff angesichts der Millionen Jahren Wunderwerksgestaltung.


"Solange der utilitaristisch verkrüppelte Fortschritt der Oberfläche der Erde Gewalt antut, läßt die Wahrnehmung trotz aller Beweise des Gegenteils nicht vollendes sich ausreden, was diesseits des Trends liege. (...)

Der Schmerz im Angesicht des Schönen, nirgends leibhafter als in der Erfahrung von Natur, ist ebenso die Sehnsucht nach dem, was es verheißt, ohne daß es darin sich entschleierte, wie das Leiden an der Unzulänglichkeit der Erscheinung, die es versagt, indem sie ihm gleichen möchte. (...) In der angelobten Rezeptivität lebt das Ausatmen in der Natur nach, das reine sich Überlassen. Das Natürschöne teilt die Schwäche aller Verheißung mit deren Unauslöschlichkeit. Mögen immer die Worte von der Natur abprallen, ihre Sprache verraten an die, von welcher jene qualitativ sich scheidet - keine Kritik der Naturteleologie kann fortschaffen, daß südliche Länder wolkenlose Tage kennen, die sind, als ob sie darauf warten, wahrgenommen zu werden."

(Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie, Frankfurt/M. 1995, 13. Auflage, S. 102 + 114)

Auf Oleanderbäume starren, der See blitzt und ruht im Hintergrund und Sonne durchdringt ... na, stattdessen heute dann doch wieder das Naturschöne in Fußball spielenden Männerkörpern erblicken. Hat ja auch was.

11.06.06

Hoffnung auf die Desert Rose

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Unter politischen Gesichtspunkten mag man den heutigen Spieltag gar nicht betrachten. Iran, Serbien - da pfeifft's dann in Demokratenohren wie 'n ganz schwerer Hörsturz. Holland - da hat's die neue Rechte geschafft, daß sofort Assoziationen an jene, die auf "Multikulti" sich stürzen wie durchgeknallte Jack Russel-Terrier auf's Karnickel, im eigenen Hirn sich breit machen.

Dann spielt da noch eine ehemalige Kolonie gegen ihre Unterdrücker von einst, und wiederum bildet sich ein dumpfes Echo in der eigenen Schädeldecke, eines, das weh tut wie pochender Schmerz. Weil's ja schon wieder trendy ist, den Kolonialismus retrospektiv zu legitimieren, zu relativieren, zu verharmlosen. Weil ja der Wohlstand der westlichen Nationen sich dem Kolononialismus nur peripher verdanke, so wird behauptet, und außerdem hätte man denen ja die Eisenbahnen gebaut.

Der Topos vom "zu zivilisierenden Wilden" verhält sich spiegelbildlich zu jenem des "edlen", aber das war's nicht, was mich gestern abend am Spiel der Elfenbeinküste so begeistert hat. Das war einfach toller Fußball, gegen den die Cleverness der Argentinier ...

... einfach so eklig und klebrig sich anfühlte wie Bayern-Siege in der Bundesliga. Ein erstes, großes Highlight, dieses Spiel. Fußball, der wie gute Musik von der unterschwelligen, stets präsenten Spannung lebte, ein Spiel wie der Körper eines Ballettänzers.

Dieser laue Sommerkick der drögen Biten gegen die auch nicht gerade mitreißenden Kicker aus Paraguay - eigentlich ein Abschalter; so wird das nix mit der Glorie des Empire. Und beim Spiel der Schweden gegen T'n'T wußte man das Spiel der deutschen Mannschaft retrospektiv erst richtig zu schätzen ... hätte der Lahm nicht so früh sein traumhaft schönes Glückstor geschossen, wär's vielleicht genau so gelaufen. Bromelien-Taktik halt von den Soca-Warriors.

Wobei, vergleicht man das Spiel im zugestellten Strafraum des Gegners der Schweden und der Deutschen, dann sind es diese Pässe auf engstem Raum wie jener von Schweinsteiger vor dem 2:1, die den Unterschied ausmachten. Schade für Schweden, da bin ich selbst mit denen, wenn's gegen Underdogs geht.

So werde ich heute auch gar nicht wissen, ob ich nun mit Portugal oder Angola fiebern soll. Weil ich das Spiel der Portugiesen wirklich gerne mir anschaue. Ich liebe deren Melancholie, die im Fado, aber so gar nicht in deren Spiel sich zeigt. Einen besonders schönen Fado-Text habe ich heute beim Morgen-Kaffee im taz-Sonderheft gefunden:

"Welch seltsame Art Leben lebt mein armes Herz Lebt von verlorenem Leben Wer würde etwas drauf geben? Welch seltsame Art zu leben Mein vogelfreies Herz Herz das ich nicht beherrsche."

(taz-Sonderheft "Es ist Liebe", S. 55)

Ach, diese schwule Gefühlsseligkeit. Selbst in liberalen Blogs wettert der Kommentator gegen die "Engländer und ihren schwulen Beckham", die BILD schreibt analog dazu, das englischeTeam würde sich vor dessen Küssen fürchten. Männerbunde halt.

Auch Sätze wie der folgende:

"Genau. Wer braucht schon den Schönspieler Ballack…? Aber mal im Ernst: wenn die deutsche Elf Weltmeister werden will, dann brauchen “wir” leider dieses Frisör-Modell-auf-schön"

finden sich da, männlich-westliche Selbstbilder derer, die sich wahrscheinlich sonst über den hier auf keinen Fall zu leugnenden Machismo der "Araber" erheben, schimmern da durch - möchte gerne mal wissen, wie die Frisur vom Telegehirn aussieht. Habe aber keine Ahnung, was das sonst so schreibt. Paco Ignacio Taibo II, Biograph von Che Gue Vara und Autor im taz-Sonderheft für Mexiko, bemerkt dazu:

"Noch weitaus besser würde (der Fußball) mir gefallen, wenn er den Idioten nicht als Vorwand dafür dienen würde, immer idiotischer zu werden, den Nationalisten, um immer unerträglicher und den Barbaren, um immer barbarischer zu werden. Angesichts dieser Einwände mutet es wie ein Wunder für Atheisten an, dass ich Fußball mag, das einzige kollektive Fest, das man mit den Füßen spielt und manchmal mit dem Kopf."

(Es ist Liebe, a.a.O., S. 47)

Bei Serbien-Montenegro kann man ja gar nicht anders, als an die häßlichsten Fratzen eben jenes Nationalismus zu denken, obgleich ich über die aktuelle, politische Lage dort schlicht desinformiert bin.

Angesichts dieser Zitate aus den Kommentarspalten da oben gibt es zumindest gute Gründe, heute mit Holland zu fiebern - immerhin ist Amsterdam eine der schwulen Welthauptsstädte, hat meines Wissens zu allererst ein Denkmal für die von den Nazis ermordeten "Homosexuellen" errichtet.

Heute werden Schwule im Iran verfolgt, erhängt und massakriert; in der Tat ist dagegen der Wunsch von Bush, die Homo-Ehe gesetzlich zu verbieten, einigermaßen harmlos - schlimm ist's nichtsdestotrotz, sich dadurch neu profilieren zu wollen, daß man gegen Liebe wettert.

Daß jene Nazis, die sich nunmehr vorgenommen haben, der iranischen Mannschaft zuzujubeln, den US-Präsidenten in dieser Hinsicht ausnahmsweise mal ganz okay finden werden, ändert auch nix am inneren Widerstreit hinsichtlich dieser iranischen Mannschaft. Wohl kein Auftritt einer Nationalmannschaft ist bei dieser WM ist von einem derartigen Gedanken- und Gefühlswirrwarr begleitet, bei mir zumindest.

Denn wenn's stimmt, daß alleine die Freudenfeste und der Tanz auf offener Straße das Schweine-Regime dort zu erschüttern vermögen, daß keine Instrumentalisierung durch den Irren noch durchschlüge - dann hofft man fast, daß genau dieses passiere und ein klein wenig Freiheit dort aufblühen möge wie die Desert Rose da oben ...

PS: Ich habe es geschafft, trotz Holland nicht über Tulpen zu schreiben!

10.06.06

Kaffee statt Tee!

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Foto: David Austin Roses

So weit ist's schon: Des morgens singe ich meinen Hund an "Ohne Sonnenbrille geh ich nicht hinaus, ohne Sonnenbrille geh ich nicht hinaus ...". Ist schließlich Kaiserwetter.

