" /> Metalust & Subdiskurse: Juli 2006 Archive

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31.07.06

Mobilmachung, frei assoziiert: Ein Anfang

"Eine Politik der Härte "verschlankt" den Staat, "vermarktet" die Gesellschaft und "ermächtigt" das Individuum. Dies ist jedenfalls ihre Grammatik. (...) Wollte man nach einem zivilen Pendant zum Gladiatorenschauspiel suchen, dann wäre es wahrscheinlich jene allmonatlich inszenierte Fernsehshow (des "Präsidenten der Bundesanstalt für Arbeit"), die dem Publikum von Amts wegen nahe bringt, wieviel "sehnige" Menchen darauf warten, den ökonomischen Zweikampf aufzunehmen. Aber, setzt dann ein vielstimmiger Chor des Tadels jedes Mal fort, unlautere Mittel - "fette Paragraphen" - hindern sie daran, ihre gesunde Härte auszuspielen. Weshalb fairerweise der Markt "entfesselt" werden müsse!" Wolfgang Fach, Staatskörperkultur, in: Ulrich Bröckling u.a., Gouvernementalität der Gegenwart, Frankfurt/M. 2000, S. 126
Man denke an Riefenstahls "Olympia" und vergleiche die Körperbilder mit jenen von den Couch-Potatoes, die in "ekelhaften" Sozialsystemen sich am "Staat als Amme" nähren, sich weigern, ihre "Eigenverantwortung" wahrzunehmen, jene, die nur "der Gemeinschaft" auf der Tasche lägen.

Man denke an all die Verweise auf US-Neocons jener Autoren, die sich auf der Achse des Guten wähnen und dort die "Verweichlichung" ganzer Generationen, die gar nicht mehr zum Kämpfen taugten, geißeln - ...

... bei gleichzeitiger Attacke gegen den Feminismus (bin jetzt zu faul, die Texte rauszusuchen, erinnere mich jedoch daran, sie gelesen zu haben - lediglich diese Erinnerung behaupte ich als Tatsache).

Dann lese man dieses hier und frage sich, wieso die Attacken gegen den Pazifismus so heftig ausfallen, wieso man immer das Gefühl hat, auf mancher liberalen Seiten in der Zeit vor dem 1. Weltkrieg gelandet zu sein. Vielleicht, weil wir vor dem Dritten stehen, keine Ahnung.

Man verstehe mich nicht falsch: Das ist keine Aussage über das Geschehen im Libanon, da reicht mein Geist nicht aus, das zu erfassen, trotz der so ungeheuer lehrreichen Ausführungen beim Che, immer wieder neu, und trotz einer prinzipiell pro-israelitischen Haltung.

Fast peinlich berührt dennoch die Stilistik, nicht der Inhalt der Argumentation, zumeist von Männern, die zu Hause am Computer sitzen und wahrscheinlich selber häufig auf dem Schulhof verprügelt wurden. Dieses herorische Kampfgeschrei vor allem von wirklich süßen Jungs, die ein paar Jahre früher auch in Boygroups eine gute Figur gemacht hätten.

Und dann stolpert man hierüber, (via Wirres - seitdem der ix im Urlaub ist, liest sich das richtig gut), und es fällt auf, daß "Wichser" und "das ist ja schwul" eben beides auf Praktiken verweist, die sich der Reproduktion entziehen, bei aller sonstigen Differenz.

Es fällt zudem auf, daß die "Gutmensch"-Rhetorik u.a. auf "geistige Verweichlichung" sich richtet, während parallel dazu vor allem das tradiert Maskuline der "Südländer" attackiert wird, zu dem eben immer auch dieses "dem Kampfe nicht ausweichen" gehört und die Demonstration, daß man das drauf hat, das Kämpfen, daß man kein Verlierer sein will. Und daß das eben kein Privileg der "Südländer" ist, sondern zu jedem Machtkampf auf Büroetagen auch dazu gehört, wird ignoriert.

Dieses "Ist ja schwul!" bezeichnet ja zumeist das "Weibische", eben den weinenden Cristiano Ronaldo, der dann doch lieber auch die Operbühne gehen solle, und gar nicht unbedingt eine Sexualpraktik. Sondern zumeist eine bestimmte Ästhetik, die sich der Renaissance einer Kultur der Härte entzieht. "Versteher" ist ja auch nicht umsonst zum vielfach variierten Schimpfwort avanciert - wer denkt da nicht an verständnisvolle Mütter?

Der "Gutmensch" ist somit das politische Pendant zum "Ist ja schwul!". Auf einmal begreift man sie neu, die Tuntenbewegung in den 70ern, die im Fummel auf Demos mitlief und das immer auch als Patriarchatskritik begriffen hat. Da dringt derzeit die Bushido-Pose, jene aus der Zeit, bevor er sich gegen Gewalt auf Schulhöfen engagierte, in alle sprachlichen und politischen Niveaus ein.

So beschließt man, mal wieder Theweleits Männerfantasien zu lesen und doch mal darüber nachzudenken, in Strapsen zur Arbeit zu gehen ...

28.07.06

Stöckchenfang

An sowas kaut ja normalerweise mein Hund. Richtig leidenschaftlich. Manchmal, wenn ich gerade zielstrebig und wohlgemut durch die Stadt marschiere, zehrt es auf einmal fürchterlich nach schräghintenrechts an der Leine, und platsch, das Tier hat sich auf eine Wiese geschmissen und knabbert genüßlich am Stück Holz. Manchmal schnappt es sich auch welche und zeigt sie mir dann, stolz und breit lächelnd (Hunde können wundervoll lächeln, auch wenn sie so einen Zweig im Maul haben, die Augen leuchten dann): Beute gemacht. So Hunde sind schon was Feines. Die provozieren vortreffliche Phänomenologien der Beleidigung, die so gut sind, daß es dann kurz darauf zu erruptiven Eskalationen kommt - einfach, weil man beim Rumspazieren mit Thölen mal zum Nachdenken kommt. Womit ich schon ...

... beim Stöckchen wäre, das Karsten von der Liberalen Stimme mir zuwarf:

Warum bloggst Du?

Eben auch deshalb: Nachdenken. Nur eben schriftlich und so, daß es Andere lesen können - daß hier jedoch so intensive, für mich ungemein lehrreiche und spannende, leider (!!!) neuerdings zu richtigen Streitigkeiten führende Diskussionen entstehen würden, damit hatte ich im Traum nicht gerechnet, als ich loslegte. Hatte bis dato nur passive Netz-Erfahrung, für mich ist diese Art des Kontaktes mit Leuten, die man dann kennt, ohne sie je gesehen zu haben, völlig neu und ganz schön aufregend.

Ursprungsimpuls war, all das zu dürfen, was ich im Job nicht darf. Vor allem: Hoffentlich konsequent genug unpopulär sein. Hirnwichsen, Theoretisieren, bis zum Exzess. Ausschweifend sein dürfen, mich nicht kurz fassen müssen. Tippfehler nicht korrigieren und fehlende Worte einfach fehlen lassen. Rumphilosophieren, ohne sich an akademische Standards halten zu müssen. Suchen dürfen, statt immer schon Ergebnisse parat zu haben. Texttypen mischen dürfen. Dampf ablassen, aber auch Argumente schärfen. Rumspinnen und assoziieren, zusammen denken, was vorher gar nicht zusammengehörte.

Der oben angerissene, kommunikative Effekt wurde jedoch zunehmend wichtiger. Obwohl ich ursprünglich nie dachte, daß das hier jemand freiwillig lesen würde. Doch gerade die Überprüfung, das Austesten des eigenen Denkens klappt in Kommunikation mit Anderen immer noch am besten. Das ist ja der Kerngedanke der Theorie des kommunikativen Handelns. Und da ist gerade dieser letztlich auf Sprache reduzierte Raum hier einfach unübertroffen: Weil sich keine institutionellen Regelungen einschleichen wie z.B. Hierarchien (zumindest bei mir hier nicht, und so Strukturen wie bei sogenannten A-Bloggern will ich hier auch nicht haben). Weil eben keine gewachsene "Beziehung" im selben Sinne wie im wahren Leben eine Rolle spielt. Das ist zwar auch der Grund, warum es Trolle gibt und häufig Verletzungen passieren, die keiner intendierte (oder vielleicht manches Mal auch doch, was ja nur menschlich ist). Egal. Es macht frei. Und das ist ja wichtig. Da muß man das Negative halt auch in Kauf nehmen.

Seit wann bloggst du?

August/September 2005

Selbstportrait?

Das überläßt man ja eigentlich lieber Anderen. Klar ist, daß MomoRules nicht der ist, der hier gerade tippt. Das ist so eine Art Blog-Persona, die viel mit der Theorie der "nicht-integrierten Persönlichkeitsbestandteile" zu tun hat, allerdings in stark variierter Form. Eigentlich ist das die Theorie des zwölften Hauses im Horoskop: Dieser Effekt, daß man z.B. Wut nicht zeigen kann, weil man irgendwann glaubte, es nicht zu dürfen. Weil irgendwelche antiautoritären Eltern einst immer sagten: "Warum bist Du denn so aggressiv?" Dann läßt man's. Und wütet so richtig rum, wenn man allein zu Hause ist.

Nun ist es nicht so, daß ich nicht auch ständig im wahren Leben Andere mit meinen neuesten, theoretischen Erkenntnissen zulabern würde. Haut also nicht ganz hin, der Vergleich, leben tue ich das schon. Oft darf ich aber auch nicht - siehe oben. Insofern geht das da nur dosiert. Und im Job noch dosierter.

Hier kann ich mich dem lustvoll hingeben, und jene Facette ist es auch, die hier sichtbar wird. Andere Facetten nur gelegentlich. Und oft schon habe ich überlegt, für andere "Persona", die sich in mir tummeln, vielleicht auch andere Blogs anzulegen. Kommt ja vielleicht noch. Die Theorie der Sub-Persönlichkeiten ist ja keine Theorie der Multiplen Persönlichkeit. Sondern eine, die besagt, daß man nur dann frei ist, wenn sie alle zu ihrem Recht kommen ... und sich so ständig ändern dürfen.

Warum lesen deine Leser deinen Blog?

Keine Ahnung. Müßte ich eigentlich auf die Kommentarspalte verlagern. Eigentliche Intention war das Unpopuläre. Daß sich jetzt trotzdem täglich zwischen 100 und 200 Leute hierher verirren, manchmal mehr (bei ca. der Hälfte Suchanfragen), das wundert mich wirklich.

Und da sind so tolle Leute dabei! Neuankömmlinge wie Loellie, Googlehupf oder Thomas Hannibal sind eine unglaubliche Bereicherung, Rayson habe in unserer Beziehungskrise aufrichtig vermißt, und wenn so völlig konträre Diskussionspartner wie Statler auftauchen, freue ich mich auch. Ebenso als Netbitch und Che vorbeischauten, das fand ich als deren regelmäßiger Leser super, und, ja, auch Dr. Dean ist hier stets willkommen und Karstens Stöckchen-Wurf fand ich ebenso klasse wie Eriks Lob oder MartinMs Umgang mit Konflikten, sehr souverän, ganz zu schweigen von Marians manchmal fast erschlagender Fakten-Dichte... und das könnte ja vielleicht einer der Gründe sein: Ich freue mich da wirklich, ganz kindlich naiv und aufrichtig.

Es tummelt sich hier ja auch nicht nur ein politisches Lager. Auch wenn ich in letzter Zeit meine Positionen oft wieder aggressiver vertrete - aus guten Gründen -, bemühe ich mich zumindest um den Crossover und versuche trotz aller Klischees, die ich den ganzen Tag verbreite, diese gelegentlich auch zu übersteigen und halbwegs flexibel im Kopf zu bleiben. Auch wenn's nicht immer gelingt. Bin eigentlich ein Suchender, und vielleicht ist da ja gelegentlich ganz interessant, dabei zuzugucken.

Und jeden, den ich in der Aufzählung vergessen habe, bitte ich um Entschudigung. Spannend ist gerade, daß man hier eben nicht im Saft des je eigenen Milieus schwitzt. Das möchte ich nicht mehr missen.

Welche war die letzte Suchanfrage, über die jemand auf deine Seite kam?

Cristiano Ronaldo. Der Junge sorgt hier gerade richtig für Traffic ...


Welcher deiner Blogeinträge bekam zu Unrecht zu wenig Aufmerksamkeit?

Oha. Kann ich so nicht sagen. Manchmal hat man natürlich das Gefühl, zu brillieren, und dann kommt nix, während bei plumpen Provokationen fast immer jemand reagiert ... da könnte ich jetzt aber nix speziell hervorheben.

Dein aktuelles Lieblings-Blog?

Puhh ... bis zur Pause die Gebloggten Welten, wobei ich das erst sehr spät entdeckt habe. Am informativsten finde ich derzeit Che, am amüsantesten den Kölnboy, am besten ärgern tue ich mich bei den B.L.O.G.s, "theoretische Interessen" sind am ehesten bei x-berg oder scrupeda oder Axonas bedient, am quersten denkt oft MartinM, was ich super finde, Somlu bringt mich bei der Lektüre immer auf den Teppich, wenn ich gerade mal wieder unter liberalem Einfluß stehe ... das sind einfach je unterschiedliche Seiten dessen, was ich mag, in verschiedenen Blogs.

Welchen Blog hast du zuletzt gelesen?

Die Liberale Stimme, weil ich mir da gerade die Fragen rauskopiere ...

Wie viele Feeds hast du gerade im Moment abonniert?

Keines.

An welche vier Blogs wirfst du das Stöckchen weiter und warum?

An keinen. Das kann sich hier jeder rausholen, der möchte.

Spinnmilbe fressen Rose auf

Das Wetter und die Musik - ist schon erstaunlich, daß da nicht "Hangin' around" an erster Stelle steht, wenn es schon um die Stranglers geht. Ich stehe musikalisch schon nichts anderes mehr durch als die ollen "Café del Mar"-Sampler, auch wenn die sich retrospektiv anhören wie Fahrstuhl-Musik im Kaufhof.

Spinnmilben fressen derweil meine Rosen auf, und erstaunlich ist, wie's Denken sich wandelt und windet, in's Assoziative übergeht und dem Dunst der bewegungslosen Luft sich anähnelt ... Sätzen begegnet man träge mit Kontemplation, saugt auf und kann kaum antworten, und es kompostiert sich anders, was man liest, braucht länger, findet Punkte nicht ... die große, rhetorische Geste weicht dem Flow, die Analyse der passiven Hermeneutik des Sich-Einlassen-Wollens, ohne zu wissen, worauf denn eigentlich ... Bilder kehren unaufdringlich zurück vor das innere Auge, Bilder von einst, auf der Dachterasse dieser kruden Pension in der zweiten Reihe des Playa des Figueretes (oder wie der heißt), sitzend, die "Rammstein Live"-CD drängt sich in's Ohr und das Gefühl nicht minder, diese pappigen Hotelbauten vor meiner Nase könnten mal eben so vom Sound hinweg gefegt werden ... von der Rache des Ostens am Kapitalismus als solchem. "Sie sprachen nur von Deiner Mutter - so gnadenlos ist nur die Nacht", rollende R's und Engeleien ... aus Trotz packt mich die Lust, "Wish you were here" zu hören, dabei habe ich ...


... das weder als Vinyl noch als CD.

Sonst mag ich Weinschorlen-Abende auf dem Balkon mit Klassik-Untermalung im Sommer, dazu reicht die Kraft schon kaum noch, weil man ja doch die Tage im Büro verbringt und auch Ventilatoren nicht weiter helfen. Die immerwährenden Machtkämpfe, der Posing-Reigen und all die Strategien des Alltags dringen ein in die gefühlte Formlosigkeit des Daseins in der Hitze und machen das, was man nich will.

So findet man sich stündlich neu geformt von jenen Regeln, die so viele Erfahrungsmöglichkeiten sabottieren, am Schreibtisch wieder statt im Garten ... all diese Auflösungswünsche im Wettergeschehen finden sich wider Willen gepreßt in Telefonate, e-mails und die Verzweiflung der Kollegen, daß wie bei jedem Projekt die Zeit davonrinnt wie diese Dali-Uhren. Schmelzen wollen statt Produzieren ... Sehnsucht, unerfüllt. Egal. Ich muß zur Arbeit. "Everybody loves the sunshine", singt die Café del Mar-CD da gerade. Na ja, nicht immer ...

27.07.06

Donald Duck gegen Betty Boop

Zu mehr als Zitaten reicht's bei mir nicht bei dieser Hitze. Ist ja grauenhaft, dieses Zurückgeworfensein auf's je eigene Schwitzen. Anläßlich dessen hier bleibt jedoch auch im benebelten Zustand der dicken Luft, die Höchsttemperaturen hervorbringen, die Erkenntnis, daß das immer Neu-Aufsuchen der Kritischen Theorie wie auch des Denkens Adornos eben jenen Nerv trifft, der den Propagandisten einer vermeindlich offenen Gesellschaft dann so richtig weh tut: Wer die immer gleichen Worthülsen und Diskreditierungsmuster braucht, um große Denker dann vermeindlich zu "widerlegen", der kann die Unterwerfung des Besonderen durch das Allgemeine eben noch nicht mal im Ansatz denken und gehört dafür eigentlich mitleidig geknuddelt. Vielleicht spürt er sich dann ja mal. Also, mitten hinein in die Dialektik der Aufklärung:

"Die Analyse, die Tocqueville vor hundert Jahren gab, hat sich mittlerweile ganz bewahrheitet. Unterm privaten Kulturmonopol läßt in der Tat "die Tyrannei den Körper frei und geht gerdewegs auf die Seele los. Der Herrscher sagt dort nicht mehr: du sollst denken wie ich oder sterben. Er sagt: Es steht Dir frei, nicht zu denken wie ich, dein Leben, deine Güter, alles soll dir bleiben, aber von diesem Tag an bist du ein Fremdling unter uns." Was nicht konformiert, wird mit einer ökonomischen Ohnmacht geschlagen, die sich in der geistigen des Eigenbrötlers fortsetzt. Vom Betrieb ausgeschaltet, wird er leicht der Unzulänglichkeit überführt. Während heute in der materiellen Produktion der Mechanismus von Angebot und Nachfrage sich zersetzt, wirkt er im Überbau als Kontrolle zugunsten der Herrschenden. Die Konsumenten sind die Arbeiter und Angestellten, die Farmer und Kleinbürger. Die kapitalistische Produktion hält sie mit Leib und Seele so eingeschlossen, daß sie dem, was ihnen geboten wird, widerstandslos verfallen. Wie freilich die Beherrschten die Moral, die ihnen von den Herrschenden kam, stets ernster nahmen als diese selbst, verfallen heute die betrogenen Massen mehr noch als die Erfolgreichen dem Mythos des Erfolgs. Sie haben ihre Wünsche. Unbeirrbar bestehen sie auf der Ideologie, durch die man sie versklavt. Die böse Liebe des Volkes zu dem, was man ihm antut, eilt der Klugheit der Instanzen noch voraus. (...) Es fordert Mickey Rooney gegen die tragische Garbo und Donald Duck gegen Betty Boop."

Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Frankfurt/M. 2004, 15. Auflage, Dialektik der Aufklärung, S. 141 - 142,

26.07.06

Über Flughäfen

"Wir haben da noch so eine Aktion 5 plus Hut mit im Programm" spricht säuselnd die Promotionagenturvertreterstimme links von mir in ihr Handy. Das Hemd, das stolz er trägt, ist weiß, frisch gebügelt und in die Hose gestopft. "Wer fünf kauft, bekommt einen Hut dazu".

Der Typ läßt sich dabei von der Status-kompatiblen Blondine an seiner Seite den ausrasierten Nacken massieren. Das zur Gel-Fläche geglättete Haar darüber glänzt wie aus der Zeit, als die Tempo "Lust auf Prinzen" machte. "Wir könnten jedem der Gäste ein Glas - 0,1 - reichen, das wären dann so sieben Kästen. Das ist der klassische Probierkontakt, dann kaufen unserer Erfahrung nach die Leute mehr". Gefällig, die Stimme. Betont auf jeden verbalen Schmiß oder devote Butlerhaftigkeit verzichtend schmeichelt der Heini auf den roten Plastiksitzen der Sports-Bar am Münchener Flughafen dem Kommunikationsmedium als solchem. Obwohl man auf diesen Sitzen so erbärmlich schwitzt.

Eine kaum ihre Würde wahrende, ältere Dame mit goldenen "College-Schuhen" (so nannte man die in meiner Jugend, als die heutigen Liberalen im Netz noch Popper waren und Lacoste und Benneton trugen) und Wasser im rechten Bein lauscht derweil den Beschwerden der Frau Kellnerin über unhöfliche Gäste: Manche setzten sich einfach an den Tisch und herrschten sie an: "Aschenbecher!!!" Kein "Bitte!", kein "Grüß Gott!". Danach diskutierten die dann wahrscheinlich, ob sie ihr Trinkgeld gäben ...

Rechts von mir zeigt ein gealterter Öko-Schönling mit grau durchsetzten Locken, ...

... ein Flip-Flop-Träger, der Welt seine schier unglaublich häßlichen Füße. Krunkelig geschnittene Fußnägel und seltsame deformierte Konturen haben die Zehen - natürlich klebt auch an seinem Ohr ein Handy, und mit sanft-lächelndem, von viel leisem, betont leisem Lachen unterbrochenem, einflüsterndem Gewinnenwollen flirtet er auf seine Freundin oder sowas ein. Wahrscheinlich sind die Laute, die er ausstößt, so lockend ausstößt, irgendein Code für eine erotische Spielart namens "5 plus Hut".

Mein Chef stößt zu mir hinzu und möchte Spiegel-Eier bestellen. Die Frau Kellnerin, fast verzweifelnd lächelnd, weist darauf hin, daß jetzt der Koch doch schon den Mittagstisch bekoche, und dann so ein Spiegelei außer derReihe - sie würde es aber versuchen. Mein Chef empört sich grinsend über deutsche Dienstleistungsmentalität und beginnt zu diskutieren, ob wir ihr Trinkgeld geben sollen. Er bekommt seine Spiegeleier. Sie bekommt ihr Trinkgeld. Und wir beginnen zu diskutieren, wie wir uns Meeting gleich beim Kunden möglichst gut verkaufen ...

