" /> Metalust & Subdiskurse: August 2006 Archive

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31.08.06

Der 31. August: Es lebe der Kitsch und der Saba-König!

Was soll man von einem Tag halten, an dem Caligula geboren wurde, die Dreigroschenoper ihre Uraufführung feierte und der zugleich der Vorabend des ofiziellen Beginns des Zweiten Weltkrieges war?

Lady Diana fuhr in Paris vor die Wand, und Wikipedia weiß zu berichten, daß an diesem Tag 1942 in Luxemburg ein Generalstreik gegen die deutsche Besatzungsmacht ausbrach, von dem ich gar nix wußte.

Der von Theodor Herzl in Basel in's Leben gerufene, erste Zionistentag in Basel fordert am 31. August 1897 (!) die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina . Nur verständlich angesichts eines europaweit sich intensivierenden Antisemitismus - eine im Zuge der sich verstärkenden Gegenaufklärung auch in Deutschland erneut und doch in historischer Kontinuität sich situierende, noch verschärfter auftretende, massenhaft sich organisierende Menschenverachtung. Gegründet in einem "rassentheoretisch" auftrumpfenden Kulturalismus...

Trinidad und Tobago feiern erst am 31. 8. 1962 ihre Unabhängigkeit ...

... von England. Auch das wird allzu gerne vergessen in aggressiv "pro-westlichen" Zeiten: Ist noch gar nicht so lange her, der Kolonialismus. Den Socer Sound der Insulaner durfte ich ja kurz vor der WM an einem lauschigen Sommerabend auf dem Heiligengeistfeld genießen; schön war's vor Clubheim und AFM-Container mit Noah und ihrem Freund (auch wenn der HSV-Fan ist und an der AOL-Arena immer diese Skulptur des Fußes von Uwe Seeler küssen will. Aber auch unter HSV-Fans gibt es nette Menschen!).

Gut, daß Arie van Lent, Roque Junior und Patrick Nuo heute Geburtstag haben, das ist nich ganz so beeindruckend. Immerhin verstarb ein japanischer Kaiser mit dem sympathischen Namen "Momozono", ebenso Ferdinand Lasalle, Theodor Lessing und und Western-Regisseur John Ford:

"In "Bis zum letzten Mann" durfte sich erstmals in der Filmgeschichte ein Indianer verbal verteidigen, vorher waren sie lediglich Statisten und „zum Abschuss freigegeben“. Fords Filme blieben trotz seiner konservativer Ansichten relativ unpolitisch, romantisch und an der Legende des Wilden Westens orientiert. Zitat aus "Der Mann, der Liberty Valance erschoss": „Wir lassen uns unsere Legenden nicht zerstören.“"

So scheint's, daß an diesem Tag doch eher bedeutende Menschen gestorben sind, als daß solche geboren wurden. Dafür ist der 31.8. Nationalfeiertag in Malaysia und Kirgisistan.

Und da der Hibiskus, dieses traumhafte Gewächs, die Nationalblume von Malaysia ist, verspricht dies ein schöner Tag zu werden. Und vielleicht erscheint mir ja heute ein König aus Saba und entführt mich in ein Wunderland ohne Telegehirne, Politics und voll zwangfreier und lustvoller Kooperation - dann singen wir zusammen das Lied vom Ende des Kapitalismus ("es ist vorbei, vorbei, vorbei - hat ja auch lang genug gedauert - es ist vorbei, vorbei, vorbei") und werfen mit Hibiskusblüten um uns.

Gott, was für ein Kitsch - aber wenn heute noch irgendwo ein zartes Hibiskus-Pflänzchen der Utopie eher darbt denn wuchert, dann inmitten des Kitsches. Deshalb mögen Menschen mit Stadtguerilla-Trauma den ja nicht, sondern glauben lieber, alle anderen würden Schwäche verachten. Andere tarnen die verborgene Sehnsucht inmitten ihres männlichen Selbst mit Windsor-Knoten.

Wieder dritte rasieren sich die Haare an den Seiten und am Hinterkopf, wollen Tunten erst vergasen, haben's dann aber gar nicht gesagt (oder nehmen es zurück) und engagieren sich anschließend marktgerecht geläutert gegen Gewalt auf Schulfhöfen. Stehen in Gruppen an Straßenecken und gucken finster, die sind wirklich sexy. Die predigen Stolz, und an hibiskus-inspirierten Tagen möchte man ihnen zurufen: "Eure Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe, eure Nike-Turnschuh sehnen sich nach Zärtlichkeit!".

Das wäre nur vermutlich gar nicht so ungefährlich und wirkte wahrscheinlich ein wenig irre. Was ja was Schönes ist, diese Form des Irre-Seins. Schiene wahrscheinlich so, als würde man sich auf eine vielbefahrene Kreuzung setzen und die 500.000 Verse des kirgisischen Manas-Epos nonstop rezitieren. Aber an Tagen wie heute dann vielleicht doch lieber Hisbiskus-Lyrik als karges Hochgebirge:

Der Saba-König

Saba-König. Traumgewandet. In Blütenfülle erdenschwer
der lebt nicht mehr, der lebt nicht mehr.
Übrig bleibt - vom Mehr umrandet - Südseeduft als Lebenswehr,
davon mehr, davon mehr.

Hisbiskus-Blüte, knallrot leuchtend, zukunftsschwanger - lebensfroh!
Das ist halt so, das ist halt so.
Im Verwelken neu sich findend, frischumranken sowieso,
den Patio, den Patio

der schützt und mauert rund um's Glauben
der Kübelpflanzen, aufgereiht,
an den Wein, der folgt auf Trauben,
wenn man die Macht dazu verleiht ...

... durch Pierres & Gilles und die Georgette
in den Regalen voll Musik.
Und darum, Leute, jede Wette:
Ende August die Hoffnung siegt!

Na, selbst für'n 10-Minuten-Gedicht grenzwertig. Aber ist ja nur'n Blog.

29.08.06

What's up ... Entschleunigung!

Heute waren's die 4NonBlondes mit "What's up?"

Manchmal frage ich mich, ob der Song, den man morgens als erstes im Radio hört, das Tagesgeschehen ankündigt. "Wie oben, so unten", das wissen wir ja seit Hermes oder wie der hieß.

"What's up?" löste 1993 Culture Beats Mr. Vain auf Platz 1 der deutschen Charts ab (habe ich gerade im "jetzt.de"-Tagesticker gelesen). Alle redeten von "Jurassic Park" und hatten sich fast schon daran gewöhnt, daß "Ausländer abfackeln" so eine Art Trendsport war damals, in Solingen oder Hoyerswerda. Die waren wahrscheinlich heimliche Muslime, so eine Art Vorhut, denn nur die sind ja gewalttätig, anders als europide Phänotypen. Gott, wenn man sowas schreibt, liest sich selbst die Ironie noch so plump wie die Rhetorik fäkaltrunkener Kampfschreier. Wie war das noch mit der Analität des Bösen?

'93 traten die grauen Männer in mein Leben. Jene aus Michael Endes "Momo", die, die die Stundenblumen sammeln. "Momo" liest ein Kollege gerade seinen Kindern vor. Ob die dadurch fit werden für den Lohnsklavenmarkt?

Zwischen '68 und heute scheint ja manchem nichts gewesen (ich meine die Kommentare), aber die "Unendliche Geschichte" und "Momo" gab es ja z.B. auch noch. Damals ...

... stand an Wände gesprüht "Fantasie an die Macht", ich schrub Gedichte, fand den deutschen Expressionismus toll, August Stramm und so, und galt kurz darauf als uncool. So hechelte ich zur Gefahrenabwehr allerlei Trends hinterher, träumte von Liebe, glaubte an keine und irgendwie doch, zwischendurch erlebte man ja auch mal sowas in die Richtung, schob Rollstühle durch die Große Bergstraße in Altona, entdeckte Moral inmitten des wahren Lebens und fand mich noch zu Zeiten des Studiums inmitten eines boomenden Mediengeschehens wieder.

Lernte Hierarchien ertragen, erfuhr in schlagartigen Schock-Situationen "Politics" und was die bedeuten im Arbeitsleben: Daß wie ein Wurm man sich fühlt, wird man gestoßen von und zerrieben in den Diskurs-Logiken riesiger Institutionen.

Opferte mich dem Tageschehen, dem Ablauf, dem Funktionieren, hielt sogar ein Jahr in Köln aus und gewann 'nen Preis, von dem bis heute ich zehre. Jetzt sitze ich präsidial in Mitarbeiter-Runden und plaudere aus Erfahrung. Beruhige betroffen jene, die im Meeting fast losheulen, weil sie vor lauter Arbeit fast zusammenbrechen und keiner ihnen das dankt.

Die aktuelle Produktion ist wieder aus jedem erträglichen Time-Table gerückt, weil die Vertreter der Mega-Institutionen ihren Politics folgen und fortwährend unsinnig intervenieren, und als schwächstes Glied der Kette bricht dann immer irgendjemand in der Peripherie, auf die grundsätzlich alles Risiko verlagert wird - so ist das Kapitalismus, das Risiko trägt das jeweils schächste Glied, - zusammen. Intensität gibt's nur noch in arbeitsbedingten Streß-Erlebnissen und St. Pauli-Pokal-Spielen, und in der Tat fragt man sich "What's up?"

