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Was Deutschland nicht ist ...

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"Schön und kaffeebraun sind alle Frauen in Kingston Town" sang der Vico Toriani einst vor sich hin. Gut, Kingston Town ist nicht in Brasilien, aber er meinte das, was Deutsche denken, wenn sie über Brasilien reden. Ein wenig Gauguin halt. Deshalb ist es auch kein Zufall, wenn Beckmann den alten, schimmeligen, fiesen und garstig gemeinen Hut vom "Farbigen" sich aufsetzt, während er sich ernsthaft einbildet, er würde gerade Spiele kommentieren.

Es ist nicht erstaunlich, daß neben so viel deutschen Flaggen an Hamburger Balkonen derzeit die brasilianische weht. Deren Nationalmannschaft ist einfach das Positiv zum Negativ des Selbstbildes vieler Deutscher - Exotismus in Reinform. Da brauchte man sich gestern nur diesen Waldi-Talk im Ersten anschauen - ...

... ein Klischee nach dem Anderen haute die Alt-Herren-Runde da raus.

Der einzige, der's unter Umständen merkte, war Harald Schmidt - indem er das Ganze als "erotische Veranstaltung" klassifizierte. Schön und Kaffeebraun - solche Leiber sexualisiert man als Nordeuropärer zunächst. Dieser Promi-Koch ergänzte um das "feurige Spiel" und die "Würze", also das, was die Mehlschwitze nicht hat, und irgendein inmitten Rios platzierter Reporter, schon ganz außer Atem angesichts all dieses Samba-Schul-Geschehens, berichtet: Die Behörden und Universitäten seien geschlossen, die Leute hätte ihre Autos verkauft, um nach Deutschland fliegen zu können. In Brasilien gäbe es keine Religion (was nun wirklich Nonsens ist), keine Staatsphilosophie, nur Fußball.

Karasek flankiert das Ganze mit einem Spruch über französische Pensionskassen. Natürlich gehen die auch "locker" an das Spiel, so wird der Talk dann fortgesetzt, und Fragen wie: "Stehen die Abwehrblöcke auch nah genug beieinander?" stellten sich bei denen doch gar nicht. Die Brasilianer machen zwischendurch auch ""Päuschen", so Harald Schmidt, und dann spaziert noch eine Blondine im Brasilien-Trikot, so eine, der sie allesamt mit der flachen Hand auf den Arsch klopfen möchten, durch's Bild und bringt den Kerlen Bier. Alle hatten "Zauberfußball" erwartet, Magie eben - sitzen da in ihrer tristen, entzauberten Fensehwelt und wünschen sich Voodoo von den "Farbigen", den kaffeebraunen.

Und keiner merkt, daß sie die ganze Zeit nur über Deutschland reden ... in einer Mischung aus tiefer Frustration und ganz viel Überheblichkeit. Findet man ja nicht erst bei Kant, diese Bilder von den lustbetonten (bei ihm heißt das Neigung) "Südseebewohnern", auf die der Deutsche an sich dann immer auch neidisch ist in seiner Selbsdisziplin, deren Auflösung er derzeit laustark beklagt. Die zugleich beim exzessiven Feiern doch endlich aus den Selbstbildern der Nation verschwinden soll.

Dieses Deutschland mit seinen Dichtern und Denkern in seinen Universitäten, an die so recht auch keiner mehr glaubt und die's ökonomisch schon gar nicht bringen. Mit seiner Autoindustrie, die langsam den Bach runter geht, mit der pensionskassenbehafteten Bürokratie, seiner Staatsgläubigkeit und seinen "christlichen Wurzeln". Dieser Deutsche, der nur marschieren kann, aber gar nicht so richtig mit dem Arsch wackeln - das können nur die "Farbigen", und deshalb wird durch sie alles zur "erotischen Veranstaltung". Die "feurigen" Südamerikaner negieren einfach all das, was der Deutsche glaubt, über sich selbst denken zu müssen. Wobei immer mitschwingt, daß seine Ordnung, seine Disziplin, sein Organisationstalent selbst in Behörden und im Staatswesen, seine Autos insgeheim dem "Billigen" aus aller Herren Ländern natürlich bis heute überlegen bleibt, und dafür verzichtet man dann traditionell auch gerne auf die Lust ...

Diese Brasilien-Sehnsucht ist dann sowas wie der Balkonkasten da oben, der meine: Da wachsen Petunien, Solanum, Ziertabak und Lobelien, lauter exotische Pflanzen, Magariten dahinter, die hier keinen Winter überstehen würden. Weil's keine plumpen Staudenmagariten sind. Gut, mittendrin ein Salbei, der auch hier die freie Wildbahn übersteht. So klebt man sich den Süden an den Balkon und sehnt sich nach ungebremster Leiblichkeit, wittert sie bei den Anderen ...