24.07.06

Formen der Öffentlichkeit: Die unternehmerische Risikogesellschaft und ihre strukturellen Antworten

Es gibt ja Leute, die behaupten, daß z.B. Anzeigenkunden von Zeitungen oder im Fernsehen lediglich "abgeleiteten Interessen" folgen würden. Verstanden habe ich das nicht wirklich, gemeint ist wahrscheinlich: Primär wichtig ist, daß das Medium als solches glaubürdig sei, sich gut verkaufe, das "Vertrauen" seiner Leser- bz. Zuschauerschaft gewinne. Und dann würden diese Medien eben unabhängig von ihren Inhalten eine gutes Umfeld für Werbung bieten.

Was bei per se bei im Konsumentenparadigma sich situierenden Medien wie Computerzeitschriften oder aber den wenigen, überregional relevanten Zeitungen wie der Süddeutschen, der FAZ oder dem Spiegel noch der Fall sein mag - gilt das auch für's Privatfernsehen? Wieso der Skandal rund um das Product-Placement im "Marienhof" - einem öffentlich-rechtlichen Programm? Da habe doch nur ein Sponsor nur seine Funktion erfüllt, würde dann u.U. geantwortet. Machtfragen in Wirtschafstkontexten werden ja kurioserweise nicht als solche behandelt, das erstaunt. Und daß ...

... in Kontexten total gewordener Unterhaltung, wie das Privatfernsehen sie darstellt, freilich sich die Frage schon kaum noch stellt, wie berichtet wird, ob glaubwürdig oder nicht, weil außer bei NTV oder N24 außerhalb infotainiger Nachrichtensendungen und boulevardesken Biotopen wie Spiegel TV und sehr vereinzelten Reportage-Sendeplätzen gar nicht mehr berichtet wird - diese strukturell durch Werbefinanzierung hervorgebrachte Realitätsselektion bedarf offensichtlich gar nicht der Erörterung, ist halt der Lauf der Dinge in der Ökonomisierung der Welt.

Um so interessanter das hier - nicht neu, aber wichtig (via Axonas): Das "Repututationsrisiko" von Konzernen:


"Aus der Perspektive von Unternehmen kann sich durch die Politik und durch NGO-Aktivitäten, die eine Verantwortungsübernahme und in manchen Fällen Regulierungen einfordern, ein dreifaches Risiko aufbauen:

* Das Reputationsrisiko entsteht vor allem für Unternehmen, die nahe am Endverbraucher agieren und einen Markennamen etabliert haben. Die eigene Marke und damit der saubere Markenname spielt eine größere Rolle als bei anderen. Wer einmal an den Haken einer gut geführten und vielleicht internationalen NGO-Kampagne geraten ist, kann ein Lied über die Mühen singen, das Profil des Unternehmens wieder zu verbessern. Ist der Ruf erst einmal beim Konsumenten ruiniert, können sich die Wettbewerber freuen. (...)
* Für Unternehmen, die sich nicht vorsorglich auf mögliche Regulierungen zum Schutz öffentlicher Güter einstellen, können diese zum regulativen Risiko werden: Während die, die Reduktion von Emissionen rechtzeitig in ihr Geschäftsmodell einbauen, vom EU-Emissionshandel profitieren, sind die, deren Emissionen weiter steigen, die ökonomischen Verlierer.(...)
* Als drittes Risiko stellt sich zunehmend auch in Europa das Klagerisiko für Unternehmen dar, nachdem dies im Rahmen des angelsächsischen Rechtssystems schon eine lange Tradition hat.1 Im Extremfall geht es um große Schadensersatzsummen, wie gegen die Tabak-, Asbest- oder Fastfood-Industrie.(...)

Klaus Milke: "Geschäft und Verantwortung - Zur Debatte um ökologische und soziale Kriterien für unternehmerisches Handeln"; in:"Zur Lage der Welt 2006. China, Indien und unsere gemeinsame Zukunft"; Münster 2006"

Ach, was wurde gewitzelt über den Begriff der "Risikogesellschaft", den Ulrich Beck einst nach Tschernobyl in die Debatte einführte. Ein blanker Hohnes-Rausch gegen linke Bedenkenträger wird bis heute ausgeschüttet, jene, die alle Lebensrisiken bannen wollen, die feigen Schweine, zur Selbstverantortung nicht fähig.

Daß freilich die ökonomischen Systeme im Gegensatz zum Einzelnen ihr Risiko stets strukturell zu bannen wissen, während sie parallel genau das beim Einzelnen verhindern wollen - nö, kein Thema.

Strukturelle Risikominimierung bei gleichzeitiger Profitmaximierung wirtschaftlicher Systeme findet statt, indem sie z.B. einfach als Kunden Zeitungen finanzieren und so für die freiwillige Selbstkontrolle der Redakteure noch nicht mal mehr direkt sorgen müssen: Solche Phänomene bleiben zumeist unerwähnt auf wirtschaftsliberaler Seite, weil Wirtschft eben in der Wirtschaft gemacht würde, und was dort geschieht, sei a priori richtig und gut (wobei das Problem, daß es sonst wohl gar keine Zeitungen gäbe, nicht unerwähnt bleiben sollte).

Daß die Reduktion eines Mediums auf die Unterhaltungsfunktion ebenfalls dann ganz von selbst geschieht, wenn primär an Quoten sich die Macher orientieren, so daß ganz automatisch die Risikominimierung eintritt, ist eben der Lauf der Dinge.

Insofern fröhlich weiter gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk wettern als Wirtschaftslobbyist aus freiem Willen und die Legitimation der Existenz dieses Systems an Zuschauerzahlen koppeln: Daß die Infragestellung der eigenen Position dann nicht mehr durchdringt oder breitenwirksam werden kann, ist offenkundig. Die Meinungsfreiheit kann so auch Teil der eigenen Programmatik bleiben: Daß differente Positionen dann perspektivisch auch nicht mehr zum Zuge kommen, dafür ist gesorgt. Was nichts anderes vorbereiten soll eine Diskussion des Begriffs "kommunikativer Macht" in der kleinen Reihe "Die Anti-Traum-Droge" ...

21.07.06

Stellt das nicht das Problem auf den Kopf?

Via MartinM bin ich bei einer Diskussion gelandet, die an eine andere hier im Blog anknüpft. Gefragt wird, wenn ich's richtig verstehe, ob der Typus des armen Poeten zu wirkungsmächtig als Vorbild für "Kunstschaffende" sei - und wieso so viele es als schlimm empfänden, daß man mit "Kunstschaffen" auch Geld verdiene.

Nun wird "Kommerzialität" wohl in einer starken und einer schwachen Weise als Beurteilungskriterium verwendet: Einmal einfach rein-ästhetisch als Kriterium für "Gefälligkeit", "Massenkompatibilität" etc., eben nicht wirklich qulitativ hochwertig, sowas wie Lidl. Da kann dann die ganze Nummer mit den Distinktionsgewinnen anknüpfen, daß man sich also nur über eine reine Abgrenzung zur tumben Masse selbst als ästhetische Elite begreifen will. In dieserV Relation kann man sich als armer Poet ganz gut selbst bestätigen.

Die andere, stärkere Verwendungsweise setzt er bei der Frage an, was es mit den "Kunstwerken" selbst macht, wenn sie für einen Markt produziert werden - sie liegt also der ersten sozusagen zugrunde. Und ebenso, was es mit dem Künstler macht, wenn er beginnt, sich an Kundenwünschen zu orientieren.

Das ist viel komplizierter, weil es Fragen des Authentischen, des Expressiven, auch kunstgeschichtliche Fragen sowie die Möglichkeit einer wie auch immer "unverfälscht" auftretenden Kunst aufwirft, und ebenso jene der Möglichkeit einer sehr weit zu verstehenden "Aussage" des "Kunstwerkes". Wie auch die Frage, ob man diese denn produzieren kann, wenn man die Verkäuflichkeit antizipiert: Weil Märkte für kreative Leistungen in der Regel temporär, je nach "Angesagtem", bestimmte Formen vorgeben, die einfach nur gesellschaftlich Dominierendes reproduzieren und meistens die konkrete Form dann auch "abnutzen" (Paradebesipeil sind hier immer Punk und die Neue Deutsche Welle in den frühen 80ern). Das Ergebnis ist dann die "Kommerzialität" als ästhetisches Kriterium, jedoch nicht einfach nur so, sondern in einer Kritik der politischen Ökonomie ganz klassisch bbegründet.

Dann ist aber gar nicht die Frage, ob man nun Geld verlngen sollte für kreative Leistungen, sondern in der Tat, ob Kunst in Märktverhältnissen möglich ist. Dann muß man aber die uralte Frage beantworten, was Kunst denn sei, und das ist eine andere Frage als die nach der Entlohnung ... und ebenso läßt sich die Frage, was Kunst wert sei, so zumindest nicht mehr ausschließlich monetär beantworten.

20.07.06

"Warum darf ich keine Kanadier besitzen?"

Spannend ist immer wieder, daß im Gedächtnis haften bleibt, was man eigentlich erst lange suchen müßte. Aber nicht, was drumherum dann auch noch steht. Warum wohl? Marketing-Experten wüßten wohl Antworten ... Kulturhistoriker, Psychoanalytiker und Ethnologen ebenso. Ich auch! Verrrate ich aber heute nicht.

Da schreibt das Antibürokratieteam über eine Anzeige einer Organisation in England, die Gewalt gegen Schwule im Namen des christlichen Gottes mit blutigem Bilde geißelt, und schwupps feiert das folgende Zitat seine Auferstehung:


ES SOLL EIN MANN NICHT BEI EINEM MANNE LIEGEN WIE BEI EINER FRAU

- und der, der's schreibt, macht das auch noch durchgängig in Großbuchstaben. Erstmals zeigten mir die Textstelle Zeugen Jehovas an der Haustür unseres Reihenhauses.

Nun wird seit geraumer Zeit heftig diskutiert, welches Bibelwort wie zu deuten sei, das auf das, was wir heute als "Homosexualität" bezeichnen, sich beziehen könnte (wobei der Römer-Brief da schon ziemlich deutlich ist - wieso dieser Teil der Bibel ist, darüber würde ich von Theologen eh gerne mal aufgeklärt) ; außerdem legt man sich zu Männern sowieso nicht wie zu einer Frau, sondern eben wie zu einem Mann, auf die steht man schließlich, wenn man "homosexuell" sich nennen lassen muß, und auch da legt man sich zu jedem Mann anders, und mit manchen bleibt man auch gleich stehen. Je nachdem.

Aber auch das ist einer der Punkte in der Diskussion rund um Homosexualität und Bibel: Ob jene Erfahrung, die wir heute "homosexuell" nennen, überhaupt Erwähnung findet oder finden kann in der heiligen Schrift. Da können lettische Muttis noch sehr kochendes Wasser auf jene, die diese Erfahrung zu genießen wissen, schütten wollen ...

Da ich als guter Kirchensteuer-Zahler und auch sonst dem christlichen Glauben sehr verbunden mich fühlender Mensch natürlich 'ne Bibel im Büro stehen habe, habe ich heute richtig intensiv gesucht nach oben zitierter Passage und fand sie erst gar nicht. Dank Netz dann doch - und auch dieseshier kreuzte meinen Weg:

Christliche Regeln nach Leviticus

Laura Schlessinger ist eine US-Radio-Moderatorin, die Leuten, die in ihrer Show anrufen, Ratschläge erteilt. Kürzlich sagte sie, als achtsame Christin, daß Homosexualität unter keinen Umständen befürwortet werden kann, da diese nach Leviticus 18:22 ein Greuel wäre.
Der folgende Text ist ein offener Brief eines US-Bürgers an Dr. Laura, der im Internet verbreitet wurde.

Liebe Dr. Laura

Vielen Dank, daß Sie sich so aufopfernd bemühen, den Menschen die Gesetze Gottes näher zu bringen. Ich habe einiges durch Ihre Sendung gelernt und versuche das Wissen mit so vielen anderen wie nur möglich zu teilen.
Wenn etwa jemand versucht seinen homosexuellen Lebenswandel zu verteidigen, erinnere ich ihn einfach an das Buch Mose 3, Leviticus 18:22, wo klargestellt wird, daß es sich dabei um ein Greuel handelt. Ende der Debatte.
Ich benötige allerdings ein paar Ratschläge von Ihnen im Hinblick auf einige der speziellen Gesetze und wie sie zu befolgen sind:

1. Wenn ich am Altar einen Stier als Brandopfer darbiete, weiß ich, daß dies für den Herrn einen lieblichen Geruch erzeugt (Lev. 1:9). Das Problem sind meine Nachbarn. Sie behaupten, der Geruch sei nicht lieblich für sie. Soll ich sie niederstrecken?
2. Ich würde gerne meine Tochter in die Sklaverei verkaufen, wie es in Exodus 21:7 erlaubt wird. Was wäre Ihrer Meinung nach heutzutage ein angemessener Preis für sie?
3. Ich weiß, daß ich mit keiner Frau in Kontakt treten darf, wenn sie sich im Zustand ihrer menstrualen Unreinheit befindet (Lev. 15:19-24). Das Problem ist, wie kann ich das wissen? Ich hab versucht zu fragen, aber die meisten Frauen reagieren darauf pikiert.
4. Lev. 25:44 stellt fest, daß ich Sklaven besitzen darf, sowohl männliche als auch weibliche, wenn ich sie von benachbarten Nationen erwerbe. Einer meiner Freunde meint, daß würde auf Mexikaner zutreffen, aber nicht auf Kanadier. Können Sie das klären? Warum darf ich keine Kanadier besitzen?
5. Ich habe einen Nachbarn, der stets am Samstag arbeitet. Exodus 35:2 stellt deutlich fest, daß er getötet werden muß. Allerdings: bin ich moralisch verpflichtet ihn eigenhändig zu töten?
6. Ein Freund von mir meint, obwohl das Essen von Schalentieren, wie Muscheln oder Hummer, ein Greuel darstellt (Lev. 11:10), sei es ein geringeres Greuel als Homosexualität. Ich stimme dem nicht zu. Könnten Sie das klarstellen?
7. In Lev. 21:20 wird dargelegt, daß ich mich dem Altar Gottes nicht nähern darf, wenn meine Augen von einer Krankheit befallen sind. Ich muß zugeben, daß ich Lesebrillen trage. Muß meine Sehkraft perfekt sein oder gibt's hier ein ...

wenig Spielraum?
8. Die meisten meiner männlichen Freunde lassen sich ihre Haupt- und Barthaare schneiden, inklusive der Haare ihrer Schläfen, obwohl das eindeutig durch Lev.19:27 verboten wird. Wie sollen sie sterben?
9. Ich weiß aus Lev. 11:16-8, daß das Berühren der Haut eines toten Schweines mich unrein macht. Darf ich aber dennoch Football spielen, wenn ich dabei Handschuhe anziehe?
10. Mein Onkel hat einen Bauernhof. Er verstößt gegen Lev. 19:19 weil er zwei verschiedene Saaten auf ein und demselben Feld anpflanzt. Darüber hinaus trägt seine Frau Kleider, die aus zwei verschiedenen Stoffen gemacht sind (Baumwolle/Polyester). Er flucht und lästert außerdem recht oft. Ist es wirklich notwendig, daß wir den ganzen Aufwand betreiben, das komplette Dorf zusammenzuholen, um sie zu steinigen (Lev. 24:10-16)? Genügt es nicht, wenn wir sie in einer kleinen, familiären Zeremonie verbrennen, wie man es ja auch mit Leuten macht, die mit ihren Schwiegermüttern schlafen? (Lev.20:14)

Ich weiß, daß Sie sich mit diesen Dingen ausführlich beschäftigt haben, daher bin ich auch zuversichtlich, daß Sie uns behilflich sein können. Und vielen Dank nochmals dafür, daß Sie uns daran erinnern, daß Gottes Wort ewig und unabänderlich ist.

Ihr ergebener Jünger und bewundernder Fan
Jake"

Nein, ich will mich beim besten Willen nicht über die Bibel und auch nicht das Alte Testament als solches lustig machen und käme auch im Traum nicht drauf, irgendjemandem heutzutage in politischen Kontexten "altestamentarische Rachfeldzüge" unterschieben zu wollen (wie's ja gelegentlich geschieht). Ich plädiere jedoch ausdrücklich für eine kritisch-historische Hermeneutik der Texte - das Umfeld dieser Text-Passage ist schon sehr archaisch. Und stimme Rayson zu, daß auch meinem bescheidenen Wissen in dieser Frage folgend genau die es ist, die dem Islam aktuell wohl fehlt ...

PS: Ich habe den Text einfach so übernommen, weil ich ihn in mehreren Quellen wortgleich ohne Angabe einer ursprünglichen Quelle fand. Falls da jemand Copyright beansprucht - bitte mailen!

Wie sie auch uns regieren wollen ...

"Früher haben Präsidenten aller Couleur den Mindestlohn angehoben: Eisenhower, Richard Nixon, George Bush (der Vater). Doch die heutigen Republikaner sehen den Mindestlohn als Job-Killer. Als Anreiz, sich auf die faule Haut zu legen. Ähnlich wurde in den neunziger Jahren argumentiert, in der Diskussion um den drastischen Abbau der US-Sozialhilfe unter dem Demokraten Bill Clinton.

"Dies ist eine klassische Debatte zwischen zwei gegensätzlichen Philosophien", sagt der republikanische Senator Johnny Isakson. "Die eine glaubt an die Kraft des Marktes, an Wettbewerb und Unternehmertum. Die andere glaubt, der Staat wisse es am besten." Grob gesagt: Markt gegen Sozialstaat."

So heute bei SpOn ein Bericht über die gleichzeitige Diätenerhöhung für Abgeordnete und Agitation gegen Mindestlöhne in den USA. Volkserziehung durch Wirtschaftspolitik:


"Mehr Geld würde Geringverdiener zur Faulheit verleiten, heißt es."

Die klassisch paternalistische Ausrichtung neoliberaler Rhetorik wird hier einmal mehr überdeutlich: Schon die Rede von "Anreizen" in der Wirtschaftstheorie ist ja recht unverhohlen ein Konditionierungsprogramm. Kann zwar auch rein beschreibend auftreten, und dann ist es unterkomplex - da mag noch die Antwort, ...


... derartige Modelle hätten ja nicht jegliches menschliche Verhalten zu erläutern, sondern nur das "ökonomisch relevante", akzeptabel sein.

Zumindest dann, wenn nicht zugleich eben diese unterkomplexe Programm als ethische, moralische und politische Begründung gleichermaßen herangezogen würde, und das ja nicht nur in den USA. Also als Antwort auf die Fragen: Wie will ich leben, wie will ich mich zu Anderen verhalten und wie soll gemeinschaftliches Leben gestaltet werden bz. ws begreifen ir ls gemeinschftliches Leben und was nicht.

Es ist schlicht falsch, da nun den ewigen linken Intellektuellen zuzuschieben, sie wollten städnig übergriffig andere nur zu etwas zwingen: Die genuin politischen Fragen werden durch die "Eigenverantwortungs-" und "Vertragsfreiheit"-Diskurse ja nicht etwas ausgehebelt, sondern beanwortet. Insofern ist dem hier zuzustimmen - es gibt sich wahrscheinlich gar nicht, die Fragestellung nach "mehr oder weniger Staat":


"Die Kennzeichnung des Neoliberalismus als "Herrschaft des Marktes" vermischt die gesellschaftlichen Konturen der neoliberalen Restrukturierung und reproduziert theoretisch die (neo-)liberale Programmtik einer Trennung von Politik und Ökonomie. In diesem Sinne bereitet sich auch kein deregulierter oder "desorganisierter Kapitalismus" (...) aus, sondern ein anders organisierter bzw. regulierter Kapitlismus. Statt das quantitative Modell eines Nullsummenspiels zugrunde zu legen (mehr Markt bedeutet weniger Staat), ist von einer veränderten Topologie des Sozialen auszugehen, der die Bedeutung dessen, was Ökonomie bzw. Politik meint, neu festgelegt werden."

Thomas Lemke, Susane Krasmann, Ulrich Bröckling, Gouvernementalität, Neoliberalismus und Selbsttechnologien, Eine Einleitung, in: dies., Gouvernementalität der Gegenwart, Frnkfurt/M. 2000, S. 25

Ja, eben. Hier wie in den USA.

19.07.06

Die Anti-Traum-Droge, Teil 6

Erzählformen wie jene, im letzten Eintrag Dargestellten sind weiterhin präsent und unterliegen doch spätestens seit MTV verschiedenen Formen der Fragmentierung - auf Seiten der Produzenten wie auch der Rezipienten.

Da ist zum einen die sogenannte "Clip-Ästhetik", der oft vorgeworfen wurde, Sinn zu destruieren , Zusammenhänge aufzusplitten und so zugleich eine postmoderne Attacke auf die Identitäten der Zuschauer darzustellen.

Große Thesen: Diese direkte Manipulation, die den, der zuschaut, direkt formt und sozusagen hervorbringt, konnte meines Wissens zwar nie belegt werden. Unterschätzen sollte man die hier nur angedeutete Entwicklung dennoch nicht. Nicht etwa, weil eine unzusammenhängende Bilderflut seit der Adaption der neuen Stilmitteln in Genres wie Magazinen oder Dokumentationen Erzählstrukturen aufgelöst habe - das hat sie nämlich gar nicht. Auch im Videoclip selbst tauchten und tauchen immer wieder ganz klassisch strukturierte Geschichten auf, ansonsten sind sie nichts als ein weiterer Ästhetisierungsschub des Fernsehens. Sieht halt gut aus, regt an, es passiert was.

Ob ich nun aber wilde Schnitte in eine Live-Performance hineinmontiere, Liebesgeschichten irgendwelcher Teenager dazwischen setze oder Computersimulationen im Sinne der l'art pour l'art einbaue: Als dies ist allemal ehrlicher als das am "Abbild" Klebende klassischer Bildsprachen. Bildfolgen als Zeitfolgen, ganz egal, ob wie einst mit ...

... Film am Schneidetisch zusammengeleimt oder heute in digitalen Schnittcomputern auf der "Timeline" angeordnet, sind nie Abbild und können dieses auch gar nicht sein. Die "künstlerische Freiheit" der Bildfolgengestaltung macht das einfach nur explizit.

Viel wichtiger als die Ästhetisierung der Bilder erscheint mir sowieso der Sound zu sein. Ist dies doch der eigentliche Unterschied zwischen und Fernehen einerseits, Print-Medien und Radio andererseits - daß, bei der Unmöglichkeit des Ansprechens des Geruchs, des Schmecken und des Taktilen gleich zwei Sinnes-Ebenen gleichzeitig angesprochen werden: Audiovisuell halt, doch der Effekt ist nicht zu unterschätzen.