Erinnert sich an den Kumpel von einst, der zum Bodyguard-Soundtrack durch die Scheiben von Schmidt's Tivoli auf die Reeperbahn starrend seinen Liebenskummer in "Ron!"-Seufzern in die Welt entließ, wie ein dumpfer Schatten einstiger Gefühle melden sich Glaube, Liebe, Hoffnung zurück - und ich merke ganz plötzlich wieder, daß das jetzt 13 Jahre her ist.

13 Jahre Regenschaft durch die grauen, schattenhaften Effizienz-Männchen aus "Momo" - sehne mich nach Entschleunigung und bin ganz neidisch auf das Kuhle, das Weiden einfach so genießen kann ... aber zum Glück singt Rufus Wainwright hier gerade von Mini-Disc über "Cigarettes & Cocolate Milk", wird wohl doch noch ein guter Tag.

28.08.06

Muttis Kirschkrümeltorte

Nachdem Balou hier das Rezept erfragte und auch Hophnung es daraufhin ausprobieren möchte, hier also das Rezept für die bestimmt schrecklich ungesunde, herrlich simple und gerade deshalb ungeheuer leckere Kirschkrümeltorte:

Kirschkrümeltorte

200-250 g Butter oder Magarine
200 g Zucker
1 Tütchen Vanillezucker
2 Eier
500 g Weizenmehl
1 Tütchen Backpulver
2 Gläser eingemachte Sauerkirschen
Mondamin

- Fett, Zucker, Ei und Vanillezucker schaumig rühren
- nach und nach Mehl und Backpulver unterrühren, bis eine krümelige Masse ensteht
- ca. 3/4 des Teiges in eine runde Spring-Backfom geben, am Boden platt drücken und an den Seiten einen "hohen Rand" formen und an der Form festdrücken (wie formuliert man sowas besser? Ist das verständlich?)
- Saft der Kirschen abgießen, die Kirschen selbst auf den Teig geben
- Den Kirschsaft aufkochen und mit Mondamin andicken, so daß eine Art dickflüssiger Pudding ensteht.
- Den "Pudding" über die Kirschen auf dem Teig gießen
- Das letzte Viertel Teig darüber krümeln

Bei Mittelhitze (Umluftherd 180°) etwa 40 Minuten bei backen. Wird goldig braun ... und duftet ... hmmmm ...

Am besten schmeckt sie, wenn sie 1 oder 2 Tage durchgezogen ist - und natürlich mit frisch geschlagener Sahne, in die man dann auch Vanillezucker geben sollte.

Guten Appetit, Prost Kaffee, wasauchimmer - laßt es euch schmecken! Und 'nen leckeren Brandy oder Calvados zum Nachtisch nicht vergessen ...

27.08.06

"Markt ist Glück, Glück gibt Kraft!" Also: Kraft durch Freude - jetzt neu in deutschen Theatern!

Dieser Link ist zu gut, um in den Kommentaren zu schlummern.Großartiger Text. Auszug:


"Der Optimismus, der in der freien Wirtschaft herrscht, ihr Tatendrang werden hell auf die künstlerische Arbeit ausstrahlen. Alles wird viel kraftvoller wirken. Markt ist Glück, Glück gibt Kraft, Arbeit macht frei. Die neue Konsortialkunst ist vorwärtsgewandt. Düstere, also geschäftsschädigende Untergangsvisionen erledigen sich daher von selbst."

Gleich kommt R.A. hier vorbei spaziert, um ideengeschichtlich belehrt zu verkünden:

"Solidarität ist NUR in einer freien Gesellschaft, also im Kapitalismus möglich.
Im Sozialismus gibt es nur von oben verordneten Gruppendruck."

Dem entgegne ich wagemutig und kühn, den Perlentaucher zitierend:

"Das Gesamtkonzept ist eine Idee der Controller, die im neu geschaffenen Gebilde ihre Stellung am besten ausbauen und alle von sich abhängig machen können. Nur sie verstehen die wuchernden Konzernstrukturen bis in ihre letzten Verästelungen und können sie so manipulieren, dass ihre Position sicher bleibt und ihre Macht wächst. Die anderen - Manager wie freie Mitarbeiter - werden zu Marionetten einer Bürokratie, die sich der sowjetischen Planwirtschaft unter Breschnew anverwandelt. Die Globalisierung stärkt vor allem die Verwaltung."

Eine neue Nomenclatura streift durch die faden Gänge der Konzerarchitektur ... und der diskursive Reigen dieses Blogs dreht sich weiter, aber ganz anders als der von Schnitzler. Um beim Theater zu bleiben ...

Die verwaschene Stadt

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Gibt man bei Flickr als Suchbegriff "Wäsche" ein, so erscheinen vor allem pittoreske Bildchen mediteraner Altstädte. Zwischen siena- und umbra-getönten, brüchigen und vielschichtigen Fassaden reiht sich Socke an T-Shirt an Unterhose. Das ist für das deutsche Photografenauge ein tolles Motiv. Fensterläden vor Ton und Geziegeltem, der Schrankinhalt vor aller Welt ausgestellt: Das zeigt andere Lebensart . Ein einziges Photo bildet ab einen innerstädtischen Balkon aus deutschen Landen. Ansonsten noch vereinzelt Mütterchen in Gärten und Hinterhöfen, die allesamt die kulturhistorische Vorstufe zu Inge Meysel verkörpern. Und Katzen. Katzen in Wäschekörben. Da wird das Tier, das aus Versehen mitgeschleudert wird, gleich mitgedacht. Passend zur femininen Ikonographie fördert die Google-Bildsuche zum selben Stichwort dann zu Aliens retuschierte, weibliche Models in BH und Slip aus den Untiefen des Netzes hervor, vorzugsweise in strahlendem weiß und knallrot.

Spaziert man vom neuen Berliner Hauptbahnhof in Richtung Regierungsviertel, dann versteht man den Witz in der allmorgendlichen Radio-Satire, das Kanzleramt sehe aus wie eine riesengroße Waschmaschine. Man läuft zwischen Geometrie in demonstrativer Schnörkellosigkeit; selbst die Säulen am Gebäude weiter links, keine Ahnung, wozu dies dient, die ein rein flächige Beton-Vordach stützen, sind nur zu zweit und schmal wie Rundhölzer aus dem Baumarkt. Dieses gallische Gefühl, der Himmel könne auf den Kopf fallen, überträgt sich auf die schwere Platte über einem: Als könne gerade der demonstrative Verzicht auf Prunk, der das Monumentale eher stützt denn durch verspielte Kleinteiligkeit bricht, den Einsturz jederzeit bewirken.

Jedes Element im neuen Regierungsviertel ist eingewoben in das Strukturganze des jeweiligen Gebäudes, die hingewürfelten Quader umzingeln den Reichstag, fast wie zum Angriff bereit. Oder einen abwehrend. Das weiß man ja heutzutage nie so genau. Die Touristen-Polonaisen wirken deplaziert zwischen diesen Bauten. Die Männer - abgesehen von den Asiaten - sehen alle aus wie Variationen der Autoren vom Transatlantic-Forum in vielfältigen Altersstufen, aber praktisch verpackt in dem einem Tagesausflug angemessenen Bekleidungsset.

Ähnlich unangemessen würden Wäscheleinen zwischen den Bauten wirken, sich räkelnde Bulemikerinnen in glänzenden, roten BHs hingegen, die würden passen, ähnlich glatt. Die Spuren des Regens haben Schlieren hinterlassen an den diffusgrauen Fassaden - das ungute Gefühl wird man auch Unter den Linden nicht los. Es regiert das Dumpfe, die Bürgersteige überbordend voll mit schnurrbärtigen Transatlantikern und praktisch gekleideten Frauen, vereint in potenziellen Regenschutz gehüllt; sie gehen langsam, sprechen vor allem süddeutsche Dialekte und riechen wahrscheinlich alle nach Vernell - habe sie nicht beschnuppert. Mein ehemaliges Lieblingshotel durfte auch nicht stehen bleiben da unter den Linden; dieser herrlichehäßliche Kasten an der Friedrichstraße mit dem Frühstückssaal im DDR 70er-Jahre-Chic und Zimmern, in denen man spontan von Russen-Mafiosi phantasierte.

Ein tiefes Durchatmen dann auf Höhe der Humbolt-Uni: Hegel ist immer noch besser als Hitler oder Honecker (keine Ahnung, ob der da überhaupt gelehrt hat, als es schon Humbolt-Uni hieß oder früher; irgendwo in Berlin war's allemal. Der junge Schopenhauer hat seine Vorlesungen tollkühn parallel zum preußischen Staatsphilosophen angesetzt und wunderte sich, daß es doch alle zum Phänomenologen des geistigen Rechts drängte und bei ihm kaum jemand lauschte. Dafür hat er dann bei Fichte-Vorlesungen in seinen Notizen neben den Satz "Das Ich, das sich setzt" einen Stuhl gemalt). Da hört man inwändig Bach beim Flanieren, die Brandenburgischen Konzerte, obwohl damit dann alle kunstgeschichtlichen und regionalen Ordnungen so durcheinander gebracht sind wie die Anordnung der Gebäude in jenem Arreal Berlins, wo die Stadt wirklich schön ist.