Viel spannender wird's noch, fragt man sich, wieso solche Begeisterung den "Kaffeebraunen" entgegenschlägt, nicht jedoch z.B. Ghana oder der Elfenbeinküste. Gut, für's Spiel der Letzeren hat sich "die Nation" dann doch begeistert, ansonsten herrscht eher Mitleid vor und ein Bemühen, die überhaupt ernst zu nehmen. Keine Flaggen von denen neben deutschen an den Häuserwänden. Glaubt's mir: Der Grund ist nicht nur die glorreiche, brasilianische Fußballgeschichte. Die Ghanaer sind dann doch zu schwarz ...

Man verstehe mich nicht falsch. Ich plädiere nicht für ein anderes, deutsches Selbstbild. Nicht für mehr Selbstbewußtsein, nicht für mehr Selbstkritik, nicht für mehr Antideutsches oder gar die Besinnung auf deutsche Tugenden.

Ich plädiere für den Verzicht auf jegliches Selbstbild und somit auch das Verfassen solcher Texte hier. Stattdessen dieser unglaublichen Atmo, die da im Stadion gestern abend noch bei der Fernsehübertragung ständig hörbar war, sich einfach nur hingeben. Auf Bilder und Selbst-Thematisierungen lieber ganz verzichten. In-Der-Welt-Sein - nicht daneben stehen ... dann hat der Exotismus keine Chance mehr. Und dann kann man diese Pflanzen da oben auch wieder einfach nur genießen ...

Kommentare

hi momorules,

interpretierst du die wm auch als versuchsanordnung par excellence?

insofern sind aber auch die (unaussprechlichen) episoden a la waldi-talk teil des experiments.

interessant ist doch die frage: was passiert da? was denkt sich die ard führung, was sie da macht? denkt waldi irgendetwas oder sieht man da nur das stammhirn am werk? und natürlich: schreibt harry noch mal ein buch über seine experimente oder geht er als deutscher sokrates des 21. Jh. in die geschichte ein? und wer ist dann sein platon?

eine vergleichbare gelegenheit bot ja auch schon dbd letztes jahr, und ich denke, man konnte aus den selbstzeugnissen der macher (deren namen ich leider wieder vergessen habe) einiges ableiten.

kleiner diskurstheoreticher einwand: wie lebt ein mensch ohne selbstbild? wie spricht ein mensch ohne zugleich über sich selbst zu sprechen?

Hi

Cordt Schnibben liefert im spiegel eine echt beeindruckende analyse

haufenweise argumente, warum das gedankengebäude der geschätzten "liberalen" markttheoretiker ein asyl für obdachlose kleinbürger ist.

http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,druck-420637,00.html

Schnibben les' ich mir im Laufe des Tages mal durch (war gestern unterwegs ...).

Und was der Waldi da macht ist nur medienimmanent zu verstehen. Da trifft dann ja die These von Autopoesis und Selbstreferenz von Systemen einfach zu. Und aktuell schließen die sich kurioserweise im Sinne von "Wir sind Deutschland"; weil sie glauben, daß es aktuell in der Umwelt Perspektiven gäbe, die sich beschreiben wollten. Die konstruieren eine Außenperspektive, auf die sie dann selbsbeschreiben reagieren, der Logik "Was machen wir als ARD denn mal lustiges bei der WM"? folgend.

"kleiner diskurstheoreticher einwand: wie lebt ein mensch ohne selbstbild? wie spricht ein mensch ohne zugleich über sich selbst zu sprechen?"

Ist ja nicht unbedingt ein diskurstheoretischer Einwand, eher ein verkappt bewußtseins- oder subjektphilsophischer, also eher das, was der "linguistic turn" aufzuheben trachtete. Streng diskurstheoretisch ist "Mensch", "sich selbst" etc. nur der Effekt eines vorgängigen Sprachgeschehens, und auch im Rahmen der analytischen Philosophie gibt es ja z.B. die Theorie, die Verwendung von "ich" sei ähnlich wie "hier" und "Jetzt" und diene dazu, eine Person raumzeitlich identifizierbar zu machen ("Wer will ein Eis?" "Ich!").