Die Musikuntermalung von Bildern, bis in manche Nachrichtensendung hinein, wirkt zumeist stärker als Schrift oder Sprache. Und wenn bis heute "seriöse" Nachrichtenmagazine auf derartige Stilmittel verzichten, ist's doch nur Suggestion der Sachlichkeit: Um die Selektion von Bild und Worten, die Sinn dann immer neu erzeugen, kommen auch die klassischen Erzählweisen nicht herum. Wer dann noch Musik darunter legt, macht dieses einfach nur ganz außerordentlich deutlich: Daß eben der Perspektivismus jedem audiovisuellen Erzählen innewohnt und dem auch nicht Klaus Bednarz entrinnt, wenn er minutenlang ein eingeschneites Boot in Sibirien ohne Musik zeigt und dann den Text darauf legt "Ein Boot. Eingeschneit". So oder so ähnlich lief's vor einiger Zeit im "Ersten". Das bringt den Zuschauer auch nicht näher an's Geschehen.

Auch die ganzen auf authentisch setzenden, neuen Doku-Soap-Erzählweisen sind zumeist schon beim Dreh oder spätestens im Schnitt dem Inszenatorischen unterworfen: Man nimmt eben rein, was interessant erscheint. Zudem der Blick der Kamera so oder so Verhalten formt: Das Wissen, gesehen zu werden, verändert Verhalten. Warum, hat Sartre einst in "Das Sein und das Nichts" vortrefflich beschrieben. Und wenn sie's nicht von selber tun, die Protagonisten, dann hilft der Redakteur oder Producer halt nach.

Einen ganz anderer Effekt als jene Clip-Ästhetik, die als nur eines von Mitteln der Inszenierung und Ästhetisierung, um die audiovisuelle Medien eh nicht herumkommen, überlebt hat, hat eine andere Innovation: Das Zappen.


"Zapping destruiert das ist meine zentrale These die in sich geschlossenen Sinneinheiten, aus denen das Fernsehprogramm sich aufaddiert. Fernsehen wird als eine Abfolge von Sendungen produziert, denen ein jeweils geschlossenes Konzept zugrundeliegt, dieselben Sendungen bilden die Sinneinheiten auch für die 'normale' Rezeption, und, nicht zuletzt, fällt es auch der wissenschaftlichen Analyse des Programms ungleich leichter, Sendungen oder Sendereihen zu beschreiben, als jene Interferenzeffekte, die sich an der Schnittstelle zwischen den Sendungen und in der Abfolge der Einzelangebote ergeben. Aber sowohl Alexander Kluge als auch Dieter Prokop haben darauf hingewiesen, daß erst in den Effekten zwischen den Sendungen und letztlich in der Gesamtfläche des Programms das Fernsehen seine spezifische, die Welt strukturierende Wirkung entfaltet.
Die zappenden Zuschauer zerfleddern die Sinneinheiten, die das Fernsehen bietet, in eine Unzahl kürzerer bis sekunden kurzer Sequenzen, die, ihrem Kontext entrissen, ihre Bedeutung vollständig verändern; was, so wird man fragen müssen, bleibt von einem Spielfilm übrig, wenn er mit Nachrichten, Sport oder Show gemixt wird? Was wird aus dem Plot, der psychologischen Motivation der Handelnden, der Argumentation eines Kommentars? Was wird aus dem Rhythmus der Sendung, was aus komplexeren Gestaltungsmitteln und was, allgemein, aus der Intention der Autoren?
Zumindest die zappenden Zuschauer, so scheint es, sind an dieser Form der 'Sinnproduktion' zunehmend desinteressiert. Was aber, wenn die Lust des nachvollziehenden Verstehens entfällt, ist die Lust, die an seine Stelle tritt? Wie kann man die spezifische Prämie beschreiben, die der Zappende sich verschafft."


Tja, wie wohl? Ein unverhältnismäßig langes Zitat aus dem Text "Zapping - Ein Verfahren gegen den Kontext" des Professors für Medien an der Universität Paderborn, Hartmut Winkler, der großartigerweise seine gesamten Veröffentlichungen bis hin zu seinen Büchern auf seine Homepage gestellt hat.

Dieses Zuschauerverhalten hat vor allem Rückwirkungen auf die Programmgestaltung. Diese werden zunehmend - zumindest im Privatfernsehen - so gebaut, daß ein Einstieg für "Zapper" jederzeit möglich ist. Die kurze Sequenz, das einzelne Bild treten so zunehmend in den Mittelpunkt der Gestaltung, ein Reiz-reiht-sich-an-Reiz-Effekt wird in Non-Fiction-Produktionen zum Stilprinzip. Da zugleich die Maxime gilt: "Bloß niemanden anstrengen, Fernsehen ist ein Unterhaltungsmedium!" zieht sich sich als roter Faden oft nicht mehr die Story durch das Programm, sondern reizstarke Flüchtigkeit, so paradox dies scheint. Es gilt als eine jener Regeln, die festlegen, was falsch und was richtig ist im Diskurs der Fernsehmacher.

Reale Fernsehformen mischen zwar je unterschiedlich klassische Formen der Dramatisierung wie jene der aktiven Protagonisten, die gegen antagonistische Kräfte behaupten, mit jenen der reizstarken Flüchtigkeit; nichtstotrotz scheint mir bis in die Blogosphäre hinein der momentane Reiz das dominierende Prinzip zu sein. Einträge dieser Länge hier leist eh kaum jemand bis zu Ende.

Die Wirkung des Zappens, das ja ganz klassisch Teil der Produktivkraftentwicklung ist, korrespondiert mit anderen, medialen Entwicklungen: Jene der SMS z.B., der mails, auch der Kommentarfunktion in Blogs. Die Kunst des Briefeschreibens, wohl ein analoges Erzählprinzip wie jenes der klassischen Dramarturgie, ist weitgehend verschwunden. Mails folgen jedoch anderen Regeln, und verkürzter als eine SMS ist Kommunikation kaum möglich.

Ich habe mittlerweile immer häufiger Praktikanten und Volontaire, die denken so, wie sie SMS und mails schreiben. Das wird wahrscheinlich demnächst eine neue Kunst des Aphorismus hervorbringen, wirres.net arbeitet gelegentlich aktiv daran; daß z.B. mit MC Winkel dennoch klassische Erzählformen weiter und nebenher existieren, ist ja zunächst Vielfalt und somit gut und alles auch kein Grund, nun in ein Lamento über Kulturverfall zu selbst zu verfallen.

Konsequenzen hat's dennoch, wie man gerade in der Blogosphäre abgebildet sehen kann: Die Flüchtigkeit der Kurzform-Kommunikation bedingt z.B. ein Primat der Meinung vor der Begründung. Geht halt schneller und ist auch der stärkere Reiz, ist auch nicht anstrengend. Und selbst wenn es stimmt, daß beim völlig passiven Zappen - Bloggen ist ja wenigstens noch aktive Interaktion im besten Fall - der Zuschauer beim hin- und herschalten neue und andere Bedeutungen generiert als jene, die der Intention des Programm-Machers entspricht (was beim stundenlangen Anstarren eines Van Gogh-Bildes übrigens genau so möglich ist), so hat diese Reduktion und Fragmentierung von Sinnzusammenhängen dennoch Konsequenzen.

Da braucht man sich nur die vielfältigen Kommunkationen rund um den Nahost-"Konflikt" derzeit anzuschauen: Die reflexhafte Kurzförmigkeit in den Kommentarsektionen wirkt trotz allem, was es auch an differenzierten Diskussionen durchaus gibt, manchmal wie ein Dialog zwischen SMSsen. Wobei zuzugestehen ist, daß auf Marktplätzen im 19. Jahrhundert wahrscheinlich auch nicht anders kommuniziert wurde ...

Falls nun politische Entscheidungen diesbezüglich auch hierzulande anstünden und davon auszugehen ist, daß der Großteil der Bevölkerung sich (zappend) über Fernsehen (das auf's Zappen längst schon reagiert hat) und vielleicht auch jenen paar Prinit-Medien, die das Blättern und Headline-Lesen (seit geraumer Zeit auch Kästchen) als lange schon existierende Entsprechungen zum Zappen kultiviert haben, informiert: Welche Konsequenzen hat das dann für jene "Öffentlichkeit", die Demokratien brauchen wie die Luft zum Atmen?

18.07.06

Die Anti-Traum-Droge, Teil 5

Her mit den Verben. Weg mit den Adjektiven. Hauptsachen in Hauptsätze. Die Zielgruppe ist maximal 40 - laß die 50er und 60er raus. Keine "Talking Heads". Es muß eine aktive Hauptfigur geben, die ein klares Ziel hat - die Geschichte erzählt die Widerstände, auf die sie trifft, um es zu erreichen.

Der Protagonist braucht einen Antagonisten. Das funktioniert auch abstrakt, die Nummer mit den antagonistischen Kräften: Individuum versus Staat, zum Beispiel, Freiheit von Zwang. Die Täter-Opfer-Konstellation ist ein Spezialfall dieser Erzählweise, einer, der wie wohl keine anderer die politische Debatte prägt.

Günstig ist, den Protagonisten, den man sich wählt, mit einem hehren Zeil zu versorgen. Weltweite Demokratisierung oder Kampf gegen den US-Imperialismus, zum Beispiel. Das sorgt für Identifikation. Wer will denn nicht das Gute - mal abgesehen davon, was er für dieses hält?

Das ist so trivial wie die Plot-Konstruktion selbst, und Triviales ist nicht immer schlimm und schon gar nicht immer falsch, wie hoffentlich auch dieser Eintrag hier belegt. Insofern empfiehlt es sich, den Antagonisten zum Täter zu machen und mit den Merkmalen echter Scheusale zu versehen. So wie im "Schweigen der Lämmer". Aber dieses Scheusal dann brechen, mit einem Mitleidseffekt versehen zum Beispiel, damit es nicht ein Klischee wirkt.

Seltsam an dem Film ist freilich, daß der Protagonistin eine "Hüter der Schwelle",und zugleich Mentor an die Seite gestellt ist, der die Merkmale des Antagonisten ungleich eleganter verkörpert als der frustrierte Killer selbst,jener, der sich loswerden, sich überwinden will. "Tu's bloß nicht, das ist pervers!" ist dann ein Teil der Message, und die Transformation ist als Monströse illustriert - ein überrgend-scheußliche Mords-Metapher, sozusagen. Aber auch eine Botschaft des Films: Die Lust wohnt oft auf der Seite des Bösen, bei Transen darf sie in Hollywood nur hausen, wenn Patrick Swayzee die spielt und dem ganzen einen Hauch von "Charlys Tante" verleiht. Wenn's im Karnevalesken, nicht in der Lust verortet ist, was gezeigt wird. Tunten sind zum Lachen da, Dirk Bach und der Herr Morgenstern spielen brav mit: Bedeutung und Praktik, in sich verschlungen. Sonst könnte der Zuschauer ja auch eine werden wollen, allen demographischen Problemen zum Trotz.

Der Protagonist muß etwas zu verlieren haben - das, was auf dem Spiel steht, muß schon etwas Großes sein: Entführe sein Kind, erzeugt die Angst, daß seine Frau umgebracht werden könnte, steck junge Mädchen in tiefe Brunnen, schick den Reichen in den Slum und laß ihn arme Menschen überfahren - wenn sein Leben daraufhin in sich zusammenbricht, dann ist die Story gut. Früher nannte man das "Fallhöhe", doch denke daran:


"Andererseits sei literarischer Ehrgeiz völlig fehl am Platz, der "filmschaffende" Autor solle sich vielmehr "immer sagen, dass die Literatur Feind Nummer eins ist"."

Wir machen keine Trends, wir satteln uns ganz oben drauf, wenn sie schon da sind. Make it simple. Make it big. Drei Regeln kennt eine gute Dramarturgie: Konflikt, Konflikt, Konflikt.

Seltsam: Das letztere ist ein Prinzip, das nur vereinzelt in die "Show"-Abteilungen großer Sender eingedrungen ist. Klar, es steuert "Sieben Tage, Sieben Köpfe" ebenso wie "Die hundert nervigsten Popsongs", genauso oft auch gilt die Regel:Schmeiß alles raus, was stört. Gerade bei der Fußball-WM wurde dies par excellence und rituell zelebriert, die neuen Pläne rund um "Ausländergesetzgebung" und Hartz IV bestätigen dieses als Wohlfühl-Prinzip des Erzählens. Da wuchert er weiter, der Heimatfilm. Also: Setze ...

... auf Bewährtes. Michel Foucault schreibt in die Ordnung des Diskurses hierzu:


"Es gibt offensichtlich viele andere Prozeduren der Kontrolle und Einschränkung des Diskurses. (...) Ich glaube, man kann eine andere Gruppe ausmachen. Interne Prozeduren, mit denen die Diskurse ihre eigene Kontrolle selbst ausführen; Prozeduren, die als Klassifikations-, Anordungs-, Verteilungsprinzipien wirken. (...) Hier ist in erster Linie der Kommentar zu nennen. Ich nehme an, daß es kaum eine Gesellschaft gibt, in der nicht große Erzählungen existieren, die man erzählt, wiederholt, abwandelt; Formeln, Texte ritualiserte Diskurssammlungen, die man bei bestimmten Gelegenheiten vorträgt; einmal gesagte Dinge, die man aufbewahrt, weil man in ihnen einen Reichtum vermutet. (...) Ein einziges literarisches Werk kann gleichzeitig zu recht unterschiedlichen Diskurstypen Anlaß geben: die Odysee als Primärtext wird gleichzietig in der Übersetzung von Bérard und, in unzähligen Texterklärungen und im Ulysses von Joyce wiederholt."

Michel Foucault, die Ordnung des Diskurses, a.a.O., S. 17 + 18 + 19



Lyotard
und Hollywood haben dies gleichermaßen aufgegriffen und weiter gedacht. Skript-Lehrer wie Robert McKee arbeiten mit dem Archetypen-Konzept C.G. Jungs, mit mythischen Figuren und Erzählmustern, die im "kollektiven Unterbewußtsein" hausen. Der Weckruf des Helden, der Mentor, der Gestaltwandler, die Heldenreise, in deren Verlauf dieser sich wandelt. Doch auch jede öffentlich-rechtliche Volksmusik-Gala ist ein Kommentar zum Blauen Bock: So macht man Programme. Man kommentiert Gewesenes. Die Berichterstattung zum 11. September und zum Tsunami müßte man systematisch mal vergleichen.

Urtexte sind auch Kant, der Koran, die Bibel, Adam Smith und Karl Marx, mittlerweile wohl auch Foucault selbst, den ich hier kommentiere. Die Selbstferenz des Medialen, das immer erneute Sich-Schließen verdankt sich wohl diesem Mechanismus, der das Denken bannt und jedes Ereignis auschließt, weil er es mit bekannten Mitteln zelebriert ... das ist dann wohl zugleich das Menon-Paradox.

16.07.06

Für den Schah sein?

Seltsam, wer plötzlich mittrötet zum Kampfgetöse gegen ein ach so verhaßtes Milieu, das in der Blogosphäre eher diffus denn sachlich begründet als "Die Linke" aufgebaut sich findet.

Manchmal scheint mir, daß es in vielen Diskussionen weder um Politik noch um Wirtschaft geht, sondern um Aversionen, die seit der Schulzeit der eine oder andere gegen bestimmte Leute aus der einen oder anderen Schulhofecke hatte.

Denn was attackiert wird, ist nicht zufällig das, was diese gut fanden, die man dort nicht mochte (oder zu denen am Ende man selbst auch gehörte): Greenpeace, Teile dessen, wofür '68 stand, eine tiefe Antipathie gegen US-Unterhaltungskultur und deren Wahrnehmung als Nivellierung und Propaganda, der Wunsch, daß zumindest auch ein gewisses Niveau im Fernsehen neben Unterhaltung auch möglich sein solle und Studiengänge wie Soziologie, Politikwissenschaften oder Geschichte und die Vorstellung, daß es Berreiche gäbe, in denen Geld keine Rolle spielt.

Aus Ressentiments gegen dieses Denken werden dann weltpolitische und weitreichende innenpolitische Schlußfolgerungen gezogen, und, als gäbe es in all diesen Bereichen nicht genug sachlich begründbare Kritik- und Diskussionsmöglichkeiten, behauptet man vorzugsweise, daß "die Linken" oder "die Intellektuellen" wahlweise Massenmörder feiern oder Massenmorde propagieren würden.

Was man als Albernheiten abtun könnte, wenn man nicht Entwicklungen in den USA vor Augen hätte, wo partiell, soweit ich weiß, um ähnliche Topoi ein wüster Kulturkampf tobt - mit schweriegenden Folgen. Und hätte man nicht das Gefühl, daß in der Blogospäre unverblümt ausgesprochen wird, was ein Herr Wulff in Niedersachsen und andere wirklich denken. Und, noch eins drauf: Wären diese Sprüche nicht verdammt ähnlich jenen, die die Eltern der '68er auf ihrer Zunge trugen. Da schwingt auch Börners Dachlatte als Subtext mit ...

Aktueller Anlaß: Das hier und das hier. Das erschrickt, weil der Autor ansonsten zu differenzieren vermag. Eine schlecht verdaute Diffamierungssauce gegen Künstler und Intellektuelle (diese allerdings aus verschiedenen politischen Lagern, dfür jedoch in bewährter links=rechts-Manier gestrickt) wird ausgespuckt, argumentativ so stark wie ein Otto-Katalog. Auch das könnte man wie Werbung im Briefkasten mal eben gedanklich entsorgen und es weiter bei der sonstigen Sympathie belassem, würde sich da nicht ...

... dieses so üble Gebräu von Künstler- und Intellektuellenfeindlichkeit im Text seinen Weg bahnen, das so typisch ist für den Neoliberal-Neocon-Komplex (ich meine damit eine diskursive Formation, keine konkreten Personen, und der Autor gehört für mich auch eigentlich nicht dazu). Der dann alles kommerzialisieren will, um zur Kompensation christliche oderFamilien-Werte zu fordern (letzteres würde auch Martin nie tun, einen Baustein zur Gesamt-Formation schnitzt er trotzdem).


"Sogar brilliante Philosophen wie Heidegger (packtierte mit den Nazis), Bloch (verteidigte lange Zeit den Stalinismus), Satre (fand Mao und Castro gut) oder selbst Foucault (schwärmte zeitweise für Ruhollah Chomeini) sind nicht von tyrannophilen Aussetzern sicher.

Gegen diese Masse an kollektiver Blindheit kann man die wenigen wirklich kritischen (das heißt immer auch: selbstkritischen) Künstler, Schriftsteller, Intellektuellen mit der Lupe suchen."

Da wird zwar Brillianz dem Denken wenigstens noch zugestanden, trotzdem ist diese Aufreihung als solche eher suggestiv denn erhellend, und das, was in der Tat spannend wäre - nämlich zu untersuchen, welche Denkschritte zu welchen Konsequenzen führten - bleibt unerwähnt. Und sowas führt dann schnell zu solch lächerlichen Plakaten wie jenem der FDOG, daß der Weg zu Hölle mit guten Absichten gepflastert sei, eines, das selbst die Ästhetik der Totalitären nicht zufällig reproduziert.

Heidegger zum Beispiel: Es gibt unzählige Texte, die dessen Hinwendung zum Nationalsozialismus nachzeichnen und Spuren auf dem Weg dorthin nicht in guten Absichten, sondern eher im seherischen Gestus, der sich der Argumentation entzieht, vermuten. Ein Thema, das zusätzlich spannend ist, vergleicht man es mit der Rede Gottfrieds Benns an die Emigranten 1933, in der der Dichter das Irrationale beschwor - übrigens in Auseinandersetzung mit einem anderen Dichter, Klaus Mann. Das liefer ich noch mal nach, falls meine Ereinnerung trügt.

Auf jeden Fall würde eine solche Auseinandersetzung im Gegensatz zu diesem Konstrukt der "Tyrannophilie" Wege zum Totalitären erhellen. Ein Beispiel nur für diese Art der Auseinandersetzung findet sich in Ernst Tugendhats Selbstbeußtsein und Selbstbestimmung - zugegebenermaßen philosophisch schwere Kost:

"Heidegger hat nun aber nicht etwa, wie man erwarten könnte, mit dem Begriff des Guten auch den des Wahren über den Haufen geworfen. Die Sache liegt komplizierter. Ausgehend davon, daß eine Aussage etwas "erschließt", hat Heidegger den Wahrheitsbegriff so formalisiert, daß er ihn schließlich so weit faßte wie den Begriff der Erschlossenheit (§44). Damit ist jedoch der spezifische Sinn von "wahr" - nämlich Begründungs- und Ausweisungsanspruch - entfallen; indem gleichwohl das Wort Wahrheit beibehalten wird, entsteht gleichzeitig der Schein, als ob der Wahrheitsbegriff erhalten bliebe und sogar vertieft würde, und dadurch ergibt sich eine eigentümlich schillernde Situation. So bezeichnet Heidegger z.B. die Entschlossenheit, die Existenz im Modus der Eigentlichkeit, als die "ursprünglichste", weil eigentliche Wahrheit des Daseins, und das ist natürlich ganz konsequent, weil die Entschlossenheit die Erschlossenheit im Modus der Eigentlichkeit ist. (...) Wohin aber diese entrationalisierte Konzeption von Wahl führen kann, läßt sich an einer Rede sehen, die Heidegger im November 1933 zur Unterstützung von Hitler vor dem Volksreferendum zum Austritt aus dem Völkerbund gehalten hat. Sie beginnt so: "Das deutsche Volk ist vom Führer zur Wahl gerufen; der Führer aber erbittet nichts vom Volke, er gibt vielmehr dem Volke die unmittelbare Möglichkeit der höchsten, freien Entscheidung, ob das ganze Volk sein Dasein will, oder es dieses nicht will.""

Ernst Tugendhat, Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung, Frankfurt/M. 1989, 4. Auflage, 239 + 243

Da sind jetzt einige Schritte der Darstellung der heideggerschen Philosophie ausgelassen, nichtsdestotrotz wird klar, daß eine Mischung aus Entfremdungsdenken - bei Heidegger heißt das "Eigentlichkeit" - und irrationalistischem Dezisionismus nachhaltig zum Überlaufen zu den Nazis einst beitrug, und da werden die von Martin aufgeworfenen Fragen dann auch tatsächlich erhellend. Aber nicht, indem man Intellektuellen die Applaus-Sehnsucht unterschiebt.