Seltsam schön auch das verrostete Skelett des Palastes der Republik, gewaltig und trotzig konterkarriert es den verwitterten Dom. Eine Schande, daß dieses sozialistische Mahnmal weichen muß, in dem Lindenberg einst im Sinne Bots' als weiches Wasser den Stein brechen wollte, als man ihm den Sonderzug nach Pankow doch noch gewährte. Vor der Ruine ein Zentral-Event der Grauen Panther, ein Liedermacher mit Akustik-Gitarre beim Soundcheck - und den Weg an den Hackeschen Höfen vorbei mag ich nicht mal beschreiben, da ist's, wo Berlin in seinem überkandidelten Wichtiggetue am unangenehmsten ist, trotz dieses hübschen Platzes vor der S-Bahn-Station.

Ein Kaffee und 'ne Apfelschorle drum an der Kastanienallee, die Zugereiste zwanghaft witzelnd und in neugewonnener Selbst-Ironie sich feiernd "Casting-Allee" nennen. Die Leute, die da so schlurfen Samstag Mittags, hätten bei einem solchen allerdings keine Chance. Im Café schräg gegenüber jammed eine weibliche Folk-Stimme zur E-Gitarre und demonstriert, wieso der Sound der White Stripes eben kein Kompormiß ist im Gegensatz zu ihren Versuchen der Gefälligkeit als Frühstücks-Ambiente.

Dennoch merke ich endlich, was mich an Berlin so stört - in jenem Moment, als eine Dunkelhaarige mit geschürztem Busen per Fahrrad ihre knallorangene Strickjacke spazieren fährt und ein Schreck mich durchfährt. Eine reine Farbe inmitten von oliv! Jeder zweite trägt verwaschenes Oliv, zwischen Jeans, deren Blau demonstrativ und wahrscheinlich aktiv verblichen wurde, zwischen beige und dirty-braunen Jacken, aber bloß nicht zu braunen, mindestens einmal durch Bleiche geschummelt, das ist Pflicht. T-Shirts, Cargo-Hosen, eine einzige gebrochene Farbskala: Selbst die rote Trainingsjacke eines Blondierten - natürlich rausgewachsen, wie alle Frisuren dort rausgewachsen sein müssen, außer den Glatzen, natürlich ist das Blond gelblich und nicht wasserstoffblond - sieht aus, als sei sie vor dem ersten Auftragen in harter Arbeit mehrfach mit schwarzen Jeans gewaschen worden. Die Bewohner eines Hauses, das in reinem Siena strahlt, werden wahrscheinlich durch subtile Mechanismen sozialer Kontrolle alltäglich diskriminiert. Es ist niemand richtig braun und niemand richtig blaß, die Schwarzen mittendrin fallen auf durch Eindeutigkeit, wie sowieso schwarz das Einzige ist, was nicht gebrochen wird. Selbst das Licht in Berlin ist immer etwas milchig - mich befällt tiefe Sehnsucht nach einem kräftigen Fuchsienrot ...

PS: Sogar das anschließende Fußballspiel Hertha BSC II gegen den FC St. Pauli ist irgendwie verwaschen. Die drei Tore für die Hertha fallen aus unklar-chaotischen Spielsituationen, während die unseren ihre hundertprozentigen Torchancen versemmeln. So ganz ehrlich spielen sie dann auch doch nicht gegen den Trainer, aber irgendwie schon, und rund um uns sind alle irgendwie frustriert, aber doch voll des Hohngelächters, als Thomas Meggle den entscheidenden Elfmeter verschießt. Als er vorher schon schlabberig anläuft und den Ball nicht richtig tritt. War schon bei einer der Großchancen so: Statt richtig zu schießen, will er cool das Ding über die Linie schieben, fast im Sinne Berliner Understatements - natürlich bleibt der dann irgendwie hängen, der Ball. Die anderen Versiebenden treffen den Ball nicht richtig, und irgendwann wabert nur noch eine unentschlossene, energielose Fußbllermasse aus zwei Mannschaften über den Platz. Außer der Nr. 11 der Hertha und unserem Jeton Arifi, mein erklärter Lieblingsspieler ist super. Das Stadion-Rund aus bunten, ja, eindeutig BUNTEN Schalensitzen verwischt zum reinen Soundtrack des Chores "Bring back St. Pauli to me!" So bringt der Zug mich zurück nach St. Pauli, und ich atme das klare Licht meiner Stadt und genieße das üppige Grün.

Wobei im Zug dann einen Wagon weiter, in der ersten Klasse, die erste Mannschaft der Hertha sitzt - in knallroten Jacken mit dem Emblem des Sponsors "DB" darauf. Und Falko Götz wechselt nach dem Aussteigen demonstrativ die Bahnsteigseite, stolziert auf einer anderen als seine Mannschaft, schreitet in elegantem und gut frisiertem Führerschritt voran ...

24.08.06

Der Schlüssel zur pro-westlichen Denunziations-Rhetorik? Oder zu jeder Denunziationsrhetorik?

Das hole ich mal aus den Untiefen der Kommentare hoch, das ist zu gut, um dort zu versauern. Dank an Thomas Hannibal und dessen außerordentlich lesenswerte Materialsammlung:

"In der stalinistischen Welt, in der die Definition, d.h. die Trennung von Gut und Böse, die gesamte Sprache beherrscht, gibt es keine Wörter mehr ohne Wert, und es ist schliesslich einfach Aufgabe der Schreibweise, einen Prozess zu ersetzen. Es gibt keinen Aufschub mehr zwischen Benennung und Urteil, die Geschlossenheit der Sprache ist vollkommen, da als Erklärung für einen Wert nur noch ein anderer Wert gegeben wird."

Roland Barthes, Am Nullpunkt der Literatur, S.22 ff, Frankfurt/Main, 2006


Der Herr North ...

... ist ja ziemlich super. Wirtschaftsnobelpreisträger und schlau genug, auch zuzugeben, daß die soziologische Theorietradition jener der Wirtschaftswissenschaften einiges voraus hat.

Was ja der eigentliche Grund ist für christliche und neoliberal infizierte Politiker ist, diese wahlweise perspektivisch abschaffen oder auf Marktforschung reduzieren zu wollen. Oder als Wurmfortsatz der Wirtschaftswissenschaften für künftig aber bitte Arbeitslose zu begreifen. Wie sagte Schäuble neulich so noch so schön in der Tradition der Konservativen Revolution, in deren Denkrahmen er, wie's mir scheint, so häufig argumentiert: Die Schwatzhaftigkeit der letzten Monate müsse endlich aufhören! Ist ja nicht weit weg von der Quasselbuden-Rhetorik der 20er Jahre ... na, und als solche bezeichnen die Gegenaufklärer dann ja auch die Sozialwissenschaften: Schwatzhaftige.

Douglass C. North hingegen formuliert die Gegenrede zum Wirtschaftswissenschaftlichen rational choice-Dezisionismus, der Zweckrationalität totalisiert und die panoptische Vereinzelung zum theoretischen Prinzip verklärt. Und nutzt dabei die Mittel der Sozialwissenschaft. Und damit das niemand merkt, wollen Hayekaner den jetzt lieber schnell vereinnahmen, bevor da noch Revisionen van Misescher Axiomatik notwendig werden - das oberste Axiom ist bekanntlich: "Alles Sozialfaschisten, nur ich nicht!". Oder wie war noch die Geschichte, als Ludwig von Mises wutenbrannt den neoliberalen Stammtisch in den USA der 50er oder so mit einem ähnlichen Ausruf verließ? Die wirtschaftsliberalen Leser mögen in diesem Fall ausnahmsweise mal wirklich für Aufklärung sorgen ;-) ... nein, nicht böse gemeint, habe schließlich schon viel gelernt, was ich überhaupt nie lernen wollte. Bin trotzdem froh, es gelernt zu haben und dafür auch dankbar, ganz aufrichtig. (Uff, Kurve gekriegt - war das jetzt eigentlich ein Double-Bind?)

Deshalb auch Dank für diesen Link an das B.L.O.G.-Autoren-Kollektiv! Na ja, an einen von ihnen. Was der Herr North da über Religion als "Kitt" von Gesellschaften sagt, müßte man eigens diskutieren. Auffällig ist die Parallele zwischen seiner Konzeption der formalen und informellen Institution zur System-Lebenswelt-Differenz bei Habermas, und der pointierteste und beste Passus ist der hier:

"FAZ: Wenn sich intolerante Glaubenssysteme durchgesetzt haben, läßt sich das Rad dann noch zurückdrehen? Formale Institutionen wie Gesetze kann man durch politische Entscheidung verändern; informelle Institutionen wie die Glaubenssysteme einer Gesellschaft hingegen entziehen sich doch der Kontrolle.

North: Natürlich kann man etwas tun. Zuallererst gilt es zu verstehen, wie es dazu gekommen ist. In dieser Hinsicht sind eben Präsident George Bush und seine Genossen so blöd und so verrückt. Man kann nicht einfach alle Leute umbringen, die anderer Meinung sind. Wenn man versucht, sie zu verstehen, dann muß man noch lange nicht gutheißen, was sie tun - aber man kann immerhin mit ihnen kommunizieren."

