Die Anti-Traum-Droge, Teil 2
"Als Kind wollte er ein Goldfisch sein. Ich sagte zu ihm: Na, hör mal, mein Häschen, du magst doch kein kaltes Wasser. Da war er zutiefst verblüfft und erwiderte: Dann eben eine winzige Sekunde lang, ich möchte so gerne wissen, woran er denkt."Mutter von Muzil, in: Hervé Guibert, Dem Freund, der mir mein Leben nicht gerettet hat, Reinbek bei Hamburg 1991, S. 109
Super-O-Ton. Den würde jeder zitieren in einem Print-Artikel, oder in Sendungen, sei's Radio oder TV, hineinmontieren. Medien sind Selektion - die Passage wählten sie aus. Es spricht: Die Mutter eines Weltberühmten. In der Welt des Geistes ist der frisch Verstorbene eine "A-Promi", über den sie das sagt, unmittelbar nach seinem Tode. In seinem Geburtsort sagt sie das zu Journalisten, kurz vor der Beisetzung. Für diesen einen Moment ist sie allererste Wahl, die Angehörige des Weltstars. Der Kontext weist auch ihr A-Promi-Status zu.
So sitzen sie in den Redaktionen aller Medien und diskutieren stundenlang: Wer A-, wer B- und wer C-Promi sei. Zuerst geht dann je nach Thema die Anfragewelle für Interviews an die A-, dann die B-, dann die C-Promis raus. Die A-Promis sagen zumeist sowieso ...
... ab. Das weiß jeder von Anfang an, daß man bestenfalls die B-Promis bekommt. Na gut, manchmal schaffen sie es, ein Format, einen Moderator, einen Print-Journalisten oder eine Zeitung soweit aufzubauen, mit so viel Ungefährlichkeit und Image aufzuladen, daß doch eine Chance besteht, an die A-Promis "ranzukommen"". Zumeist jedoch fragt die ganze Branche den immergleichen Personenkreis von 10-30 Leuten an.
Ganz oben auf der Liste stehen immer: Iris Berben und Hannelore Elsner. Ganz egal, wer stirbt, sie dürften etwas dazu sagen. Die sind sowas wie Allzweckwaffen, wirken universal einsetzbar und sagen deshalb auch nie zu. Wollen lieber mit Ulrich Tukur auf der Bühne des Hamburger Schauspielhauses stehen, beim Heine-Fest, veranstaltet vom ZDF-Theaterkanal. Hannelore Hoger wählt dort den großen, den wirklich überwältigenden Auftritt kurz vor Schluß, das Sein als Höhepunkt - sie füllt es aus, immer, mit Bravour und Präsenz. Auch das Selektionskriterien der Medien an sich - auch auf Seiten der Objekte.
"Muzil" kennt eigentlich kein Schwein, jenen A-Promi der Geistesgeschichte, dessen Mutter da oben spricht und sich als gute, interessierte und besorgte Mutter in's Scheinwerferlicht begibt. Sie ist die Mutter von jemandem, der stets Spuren verwischt und in seinen Büchern ausruft: Ich stehe nicht da, wo ihr mich zu sehen glaubt!
Nichtsdestotrotz, trotzdem dieser Gigant des Denkens vor seinem Tod noch Manuskripte verbrennt und posthume Veröffentlichungen untersagt und alle Regeln der Sichtbarkeit und Personalisierung zu unterlaufen versucht, hat sein Freund Hervé Guibert in einem Buch über das eigene Sterben an AIDS das Siechen seines großen Freundes gleich mit beschrieben. Ausgiebig. Über die Gründe wird hier spekuliert.
Ein Skandal, daß so tief in das Private von jemandem geschaut wird, der das Autoren-Subjekt und den Menschen des Humanismus verschwinden lassen wollte wie ein Gesicht im Sand. Über das Sterben von Flüchtlingen unweit von Urlaubsparadiesen oder erfrorene Obdachlosen schreibt niemand Romane und gibt ihnen dann andere Namen, statt Hans Pfeiffer Oberon, z.B. Das würde ja auch wenig Sinn machen, Namenlose umzutaufen. Das war eines der großen Themen Foucaults: Den Marginalisierten eine Stimme verleihen.