Wie kommt er darauf? Auch dieser Unsinn, kritische und selbstkritische Intellektuelle müsse man mit der Lupe suchen - nur auf die mir bekannten eingehend: Gerade die Moralphilosophie Tugendhats ist in immer neuen Anläufen eine einzige Selbstkritik, kann ich bei Glegenheit gerne darstellen, Habermas hat den Fallibilismus nach dem Positivismusstreit in seine Theorie ebenso eingebaut wie den Systembegriff nach Kritik von Luhmann. Sartres in der Tat skandalöse Parteinahme für den Stalinismus verdankte sich einer Selbstkritik vermeindlich "bürgerlichen Denkens", das in seinem frühen Existentialismus sich gezeigt hätte (man lese dazu auch die Memoiren von Simone de Beauvoir, eine einzige Geißelung der einst bürgerlichen Einstellungen). Auch die Fallen einer teleologischen Geschichtsphilosophie kann man bei Sartre und wahrscheinlich auch Bloch, den kenne ich kaum, nachvollziehen - nur daß auch jene, die glauben, alles liefe alternativlos auf Markt und Kapitlismus hinaus, eine solche vertreten. Und daß diese Reinheit des Marktes, die gefordert wird, strukturell Entfremdungstheoremen ähnelt - die Naturalisierung von Märkten im Zuge von Evolutionstheorien birgt auch die Gefahr des Entfremdungsdenkens.

Applaus hat Sartre für seine stalinistischen Ausflüge zudem nicht erhalten, es kam vielmehr zum Bruch mit Merleau-Ponty und Camus, wenn ich mich recht entsinne, und auch sonst fanden außer der KP Frankreichs das alle ziemlich Scheiße. Man muß wirklich nicht mit der Lupe die selbstkritischen Intellektuellen suchen, und Applaus ist wohl kaum die primäre Triebkraft.

Auch mal eben so hinzurotzen, daß Foucault für "Ruhollah Chomeini" schwärmte, verwandelt ein ausgesprochen interessantes, hochdramatisches und brandktuelles Thema in reine Demagogie. Das ist der Stil, der bei PI fortwährend behauptet, Volker Beck würde Pädophilie legalisieren wollen. Kurz fassen kann das Thema Foucault/Iran so:

"Es ist gewiss nicht schändlich, seine Meinung zu ändern. Aber es gibt keinen Grund zu behaupten, man habe seine Meinung geändert, wenn man heute gegen das Abhacken von Händen ist und gestern gegen die Folter der Savak war."

Michel Foucault, Analytik der Macht, Frankfurt/M. 2005, S. 178

Michel Foucault ist einst mehrfach als Journalist in den Iran geflogen, als Ruhollah Chomeini noch im Pariser Exil weilte. Das Schah-Regime war weiß Gott kein Zuckerschlecken. Ein paar Tage, bevor Foucault flog, am 8. September 1978, hatte die Armee das Feuer auf die protestierende Menge eröffnet - annährend 4000 Menschen starben. Foucault verstand schnell, daß das, was dort vorging, mit klassischen Mitteln der Politikwissenschaft nicht mehr zu fassen war - er diagnostizierte den Aufständischen eine neue Form "politischer Spiritualität", und seine Artikelserie schließt er mit den Worten:


"Ihre historische Bedeutung hängt vielleicht nicht von ihrer Übereinstimmung mit einem bekannten "revolutionären Modell" ab. Sie verdankt sie wohl eher der Möglichkeit, die sie hat, die politischen Gegebenheiten des Mittleren Ostens umzustürzen, nämlich das weltweite strategische Gleichgewicht. Ihre Einzigartigkeit, die bisher ihre Stärke ausmacht, birgt die Gefahr in sich, in der Folge ihre Expansionskraft zu fördern. Gerade als "islamische" Bewegung kann sie die gesamte Region in Brand stecken, indem sie die die instabilsten Regimes überrennt und die solidesten verunsichert. Der Islam, der nicht nur Religion, sondern auch Lebensweise ist, Zugehörigkeit zu einer Geschichte und zu einer Zivilisation, droht ein gigantisches Pulverfaß im Maßstab von Hunderttausenden von Menschen zu bilden. Seit gestern kann jeder muslemische Staat von innen heraus revolutioniert werden, aus seinen weltlichen Traditionen."

Michel Foucault, "Ein Pulverfaß namens Islam", in: Corriere della sera, 13. Februar 1979, zitiert nach: Didier Eribon, Michel Foucault, Frankfurt/M. 1991, S. 413-414

So falsch ist das ja nicht, was er da schrub. Und, wohl wahr: Foucault zeigte sich fasziniert von den Vorgängen während der Revolution, gerade weil sie als Erhebung seiner Ansicht nach so neuartig verlief. Weil die Intensität des Glaubens in dieser Form ihm nicht bekannt war. Weil sie stattfand ohne Kommunikationswege, wie wir sie kennen. Er bezeichnete die Erhebung als "modernste" und auch "verrückteste" Revolution und sah ein für allemal den Versuch gescheitert, eine Weltregion mit so differenter Geschichte und so differentem Selbstverständnis nach europäischem Vorbilde formen zu wollen. Er ließ sich ein auf das Geschehen und zeigte Züge dessen, was heute als "Islamversteher" von ganz rechts gegeißelt wird. Es gab Leserbriefe, die damals, 1978, ihm das islamische Schreckensregime in Saudi-Arabien vor Augen hielten, denen er entgegnete:


"(Der Leserbrief) enthält zwei nicht leichtzunehmende Dinge: 1.) Die Verquickung aller Formen, aller Aspekte und aller Kräfte des Islam in ein und derselben Verachtung, nur um sie dann kurzerhand alle unter dem jahrtausendealten Vorwurf des Fanatismus abzulehnen. 2.) Die Verdächtigung jedes Abendländers, sich nur aus Verachtung für die Muselmanen für den Islam zu interessieren (und was wäre wohl von einem Abendländer zu sagen, der den Islam verachtete?). Das Problem des Islams als politischer Kraft ist eine entscheidendes Problem für unsere Epoche und für die kommenden Jahre. Die erste Bedingung, wenn man es auch nur mit einem bißchen Intelligenz in Angriff nehmen will, ist die, nicht damit anzufangen, Haß zu säen."

Michel Foucault, Reponse à une Irannienne écrit, in: Nouvel Observateur, 13. November 1978, zitiert nach: Didier Eribon, a.a.O.

Ich weiß nicht mehr, wann genau die Besetzung der amerikanischen Botschaft mitsamt der grauenhaften Geiselnahme stattfand, vermutlich danach - doch selbst angesichts dessen hat Foucault hier Positionen formuliert, die auch der heutigen Debatte nicht fremd sind und die man auch angesichts der scheußlichen Hisbollah und dem aktuellen Irren in Teheran je nach Argumentation für falsch halten kann oder auch nicht. Sie sind aber keine blinde Schwärmerei. Er hat Ruhollah Chomeini auch einmal getroffen, tatsächlich, bevor das ganze Grauen im Iran sich breit machte; die Stellungnahmen, die ich zumindest gefunden habe, sind jedoch kein In-den-Himmel-heben. Will aber gar nicht ausschließen, daß sich solche fänden. Beschreibt er jedoch z.B. den Konflikt Schah/Ayatollah als jenen zwischen dem König und dem Heiligen, dann nur, indem er mythische Motive zur Beschreibung heranzieht. Und unmittelbar nachdem sich der neue Terror mit seinem wahren Gesicht zeigte, mahnte Foucault in einem offenen Brief an den damaligen Premierminister des Iran, Mehdi Bazargan, die Einhaltung der Menschenrechtean - aus dem Islam heraus begründet.

Man kann da vieles falsch finden, wenn man will - aber zum Teil weitsichtig war's allemal. Mir ist auch nicht bekannt, was vom Denkens der Mullahs zuvor bekannt war und was nicht - eine wichtige Frage. Das alles ist aber kein Grund, in Nebensätzen mal eben eine "Tyrannophilie" zu diagnostizieren, sorry, das trifft's nicht.

Und es verweist viel mehr auf ganz anderen Aspekt, man ist versucht, trotz alledem Geschichtsvergessenheit zu beschwören: Focault hat sich vor allem dafür begeistert, daß das Schah-Regime endlich verschwand. Man muß die maoistische Kulturrevolution geißeln, man darf aber nicht verschweigen, was zu ihr führte. Man kann Castro verurteilen, sollte aber auch das Davor mit berücksichtigen. Leute, die sich da auskennen: Immer her damit! Selbst wenn man hinterher die Position beziehen sollte, daß das Danach doch in allen Fällen noch viel schlimmer war als das Davor... ich sehe mich außer Stande, das Schah-Regime im Nachhinein super zu finden, alles auf einem allerdings auch nicht ausgeprägten Kenntnisstand beruhend diesbezüglich. Wer klärt auf?

Und stelle doch den Satz Horkheimers, den Foucault in seiner abschließenden Stellungnahme zum Thema Iran formulierte, ins Netz:


"Ich ziehe es vor, wie einst Horkheimer die naive und etwas fiebrige Frage zu stellen, ob diese Revolution denn wirklich so wünschenswert sei."

Michel Foucault, Analyltik der Macht, a.a.O., S. 176

Womit aber noch nicht Schluß ist mit meiner Empörung - der hier ist ja nicht minder blöd.

"Künstler halten sich gern für etwas Besseres als schnöde "Normalmenschen". Das macht sie anfällig für totalitäre Ideologien."

Wie kommt der Martin darauf? Woher neuerdings diese seltsame Lust, ständig Eliten konstruieren zu wollen, gegen die man sich dann wendet? Dali war ein Idiot, keine Frage, aber die Beschäftigung mit Van Gogh zum Beispiel würde da deutlich differenzieren.

Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Ästhetisierung des Politischen und totalitären Ideologien, und kunstgeschichtlich betrachtet waren die bildenden Künstler zumeist Dienstleister im Auftrag der Großen und Mächtigen und insofern immer schon Realisten. So doll ist das nicht, was von Moralkeulen-Walser da zitiert wird, und es ändert nix daran, daß zwar das Verkaufen von Schuhen und Gemälden sich ähneln mag, die "Produkte" aber eben nicht.

In vielen Lebenslagen von Menschen auf dieser Welt sind zweifelsohne Schuhe ungleich wichtiger als ein Werk von Beckett, die Größe dessen Werkes schmälert das nicht. Diese Strategie, gegen Kunst zu polemisieren, indem man die Dinstinktionsgewinne von Kunstschaffenden und deren Rezipienten attackiert, ist wohlbekannt von Bourdieu. Das sagt nur rein gar nichts aus über die gesellschaftliche Rolle der Künste, der damit gleich mit die Legitimation entzogen werden soll. Selbst wenn das von Martin so nicht intendiert war, er tut's, und darüber kann ich mich in der Tat aufregen. Gut ist nicht nur, was sich verkauft, umgekehrt hilft es ungemein, sich als Genie zu inszenieren, wenn man denn verkaufen will. Auch das ist Marketing.

Und überhaupt: Realist, und dieses seien "die Linken" natürlich mal wieder nicht. Realist in Teheran 1981 war, wer den Mullahs nach dem Mund redete, 1933 der, der nicht mehr bei Juden kaufte, 1910 der, der dem Kaiser treu diente und in den Flottenverband eintrat, um nicht als "vaterlandsloser Geselle" zu gelten . Was ein Kriterium! Es sagt so, wie's dort dargestellt wird, nichts aus.

Wenn ich die Leute, die zunehmend aus Papierkörben sich ernähren, hier in Hamburg mir anschaue und dabei vor mich hinmurmel "... eine andere Welt ist möglich ...", dann finde ich das auch nicht irreal. Und Künstler und Intellektuelle müssen schon dabei sein, bei der Reflexion auf mögliche Welten, wenn man Freiheit ernst nimmt ... und sollten sie sich noch so gut verkaufen.

14.07.06

Die Anti-Traum-Droge: Intermezzo 1 - z.B. Cézanne

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Bild: Wildyorkshire

Es gibt Bücher, die Leben verändern können. Betty Edwards "Garantiert zeichnen lernen" ist so eines. Basierend auf der Theorie der 2 Gehirnhäflten und ihrer Funktionen - Begrifflich-abstrakt versus intutitiv-sinnlich - erkundet sie Methoden, das Sehen wieder zu lernen.

Die abstrakt-begriffliche Gehirnhälften-Theorie bräuchte sie dazu gar nicht. Die Zeichen-Übungen in dem Buch verändern auch so das Welt- und Selbstverhältnis nachhaltig. Das Diktum, man solle zeichnen, was man sieht, nicht das, was man weiß, leitet an zu Verblüffendem: Z.B. die Vorlage, nach der man zeichnet, einfach auf den Kopf drehen und dann loslegen. Oder: Nicht die Gegenstände zeichnen, sondern die Räume zwischen diesen. Zimmerecken zeichnen, also etwas, das im Gegensatz zu Gesichtern oder Stühlen kein Wissen-wie (Nase in die Mitte, zwei Augen oben drüber) im Laufe der eigenen Erfahrungshistorie hervorgebracht hat.

Sie beschreibt, wie man durch diesen Techniken in ein anderes Zeitgefühl gleitet: Man ist ganz in der Welt ...

... und seinem Tun, eine mimetische Praxis.

Beschäftigt man sich eine Zeit lang mit diesen Techniken, spaziert man auf einmal anders durch die Welt: Die Farben der Azaleen im Park leuchten wieder, und zerfurchte Gesichter, übergewichtige Leiber, ja selbst ein paar hingeworfene Papierservietten und Bierdosen neben einem Papierkorb entfalten ganz eigene Pracht. Man saugt die Formen, Farben, Linien förmlich auf und schwimmt durch ein latentes Glücksgefühl: Ausnahmsweise ist man mittendrin statt nur dabei und möchte gar nicht mehr aufhören, einfach nur zu sehen. Das, was beim Musikhören so viel leichter ist, sich in das Erlebnis der eigenen Sinnlichkeit ganz und gar hininzugeben, eröffnet sich als Erlebnisraum des Sehens noch in U-Bahn-Haltestellen. Ein Modus des In-der-Welt-Seins, der das Staunen kleiner Kinder wieder verständlich macht ...

Den Gegensatz hierzu hat David Hockney (und doch auch nicht) erkundet. In seinem umwerfenden Werk "Geheimes Wissen" versucht er - wie ein Krimi liest sich das - nachzuweisen, daß alte Meister wie Caravaggio oder van Eyck mit optischen Hilfsmitteln wie der camera obscura gearbeitet haben müssen. Und daß es diese Technik gewesen sei, die die die Malerei revolutioniert habe - daß zudem kein Kunststudent in Frustration versinken müsse, nur weil er diese schier unerträgliche Brillianz, diesen umwerfenden Realismus eines Frans Hals nicht erreicht.

Aus zweierlei Gründen: Weil diese fast fotorealistische Darstellung eben anhand solcher Medien wie der camera obscura erzeugt worden sei. Jedoch ebenfalls, weil die Faszination der Malerei gerade nicht darin läge, daß sie wie ein Foto arbeitet. Als die Fotografie noch nicht erfunden war, hätte diese Art der Malerei zwar deren Funktion übernommen. Seitdem es sie gibt, könne diese malerischen Ausdrucksmittel erst so richtig aus dem Vollen schöpfen. Z.B. Cézanne:


"Cézannes großartige Leistung war es, in seinen Gemälden seine eigenen Zweifel abzubilden, das Verhältnis zwischen Gegenstand und Wahrnehmung im Bild selbst zu befragen, zu erkennen, daß die Blickwinkel selbst stets fließend sind, dass wir Dinge immer aus mehreren, manchmal auch widersprüchlichen Perspektiven sehen - ein dem menschlichen Wahrnehmungsapparat gemäßer Blick. Anders der einäugige, dogmatische Blick der Linse, der den Betrachter letztlich auf einen mathematischen Punkt reduziert, ihn in Raum und Zeit auf eine Position beschränkt."

David Hockney, Geheimes Wissen, München 2001, S. 191

Neuere Medientheorien verhandeln somit oft gar nicht mehr die Bedeutung oder den hervorgebrachten Sinn massenmedialer Diskurse oder das Talent dessen, der mit ihnen umgeht. Sie untersuchen lieber gleich die Medien, die all dies hervorbringen, selbst.


"Medientechnologien, die Muster der Wahrnehmung und Erfahrung vorgeben, nicht Reflexion und Selbstbewußtsein, legen nämlich die Normen und Standards fest, die einer existierenden Kultur die Auswahl, Speicherung und Übertragung relevanter Daten erlauben. Erst sie verwandeln Menschen in Subjekte."

Friedrich Kittler, Grammophon, Film, Typewriter, Berlin 1986, S.3

Was dann die camera obscura behandelte, nicht die Wahrnehmung als solche und auch nicht Cézanne. Keine Medientheorie ohne Foucault ...

Ich Humanist will trotzdem weiter im Park das Leuchten der Azaleen genießen. Und dennoch freiimütig zugestehen, daß der Impressionismus auch nicht möglich gewesen wäre, hätte nicht jemand die Ölfarbe in transportablen Tuben erfunden ...

12.07.06

Bye, Bye und Dankeschön (mit bitterem Subtext)

Na, was'n das jetzt? Wenn schon Berti Vogst, ausgerechnet der, das klarste und eindeutigste aller Symptome der Kohlschen Republik, vorprescht und sofort die Deutungshoheit aufsucht ... spuckt der Klinsi dem neu erwachten "Patriotismus" in's Gesicht, wenn's denn überhaupt ein solcher war, und wird Trainer der US-Nationalmannschaft? Das hätte was. Ist's 'ne Abrechnung? Das sei ihm gegönnt.

Der Lesarten werde viele sein. Da wird gerangelt werden. Mittendrin und teils auch voll daneben werden die Deutungen rund um's Unternehmertum sich tummeln: Ob positiv oder negativ, es wird davon die Rede sein, daß erfolgreiches Wirtschaften nur noch als Projektarbeit denkbar sei, und dann kontern andere (und das zu Recht), daß der Ex-Bundestrainer symptomatisch sei für jene, die nur noch auf den kurzfristigen Gewinn schielen und den momentanen, emotionalen Kick (gut, er hat 2 Jahre viel einstecken müssen, aber was sind schon 2 Jahre?), anstatt langfristig Strukturen aufzubauen.

Wieder Andere werden auf verknöcherte Verbandsstrukturen in Deutschland eindreschen, wobei's beim DFB dann die Richtigen träfe - eingereiht in ein Abfeiern des heroisierten Individuums, dem gegen graue Apparatschikhorden strahlend dann mit allen Qualitäten charistmatischer Führung ausgestattet - heute sagt man dazu ja "großer Motivator" - nur die Flucht noch bleibt. Um dergestalt FDPisiert, also atomisiert, mal wieder so zu tun, als sei jeder freiwillige Zusammenschluß von Individuen in Verbänden, Vereinen und Parteien an sich schon ein Kollektivismus derbster Art. Noch wieder Andere werden Klinsis Familiensinn loben, weil ja die gute, alte Kleinfamilie ansonsten gar nicht mehr geachtet würde - kurz: Die Anti-Traum-Droge wird strukturiert ihr immer schon festgelegtes, diskursives Feld um das Ereignis schließen, damit's auch niemand als Ereignis spürt.

Dazu gehören wird auch die Kalenderspruchhaftigkeit des "Man soll ja aufhören, wenn's am Schönsten ist!" - tja, das sagen sich Legionen von Hartz IV-Empfängern dann wahrscheinlich auch alltäglich ...

11.07.06

Die Anti-Traum-Droge, Teil 4

Mein Gedächtnis sagte mir: Auf die Frage, warum denn Massenmedien im Gegensatz zu Wissenschaften wie der Philosophie nix Bleibendes hervorzubringen hätten, unternähme Niklas Luhmann den Versuch einer Antwort:


" Der Code des Systems der Massenmedien ist die Unterscheidung von Information/Nichtinformation. (...) Diesen Anforderungen genügt der Informationsbegriff von Gregory Bateson: Information ist danach "irgendein Unterschied, der bei einem Ereignis später einen Unterschied macht." (...) Die wohl wichtigste Besonderheit des Codes Information/Nicht-Information liegt in dessen Verhältnis zur Zeit. Informationen lassen sich nicht wiederholen. Eine Nachricht, die ein zweites Mal gebracht wird, behält zwar ihren Sinn, verliert aber ihren Informationswert. Wenn Information als Codewert benutzt wird heißt dies also, daß die Operationen des Systems ständig und zwangsläufig Information in Nicht-Information verwandeln. (Fußnote: Hier liegt ein wichtiger Unterschied zwischen dem Code der Massenmedien und dem Code des Kunstsystems. Kunstwerke müssen eine hinreichende Ambiguität, eine Mehrzahl möglicher Lesarten aufweisen). (...) Mit anderen Worten: Das System veraltet sich selbst. Fast könnte man daher meinen, es verwende letztlich den Code neu/alt, gäbe es nicht auch andere Gründe, eine Information nicht zu bringen. (...) So wie die auf der Basis von Geldzahlungen ausdifferenzierte Wirtschaft den unaufhörlichen Bedarf erzeugt, ausgegebenes Geld zu ersetzen, so erzeugen die Massenmedien den Bedarf, redundierte Informationen durch neue Informationen zu ersetzen: fresh money und new information sind zentrale Motive der modernen Gesellschaftdynamik."

Niklas Luhmann, Die Realiät der Massenmedien, Opladen 1996 S.36 + 39 + 41 + 42 + 43-44

Ah. Das ist nun natürlich gar keine Antwort auf die Frage - so kann's Gedächtnis trügen: So verstanden, würden auch wissenschaftliche Werke ...