In wenigen Worten das gesagt, wofür Blogger wie ich viele Einträge brauchen - Glückwunsch, der Mann hat Stil!

23.08.06

Ein Kantianer in Teheran - aktuell im Knast ...

Ausgesprochen erhellend ist dieses Interview in der heutigen Ausgabe der FR. Ramin Jahanbegloo, iranischer Philosoph, wendet dort die Denkweisen jener philosophisch-politischen Tradition, die von Kant bis zu Habermas reicht, auf die aktuelle Situation im Iran an.

Was dann auch prompt dazu führte, daß er im April verhaftet wurde und seitdem ohne formelle Anklage inhaftiert ist. Bei aller Israel-Solidarität und auch aufgrund dieser sollte einfach nicht ignoriert werden, welche säkular-demokratischen Bestrebungen auch in der sogenannten "islamischen Welt" weiterhin fortexistieren - und daß diese der gleichen Unterstützung bedürfen wie die Dissidenten im Ost-Europa von einst (und auch heute noch, als Homo in Estland mit Fäkalien beworfen zu werden, das ist ja auch nicht lustig und ebenfalls eine Form von Dissidenz). Vehemente Appelle für seine Freilassung sind mir im "pro-westlichen" Lager bisher allerdings noch nicht über den Weg gelaufen, aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Ebenso lohnt es sich jedoch, die Kategorien und Argumentationen des Textes auf die hiesige Politik anzuwenden und dann zuzustimmen oder auch nicht ... die Diskussion ist eröffnet, und von Iranern kann man aktuell noch viel mehr lernen als sonst sowieso schon. Dann, wenn sie sich offen äußern dürfen. Nicht von den Mullahs, von Jahanbegloo aber auf jeden Fall. Obgleich der mir über den Text hinaus bis dato nicht bekannt war, was ja nicht nur über mich etwas aussagt. Alleine schon, weil der von ihm vertretene Liberalismus sich so wohltuend von Strömungen hierzulande unterscheidet, läßt der Text tief durchatmen ...

22.08.06

Wie die Tiere ...

"Es ist der kalte, berechnende Haß gegen Recht, Gesittung und Ordnung, es ist der Neid der Asozialen, die Zerstörungswut total negativer Elemente, die ihre kriminelle Einstellung zur Gesellschaft mit politischen Motiven tarnen ... Der Bürger, der uns sein Vertrauen schenkt, erwartet von uns, daß wir unsere Legitimation endlich nutzen, um den radikalen Staats- und Gesellschaftsverneinern das Handwerk zu legen."

Franz Josef Strauß, Bayernkurier 28.9. 1969, zitiert nach: Manfred Behrendt, Franz Josef Strauß - Eine politische Biographie, Köln 1995, S. 131


"Diese Personen nützen nicht nur alle Lücken der Paragraphen eines Rechtstaates aus, sondern benehmen sich wie Tiere, auf die die Anwendung der für Menschen gemachten Gesetze nicht möglich ist."

Franz Josef Strauß, Der Spiegel, 28.7. 1969, zitiert nach: Manfred Behrendt, Franz Josef Strauß - Eine politische Biographie, Köln 1995, S. 131

21.08.06

Le jour où la pluie viendra

Heute sind die Suchanfragen, die auf diese Seite verführen, aussagekräftiger als sonst. Z.B. "Grass Nazi Antiamerikanismus". Heute morgen war da schon mal - sinngemäß - "Die 68er haben mehr Werte zerstört als das 3. Reich!" Hallelujah, die kombinierte und konzentrierte Neoliberal-Neocon-Neokonservativ-Rhetorik wirkt. Heute abend fange ich mal wieder an, meine Franz-Josef-Strauss-Biographie zu lesen.

Trotz aller Differenzen und Widersprüche zwischen den erwähnten Gruppierungen - und erst Recht der über's weite Feld gestreuten Positionen einzelner Vertreter - wirkt die. Über das richtige Schreinern der Etiketten oder Zurechtschneiden der Schubladen oder auch die korrekte Verwendungsweise der Worte herrscht ja sowieso Uneinigkeit, was ja gut ist, besser, als wenn alle Sätzen wie dem oben zitierten plötzlich zustimmen könnten. Und das hier: "Das neoliberale Programm als systemische Praxis dient der Erhöhung der Produktion von relativem Mehrwert" - Danke, Nörgler! - wäre ohne diesen Begriffbesatzungsstreit mir wahrscheinlich gar nicht über den Weg gelaufen. Ja, ich weiß, keine Nachfrage, kein Wert, aber die Kritik der Kritik der politischen Ökonomie aus den 20er Jahren ist ja nun bekanntlich auch nicht das Ende der Geschichte gewesen. Das kam noch viel, viel, viel schlimmer.

Richtig freuen tue ich mich freilich darüber, wenn Menschen ...

... an einer Universität in einer Stadt, wo noch heute eine Tante von mir wohnt, über die Stichworte "Ökonomische Theorie Momo" hierher finden. Auch wenn's ja sein könnte, daß ich gar nicht der Momo bin, der gemeint ist. Oder daß sich nur mal wieder jemand über einen autodidaktierenden Dilletanten amüsieren möchte. Oder einfach nur Raysons und Statlers Erläuterungen wiederfinden möchte. Die sind ja hier manchmal besser als in deren eigenen Blogs ;-) ...

Daß auch Orientalisten aus Städten ehemaliger Pokalgegner mich beehren, macht mir ebenso Freude, ganz ehrlich, auch wenn ich ja sehen kann, wer's ist oder zumindest sein müßte - ohne jene gedanklichen Opponenten wäre das Leben schließlich einfach nur öd und fad.

"Ich habe Schluckauf" habe ich nicht wirklich verstanden als Suchanfrage, die obszönste heute ist lediglich das harmlose "Oberkörper St. Pauli". Daß - unter Umständen passend dazu, jetzt mal den Oberkörper neckisch umdeutend - jene medizinische Hochschule, auf deren OP-Tisch mein Vater einst verstarb, hier täglich vorbeischaut, erfüllt mich mit Wehmut und ist trotzdem super, welcome!

Die von anonymeren Suchern formulierte Frage "Darf man Frauen schlagen?" verbitte ich mir jedoch und beantworte sie mit einem unmißverständlichen "Nein!". Auch wenn die häufigste Suchanfrage der letzten 30 Tage "hools" ist, dicht gefolgt von "Cristiano Ronaldo", der menschgewordenen Zweckfreiheit auf dem Fußballplatz - daß dann schon die "Regenlieder" folgen, das paßt ja gerade. Und ist schön.

An was erinnert man sich, wenn man spätnachmittags im Büro Glen Gould Skrjabin spielen hört, obwohl man doch eigentlich die Goldberg-Variationen hören wollte, aber die sind auf der CD gar nicht drauf?

Gould-C1.jpg

"In einem Dialog von Oscar Wilde erfährt man, daß die Musik uns eine persönliche Vergangenheit offenbart, die uns bis zu diesem Augenblick unbekannt war, und die uns dazu bewegt, nicht erlebtes Unglück und und nicht begangene Schuld zu beklagen. Von mir möchte ich bekennen, daß ich weder "El Marne" noch "Don Juan" hören kann, ohne mich sehr genau an eine apokryphe, stoische und zugleich orgiastische Vergangenheit zu erinnern, in der ich herausgefordert und gekämpft habe, um schließlich stumm in einem düsteren Messerduell zu fallen."

Jorge Luis Borges, Geschichte des Tangos, in ders.: Die zwei Labyrinthe, München 1988, S. 240


20.08.06

Mal was Vernünftiges zu Grass

Alan Posener hat sich rehabilitiert.

Happy Birthday, Henryk M. Broder!

Den laß ich mir jetzt aber auch nicht nehmen, dem Herrn Broder zum Sechzigsten zu gratulieren!

In der Hoffnung, daß die Haßblogs ausnahmsweise mal nicht nur ganz weit rechts sind, sondern auch Recht haben mit der Behauptung, daß der heute ist, dieser Geburtstag.

Der Mann ist immerhin der mit Abstand beste Stilist der deutschen Gegenwartspublizistik! Und bei allem, was der in letzter Zeit für Fragwürdigkeiten schreibt - mit diesem neuen Kapitulations-Machwerk scheint er den Unterbietungswettlauf mit sich selbst ja gewonnen zu haben, dem SpOn-Vorabdruck zufolge - , macht es bei ihm wenigstens Spaß, diese zu lesen.

Außerdem hat der früher richtig gute Sachen geschrieben! Großartig z.B. sein Text zur "Analität des Bösen", der sich abgedruckt findet in der erschütternd spät erst in Deutschland veröffentlichten Übersetzung (wenn ich's richtig sehe, 1986 erst - Skandal!) von Hannah Arendts "Besuch in Deutschland". "Besuch in Deutschland", das sind die ungeheuer lehrreichen Beobachtungen der jüdischen Emigrantin während einer Deutschland-Reise 1949-50: Die mentale Situation der Bevölkerung diagnostiziert sie angemessen schonungslos. Der Klappentext weiß zu berichten: "Arendts Essay gehört zum Klügsten, Bewegendsten und Weitsichtigsten, was über die sogennnte Stunde Null geschrieben wurde", und dem ist nix hinzuzufügen.

