Stöckchenfang
An sowas kaut ja normalerweise mein Hund. Richtig leidenschaftlich. Manchmal, wenn ich gerade zielstrebig und wohlgemut durch die Stadt marschiere, zehrt es auf einmal fürchterlich nach schräghintenrechts an der Leine, und platsch, das Tier hat sich auf eine Wiese geschmissen und knabbert genüßlich am Stück Holz. Manchmal schnappt es sich auch welche und zeigt sie mir dann, stolz und breit lächelnd (Hunde können wundervoll lächeln, auch wenn sie so einen Zweig im Maul haben, die Augen leuchten dann): Beute gemacht. So Hunde sind schon was Feines. Die provozieren vortreffliche Phänomenologien der Beleidigung, die so gut sind, daß es dann kurz darauf zu erruptiven Eskalationen kommt - einfach, weil man beim Rumspazieren mit Thölen mal zum Nachdenken kommt. Womit ich schon ...
... beim Stöckchen wäre, das Karsten von der Liberalen Stimme mir zuwarf:
Warum bloggst Du?
Eben auch deshalb: Nachdenken. Nur eben schriftlich und so, daß es Andere lesen können - daß hier jedoch so intensive, für mich ungemein lehrreiche und spannende, leider (!!!) neuerdings zu richtigen Streitigkeiten führende Diskussionen entstehen würden, damit hatte ich im Traum nicht gerechnet, als ich loslegte. Hatte bis dato nur passive Netz-Erfahrung, für mich ist diese Art des Kontaktes mit Leuten, die man dann kennt, ohne sie je gesehen zu haben, völlig neu und ganz schön aufregend.
Ursprungsimpuls war, all das zu dürfen, was ich im Job nicht darf. Vor allem: Hoffentlich konsequent genug unpopulär sein. Hirnwichsen, Theoretisieren, bis zum Exzess. Ausschweifend sein dürfen, mich nicht kurz fassen müssen. Tippfehler nicht korrigieren und fehlende Worte einfach fehlen lassen. Rumphilosophieren, ohne sich an akademische Standards halten zu müssen. Suchen dürfen, statt immer schon Ergebnisse parat zu haben. Texttypen mischen dürfen. Dampf ablassen, aber auch Argumente schärfen. Rumspinnen und assoziieren, zusammen denken, was vorher gar nicht zusammengehörte.
Der oben angerissene, kommunikative Effekt wurde jedoch zunehmend wichtiger. Obwohl ich ursprünglich nie dachte, daß das hier jemand freiwillig lesen würde. Doch gerade die Überprüfung, das Austesten des eigenen Denkens klappt in Kommunikation mit Anderen immer noch am besten. Das ist ja der Kerngedanke der Theorie des kommunikativen Handelns. Und da ist gerade dieser letztlich auf Sprache reduzierte Raum hier einfach unübertroffen: Weil sich keine institutionellen Regelungen einschleichen wie z.B. Hierarchien (zumindest bei mir hier nicht, und so Strukturen wie bei sogenannten A-Bloggern will ich hier auch nicht haben). Weil eben keine gewachsene "Beziehung" im selben Sinne wie im wahren Leben eine Rolle spielt. Das ist zwar auch der Grund, warum es Trolle gibt und häufig Verletzungen passieren, die keiner intendierte (oder vielleicht manches Mal auch doch, was ja nur menschlich ist). Egal. Es macht frei. Und das ist ja wichtig. Da muß man das Negative halt auch in Kauf nehmen.
Seit wann bloggst du?
August/September 2005
Selbstportrait?
Das überläßt man ja eigentlich lieber Anderen. Klar ist, daß MomoRules nicht der ist, der hier gerade tippt. Das ist so eine Art Blog-Persona, die viel mit der Theorie der "nicht-integrierten Persönlichkeitsbestandteile" zu tun hat, allerdings in stark variierter Form. Eigentlich ist das die Theorie des zwölften Hauses im Horoskop: Dieser Effekt, daß man z.B. Wut nicht zeigen kann, weil man irgendwann glaubte, es nicht zu dürfen. Weil irgendwelche antiautoritären Eltern einst immer sagten: "Warum bist Du denn so aggressiv?" Dann läßt man's. Und wütet so richtig rum, wenn man allein zu Hause ist.