... diesem Zwang zum Selbstzwang, daß Information nur das sei, was neu ist und unaufhörlich erzeugt werden müsse, damit das System sich erhält, unterliegen. Dann wäre das von Schnädelbach Beschriebene sozusagen üblich auch im Wissenschaftsbetrieb. Das gleiche Forschungergebnis wie ein Anderer will ja auch niemand veröffentlichen, und wenn ich's richtig verstehe, ist Luhmanns Begriff der Massenmedien so weit angelegt, daß alles, was veröffentlicht wird, also auch Fachbücher, in ihm enthalten sind. Wenn dem jedoch so wäre, dann würde sich die massenmediale Kommunikation quer durch alle anderen gesellschaftlichen Subsysteme ziehen (insofern ist mir die systemische Schließung im konkreten Fall der Massenmedien auch völlig unplausibel, bilden sie doch eher dies Basis für die Schließung anderer Systeme wie Wissenschaft, Wirtschaft oder Politik). So beginnt sein Werk auch mit dem schönen Satz:

"Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien. (Fußnote: Das gilt auch für Soziologen, die ihr Wissen nicht mehr im Herumschlendern und auch nicht mit bloßen Augen und Ohren gewinnen können. Gerade wenn sie die sogenannten emprischen Methoden anwenden, wissen sie immer schon, was sie wissen - aus den Massenmedien)."

Niklas Luhmann, a.a.O., S. 9

Also doch nicht aus Fachbüchern? Was die Differenz der gesellschaftlichen Subsysteme Wissenschaft und Massenmedien im Sinne Luhmanns betrifft, muß ich mich wohl noch mal schlauer machen.

Als Kernbereiche der Massenmedien unterscheidet Luhmann Werbung, Nachrichten und Berichte (also auch Magazine, Dokumentationen und Reportagen) und Unterhaltung. Er selbst beschreibt auch das In-einander-Verschlungensein dieser Programmformen, zum Beispiel die unterhaltsamen Nachrichten oder die informative Werbung. Diese Verquickung ist ihm - im Gegensatz zu mir - so entscheidend wichtig nicht. Wichtig ist ihm vielmehr die Funktion eben dieser Massenmedien im Gesellschaftsganzen (was bei Luhmann jedoch nur aus der Subsystemperspektive des Subsystems Soziologie des Subsystems Wissenschaft beobachtbar ist):


"Die gesellschaftliche Funktion der Massenmedien findet man (...) nicht in der Gesamtheit der jeweils aktualisierten Informationen (...), sondern in dem dadurch erzeugten Gedächtnis. Für das Gesellschaftssystem besteht das Gedächtnis darin, daß man bei jeder Kommunikation bestimmte Realitätsannahmen als bekannt voraussetzen kann, ohne sie eigens in die Kommunikation einführen und begründen zu müssen. Dies Gedächtnis wirkt in allen Operationen des Gesellschaftssystems, also in allen Kommunikationen mit, dient der laufenden Konsistenzkontrolle im Seitenblick auf die bekannte Welt und schaltet allzu gewagte Information als unwahrscheinlich aus. (...) Die Funktion der Massenmedien liegt nach all dem im Dirigieren der Selbstbeobachtung (Hervorhebung von mir) des Gesellschaftsystems - somit nicht ein spezifisches Objekt unter anderen gemeint ist, sondern eine Art, die Welt in System und Umwelt zu spalten."

Niklas Luhmann, a.a.o, S. 120 - 121 + 173

Das ist schon ein Kracher, wenn man da länger drüber nachdenkt. Glücklicherweise blogge ich hier und schreibe nicht gerade eine Seminararbeit, sonst müßte ich das alles jetzt erst einmal innerhalb der Luhmannschen Theorierachitektonik diskutieren. So darf ich einfach weiterschreiben, die Konstruktion seiner Grundbegriffe geflissentlich ignorierend - anderes Genre, andere Regeln.

So konstatiere ich nun dreierlei: Eine Differenz Wissenschaft/Massenmedien ist bis dato allenfalls, ohne daß das bisher Erwähnung gefunden hätte, in der konkreten Praxis des Informationsbeschaffens im Falle quantitativer, empirischer Forschung einerseits, journalistischer Recherche andererseits festzustellen. Massenmedien sind zudem der Ort, an dem Gesellschaften sich re-aktualisieren und selbst zu beschreiben suchen. Und, drittens, die System-Umwelt-Differenz im Falle konkreter Gesellschaften kann, muß allerdings nicht, als ein Verhältnis von Inklusion und Exklusion beschrieben werden (was jetzt im Rahmen der Luhmannschen Theorie u.U. das Einsetzen der richtigen Begriffe am falschen Ort ist, macht aber ja nix, ich brauche die hier gerade, die Begriffe - in vollem Bewußtsein, Luhmann gerade zu verdrehen) - je nachdem, was dem System und was der Umwelt zugeschlagen wird.

Und: Medien selektieren das, was sie in ihre Kommunikationen einschließen, auch anhand anderer Kriterien als des grundlegenden Codes Information/Nicht-Information. Das schrub der Luhmann da oben am Rande, das sei kurz wiederholt: "Fast könnte man daher meinen, es verwende letztlich den Code neu/alt, gäbe es nicht auch andere Gründe, eine Information nicht zu bringen".

Was dann wieder zurück zu Foucault und seiner Antrittsvorlesung führt:

"Die Hypothese, die ich heute abend entwickeln möchte, um den Ort - oder vielleicht das sehr provisorische Theater - meiner Arbeit zu fixieren: Ich setze voraus, daß in jeder Gesellschaft die Produktion des Diskurses zugleich kontrolliert, selektiert, organisiert, und kanalisiert wird - und zwar durch gewisse Prozeduren, deren Aufgbe es ist, die Kräfte und die Gefahren des Diskurses zu bändigen, sein unberechenbar Ereignishaftes zu bannen, seine schwere und bedrohliche Materialität zu umgehen."

Michel Foucault, Die Ordnung des Diskurses, Frankfurt/M. 1991, S. 10-11

Nachschlag zum Erhabenen

Dieses mal-eben-so-in-Beziehung-Setzen des Kantischen Begriffs des Erhabenen zu schlechthin großem Fußballspiel kann ich hier freilich nicht einfach so stehen lassen. Lassen wir zunächst Adorno kommentieren:


"Zur Invasion des Erhabenen in die Kunst trug einst der Naturbegriff der Aufklärung bei. Mit der Kritik der absolutistischen, Natur als ungestüm, ungehobelt plebejisch tabuierenden Formenwelt drang in der europäischen Gesamtbewegung gegen Ende des des 18. Jahrhunderts in die Kunstübung ein, was Kant als erhaben der Natur reserviert hatte."

Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie, Frankfurt/M. 1995, 13. Auflage, S. 292

Um diesem kantischen Erhabenen, daß er angesichts von Naturerscheinungen beschrieb, gerecht zu werden, müßte man hier das ganze System referieren; was es mit Vernunft, Verstand, Anschauung etc. auf sich hat und auch den Verlauf der Argumentation Schritt für Schritt nachvollziehen. Ein Blog überfordert das. Diese Passagen ...

... in der Kritik der Urteilskraft sind dennoch auch ohne an sich notwendige Werk-Exegese im systematischen Zusammenhang verstörend genug. Es ist gerade dem Begriff des Schönen entgegengesetzt, das Erhabene:


"Das Schöne der Natur betrifft die Form des Gegenstandes, die in der Begrenzung besteht; das Erhabene ist dagegen auch an einem formlosen Gegenstande zu finden, sofern die Unbegrenztheit an ihm oder durch dessen Veranlassung vorgestellt und doch Totalität derselben hinzugedacht wird (...)."

Immanuel Kant, Kritik der Urteilskrft, zitiert nach der Ausgabe des Felix Meiner Verlages, 7.Auflage, Hamburg 1990, S. 87

Das Wohlgefallen am Erhabenen enthalte nicht nur positive Lust, sondern Bewunderung und Respekt; soweit ließe es sich wohl auch auf das Spiel eine Zidane - jetzt mal ohne Kopfstoß - noch beziehen. Aber:

"(...) denn das eigentliche Erhabene kann in keiner sinnlichen Form enthalten sein, sondern trifft nur Ideen der Vernunft, welche, obgleich keine angemessene Darstellung möglich ist, eben durch diese Unangemessenheit, elche sich sinnlich darstellen läßt, rege gemacht und ins Gemüt gerufen werde. So kann der weite, durch Stürme empörte Ozean nicht erhaben genannt werden. Sein Anblick ist gräßlich; und man muß das Gemüt schon mit mancherlei Ideen angefüllt haben, wenn es druch eine solche Anschauung zu einem Gefühl gestimmt werden soll, welches selbst erhaben ist, indem das Gefühl die Sinnlichkeit zu verlassen und sich mit Ideen, die höhere Zweckmäßigkeit enthalten, zu beschäftigen angereizt wird.

(...) Aber an dem, was wir erhaben zu nennen pflegen, ist gar nichts, was auf besondere, objektive Prinzipien und diesen gemäße Formen der Natur führte, daß diese vielmehr in ihrem Chaos und ihrer wildesten, regellosesten Unordnung und Verwüstung, wenn sich nur Größe und Macht blicken läßt."

Immanuel Kant, a.a.O., S. 89

Na, und da kommt das Fußballspiel doch schon gezähmt daher angesichts dieser überwältigenden Naturgewalt, selbst dann, wenn aus Zidane kurz der Kopftsoß gewissermaßen hervorbricht. Aber ist es plausibel, dieses Gefühl, daß auch bei "gemäßigter" Natur, einem Sonnenuntergang auf Sylt z.B., dieses Gefühl, das einen befallen kann, auf Ideen und Vernunft zu beziehen? Vernunft ist bei Kant ein Vermögen a priori, vor der Erfahrung liegend - ist es nicht der Eindruck von Wolken, Wind und Wasser selbst, der dem Gemüte dann diese Größe an schlichthin vermittelt - oder ist das gar nicht das, was Kant meint? Nicht grundlos bezieht Adorno dies auf den Naturbegriff der Aufklärung, der zivilsieren will. Von der "Natur als Macht" ist so der §28 überschrieben, und Kant formuliert angesichts derer ein "Fürchtet euch nicht!", sonst sei das Erhabene der Natur nicht zugänglich.

"(...) so gibt auch die Unwiderstehlichkeit ihrer Macht uns, als Naturwesen betrachtet, zwar unsere physische Ohnmcht zu erkennen, aber entdeckt zugleich ein Vermögen, uns als von ihr unabhängig zu beurteilen, und eine Überlegenheit über die Natur, worauf sich eine Selbsterhaltung ganz anderer Art gründet, als diejenige, die von der Natur außer aus angefochten in Gefahr gebracht werden kann, wobei die Menschlichkeit in unserer Person unerniedrigt bleibt, obgleich der Mensch jener gealt unterliegen müßte." Immanuel Kant, a.a.O., S. 107

Selbst dem Krieg, "wenn er mit Ordnung und Heiligachtung der bürgerlichen Rechte geführt wird" (109) weist er die Möglichkeit zu, Erhabenenes an sich zu haben, "dahingegen ein reiner Frieden den bloßen Handelsgeist, mit ihm aber den niedrigen Eigennutz, Feigheit und Weichlichkeit herrschend zu machen und die Denkungsart des Volkes zu erniedrigen pflegt." Ein Schelm, wer da an Rumsfeld denkt, oder liberale Attacken auf durch den Sozialstaat sich.selbst Entmündigende - dieses Erhabene ist, wo bei Naturerscheinungen es nicht verbleibt, immer auch ein Einfallstor für die Ästhetisierung des Politischen. Die von schlichter Heroisierung ie im Falle der Sozialstaatsrhetorik bis hin zum Allerschlimmsten skalierbar ist (wobei die Ende dieser Skala sehr weit auseinanderliegen):

"Fiat ars - pereat mundus" sagt der Faschismus und erwartet die künstlerische Befriedigung der von der Technik veränderten Sinneswahrnehmung, (...) vom Kriege. Das ist offenbar die Vollendung des l'art pour l'art. Die Menschheit, die einst bei Homer ein Schauobjekt für die Olympischen Götter war, ist es nun für sich selbst geworden. Ihre Selbstentfremdung hat jenen Grad erreicht, der sie ihre eigenen Vernichtung als ästhetischen Genuß ersten Ranges erleben läßt. So steht es um die Ästhetisierung des Politischen. Der Kommunismus antwortet ihm mit der Politisierung des Ästhetischen."

Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, Frankfurt/M. 1963, S. 44

So schrieb Walter Benjamin 1936 im berühmten Aufsatz; wie viele Zwischenschritte von Kant auf dem Weg dorthin dann nötig sind, geht aus dem Text wohl selbst hervor, das Gleiche ist es keineswegs und doch ein Weg zum Verständnis der Inszenierung von Politik. Dennoch läßt Adorno der Analytik des Erhabenen eine ganz andere Würdigung angedeihen:

"Durch ihre Transplantation in die Kunst wird die Kantische Bestimmung des Erhabenen über sich hinusgetrieben. Ihr zufolge erfährt der Geist an seiner empirischen Ohnmacht der Natur gegenüber sein sein Intelligibles als jener entrückt. Indem jedoch die Erhabenes angesichts der Natur soll gefühlt werden können, wird der subjektiven Konstitiuionstheorie gemäß Ntur ihrerseits erhaben, Selbstbesinnung angesichts ihres Erhabenen antezipiert etas von der Versöhnung mit ihr. Natur, nicht länger vom geist unterdrückt, befreit sich von dem verruchten Zusammenhang von Naturwüchsigkeit und subejketiver Souveränität. Solche Emanzipation wäre die Rückkehr von Natur, und sie, Gegenbild von bloßen Daseins, ist das Erhabene."

Theordor w. Adorno, a.a.O., S. 293

To be continued ...

10.07.06

Die Anti-Traum-Droge, Teil 3

Michel Foucault hatte gute Gründe, seine Antrittsvorlesung damit zu beginnen, daß er nicht anfangen wolle und doch müsse.

"Ich glaube, es gibt bei vielen ein ähnliches Verlangen, nicht anfangen zu müssen: ein ähnliches Begehren, sich von vornherein auf der anderen Seite des Diskurses zu befinden und nicht von außen ansehen zu müssen, was er Einzigartiges, Bedrohliches, ja vielleicht Verderbliches an sich hat. Auf diesen so verbreiteten Wunsch gibt die Institution eine ironische Antwort, indem sie die Anfänge feierlich gestaltet und sie mit ehrfürchtigem Schweigen umgibt und zu weithin sichtbaren Zeichen ritualisiert."

Michel Foucault, Die Ordnung des Diskurses, Frankfurt/M. 1991, S. 9-10

Das Collége de France freilich, wo Foucault die Lehre antritt, ist das mit den höchstmöglichen Weihen ausgestattete akademische Zentrum des französischen Denkens. Gewinnt das Sprechen, das dort beginnt bei einem, der 's "geschafft" hat, nicht ungleich mehr Einzigartigkeit als die Kontaktaufnahme an einer Bar, beispielsweise, bei der man ja auch nicht weiß, was man als erstes sagen soll, es sei denn, man ist Kölner?

Dieses so feierliche, erste Sprechen Foucaults in neuer Funktion, ...

... dient es nicht der reinen Wahrheit und nichts als der Wahrheit, eben jener, die Wissenschaft verkündet? Wieso wittert er dort Verderblichkeit, wieso Bedrohliches? Foucault tritt immerhin an, die Geschichte der Wissensysteme zu ergründen, nicht, um biologische Kriegsführung oder Betriebswirtschaftslehre zu verkünden.

Zum Vergleich lohnt sich vielleicht zu zitieren, was einer sagte, der zum letzten Mal in seiner professoralen Profession an den Pult im Hörsaal getreten ist. Einer der ganz großen Lehrer der bundesdeutschen Nachkriegsphilosophie - dritter Absatz der Berliner Abschiedsvorlesung:

"(...) rätselhaft ist das Maße an Diskontinuität in der geschichtlichen Entwicklung der Philosophie, dem wohl in keinem anderen Gebiet auch nur annähernd etwas entspricht; dabei überwiegt das Vergessen das Wiedererinnern bei weitem, und diese Schere hat sich seit dem 19. Jahrhundert immer weiter geöffnet. Vom "sicheren Gang" der Wissenschaft ist auch nach Kant wenig zu vermelden, und daß nur der die Wissenschaft voranbringen könne, der kennt, was diese schon weiß (Weiszäcker), hat in der Philosophie noch nie gestimmt. Man kann einfach nicht behaupten, daß unsere Philosophen - Hegel und Heidegger einmal ausgenommen - philosophiehistorisch besonders gebildet gewesen seien, ja es ist mit Nietzsche die Vermutung erlaubt, daß hier das Unhistorische eine besondere Produktvikraft war. Unsere Bibliotheken sind voll von den mehrbändigen Lebenswerken von einstmals berühmten Denkern, die heute fast niemand dem Namen nach mehr kennt; man möchte schwermütig werden: Diese vielen Bücher - für wen sind die eigentlich geschrieben worden? Sie hatten sich einmal auf die Suche nach Lesern gemacht und sind heute nur noch gut genug dafür, daß Jüngere sie wiederentdecken und dann darüber promovieren."

Herbert Schnädelbach, Das Gespräch der Philosophie, in ders.: Analytische und postanalytische Philosophie, Frankfurt/M. 2004, S. 334-335


Da johlt - aber nur, wenn er den Text von Herbert Schnädelbach nicht bis zu Ende liest - der neoliberale Stammtisch Hand in Hand mit postproletarischen Ruhrpottbewohnern: Seht ihr, das ham wir's! Nutzloses Zeug, ineffizient, Hirnwichserei das Ganze - und das von unseren Steuern! Mit anderen Worten:

"Es haben nämlich einige Leute ein Interesse daran sich hinter ihren “Forschungen” zu verstecken und sich eine schöne Zeit zu machen oder lukrative Aufträge abzuarbeiten. Mir kann jedenfalls keiner erzählen das ein Drittsemester ernsthaft wissenschaftlich studieren kann (Markus Oliver)"

"Zweitens, Studenten lassen sich von politischen Aktivisten nicht beeinflussen, wenn ich pro Lektion € 50,00 bezahlen muß, ob ich gehe oder nicht, werde ich mich kaum davon abhalten lassen zur lektion zu kommen, auch wenn die Antifa ein Protest organisiert weil zu wenige Arbeiter auf den Universitätsrat sizen (Bitter Twisted)"

"Es wird nicht verarmt, aber es kann auch nicht sein, dass wir 200 Physiker an der Uni haben gegen 600 Geschichtswissenschaftler…(Moddy)"

So die Kommentare unter einem einen Eintrag bei Statler, der die Privatisierung von Universitäten fordert. Wieso kommt mir da die alte Joachim Witt-Zeile in den Sinn "Es macht mich wild vor Wut, wenn eine Burschenschaft durch mein Gemüsebeet marschiert!"? Gut, das mag meine elitäre Ader sein. Belegt sein dürfte nun zur Genüge, wieso der Diskurs gefährlich sein kann. Im konkreten Fall für Geschichtswissenschaftler, Drittsemester, "politische Aktivisten" und die Antifa.

"Wie kann der Schnädelbach sowas sagen!" werden jetzt andere fragen - ein Leben im Uni-Dienst und dann das alles infrage stellen, ja, Leute wie Markus Oliver, Bitter Twisted und Moddy auch noch bestätigen? Später mehr zu dem Abschiedsvorlesung, macht er ja gar nicht - immerhin lehrt er mit diesen Sätzen auch zugleich etwas anderes: Wer Philosophie lehrt, lehrt, infrage zu stellen ... und wie man dies begründet tut: Indem man zugleich sich und die Vorraussetzungen des eigenen Denkens hinterfragt, anstatt nur Wohlvertrautes immer neu hinauszuposaunen.

Eine andere Frage stellt sich jedoch zudem: Wieso macht solche Vorwürfe eigentlich niemand den Massenmedien - daß sie nichts Bleibendes hervorbrächten, daß so viele alte Sendungen und Zeitungen in Archiven verstauben, daß sie heute so anders aussehen als noch 1988? Die sollen doch eigentlich auch die Wahrheit sagen, nichts als die Wahrheit ...


Das Erhabene - aber schön war es doch

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Foto: Sabona Holidays

Ach, seufz, schon jetzt kommt Wehmut auf ... nicht nur wegen dieses blöden Kopfstoßes des auratischen Heiligen, der hat der ganzen Fußballwelt wohl mehr weh getan als dem, der von ihm niedergestreckt sich fand da auf dem Rasen. Auch sonst kann man ja jetzt, jetzt, nachdem es vorbei ist, die Falschen Weltmeister wurden (Glückwunsch trotzdem, zähneknirschend), eigentlich nur eins tun: Hilde anstimmen!


"Aber schön war es doch, aber schön war es doch,
und ich möcht' es noch einmal erleben!
Dabei weiß ich genau, dabei weiß ich genau,
sowas kann es doch einmal nur geben ..."

Eigentlich müßte man das ganze Lied umdichten ... "Da war das Spiel, das erste, das wir sahen, ein 3 zu 2, nicht wirklich souverän. Am Tag darauf jedoch kam Drogba, zeigte der Welt, wie Blicke sexy sind" oder sowas. "Da ist der Weg, der erste, den wir gingen, da ist die Bank, da sagtest Du Adieu. Da ist der Baum, an dem die Blüten hingen, die Du mir gabst - doch jetzt liegt drauf Schnee" heißt es im Original, was ja nach all den vegetativen Ausführungen hier auch was hat. Und in Sachen Vegetation gibt Südafrika auch was her, aber sowas von, siehe oben. Also auch noch mal ...

... schnell den ziemlich verwirrenden und verstörenden Gipfelpunkt philosophischer Ästhetik zitieren, alleine schon, weil's trotz alledem zu Zidane und zu Drogba sowieso paßt und sogar zu Klose, wenn der zum Kopfball aufsteigt: Die Kantische Analyse des Erhabenen.

"Das Gemüt fühlt sich in der Vorstellung des Erhabenen in der Natur bewegt: da es in dem ästhetischen Urteile über ds Schöne derselben in ruhiger Kontemplaltion ist. Diese Bewegung kann (vornehmlich in ihrem Anfange) mit einer Erschütterung vergleichen werden (...). Das Überschwengliche für die Einbildungskraft (bis zu welchem sie in der Auffssung der Anschauung getrieben wird) ist gleichsam ein Abgrund, worin sie sich selbst zu verlieren fürchtet; aber doch für die Idee der Vernunft vom Übersinnlichen nicht überschwenglich, sondern gestzmäßig, eine solche Bestrebung der der Einbildungskraft hervorzubringen (...). Das Urteil selber aber bleibt hierbei immer nur ästhetisch, weil es, ohne einen bestimmten Begriff vom Objekt zum Grunde zu haben, bloß das subjektive Spiel der Gemütskräfte (Einbildungskraft und Vernunft) selbst durch ihren Kontrast als harmonsich vorstellt. Denn so wie Einbildungskraft und Verstand in der Beurteilung des Schönen durch ihre Einhelligkeit, so bringen Einbildungskraft und Vernunft hier durch ihren Widerstreit subjektive Zweckmäßigkeit der Gemütskräfte hervor: nämlich ein Gefühl, daß wir reine selbstständige Vernunft haben, oder ein Vermögen der Größenschätzung dessen Vorzüglichkeit durch nichts anschaulich gemacht werden kann als durch die Unzulänglichkeit jenes Vermögens, welches in Darstellung der Größen (sinnlicher Gegenstände) selbst unbegrenzt ist."