Gerade angesichts des grassierenden Neu-Bewältigen-Wollens lohnt die Lektüre, und auch jene des Broder-Textes, die der Rotbuch-Verlag nichtsdestotrotz hinzugefügt hat. Zum Glückwunsch ein paar Auszüge:


"Der "allgemeine Gefühlsmangel", den Hannah Arendt 1950 erlebt hat, mag für den Wideraufbau nach der Katastrophe nützlich gewesen sein, doch hat er einen seltsamen Zustand etabliert bzw. verfestigt: Was den Deutschen an Emotionalität abgeht, machen sie durch Reinlichkeit wett. Mögen andere Völker Frauen wie Mata Hari oder Ciccolina verehren, in Deutschland leisten Frau Caroline und die Tampax-Beraterin den entscheidenden Beitrag zur Sinnlichkeit des Alltags."

Henryk M. Broder, Die Analität des Bösen, in: Arendt, Hannah, Besuch in Deutschland, Berlin 1993, S. 8-9

"Tief im deutschen Gemüt muß es irgendwo einen Schwellkörper geben, der, sobald er sich zur vollen Größe aufgerichtet hat, das Funktionieren der Sinne beeinträchtigt. Der Schwellkörper selbst reagiert auf Stimuli wie "Wissenschaft", "Zukunft", "Utopie", "Alternative", kleineres Übel". (...) Es ist ziemlich ausgeschlossen, daß sich jemand von einer "wissenschaftlichen Idee" faszinieren läßt. Wäre es so, müßten alles Physiker immerzu wie bekifft durch die Gegend laufen. Nicht die "Wissenschaft" kreiert das Faszinosum, sondern der Wunsch nach "Ordnung", der sich in der Idee niederschlägt, und die Übersichtlichkeit, die sich aus der Idee ergibt. Und Ordnung kann als Synonym für Sauberkeit genommen werden. Was der Hausfrau das ajaxgescheuerte Badezimmer, das ist dem Kopfarbeiter die "wissenschaftliche Lehrmeinung". Ein irritierender Schmutzfleck hier wie dort führt zur selben Reaktion: es wird entweder sofort nachpoliert, der Status quo ante hergestellt, oder, falls das nicht möglich ist, der Verursacher der Verschmutzung zur Strecke gebracht."

Henryk M. Broder, a.a.O., S.14-15


Ach ja, die reinen Marktwirtschaftswissenschaftler ... seinen Adorno hat er auch gelesen. Auch Leute wie ich bekommen da ordentlich auf die Glocke: Brilliant kommentiert Broder die Abwicklung des DDRigen und macht sich vor allem über jene lustig, die inständig vertreten, das sei doch gar kein richtiger Sozialismus gewesen. Auch denen, die so wie ich Verklärung der Wirklichkeit durch massenmediale Popularisierungswucht beklagen, verpaßt der Mann erst mal einen verbalen Aufwärtshaken:

"Hinter solchen Sätzen (im konkreten Fall einer von Dorothee Sölle, MR) steckt nicht die Verachtung für totalitäre Apparate, sondern der Ruf nach einem. Es möge endlich einer kommen und die Flut, die das Fernsehen in die Wohnzimmer spült, stoppen. Es möge einer sagen, was wir sehen dürfen und was nicht, es sollen wieder saubere Zustände herrschen."
Henryk M. Broder, a.a.O.,S. 17

Da applaudieren Libertäre, Standing Ovations in Reih und Glied, und schamvoll wende ich den Blick vom Text. Und freue mich trotz allem, was er mittlerweile schreibt, daß es den gibt, den Broder.

Informationen aufnehmen, statt Erzählungen zu lauschen

Spannend, was der Peter Bürger hier schreibt. Kleiner Exkurs in die ästhetische Theorie, der auch viel mit dem Bloggen zu tun hat - implizit. Ein Auszug:


"Benjamin fundiert das traditionale Erzählen im Vermögen, Erfahrungen auszutauschen, wie es sich in vormodernen Gesellschaften bei Bauern und Seeleuten herausgebildet hat, und charakterisiert es als eine kollektive Praxis, die stets auch einen Nutzen mit sich führt. Für die Moderne nun diagnostiziert er einen sich in Schüben vollziehenden Niedergang des kollektiven Erfahrungsaustauschs, «weil nicht mehr gewebt und gesponnen wird». Am Ende dieser Entwicklung steht dann das atomisierte Individuum, das Informationen aufnimmt, statt Erzählungen zu lauschen."

Californication

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Foto-Quelle

In der Halbzeit läuft "Californication" von den Red Hot Chili Peppers. Gelockte Bremer Nachwuchsspieler zeigen ihren Bauchnabel, ganz schön sexy. Eros & Civilization, sozusagen. Schauen wird doch mal rein:

"Der "Kampf ums Dasein" ist ursprünglich ein Kampf um Lust: Die Kultur beginnt mit der kollektiven Bemühung um dieses Ziel. Später allerdings im Interesse der Herrschaft organisiert: die erotischen Grundlagen der Kultur werden umgebildet. Wenn die Philosophie das Wesen des Seins als Logos auffaßt, so ist dies schon der Logos der Herrschaft - die befehlende, beherrschende, lenkende Vernunft, der Mensch und Natur unterworfen werden müssen."

Herbert Marcuse, Triebstruktur und Gesellschaft, Frankfurt/M. 1979, S. 110, Erstauflage 1957


Na, ja, ich weiß schon, warum ich Marcuse nicht wirklich mag, und dennoch: Passen tut's schon. Zum Currywurstessen. Freitag nachmittag, mit Blick auf das Schulterblatt im Regen. Gegenüber die "alte Flora", ich liebe dieses morbide Abgerissensein des ehemaligen Vergnügungstempels mit all den Transparenten daran, die aussehen wie aus einem Museum für die politische Kultur der 80er.

Anständige Bürger raunen "Schandfleck", wenn sie daran vorrübergehen, ich denke eher sowas wie "Schön war die Zeit". Als man erst durch die revolutionsromantischen, brennenden Ölfässer und die Barrikaden unten an der Hafenstraße spazierte, um sich Konzerte der Goldenen Zitronen anzuhören. Und sich die Musik von Bands mit so illustren Namen wie "Ostzonensuppenwürfel machen Krebs" antat.

Und dann im Anschluß das Gerangel um den Bau des Musical-Theaters inmitten unseres Viertels - kam ich von der S-Bahn, so ...

... wurde manches Mal mein frisch gekaufter Gouda abgetastet, bevor ich durch die Polizeisperre hindurch gelassen wurde. Morgens räkelten sich ansehnliche Polizistenkörper in Mannschaftswagen vor meinem WG-Fenster. Ein Bekannter erhielt eine Anzeige, weil er einen der Unifomierten höflich fragte, ob er ihm einen blasen dürfe. Gut, bei der Einweihung der Neuen Flora kam es zu ziemlich scheußlichen Szenen, den Premierengästen Perücken vom Kopf zu reißen, nee, das fand ich doof. Grotesk war es trotzdem, an genau diesem Tag mit einem Umzugswagen durch das Viertel fahren zu müssen, immer in der Hoffnung, von keiner Hundertschaft überrannt zu werden.

Fällt mir alles wieder ein, wenn ich Freitags nachmittags auf das Schulterblatt im Regen schaue und dabei meine Currywurst mit Pommes esse. Aus den Boxen dringt Janis Joplin. Großartig, überrragend, wie sie röchelt, röhrt, schreit und wimmert.

"Die berechtigte Frage der alten Gegenkultur, was Politik mit Leben zu tun hat, verdient bessere und kompliziertere Antworten als das Ideal der authentischen Identität oder der ästhetischen Angemessenheit. Peinlich ist oft immer noch besser als authentisch. Authentisch war Hitler." Diedrich Diedrichsen

Wahrscheinlich ist tatsächlich die Ekstase der Gegenbegriff zum Authentischen. Wie schon die Surrealisten und Schamanen gleichermaßen wußten. Was habe ich das Hippie-Bashing der Punkigen gehaßt. Wenn die sich lustig fanden, auf Bühnen Joan Baez-Unterhosen zu verbrennen. Ich liebe Joan Baez!!! Diese ganze Coolness-Nummer, die als reine Selbstaufwertung bei der Demonstration des richtigen Musikgeschmacks das Ästhetische zum Normativen stilisiert. Gnihihi.

Und dann fegt da 'ne Janis Joplin durch den eigenen Leib, und ich ahne wenigstens wieder, was Utopie bedeuten könnte. Umgeben von diesen ungebändigten Gitarrenorgien, die die Red Hot Chili Peppers auf ihrem aktuellen Album so bravourös-sehnsüchtig zitieren und zelebrieren: California Dreaming. So erscheinen die Häuser von Height Ashbury vor dem inneren Augen, und ich sehe die Ledertunten das Erbe der Biker fortschreiben, wenn sie durch den Castro-Destrict flanieren und die Handschellen der Herrschenden zur Lust umdeuten. Mit Macht lieber spielen, als sich ihr zu unterwerfen. Dem Anderen im fingierten Machtverhältnis nahe sind.

