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Hannah Arendt: Zur Renaissance des Politischen

So findet man sogar mal - erstaunlich - via FDOG was Spannendes. In der Weltwoche: Ein sehr guter Text über die hier schon mehrfach behandelte Hannah Arendt. Der Text macht klar, wann's Sinn macht, wirklich von Freiheit zu reden: Nämlich dann, wenn eine Person wie Hannah Arendt alle Doktrinen abschüttelt, mutig selber denkt, verblüffende Bezüge zwischen Unvereinbarem herstellt und dabei doch den Respekt vor der Tradition des Denkens nicht verliert, das Neue in Auseinandersetzung mit dieser sucht. Stimme keineswegs in allem mit ihr überein - aber die Kraft dieses Denkens und wohl auch der Persönlichkeit, die sich hierin zeigt, beeindruckt mich immer neu.

Von ihr haben wirklich alle auf die Glocke bekommen, und das brilliant. Insbesondere ihr Begriff des Politischen bedarf einer Renaissance, behaupte ich, und die folgende Passage sei drum zitiert:


"Macht ist nicht trennbar von Freiheit. Ein Herrschaftssystem kann sich auch auf Zwang und Unterdrückung stützen, aber es besitzt dann keine Macht im eigentlichen Sinne. Die erwächst nur aus der Fähigkeit, durch Überzeugung zu gewinnen. Das Beunruhigende an der Entwicklung moderner Politik besteht für Arendt jedoch darin, dass nicht nur der Marxismus, sondern auch sein Gegenspieler, der Liberalismus, keinen Begriff mehr hat von Macht. Zwar ist Liberalismus auf Freiheit ausgerichtet. Aber, sagt Arendt, «politische Freiheit wird mit Freiheit von Politik verwechselt». (...) Es bedeutet aber auch nicht, dass politische Freiheit ein Gut wäre, welches schon dadurch gesichert wird, dass man es vor staatlicher Beschneidung schützt. Freiheit entsteht für Arendt nur in einem Raum der Auseinandersetzung, in dem über Güter und Werte gestritten wird. Jürgen Habermas mag Recht haben, wenn er der grossen Dame vorwirft, sie habe einen zu «emphatischen Politikbegriff». Trotzdem behält der von Arendt an den Anfängen der europäischen Geschichte freigelegte Sinn politischen Handelns eine unabweisbare Evidenz: Worum soll es denn gehen in einer Demokratie, wenn nicht um die Frage, was eine Gemeinschaft eigentlich will?"

Eben.

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... und wie bei Arendt in "vita activa" nachlesen kann, ist politisches Handeln (wie jedes Handeln, das diese Bezeichnung verdient) in seine Konsequenz eben gerade nicht vorausberechenbar. Handeln ist gerade die Aktivität, deren Folgen dem Handelnden noch unbekannt sind.

In diesem Sinne ist ein Großteil des öffentlichen Lebens in den westlichen Staaten (genau wie in China) geprägt von dem Versuch, die Un-Gewißheit des Handelns durch die (angebliche) Gewißheit des Vorausberechnens zu ersetzen, den Aufruf zum politischen Handeln durch die Prognose des Erfolgs.

Wie diese Versuche, die zukünftigen Folgen heutiger Entscheidungen vorausberechenbar und letztlich "herstellbsr" oder "machbar" zu machen, scheitern, läßt sich keineswegs nur an der Sozialstaatsbürokratie und den Investitionsruinen des Staatsinterventionismus bestaunen, sondern dieses Scheitern zeigt sich auch alle paar Monate in Konjunkturprognosen, die nicht eintreffen, Renditeerwartungen, die "wider Erwarten" nicht eintreffen, Ausbildungsplätzen, die doch nicht verfügabr sind,...

Zumindest dieser Teil von Arendts Analyse ist in seiner empirischen Nachprüfbarkeit wohl kaum "zu empathisch" sondern konfrontiert sich mit Tatsachen, denen andere lieber aus dem Weg gehen.

Das ist allerdings auch die Position von Leuten wie Hayek und Popper. Mit diesem Argument - das ja richtig ist - kann man dann also entweder bei einem wohlverstandenen Konzept der offenen Gesellschaft landen, also nicht dem, was die FDOG messianisch verkünden, sondern einem wohlverstandenen - oder eben bei libertären Fantasien, die sowas wie Mad Max II zur positiven Utopie erklären. Ersteres muß man aktuell ausbauen - dazu reicht der angeführte Gedanke aber nicht aus.

"...bei einem wohlverstandenen Konzept der offenen Gesellschaft landen..."
"...dazu reicht der angeführte Gedanke aber nicht aus..."

Völlig richtig. Dazu muß man sich anschauen, wie Arendt in diesem Zusammenhang ihr ethisches Konzept aus der Sprach- (oder Subjekt-?) -philosophie und aus ihrer speziellen Variante einer philosophy of mind entwickelt.

Das faszinierende ist gerade, daß Arendt aus einem Winkel startet, der wohl irgendwie mit Heideggers und Marx' Vokabular zusammenhängt, aber in einer Weise endet, die heute an Leute wie Foucault, Feyerabend oder Rorty (oder auch Sen) anschlußfähig. Dazu müßte man nur das Gesagte nebeneinander stehen lassen, statt ständig irgendjemand widerlegen zu wollen.

Das kann aber wohl noch etwas dauern.

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