Immanuell Kant, Kritik der Urteilskraft, §27, Von der Qualität des Wohlgefallens in der Beurteilung des Erhabenen, zitiert nach der Ausgabe des Felxi Meiner Verlages, Hamburg 1990, S. 103-104

Das Erhabene sei, was schechthin groß sei, nicht im Sinne der mathematischen Vergleichbarkeit, sondern in sich schechthin groß - ja, und was das Zitierte bedeutet, das zu enträtseln, dazu hat man ja jetzt 4 Jahre Zeit ...

09.07.06

Die No-Name Kletterrose

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Foto: Frost Burgwedel

"In der zweiten Trauerweide tummelt sich diese "Noname" Kletterrose."

Frost nicht nur in Burgwedel - auf der Seite dieses Namens findet sich obiger Satz. Trauerweide ist das Pflanzenwesen für's Endspiel dieser ansonsten so traumhaften WM. Das denkbar blödeste Ergebnis und dann noch dieser Abschied des göttlichen Zidane - wahrscheinlich hat der Italiener irgendwas von PI oder so zitiert, bevor der Kopf dann zustieß ...

Insofern sei die No-Name-Rose der Hoffnungsschimmer, daß sich was verbirgt in diesem mißlungenen Schluß eines sonst so tollen Ereignisses, 4 Wochen lang ... daß da was wächst inmitten des so falschen Finales. Was Neues. Was Schönes. Was Gutes. Was noch Namenloses ...

Hymnus auf Cristiano Ronaldo

Delphinium.jpg

Foto: Soulcatcherstudio

Nee, diese Art Schönheit wie jene des Fotos aus den zwanziger Jahren war's gestern nicht. Und doch möchte man wissen, wie jener Kurt Bloßfeldt, der's schoß, wohl die Nackenlinie, die Augenbraue, den Spann eines Cristiano Ronaldo fotografiert hätte. Welche Urform er identifiziert hätte - veröffentlicht wurde dieses Foto des Rittersporn, der derzeit nicht nur Rosen begleitend in Parks verschwenderisch blüht, so blau wie jene Blume der Romantik, in einem Buch namens "Urformen der Kunst" 1928. Interessant könnte das sein, weil Bela Rethy gestern ja nicht müde wurde, die "brotlose Kunst" und das Spiel "für die Galerie" des immer neu Ausgepfiffenen zu betonen. "Effizienz" und "Party" und "schwarz-rot-geil" sind ja die Stichworte, die ...

... von dieser WM verbleiben werden - deshalb ist Cristiano Ronaldo für mich neben Zidane der Spieler der WM.

Weil beide sich je anders diesem Trend versperrten und das selbstverliebte "Weltmeister der Herzen", dieses aufgewärmte Schalke-Zitat von einst, boykottierten. Zidane, weil er die Arbeitsmarktgesetze konterkarriert, wo jeder jetzt im Klinsmann das langersehnte Positiv-Antlitz des Managers zu erblicken wünscht, der durch Kuranyi und Owomoyela-Entlassungen die Wirtschaft schon wieder flott bekäme im Gegensatz zum Merkel-Forsch. Zidane hingegen wahrt als vermeindlich altes Eisen, als Heiliges des Fußballs diesem seine Aura - weil sein überirdisches Schweben Kriterien wie "Effizienz" gar nicht zuläßt, dazu ist es zu schön. Da kommen Vergleiche mit grünen Sacco-Trägern und jungenhaft grinsenden Bundespräsidenten gar nicht in den Sinn.

Und Cristiano Ronaldo eben, weil er die Opernbühne sucht und Oper einfach schöner ist als DJ Ötzi. Und die Lyrik einer Verdi-Arie schöner ist als der Kommentar von Bela Rethy. Dieser Junge als pure Emotion, dessen Tränen und zweckvergessene Übersteiger fast jene Intensität und Leichtigkeit zugleich atmen, wie in Puccinis "Un bel dri, vedremo", dieser weltschönsten Passage aus Madame Butterfly, sie sich zeigt. Sein kindisches Schmollen, seine divenhaften Pirouhetten - sie brachten Kultur in die Zweiteilungswünschewünsche rooneyhafter Felder der Fußballwelt. Und seine Tränen waren Balsam auf dieses inflationäre "Geil!"-Gegröhle.

Statt Pfiffen hätte er gerade im Zelebrieren der Zweckfreiheit für jeden Schritt, für jeden Schuß, der daneben ging, für jeden Fehlpaß und jedes Sich-zärtlich-fast-Anschmiegen an's Grün des Rasens ohne jeden Anlaß eine Antwort verdient, wie dieser grandiose Chor in Bellinis "Norma" ihn der trällernden Casta Diva entgegenwogen läßt. Diesen sollte man mal in Stadien anstimmen. Cristiano Ronaldos reine Körperlichkeit, rein, weil von Gefühl durchdrungen und nicht den mechanistischen Gesetzen der Fitness folgend, ist eben das Gegenteil der Statik des Fotos dort oben, das Pracht kunstvoll auf ein Ornament reduziert. Pathos ist Weltgefühl, Ornament ist nur Struktur und somit wahr statt erfüllt.

Großartig ist dieses Foto da oben freilich trotzdem, da hatte Walter Benjamin schon Recht:

"Wer diese Sammlung von Pflanzenfotos zustande brachte, kann mehr als Brot essen. Er hat in jener großen Überprüfung des Wahrnehmungsinventars, die unser Weltbild noch unabsehbar verändern wird, das Seine geleistet. (...) "Urformen der Kunst" - gewiß. Was kann das aber anderes heißen als Urformen der Natur? Fomen also, die niemals ein bloßes Vorbild der Kunst, sondern von Beginn an als Urformen in allem Geschaffenen am Werke waren. Im übrigen muß es dem nüchternsten Betrachter zu denken geben, wie hier die Vergrößerung des Großen - z.B. der Pflanze oder ihrer Knospe oder des Blattes - in so ganz andere Formenreiche hineinführt, wie die des Kleinen, etwa der Pflanzenzelle im Mikroskop. Und wenn wir uns sagen, daß neue Maler wie Klee und noch mehr Kandinski seit langem damit beschäftigt sind, mit den Reichen uns anzufreunden, in die das Mikroskop uns brsch und gewaltsam entführen möchte, so begegnen in diesen vergrößerten Pflanzen eher vegetabilische "Stilformen"."

Walter Benjamin, Neues von Blumen, in ders: Medienästhetische Schriften, Frankfurt/M. 2002, S. 294-295

Walter Benjamin ist jener Theoretiker, der wohl am frühsten und intensivsten forschte,wie technische Innovationen im Bereich des Medialen unsere Wahrnehmung und auch unser Verhalten formen. Und man stelle sich die WM mal ohne Fernsehen vor - undenkbar, daß geschehen wäre, was geschah. Die Sichtbarkeit der Feiernden produziert das Feiern, heizt es an - und alle folgen brav den Regeln der BRAVO-Supershow und kreischen. Die Differenz zu Teenie-Demos, als Take That sich auflösten, ist unerheblich - die Kamera bestimmte auch da, wann geweint wurde.

Was ja alles nix macht. Das Spiel gestern war super, die Stimmung danach wirklich berauschend. War schön. Da wehte ein ganz, ganz kleines bißchen Millerntor durch die Republik - nur ein ganz, ganz kleines bißchen, weil wir über uns lachen, während wir feiern und einen besseren Musikgeschmack haben. Insofern sei auch nix vermiest: Der ornamentalen Statik des Rittersporns dort oben, so großartig sie fotografiert sein mag, ist die fernsehgesteuerte Massenglückseligkeit allemal vorzuziehen, wenn's denn die Menschen Freude macht. Und die Schweini-Tore waren auch super. Und trotz alledem ist es es schöner, wenn Cristiano Ronaldo sein Trikot auszieht - nicht nur wegen dieses wundervolleren Oberkörpers. Sondern weil dieser als Indiviuum mit allen Zicken der Masse sich verweigert und nicht dem Zwecke dient. Als Zweck an sich erscheint auf den Bildschirmen.

So, und nun Allez-Les-Bleus und vive la France!

08.07.06

Die Anti-Traum-Droge, Teil 2

"Als Kind wollte er ein Goldfisch sein. Ich sagte zu ihm: Na, hör mal, mein Häschen, du magst doch kein kaltes Wasser. Da war er zutiefst verblüfft und erwiderte: Dann eben eine winzige Sekunde lang, ich möchte so gerne wissen, woran er denkt."

Mutter von Muzil, in: Hervé Guibert, Dem Freund, der mir mein Leben nicht gerettet hat, Reinbek bei Hamburg 1991, S. 109

Super-O-Ton. Den würde jeder zitieren in einem Print-Artikel, oder in Sendungen, sei's Radio oder TV, hineinmontieren. Medien sind Selektion - die Passage wählten sie aus. Es spricht: Die Mutter eines Weltberühmten. In der Welt des Geistes ist der frisch Verstorbene eine "A-Promi", über den sie das sagt, unmittelbar nach seinem Tode. In seinem Geburtsort sagt sie das zu Journalisten, kurz vor der Beisetzung. Für diesen einen Moment ist sie allererste Wahl, die Angehörige des Weltstars. Der Kontext weist auch ihr A-Promi-Status zu.

So sitzen sie in den Redaktionen aller Medien und diskutieren stundenlang: Wer A-, wer B- und wer C-Promi sei. Zuerst geht dann je nach Thema die Anfragewelle für Interviews an die A-, dann die B-, dann die C-Promis raus. Die A-Promis sagen zumeist sowieso ...

... ab. Das weiß jeder von Anfang an, daß man bestenfalls die B-Promis bekommt. Na gut, manchmal schaffen sie es, ein Format, einen Moderator, einen Print-Journalisten oder eine Zeitung soweit aufzubauen, mit so viel Ungefährlichkeit und Image aufzuladen, daß doch eine Chance besteht, an die A-Promis "ranzukommen"". Zumeist jedoch fragt die ganze Branche den immergleichen Personenkreis von 10-30 Leuten an.

Ganz oben auf der Liste stehen immer: Iris Berben und Hannelore Elsner. Ganz egal, wer stirbt, sie dürften etwas dazu sagen. Die sind sowas wie Allzweckwaffen, wirken universal einsetzbar und sagen deshalb auch nie zu. Wollen lieber mit Ulrich Tukur auf der Bühne des Hamburger Schauspielhauses stehen, beim Heine-Fest, veranstaltet vom ZDF-Theaterkanal. Hannelore Hoger wählt dort den großen, den wirklich überwältigenden Auftritt kurz vor Schluß, das Sein als Höhepunkt - sie füllt es aus, immer, mit Bravour und Präsenz. Auch das Selektionskriterien der Medien an sich - auch auf Seiten der Objekte.

"Muzil" kennt eigentlich kein Schwein, jenen A-Promi der Geistesgeschichte, dessen Mutter da oben spricht und sich als gute, interessierte und besorgte Mutter in's Scheinwerferlicht begibt. Sie ist die Mutter von jemandem, der stets Spuren verwischt und in seinen Büchern ausruft: Ich stehe nicht da, wo ihr mich zu sehen glaubt!

Nichtsdestotrotz, trotzdem dieser Gigant des Denkens vor seinem Tod noch Manuskripte verbrennt und posthume Veröffentlichungen untersagt und alle Regeln der Sichtbarkeit und Personalisierung zu unterlaufen versucht, hat sein Freund Hervé Guibert in einem Buch über das eigene Sterben an AIDS das Siechen seines großen Freundes gleich mit beschrieben. Ausgiebig. Über die Gründe wird hier spekuliert.

Ein Skandal, daß so tief in das Private von jemandem geschaut wird, der das Autoren-Subjekt und den Menschen des Humanismus verschwinden lassen wollte wie ein Gesicht im Sand. Über das Sterben von Flüchtlingen unweit von Urlaubsparadiesen oder erfrorene Obdachlosen schreibt niemand Romane und gibt ihnen dann andere Namen, statt Hans Pfeiffer Oberon, z.B. Das würde ja auch wenig Sinn machen, Namenlose umzutaufen. Das war eines der großen Themen Foucaults: Den Marginalisierten eine Stimme verleihen.

So Namenhaften wie ihm, denen sind Andere auf den Fersen. In seine Küche guckt man im Buche Guiberts. Man erfährt, daß im Krankenhauszimmer des Sterbenden es nach paniertem Kabeljau roch. Diese Berichte sorgen für breit gestreute Aufregung, an der zu partizipieren sich die Intelligenzia anschickt. Ein Aufschrei der Empörung ging durch Frankreich über das Buch Guiberts, des an AIDS Sterbenden, der sein eigenes Sterben im Buch auch beschreibt.

Und Leute wie ich kaufen dieses Buch, weil mit latent schlechtem Gewissen sie genau jene Passagen lesen wollen, in denen Muzil aufscheint - mit dieser seltsamen Mischung aus boulevardeskem Voyeurismus und echtem Interesse an einem Menschen, der eben nicht verschwand wie ein Gesicht im Meer, sondern der die Wissenschftsgeschichte umschrieb, um weltweit neue Wege des Denkens zu eröffnen. Dem es tatsächlich gelungen ist, mein Selbstverhältnis zu ändern. Nachhaltig. Ich lebe anders, seitdem ich Foucault gelesen habe. Seit er alle Grundpfeiler meines Denkens mir, 1989 war das, umstürzte und mich in eine jahrelange Identitätskrise stürzte - um letztlich zu begreifen, daß genau diese der Weg ist, gar keine Krise, sondern die permanente Schöpfung meiner selbst.

Dieses "Statement" der Mutter dort oben - das ist ein Geschenk für jeden Journalisten, der den Nachruf erzeugen soll. Das ist populär, das menschelt, und das ist doch intelligent. Mutter Muzil steuert damit selbst Regeln der Sichtbarkeit. "Häschen" hat sie zum großen Philosophen gesagt - meine Mutter sagte das einst auch zu mir, bis, stolz geworden, so um das Alter von 10 Jahren herum ich es ihr verbat. Sie wies dem Sohne zärtlich und verständnisvoll Wege des Reifens, das will sie damit sagen, die Mutter Muzil.

Man stelle sich hingegen einen Nachruf vor, der folgendes Statement Foucaults zum Aufhänger nähme, vielleicht in eine Headline überführte oder auch als Einstieg in den 3-4-Minuten-Beitrag im heute journal wählte:

"Die Vorstellung, daß SM mit einer tiefsitzenden Gewalt verbunden sei, daß ihre Praxis ein Mittel sei, um diese Gewalt freizusetzen, um der Aggression freien Lauf zu lassen, ist eine dümmliche Vorstellung. Wir wissen sehr gut, daß das, was diese Leute machen, nicht aggressiv ist; daß sie neue Möglichkeiten der Lust erfinden, indem sie bestimmte eigentümliche Partien ihrer Körper gebrauchen - indem sie diesen Körper erotisieren. Ich denke, daß wir da eine Art Schöpfung, schöpferisches Unternehmen haben, bei denen ein Hauptmerkmal das ist, was ich die Desexualisierung der Lust nenne."

Foucault, Michel, Analytik der Macht, Frankfurt/M. 2005, S. 304

Das wäre schon schlicht zu lang. 40-50 Sekunden O-Ton in einem Heute-Journal-Beitrag - ich habe es nie ausgestoppt, vermute jedoch: Allenfalls Politiker dürfen dort so lange reden. Wenn überhaupt. Das Statement umreißt entscheidende Elemente des Denkens Foucaults - das will beim Nachruf aber gar keiner wissen. Das Sujet als solches könnte zudem stören, irritieren, verstören - ist nix für's Fernsehen, zumindest nichts für die Hauptprogramme.

In anderen medialen Feldern, jenen der Peripherie, jenen, die noch heute super finden, daß Rainald Goetz sich einst bei irgendeiner Lesung die Stirn aufschlitze und dergestalt, mit diesen Stilmitteln, noch an Provokation und Revolte im Spiel der Zeichen glauben, da fände man so einen Einstieg stark. Nicht jedoch in der neuen Mitte, die alles aufzufressen droht ...

Um so interessanter der in Guiberts Roman geschilderte TV-Nachruf auf Michel Foucault - sein Muzil wird gekonnt in's Bild gesetzt von einer Freundin, einer TV-Moderatorin, die im Roman Christine Ockrent genannt wird. Ein kurzer Ausschnitt aus einer Talkshow wird gezeigt. Thema: Jenes so bahnbrechende und wirkungsmächtige "Sexulität und Wahrheit 1: Der Wille zum Wissen." Ein Buch, das, so Guibert, als zentrale These formulierte, "die derjenigen, welche damals die Intelligenzija beherrschte, diametral entgegengesetzt war", daß eben diese zur diskursiven Hetzjagd blies.


" Christine Ockrent, die er oft jubelnd seinen kleinen und großen Liebling nannte, brachte eigentlich nichts weiter als ein maßloses, nicht enden wollendes Lachen, das sie im Laufe jener Unterhaltungssendung aufgenommen hatte, bei der man Muzil im Anzug mit Weste und Krawatte sich buchstäblich vor Lachen winden sehen konnte, in einem Moment, da man von ihm erwartete, mit päpstlichem Ernst eine der Vorschriften für jene Sittengeschichte, deren Grundlagen er unterhöhlte, zu verkünden, und dieses Lachen wärmte mir das Herz in einem Augenblick, da es mir kältestarr schien, als ich bei Jules und Berthe, zu denen ich mich am Abend seines Todestages geflüchtet hatte, den Fernseher einschaltete, um zu sehen, wie man in den Nachrichten den Nachruf auf ihn gestalten würde. (...) dieses Lachen, das ich unwiderruflich zum Standbild erklärt habe, bezaubert mich heute noch, wenn ich auch ein wenig eifersüchtig bin, daß aus Muzil so ein prachtvolles, so ungestümes, so leuchtendes Lachen hervorquellen konnte, zu einer Zeit kurz vor Beginn unserer Freundschaft."

Hervé Guibert, a.a.O., S. 33

Foucault hat so bis zum Ende sein Spiel, wenigstens dieses, mit den Regeln des Mediums fortgeführt, zitierfähig gemacht. Dieser Philosoph, der auch maskiert Interviews gab, um die Personalisierung von Denken zu unterlaufen, und der seine Antrittsvorlesung am altehrwürdigen Collège de France am . Dezember 1970 mit den berühmten Worten begann:


"In den Diskurs, den ich heute zu halten habe, und in die Diskurse, die ich vielleicht durch Jahre hindurch hier werde halten müssen, hätte ich mich gerne verstohlen eingeschlichen. Anstatt das Wort zu ergreifen, wäre ich von ihm lieber umgarnt worden, um jedes Anfangens enthoben zu sein. Ich hätte gewünscht, während meines Sprechens eine Stimme zu ohne Namen zu vernehmen, die mir immer schon voraus war: ich wäre dann zufrieden gewesen, an ihre Worte anzuschließen, sie fortzusetzen mich in ihren Fugen einzunisten, gleichsam, als hätte sie mir ein Zeichen gegeben, indem sie für einen Augenblick aussetzte. Dann gäbe es kein Anfangen. Anstatt der urheber des Diskurses zu sein, wäre ich im Zufall seines Ablaufs nur eine winzige Lücke und sein Ende."

Michel Foucault, Die Ordnung des Diskurses, Frankfurt/M. Juli 2003, 9. Auflage, S. 9


07.07.06

Die Anti-Traum-Droge, Teil 1

I.

"Der Roman gewinnt Konturen. Es geht jetzt um etwas viel übleres als atomare Vernichtung - nämlich um eine Anti-Traum-Droge, die dem Menschen die Fähigkeit zur Schaffung von Symbolen und Mythen nimmt, seine intuitiven und telepathischen Anlagen zerstört, so daß sein Verhalten vorherbestimmt und kontrolliert werden kann nach den Methoden, die sich in der Naturwissenschaft als nützlich erwiesen haben. Kurzum, diese Droge eleminiert aus der menschlichen Gleichung den Störfaktor des Spontanen und Unvorhersehbaren. Ich habe von der erhöhten Empfänglichkeit für traumhafte, nostalgische Eindrücke bei leichten Entzugserscheinungen gesprochen. Das ist der Ausgangspunkt für die Anti-Traum-Droge. Roman handelt von riesigen Kafka-Verschwörungen, telepathischen Sendern mit bösen Absichten, dem elementaren Konflikt zwischen Asien, das für spontanes Leben steht, und dem Westen mit seinem äußeren Zwang, Charakterpanzer und Tod. Aber es ist schwer zu sagen - besonders bei einem selbst - für welche Seite jemand arbeitet. Agenten infiltrieren ständig die Gegenseite und diskreditieren sie durch Exzesse und Übereifer. Genauer gesagt, Agenten wissen nur selten, auf welcher Seite sie tätig sind.

Während Wissenschaftler an der Anti-Traum-Droge arbeiten, kommt es zu einem Durchbruch von Traumsituationen in die dreidimensionale Realität, und man hat Drogen entdeckt, die symbolbildende und telepathische Fähigkeiten verstärken. Jeder Abweichler wird also zu einer Bedrohung für die Kontrolleure, die auf den ersten Blick sämtliche Vorteile auf ihrer Seite haben, da sie über die Mittel zur Relitätskontrolle verfügen (...)"

William S. Burroughs, 19.Feb. 1955, Tanger, in: William S. Burroughs, Briefe an Allen Ginsberg, Frankfurt/M. 1994, 3. Auflage

Allmorgendlich krieche ich in meine kleine Küche, vom Käfer zu Ansätzen der Menschlichkeit reifend, schalte das Radio ein, die NDR 2-Morning-Show. Setze Kaffee auf, die Krönung - diese ganze Latte Machioto-und-"Pads"-und so-Mode finde ich gruselig. Ich liebe Filterkaffee, der einfach so durchläuft, weil alles fließt. Dieses ganze affektierte Milchgeschäume, das andere des Morgens betreiben, nee, nix Für-Mich-Seiendes. Und gehe dann noch mal ins Bett.

