Bye, bye Drogba: Rosen drücken auf's Herz
Es gibt diesen Roman von Boris Vian - "L'ecume des jours", "Der Schaum der Tage". Da ist nicht nur diese sensationelle Sequenz drin, in der Jean-Sol Partre - na, wer damit wohl gemeint ist - einem Popstar, Philosophenkönig, Patriarchen gleich zu einem Vortrag vor hysterisierten Studenten einreitet:
"Chick, eine der Hauptpersonen, ist ein fanatischer Bewunderer von „Jean- Sol Partre". Es geht ihm aber nicht um den Inhalt seiner Bücher, sondern darum, alle möglichen Ausgaben und Reliquien zu besitzen - wie zum Beispiel die in Stinktier gebundene Ausgabe von „Moder oder Erbrechen". Besonders komisch ist die Schilderung des berühmten Vortrags „Der Existentialismus ist ein Humanismus", den Sartre am 29. Oktober 1945 gehalten hatte, und der zu einem Massenereignis geworden war. Sartre erscheint dabei auf einem Elefanten, umringt von Scharfschützen. Die draußen wartenden Massen werden von dem Elefanten niedergetrampelt, während sich drinnen Sartre mit einem Beil den Weg zum Podium freischlägt, wo er dann ausgestopfte Exemplare von Erbrochenem vorführt. „Für mich gibt es keine Essenz."Quelle: Wienerzeitung
Zentrum der Geschichte ist eine Blume. Eine Seerose. Sie wächst in der Lunge von Chloé. Diese leidet schwer unter dem Gewächs ....
... wie ein Oleander unter Spinnmilben, vegetiert dahin.
Vian war eine faszinierende Persönlichkeit. Ein Multitalent, ein Chronist des bewegten Nachkriegs-Paris, ein Künstler, der wie Ionesco im Absurden das Wahre fand. Aufgrund einer Diphterie im Alter von 15 Jahren trägt er einen schweren Herzfehler davon und wird gerade mal 39 Jahre alt. Als Jazz-Trompeter tingelt er durch die Existentialisten-Kaffees; später schreibt er Chansons.
Erstmal lief er mir akustisch über den Weg in friedensbewegten Zeiten, hat er doch das berühmte "Le Deserteur" geschrieben - ich meine, anläßlich des Algerien-Krieges. Jürgen Slopianka, den heute kein Schwein mehr kennt, hat das Lied auf deutsch gesungen: "Lieber Herr Präsident! Ich schreibe diesen Brief an Sie, darin schreibe ich Dinge die sind Ihnen vielleicht fremd" geht das los, und dann eben, was ein Deserteur so singt, wenn er begründet, warum er desertiert. Hat das eigentlich etymologisch was mit Wüste zu tun, "Deserteur"? Wäre ja spannend zu wissen, und in Wüsten wachsen auch keine Seerosen, allenfalls in den Oasen oder als Fata Morganen.
Boris Vian hat auch, was ich soeben erst bei der Recherche zu diesem Eintrag entdeckte, einen Roman unter einem Pseudonym geschrieben, ohne zuzugeben, daß er unter einem Pseudonym schrub:
Der Verleger Jean d'Halluin empfahl Boris als Rezept für ein erfolgreiches Buch eine Mischung aus Henry Miller, William Faulkner und Hemingway. Vian ging die Wette ein, ein so buntes Buch in nur 14 Tagen zu verfassen, was er auch schaffte, zumindest was die Zeit betrifft. „Ich werde auf eure Gräber spucken" veröffentlichte er unter dem Pseudonym Vernon Sullivan, trat aber als Übersetzer aus dem Amerikanischen auf · nach dem Krieg war die Nachfrage nach ausländischer Literatur groß. Der Pornokrimi, in dem Sex, Mord, Alkohol, Rassenverfolgung und Gewalt wild vermischt werden, kam im November 1946 auf den Markt und wurde augenblicklich zum Skandal. Der wurde umso größer, als das Buch neben der Leiche einer ermordeten Prostituierten gefunden wurde. Gleichzeitig wurde es ein kommerzieller Erfolg. Vians Autorenschaft blieb nicht lange geheim, vor allem nach seinem Nachwort zum zweiten Sullivan-Buch „Tote haben alle dieselbe Haut". Darin beschimpft er die Literaturkritiker, die ein schlechtes Buch zu einem Erfolg machen, und andere, „kompliziertere" Bücher, die sie nicht verstehen, zum Tode verurteilen. Nach einer Klage wegen Verleitung Jugendlicher zur Ausschweifung wurde es im Juli 1949 schließlich verboten.
Quelle: Wienerzeitung
Welcher Kolonialherr will schon was über "Rassen"verfolgung, über Gewalt lesen - und welches christliche Regime über Sex? Wieso ist eigentlich diese Verführungsthese bei Christen so beliebt? Wegen "und führe mich nicht in Versuchung"?