Nun ist es nicht so, daß ich nicht auch ständig im wahren Leben Andere mit meinen neuesten, theoretischen Erkenntnissen zulabern würde. Haut also nicht ganz hin, der Vergleich, leben tue ich das schon. Oft darf ich aber auch nicht - siehe oben. Insofern geht das da nur dosiert. Und im Job noch dosierter.
Hier kann ich mich dem lustvoll hingeben, und jene Facette ist es auch, die hier sichtbar wird. Andere Facetten nur gelegentlich. Und oft schon habe ich überlegt, für andere "Persona", die sich in mir tummeln, vielleicht auch andere Blogs anzulegen. Kommt ja vielleicht noch. Die Theorie der Sub-Persönlichkeiten ist ja keine Theorie der Multiplen Persönlichkeit. Sondern eine, die besagt, daß man nur dann frei ist, wenn sie alle zu ihrem Recht kommen ... und sich so ständig ändern dürfen.
Warum lesen deine Leser deinen Blog?
Keine Ahnung. Müßte ich eigentlich auf die Kommentarspalte verlagern. Eigentliche Intention war das Unpopuläre. Daß sich jetzt trotzdem täglich zwischen 100 und 200 Leute hierher verirren, manchmal mehr (bei ca. der Hälfte Suchanfragen), das wundert mich wirklich.
Und da sind so tolle Leute dabei! Neuankömmlinge wie Loellie, Googlehupf oder Thomas Hannibal sind eine unglaubliche Bereicherung, Rayson habe in unserer Beziehungskrise aufrichtig vermißt, und wenn so völlig konträre Diskussionspartner wie Statler auftauchen, freue ich mich auch. Ebenso als Netbitch und Che vorbeischauten, das fand ich als deren regelmäßiger Leser super, und, ja, auch Dr. Dean ist hier stets willkommen und Karstens Stöckchen-Wurf fand ich ebenso klasse wie Eriks Lob oder MartinMs Umgang mit Konflikten, sehr souverän, ganz zu schweigen von Marians manchmal fast erschlagender Fakten-Dichte... und das könnte ja vielleicht einer der Gründe sein: Ich freue mich da wirklich, ganz kindlich naiv und aufrichtig.
Es tummelt sich hier ja auch nicht nur ein politisches Lager. Auch wenn ich in letzter Zeit meine Positionen oft wieder aggressiver vertrete - aus guten Gründen -, bemühe ich mich zumindest um den Crossover und versuche trotz aller Klischees, die ich den ganzen Tag verbreite, diese gelegentlich auch zu übersteigen und halbwegs flexibel im Kopf zu bleiben. Auch wenn's nicht immer gelingt. Bin eigentlich ein Suchender, und vielleicht ist da ja gelegentlich ganz interessant, dabei zuzugucken.
Und jeden, den ich in der Aufzählung vergessen habe, bitte ich um Entschudigung. Spannend ist gerade, daß man hier eben nicht im Saft des je eigenen Milieus schwitzt. Das möchte ich nicht mehr missen.
Welche war die letzte Suchanfrage, über die jemand auf deine Seite kam?
Cristiano Ronaldo. Der Junge sorgt hier gerade richtig für Traffic ...
Welcher deiner Blogeinträge bekam zu Unrecht zu wenig Aufmerksamkeit?
Oha. Kann ich so nicht sagen. Manchmal hat man natürlich das Gefühl, zu brillieren, und dann kommt nix, während bei plumpen Provokationen fast immer jemand reagiert ... da könnte ich jetzt aber nix speziell hervorheben.
Dein aktuelles Lieblings-Blog?