Mein Hund robbt derweil unter diesem hervor und taumelt sich in's Wohnzimmer zum Weiterschlafen. Eine Zigarettenlänge später röchelt das dunkelblaue Monstrum von Kaffeemaschine aus dem WAL-Markt grausig, Verrecken simulierend dampft es das letzte Wasser in den Filter. Also wieder rein in die Küche, raus aus dem Bett. Jeden Morgen dann erst mal eine Kaffeetassenlänge im Küchenkorbstuhl sitzen und den Flur entlang starren - dort hinten, an der Balkontür, hört die Wohnung auf ...

... die Begonie, das fleißge Lieschen und der neue, kleine Rosen-Hochstamm aus dem Supermarkt, hinreißende, kleine, orangene Blüten hat der, zwinkern mir zu. Mich bringt's aus der Fassung, daß Elke Wisswedel einen neuen Co-Moderator hat. Der ist unangenehm. Ähnlich, wie's mich erst aus der Fassung brachte, daß mein Spar-Markt nun ein Edeka ist.

Queen wird gespielt, Bon Jovi, Pet Shop Boys. Bloß nix zu Junges, Aktuelles, und wenn, dann Harmonisches - nix stört wirklich. Werberelevant ist die Zielgruppe 14-49, und die splittet man dann auf in N-Joy und NDR 2.

Es soll TV-Produzenten geben, umstrittene, charismatische Branchengrößen, die völlig fertig mit den Nerven waren, als sie bei 50 angekommen waren. Nicht mehr relevant. Würde man mit diesen im Café Unter den Linden sitzen, jenem "auf der Schanze", dann erzählten sie vielleicht inmitten verzweifelten Lachens, daß sie gerade eine Doku über eine Altherren-WG in irgendeinem Dorf gesehen haben - grausig sei das gewesen. Da würde die flache Mattscheibe Medium des Eindringens von Alpträumen in die dreidimensionale Realität. Kann kein Drittprogramm gewesen sein. Deren Sendeplätze definieren sich zumeist über: 60plus nicht verschrecken! Eher einer dieser eltären Minderheitensender, 3SAT oder ARTE, war's wahrscheinlich.

Die Altherrenwitze über die französische Nationalmannschaft: Heute auch Thema in der Satire "Schicksalsjahre einer Kanzlerin" oder so heißt die, auf NDR2. Da wird gewitzelt in Merkel- und Beckenbauer-Imitationen, wie diese ihre alten Knochen über den Platz geschleppt hätten. Daß sie so müde gewesen seien zu Beginn der WM, weil's ja anstrengend wäre, 5 mal die Nacht raus. Die Übernahme der Überschrift "Allez, les Vieux"" in allerlei Blogs zeigt, wie sie funktioniert, die Anti-Traum-Maschine: Zidane ist 34, wenn ich mich nicht irre.

Dann die Nachrichten: 75% der Deutschen seien mit der Großen Koalition unzufrieden. Baudrillard kommentierte das einst so:

"Zwischen dem Verlust des Realen und des politischen Bezuges und dem Auftauchen von Meinungsumfragen besteht eine strenge, notwendige Beziehung. Bei diesem Übergang zum kalkulierten Wechsel (zur Äquivalenz entgegesetzter Pole) spielen die Meinungsumfragen die Rolle einer statistischen Modellierung dieses Wechsels, sie sind der Spiegel jener Äquivalenz und tiefgreifenden Neutralisierung - Spiegel der öffentlichen Meinung und ihrer unbegrenzten Reproduktion ohne jeden Endzweck - etwa so, wie das Bruttosozialprodukt ohne jede Rücksicht auf ihren Zweck, ihre gesellschaftliche Finalität oder Kontra-Finalität der imgninäre Spiegel der Produktivkräfte ist: Die Hauptsache ist, daß "es" sich reproduziert. Dasselbe gilt für die öffentliche Meinung: unaufhörlich muß sie sich durch ihr eigenes Bild verdoppeln, das ist das Geheimnis der "Repräsention" der Masse. Es ist nicht mehr nötig, daß sich jemand eine eigene Meinung bildet, sich und sie anderen konfrontiert - vielmehr müssen alle die öffentliche Meinung nachbilden, in dem Sinne, daß alle sich in dieses allgemeine Äquivalent stürzen, auf dieses Simulationsmodell, und damit von neuem zu Werke gehen.

Die einzigen, die an die Meinungsumfragen glauben, sind die Mitglieder der politischen Klasse, wie letztlich die einzigen, die an die Werbung glauben, die Werbeleute sind - und das nicht aus irgendeiner Beschränktheit heraus, sondern weil die Meinungsumfragen in ihrer Modellierung dem gegenwärtigen Funktionieren der Politik homogen sind. Damit wächst ihnen - im äußersten Fall - ein taktischer Wert zu, sie sind ein Instrument, das sich die politische Klasse verschafft, um ihren eigenen Spielregel gemäß zu spielen und sich zu reproduzieren."

Baudrillard, Jean, Politik und Simulation, in ders.: Kool Killer oder der Aufstand der Zeichen, Berlin 1978, S. 43-44


Ob das auch für das Modellieren von Märkten in der Volswirtschaftslehre gilt? Ebenso stellt sich die Frage, ganz von selbst stellt sie sich, so, wie wir der Sprache folgen und selten sie uns: Macht der Simulationsbegriff Sinn, wenn es um die Darstellung von Meinungsumfragen in Medien geht? Darauf wird zurückzukommen sein. Um zunächst dem Gedanken mit der Gegenthese auf den Textleib zu rücken: Medien sind Selektion.

06.07.06

Taktik als "supplement": Frankreisch, Frankreisch Teil 3

Josefine.jpg

Na, ein Sturm auf die Bastille war das ja gestern abend nicht gerade. Trotz völligem Entflammtsein für meine Franzosen taten mir die Portugiesen leid, wie sie vergeblich ein Spiel als Zurückweisung durchleben mußten. Sozusagen. Ausgebremstes Begehren war das, als sie gegen dieses Abwehrbollerk anrannten, gegen in dieser Hinsicht höchst souveränen Franzosen, die ihre Kräfte schonten .... oha. Darf man Souveränität seit Agamben noch sagen? Oder hat gar ...

... Derrida den Begriff, jenen der Rousseauschen Volkssouveränität, der gerade in Thuram, in Vieira und Zidane so vollkommen sich verkörpert, schon längst dekonstruiert, und steht das Wort somit lange schon auf dem Index der Postmoderne?

Es gibt inmitten der sowieso außerdordentlich rätselhaften "Grammatologie" von Derrida diese noch rätselhaftere Seite 249. Dort wird der - wie sagt man sowas bei Derrida? Begriff ist da bestimmt falsch ... hmmmm - na, dann eben das Supplement eingeführt. In Auseinandersetzung mit Rousseau und dessen Präsenz bei sich als Natur. Und dann kommt dieses Zitat, fällt über den Leser her, wie's in der Hörbuch-Version nicht möglich wäre, das nicht wegen seines Inhaltes verwirrt, sondern nur, aber nachhaltig, weil die Quelle fehlt. Hat's Derrida nur erfunden? Und wenn, spielte das in seiner Philosophie überhaupt eine Rolle?

"Die Sprachen sind dazu geschaffen, um gesprochen zu werden, die Schrift dient nur als Supplement zum gesprochenen Wort ... Das gesprochene Wort stellt mit Hilfe von konventionellen Zeichen den Gedanken dar, während die Schrift iherseits das gesprochene Wort darstellt. Folglich ist die Schrift nur eine mittelbre Darstellung des Gedankens."

Jacques Derrida, Grammatologie, Frankfurt/M. 1990, 3. Auflage, S. 249

Ich vermute, daß das von Rousseau ist. Und daß an dieser Stelle Derrida seine These von der "Schriftvergessenheit" vorbereitet. Ich kann das nur vermuten, weil ich bei Derrida mehr als 2 Seiten nie lesen konnte, ohne genervt zu sein.

Bei alller Liebe zu den Franzosen verkörpert er das, was oft an Geduld und Verständnis nagt, wenn man mit dem einen oder anderen Pariser spricht: Dieses wortreiche Nichts-Sagen, das als Stil und Ästhetik der Kultivierung des Selbst, das spircht, in großen Wolken der Rhetorik eben dieses feiert. Diese Verweigerung jedes Sich-Festlegens auf etwas, weil das schon Unterwerfung unter die Dominanz des Anderen bedeutet. Diese Dissens-Sehnsucht zu Selbstdurchsetzungszwecken.

Wobei das Spielerische des Gebahrens nicht ignoriert werden darf - das rationale Sich-Einigen-Wollen deutscher Geschäftspartner erscheint ihnen dann plump und unhöflich, beendet es doch dieses lustvolle Spiel des Redens und Schreibens, das so ernst nun auch wieder nicht gemeint ist - das steckt ein verschmitztes Lächeln in all den großen Gesten, und ignoriert man dies, erscheint man wie die Tanks von einst in ihren Augen.

Die ganze Debatte rund um die Postmoderne, der ganze Streit zwischen dem Habermas-Umfeld und den "Postmodernen" läßt sich wohl auf diese Differenz - ha! - zurückführen. Die Reaktion der französischen Philosophen war oft ein Schwanken zwischen Erschrecken und Betroffensein angesichts der Angriffe, und wohl auch angesichts dessen, daß zum Teil diese berechtigt waren - und doch auch einem Amüsement, daß das Spiel weiter genießen wollte. Insofern dieses Spiel jedoch zum Supplement für's Denken werden, kann es dann doch nervtöten - also weiter mit Derrida:

"Ebenso treten die Kunst, die techne, das Bild, die Repräsentation, die Konvention usw. als Supplement der Natur auf und werden durch jede dieser kulminierenden Funktionen bereichert. Diese Art der Supplementarität determiniert in bestimmter Hinsicht alle begrifflichen Gegensätze, in die Rousseau den Begriff der Natur einschreibt, insofern dieser sich genügen sollte.

Aber das Supplement supplementiert. Es gesellt sich nur bei, um zu ersetzen. Es kommt hinzu oder setzt sich unmerklich an-(die)-Stelle-von; wenn es auffüllt, dann so, wie man eine Leere füllt. Wenn es repräsentiert und Bild wird, dann wird es Bild durch das vorangegangene Fehlen einer Präsenz."

a.a.O., S. 250

Versuchen wir also, das gestrige Spiel so zu lesen, wie Derrida Rousseau liest. Da stellt sich dann zunächst die Frage: Repräsentiert die Taktik das Spiel? Und wenn ja, was ersetzt sie, an die Stelle welcher Leere tritt sie? Ist sie techne, ist sie Kunst? Waren die Portugiesen die Natur, insbesondere Cristiano Ronaldo, dieses offene Buch der Emotionen, der sehnsüchtig immer neu aus nicht nachvollziehbren Anlässen an den Rasen sich schmiegte und eins mit ihm werden wollte, und waren die Franzosen sein Supplement, das durch die Differenz zu ihm sich konstituierte und verschob im wohlorganisierten Spiel der Zeichen? Waren die Portugiesen einfach nicht fähig, die franzöische Abwehr zu dekonstruieren? Oder trat techne an die Stelle der Kunst im Spiel der Franzosen, an Stelle jener Ästhetik, die gegen Brasilien noch gezeigt wurde oder gar sich zeigte? Und repräsentiert die Konvention des Defensivspiels die Taktik oder ist sie eine solche, dann aber kein Supplement mehr?

Vielleicht hilft es weiter, bezieht man es auf eines dieser berühmten Rosen-Bilder von Redouté. Ist dieses ein Supplement für die Rose, und ist die Rose selbst dann so etwas wie das gesprochene Wort? Sind Rosen als Kultur-Erzeugnisse Koventionen? Und worin besteht der Unterschied, wenn ich "Rose" schreibe, "Rose" sage oder, wie oben, eine Rose male?

Man merkt: Derrida verführt zu, gelinde gesagt, außerordentlich seltsamen Fragen. Daß jedoch Taktik gestern das Fußballspielen ersetzte, das ist der Fall. Hoffentlich sind die wenigstens gut erholt für's Endspiel, um die Italiener zu schlagen ... und entwickeln sich dann so prachtvoll wie jene Rose dort oben einst im Garten der Kaiserin Josefine. Und Les Bleus überwuchern dann die Festungen des italienischen Spiels, Henry oder Zidane schlagen sich durch's Dickicht und küssen den schöne Prinzen, daß er erwacht ... schießen also das alles entscheidende Tor. Auf daß die darauf folgenden "Vive la France"-Rufe all jenen Deutschen, die sowas singen wie "Die Nr. 1 der Welt sind wir" in den Ohren klingeln. Da gibt es nämlich eine alles entscheidende Differenz ....

05.07.06

Gewinnen kann doch jeder ...

apfelbaeumegef1.jpg

Foto: Alte Bäume erleben

"Eines Tages lagen die Apfelbäume entwurzelt auf der Wiese. Sie waren alt und brachten keinen Ertrag mehr. Sie lagen dort ein paar Wochen. Sie fingen an zu blühen. Jedes mal wenn ich auf meinem Spaziergang an diesen entwurzelten Bäumen vorbei kam, bewunderte ich ihre Lebenskraft und mich erfaßte Trauer, weil sie keine Chance zum überleben mehr hatten."

Schöne Seite, diese Alte Bäume erleben-Seite. Nun haben wir ja eigentlich eine junge Mannschaft, insofern ist das Bild schief und trotzdem schön. Eine, die so vortreffllich erblühte, um jetzt doch nicht dier erhofften Früchte zu tragen. Aber man muß es den Italienern, dieser unsympathischten Mannschaft (nicht Nation!) des Turniers, zugestehen: Die haben die Säge schon ziemlich zielsicher angesetzt. 120 Minuten gegen den Sturm anlaufen führt dann eben doch zur Entwurzelung, wenn man's nicht packt, auf diesem mitzusegeln. Die deutsche Mannschaft hat gegen die Logik dieses Spiels angespielt. Das geht schief.

Der gestrige Abend schien mir ...

... fast wie eine Karrikatur des bisherigen Turniers. Vielleicht lag das nur an der Alki-WG gegenüber. Die sind im ganzen Viertel bekannt, weil einer der ihren so unglaublich laut ist. Dessen abendlicher, phonstarker Diskussionsstil gehört zum natürlichen Soundtrack dieser Straße. Lustig war's, als hier in der Straße Filmarbeiten liefen, wahrscheinlich für das Großstadtrevier, und der gute Mann lautstark lallend das Team nachhaltig aus der Fassung brachte, weil er fortwährend vom Balkon gröhlte: "Wenn ihr Komparsen braucht, sind wir dabei" - so laut, so penetrant, daß diese gar keine Antwort wußten.

Manchmal befällt sie das Gefühl der Nutzlosigkeit, dann fangen sie an, dem türkischen Gemüsehändler beim Aufräumen und Fegen zu helfen. Damit ist der dann vollauf beschäftigt - eine Hilfe ist es nicht wirklich, aber er kümmert sich um die "Jungs", die wohl irgendwas zwischen 50 und 60 sind. Typische Schicksale im Deutschland 2006 - auf denen rumzuhacken, sie würden ihrer Eigenverantwortung nicht gerecht, macht gar keinen Sinn. Es ist gut, daß es die gibt. Einfach so. Denn die sind einfach so. Und das ist gut.

Deren intensives und mit aufbrandenden Laut-Gewittern versehenes Länderspiel-Gucken begleitet mein Leben seit Jahren. Gestern haben sie erstmals die Nationalhymne gesungen. Wahrscheinlich, weil das ZDF die Videotext-Seitenzahl mit den "Lyrics" einblendete. Das war schaurig-schön: Inbrünstig und mit tiefen Gefühlen aufgeladen - ein verlebter Altherrenchor, der keinen Ton traf und doch aufging im Gesang, ganz ergriffen von sich selbst.

Der Gesang legte etwas frei, was typisch ist für diese WM. "Die Nummer 1 der Welt sind wir!" wurde - ziemlich dämlich - gesungen da in Dortmund. Dabei geht's doch die ganze Zeit nur um das wechselseitig solidarische Zusammenleben mit dem türkischen Gemüsehändler. Schauen wir mal, ob sich die ganzen Taumelnden da nach diesem Spiel noch dran erinnern ... daß sie Gastgeber sind, nicht Auspfeiffende. Was haben die da gestern noch gesungen? "Ihr seid nur ein Pizzabäckerland?" Habe es nicht genau verstanden ...

Jetzt kann ich hoffentlich ohne schlechtes Gewissen mit Frankreich durch das Endspiel mich fiebern. Diese Gesänge gestern belegten jedoch auch etwas Schönes: Daß wir nur regionale Kulturen des Feierns haben - außer in Berlin, da wird nur gepfiffen. Durchgängig wurden Gesänge aus dem Vereinsfußball übertragen - eben auch die Nr. 1 im Pott, die seit dem Bochum-Spiel übrigens wir sind. Habe am lautesten gejubelt, als die St. Pauli-Fahne inmitten des Fan-Geschehens geschwenkt wurde.

Nach dem letzten Heimspiel der letzten Saison lief am Millerntor so ein herrlicher Song, weiß bis heute nicht, von wem der war - "Gewinnen kann doch jeder!" oder so war der Refrain. Tolle Gitarren-Ballade. Bringt auf den Punkt, worum's jetzt geht: Umdeuten.

"An einem stürmischen Tag, (..) als ich an einer Straßenecke gegen den Wind ankämpfte, kam ein Mann rasch um die Ecke gebogen und stieß in seiner Eile hart mit mir zusammen. Bevor er sich von seinem Schreck erholt hatte und etwas sagen konnte, sah ich umständlich auf meine Uhr, als hätte er sich nach der Zeit erkundigt, und sagte höflich: "Es ist genau zehn Minuten vor zwei", obwohl es fast vier Uhr war, und ging weiter. Mehrere Häuser weiter drehte ich mich um und sah, daß er mir immer noch nachblickte, offenbar noch immer verwirrt und befremdet über meine Bemerkung."

Paul Watzlawick, John Weakland, Richard Fisch, Lösungen, Bern/Stuttgart/Wien 1974, S. 125

So der Psychiater Milton Erickson. Und ich sach ma': Besser ein guter Verlierer sein als die Nr. 1 der Welt. Und gefällt noch weiterblühen ...

04.07.06

Der Schlußsatz Bourdieus über das Fernsehen

"Man muß schon ein sehr zähes Vertrauen in das (unleugbare, aber doch begrenzte) Potential des Volkes zum "Widerstand" haben, um mit einer gewissen "postmodernen Kulturkritik" davon auszugehen, der Zynismus der Fernsehproduzenten, die sich in ihren Arbeitsbedingungen, ihren Zielen (dem Ringen um mximale Vermehrung des Publikums, um das "gewisse Plus", das ausmacht, daß etwas "sich besser verkauft") und ihrer ganzen Denkweise immer mehr den Werbeagenten nähern, fände seine Grenze oder sein Gegengift in dem aktiven Zynismus der Zuschauer (den vor allem das zapping illustriert): Die Fähigkeit, bei strategischen Spielen des Typs "Ich weiß, daß Du weißt, daß ich weiß" reflexiv und kritisch mitzuhalten und die vom manipulativen Zynismus der Fernseh- und Werbeproduzenten angebotenen "ironischen und metatextuellen" Botschaften auf einer dritten und vierten Verstehensebene zu überbieten, als universell gegeben vorauszusetzen, heißt nämlich, einer der perversesten Formen der scholastischen Illusion in ihrer populistischen Fassung aufzusitzen."

Pierre Bourdieu, Über das Fernsehen, Frankfurt/M. 1998, S. 139-140

03.07.06

Wer Sex konsumiert ...

... soll's von mir aus auch weiter auf diese Art treiben; ich persönlich präferiere da den Umgang mit anderen Menschen.

Den Freudo-Marxismus der älteren, Kritischen Theorie habe ich oft mit Foucault als manipulativ empfunden, weil er wahre Bedürfnisse hinter den Falschen des gesellschaftlichen Verblendungszusammenhangs konstatierte und diese unter den Bedingungen der 50er, 60er Jahre gar nicht erfahrbare Dimension menschlichen Lebens dann als impliziten Maßstab der Kritik ansetzte. "Es gibt kein wahres Leben im Falschen", dieses Diktum Adornos war eben immer auch Faulheit. Daß Bedürfnisse sie ignoriert hätten, die Kritischen Theoretiker und deren 68er-Adepten, ist dummes Zeug.

Dennoch - und da kann man die Kulturkritik Horkheimers und Adornos noch so sehr als Extrakt kulturkonservativer Lamentos aus den 20er Jahren deuten un der Lebensphilosophie zuschlagen -: Die Kritik der Warenförmigkeit und somit Verdinglichung von allem und jedem, die finde ich aktueller denn je. Daß die Überführung von Tauschwert- und Vertragslehren alle menschlichen Beziehungen zertrümmert und deformiert, das hat Erich Fromm in "Die Kunst des Liebens" vortrefflich pointiert auseinandergenommen; ich bin bis heute heilfroh, daß meine 68er-Lehrer mir solches Denken nahe brachten. Auch sonst brachten sie eine Kultur in die Schulen, die diametral jener der der post-faschistoiden Lehrer auf den Dorf-Gymnasien ...

... rund um unsere IGS herum entgegenstand, von der all die Schulwechsler berichteten: Das Anti-Autoritäre hat gewirkt. Punkt.

Es ist auch einigermaßen lächerlich, immer die Popkultur-Entwicklung gegen die in der Tat übertriebene und mit den in jeder Hinsicht falschen Plakaten ausgestatteten Demonstranten von einst auszuspielen; mit verhältnismäßig wenig Personal ausgestattete Bewegungen wie jener damals vorzuwerfen, daß sie auch als Symptom einer übergreifenden historischen Entwicklung, die aus vielen Töpfen sich speiste, an viele Ecken und Winkeln der Welt erschien, um dann sich zu bündeln, macht gar keinen Sinn. Weil sie den Traum von einer unabhängigen Avantgarde vorraussetzt, die dann Gesellschaften in Bewegung setzte - der denkunmöglich ist.