Proteste gegen den Vietnamkrieg gab's ja auch dort drüben nicht zu knapp, lieber Herr Münchau, was haben wir hier davon profitiert! Ich liebe "Hair" bis heute, wenn der Aquarius beschworen wird. Und auch diese so herzzerreißende Szene mit der Mutter und dem kleinen, schwarzen Kind, die von ihrem Hippie-Lover einfach links liegen gelassen wird wegen Verdacht auf Spießigkeit. "Why can People be so heartless" singt sie, Peggy March hat davon eine überraschend schöne deutsche Version aufgenommen, da hieß es im Refrain "Nein sagt sich so leicht!"

So blinzel ich am Tag darauf dem sonnenüberfluteten Millerntor-Rasen zu, höre "Californication" und träume davon, Teil der Beat-Bewegung zu sein und mit Ginsburg und Gainsbourg einen saufen zu gehen. Nippe am kalten Astra, freue mich darüber, daß die erste Halbzeit ganz cooler Fußball gespielt wurde, verliebe mich in die Waden mancher Spieler und genieße es, daß ich wieder hier bin. Beim FC St. Pauli, also da, wo ich hingehöre. Gewonnen haben wir auch - 2:1.

18.08.06

"So wurde die Vergangenheit zur neuen Gegenwart"

Na, langsam finden sich sogar in der Interims-Kampf-Dreckschleuder Die Welt mal wieder diskussionsfähige Ansätze mit Ausfällen. Der hier z.B.:

"Den starken, siegreichen Vater, den er sich gewünscht haben mag, hat es nicht gegeben. Wenn er zurückgekehrt war, dann abgerissen, unbewaffnet, besiegt, entehrt und hoffnungslos."

Das mag in Literatur aus dem 68er-Umfeld gegeben haben, ansonsten könnte es ja sein, daß da die Neocon-Forderungen nach Kampfstärke und "Männern statt Memmen" frisch und fröhlich projiziert werden. Mir zumindest ist ein Wolfgang Borchardt-Bashing der '68 nicht bekannt, kann aber eine Wissenslücke sein. Nebenbei: Sätze wie "Der Mond schien wie der Bauch einer Schwangeren" galten in den neuerdings entschieden entmieften 50ern als skandalös, und mich würde interessieren, wie im Bible Belt oder auf einem Republikaner-Parteitag die Reaktionen auf "Draußen vor der Tür" ausfallen würden. By the way.

Ansonsten wende man die Analyse mal auf die Hysterisierten selbst an, die diesen Text verlinken. Geht ziemlich gut. Also jene aufgegeilten Extrem Pro-Westler, die beim Hören des Names Grass nun verbal Amok laufen und gar nicht merken, wie sie den ganzen, lieben, langen Tag die von ihnen verkündeten "Werte" sabottieren ...

Der Soundtrack für verspätetes 68er-Bashing

Gut, neu ist das nicht. Ja, man kennt es auch. Nein, man darf es Freddy Quinn noch nicht einmal zu Vorwurf machen, der hat ja sonst tolle Sachen gesungen, eine irre Biographie hat er auch, und so Dinger wie "Melodie der Nacht" hat keine noch so gehypte Indie-Band der 80er zustande gebracht. Wer völlig zu Recht "Love will tear us apart" von Joy Division liebt, braucht die "Melodie der Nacht" als Ergänzung. Und das "Juanita", so wie er es gesungen hat in "Die Gitarre und das Meer" - unerreicht!

Trotzdem ist sein Song "Wir" dann wohl der Song, der das diskursive Umfeld der aktuellen Grass-Debatte ganz gut auf den Punkt bringt. Hier nur Auszüge, der ganze Songtext findet sich hier.

"Wer will nicht mit Gammlern verwechselt werden? WIR!
Wer sorgt sich um den Frieden auf Erden? WIR!
Ihr lungert herum in Parks und in Gassen,
wer kann eure sinnlose Faulheit nicht fassen? WIR! WIR! WIR!

(...)

Wer sieht euch alte Kirchen beschmieren (Gruß an das Transatlantic-Forum!),
und muß vor euch jede Achtung verlieren? WIR! WIR! WIR!

Denn jemand muß da sein, der nicht nur vernichtet,
der uns unseren Glauben erhält,
der lernt, der sich bildet, sein Pensum verrichtet,
zum Aufbau der morgigen Welt.

(...)

Auch wir sind für Härte,
auch wir tragen Bärte,
auch wir geh?n oft viel zu weit.
Doch manchmal im Guten,
in stillen Minuten,
da tut uns verschiedenes leid."

Fast rührend. Da sieht man sie vor Topflappen sitzen, in Berlin und Anderswo, und ihre Fantasie springt an ... stotternd wie ein alter VW-Motor.

17.08.06

Die Reihen fest geschlossen!

Keine Ahnung, warum nun auch den ansonsten sehr geschätzten Alan Posener es dazu treibt, sich aus ernstzunehmenden Diskussionen zu verabschieden. Das muß eines Hysterie des Siegestaumels sein, den manche angesichts der Beichte des Nobelpreisträgers befällt. Der Mann muß sie nachhaltig beeindruckt haben. Das sind ja Reaktionen wie bei einem Vatermord. Muß ihnen schwer gefallen sein, dessen Schattten zu entrinnen. Der scheint als Stachel im teilzeitliberalen Selbst ganz tief drinnen zu stecken. Anders ist nicht zu erklären, warum Herr Posener sowohl diesen agitatorischen Denk-Kram als auch einen wirklich unerträglich demagogischen Text in der Financial Times Deutschland als "scharfsinnig" klassifiziert. Das ist diese Zuschreibungsweise von scharfsinnig zu allem, was man zufällig auch gerade findet.

Dabei ist der Text dumm, keine Ahnung, ob's der Autor auch ist. In sich widersprüchlich und eher Symptom denn Denken: Für diesen Schulterschluß der gedanklich Gleichgeschalteten, wenn es nach US-Vorbild um die Diskreditierung eines verhaßten Milieus geht, daß dann durch und durch antikapitalitisch, antiamerikanisch und antisemitisch sei.

Nicht nur, daß in dieser Hetz-Schrift in Deutschlands führendem Witzblatt in Sachen Finanzwesen und Wirtschaftsmythisierung mal eben nebenbei Müntes Heuschrecken, die nun nicht gerade zu den Glanzpunkten politischer Rhetorik gehören, zu "jüdisch-amerikanischen Finanzinvestoren" mutieren. Das liest sich ja wie Goebbels. Kann mich gar nicht daran erinnern, daß der Münte das so gesagt hat. Wie kommt der Herr Münchau darauf? Gerade mal wieder in "Mein Kampf" geblättert? Lustig auch das - erst wird Grass zum Gegner freiheitlich-demokratischer Politik erklärt, und dann das:

"Den erwachsenen Grass kennt man schließlich als Vordenker des Antiamerikanismus. Er und seine linken Jünger aus der 68er-Generation demonstrierten in den 60ern gegen den Vietnamkrieg, in den 70ern gegen Atomkraftwerke und in den 80ern gegen den Nato-Doppelbeschluss und den Besuch von Ronald Reagan auf dem Bitburger Soldatenfriedhof."

Was ist denn das, wenn nicht das Wahrnehmen freiheitlich-demokratischer Grundrechte? Das ist eine Demokratievorstellung, die sich da artikuliert, die als freiheitlich-demokratisch ausschließlich die bedingungslose Zustimmung zur jeweiligen US-Regierung begreift - die Reihen fest geschlossen! Bei solchen Leuten verschwinden in Bitburg auch die SS-Soldaten, Atomkraftwerke sind wohl ebenfalls eine jüdisch-amerikanische Erfindung und strahlende Symbole der Demokratie. Daß im Falle des NATO-Doppelbeschlusses zum einen auch gegen die SS20 demonstriert wurde, man sich mit der "Schwerter zu Pflugscharen"-Bewegung in der DDR im Geiste verbrüderte und vor allem Helmut Schmidt nicht mehr so dolle fand, nö, gilt alles nicht. Klar gab es auch Antiamerikanismus, den man ich Nachhinein doof finden oder aber auch mit guten Gründen kritisieren kann, aber doch nicht in einem solchen Aufwasch. Der war zudem urdemokratisch in seiner Stoßrichtung.

Grass hat mit Sicherheit viel Müll verbreitet, das mit dem "Herrn der Binsen" fand ich lustig, aber wie der Herr Müchau mal wieder alles in einen Topf schmeißt, das ist ja schon tragikomisch. Kann die FTD sich keine richtigen Journalisten mehr leisten? Wahrscheinlich zu viel Personal abgebaut ...

So richtig schön doof wird es dann noch mal gegen Ende:

"Sie übersahen, dass sich die Extreme des politischen Spektrums überlappen. Linke und rechte Extreme haben gemein, dass sie individuelle Freiheit und Marktwirtschaft ablehnen. Sie mögen zwar unterschiedlich stark antiamerikanisch, antikapitalistisch und antisemitisch sein."

Dieser Spruch mit der Überlappung kann gar nicht übersehen werden, den höre ich, seitdem ich lebe. Und woher diese Instrumentalisierung von Juden für eigene publizistische Zwecke kommt, das sei hier mal ausnahmsweise nicht diskutiert, widerlich ist's allemal. Aber die Stoßrichtung einer kapitalismuskritischen Linken ist, daß dieser die Freiheit des Individuums eben gerade nicht hervorbrächte. Das kann man diskutieren, ob das nun falsch oder richtig ist, aber erwähnen sollte man das schon.