Puhh ... bis zur Pause die Gebloggten Welten, wobei ich das erst sehr spät entdeckt habe. Am informativsten finde ich derzeit Che, am amüsantesten den Kölnboy, am besten ärgern tue ich mich bei den B.L.O.G.s, "theoretische Interessen" sind am ehesten bei x-berg oder scrupeda oder Axonas bedient, am quersten denkt oft MartinM, was ich super finde, Somlu bringt mich bei der Lektüre immer auf den Teppich, wenn ich gerade mal wieder unter liberalem Einfluß stehe ... das sind einfach je unterschiedliche Seiten dessen, was ich mag, in verschiedenen Blogs.
Welchen Blog hast du zuletzt gelesen?
Die Liberale Stimme, weil ich mir da gerade die Fragen rauskopiere ...
Wie viele Feeds hast du gerade im Moment abonniert?
Keines.
An welche vier Blogs wirfst du das Stöckchen weiter und warum?
An keinen. Das kann sich hier jeder rausholen, der möchte.

Kommentare
"Manchmal hat man natürlich das Gefühl, zu brillieren, und dann kommt nix, während bei plumpen Provokationen fast immer jemand reagiert"
Es ist halt wie in den alten Medien: Drama und Anfeindung verkauft sich gut. ;)
Genau das war auch der Auslöser dafür warum ich in letzter Zeit wieder häufiger bei dir gelesen habe - der Clinch mit dem B.L.O.G. und deine Behandlung des Auslöse-Themas.
Aber es ist auch so, dass z.B. ich gerade bei sehr guten Beiträgen (das hat erstmal nichts mit der darin vermittelten Meinung zu tun sondern vielmehr mit "objektiven" Kriterien wie der Argumentdichte- und Qualität, ob ich beim Lesen einschlafe, etc.) seltener kommentiere weil die aufzubringende Zeit für ein "würdiges" Kommentar doch sehr erheblich steigt. Gut, hält natürlich einen nicht immer davon ab auch "me too"-Kommentare zu bringen. Obwohl es eben auch in die andere Richtung funktioniert. Wenn jemand in einem Blog einen sehr bescheuerten Beitrag bringt ist man natürlich auch geneigt da einzuhaken - allerdings nur wenn man den Eindruck hat, dass der Verfasser überhaupt diskussionsbereit ist und mehr auf Lager hat als Beleidigungen.
Gleiches gilt natürlich auch für Kommentare auf Kommentare.
Warum ich als Leser immer wieder mal auf deinen Blog gekommen bin liegt insbesondere daran, dass er zu den "Feindblogs" gehört, in denen die Beiträge und Kommentare frei von Beleidigungen und gebetsmühlenartiger Wiederholung der gleichen Argumenten und Vorwürfe sind und man auch mal etwas Neues liest - vor allem aus einer Perspektive die ich zumindest nicht gewohnt bin (bezieht sich nicht auf deine politische Ausrichtung sondern auf deinen soziologischen Ansatz - hab ich nämlich wenig bis keine Ahnung von).
Der erste Besuch war übrigens einer Diskussion zwischen dir und Statler geschuldet (wurde von S&W verlinkt wenn ich mich recht erinnere).
Verfasst von: googlehupf | 29.07.06 13:49
Danke für die netten Dinge, die Du über mein Schreiben schreibst!!!
Mit Statler gab's schon coole Diskussionen! Wenn der gerade nicht in's Kampfhorn tutet (pardonnez-moi, Statler!), macht das richtig Spaß, weil er auch sehr besonnen und differenziert argumentieren kann, was ihn von vielen anderen Bloggern, die eher ihre Meinung unaufhörlich reproduzieren und allenfalls variieren, deutlichst unterscheidet. Um dann doch mal eben im Vorbeigehen Adorno und Habermas als Flachköpfe abzukanzeln - das war wahrscheinlich die Diskussion, über die Du hier gelandet bist, vermute ich.