So Namenhaften wie ihm, denen sind Andere auf den Fersen. In seine Küche guckt man im Buche Guiberts. Man erfährt, daß im Krankenhauszimmer des Sterbenden es nach paniertem Kabeljau roch. Diese Berichte sorgen für breit gestreute Aufregung, an der zu partizipieren sich die Intelligenzia anschickt. Ein Aufschrei der Empörung ging durch Frankreich über das Buch Guiberts, des an AIDS Sterbenden, der sein eigenes Sterben im Buch auch beschreibt.
Und Leute wie ich kaufen dieses Buch, weil mit latent schlechtem Gewissen sie genau jene Passagen lesen wollen, in denen Muzil aufscheint - mit dieser seltsamen Mischung aus boulevardeskem Voyeurismus und echtem Interesse an einem Menschen, der eben nicht verschwand wie ein Gesicht im Meer, sondern der die Wissenschftsgeschichte umschrieb, um weltweit neue Wege des Denkens zu eröffnen. Dem es tatsächlich gelungen ist, mein Selbstverhältnis zu ändern. Nachhaltig. Ich lebe anders, seitdem ich Foucault gelesen habe. Seit er alle Grundpfeiler meines Denkens mir, 1989 war das, umstürzte und mich in eine jahrelange Identitätskrise stürzte - um letztlich zu begreifen, daß genau diese der Weg ist, gar keine Krise, sondern die permanente Schöpfung meiner selbst.
Dieses "Statement" der Mutter dort oben - das ist ein Geschenk für jeden Journalisten, der den Nachruf erzeugen soll. Das ist populär, das menschelt, und das ist doch intelligent. Mutter Muzil steuert damit selbst Regeln der Sichtbarkeit. "Häschen" hat sie zum großen Philosophen gesagt - meine Mutter sagte das einst auch zu mir, bis, stolz geworden, so um das Alter von 10 Jahren herum ich es ihr verbat. Sie wies dem Sohne zärtlich und verständnisvoll Wege des Reifens, das will sie damit sagen, die Mutter Muzil.
Man stelle sich hingegen einen Nachruf vor, der folgendes Statement Foucaults zum Aufhänger nähme, vielleicht in eine Headline überführte oder auch als Einstieg in den 3-4-Minuten-Beitrag im heute journal wählte:
"Die Vorstellung, daß SM mit einer tiefsitzenden Gewalt verbunden sei, daß ihre Praxis ein Mittel sei, um diese Gewalt freizusetzen, um der Aggression freien Lauf zu lassen, ist eine dümmliche Vorstellung. Wir wissen sehr gut, daß das, was diese Leute machen, nicht aggressiv ist; daß sie neue Möglichkeiten der Lust erfinden, indem sie bestimmte eigentümliche Partien ihrer Körper gebrauchen - indem sie diesen Körper erotisieren. Ich denke, daß wir da eine Art Schöpfung, schöpferisches Unternehmen haben, bei denen ein Hauptmerkmal das ist, was ich die Desexualisierung der Lust nenne."Foucault, Michel, Analytik der Macht, Frankfurt/M. 2005, S. 304
Das wäre schon schlicht zu lang. 40-50 Sekunden O-Ton in einem Heute-Journal-Beitrag - ich habe es nie ausgestoppt, vermute jedoch: Allenfalls Politiker dürfen dort so lange reden. Wenn überhaupt. Das Statement umreißt entscheidende Elemente des Denkens Foucaults - das will beim Nachruf aber gar keiner wissen. Das Sujet als solches könnte zudem stören, irritieren, verstören - ist nix für's Fernsehen, zumindest nichts für die Hauptprogramme.