Wahrscheinlich kommunziere ich dann innerhalb der nächsten Wochen nur noch in Formen des Fan-Gesangs. Begrüße im Büro mein Team mit einem tief empfundenen "You have to walk alone!", im Sinne der Eigenverantwortung und des auf individuellen Vertragsverhältnissen basierenden Miteinanders, meine ich, und beginne Meetings mit "Hört mir zu, wenn ihr bleiben wollt!". Weil Vertreter des Aufweichens des Kündigungsschutzes ja in dieser Form Anreize durch Angst schaffen wollen, weil: Daß man mit Ansgt vortrefflich regieren kann, hat die Geschichte schon oft genug gezeigt. Im konkreten Fall jene um Verlust des Arbeitsplatzes, die motivieren soll.

Das einzige Arbeitsrechtsseminar, daß ich mal durchleiden durfte, erläuterte mir Middle-Management-Vertreter dann auch primär, wie man richtig kündigt. "Zieht dem Pöbel das Selbstbewußtsein aus", na, nicht ganz auf den Punkt, okay. Aber vielleicht klappt's besser, wenn wir Arbeitsplatzbesitzer dann "Service-Agenturen" entern und all den Geknechteten, die dort freiwillig Eigenverantwortung negieren und nur auf "unsere" Kosten leben, ein Becksches "Anstand's coming home!" entgegenschmettern und dabei Fahnen mit dem Emblem der Deutschen Bank schwenken, Euro-Zeichen auf die Wangen gemalt?

Ja, Fußball wird unser aller Leben verändern, und wie Angstfreiheit zu Niederlagen führt, das hat man ja gestern bei den Polen gesehen: Die waren eine Halbzeit vollkommen überzeugt davon, daß sie das überlegene Team sind. So, daß sie zunächst gar nicht merkten, daß das gar nicht stimmt, sondern allenfalls, daß da was nicht stimmt. Etwas sinnentleert verteilten sie sich auf dem Platz und weigerten sich inständig, die Realität anzuerkennen und einfach mal gegenzuhalten. Na, und dann war's auch schon zu spät. Fast schwant mir, daß Ecuador zu einer Mannschaft werden könnte, wie's Griechenland bei der EM war ... aber nur fast, das Spiel Ecuadors gefiel mir deutlich besser als das von König Ottos ....

... Leibgarde da in Portugal. Wo die Stadien übrigens ungleich telegener waren als die "FIFA-WM-Arenen" hierzulande, gerade dieser überdimensionierte, getarnte Autoreifen da in München, ich weiß ja nicht. In Portugal gab's doch dieses nette Rund mit der Felswand, das fand ich schick.

Aber, um bei Thema zu bleiben: Als "Horst wer?" dann an Mikrophon ging, bei der Eröffnungsverantsaltung, da wollte ich nicht mehr weiter gucken. Fühlte mich erst diskrimiert, als diese bayrische Folklore Disneyland imitierte und alle noch so blöden Klischees über dieses ja eigentlich angenehm vielfältige Land vor poetnziell 1,5 Milliarden Zuschauern bestätigte.

Und als Antwort auf die "Tradition" dann die Moderne in "Multikulti"-Form von Seeed auf die Bühne zu schicken, die ich sehr mag, das war mir dann doch zu sehr die Explikation von "Laptop und Lederhose", dieser unangenehmen FDP-CSU-Gemengelage, die ja sowas ist wie die Kreuzung von Hopfen mit Gen-Mais. Was bestimmt scheußlich schmecken würde, wenn da Alk draus braute. Platt, diese Party da.

Dazu paßte der Köhler zwar, aber nee, dann doch doch lieber in den Park gehen und Staudenbeeten bei der freien Entfaltung der Natürlichkeit zuschauen. Diese tiefe violett-blau der Storchschnäbel ist so prachtvoll, den Anblick muß man einatmen und in sich festhalten wie das Gefühl des Frischverliebtseins. Nur die Iris bzw. Schwertlilien, die sind mir etwas zu affektiert.

Immerhin treibt einen dieses Blog dazu, bei der Recherche festzustellen, daß der Regenwald an der Elfenbeinküste schon so derart minmiert ist, daß sie demnächst Holz importieren müssen. Von der politschen Lage mal ganz zu schweigen ... so wird's da bald aussehen wie in der argentinischen Pampa: Importierter Eukalyptus, immigrierte Platanen stehen künftig da rum zwischen heimischen Akazien.

Keine Ahnung, ob diese Entwicklung auch T'nT droht - so, wie die am Millerntor gespielt haben, werden sie heute eingehen gegen die Wallander-Kicker wie wohlvertraute Kübelpflanzen - Engelstrompete, Wandelröschen - auf griechischen Insel-Terassen, wenn man die dort nicht wässern würde. Und auch die waren ja einst bewaldet, die griechischen Inseln, na, und wenn Paraguay nicht aufpaßt, dann wird auch dort der heimische Wald der Soja-Produktion geopfert.

Horst Köhler wüßte bestimmt Worte, das gutzuheißen, keine Ahnung, wo er bei solchen Fragen sich positioniert, in Sachen "Dritte Welt" ist der ja wirklich fit. Wahrscheinlich sind das Wege aus der Armut. Oder Öko-Mythen, weil ja nix stimmt, was diese Gutmenschen den ganzen Tag behaupten.

Also stelle ich mir lieber vor, wie an diesem Tag der Traum-Männer - Beckham! Drogba! Santa Cruz! Lundbjerg! - diese sich in schwedischer Heide drapieren und dabei der Schatten englischer Rosen auf sie fällt. In Sachen Gartenpflanzen ist Britannien ja einfach nicht zu toppen. Diese Rabatten mit Rittersporn und Salbei und diese unglaublich schönen Gewächse dazwischen, die David Austin gezüchtet hat - Wunderwerke, Traum-Bilder, Höchstkultur. Englische Rosen! Botanische Wunderwerke - da spielt der Austin schon in einer Liga mit Cèzanne und Picasso.

Der Mann hat ja einen ganzen Wirtschaftszweig mit neuen Blüten versehen und zeigt auch, wie man's richtig macht, das mit der Tradition und der Moderne und wie man beides kombiniert. Nix Hopfen und Gen-Mais, nee, Alte und Moderne Rosen kreuzen - um den Wuschel-Charme, die Wucht und die Eleganz der Sorten von einst der Reihenhaus-Teehybriden-Edelrosen-Steife entgegenzusetzen. Und die Schönheit des von Kaiserin Josefine Gesammelten mit der Fähigkeit, mehrfach zu blühen, zu kombinieren. Nun sehen sogar Floribundas so aus und nennen sich selbstbewußt "Nostalgie Rosen". Alles besser als Baccara-Glitter ...

Oben auf dem Foto zeigt sich "Strawberry Hill" in kitschiger Wundersamkeit, da geht einem sofort "Strawberry Fields Forever" durch den Kopf. Ich werd nie verstehen, warum ich trotz tiefer Liebe zur englischen Pop- und Gartenkultur, trotz vollster Zustimmung zum "To Dye for David Beckham!"-Slogan einst auf der Attitude, jener Ausgabe, in der er sich mit seinen schwulen Fans solidarisierte, trotzdem deren Nationalmannschaft einfach nicht ausstehen kann. Und das, wo sogar das "Zieht den Bayern die Lederhose aus!" auf "Yellow Submarine" basiert.

Nehme ich denen den "Manchester-Kapitalismus" übel? Keine Ahnung. Liebe auch die englische Krimi-Schule, und Wittgenstein wurde auch erst auf der Insel groß - aber ich mag keinen Tee. Das ist's wahrscheinlich. Deshalb fieber ich heute vor allem mit der Elfenbeinküste und Paraguay. Weil in beiden Ländern bestimmt Kaffee angebaut wird ... na, und mit Schweden muß ich auch zwanghaft fiebern. Schon wegen Larsson. Und wegen Abba. Weil, auch wenn's eurozentrisch ist: ABBA sind mir doch lieber als der Soca-Sound.