Natürlich ist '68 ein Bündelung verschiedenster Strömungen, wie jedes andere Ereignis auch. Interessant wäre es, das Ganze dann auf Entwicklungen in den USA und den "Prager Frühling" zu beziehen. So ist das Ganze national-piefig und somit das Unwahre, was Herr Walter hier beschriebt - also, lieber Herr Politologe, denken Sie noch mal nach, bevor sie sich retten wollen, ist ja nicht alles falsch, was sie dort schreiben.

Interessant ist z.B. die Verbindungslinie von '68 zu Westerwelle und Konsorten: In der Tat bricht da ja Spontitum und Provokation zum Selbstzweck immer wieder neu durch bei diesen FDP-Spaßvögeln. Völlig auf die Linke fixiert, neigen sie zur reinen Negation, das machte sogar Sinn, dies auf Adorno zu beziehen.

Insofern braucht man im letzten Absatz des Walter-Artikels nur ein Paar Worte und Namen zu tauschen, und schon landet man beim aktuellen liberal-libertären Klüngel, der männerbündlerisch den Weg für die PIs dieser Welt freischießt:

"Eine politische Generation waren die Scheinliberalen nie. Im Grunde charakterisieren sich wohl die bekannten, markanten, geschichtsträchtigen "Generationen" in erster Linie kulturell. Das war schon bei den Akteuren der Wandervogelbewegung um 1900 so, dann auch bei den Aktivisten der Bündischen Jugend dreißig Jahre später. All die großen, oft genug literarisch verklärten Generationen hatten einige auffällige Defekte: Es gab in ihren Reihen und Organisationen stets unzählige Spaltungen und erbitterte Gruppenkämpfe. Immer wieder rutschten sie in exaltierte Dogmatismen und Sektierereien ab. Ihre Anführer waren häufig genug bizarre, weltfremde und verstiegene Sonderlinge. Bedeutende Politiker brachten sie kaum einmal hervor. Ebendas ist mein Problem mit den Scheinliberalen: ihr Defizit an Politik; ihr Mangel an einem ernsthaften, klugen, lebensnahen, realistischen, zäh und konstant betriebenen, dabei volkstümlichen, listigen, strategischen und zielorientierten Radikalreformismus. Am Ende war der Scheinliberalismus lediglich ein spätbürgerliches Distinktionsgebaren, die Hoffnung, mit dem sperrig esoterischen Vokabular von Hayek, Nozick, Hoppe und ein bisschen Popper noch einmal auf geistesaristokratischen Höhen Abstand und Distanz zu den als "sozialistisch" verachteten niederen Massen zu wahren."
Entschuldigen Sie, Herr Walter, was Sie wirklich schrieben, kann man ja im verlinkten Text nachlesen. Es paßt nur so gut. Und wie man die großartige Tradition des Liberalismus sinnvoll fortschreiben kann, das sollte man dann doch lieber bei Rawls, bei Sen oder bei einer sich der Sloganisierung entziehenden Popper-Lektüre suchen.Oder Frau Fetscher lesen. Dann kann man '68 als Ereignis auch sinnvoll beurteilen und wird vor allem in diesen Lammertschen Gestus nicht verfallen:
"Vor allem aber hat sie vereitelt, dass ein stabiler und verlässlich orientierender Wertekern erhalten blieb oder sich neu herausbildete. So wurde bezeichnenderweise das Werte- und Deutungsvakuum in der Regentenzeit von Rot-Grün zum entscheidenden Problem, das bis in die unmittelbare Gegenwart hineinreicht. Man weiß aus der Sozialpsychologie, dass Menschen nur dann aktiv, zielorientiert und selbstbewusst handeln können, wenn sie über ein konsistentes Normensystem verfügen. Fehlt ihnen ein solches Interpretationsset oder ist es in Unordnung geraten, dann machen sich Ängste breit, Hilflosigkeiten, Pessimismus. Menschen mit einem aus den Fugen geratenen Wertegerüst werden von Zukunftsfurcht gequält, reagieren konformistisch, suchen Sündenböcke. Eben so präsentiert sich die deutsche Gesellschaft im derzeitigen Übergang der 68er in den Pensionärsstand."
Das ist sachlich falsch. Klar, Habermas, Prä-68er, hat sich auch auf großer Bühne mit den revoltierenden Studenten angelegt, aber auch das ist '68. Ebenso, daß Adorno an die Wände seines Instituts sprühen wollte: "In diesem Krahl heulen die Wölfe"- der Widerstreit gehört zu '68 als Ereignis dazu und braucht nicht retrospektiv erst erzeugt zu werden.

Die ganze "revisionistische" jüngere Generation der Kritischen Theorie beispielsweise hat 30 Jahre damit zugebracht, aus den damaligen Erfahrungen Moral zu entwickeln, sei's die Diskursethik oder Honneths Kampf um Anerkennung. Ob Albrecht Wellmer oder Martin Seel, den ich dazu zählen würde - hier wurde mit einer Intensität geforscht, gegen die die Walterschen und Lammertschen Plattitüden arg abfallen. Die fruchtbarste Phase der neueren, französischen Philosophie, Lyotard, Foucault, von mir aus auch Glucksmann als Ex.Maoist und Renegat ist eine Reaktion auf '68: Wat haben wir diesem Ereignis zu verdanken!

Der Trick ist schlicht, den Walter anwendet: Eine kleine Personengruppe aus einem historisch komplexen Zusammenhang zu lösen und sie für schuldig zu erkären. Als hätten sie die Macht gehabt, Kohl zu bewirken. Auch wenn er selbst sich nicht zu '68 zählt: Das ist der Geist des maoistischen Tribunals, der durch die Zeilen weht. Und diesem nicht selbst zu verfallen, da muß ich selbst langsam richtig aufpassen ...

02.07.06

Cogito Interruptus

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Foto: Wolfgang Hawerkamp

Mmmmmh ... solch ein Foto ist ein Beleg für die Verknüpfung der Sinne. Man sieht's, und man riecht den Lavendel und fühlt sich gleich frischer. Ob Zinedine Zidane aus solchen Anblicken einst seine Virtuosität zog, ob dieser Duft ihm seine ungeheure Leichtigkeit und Eleganz verliehen hat? Oder ist er nie aus dem "Problemviertel" La Castellane herausgekommen in seiner Kindheit, um ein wenig weiter nördlich die so unglaubliche Landschaft der Provence mit all ihren Düften einzuatmen, um Bilder wie jenes oben als zen-hafte Meditationen, als Kraftquelle inmitten des Straßenstraubs der wirklich heftigen Hafenstadt Marseille in sich zu tragen? Als ich dort war, in Marseille, Ostern 1987, da habe ich mich nachhaltig gegruselt auf dem Weg durch die Gassen hinauf zu jenem Haus, in dessen Garten am Morgen nach dem Bier wir Ostereier suchten. Weil eine Freundin von mir dort als Au Pair-Mädchen arbeitete.

Es gibt Spiele, da setzt dann das "Ich denke" kurzzeitig aus ...


... und man ist sowas von mitten im Geschehen, daß selbst das "kühle Medium" Fernsehen die Nähe zum Ereignis nicht mehr mit Distanz zu versehen vermag. Wohl deshalb:

"Kühle Medien liefern Informationen von geringer Detailpräzision, zwingen den Empfänger, die Lücken selbstständig aufzufüllen, und beanspruchen dadurch seine ganze Person mit allen Sinnen und Fähigkeiten. Sie "beteiligen" ihn, aber in Form einer Halluzination, die ihn ganz erfüllt. Die Drucktechnik und das Kino sind heiße Medien, das Fernsehen ist kühl."

Umberto Eco, Cogito Interruptus, in ders.: Gott und die Welt, München 1985, S. 253

Aha. Eco rezensiert im Zitat Marshall MacLuhan. Das Spiel der Franzosen gestern gegen die Brasilianer war so eins, wo die Halluzination ihr Glücksversprechen einlöste - habe da mehr mitgefiebert als beim Deutschland-Argentinien-Spiel.

Wenn ich Henry, Thuram, Zidane auf dem Platz stehen sehe, dann steht zugleich etwas mit auf dem Spielfeld, was selbst die Riots nicht hinwegfegen konnten, was sie vielleicht sogar bestätigten: Diese ungeuere, symbolische Wucht der WM '98. Nämlich daß Ethnien Schall und Rauch sind. Und multiethnische Nationen hoffentlich nur ein Zwischenschritt sind hin zum einem pluralen Miteinander. Große Worte ... und was Zidane da gestern zauberte, auch da setzte kurz das Denken aus. Da schien - aktiv Lücken füllend und halluzinierend - Ballett kurz wie eine plumpe Veranstaltung, da wirkte Samba wie Marschieren.

Habe nicht verstanden, daß alle an der ersten Halbzeit so rumnörgelten, ganz so, wie andere am Brötchen knabbern: Schon da wirkten die Ronaldos und Ronaldinhos wie Schuljungen, wie hypnotisiert nicht zuletzt von Zidane. Ein großes Spiel, so verdient gewonnen - und wer Zeichen lesen kann, der wußte das sehr früh, daß das nix würde für die Brasilianer. Erst dieser Gesangsauftritt von Pelé: Wie kann man sich nur freiwllig selbst so demütigen? Ein Niedergangssymptom - oder ein zeichen? Dann, als Lucio der Schuß von Henry ins Wanken und ins Fallen brachte: Da lagen sie schon, bevor noch ein Tor gefallen war, am Boden. Da war die Sache klar.

Zu dieser, meiner Wahrnehmung schrieb Umberto Eco bereits 1967:

"Cogito Interruptus ist typisch für jene, die überall in der Welt Symbole sehen. So der Verrückte (der uns zum Beispiel ein Streichholzheftchen unter die Nase hält, uns lange und tief in die Augen blickt und schließlich bedeutungsvoll sagt: "Seht ihr, es sind genau sieben ...", in der Erwartung, daß wir den verborgenen Sinn dieses unwiderlegbaren Zeichens erfassen); so auch der Bewohner eines symbolischen Universums, dem jeder Gegenstand und jedes Ereignis zum Zeichen für etwas Überirdisches wird, das alle bereits vorhanden wissen und nur noch bestägtig sehen wollen.

Aber Cogito Interruptus ist auch typisch für jene, die überall in der Welt nicht Symbole, sondern Symptome sehen: untrügliche Vorzeichen für etwas, das nicht im Jenseits, oder im Diesseits verborgen ist, sondern früher oder später geschehen wird."

a.a.O., S. 245-46

Daß diese Mechanismen viel mit selbsterfüllenden Prophezeiungen zu tun haben, konnte man gestern beim Spiel Portugal-England sehen. Das "Daß!" des Elfmeterschießens als Symbol für die kommende Niederlage. Hähähä - gestern war eigentlich der bisher schönste Spieltag: England raus, Frankreich weiter, schön!

Viel hat der Cogito Interruptus aber auch mit der politischen Blogosphäre zu tun. Die einen hören nur "Moscheenbau" und wittern Eurabia, andere wahlweise "Beck" oder "Steuern", und schon ist der Weg zur Knechtschaft beschritten. Dritte hören "Wettbewerb", und schon denken sie nicht an hübsche Lavendelsträucher auf dem Wochenmarkt statt bei Blume 2000, sondern an Arbeitslosigkeit. Wettbewerb wird dann zum Symptom dieser. Oder eher Umgekehrt? Egal. Auch bei einem Fußballspiel mit 11 Leuten aus einem Land auf dem Platz an "Integration" zu denken, könnte dem Cogito Interruptus zuzuordnen sein. Muß aber nicht so sein ...

Dabei ist magisches Denken in außerpolitischen Zusammenhängen was ganz Wundervolles. Gerade im Fußballfandasein wird ja versucht, den Cogito Interruptus als aktives Ritual im Sinne der Eigenverantwortung zu zelebrieren. Auch Fans ihrer selbst oder ihrer Mannschaft wie z.B. Metzelder rasieren sich derzeit nicht mehr. Andere essen immer zur selben Zeit die gleiche Wurst am selben Stand vor jedem Spiel ihres Vereins, weil beim letzten Mal das Spiel gewonnen wurde. Von stinkenden Klamotten, so lange nicht gewaschen, schweige ich lieber ...
Ich glaube übrigens, daß Frankreich Weltmeister wird. Gegen die verlieren wir im Finale. Jetzt muß ich nur noch die passenden Zeichen dafür finden und mich derweil weiterwundern über ein anderes Element Ecoschen Denkens, das surreal und schön zugleich ist:

"Und eines Tages, dieweil ich verwundert die unsinnigen Bewegungen auf dem Spielfeld verfolgte, ward mir auf einmal ganz sonderbar ums Gemüt und mir schien, als tauchte die hohe Mittagsonne Menschen und Dinge jäh in ein gleißendes Licht, das alles erstarren ließ, dergestalt, daß sich vor meinem Augen ein sinnloses Welttheater enstpann. Es war dasselbe Gefühl, das ich später (...) als das Gefühl der "alltäglichen Irrealität" entdecken sollte, doch damals war ich erst dreizehn und interpretierte es mir auf meine Weise: Zum erstenmal zweifelte ich an der Existenz Gottes und hielt die Welt für eine Fiktion ohne Zweck und Ziel. (...) seither, ich kann es nicht leugnen, hat sich Fußball für mich stets mit der Abwesenheit von Zweck und Ziel verbunden, mit der Vanitas allen Strebens und mit dem Gedanken, daß Gott nichts anderes sein (oder nichtsein) kann als ein Nichts. Und darum habe ich (wohl als einziger unter den Lebenden) Fußball stets mit den negativen Philosophien assoziiert."

Umberto Eco, Die Fußball-WM und ihr Staat, in: a.a.O., S. 194-195

Angesichts des Weltmeistertitel-Strebens mag das absurd erscheinen - wobei zu bemerken ist, daß das Nirvana in manchem Herzschlag-Spiel als erstrebenswertes Nicht-Ziel für Momente nur sehr wohl in Frage kommt. Auch, daß negative Theologie und zweckfreie Ästhetik oder die Ästhetik des Zweckfreien sich bestens verstehen, das kann man bei Adorno lernen.

Zidanes Spiel auf jeden Fall erlaubt diese ästhetische Einstellung zur Welt, da ist er weder Symptom noch Zeichen, sondern ganz er selbst - und man kann seine Kunst am Ball genießen, so wie den Anblick von Lavendelfeldern, und darf Ergebnisse, Siege und das Ziel des Spiels für ein paar Minuten vergessen - ihm gebührt unermeßlicher Dank dafür.

01.07.06

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... funktionieren wieder! Falls Bedarf ...

Phonologie und Phonetik zum Trotze: Leidenschaft, schaff neue Lieder!

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Foto: Der kleine Garten

Tja, da muß man erst mal rüberkommen. Das 1:1 war schon saucool. Tja, da muß man erst mal durchkommen. Lehmann hat schon die Qualität einer liebevoll gehegten Hecke wie jener dort oben auf dem Bild. Die Ukrainer hingegen - schade!!! - wußten trotz Zwischenhoch keine Schneisen in das italienische Stellungsspiel-Labyrinth zu schlagen. So'n Barock-Garten ist schon ein gutes Bild für Spiele, die von Defensiv-Taktiken leben.

Ich frage mich ja auch heute noch, wieso Herr Peckermann oderwiederheißt seine besten Spieler vom Platz genommen hat. Empfehlen kann ich jedoch jedem, ...

... beim Elmeterschießen mal eben mit dem Hund Gassi zu gehen (Klinsmanns "Da gehen die Gefühle mit einem Gassi" kannte ich da noch nicht, schönes Bild!). Man erlebt das Geschehen auf dem Platz hautnah mit, ohne es zu sehen. Dieser Wechsel zwischen totaler Stille und eruptiven, phonologischen Schallwellen (Phonologie war doch die Lehre von den kleinsten, bedeutungstragenden Einheiten?), ein Wechsel, der bis zu einem unbezweifekbaren Höhepunkt sich steigert, an dem man weiß: "Oooops, das haben wir ja tatsächlich gewonnen!", all dieses in Spannung hörend zu genießen ist viel sinnlicher, als dabei auf Bildschirme zu starren. Die Leere der Straßen atmen und dabei lauschen, das macht das Spiel erfahrbarer als diese Enge inmitten eines Mobs - na ja, bei St. Pauli-Spielen würde ich das Gegenteil behaupten. Aber Deutschsein kennt ja Grenzen, und zum Glück sind das aktuell nicht die von 1939.

Wobei man nörgelnd konstatieren muß: Deutsche haben keine Lieder, zumindest keine für's Stadion. Da schwärmen alle von dieser vermeindlich ach so tollen Stimmung in den Stadien, und vorm Fernseher hört man fast nur Pfiffe. Ich finde das außerordentlich unhöflich. Da wohnt wohl direkt unter der Oberfläche ein "Wixer, Arschloch, Hurensohn" in der Seele des Saalpublikums. Wenigstens gibt es nun eine melodiöse Variante des "Deutschland, Deutschland" statt dieses abgehackten Konsonanten-Ausstoßens, "DEUTSCHLAND!" mit Ausrufungszeichen, das damals schon Charlie Chaplin so vortrefflich karrikierte. Phonetisch ist dieses tonale Ausspucken, "deutsch", ja auch nicht wirklich schön. Können wir heute ja nix für.

Wie schön ließe sich eine "Allemagne" singen, selbst ein "Germany" würde trotz holprigen Anfangs gegen Ende des Wortes einfach nur swingen. Auch "Tedeska" ließe sich voll Pathos in verdi-eske Dimensionen hinträllern, wenn das zweite "e" man dehnte ... na ja, stattdessen dann eben erst diese doofen "ohne Holland"-Gesänge, und nun vor allem langweilige Importe aus dem Vereinsfußball - mal im Ernst, wer fährt denn abgesehen von Final-Spielen gerne nach Berlin?-, Anspielungen auf den "Nationalen Widerstand" beim "Steht auf, wenn ihr Deutsche seid", die lediglich vom Charme der Schwulen-Hymne leben, "Go West" halt, auf nach Kalifornien, in San Francisco sind wir keine Minderheit. So steckt dann doch die Subversion im Zeichen selbst.

Ein "Don't cry for me, Argentina" hätte ich als Stadiongesang trotzdem schöner gefunden. Von mir aus auch ein "Buenos Dias, Argentina". Oder ein Tango - gibt's da 'nen bekannten? Der Kriminal-Tango, den kennt doch der eine oder andere noch, der hätte zur Spannung des Spiels gepaßt. Selbst Pochers "Schwarz und weiß" hätte ich okay gefunden, und zur Deeskalation nach Spielschluß liber mal ein trauerndes Abschiedslied anstimmen, "Bye, Bye, Baby love" zum Beispiel, selbst ein "Jungens, kommt bald wieder!" hätte die Nationalgeschichte charmant umgedeutet. "O happy day" gehört sowieso in die Fankurven, versuche meine Gegengeraden-Freunde schon länger zu überzeugen, das ein "O St. Pauli" doch in diesem Duktus gar als Kanon erschallen und pralle Freude verkünden könnte. Während des Spiels ein "Ob es so oder so oder anders kommt, so wie es kommt, so ist es Recht, es kommt sowieso nie so, wie man es gerne möcht" , Dank an Lena Valaitis, brächte echten Fußballzauber in die Stadien und ein Spiel auf den Punkt. Na, das gestern dann doch nicht, auf den Elfmeterpunkt schon gar nicht. Aber sonst.

Nee, von alledem nix zu hören, stattdessen alberne "Südländer"-Theorien von Günther Netzer. Diese könnten nicht verlieren, sagt er, anderes wiederum deutet der Kulturtheorist als "Ausdrucksgeschehen" "der Südländer" - hat der zu viel PI gelesen?

Wahrscheinlich stricken die Eussners dieser Welt angesichts der kurzen Tumulte nach Spielende schon an der Konstruktion eines islamischen Hintergrunds, habe lange Texte zu Argentinarabia verfaßt, allein schon, weil da "rabiat" mit drin steckte.

Der Liberiathan, steht auch schon im Schützengraben bereit. Das ist dieses Diskursmonster, das mental irgendwo vor dem 1. Weltkrieg sich bewegt und mit ca. 5 Thesen mittleren Niveaus alles zermalmen möchte. Das schießt sich bestimmt schon mal auf den französischen Erbfeind ein, der heute abend spielt, in geübter Heckenschützenmanier - der Liberiathan ist zumeist so francophob wie seine geistigen Großväter, obgleich es da auch Ausnahmen gibt. Der wird irgendeine Begründung für die Ausfälle der argentinischen Spieler finden, die mit der Wirkung von Sozialsystemen und einer Renaissance linken Denkens in Buenes Aires zusammenhängt und im Zuge dessen vorsichtshalber schon die Unterstützung neuer Diktatoren durch die USA fordern, um dieses Problems Herr zu werden. Sowas hat in Südamerika schließlich Tradition. Und die Schweden sind nur deshalb nicht so ausgerastet wie die Argentinier, weil ihr Sozialsystem sie alle so passiv gemacht hat, und unter Preisgabe der Eigenverantwortung haben die dann eben das Spiel verloren. Wovor man sich dann ekelt, so, wie man's vor Insekten tut.

Der Liberiathan versucht ja schon, Klinsi für sich zu vereinnahmen. Mit Worthülsen wie "Klinsmann kämpft für seine Vorstellungen von selbstverantwortlichen Spielern, Teamgeist, Eigenmotivation und konsequentem Leistungsdenken" (FAZ, via B.L.O.G.) suggeriert das Monster, es würde etwas sagen. Dieser Duktus wirkt nicht umsonst ein wenig wie DDR-Kader-Rhetorik - die immergleichen Schlagworte so aneinander reihen, daß Herrschaftswissen sich tarnt in frohen Botschaften.

Die Freude am Spiel der Mannschaft kann das alles nicht trüben - ist es doch offenkundig Leidenschaft und die gelungene Kompensation eigener Defizite, die sie antreibt. Und so etwas Wundervolles wie Leidenschaft muß man nun wirklich nicht in "Eigenmotivation" umbenennen - es sei denn, man klebt wie Netzer an gedanklichen Fliegenfängern und hängt zappelnd daran rum - am dem, was man nicht ist, nämlich ein "Südländer" ...

Wer weiß, vielleicht bringt diese WM ja sogar noch eigene Lieder hervor, solche voller Leidenschaft, voller Intensität, voller Wissen um die eigenen Schwächen und dem Willen, am Ende dann einfach nur Spaß zu haben. Mit Anderen, nicht gegen sie.

Mit freundlicher Unterstützung durch:
ringfahndung.de