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"Warum darf ich keine Kanadier besitzen?"

Spannend ist immer wieder, daß im Gedächtnis haften bleibt, was man eigentlich erst lange suchen müßte. Aber nicht, was drumherum dann auch noch steht. Warum wohl? Marketing-Experten wüßten wohl Antworten ... Kulturhistoriker, Psychoanalytiker und Ethnologen ebenso. Ich auch! Verrrate ich aber heute nicht.

Da schreibt das Antibürokratieteam über eine Anzeige einer Organisation in England, die Gewalt gegen Schwule im Namen des christlichen Gottes mit blutigem Bilde geißelt, und schwupps feiert das folgende Zitat seine Auferstehung:


ES SOLL EIN MANN NICHT BEI EINEM MANNE LIEGEN WIE BEI EINER FRAU

- und der, der's schreibt, macht das auch noch durchgängig in Großbuchstaben. Erstmals zeigten mir die Textstelle Zeugen Jehovas an der Haustür unseres Reihenhauses.

Nun wird seit geraumer Zeit heftig diskutiert, welches Bibelwort wie zu deuten sei, das auf das, was wir heute als "Homosexualität" bezeichnen, sich beziehen könnte (wobei der Römer-Brief da schon ziemlich deutlich ist - wieso dieser Teil der Bibel ist, darüber würde ich von Theologen eh gerne mal aufgeklärt) ; außerdem legt man sich zu Männern sowieso nicht wie zu einer Frau, sondern eben wie zu einem Mann, auf die steht man schließlich, wenn man "homosexuell" sich nennen lassen muß, und auch da legt man sich zu jedem Mann anders, und mit manchen bleibt man auch gleich stehen. Je nachdem.

Aber auch das ist einer der Punkte in der Diskussion rund um Homosexualität und Bibel: Ob jene Erfahrung, die wir heute "homosexuell" nennen, überhaupt Erwähnung findet oder finden kann in der heiligen Schrift. Da können lettische Muttis noch sehr kochendes Wasser auf jene, die diese Erfahrung zu genießen wissen, schütten wollen ...

Da ich als guter Kirchensteuer-Zahler und auch sonst dem christlichen Glauben sehr verbunden mich fühlender Mensch natürlich 'ne Bibel im Büro stehen habe, habe ich heute richtig intensiv gesucht nach oben zitierter Passage und fand sie erst gar nicht. Dank Netz dann doch - und auch dieseshier kreuzte meinen Weg:

Christliche Regeln nach Leviticus

Laura Schlessinger ist eine US-Radio-Moderatorin, die Leuten, die in ihrer Show anrufen, Ratschläge erteilt. Kürzlich sagte sie, als achtsame Christin, daß Homosexualität unter keinen Umständen befürwortet werden kann, da diese nach Leviticus 18:22 ein Greuel wäre.
Der folgende Text ist ein offener Brief eines US-Bürgers an Dr. Laura, der im Internet verbreitet wurde.

Liebe Dr. Laura

Vielen Dank, daß Sie sich so aufopfernd bemühen, den Menschen die Gesetze Gottes näher zu bringen. Ich habe einiges durch Ihre Sendung gelernt und versuche das Wissen mit so vielen anderen wie nur möglich zu teilen.
Wenn etwa jemand versucht seinen homosexuellen Lebenswandel zu verteidigen, erinnere ich ihn einfach an das Buch Mose 3, Leviticus 18:22, wo klargestellt wird, daß es sich dabei um ein Greuel handelt. Ende der Debatte.
Ich benötige allerdings ein paar Ratschläge von Ihnen im Hinblick auf einige der speziellen Gesetze und wie sie zu befolgen sind:

