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Stellt das nicht das Problem auf den Kopf?

Via MartinM bin ich bei einer Diskussion gelandet, die an eine andere hier im Blog anknüpft. Gefragt wird, wenn ich's richtig verstehe, ob der Typus des armen Poeten zu wirkungsmächtig als Vorbild für "Kunstschaffende" sei - und wieso so viele es als schlimm empfänden, daß man mit "Kunstschaffen" auch Geld verdiene.

Nun wird "Kommerzialität" wohl in einer starken und einer schwachen Weise als Beurteilungskriterium verwendet: Einmal einfach rein-ästhetisch als Kriterium für "Gefälligkeit", "Massenkompatibilität" etc., eben nicht wirklich qulitativ hochwertig, sowas wie Lidl. Da kann dann die ganze Nummer mit den Distinktionsgewinnen anknüpfen, daß man sich also nur über eine reine Abgrenzung zur tumben Masse selbst als ästhetische Elite begreifen will. In dieserV Relation kann man sich als armer Poet ganz gut selbst bestätigen.

Die andere, stärkere Verwendungsweise setzt er bei der Frage an, was es mit den "Kunstwerken" selbst macht, wenn sie für einen Markt produziert werden - sie liegt also der ersten sozusagen zugrunde. Und ebenso, was es mit dem Künstler macht, wenn er beginnt, sich an Kundenwünschen zu orientieren.

Das ist viel komplizierter, weil es Fragen des Authentischen, des Expressiven, auch kunstgeschichtliche Fragen sowie die Möglichkeit einer wie auch immer "unverfälscht" auftretenden Kunst aufwirft, und ebenso jene der Möglichkeit einer sehr weit zu verstehenden "Aussage" des "Kunstwerkes". Wie auch die Frage, ob man diese denn produzieren kann, wenn man die Verkäuflichkeit antizipiert: Weil Märkte für kreative Leistungen in der Regel temporär, je nach "Angesagtem", bestimmte Formen vorgeben, die einfach nur gesellschaftlich Dominierendes reproduzieren und meistens die konkrete Form dann auch "abnutzen" (Paradebesipeil sind hier immer Punk und die Neue Deutsche Welle in den frühen 80ern). Das Ergebnis ist dann die "Kommerzialität" als ästhetisches Kriterium, jedoch nicht einfach nur so, sondern in einer Kritik der politischen Ökonomie ganz klassisch bbegründet.

Dann ist aber gar nicht die Frage, ob man nun Geld verlngen sollte für kreative Leistungen, sondern in der Tat, ob Kunst in Märktverhältnissen möglich ist. Dann muß man aber die uralte Frage beantworten, was Kunst denn sei, und das ist eine andere Frage als die nach der Entlohnung ... und ebenso läßt sich die Frage, was Kunst wert sei, so zumindest nicht mehr ausschließlich monetär beantworten.

Kommentare

Ich kenne genug Leute die mögen Kunst (in diesem Fall Musik) nicht mehr sobald diese sich stärker kommerzialisiert - das geht soweit, dass selbst alte Werke die mit keinem oder geringen kommerziellen Interesse erstellt wurden auf einmal nicht mehr gehen weil der Künstler "sich verkauft hat". Sowas halte ich z.B. für Schwachsinn.

Das halte ich übrigens auch für Schwachsinn, ich habe überhaupt nix gegen populäre und eingängige Geschichten, ganz im Gegenteil, bin begeisterter Pop-Hörer und Krimi-Leser und Kitsch-Gucker. Das wollte ich aber oben in der Nummer mit den Distinktionsgewinnen aufgegriffen haben.

Was ich aber doch vehement angreifen würde ist die Position, die RA drüben bei den B.L.O.G.s vertritt. Die halte ich mit Horkheimer/Adorno für hochgradig nivellierend und autoritär.

Man muß Kunstwerken schon eine eigenständige "Aussage" zugestehen (ist jetzt zu flach, weil da reale Kunst komplexer ist als einfache Aussagen, egal) und kann sie nicht einfach auf Warenform reduzieren. Die sind gesellschaftlich schon ungemein wichtig, die Künste.

Es gibt auch in Bereichen, die sich prächtig verkaufen, Kunst in diesem Sinne - Johnny Cash, Elvis, Puccini, Babyshambles, für mich aber auch Filme wie "Moulin Rouge", der unter anderem Kunstgeschichte reflektiert, vielleicht sogar Tarrantino, da bezweifel ich das aber ebenso wie bei Lnych und übrigens auch teilweise den Beatles (deshalb kann man ja über Kunst so schön streiten, weil sie immer über das rein subjektive Geschmacksempfinden hinausgeht). Und auch das reine Kunsthanderk wie "Kick it like Beckham" ist toll, von mir aus auch Spiderman oder ein gut gemachter Thriller wie "Eine Frage der Ehre". Aber das ist was anderes als Bach oder Wagner oder Rufus Wainwright oder die Einstürzenden Neubauten in den 80ern.