Bzgl. dieses Ursprungskonflikts mit den B.L.O.Gs: Da eier ich hier nicht so rum, weil mir meine Gründe abhanden gekommen wären oder ich meine Meinung geändert hätte, sondern weil ich gerade an der System-Lebenswelt-Differenz bei Habermas hängengeblieben bin und das einfach noch mal nachlesen muß. Bei dem Wetter fällt das schwer ...
Und weil ich zudem den Anlaß nutzen wollte, meine eigenen Begrifflichkeiten und auch Umgangsweisen mit Begriffen mal etwas zu erweitern, anstatt einfach so zu argumentieren, wie ich das schon 1995 getan hätte. Ist ja sonst für mich langweilig, und Konflikte sollen ja eigentlich produktiv enden.
Jetzt habe ich ganz viel Geld für Bücher ausgegeben, der Herr Winkler und der Herr Kittler sind mir über den Weg gelaufen, zudem Foucaults Konzept der Gouvernementalität, und jetzt surfe ich noch quer durch die Lektüren und verwirre mich erst mal 'ne Weile selbst. Da kommt aber noch was.
Lustigerweise hat Axonas das Faß jetzt auch aufgemacht und vieles ziemlich großartig zur Darstellung gebracht, was ich hier auch noch schreiben wollte: http://axonas.twoday.net/stories/2436032/
Vielleicht ist das ja dann für Dich auch ganz interessant, und für Andere, die die Diskussion verfolgten, ebenso - ich nerve da bei Axonas wahrscheinlich total rum, aber wenn ich die Zeit hätte, doch noch zu promovieren, dann wäre es wohl so ein Thema, und da ist das, was der Julio Lambig da schreibt, ungemein hilfreich ...
Verfasst von: MomoRules | 29.07.06 14:36
Ich hab die doch gar nicht als Flachköpfe bezeichnet. Ich hab nur Hans Albert zitiert, der die beiden als Flachköpfe bezeichnet hat. ;-)
Verfasst von: statler | 29.07.06 15:29
>>>ich nerve da bei Axonas wahrscheinlich total rum
Eine solche Bemerkung ist natürlich eine Vorlage, auf die man antworten muss. Nein Du nervst nicht rum in Deinen Beiträgen. Ich vermute, dass Dein Kommentar an einem Punkt eine Problematik anspricht, die ich ohnehin als Schwachstelle dieser Spielerei im Verdacht habe. Wertvoll und nützlich.
Ich bitte um Verzeihung, daß ich ansonsten so selektiv bin. Ich schaue hier oder bei "Der Morgen" gelegentlich zum Lesen vorbei. Allerdings bin ich entgegen dem Duktus meines eigenen, von dir erwähnten Textes (danke für den werbenden Hinweis!) in meinen Weblog-Aktivitäten keinen Hauch partizipativ motiviert:
Eine bestimmte Sorte an weltanschaulichen Grundsatzstreits, wie sie in der deutschen "Blogosphäre" geführt werden, halte ich derzeit für mich nur für zeitraubend und für wenig geeignet, zur konstruktiven Erweiterung meiner Ansätze beizutragen. Auch ein Diskutieren, dass von der typischen eruptiver Niedrigschwelligkeit beim Aufprall unterschiedlicher Bekenntnisse gekennzeichnet ist, interessiert mich nicht. Ich bewege mich durch die Weblog-Debatten mit ausgesprochenem Tunnelblick, schnappe hier und da was auf und bin insofern eher parisitär.
Allerdings betrachte ich mit großem Interesse, dass es solche Blogs wie das Deinige gibt und dass eine Szene entsteht, die sich in der Vortrefflichkeit des "öffentlichen und freien Räsonierens" übt. Was das bedeutet, kann man leider in seiner Reichweite noch gar nicht abschätzen, als Phänomen ist es spannend.
Verfasst von: Julio Lambing | 29.07.06 16:23
@Julio:
Na, dann bin ich beruhigt - hat ja immer was von aufdringlich, wenn man auf fremde Texte so losrauscht ... dann machen wir hier mal weiter so und lassen Dich in aller Ruhe parasitieren ;-) ... wobei, den kann ich mir dann doch nicht verkneifen: Wie Du ohne Rekurs auf die Verwendungsweise von "gut" Tugenden darstellen willst, da bin ich aufrichtig gespannt ...