09.06.06

So oder so ist das Leben

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"Die Fülle der Pflanzenarten Costa Ricas ist dermaßen groß, dass man sich die Zahl der bisher nachgewiesenen Arten nur schwer vorstellen kann. Bislang sind in dem vergleichsweise kleinen Land rund 12.000 Pflanzenarten aufgespürt worden, das entspricht nahezu vier Prozent der in aller Welt vorkommenden Pflanzenspezies. Auf dem gesamten nordamerikanischen Kontinent kommen knapp 300 Hartholzarten vor, in Costa Rica sind es in etwa zehn Mal so viele. Und nicht nur im Bereich der Harthölzer hat das Land viel zu bieten: etwa 800 Farnarten, mehr als 1.400 Orchideenarten und an die 150 Helikonienarten sind nur einige der Superlative, mit denen die Pflanzenwelt des Tropenlandes auftrumpft." (Foto und Text: Fotoreiseberichte)


Na sowas! Habe ja gestern schon festgestellt, daß eine mögliche Zugangsweise zum Fußball der Eintritt in die bunte Welt der Flora ist - und in Costa Rica ist in dieser Hinsicht schwer was los! Wat bei Omma auf der Fensterbank steht, kommt vielleicht aus dem Lande des heutigen Auftaktspielgegners - schön musses da sein! Ob das Hartholzvorkommen was über die Abwehrleistung aussagt? Die Vielfalt der Orchideen etwas über die Ästhetik des Spiels? Und was für eine ...

... Taktik würde das wohl sein, wenn sie spielten, wie Bromelien sich ernähren?


"Bromelien bilden stammlose Blattrosetten, bei denen die Blätter sehr dicht beieinander stehen. Dadurch entstehen Blatttrichter unterschiedlicher Größe, in deren Innern sich Regenwasser sammelt.Aus Blattresten oder gestorbenen Insekten, die in diese Tümpel fallen und im Wasser von Bakterien zersetzt werden, beziehen die Pflanzen die Nährstoffe, die sie für ihr Wachstum benötigen."

Das ist gar nicht ungefährlich für Klinsis Team. Alle träumen schon davon, daß man die Jungs aus Mittelamerika mal eben so überennen könne - Blitzkrieg-Fantasien scheinen ja tief in der deutschen Seele eingewurzelt zu vegetieren, um im Falle des Fußballs dann explosionsartig aufzublühen. Plopp!

Wenn man das mit den Bromlien aber liest, so könnte es sein, daß sich die Mannschaft einfach so festrennt, dabei Energien und Konzentration vergeudet, und kurz vor Schluß schießt Costa Rica das entscheidende Tor ...

Nein, nicht unken! Will auch gar nicht kommentieren, daß beim Spaziergang mit dem Hund - u.a. an dem unsäglichen "Fanfest"-Terrain vorbei, da war noch nix los, dafür hat ein Miet-Wohnmobil mit brasilianischer Flagge auf dem Bürgersteig der Glacis-Chaussee beinahe mein Tier überrollte - mir Hildes "So oder so ist das Leben" durch den Kopf schoß, ungewollt sich aufdrängte und nicht mehr verstummte:

So oder so ist das Leben. So oder so ist es gut. So wie das Meer ist das Leben. Ewige Ebbe und Flut.

Also das normale Leben des Fußballfans, je nach Sieg oder Niederlage. Aber dann diese Zeilen:


Und mußt Du leiden - dann beklag Dich nicht!
Du änderst nicht daran!

Aaaargh! Doch selbst diese mich heute überfallende, unbändige Lust, den Soundtrack Miles Davis' zu "Fahrstuhl zum Schafott" zu hören kann meinen Optimismus nicht trüben!

Habe schließlich 3 zu 1 für Deutschland getippt, und bei der EM habe ich den Topf dann auch gewonnen. Ein frühes, selten doofes Gegentor, aber dann Aufdrehen und ab der 70. Minute den Abwehrriegel knacken. Viele vergebene Chancen im Minutentakt, aber eben auch 3 Tore. Allen Bromelien-Taktiken zum Trotz ... und ganz unabhängig davon, ob Ballack nun spielt oder nicht!

08.06.06

Ein Lob der Geranie

Pink Geranie.jpg

Foto: Dreamersplace

Morgen ist's so weit: Die WM beginnt, und der Stadt wachsen Zäune. Da steht "rendez-vous de l'amitié" drauf, und kurz fragt man sich, ob's jetzt städtische Cruising Areas gibt. Vereinzelt hängen Fahnen an den Häusern, portugiesisch, italienisch und auch mal deutsch.

Ein wenig Action für Kids wolllen auch Restaurants für notorische Draußensitzer bereithalten. Sie stellen kleine Torwände auf. Gestern vor dem Currywurst-Laden Ecke Schulterblatt: Ein Massenauflauf - Werber tauschten rudelbildend Panini-Bildchen. Das meinten Horkheimer/Adorno, als sie schrieben "Kulturindustrie schlägt alles mit Ähnlichkeit". Da braucht man nur die Schaufenster der Stadt betrachten:Deko-Elemente, offensichtlich alle beim gleichen Großhändler eingekauft, ob Blumenladen oder Media-Markt. Mit Sylvester-Flair versehen - die offizielle, deutsche Party-Fantasie läßt sich wohl nur auf Luftschlangen notieren ...

Herrlich auch die "Fanparties" - gestern ...

... die im ZDF wollte ich nicht schauen. Dafür liefert SpOn heute die Zitate frei Haus: "Es tut uns gut, daß in Berlin so eine richtige Fan-Party steigt". Wie tut denn sowas gut?

Musikalische Kalauer hatten die Veranstalter auch parat - Ronan Keating, Nelly Furtado und die Simple Minds. Waren's die Absoluten Beginner, die rappten, daß sie jemanden mit den Simple Minds quälen wollen, bis er weint? In Berlin tut sich die Masse das freiwillig an und zeigt, daß man auch unspezifisch leben kann.


"Zwischen den einzelnen Showacts wurde mit den Fans das Lied "Euch erwartet ganz Berlin - der Song für das deutsche Team" einstudiert, mit dem die DFB-Elf ins Finale gesungen werden soll".

Die Welt als Fischer-Chor, und noch mal Adorno: Ihn frei paraphrasierend erstickt die organiserte Lustigkeit jegliche Spontanität, das "Kollektiv der Lacher parodiert die Menschheit" und Fun wird einmal mehr zum Stahlbad. Und, nix gegen Pelé, aber diese Rituale des Alte-Männner-Bejubelns sind auch nur eingeübt: Prototypisch halt Heinz Rühmann bei "Wetten daß!?", und alle stehen auf und klatschen (scheußliches Wort, übrigens), und das machen sie dann bei Rudi Völler und allen anderen auch. Dressur pur.

So hockt man des morgens in der Küche und hört sich schein-ironisierte Meldungen über die Wade von Michael Ballack im Radio an. Dabei ist in Sachen Wade eigentlich der Schweini ganz weit vor. Glotzt den Flur entlang - und da nickt sie fröhlich mit dem Kopf hinter der Terassentür, meine neu erworbene Pink Geranie. Diese Pflanzenwesen stehen ja völlig zu Unrecht unter Spießigkeitsverdacht.

Wenn die ihre Blüten keck in die Luft recken und verschwenderisch leuchten, kann jede Fuchsie und jedes noch so fleißige Lieschen daneben schlicht einpacken. Mögen sie auch noch so sehr Zuchtprodukte sein: So eine Geraniennicken verweist auf das, was Adorno wohl gemeint haben könnte mit Mimesis. Wo habe ich neulich noch diesen Brief gelesen, den er an den Zoodirektor Frankfurts schrieb, wo denn die Zwergflußpferde geblieben seien, über die er sich als Kind immer so gefreut habe?

Wahrscheinlich hatte auch er Geranien am Balkon - das kann sich bildlich vorstellen, wie er mit einer kleinen, grünen Plastik-Gießkanne da morgens stand und sie näßte, vor sich hinmurmelnd:


"Sieht man heute allerorten, in Deutschland, in Prag, in der konservativen Schweiz, im katholischen Rom Jungen und Mädchen eng umschlungen über die Straße gehen und ungeniert sich küssen, so haben sie das, und wahrscheinlich mehr, aus den Filmen gelernt."