Insofern plädiere ich da für eine Vielfalt der Möglichkeiten, wehre mich jedoch vehement gegen eine Reduktion von Wertfragen auf's Monetäre ... einen Kandinsky oder Nolde oder Spitzweg anschauen ist kein Tauschgeschäft, sondern eine Dimension von Erfahrung, die zur Freiheit mit dazu gehört ...

Kulturschaffende -
mit Verlaub: war das nicht immer eine dümmliche Debatte?
Selbsverständlich geht es um die Frage, was denn Kunst sei, oder was von unserem sogen. "Kulturschaffen" übrig bleiben, mithin historisch über uns hinausweisen würde. Und diese ist wiederum keine Frage danach, ob der Künstler Kriterien seiner Zeit erfüllt, entgrenzt oder missachtet hat. Er kann es, wie sein unmittelbares Publikum, nämlich nur sehr bedingt beurteilen, er stochert im historischen Nebel, um es mal mit B.-H. Levy zu sagen.( sagt er bezügl. Satre`s "Tyrannophilie"; eine Fragestellung, die parallel zu der hier verhandelten verläuft, ungeachtet jeweiliger Handelsgepflogenheiten.)
Deshalb muss, wer als "Kulturschaffender" arbeitet, diese Frage gar nicht stellen. Denn: wer als generalisierende Berufsbezeichnung oder Berufsbildbeschreibung ein derartiges Wort benutzt, um seinen gesellschaftlichen Status zu bezeichnen, erklärt damit schon einen gewissen Verzicht auf Verantwortung gegenüber der kunsthistorischen Vergangenheit wie der ungewissen Zukunft. Er steht nicht mit seiner Person ein, wie der Künstler, der einen äusseren Anreiz nicht braucht. Nicht umsonst wird dieses Wort von der DDR übernommen, wo der staatlich legitimierte Kulturschaffende oder Kunstschaffende bei Wohlverhalten und gesellschaftlich richtiger Beantwortung der parteiseits gestellten Fragen auf Privilegien hoffen durfte. So stellen wir, gemein gesagt, als Kulturschaffende uns unsere Verhältnisse auch am liebsten vor, eine kleinliche Gegenrechnung, die der Gesellschaft, oder dem Staat (, betrachtet man den irren Stipendiums- und Beurteilungsblödsinn, durch den wir legitimiert zu werden meinen, K`schaffende wie Beurteiler, ) unser "selbstloses", wenn auch berufliches und professionelles Engagement vorhält, mit dem wir für sie Kultur schaffen würden. ( Als wären wir die einzigen, obendrein.) Wir wollen für unsere kulturellen Produkte bezahlt werden, von denen wir gleichzeitig impertinent jammernd behaupten, sie seien keine Waren, sondern - Kunst. Kunst sind sie dann wieder gerne, wenn wir beleidigt sind, weil niemand unsere Produkte bezahlen will. Wenn schon keine Entlöhnung, dann sollte wenigstens Status rausspringen. Dabei kommt raus, was rauskommen soll, nämlich Ware und weiter nix - und Ware oder gestalterische Leistung, der situativ "künstlerische Kriterien" innewohnen, die ich anbiete, sollte bezahlt werden. Das ist alles. Die Folge dieses Versuches zwei Wege zur selben Zeit gehen zu wollen ist, dass Kulturschaffende und Künstler nicht mehr ernst genommen werden. Wozu auch? Wer sich dermassen selbst vorführt in gewollter opprtunistischer Statusunsicherheit und Sprachspielchen betreibt, bei denen es darum geht, aus jeder Situation möglichst verantwortungslos als Anspruchstellender auf Alimentierung (Kunstschaffender) für gesellschaftlich nützliche Selbstverwirklichung (Künstler) herauszukommen, ist nicht ernst zu nehmen. Das muss ich dem sogenannten Spiesser, der angeblich was gegen Künstler hätte, nicht vorhalten, was erbärmlich ist. Er alimentiert mich schliesslich, will Kunst am Bau für jeden Kleinstadtplatz, jeden Verkehrskreisel, jedes öffentliche Gebäude, sieht Architektur und Design von wichtigen Architekten und Designern als notwendig, statusfördernd und darum gewinnbringend an, kauft Zeitschriften voller kunstgeschaffter Graphik und Illustrationen, finanziert Kunstschulen und Akademien, bezahlt dem Kunstschaffenden die Sozialhilfe, wenn das Geschäft nicht mehr läuft, unterstützt mit Steuern die Künstlersozialkasse, etc..Der Spiesser erfüllt die Ansprüche des K`schaffenden, der seinerseits grossen Wert darauf legt, dass der Zugang zu den Legitimationsmechanismen abgesichert ist: akademische Ausbildung bei akademischen Lehrern, Hochschulzeugnisse, Stipendien mit akademischen Bewertungskriterien und altersmässigen Einschränkungen, widersinnige "demokratische" Verfahren bei öffentlicher Auftragsvergabe, usw..
So hält sich der K`schaffende für den besonderen Fall eines, der, wie alle möglichen anderen in weitem Sinne handwerklich tätigen Berufe es müssen, als warenproduzierender Unternehmer nicht in Erscheinung treten müsste, weil seine Ware Kultur sei, und die wird, anders als hochkultivierte Autos, nicht von Unternehmern hergestellt.
Künstler
Der Kulturschaffende ist ein Spiesser, dem der Künstler immer zu entkommen sucht, indem er sich selbst legitimiert auf die Gefahr hin, als Künstler vollkommen zu scheitern. Er beharrt auf seiner Subjektivität, denn sie ist es, die gestalterische Leistung transzendiert, damit sie Kunst wird. Er sucht sich seinen Lehrer selbst. Er versteht sich als privilegierter Autodidakt, der sich die Freiheit nimmt, etwas wissen zu wollen. Er braucht u. U. keine Ausbildung (....Picasso, van Gogh, Gauguin, Mies, Le Corbusier. Wols, Soutine, Max Ernst,Dante, Fontane....) Er kann von einem anderen Beruf leben. Er lebt i. a. von einem anderen Beruf oder Tätigkeiten, die aus seiner künstlerischen Arbeit erwachsen. Er kommt evtl. aus einem anderen Beruf. Trotz aller akademischen Debatten über Werkbegriff und Autorenschaft erarbeitet er aus freien Stücken als Autor ein Werk, für das er, wenn es in den wirtschaftlichen und Kreislauf der Ideen eingebracht wird, ein Honorar erhält, worin das Wort "Ehre" steckt, keine Entlöhnung, kein Gehalt, keine Bezahlung, usw..