1. Wenn ich am Altar einen Stier als Brandopfer darbiete, weiß ich, daß dies für den Herrn einen lieblichen Geruch erzeugt (Lev. 1:9). Das Problem sind meine Nachbarn. Sie behaupten, der Geruch sei nicht lieblich für sie. Soll ich sie niederstrecken?
2. Ich würde gerne meine Tochter in die Sklaverei verkaufen, wie es in Exodus 21:7 erlaubt wird. Was wäre Ihrer Meinung nach heutzutage ein angemessener Preis für sie?
3. Ich weiß, daß ich mit keiner Frau in Kontakt treten darf, wenn sie sich im Zustand ihrer menstrualen Unreinheit befindet (Lev. 15:19-24). Das Problem ist, wie kann ich das wissen? Ich hab versucht zu fragen, aber die meisten Frauen reagieren darauf pikiert.
4. Lev. 25:44 stellt fest, daß ich Sklaven besitzen darf, sowohl männliche als auch weibliche, wenn ich sie von benachbarten Nationen erwerbe. Einer meiner Freunde meint, daß würde auf Mexikaner zutreffen, aber nicht auf Kanadier. Können Sie das klären? Warum darf ich keine Kanadier besitzen?
5. Ich habe einen Nachbarn, der stets am Samstag arbeitet. Exodus 35:2 stellt deutlich fest, daß er getötet werden muß. Allerdings: bin ich moralisch verpflichtet ihn eigenhändig zu töten?
6. Ein Freund von mir meint, obwohl das Essen von Schalentieren, wie Muscheln oder Hummer, ein Greuel darstellt (Lev. 11:10), sei es ein geringeres Greuel als Homosexualität. Ich stimme dem nicht zu. Könnten Sie das klarstellen?
7. In Lev. 21:20 wird dargelegt, daß ich mich dem Altar Gottes nicht nähern darf, wenn meine Augen von einer Krankheit befallen sind. Ich muß zugeben, daß ich Lesebrillen trage. Muß meine Sehkraft perfekt sein oder gibt's hier ein ...

wenig Spielraum?
8. Die meisten meiner männlichen Freunde lassen sich ihre Haupt- und Barthaare schneiden, inklusive der Haare ihrer Schläfen, obwohl das eindeutig durch Lev.19:27 verboten wird. Wie sollen sie sterben?
9. Ich weiß aus Lev. 11:16-8, daß das Berühren der Haut eines toten Schweines mich unrein macht. Darf ich aber dennoch Football spielen, wenn ich dabei Handschuhe anziehe?
10. Mein Onkel hat einen Bauernhof. Er verstößt gegen Lev. 19:19 weil er zwei verschiedene Saaten auf ein und demselben Feld anpflanzt. Darüber hinaus trägt seine Frau Kleider, die aus zwei verschiedenen Stoffen gemacht sind (Baumwolle/Polyester). Er flucht und lästert außerdem recht oft. Ist es wirklich notwendig, daß wir den ganzen Aufwand betreiben, das komplette Dorf zusammenzuholen, um sie zu steinigen (Lev. 24:10-16)? Genügt es nicht, wenn wir sie in einer kleinen, familiären Zeremonie verbrennen, wie man es ja auch mit Leuten macht, die mit ihren Schwiegermüttern schlafen? (Lev.20:14)

Ich weiß, daß Sie sich mit diesen Dingen ausführlich beschäftigt haben, daher bin ich auch zuversichtlich, daß Sie uns behilflich sein können. Und vielen Dank nochmals dafür, daß Sie uns daran erinnern, daß Gottes Wort ewig und unabänderlich ist.

Ihr ergebener Jünger und bewundernder Fan
Jake"

Nein, ich will mich beim besten Willen nicht über die Bibel und auch nicht das Alte Testament als solches lustig machen und käme auch im Traum nicht drauf, irgendjemandem heutzutage in politischen Kontexten "altestamentarische Rachfeldzüge" unterschieben zu wollen (wie's ja gelegentlich geschieht). Ich plädiere jedoch ausdrücklich für eine kritisch-historische Hermeneutik der Texte - das Umfeld dieser Text-Passage ist schon sehr archaisch. Und stimme Rayson zu, daß auch meinem bescheidenen Wissen in dieser Frage folgend genau die es ist, die dem Islam aktuell wohl fehlt ...

PS: Ich habe den Text einfach so übernommen, weil ich ihn in mehreren Quellen wortgleich ohne Angabe einer ursprünglichen Quelle fand. Falls da jemand Copyright beansprucht - bitte mailen!

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Die folgenden Weblogs beziehen sich auf diesen Eintrag "Warum darf ich keine Kanadier besitzen?":

» akute biblische Lebenshilfe von ringfahndung
Christliche Regeln nach Leviticus [Weiter lesen]

Kommentare

alt, aber witzig

Dachte mir schon, daß es nicht so ganz frisch ist, wobei ich es noch nicht kannte - fand es einfach saukomisch. Übrigens auch angesichts dieser Suren-Zitierei allerorten in diffamierender Absicht - da finden sich in der Bibel auch ganz schön dolle Sachen ...

Ich kannte es noch nicht. Sehr unterhaltsam.

Vielen Dank für's Wiederausgraben, hab' mich gerade zum zweiten Mal schlappgelacht!

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