Da schießen dann sogleich noch mehr Geranien-Bilder aus aller Welt durch's eigene Innenleben: Wie sie die Kulisse bilden für das Gegengift zu all den Lügen, das die kulturindustriell gefertigte Spaßigkeit selbst enthält, um diesen sich zu entziehen. Stellt sich miteinander knutschende Araberjungs direkt unterhalb jener roten Geranien-Exemplare vor, die très charmant als Solitäre an Fenstern sandfarbener Häuser mit dunkelgrünen Fensterläden und halbhohen, schmiedeeisernen Gittern vor bodentiefen Fenstern unweit des Gard du Nord verspielte Farbigkeit in den rundum gefühlten Straßenstaub tupfen. Die den Jungs dann freundlich zuzwinkern.

Oder jene, die in amerikanischen Filmen aus den Fünfzigern , die in Italien - zumeist unweit von Neapel - spielen, wo dann auf Hang-Terassen große Kübel stehen, aus denen sich die leicht zerzausten Blütenbälle erheben, vom Weihrauch rankend begleitet. Die so aussehen, daß die Callas und der Lanza zugleich sie gar so nicht mehr kraftvoll stimmlich sie umschmiegen wollten. Man denkt an südafrikanische Savannen - heißen die da so? -, da kommen die her, die Geranien, die eigentlich Pelargonien heißen, damit man sie nicht mit einheimischen Storchschnabel, dem Geranium, verwechselt. "Wenn der Ochsenwagen über's Land treckt, reite ich im Trabe hinterher, wenn der Knall der Schwipp mich aus den Träumen weckt, schau ich über's weite Gräsermeer", ja, so melancholische Burenlieder habe ich noch in der Grundschule gelernt, ohne daß man uns erzählte, was die da sonst so trieben, die Buren ...

Geranien, die wären ein schöner Ausgangspunkt für eine Kulturgeschichte. Gerade zu Zeiten der "WM im eigenen Land". Unrund, zweckfrei,.Gegentreten macht sie nur kaputt - und wahrscheinlich überall weltweit bereiten sie die kleinen Freuden des morgens Aufstehens und von ihnen begrüßt zu werden in all den Kübeln, Balkonkästen und Beeten.

Statt inmitten der Zäune auf dem Heiligengeistfeld zwangsverordnete Fröhlichkeit zu erleben, starre ich zwischen den Spielen dann doch lieber auf die Pink Geranie da auf meinem Balkon. Oder streife durch Straßen, vielleicht treffen sich Menschen aus allen Ländern ja auch jenseits des zwangsverordneten Vergnügens außerhalb der Zäune und haben einfach nur Spaß miteinander. Freue mich dann über die Pflanzen auf den Balkonen und noch mehr darüber, daß daneben nicht schwarz-rot-goldene Flaggen hängen, sondern auch jene von Angola, T'nT, ja, und auch die des Iran.

Weil mir gestern ein Kumpel, der sich selbst als "halben Perser" bezeichnet, erzählt hat, daß die kritischte Phase für des Regime dort die letzte WM gewesen sei, an der der Iran teilgenommen hat. Ausgerechnet nach einem 2 zu 1 gegen die USA stürmten die Menschen auf die Straßen und feierten entfesselt, die Frauen rissen sich die Kopftücher von den Haaren, und alle TANZTEN auf offener Straße, obgleich das dort doch sonst verboten ist, das Tanzen. Und Tanzen ist ja nur die aktive Form des auf Geranien Schauens ... weil Jazz-Hörer eben nicht nur marschieren wollten. Da hatte Adorno unrecht.

07.06.06

Von nix kommt nix: Selbstbestimmung, Teil 1

Man, Man, Man. Die liberale Diskurspolizei betet ihre Dogmen einem Kanon gleich nach und schreitet prompt ein, wenn's gilt, Denken zu unterbinden. Aktuelles Beispiel: Die Kommentare zu einem Eintrag von Dr. Dean. Dieser hat das folgende Zitat von Hannah Arendt zur Diskussion gestellt:


"Ursprünglich erfahre ich Freiheit im Verkehr mit anderen und nicht im Verkehr mit mir selbst. Frei SEIN können Menschen nur in Bezug aufeinander, also nur im Bereich des Politischen und des Handelns; nur dort erfahren sie, was Freiheit positiv ist und dass sie mehr ist als ein Nichtgezwungen-werden."

Weitere Elemente zählt er auf, die zu einem Begriff der "positiven Freiheit" führen könnten, die jenem der von Isiah Berlin verkündeten der "Negativen Freiheit" entgegenstünde. Und, wer hätte das gedacht, Entgegnungen wie die folgenden folgen prompt:

Karsten:

"Ich halte den Versuch, den Begriff Freiheit auf Felder auszudehnen, die außerhalb der Abwesenheit von Zwang liegen für falsch."

Mathias B:


"Leider muss man wieder feststellen, daß "die Freiheit" wieder mal als "negative Freiheit" bezeichnet und Abhängigkeitsverhältnisse in den Freiheitsbegriff miteinbezogen werden.

Materieller Wohlstand und Freiheit vor Not sind in dem Sinne überhaupt keine Freiheitsquellen sondern Ansprüche auf Leistungen von anderen und stellen höchstens ein Abhängigkeitsverhältnis dar. Als Beispiel könnte man den wohlversorgten Haussklaven eines Großgrundbesitzers erwähnen, der zwar über materiellen Wohlstand verfügt, der aber keineswegs über (negative) Freiheit verfügt."

Und, etwas besser:

"Individiuelle Selbstbestimmung unabhängig vom willkürlichen Zwang anderer Menschen oder Menschengruppen."

Rayson:

"Es wäre in meinen Augen eine Begriffsverwirrung und -inflationierung, die Lösung des Problems der Ressourcenknappheit unter Freiheitsaspekten zu diskutieren. Da bin ich ganz bei Benny und Matthias.

Aber auch bei Karsten. Denn wenn wir einmal geklärt haben, was Freiheit ist, was sie ausmacht und was sie bedroht, dann können wir auch über Einschränkungen von Freiheit nachdenken. Nur bitte nicht zuviel."

Na, dann fragt sich ja doch, wer hier eigentlich verwirrrt - und inflationiert, was ja immer auch Entwertung durch zu häufige Wiederholung eines Produktionsvorganges bedeutet. Weiter hilft im flotten Reigen des mythischen Wiederholungszwangs ein Kommentar ...

... von Thaleia, die darauf hinweist, daß das Konzept von Hannah Arendt sich vor Hintergrund der Auseinandersetzung mit der antiken Polis entfalte. Und das ist ja wahr: Man kann ja nicht einfach bei Locke anfangen, zu diskutieren.

Insofern ist's auch schlicht falsch, was Karsten hier schreibt, daß nämlich das Konzept negativer Freiheit das ältere sei. Samt und sonders alle Vertreter eines Konzepts der positiven Freiheit gründen ihre Argumentation in der Auseinandersetzung mit Aristoteteles oder Kant, so auch Hannah Arendt, und das hat einen Grund: Sie argumentieren je unterschiedlich aus der Perspektive eines Konzeptes der praktischen Vernunft.

Die Hayek-etc.-Apologten folgen hingegen faktisch einem Irrationalismus, der bezeichnenderweise einem negativen Heideggerianismus nach der Kehre ähnelt: Ein spontan sich vollziehendes Sein (spontane Ordnung) sei supi, nur habe man auch von dieser sich als Dasein, Subjekt, Mensch, Individuum nun gerade nicht bestimmen zu lassen. Was man stattdessen tut, das können sie noch nicht mal denken ... dann doch lieber zum Heidegger aus "Sein und Zeit" zurück-kehren, die Formel vom Dasein als jenem Seienden, dem es in seinem Sein um dieses Sein selbst geht wieder aufgreifen und dann die Frage stellen, wie man das eigentlich tut.

Und dazu muß man dann zunächst 3 Fragen auseinanderhalten, die in all den Zitaten - außer jenem von Thaleia - schlicht durcheinander gehen:

1.) Wie werde ich selbstbestimmt?
2.) Was ist politische Freiheit
3.) Was heißt es, frei zu handeln?

zu 1.) Das, was Mathias B. da schreibt:

"Individuelle Selbstbestimmung unabhängig vom willkürlichen Zwang anderer Menschen oder Menschengruppen."

wende man mal auf die Kindererziehung an. Das ist das Konzept der antiautoritären Kinderläden, nicht erst seit der Rütli-Schule ein viel diskutiertes Thema. "Schreiben lernen? Nö, das ist willkürlicher Zwang!" - das würde ja noch nicht einmal Mathias B. in's FDP-Programm zur Optimierung des Schulwesens schreiben.