Vernon Sullivan wurde von Vian als Schwarzamerikaner aufgebaut; und es war die Zeit, da über afroamerikanische Kultur Europa auch sonst zu neuer Wahrheit und Freiheit fand: Erst über den Jazz, dann über den Blues und den Rock'n'Roll - und sei's auch nur über die "British Inavsion" vermittelt .
Es war die Kultur von Schwarzen, die uns befreite. Sie haben uns der Tanzschul-Dressur entrissen. Nicht, weil sie irgendwie "näher an der Natur" wären, wie rassistische Mythen das gerne hätten. Sondern weil sie in den USA als Stigmatisierte, als Marginalisierte, als Unterschichten, als jene, denen Inklusion verwehrt wurde, nicht im selben Sinne der sozialen Kontrolle unterworfen waren (Dank an Peter Wicke für diese Einsicht).
Für die schwarzen Jazz-Musiker, die damals nach Paris kamen, muß es gleichermaßen eine so unendlich befreiende Erfahrung gewesen sein, nach Paris zu kommen und auf einmal gefeiert zu werden - wo daheim nicht nur in den Südstaaten Jubeln nicht gerade die alltägliche Reaktion war, wenn Schwarze z.B. Busse betraten.
Ich hatte mal das große Glück, Eric Burdon interviewen zu dürfen: Wie dieser das Jazz-Szenario in Paris beschrieben hat, war mitreißend. Doch kurz darauf flog er erstmals nach New York, mit The Animals in die Ed Sullivan-Show. Er freute sich, in's Heimatland der schwarzen Musik zu kommen - wachte des morgens auf im Hotel und sah an die dem Hotel gegenüberliegende Wand gemalt: "Eric Burdon is a Nigger-Lover". Später, mit Eric Burdon & War, hat er gezeigt, was Großartiges dabei rauskommt, ist man bereit, von schwarzer Kultur zu lernen. Als er mit diesen durch Europa tourte, war Rassismus Alltag angesichts einer "gemischtrassigen" Combo.
Um so größer die Freude, als gestern auf einmal "Angola!"-Rufe während des Spiels durch meine Straßen schallten.
Und um so größer der Frust, als die Ivorer dann doch rausgeflogen sind - gegen eine ehemalige Kolonialmacht, eine von denen, die Institutionen ausgebildet hatten, auch wirklich von den Kolonien zu profitieren.
Dabei war ich mittlerweile so weit, mehr mit der Elfenbeinküste zu fiebern als mit der deutschen Nationalmannschaft. Dieses Spiel gegen Argentinien - die kann ich seit gestern auch endgültig nicht mehr leiden, und ich werde auch nie wieder behaupten, daß ich Mexikos Art, Fußball zu spielen mag - war so sensationell schön.
So wuchs mir prompt Salbei und eine englische Rose in meiner Lunge, und die Dornen drückten direkt in's Herz, als die Elfenbeinküste ausschied - kann man ja oben sehen, wie das gerade aussieht in mir.
Rayson hat prompt, während das Spiel noch lief, einen tollen Text zum Thema geschrieben und geht angstfrei mitten hinein in's Thema - Kompliment!!!
Wobei ich doch die Anschlußfrage stellen würde: Wie kann Afrika uns helfen? Was können wir eigentlich von denen lernen? Ich glaube, es ist schier unendlich viel ... so vielfältig wie dieser Kontinent selbst.
Ich war so bereit, den Ivorern bis in's Finale und darüber hinaus zu folgen. Frisch verliebt in eine Mannschaft und schon isses aus. Da mag ich gar nix schreiben über die Spiele heute ... außer, daß ich Italien jede Niederlage gönne, mir Portugal nach deren Auftaktspiel am Arsch vorbei geht und ich den tschechischen Fußball trotz Rosenwuchs in mir genießen werde. Auch wenn da, in Tschechien, mittlerweile die übelsten Rassisten auf den Rängen stehen - unmittelbar neben manch Italienern.
Aber das römische Reich ist ja schon einmal untergegangen, weil es von den vermeindlichen "Barbaren" einfach nichts lernen wollte - nichts anderes ist "unsere Asylpolitik". Die Rose sticht schon wieder - mitten hinein in mein Herz.

Kommentare
drei interessante Fragen:
Wieso reden so viele über Verführung ?
Wieso reden so viele über Opfer?
Und wieso reden so wenige über Befreiung und Befreite, und über die Beispiele, die es tatsächlich zu bestaunen gibt (man soll es ja kaum glauben...)?
Verfasst von: b.elektron | 17.06.06 14:59
Opfer ist eigentlich klar: Emphase und Verantwortung. Befreiuung auch: Hängt mit Fragen des guten Lebens zusammen. Das mit der "Verführung" erschließt sich mir allerdings auch nicht ...
Verfasst von: MomoRules | 17.06.06 17:00