Meinst du denn, daß man den "Kulturschaffenden" einfach mals die Bezeichnung Kundsthandwerker rüberschieben kann, während der Künstler eben darüber stets hinaus sich begibt? Ist zwar nix Dolles, aber das finde ich zumindest in Diskussionen rund um Popkultur immer ganz brauchbar ...

Das meine ich. Kann man ja auch daran sehen, dass Formen, die in der freien Kunst entwickelt oder gefunden wurden, in den sogenannten angewandten Bereichen dann eben aufgenommen werden, um sie eben auf Zwecke hin anzuwenden.
Natürlich kann u.U. dabei wiederum Kunst rauskommen, wie nicht alles, was vom Künstler kommt, automatisch Kunst sein muss. ich finde auch, dass im Moment in den angewandten oder kunsthandwerklichen Fächern oft die interessanteren Dinge passieren, als in der freien Kunst. Das hat - vermute ich - damit zu tun, dass viele Leute inzwischen Zweckfreiheit und ein sich in zweckfreien Gegenständen materialisierendes Denken nur mehr schwer vorstellen können. Interesselosigkeit ist ein Problem, wenn ich mir nur Repräsentation von Interessen vorstellen kann. Oder: wer als Strassenbahn geboren wird, braucht Geleise. Kunst als Denkweise kann sie nicht gebrauchen. - Die ganzen Kunsthochschulen, die heute Fachhochschulstatus haben, hiessen ja mal "Kunstgewerbeschulen".
Jetzt such ich noch ein Zitat raus.

"wer als Strassenbahn geboren wird, braucht Geleise. Kunst als Denkweise kann sie nicht gebrauchen."

Großartig!!!

Zitat:"Die Dialektik der Geschichte trügt nicht. Denken wir nur daran, wie der Künstler im Mittelalter von der Kirche oder in der Neuzeit von Königen und Aristokraten kontrolliert wurde! Dass unsere Welt nicht die beste aller Welten ist, weiss jeder, und das offen zutage liegende Verbrechen an der Kultur, dessen Zeugen wir sind, ist nicht geeignet, unseren Hass und den Wunsch nach Veränderung zu mindern. Trotz aller Misstände und aller unmenschlichen Widrigkeiten gibt es zurzeit aber offensichtlich noch kein klar erkennbares Modell, das uns in die Lage setzen könnte, die Nachteile des "repressiv-kommerziellen" Mechanismus zu vermeiden, der um die Kunst herum entstanden ist. Oder meint vielleicht jemand, es sei besser, wenn Bürokraten mit dem Finger auf künstlerische Werte zeigen, wie es bei uns mancher Bürgermeister tut, oder wenn diese Werte von den Berufsverbänden der Autoren und maler bestimmte werden, wie es in vielen sozialistischen Ländern geschieht?
Die wahre Botschaft der Kunst wird nicht dadurch beeinträchtigt, dass die Kunst von einem Mechanismus der Ausbeutung umgeben ist und weil die Kunstwerke den besitztenden klassen in die Hände gespielt werden. der Eintritt zu den Ausstellungen in den Räumen privater Händler ist frei. Die Reproduktionen mehren sich. Es gibt ernsthafte Schriftsteller und Kritiker, die sich darauf verstehen, Wesentliches zu erläutern. Die Gefahr, dass ihre Botschaft nicht bis zum Volk gelangt, erwächst nicht aus dem materiellen Schicksal der Werke. Wir wissen, dass diese Gefahr aus ganz anderen Ecken kommt und dass die Verantwortung dafür weder dem Künstler noch dem Händler angelastet werden kann.
In jedem Falle, ich wiederhole es, muss das ganze "System" angefochten werden.
Antoni Tapies, 1969, nach Franzke/Schwarz, Stuttgart, 1979

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