In anderen medialen Feldern, jenen der Peripherie, jenen, die noch heute super finden, daß Rainald Goetz sich einst bei irgendeiner Lesung die Stirn aufschlitze und dergestalt, mit diesen Stilmitteln, noch an Provokation und Revolte im Spiel der Zeichen glauben, da fände man so einen Einstieg stark. Nicht jedoch in der neuen Mitte, die alles aufzufressen droht ...
Um so interessanter der in Guiberts Roman geschilderte TV-Nachruf auf Michel Foucault - sein Muzil wird gekonnt in's Bild gesetzt von einer Freundin, einer TV-Moderatorin, die im Roman Christine Ockrent genannt wird. Ein kurzer Ausschnitt aus einer Talkshow wird gezeigt. Thema: Jenes so bahnbrechende und wirkungsmächtige "Sexulität und Wahrheit 1: Der Wille zum Wissen." Ein Buch, das, so Guibert, als zentrale These formulierte, "die derjenigen, welche damals die Intelligenzija beherrschte, diametral entgegengesetzt war", daß eben diese zur diskursiven Hetzjagd blies.
" Christine Ockrent, die er oft jubelnd seinen kleinen und großen Liebling nannte, brachte eigentlich nichts weiter als ein maßloses, nicht enden wollendes Lachen, das sie im Laufe jener Unterhaltungssendung aufgenommen hatte, bei der man Muzil im Anzug mit Weste und Krawatte sich buchstäblich vor Lachen winden sehen konnte, in einem Moment, da man von ihm erwartete, mit päpstlichem Ernst eine der Vorschriften für jene Sittengeschichte, deren Grundlagen er unterhöhlte, zu verkünden, und dieses Lachen wärmte mir das Herz in einem Augenblick, da es mir kältestarr schien, als ich bei Jules und Berthe, zu denen ich mich am Abend seines Todestages geflüchtet hatte, den Fernseher einschaltete, um zu sehen, wie man in den Nachrichten den Nachruf auf ihn gestalten würde. (...) dieses Lachen, das ich unwiderruflich zum Standbild erklärt habe, bezaubert mich heute noch, wenn ich auch ein wenig eifersüchtig bin, daß aus Muzil so ein prachtvolles, so ungestümes, so leuchtendes Lachen hervorquellen konnte, zu einer Zeit kurz vor Beginn unserer Freundschaft."
Hervé Guibert, a.a.O., S. 33
Foucault hat so bis zum Ende sein Spiel, wenigstens dieses, mit den Regeln des Mediums fortgeführt, zitierfähig gemacht. Dieser Philosoph, der auch maskiert Interviews gab, um die Personalisierung von Denken zu unterlaufen, und der seine Antrittsvorlesung am altehrwürdigen Collège de France am . Dezember 1970 mit den berühmten Worten begann:
"In den Diskurs, den ich heute zu halten habe, und in die Diskurse, die ich vielleicht durch Jahre hindurch hier werde halten müssen, hätte ich mich gerne verstohlen eingeschlichen. Anstatt das Wort zu ergreifen, wäre ich von ihm lieber umgarnt worden, um jedes Anfangens enthoben zu sein. Ich hätte gewünscht, während meines Sprechens eine Stimme zu ohne Namen zu vernehmen, die mir immer schon voraus war: ich wäre dann zufrieden gewesen, an ihre Worte anzuschließen, sie fortzusetzen mich in ihren Fugen einzunisten, gleichsam, als hätte sie mir ein Zeichen gegeben, indem sie für einen Augenblick aussetzte. Dann gäbe es kein Anfangen. Anstatt der urheber des Diskurses zu sein, wäre ich im Zufall seines Ablaufs nur eine winzige Lücke und sein Ende."Michel Foucault, Die Ordnung des Diskurses, Frankfurt/M. Juli 2003, 9. Auflage, S. 9

Kommentare
Wie sieht es eigentlich überhaupt mit der Rolle des "Spiels" bei Foucault aus?