Ein genetischer Interpersonalismus, der wohl selbst bei diesen transzendental-empirischen Doubelttenstrukturen wie Chomskys generativer Grammatik, bei der mir Sprache durch soziale Stimuli "wächst" wie ein Organ, noch gilt, ist wohl unabweisbar. Die Behauptung also, daß ich erst in interperonalen Prozessen so etwas wie "ich selbst" werde. Ich kann mich nicht aus mir selbst heraus erzeugen, und genau das besagt das Hannah Arendts Zitat zunächst, immerhin steht da "ursprünglich". Welche Implikationen das dann für ein Erwachsenenleben hat, das wäre die Anschlußfrage. Dazu mehr unter 3.)

zu 2.) Die Diskussion rund um "Negative Freiheit" bezieht sich ja eigentlich auf dieses Feld - jenes der politisches Freiheit. Was ja etwas anderes ist, als die Frage, mit welchen Mittel auch immer ich Freiheit als solche zu expliziere. Und es ist schlicht unsinnig, einen reinen Begriff "negativer Freiheit" zur formulieren - weil von nix nix kommt. Selbst das Erdloch, in das man sich verkriechen könnte, setzt die Erde vorraus. Auch die Privtateigentumstheoretiker begreifen dieses als Vorraussetzung negativer Freiheit, was bereits ein Begriff positiver Freiheit ist. Es gibt einfach kein vorraussetzungsfreies Handeln, und da, wo Möglichkeitsbedingungen in's Spiel kommen, auch politische Möglichkeitsbedingungen, ist es schon kein Konzept negativer Freiheit mehr.

Das ist alles kein Argument gegen die Kritik staatlichen Zwangs. Das präzisiert jedoch die Diskussion: Welche Vorraussetzungen wollen wir vom Staat, welche von der Freundin oder dem Chef oder der Börse oder wasweißich gewhrt bekommen. All das ist jedoch immer die Vorstellung der Formlierung eines Rahmens, in dem sich ein Möglichkeitsspektrum erschließt, und eine Einschränkung dieses Spektrums durch den Staat kann man dann ggf. kritisieren. Oder aber fordern, das politsche System sei dazu da, ein Minimum von Möglichkeiten allen gleichermaßen zuzugestehen. Z.B. den Schutz des Privateigentums.

Hannah Ahrendts Philosophie ist nun ein Versuch, einen solchen Rahmen handlungstheoretisch in Auseinandersetzung mit der Polis zu definieren. Raysons Diktum der Ressourcenknappheit ist eine ander Möglichkeit, Handlungsvoraussetzungen zu definieren. Und da gibt's noch andere. Man ist bei einer solchen Problembeschreibung nur ganz woanders angekommen als bei einer Diskussion "positive" versus "negative Freiheit" oder "Staat als Zwang" versus "Freiheit": Wer so am Staate klebt, daß er sich nur frei fühlen kann, wenn dieser ihn gerade mal zu nix zwingt - sorry, aber der ist 'ne arme Sau.

3.) Weil er nicht vernünftig sein will und deshalb auch gar nicht frei sein kann. Das ist ja die eigentliche Pointe der Aristoteliker: Sie gehen davon aus,

a.) daß eine gemeinsame Vorstellung des Guten, das handelnd man mit Anderen anstrebt, den "sozialen Kitt" bereitstellt, eine Gemeinschaft also ausmacht. Das kann man mit guten Gründen kritisieren, bemerkenswert ist, daß die Hayekaner und Popperianer in dieser Hinsicht eben auch Aristoteliker sind, die sagen, unsere Vorstellung des Guten ist die Abwesenheit von Knechtschaft und ein freies Spiel der ökonomischen Kräfte, denn nur ein solcher Rahmen ermöglicht individuelle Freiheit. Das ist sozusagen eine Bestimmung der positiven Freiheit - Handlungsmöglichkeiten - durch die Abwesenheit von etwas, damit alles gut werde. Diese Handlungsmöglichkeit selbst lassen sie jedoch unbestimmt, und da hat Mathias B. sich aus Versehen gleich zwei mal verraten:

"Individuelle Selbstbestimmung unabhängig von willkürlichem Zwang."

Da hat sich das Wörtchen "Willkür" eingeschlichen. Noch nicht einmal die härtesten Verfechter z.B. des Sozialstaates wollen irgendwen willkürlich zu irgendetwas zwingen. Die behaupten dafür gute Gründe. Und denen kann man dann sinnvoll widersprechen.

Willkür ist das Kennzeichen von Terrorregimen - in einer Demokratie wird idealerweise über den richtigen Weg gestritten. Wenn Macht um ihrer selbst willen dann an die Stelle von Gründen tritt, was auch in Demokratien vorkommt, häufig sogar, dann betritt zwar nicht gleich Willkür die Bühne, aber die Art von Gründen ist eine andere.

Man kann nun mit Hayek sagen, daß Demokratie eben nicht der optimale, politische Rahmen sei, der maximale Handlungsmöglichkeiten erschlösse. Dann wären es aber immer noch andere Diskussions- und Einigungsprozesse, von mir aus in wechselnden "Gemeinschaften" von Fall zu Fall, je nach Problem, die kooperatives Handeln ermöglichen. Man baue eine Gartenlaube: Dann ermöglicht mir der, der das Rankgitter zu bauen in der Lage ist, das Pflanzen der Clematis. Das geht's dann eben gar nicht um die Freiheit von äußerem Zwang, sondern darum, wie man zusammen etwas mit guten Gründen zustande bringt. Ein reiner Begriff negativer Freiheit kann Handlungsmöglichkeiten in Interaktion mit anderen in dieser Form gar nicht denken. Deshalb vertritt ihn ja in Wirklichkeit auch niemand außer jenen, die in Diskussionen sich als die tollsten Liberalen ausweisen wollen.

b.) Und, was ist das alles? Praktische Vernunft - begründestes Handeln. Gründe sind selbst Handlungsvorraussetzung, und genau hier setzen ja alle Verfechter von Konzepten positiver Freiheit von Aristoteles über Kant über Hannah Arendt bis Habermas und Sen an.

Sen's Konzeption ist eine, die zeigen will, daß bestimmte politisch-gesellschaftliche Vorraussetzungen gegeben sein müssen, damit man überhaupt die Fähigkeit erwirbt, am Spiel des Begründens teilzunehmen. Kant formuliert den Kategorischen Imperativ als Begründungsmodus von Handlungen. Habermas rekontruiert die Regeln, denen die Prozesse Begründens selbst folgen. Hannah Arendt hat in ihrem >Spätwerk versucht aufzuzeigen, wie man aus der Kantisches Urteilskraft Begrümndungsmodi gewinnen kann, die sich dem Dogmatismus und dem Doktrinären entziehen und sich stattdessen auf die Welt, die Sache und die Menschen wirklich einlassen.

Was ist es denn, was mich bestimmt, wenn ich selbstbestimmt handel? Eine von Fall zu Fall andere Art von Gründen, nicht "das Selbst".

Womit man dann bei Raysons Forderung angekommen wäre, nämlich zunächst einmal zu bestimmen, was denn Freiheit sei. Diese ist die Fähigkeit, begründet zu handeln. Alles andere wäre ein schlichtes Geschehen, kein Handeln.

Wenn jedoch Gründe es sind, die uns motivieren, dies oder das zu tun, ja, die Handlungen verursachen, dann ist da immer schon eine Handlungsvorraussetzung und Freiheit immer schon postiv. Was man mit diesem Vermögen dann anfängt, das ist dann die politische Anschlußfrage.

Das ist eigentlich trivial, aber diese ganze Diskussion von liberaler Seite dient ja auch ausschließlich dazu, aus Gründen der Diskurshoheit dem gegenüber immer das böse Wort "Zwang" rüberschieben zu wollen. Kurzgefaßt:

"Praktische Freiheit - hier einmal gleich gesetzt mit dem Freiwilligen bei Aristoteles - ist (Kant und Aristoteles) zufolge nicht bereits dort realisiert, wo äußerer Zwang entfällt, sondern erst dann, wenn die Vernunft selbst das Handeln bestimmt."