Was einen nicht daran hindern sollte, den Befreiern von einst auch dafür dankbar zu sein. Daß Grass dies schon wieder versäumt hat und stattdessen einen zweifelsohne vorhandenen Rassismus gegen Schwarze in der US-Armee betont und noch behauptet, vorher keinen Rassismus erlebt zu haben, obgleich doch ein ungleich schlimmerer ihn zuvor umgab: Das ist der aktuelle Skandal. Bemerkenswerterweise erwähnt der Herr da in der FTD das nicht.

16.08.06

Schwedischer Unternehmergeist einmal mehr von den Linken gestoppt!

Siehe hier - ein so dolles Projekt, Vorbild für Service-Agenturen, Arbeitsvermittler und Ähnliche einfach böswillig gestoppt! Dabei wäre dieses Modell doch ausbaufähig als Geschäftsmodell, jenem der Zeitarbeitsfirmen folgend: Derart agierende Arbeitsvermittler könnten dann einfach noch mal 'n paar Euro draufschlagen, und durch die Re-Investition dieser Gewinne würde wieder andere reich, und der Wachtsumsmotor spränge an! Herr Norberg, übernehmen Sie!

Mehr zum Thema linke Propagnda in der stalinistischen Hetzpresse fand sich gestern in der der FR. So ein gewerkschaftsnaher Betonkopf von einer Fachhochschule, die in den USA sowieso niemand zitiert und die allein schon deshalb schleunigst geschlossen werden sollte, behauptet solchen Unsinn:

"Die Krise wirkt aber nicht in allen Märkten, Branchen und Unternehmen mit gleicher Härte, so dass es zu strukturdifferenzierenden Veränderungen in der Wirtschaft kommt. Ob die Unternehmen auf hochkonzentrierten, mehr inländischen oder mehr ausländischen Märkten agieren, ist im Krisenprozess ein wichtiges Kriterium. Insbesondere international agierende Konzerne können den durch Lohndrückerei verursachten binnenwirtschaftlichen Nachfrageausfall weitgehend an den Exportmärkten kompensieren."
Und dann natürlich der alte Hut mit der Binnennachfrage - ist die nicht gerade erstmals seit 5 Jahren gestiegen? Hä? Ein Schelm, wer da an die kommende Mehrwertsteuererhöhung denkt:
"Die umverteilungsbedingte Binnenmarktschwäche kann nicht durch einen extrem hohen Exportüberschuss beseitigt werden, wenn dieser - wie im Fall Deutschlands - lediglich fünf Prozent der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage ausmacht und 85 Prozent der Arbeitsplätze von der Inlandsnachfrage abhängig sind."
Papperlapapp. Das rechnen wir schon irgendwie weg. Diese 85% sind schließlich auch nur möglich, weil Inder und Thai-Boys - und Girls billiger sind und dort erzielte Gewinne hier re-investiert werden können. Völlig abstrus dann die Behauptung, Märkte hätten was mit Macht zu tun:
"Hohe Konzentrationsgrade in einzelnen Branchen mit wenig wettbewerblicher Struktur und marktmächtige Unternehmen schneiden in der Krise immer besser ab als Branchen und Unternehmen, die ohne innovative Produkte einem starken Wettbewerb ausgesetzt sind. Dies gilt in der Regel für die kleinen und mittleren Unternehmen, die meist nur Repetitives zu bieten haben, über keine Marktmacht verfügen und als Zulieferbetriebe von nachfragemächtigen Unternehmen abhängig sind. So kommt es schließlich auch im Kapitallager zu immer härteren Verteilungskämpfen. Die großen Unternehmen "fressen" die kleinen und mittleren Unternehmen. Zunehmende Konzentrationsprozesse und damit einhergehende vermachtete Märkte mit enormen Gewinnumverteilungen innerhalb des Kapitals zu Gunsten des Großkapitals sind unter anderem die Folgen. Der Mittelstand blutet so immer mehr aus. Die Insolvenzzahlen zeigen dies."

Nix da. Macht gibt es nur in der Politik. Das sind einfach natürliche Marktmechanismen. So ist der Mensch. Wichtig ist vielmehr, daß die Leute endlich einsehen, daß es in ihrer Natur begründet liegt, für 1,50 Euro putzen zu gehen. Es geht schließlich um Angebot und Nachfrage, und mehr ist man heuzutage nun mal die Stunde nicht wert.

"Daß das System der "Gleichheit" wider die Natur des Menschen, der ungleich geboren ist und ungleiche Eigenschaften besitzt, überhaupt so lange überdauern konnte, ist der strikten Aufrechterhaltung von Unfreiheit zu verdanken. "

Eben. Es wird Zeit für die Umkehr. Akzeptieren wird einfach die Wirklichkeit. Das mit natürlichen Ungleichheit der Menschen hat in Deutschland schließlich Tradition - man lese nur mal Luther, Wagner oder Richard Chamberlain ...



15.08.06

Stopft ihnen das Maul, den Linken, den Dichtern, den Intellektuellen! Schafft sie ab! Macht Kinder, gründet Unternehmen! Schließt literaturwissenschaftliche Fakultäten!

Leute wie den hier sollte man vielleicht mal dezent darauf hinweisen, daß Intellektuellenfeindlichkeit auch zur Geschichte des Prä-Faschismus gehört. Was für ein Wortmüll! Wie kommt man denn auf sowas?

"Seine Verurteilungen der politischen Gegner, sein manichäisches Weltbild, sein unbewältigter, unbearbeiteter Hass auf das andere - auch jetzt im Interview: "Wir hatten Adenauer, grauenhaft, mit all den Lügen, mit dem ganzen katholischen Mief" - das alles zeugt von einer NS-geprägten Mentalität. NS-geprägt nicht im Sinne des verbrecherischen Elans, der dieser politischen Bewegung eigen war. NS-geprägt in der Unfähigkeit, Ambivalenz zuzulassen und auch den Mitmenschen, die anders denken, Ambivalenz zuzugestehen. Vor allem, wenn diese Mitmenschen der bürgerlichen Sphäre zuzuordnen sind."

Da hat ganz offensichtlich jemand seine eigene Vergangenheit nicht bewältigt, geschweige denn die Gegenwart der Zeitung, in der er schreibt. Grass war mir eigentlich zeitlebens ziemlich egal, und zweifelsohne gibt's in allen politischen Lagern die Unfähigkeit, Ambivalenzen zuzulassen. Grass' moralinsaueres Gehabe hat mich auch oft genervt, aber daß nun ausgerechnet in Die Welt, der Speerspitze des Neocon-Freund/Feind-Denkens, nun auf einmal für Ambivalenzen gestritten wird anläßlich des hochnotpeinlichen Zu-Spät-Outings des Nobelpreisträgers, das ist ja wohl der blanke Hohn.

Ebenso, daß nun Wettern gegen katholischen Mief mal eben mit genereller Anti-Bürgerlichkeit kurzgeschlossen wird, und ein Stöhnen angesichts einer Mentalität, innerhalb derer Mädels Selbstmord begingen, weil sie ein uneheliches Kind erwarteten, dann als Nazi-Attitude zu bezeichen - was gehen mir diese Demagogen auf den Sack!

Und daß dann implizit auch noch ganz wie in den Kommentaren bei PI, von den Konservativen als einzig nennenswerten Widerständlern die Rede ist, da könnte ich dann kotzen. So ein Erich Mühsam war auch schnell massakriert, 1933 inhafttiert, direkt nach dem Reichstagsbrand, 1934 ermordet, Ossietzky ging's auch nicht so doll damals, andere waren im Exil - was ist denn das für eine Verdrehung?

Da kann ich hiermit schon mehr anfangen, ausnahmsweise mal - alleine schon, weil diese Bezugnahme auf Antiamerikanismus zum Schluß ein so herrliches, logisches Verunglücktsein darstellt. Sonst gut, der Text, trotz Antideutsch. Ansonsten wird man Ausschwitz auch nicht damit los, daß man gegen Intellektuelle hetzt, die sich damit auseinandergesetzt haben ...

14.08.06

Glückwunsch! 'ne Menge Arbeit ... und der böse Geist von Carl Schmitt

... bei diesem Text besteht ja sowas wie Verlinkungspflicht (Pflicht im Kantischen Sinne - Handlungsgründe aus Vernunft gewinnen).

Gar nicht so uninteressant ist ergänzend zudem die in den Kommentaren entbrannte Debatte zwischen Ralph (ich vermute, das ist der Ex-PI-Autor, der seit geraumer Zeit in liberalen Blogs kommentiert und dabei allerlei erhellende Diagnosen über seine ehemaligen Mitstreiter verbreitet?). und anderen zu den gedanklichen Wegbereitern des Faschismus oder auch nicht zählenden Geistern. Insbesondere die Anmerkungen zu Carl Schmitt, bei dem sich die Frage nicht stellt: Er gehörte da zweifelsohne zu, zu jenen Wegbereitern.

Werde ja, seitdem mich Somlu auf Giorgio Agamben aufmerksam gemacht hat, den Mann mal wieder nicht mehr los. Der klebt an einem fest, ganz widerlich. Den wittert man dann überall, falls zu Unrecht: Bitte Feedback.