Verfasst von: MomoRules | 29.07.06 18:57
Das Stöckchen, das ich an SoWhy geworfen habe, ist ja schon recht weit gekommen. Schade, dass es von hier vermutlich nicht groß weiterkommt. Zumal ja auch die Tracking-ID fehlt, denn dieses Stöckchen hat ja etwas ganz Besonderes: nen Tracker.
Verfasst von: Henning | 29.07.06 21:40
@MomoRules
Du findest alle nötigen Informationen, um Hennings Kritikpunkte zu beseitigen, bei Karstens Beitrag in dessen Blog. Unten.
Verfasst von: Rayson | 29.07.06 23:15
@Henning:
Wie meinen?
@Rayson:
Ich weiß gar nicht, was der Henning hier zu kritisieren hätte ... ich ahne es allenfalls, gelesen habe ich das auch, und ich stehe ja jederzeit für die Kommunikation mit geschätzten Gesprächspartnern wie Dir und Karsten zur Verfügungund und gehe da auch völlig auf drin auf - aber diese Experimente mit IDs in irgendwelchen Strukturbäumen, gibt es dazu irgendeine, wie auch immer geartete, moralische Verpflichtung - oder auch jene zum Stöckchen-Weiterwerfen?
Und, das ist kein Witz, ich weiß noch nicht mal so ganz genau meine "ID" ... geschweige denn, was ein "Tracker" ist, es sei denn, diese Sendung auf ARTE ist gemeint ...
Verfasst von: MomoRules | 29.07.06 23:35
Hm -moralische Verpflichtung? Das ist doch eine Sache von jedem selbst - wenn du keinen Bock hast, die Reichweite des Peilsenders zu erhöhen, dann lässt du es eben. Schon deine Weigerung, das Stöckchen weiterzuwerfen, ist ja de facto Sand im Getriebe des "Systems". Du änderst bewusst in deinem "Subsystem" die Spielregeln - ich finde das o.k., das ist ein Ausdruck gelebter Freiheit.
Nur, falls du im Sinne des Urhebers weitermachen wolltest, fändest du bei Karstens "Liberale Stimme"-Eintrag die ID, die du bei der Adresse, die er im selben Satz verlinkt hat, eingeben müsstest.
Der Witz der Sache ist, welche Verästelungen sich in dem vom Urheber gepflegten Baum ergeben. Und dieser Witz muss Verweigerer natürlich aushalten. Ich würde sagen, die sind ebenso Teil des Experiments wie die Mitmacher, wenn auch ein Stück anonymer.
Verfasst von: Rayson | 30.07.06 00:47
@Rayson:
Denke ich auch. Ist für mich sogar wesentliches Element der Blogosphäre, daß man sich seine eigenen Regeln erfindet und trotzdem versucht, jemandem wie Karsten, den man mag, Antworten zu geben. Umd trotzdem trotzig nicht im Sinne irgendwelcher Urheber zu agieren, bin ja nicht Teil irgendeines Planes - habe eigentlich nur so intensiv Moralphilosophie studiert, um Imperativen die Schärfe zu nehmen. Eigentlich hasse ich die ... und wie ich die hasse ...
Verfasst von: MomoRules | 30.07.06 08:13
Ich hab doch nur gesagt, dass ich es schade finde. Sonst nichts.
Verfasst von: Henning | 30.07.06 12:08
Momo, mitunter spielen gewachsene "Beziehung" im Internet doch im selben Sinne wie im wahren Leben eine Rolle. Und zwar im gar nicht so selten Falle der persönlichen Bekanntschaft. Wie Julio in seinem Blog irgendwo sinngemäß schrieb: es ist immer wieder erstaunlich, wer wen kennt.