(Schnädelbach, Herbert, Vermutungen über die Willensfreiheit, in: ders., vernunft und Geschichte, Frankfurt/M. 1987, S. 106)

Und:


"Gründe als propositionale Gehalte vernünftiger Argumente lassen sich nur vom Gebrauch her verstehen, der in Sprachspielen, die zugelcih Lebensformen sind, nach regeln von ihnen gemacht wird. Rationalität muß somit auh als Kompetenz der regelgerechten Teilnhame an solchen Lebensformen interpretiert werden, und die ist ohne kausale Wirksamkeit gar nicht denkbar: wer in diesen Sprachspielen nicht bewirken kann, der kann auch nicht mitspielen."

(Schnädelbach, Herbert, a.a.O. S. 114)

So die Anwendung der Wittensteinschen Sprachspieltheorie, und wenn man all das erst mal begriffen hat, kann man auch diskutieren, welche Implikationen dieses für politisches Handeln hat.

Wie man auf einem solchen Wege einen umfassenden Begriff von Selbstbestimmung als einem praktischen Sich-zu.Sich-und-zu-Anderen-Verhaltens gewinnen kann, das hat eindrucksvoll Ernst Tugendhat in "Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung" geziegt. Mit sprachanalyitischen Mitteln der Heideggerschen Formel, daß das Dasein jenes Seiende sei, dem es in seinem Sein um dieses Sein selbst geht, neues Gewicht zu verleihen - daß das geht, das sei dann demnächst gezeigt ...

05.06.06

Für ein altes, neues Verständnis des Christentums

Bin ja vehement gegen die Verquickung von Religion und Politik. Was dabei rauskommt, kann man ja in einigen Blogs lesen, die behaupten, sie seien christlich: Forderungen nach Ausgrenzung, der Wunsch nach Erniedrigung Anderer und kulturalistisches Schlachtgeheule, das blanke Verhöhnen und Dämoniseren ganzer Bevölkerungsgruppen.

Daß sich das so gar nicht mit meinem Verständnis des Christentums deckt, irritiert mich gelegentlich. Damals, als ich selbst 2, 3 Jahre mich in einer evangelischen Gemeinde engagierte, sahen wir eher Ähnlichkeiten zwischen einem wohlverstandenen, also sich über Solidarität definierenden, egalitären Kommunismus und dem Urchristentum, als daß sich dessen aktuell partiell proklamiertes Antlitz uns erschlossen hätte - das einer aggressive Doktrin, die unter einer Religion der Liebe Haßtiraden gegen Schwule und Muslime versteht und sich ansonsten als Legitimationsideologie für die Stigmatisierung von ökonomische Schwächeren definiert. Indem sie "Familienwerte" statt "Sozialsystem" fordert und so als kulturelle Kompensation für Ausbeutung und soziale Exklusion der Nicht-Nivelleirten fungiert. Was weiß Gott nix gegen Familienwerte ist, aber gegen den Rest schon.

So freut es den Halbwissenden dann doch, daß laut SpOn in den USA sich nun eine Gegenbewegung zum Verständnis des Christentums formiert, wie George W. Bush es proklamiert.

"An der Spitze der bunten Bewegung, in der sich schwarze Kirchen, moderate Protestanten, liberale Katholiken und religiöse Friedensaktivisten tummeln, stehen Reverend Jim Wallis und Rabbi Michael Lerner. Wallis, ein prominenter linker Evangelikaler, berät Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton in spirituellen Angelegenheiten. Sein Buch "Gottes Politik: Warum die Rechte sie falsch versteht und die Linke sie nicht versteht" wurde zum Bestseller. Lerner schmiedet schon seit 2004 Allianzen zwischen progressiven Geistlichen aller Glaubensrichtungen, auch sein Buch "Die linke Hand Gottes" findet derzeit reißenden Absatz. "Die Rechte ist nicht mehr die einzige Stimme", sagt Jim Wallis. "Diese Ära ist vorbei." Das Erscheinen der religiösen Linken auf der politischen Bildfläche ist in Wirklichkeit eine Wiederauferstehung. Der Glaube spielte in der amerikanischen Geschichte bei progressiven Anliegen oft eine entscheidende Rolle, etwa bei der Abschaffung der Sklaverei oder in der Bürgerrechtsbewegung mit dem betont religiösen Martin Luther King an der Spitze."

Das erinnert man sich an einst, da die katholische Soziallehre noch Politiker wie Norbert Blüm nachhhaltig beeinflußte. Das geht ja sogar Benedikt so - entgegen der kompensatorischen Leistung von US-Protestanten fordert er derzeit auch im Namen verschiedener Formen der Liebe Solidarität ein. Nur schade, daß er Schwule dabei ausschließen will. Insofern schön auch das folgende:

"Für Aufsehen sorgt zudem die Allianz zwischen den Demokraten und einigen Kirchen im Bundesstaat Wisconsin an der kanadischen Grenze. Am 7. November, dem Tag der Kongresswahlen, stimmen die Einwohner Wisconsins über einen Verfassungszusatz gegen homosexuelle Ehen ab. Die von den Republikanern propagierte Regelung verböte auch eingetragene Lebenspartnerschaften - und das geht selbst vielen Christen zu weit. Für ein "Nein" zur Verfassungsänderung wirbt auch eine lange Reihe kirchlicher Organisationen, darunter die moderateren protestantischen Kirchen. Schon 1982 war Wisconsin der erste amerikanische Bundesstaat, der Homosexuelle gesetzlich vor Diskriminierung schützte - nicht zuletzt, weil die Kirchen Wisconsins überwiegend auf der Seite der Schwulen standen."

Bei allem, was insbesondere im Falle der deutschen Variante der Homo-Ehe höchst zweifelhaft und verlogen ist, ist's an der Zeit, daß auch Christen sich wieder auf den Kern ihrer Religion besinnen: Der Nächstenliebe. Die eben nicht im Sinne räumlicher Nähe zu verstehen ist, sondern im Sinne des konkreten Anderen Seyla Benhabibs: In der auch emotionalen Anerkennung seines konkreten So-oder-So-Seins. Adam Smith nannte das "Sympathie".

Daß dem entgegen pro-kapitalitische Christen unter Sexualität wahrscheinlich nur narzißtische, individuelle Nutzenmaximierung verstehen sowie sie zweck-orientiert auf die reine Fortpfalnzungsfunktion reduzieren wollen, kann ich mir allenfalls vorstellen, so offen sagen würden sie's nicht.

Wenn man hingegen Sexualität als eine unter vielen der menschlichen Möglichkeiten im Sinne der Nächstenliebe als Nähe und Liebe zum konkreten Anderen im Rahmen umfassender Sinnlichkeit versteht , ist's unerheblich, zwischen wechen Personen diese Liebe jeweils aufscheint, solange kein Machtgefälle und kein Mißbrauch und somit gerade das Gegenteil der Anerkennung des konkreten Anderen vorliegt: Dem Geist der Bibel kann sie gar nicht widersprechen. Um alles andere bei der Bibel-Lektüre kümmert sich dann die historisch-kritische Hermeneutik.

Daß in diesem Sinne das Christentum den Reaktionären und Revisionisten wieder entrissen wird - ich finde das gut.

04.06.06

Das kleine Glück und seine Tücken

Rosenprofessor Sieber.jpg

Foto: Kordes-Rosen

Das Naturschöne. Die Kontemplation. Und Samstags-Mittag-Vergnügen im Pflanzenforum an der Eulenkrugchaussee. Dann auf dem Balkon sitzen und sich die neueste Errungeschaft betrachten: Die Hochstammrose "Rosenprofessor Sieber". Ein wundervolles Gewächs, das Frische ist und verspielt vor sich hin blüht - einfach so, verschwenderisch.

Das lindert das Unbehagen angesichts der herrüberwehenden, barbarischen Laute vom "Schlagermove" - sogar "Viva Colonia" haben die da gespielt, und heilfroh ist da der Hamburger an sich, daß er keinen Karneval erleiden muß. Wobei: Das Wetter. Meine wundervolle Grace, ihres Zeichens eines englische Rose in einem traumhaften Abricot, hat gerade mal zwei Knopsen hervorgebracht - letzten Sommer blühte sie überreich. Und die Red Eden Rose hat einfach das Austreiben eingestellt, obgleich ich doch die hellblaue Clematis nur als Kontrast zu ihr gepflanzt habe. Die geheimnisvolle Rose de Resht ...