"Man weiß sehr wohl, daß die Macht nicht das Böse ist. Nehmen Sie zum Beispiel sexuelle und Liebesbeziehungen: In einer Art offenen strategischen Spiels, worin sich die Dinge umkehren können, über den anderen Macht auszuüben, ist nichts Schlechtes, das ist Teil der Liebe, der Leidenschaft, der sexuellen Lust."
(Freiheit und Selbstsorge. Interview 1984 und Vorlesung 1982, H. Becker (Hrsg.), Materialis, 1985)
Wer weiß schon, ob der "Spieler" Foucault über Guibert verärgert gewesen wäre?
Verfasst von: b.elektron | 08.07.06 11:28
Er verwendet "Spiel" in diversen Varianten, ebenso "Strategien", "Dispositive" oder "Techniken", geschweige denn "Macht".
Man muß Foucault, denke ich, anders lesen als Analytische Philosophen oder auf klaren Grundbegriffen aufbauende Soziologen. Foucaults Schreiben ist (fast) immer der Umgang mit konkretem, historischem Material, und im Rahmen der Analytik dieses Materials machen seine Begriffe dann auch Sinn. Darüber hinaus anwendbar sind sie wiederum nur in spezifischen Kontexten. Da steuer ich ja gerade drauf zu, ist ja erst Teil 2.
Bei Foucault besteht schon eine Einheit von Methode und Begrifflichkeit - jemand, der sich gegen jede historische oder anthropologische Konstante richtete, kann schlecht mit Quasi-Transzendentalien wie Habermas um die Ecke kommen. Das Schreiben selbst ist ebenso historisch situiert wie der Gegenstand der Analytik und ist eben gerade deshalb als "Geschichte der Gegenwart" relevant, alleine schon, weil unsere Gegenwart eine ganz andere ist als die seine in den 50ern, 60ern und 70ern. "Historisch" ist bei Foucault auch immer was Anderes als bei Hegel oder Marx, bei ihm ist das Diskontinuität, Verschiebungen, ein Sich-Bündeln teils kontingenter, teil rationler Entwicklungen, ein zentrieren und verstreuen und verdichten, ein in Relation-Setzen des Punktuellen. Man darf bei Foucault zudem nie vergessen, daß er "Wissensysteme" untersucht hat und eben jene "Porduktionsumstände", innerhalb dieses Wissen sich formiert und dann wirkt.
Verwandschaften mit dem Wittgensteinschen Sprachspiel kann man aber finden, wenn man sucht, nur daß Foucault auch Praktiken thematisierte und eben jene als Konstituitionsbedingung in einem sich historisch erst verfestigenden, institutionellen Rahmen dachte. Wobei er im Spätwerk diese überschreitet, die Instituionen. Und die von ihm behandelten Praktiken was ganz anderes sind als die aus Wittgenstein entwickelbare Sprachpragmatik.
Diese Vieldeutigkeiten sind aber intendiert bei Foucault. Er war dabei aber nie so extrem wie Derrida zum Beispiel.
Ich glaube übrigens nicht, daß ihm das Buch von Guibert in den Kram gepaßt hätte. Ein Foucault jedoch hätte nichtsdestotrotz dessen Absichten und Intentionen respektiert, vermute ich. Und das Buch ist ein großes Buch.
Verfasst von: MomoRules | 08.07.06 12:18
here we are again:
"...Und die von ihm behandelten Praktiken was ganz anderes sind als die aus Wittgenstein entwickelbare Sprachpragmatik..."
Und wenn nicht?
Wenn beide auf ein (noch namenloses) Drittes hinweisen, von mir aus als eine hegelsche Synthese, oder als ein Rousseauscher Naturzustand, der irgendwann während der Zivilisationsentwicklung in zwei Teile zerfiel, vielleicht als was
ganz anderes...ist letztlich auch beliebig, wie man das theoretisch vereinnahmt...entscheidend ist, dass dieses Dritte ein Praktisches ebenso wie ein Sprachlich-mediales sein wird. Vielleicht das "Politische"?