Ansonsten folge ich Wittgenstein in der Annahme, daß die kleine sinnvolle Einheit der Satz ist, ich also isoliert rein gar nicht nix bedeutet (das oben heißt ja auch "Ich will ein Eis"). Insofern kann ich im raumzeitlichen Kontinuum schon allerlei Sätze über mich, die Person x, formulieren. Aber "Ich bin deutsch" hat meiner Ansicht nach hinsichtlich der Staatsbürgerschaft so etwas wie eine Entsprechung. "Deutsch" wie eine Summe von Eigenschaften von Personen zu verwenden ist sachlich falsch, kann aber sowas wie eine Orientierungsfunktion im Aufeinadertreffen mit Personen, von denen man sich unterscheiden will, übernehmen. Das ist dann aber auch schon jene Verwendungsweise, die politisch fatal wirken kann ...

wenn die wörter "wir" und "man" (Heidegger?) so große probleme bereiten (die politischen erfahrungen in europa sprechen dafür), warum wurden sie dann überhaupt in die sprache aufgenommen? zu welchem zweck? wie kommt "man" zu der (anmassenden) überzeugung, "man" könne stellvertretend für eine gruppe von individuen sprechen?

Na, Problem ist ja eher der Übergang vom "wir" zum "man", von der ersten zur dritten Person.

Ein "Wir" ist ja weniger deskriptiv wichtig, auch wenn Nationalisten Gegenteiliges behaupten: Hier kann z.B. im Falle der Nation das Kriterium "raumzeitliche Identifizierbarkeit" eben in "alle, die auf einem bestimmten Territorium leben" hin gewandelt werden. Na, und dann gibt es noch ein paar eher verwaltungstechnische Folgeprobleme.

Das "Gerede des Man" ist ja, wenn ich mich recht entsinne, bei Heidegger vor der Kehre auch kritisch gemeint gewesen - Uneigentlich ist das, in seinem Jargon.

"Wir" ist praktisch releant - wollen wir einen trinken gehen, wollen wir einen Sozialstaat, z.B.. Die Diskurstethik z.B. ist der Versuch, die Regeln zu formulieren, wie man in der 1. Person Plural so kommunizieren kann, daß "ich" dabei nicht unterdrückt wird.

vorschlag:

"wir" ist insoweit praktisch "relevant" als "wir"-aussagen hinsichtlich ihres wahrheitsgehalts überprüfbar sind.
beispiel: "wir beide wünschen uns die deutsche staatsbürgerschaft."

"man" ist das pronomen des griechischen chors. das "namenlose", das spricht, obwohl doch eigentlich nur personen sprechen können. (auch götter sprechen, wenn sie die gestalt eines menschen, eines anderen lebewesen angenommen haben, oder durch das orakel) dank freud und co. dürfen wir dieses namenlose jetzt auch "kollektives unbewusstes" nennen. auch an dieser stelle noch mal vielen dank, sigmund! was für ein riesiger fortschritt!

"man" ist das pronomen der person, die sich im sprechen gerade nicht enthüllen möchte (arendt). beispiel: "man freut sich dann ja doch auch irgendwie, wenn die deutschen gewinnen."

aber letztlich hilft dieser trick nicht viel: auch mehrdeutiges sprechen fällt auf den sprecher zurück, diese rückverfolgung ist nur so aufwendig, dass sie häufig unterbleibt. unsere sprache des common sense (vor allem in der gestalt, die von journalisten geformt wird) ist daher mittlerweile eben regelrecht vollgestopft mit dem "man" des chores.

Na, das mit dem Wahrheitsbedingungen ist bei praktischen Sätzen schon etwas komplizierter.

Natürlich versteht auch die nur dann, wenn man weiß, unter welchen Bedingungen sie wahr wären - ein Absichtssatz wie "Ich hol mal Kaffee!" eben dann, wenn man weiß, was es in der konkreten Situation heißt, einen Kaffee holen zu gehen. Aber der ist ja nicht nur dann war, wenn jemand wirklich einen Kaffee holt, sondern wenn es stimmt, daß er die Absicht hat. Und noch nicht mal das: In einer Knast-Zelle ist das u.U. 'nen Lacher, gerade weil das Gegenüber weiß, daß die Absicht unter den gegebenen Umständen eben nicht realisierbar ist. Deshalb ist der Satz aber nicht unwahr, sondern Ironie.

Insofern hat's sich ja eingebürgert, bei praktischen Sätzen von richtig oder falsch zu reden - ist diese Absicht in der gegebenen Situation nun der richtige Weg zum Ziel, z.B..

Das "Man" ist ja nicht nur Sprecher-tarnend, sondern auch generalisierend und, wie's die dritte Person immer ist, eben auch objektivierend und tritt in praktischen fragen als "Sitten und Gebräuche" auf, also objektive Handlungsregeln. "Das macht man nicht!". Womit wir wieder bei der sozialen Kontrolle wären ...

Das mit dem Unbewußten sehe ich ja anders, aber das Faß ist 'ne Nummer zu groß für die Kommentarfunktion ...

Warum lachen die Gefangenen in der Zelle?

Was ist Ironie?

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