... hat jedoch ihre erste, leuchtende Blüte hervorgebracht und lacht dem Wetter einfach in's Gesicht. Da starrt man dann drauf und vergißt kurz alles um sich herum und ahnt zumindest, was Adorno mit seiner "Mimesis"-Konzeption gemeint haben könnte.

Bleibt nur der Nachhall des Diktums aus Platons Gorgias, daß es besser sei, Böses zu erleiden als Böses zu tun - seit gestern echot der durch meine Windungen. Außerdem freue ich mich auf eine heiße Affäre mit Dirk von den Julis Bonn. Das am Rande.

03.06.06

Eigentlich sind wir in der Offensive - das hat nur noch keiner gemerkt!

Allein schon dieses Wort "Geisteswissenschaften" - das riecht nach verstaubter Perücke. Wieso beispielweise manche Philosophen sich dieses Etikett freiwillig anhängen, das ist mir schlicht ein Rätsel.

Natürlich sind die Träume von Frege bis Husserl nach Philosophie als "strikter Wissenschaft" im Sinne der Naturwissenschaften bis heute nie wahr geworden, das ist aber auch gut so. Und noch lange kein Grund, altverhaßte Milieus zum Spargelstechen schicken zu wollen (in der Kneipe arbeiten die eh schon), ganz so, wie man den "Laberköppen" schon damals zu Schulzeiten im Landheim am liebsten Zahnpasta in die Bettwäsche schmierte. Weil man sich nicht anders zu helfen wußte als durch verschämte Gewalt ... Herr Kauder war vermutlich ganz vorne mit dabei.

Keine Ahnung, wie's auf Gymnasien so zuging - auf unserer IGS damals, in den frühen 80ern, kamen bezeichnenderweise gerade die Kids aus den Hochhaussiedlungen mit den Ökos gut klar, die Hand in Hand mit den GEW-Lehrern ...

... von einer besseren Welt träumten. Ganz schlicht, weil diese um Solidarität wußten.

Ganz anders diese Typen, die dann Aramis auflegten, die Todesstrafe für Terroristen einforderten und auch schon mal Sacco trugen und diese ekligen Slipper dazu. Die organisierten sich in der JU oder kokettierten mit der FDP, waren in der Regel nicht die hübschesten und gute Sportler ebenso wenig wie die Ökos auch.

Bei uns gab's den Sohn eines Spediteurs mit so richtig viel Kohle. Das war einer von denen, die in der Grundschule bereits "Goofy" genannt und dann von irgendwelchen Beta-Tierchen in der Pause auf dem Clo "geneckt" werden. Der hat als Ausweg die Junge Union gewählt und gefiel sich darin, den linken Zeitgeist zu provozieren. Das macht er wahrscheinlich heute noch, in irgendeinem Ministerium oder irgendwo in der BWL-Nomenclatura eines Großunternehmens.

Ein neuer Schwung in's Jugendgruppenkarussell kam, als dann "punkig" als gut galt und Wave hinzutrat. Das war die Geburt des Pop-Faschismus: Man mußte die richtigen Musiken hören, in die richtigen Kneipen gehen, die Hipster betraten die Bühne und trugen die richtigen Marken und fanden sich cool. Nuala hat das einst in diesem "Eleganz von Fiorucci"-Song auf den Punkt gebracht. Und es währte nicht lange, bis der neue, elitäre Geist dann "V.I.P.-Lounges" und ähnliches hervorbrachte - bloß Abstand vom Pöbel halten und sich unerträglich wichtig und kultiviert fühlen im Feiern dessen, daß man eben nicht nur die Wahl zwischen Pepsi- und Coca Cola, sondern auch zwischen Designer-Wasser und Champagner-Sorten hat. Die Tempo war wohl ein Dokument des Übergangs. "Yuppie", das sagt heute kein Schwein mehr, war der Slogan - wir sympathisierten lieber mit der Hafenstraße, und da bin ich bis heute stolz drauf.

In einer Firma wie jener, in der ich arbeite, zeigt diese Rollenverteilung sich bis heute: Die Ökos wurden alle selbst ein wenig punkig, wählten aber weiter grün und zogen sich dann entweder in's Fortschreiben der Post-Punk-Kultur in abgerockten Kneipen am Hamburger Berg zurück, oder sie schwammen noch ein wenig auf der House-Welle mit und titulierten selbstvergessen alle Anderen als "Spaßbremse".

Nachhaltig irritiert und kurz begeistert von den emanzipatorischen Versprechen, die das Blendwerk der New Eocnomy in die Kommunikationskanäle einschleuste, erlebten sie deren Zusammenbruch und sind seitdem wieder auf der Suche nach neuen Antworten. Und machen irgendwie desilliusioniert und sinnentleert, aber ohne Alternative weiter ...

Auf Firmenparties treffen sie die JUler und Julis von einst, die sind konsequent in den BWL-Sektor spaziert. Die Ex-Ökos und Ex-Punkigen- und Wavigen und von den Grünen Enttäuschten und einmal mit dem House-Nudelholz Geprügelten sitzen im kreativen Sektor, sind die mit den Ideen, die den Laden am Laufen halten. Sie haben Publizistik, Ethnologie, Geschichte oder Germanistik studiert und leiden darunter, daß sie diese unter Bedingungen der angepaßten, nivellierten und durchduckmäuserten Realwirtschaft, in der neuer Untertanengeist sich dem je Nächstreichsten und je Nächstmächtigsten zu Füßen wirft, nur partiell umsetzen können - was faktisch die Produktivität nur hemmt, und keiner will's merken.

Die aus dem BWL-Sektor stehen mit dem Sektglas in der Hand und irgendeiner Freundin, die man halt so hat, am Arm unsereins gegenüber und pflegen ihre alten Komplexe aus der Schulzeit den Ökos gegenüber - haben oft, aber keineswegs immer etwas Linkisches, während sie ihre in der FTD oder sonstwo angelesenen Thesen dann als Smalltalk ausstoßen. Und im Grunde genommen ganz genau wissen, daß sie die Kreativen als nützliche Idioten eben brauchen, diesen nicht mal im Ansatz gewachsen sind - um sich dann im nie erfüllenden Triumph letztlich in der Budgetverwaltung selbst das größte Stück vom Kuchen in die Tasche zu schaufeln.

Dann gibt's noch jene, die, vom Zusammenbruch der New Economy auf den Arbeitsmarkt gespien als Überlebenskünstler im Networking sich üben. Frei von Strukturen, aber assimiliert an allerlei größere, wirtschaftliche Einheiten haben sie keine andere Wahl, als sich anzubiedern und alltäglich zu Kreuze zu kriechen. Während Buchhalter und Controller in der Regel sofort wieder einen Job finden, sind sie's, die von genau diesen dann traktiert werden in später Rache für die Schulzeit von einst ...

Und was macht die Politik im Falle der Universitäten draus? Sie will, daß alle neiderfüllte Traktierer werden. Doch nun regt sich Gegenwind - allerdings bei so viel "'tschuldigung, daß es uns gibt!" ist's doch eher ein laues Lüftchen (dank an Marian für den Link!). Obgleich sie in der Diagnose sogar Recht haben:

"Eine der wichtigsten Entwicklungen fast der letzten Jahrzehnte war die Entwicklung der Kulturwissenschaften als eine Leitdisziplin in den Geisteswissenschaften. Andererseits konnten wir aber beobachten dass die Kulturwissenschaften ein Konglomerat verschiedenster Methodologien waren, die im Grunde genommen ihre Studenten als universelle Dilettanten hinterlassen haben."

Und kommen dann als Antwort mit dem Fernseh-Quiz! Wie kann man sich nur so dermaßen selbst demütigen. Noch Jahrzehnte später dem Odo Marquard auf den Leim gehend, der einst den "Geisteswissen" die Rolle der "Kompensation" von Modernisierungsschäden zuweisen wollte. So eine Art Kunst am Bau der Wissenschaft, sozusagen.