Verfasst von: b.elektron | 08.07.06 13:26
"Der Grundirrtum aller Versuche, den Bereich des Politischen materialistisch zu verstehen - und dieser Materialismus ist nicht eine Erfindung von Marx und noch nicht einmal spezifisch modern, sondern im wesentlichen genau so alt wie die Geschichte der politischen Philosophie - liegt darin, dass der allem Handeln und Sprechen inhärente, die Person enthüllende Faktor einfach übersehen wird, nämlich die einfache Tatsache, dass Menschen, auch wenn sie nur ihre Interessen verfolgen und bestimmte weltliche Ziele im Auge haben, gar nicht anders können, als sich selbst in ihrer personalen Einmaligkeit zum Vorschein und mit ins Spiel zu bringen. Diesen sogenannten subjektiven Faktor auszuschalten würde bedeuten, die Menschen in etwas zu verwandeln, was sie nicht sind; zu leugnen, dass die Enthüllung der Person allem, auch dem zielbewußtesten Handeln innewohnt und für den Ablauf der Handlung bestimmte Konsequenzen hat, die weder durch Motive noch durch Ziele vorbestimmt sind, heißt einfach, der Wirklichkeit, so wie sie ist, nicht Rechnung zu tragen."
(Hannah Arendt, Vita activa, Piper TB, S.225-226)
Verfasst von: b.elektron | 08.07.06 13:38
Nachtrag:
um Arendts Aussage auf sich selbst zu beziehen (statt sie wieder einmal brüsk den Anderen zuzuschreiben), mag der Leser je nach Position statt "materialistisch" auch "universalistisch", "mechanistisch", "sprachanalytisch", "systemtheoretisch", "evolutionär-biologisch", "psychologisch", "naturwissenschaftlich-mathematisch oder, oder, oder... einsetzen.
Verfasst von: b.elektron | 08.07.06 13:46
Den ersten Einwand verstehe ich nicht, keine Ahnung, wieso nun gerde diese beiden Postionen auf ein Drittes verweisen sollten und das dann das Politische sein sollte - ist ja beides schon politisch, die historische Analytik, und die Sprachpragmatik ist nach ein, zei Schritten bei einem Begriff der kommuniktiven Macht, die sich driekt aus den Intentionen Arendts speist.
Und was Hannah Arendt da schreibt, scheint mir - zumindest so isoliert, wie es da steht - Ethik und Erkenntnistheorie kurzuschließen ...
Verfasst von: MomoRules | 08.07.06 17:31
"Und was Hannah Arendt da schreibt, scheint mir - zumindest so isoliert, wie es da steht - Ethik und Erkenntnistheorie kurzuschließen ..."
Und wenn es so wäre, wäre das dann hilfreich für die Neubegründung des Politischen im Jahre 2006 oder nicht?
Nachtrag zu Bourdieu und Simulation:
Ich bin mir sicher jeder Physiker und jeder VWLer wird die bestätigen, daß Simulation und Selektion KEIN Gegensatzpaar sind.
Simulation setzt Selektion voraus, nämlich in Form der Auswahl von Randbedingungen und Regeln, welche im Simulationsmodell zur Anwendung kommen sollen.
Umstritten ist dagegen die Frage, ob umgekehrt Selektion immer auch Simulation nach sich zieht, insbesondere, weil umstritten ist, wie Kognition, Sprache und Simulation zusammenhängen.
Verfasst von: Anonymous | 08.07.06 19:12
Baudrillard nicht Bourdieu
Excuse-moi!
Verfasst von: b.elektron | 08.07.06 19:34
Ich halte gar nicht so viel vom Begriff der Simulation in Medien-Kontexten - spannend an dem Beudrillard-Zitat finde ich die Selbstreferenz und die systemische Schließung von Politik.