Deshalb sind bei "lautstarken" Streitereien in Internet-Foren und in den Kommentarspalten von Blogs, Konflikte aus dem "wahren Leben" oft von entscheidender Bedeutung, und zwar gerade zwischen Menschen, die sich auch persönlich kennen. In gewisser Weise ist das Internet in solchen Fällen "nur" ein weiteres Medium des persönlichen oder instutionellen Streits - dessen Ursachen außerhalb des virtuellen Raums des Internets liegen und für Außenstehende nicht nachvollziehbar sind. Manchmal wirken solche öffentliche Streitereien auf Unbeteiligte einfach nur peinlich. Mißverständnisse sind, wenn Dritte sich z. B. "schlichtend" einschalten, mangels Hintergrundkenntnissen, unvermeidlich.
Ein konkretes Beispiel: ich und Julio kenne uns persönlich, und zwar dergestalt, dass zumindest mir der unbefangene Umgang mit ihm sehr schwer fällt. Für Außenstehende dürfte es, angesichts der Tatsache, dass unsere öffentlich geäußerten Ansichten manchmal gar nicht so weit auseinanderliegen, unerklärlich sein, weshalb wir uns vor mitlerweile eineinhalb Jahren netzöffentlich in übler Weise "angifteten".
Ich vermute stark, dass auch einige andere online-Balgereien, bis hin zu ausgewachsenen "Flamewars", ihrer Ursachen in nicht unmittelbar sichtbaren Konflikten, Animositäten, Vorurteilen und Abneigungen aus dem "wahren Leben" haben.
Verfasst von: MartinM | 30.07.06 13:03
@Henning:
Ja, ja, das sagen Mütter dann auch immer ;-) ... ist ja okay, ich will aber trotzdem nicht.
@Martin:
Stimmt alles dann, wenn man sich persönlich kennt - ich meinerseits kenne ja von Angesicht zu Angesicht nur die Noah und den Erik von der Ringfahndung, insofern habe ich dieses "Problem" einfach nicht.
Daß sich alle möglichen Leute auch persönlich und u.U. auch aus ganz anderen Kontexten und lange vor dem Netz schon kannten, daran habe ich oben tatsächlich nicht gedacht. Es gibt ja zudem auch sowas wie gewachsene Internet-Beziehungen, was aber ja, glaube ich, aus dem Eintrag und auch der Diskussion darunter hervorgeht ...
Aber es ist eben doch was ganz anderes als abends zusammen kochen oder 'nen Bier trinken gehen oder sich am Millerntor in den Armen liegen oder jemanden trösten ... das "wahre Leben" finde ich ungleich komplexer ...
Verfasst von: MomoRules | 30.07.06 21:55
Besten Dank für die lobende Erwähnung! Ästhetische Diskussion ist wichtig, findet aber kaum noch statt. Fragt sich: Warum?
Verfasst von: Thomas Hannibal | 31.07.06 20:30
Wahrscheinlich, weil alle Erfahrungsdimensionen jenseits reiner Nützlichkeit und Verwertbarkeit platt gemacht werden - politisches Ziel ist aktuell tatsächlich der eindimensionale Mensch, behaupte ich mal einfach mal ... ich finde die auch zunehmend wichtiger, die ästhetischen Diskussionen - anstatt, wie so lange üblich, das Soziale zu ästhetisieren, was ja verquer ist.
In Zeiten des klassischen Bildungsbürgers spielte die Kunst ja noch 'ne Rolle, auch daß man wenigstens ein klein wenig Platon, Kant und Goethe draufhatte.
Heute schreiben Ökonomisten, die sich auf "die westliche Kultur" berufen, lange Plädoyers gegen die Literaturwissenschaften.
Und alle anderen orientiert sich am "Event" ... wobei ich zu meiner Schande gestehen muß, daß ich dieses Waldbühnen-Konzert mit der Nebtrenko, dem Villazon und Domingo neulich ganz wundervoll fand ... da habe ich den Fernseher laut gestellt ...
Verfasst von: MomoRules | 31.07.06 21:11