Dabei ist die Pointe eine ganz andere: Die Sozialwissenschaften, denn eine solche ist selbst die Germanistik, ob sie will oder nicht, sind jene, die auch die Teilnehmerperspektive zu thematisieren in der Lage sind. Die 1. Person Singular und Plural können sie erhellen und artikulieren, und "Du" sagen, das können sie auch. Eine Gesellschaft, die solche Sprachformen aus der Wissenschaft verbannt, wird stumm und unterwirft sich dem objektiven Geist ebenso, wie's einst der Marxismus vorgaukelte, daß er's tun würde - und stagniert. Genau das erleben wir ja seit der "geistig-moralischen Wende", damals: Stagnation im Bereich der 1. Person Singular und Plural. Auch lustige Wörtchen wie "Ich-AG" sind da nur Retusche, und die damit einhergehende Mentalität nur Verkümmerung.

Nur aus der Perspektive der 1. Person Singular und Plural läßt sich handeln. Genau deshalb stehen die da, die JUler von einst, neidisch auf der Firmenparty neben mir rum: Weil sie um ihre Handlungsunfähigkeit wissen, da sie diese erst gewinnen, nachdem sie quantifiziert und objektiviert haben. Das ist eine völlig anderes Weise des Beschreibens von Welt als jenes, das auf Verstehen und Erklären setzt und dabei auf Objektivität kein Stück verzichtet - es sich auf dem Weg dorthin jedoch schwerer macht, weil's komplexer ansetzt.

Will man wirtschaftliche und gesellschaftliche Innovation, dann darf bloß auf eines die Welt nicht reduzieren: Auf die Wirtschaftswissenschaften. Die müssen auch dabei sein, klar, aber man darf auch nicht von vornherein nur an "Verwertbarkeit" sich assimileren, soll Stagnation nicht die Folge sein.

Ideen entstehen im freien Spiel, in der Vielfalt von Perspektiven, in der Fähigkeit, ein Selbstverständnis zu artikulieren und dieses in Kontakt mit Fremdverständnis auch bringen zu können, ohne dieses gleich herabzuwürdigen und unterwerfen zu wollen.

Wer reguliert nur denkt, weil er "Wirtschaft" im Hinterkopf hat, tritt auf der Stelle.

Also: Die Ökos von einst, sie leben hoch - angesichts der 2-3 Praktikanten-Generationen, die uns Früh-80ern bisher nachfolgten, wird's schwer, den Turnaround zu schaffen. Die können das Soziale schon gar nicht mehr denken. Ich hoffe sehr auf die Generation danach - und wenn man denen auch noch die vermeindlichen "Geisteswissenschaften" nimmt, dann verlieren sie völlig die Orientierung, und dann kann man den Laden Deutschland auch gleich dicht machen. Kauder, Dräger und die anderen, sie wollen offensichtlich genau das. Ich bin dagegen.

02.06.06

Das Recht, Rechte zu haben

Akut ist meine Verzweiflung darüber, daß Hayek-etc.-Fans irgendwann die Deutungshoheit über einen Begriff wie "Totalitarismus" gewinnen könnten - bei aller Sympathie für und zum Teil auch inhaltlichen Nähe zu einigen der Protagonisten. Auch wenn am Rande plötzlich angemerkt wird, Ökonomie sei ja keine Anthropologie - das Denken der atomisierten Nutzenmaxierer und ihr zwanghaftes auf staatlichen Zwang bezogen sein erscheint doch allzu verkürzt und hat dennoch den politischen Diskurs bereits nachhaltig infiziert.

So habe ich gestern abend mal wieder über Hannah Arendt und in deren Werk herumgeblättert. Leider ist mir "Vita Activa" zu wenig geläufig, jenes Werk, in der sie unterschiedliche Tätigkeiten wie Arbeit, Herstellen und Handeln zu differenzieren sucht. In der Sekundärliteratur, die ich hier noch aus heißgeliebten, längst vergangegen Tagen herumstehen habe, geht jedoch die alles entscheidende Pointe deutlichst hervor: Handeln ist Arendts Ansicht nach überhaupt nur zusammen mit Anderen und im Bezug auf diese möglich, nicht auf individuelles Nutzenmaximieren oder gar Tauschverhältnisse reduzierbar.

Beim weiteren Blättern zum Sound von Jessye Normans Songsbooks entdeckte ich's dann wieder, das .

... Kapitel über die "Aporien der Menschenrechte" in "Ursprünge und Elemente totaler Herrschaft" (München 1993, 3. Auflage, S. 452 ff. - die Erstausgabe erschien 1951)

Mir erscheinen die vertretenen Strukturthesen weit über die konkrete, historische Situation hinaus hochaktuell, die Hannah Arendt beschreibt; ich vermute, weiß es aber nicht, daß dieses Kapitel Giorgio Agamben und sein "Homo Sacer"-Projekt nachhaltig inspiriert haben wird.

Es ist immer etwas problematisch, Passagen aus dem Zusammenhang zu reißen, die die schrecklichste und düsterte Phase europäischer Geschichte thematisieren. Hannah Arendt analysiert die Situation der in jeder Hinsicht Entrechteten - der Flüchtlinge, der Staatenlosen - und faßt deren Situation dergestalt zusammen:

"Der Verlust der Menschenrechte findet nicht dann statt, wenn dieses oder jenes Recht, das gewöhnlich unter die Menschenrechte gezählt wird, verlorengeht, sondern nur, wenn der Mensch den Standort in der Welt verliert, durch den allein er überhaupt Rechte haben kann und der die Bedingung dafür bildet, daß seine Meinungen Gewicht haben und seine Handlungen von Belang sind."

(a.a.O., S. 461-62)

"Denn das Unglück der Rechtlosen liegt nicht darin, daß er des Rechtes auf Leben, auf Streben nach Glück, der Gleichheit vor dem Gesetz oder gar der Meinungsfreiheit beraubt ist; alle diese Formeln stehen deshalb in gar keiner Beziehung zu seiner Situation, weil sie entworfen wurden, um Rechte innerhalb gegebener Gemeinschaften sicherzustellen."

(a.a.O., S. 460)

"Die Verbrechen gegen die Menschenrechte, welche eine Spezialität totalitärer Regierungen geworden sind, können immer damit gerechtfertigt werden dadurch, das Recht sei, was gut und nützlich für das Ganze (im Unterschied zu seinen Teilen) sei."

(a.a.O., S. 465)


"Denn wiewohl der Rechtlose nichts ist als ein Mensch, ist er dies doch gerade nicht durch die gegenseitig sich garantierende Gleichheit der Rechte, sondern in seiner einzigartigen, unveränderlichen und stummen Individualität, der der Weg in die gemeinsame und darum verständliche Welt dadurch abgeschnitten ist, daß man ihn aller Mittel beraubt hat, seine Individulität in das Gemeinsame zu übersetzen und auszudrücken."

(a.a.O., S. 470)

Ich laß das mal so stehen.

I love German Angst!

Ach, ist das schön! Da schaltet man des Morgens das Radio an, die Sonne scheint, die Preßlufthämmer nagen am Asphalt und der Hund hat Durchfall - dann kommt, sie die unvermeidliche Berichterstattung über den täglichen Status Quo der Nationalmannschaft. Das Ballack-Spaltpilz-Statement wird eingespielt, daß man sich doch mehr um die Defensive kümmern solle. Herrlich zaghaft hat der das in die Mikrophone gesprochen, mit dem diesem typischen "Ich bin so niedlich!"-Genuschel zwischen den Lauten. Macht komischerweise auch Judith Holofernes von "Wir sindHelden" und eigentlich alle großen Ostrocker des längst versunkenen kleines Stücks des "großen Friedenslagers". NDR 2 spielt unmittelbar im Anschluß "Why does my heart feel so bad" von Moby. Großartig! Einst säbelrasselte und kraftmeierte sich die Nation noch durch jedes Sport-Event, und nun Verzagtheit, Nörgeln und Pessimismus - ein Feeling zwischen Blues und Fado. Das sind die Momente, da liebe ich dieses Land ...

01.06.06

Na, immerhin!

Luzpokal!.jpg

Foto: Blödes Volk

Der FC St. Pauli spielt auch nächstes Jahr im DFB-Pokal - und Luz verabschiedet sich mit 4 Toren im Oddset-Pokalfinale. 7:0 gegen Meiendorf!

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