Der Simulationsbegriff stellt eine falsche Relation her zwischen Medium und dem, was dieses produziert, weil er implizit dem Abbild verhaftet bleibt.
Im Selbstverständnis der Wirtschaftswissenschaften wird der Simultionsbegriff wahrscheinlich angebrachter sein, vermute ich lediglich, weil die WiWis sich in der Regel mit einer Macht, die sie selbst als Disziplin darstellen, die produktiv wirkt und so erst Wahrheiten generiert, wahrscheinlich gar nicht beschäftigen - jetzt alles aus Focault-Perspektive gesehen.
Ob nun gerade ein Kurzschluß zwischen Ethik und Erkenntnistheorie, die beim handelnden Subjekt ansetzt, der Weg zu einer Renaissance des Politischen ist - ich glaube das nicht. Der Denk-Raum hierfür muß erst mal wieder geschaffen werden.
Freiheit und Individualität konstituieren sich im übergreifenden Diskursgeschehen, Kognition übrigens auch, das seinerseits Handlungen reguliert, würde ich zumindest heute abend behaupten - und dies hat unter Bedingungen des Jahres 2006 erst mal wieder analysiert zu werden, insbesondere hinsichtlich des von Arendt kritisierten Zusammenwirkens von Staat, Politik und Wirtschaft. Und dazu braucht es dann zuallerst tragfähige Wirtschaftstheorien, die nun gerade nicht den Rational Choice-Modellen folgen, die beim selektierenden Individuum ansetzen. Freiräume schaffen und Möglichkeistspielräume von Individuen zu maximieren, das ist dann erst diskutierbar, wenn man das alles mal durchforstet hat, behaupte ich jetzt einfach mal.
Verfasst von: MomoRules | 08.07.06 20:31
noch schnell zur Simulation:
basiert ganz klar auf der Subjekt-Objekt-Trennung, die für Naturwissenschaft meistens in guter Näherung, für WiWi und Politik wegen der allgegenwärtigen Selbstreferenz und -reproduktion aber _nachweislich_nicht_ vernünftig ist. Bleibt die Frage, warum die westliche Öffentlichkeit die Modellrechnungen dieser Disziplinen nicht kritisch hinterfragt. Warum es einen Nobelpreis für WiWi gibt. Und warum staatliche und wirtschaftliche Macht rechtlich genau in den Kategorien "Subjekt" und "Objekt" kodifiziert wurde. Ich denke die kapitalismuskritische Antwort liegt auf der Hand. Leider.
Verfasst von: b.elektron | 08.07.06 23:04
Hah! Jetzt hab ich hier endlich mal was verstanden!
Du bestehst auf der "Ordnung des Diskurses"
(passt einfach so gut - ich hoffe alle Foucaultianer üben Nachsicht mit einem Hobbyisten)
als Rahmen oder Raum, in dem du (auch historisch-empirisch erst einmal gut begründet) positive Freiheit als garantierbar ansiehst. Oder dieses zumindest als möglich betrachtest. "Kurzschlüsse", welche auf die Kopplung von individueller (schlimmstenfalls biologistisch motivierter) Erkenntnisfähigkeit und Ethik setzen, sind dir dagegen zu "Hayek". Zu recht!
Der Punkt ist aber: "die Ordnung des Diskurses" ist offenbar nicht das universelle Ordnungsprinzip, das hier alle suchen, und das politische Ethik nicht nur begründen sondern auch praktizierbar machen könnte. Wir, die Menschen im deindustrialisierenden Deutschland genauso wie im ökologisch auf den Bankrott zusteuernden Brasilien oder China, brauchen dringend einen alternativen Vorschlag.
Das zeigt der mediale oder medial vermittelte Diskurs (oder was immer die Boulevardisierung davon übrig läßt). Das zeigt die Überlagerung von Foucaults und Wittgensteins Perspektiven. Und das deuten Arendt, Rorty, Sen und andere an, wenn sie immer wieder die "Ordnung des Diskurses" durch Identitäts-, Rationalitäts- und Sprachkritik in Frage stellen, zugleich aber ihren Wunsch nach Begründung von positiver Freiheit völlig glaubwürdig betonen.
Also welche "Ordnung" ist nicht nur "dem Diskurs", sondern auch der Wirtschaft, dem Sozialen als solchen und aller Wissenschaft vorgängig?
Also doch wieder Ontologie? Gibt es auf dem Sektor eigentlich noch etwas, was nicht ausprobiert wurde?
Vielleicht mal so rum probieren: Was bleibt übrig, wenn man alle Stimmen der Tradition in Ost und West nimmt, und quasi voneinander abzieht.
Mit anderen Worten: Gibt es noch irgendetwas, ein Wort, eine Metapher, die alle _ablehnen_? Die also _alle_ bisher (vorschnell) als _untauglich_ betrachtet und daher noch _nicht_ausprobiert_ haben? Welche Freiheits-Spielräume wurden bisher noch nicht systematisch und unvoreingenommen erprobt?
Monotheisten sowie ihre neuplatonischen, szientistischen und materialistischen Nachfolger müssen einmal aussetzen! Leute, Ihr hattet eure Chance. Jetzt sind mal die Kleinen dran. Bitte Praxisbeispiele beifügen!
Verfasst von: b.elektron | 08.07.06 23:16
Na, ich glaube schon, daß Marx schon ziemlich richtig lag mit seinen Diagnosen, welche Ordnung die Vorgängige sei - nur daß das bei ihm nur in eine Richtung funktionierte, daß eben das Sein das Bewußtsein bestimme. Reformuliert man das diskurstheoretisch, dann hat man die Produktionsbedingungen von Diskursen zu analysieren - genau das hat Foucault ja gemacht. Es ist nur umgekehrt so, daß die Diskurse ihrerseits wieder den Umgang mit der materialen Basis - Körper, Ressourcen, Produktivkäfte etc. - formen und hervorbringen, deshalb muß mn diese eben auseinandernehmen, um neue Freiheitspielräume zu gewinnen. Und da sind viele Worte nötig, nicht eine Metapher ... und es geht immer um Vervielfältigung und Dezentrierung der Diskurse ...
Verfasst von: MomoRules | 09.07.06 09:15
Okay, ich will nicht wieder Sprachkritische Seitengespräche anzetteln, nur zur Erklärung, wie ich eine "zentrale neue Metapher" verstehe:
Du verwendest in deinen Kommentar oben eigentlich nur eine handvoll Begriffe, die du offenbar persönlich für nicht hintergehbar hälst (in diesem Sinne würde ich sie als Teil deines "ontologischen Vokabulars" bezeichnen, einige davon teile ich): Sein, Bewußtsein, Vorgang/Prozess, Diskurs, Produktion, Produktivkräfte, formen, hervorbringen/erschaffen,...
Vielleicht gibt es auch für Dich eine Möglichkeit, dieses Vokabular um zumindest eine weitere Metapher zu ergänzen, um "Freiheits-Spielräume" zu beschreiben, die sich dir im Moemnt noch entziehen.
Die Frage ist, ob du und andere überhaupt danach suchen wollen.
Verfasst von: b.elektron | 09.07.06 10:56
Der einzige, im engeren Sinn ontologische Begriff ist "Sprache". Alles andere ist kritisch in dem Sinne, daß es eben auch anders formuliert werden kann. Das ist a.) alles fallibel und b.) begrifflich und somit auch hintergehbar. Sein und Bewußtsein verwende ich übrigens selten. Ich schreibe manchmal von konkretem So-oder-So-Sein, also Qualität, aber das ist ja ein Heideggersches Sein im Sinne von Dynamizität. Prozess ist schon ein Grundbegriff, aber eben ein Begriff.
Verfasst von: MomoRules | 09.07.06 11:24