Dessen Werdegang im 3. Reich: Eine einzige Scheußlichkeit. Erstmals lief er mir über den Weg bei der Lektüre von Kurt Sontheimers "Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik" im Zuge einer darüber zu verfassenden Hausarbeit, damals im Studium, der Herr Schmitt. Und jetzt eben wieder zugleich in Diskussionen über PI; aber auch bei manchen liberalen Argumentationsmustern mußte ich an die Lektüre von einst dann denken. Auch auf linker Seite werden sich viele Spuren finden, da bin ich nicht so sensibilisiert. Und neulich, wie gesagt, im Kontext von Giorgio Agamben, auch so einer, bei dem ich mich zunächst wunderte, warum der so stark rezipiert wird. Und dann setzt sich irgendetwas in einem fest, gedanklich, und es weicht nicht mehr ...

Habe über Agamben bisher lediglich eine Einführung und auch die nur halb lesen können, und sehe mich außerstande, hier mal eben ein Referat loszutreten. Plump wiedergegeben macht dieser sich Carl Schmitts Theorie der politischen Souveränität in kritischer Hinsicht zueigen: Souverän sei, wer über den Ausnahmezustand verfügt. Das ist einer dieser Thesen, die einen gar nicht mehr losläßt: Auch wenn ich jetzt einen entscheidenden Punkt wahrscheinlich verschiebe und vielleicht mal wieder mangelndes Text-Verständnis offenbare, ...

... so erscheint es mir doch so, daß als Ziel von Terroristen eben das gezielte Erzeugen des Ausnahmezustandes begriffen werden kann. Umgekehrt nutzen allerhand Regierungen dann diesen Ausnahmezustand zur Formulierung von "Notstandsgesetzen" wie dem Patriot Act, zur Errichtung rechtsfreier Räume wie Guantanamo, wo dann Zugriff auf das "nackte Leben" der entrechteten Delinquenten genommen werden kann. Auch die Folter-Befürworter berufen sich auf diesen. Wobei nicht abgestritten sei, daß bei der Planung des Ind-die-Luft-Sprengens von bis zu 10 Flugzugen es sich um einen solchen handelt. Ob der dann Recht außer Kraft setzt, ist eine andere Frage.

Das Ganze ist auch deshalb alles andere als trivial, weil für Carl Schmitt konstitutiv für das Politische die Unterscheidung zwischen Freund und Feind ist. Simpler geht's ja eigentlich gar nicht, aber einige der Pro-Westler folgen diesem Raster und meinen damit dann nicht etwa nur die Terroristen, sondern gleich alle Muslime. PI ist dafür nur das ekligste, aber wahrscheinlich auch ehrlichste Beispiel. Wobei Ehrlichkeit in solchen Fällen nun rein gar nix auch nur einen Deut besser macht.

Nun kann man unter Politik alles Mögliche verstehen. Ich halte es für unsinnig, die Unterscheidung Freund/Feind als erste zu treffen, wie Islamisten und PI das gewissermaßen spiegelbildlich tun in ihrer Rhetorik.

Wenn Raketen über die eigene Grenze fliegen, kommt man hingegen wohl nicht mehr umhin, die Freund/Feind-Unterscheidung zu treffen. Entscheidend ist mir jedoch die ganze große Rhetorik der Kulturalisten, keine Libanon-Diskussion: Dieser Wikipedea-Artikel, den ich en detail nicht überprüfen kann, der mir aber außergewöhnlich gut durchrecherchiert erscheint, verweist insbesondere auch auf den Einfluß Carl Schmitts auf die US-Neocons. Und die eine oder andere, auf mich schlicht gehirngewaschen wirkende Pro-Westler-Agitation speist sich ja aus deren Quellen, auch da ist PI wieder nur das Extrem, das in moderaterer Form sich auch woanders finden läßt.

Freund und Feind, faktische oder herbeisuggerierte Ausnahmezustände und wie man Souveränität geinnt, indem man über sie verfügt - diese Motive, eines simpel, das andere vom Grundgedanken her schon tückisch, ziehen sich wie ein roter Faden durch aktuelle Diskussionen im Netz, ein Beispiel aus einem teizeitbefreundeten Blog:

"Rückgabe wäre so lange ein Entgegenkommen, so lange daraus eine Gefährdung für Israel entsteht. Das Völkerrecht ist so lange zweitrangig."

Ausnahmezustand, die Gewinnung der Souveränität über diesen und mittels dessen, die Priorität vor dem Völkerrecht genießt: Legitimation speist sich hier gerade nicht aus Legalität. Vielleicht verwende ich den Souveränitätbegriff falsch, dann verzeihe man mir und korrigiere mich, ich fange hier gerade erst an, und wenn andere da mehr wissen, dann immer her damit.

Daß man mit Schmitt argumentieren kann, kann freilich auch daran liegen, daß ein Mann, der an den Nürnberger Rassegesetzen mitgearbeitet hat, in anderen Fällen ja durchaus auch mal Recht haben konnte, so schrecklich das ist. Freilich wenn überhaupt, dann allenfalls in den Schriften aus den 20er Jahren. Mit Heidegger läßt sich ja auch trotz alledem denken.

Was sich an einem anderen Beispiel aus dem Werke Schmitts auch zeigt: Die Unveränderbarkeit eines Verfassungskerns ist eines der Schmittschen Theoreme. Das gilt z.B. auch für die Grundrechte im Grundgesetz, die er in ihrem faktischen Gehalt wohl nicht so toll gefunden hätte. Umgekehrt hat er Typen der Parlamentarismus-Kritik formuliert, die in einer heutigen Blog-Lektüre sich auch fand: Nämlich, daß eine Diktatur in jenen arabischen Ländern, in denen ansonsten Islamisten an die Macht kämen, dann doch u.U. die wünschenwertere Alternative sei. Das ist ein Argument, das in stark abgeschwächter Form z.B. Debatten um die Todesstrafe prägt: Da sich am Ende die Mehrheit für diese entscheiden könnte, sollte man sie lieber nicht zum Gegenstand einer Volksabstimmung machen. Weniger harmlos die Unterstützung Pinochets gegen Allende. Wichtig ist mir hier einzig, an welchen Argumentationslinien entlang, die auch bei Schmitt sich finden, aktuell sich Aussagen z.B. in der Blogosphäre gruppieren.

Und das ist ja nicht nur bei Menschenverächtern am rechten Rand oder den Freiheitsfreunden im liberalen Lager so, daß man dessen Spuren findet: Im Wikipedea-Artikel wird auch eine Linie sowohl zur älteren Kritischen Theorie Horkheimers/Adornos als auch zur neueren von Jürgen Habermas gezogen wird. Daß Walter Benjamin Kontakt mit Schmitt hatte, habe ich schon mal irgendwo gelesen; bei Habermas sind mir nur negative Bezugnahmen bekannt. Daß der Titel seiner Rechtsphilosophie "Faktizität und Geltung" eine Reformulierung des Schmittschen Problems von "Legalität und Legitimität" darstellt - positives Recht versus Begründung des Rechts - läßt sich schlecht leugnen; die Antwort auf dieses Problem, Argumentation versus pure Dezision, ist allerdings weitestmöglich voneinander entfernt. Inwiefern Bezüge zu Foucault konstatierbar sind, mmmmh - wenn, dann, vermute ich lediglich, wohl eher wie bei Agamben in kritischer Hinsicht; daß auch Hannah Arendt intellektuell mit ihm gekungelt haben soll, hat mich verstört.

Was jetzt alles nicht aufgezählt sei, weil sich Name-Dropping so gut macht. Sondern weil mich ernsthaft verstört hat, wie verzweigt und mächtig die Wirkungsgeschichte dieses Riesen-Arschlochs ist. Da hat der Ralph gar nicht Unrecht. Und ich kann's nur jedem empfehlen, zunächst diesen Wikipedia-Artikel zu lesen - nicht etwa, um für das Schmittsche Denken zu werben, weiß Gott nicht. Sondern, um vielleicht einen Teil der negativen Verblüffung auch zu empfinden, die ich bei der Lektüre dieses Textes empfand. Z.B. die Behandlung der "Homogenität", so, wie sich dort wiedergegeben findet, zeigt Spuren von der Leitkultur-Debatte bis zu wiederum PI. Ich glaube, die Auseinandersetzung mit diesem schrecklichen Denker lohnt. Weil der mir fast wie ein bitterböser Geist über aktuellen Debatten zu schweben scheint ...

Zustimmen können - teilweise

Na, angesichts des sonstigen Hickhacks und der Teilzeit-Argumentationsverweigerung von Seiten mancher liberaler Diskussionsteilzeitfreunde, kann man, ja muß man ja zwischendurch mal wieder zustimmen. Teilweise. Dem hier z.B..

Es ist reichlich krude, eine monokausale und kontextbefreite Gleichung in die Welt zu posaunen, daß der Islam, Koran oder das Muslim-Sein als solches so etwas wie eine Veranlagung zum Terrorismus mit sich brächte. Vielmehr wird genau diese Behauptung neben sehr vielen anderen Motiven dazu beitragen, daß manch einer sich dem Terrorismus zuwendet oder zu sympathisieren beginnt, was diese Hinwendung oder das Sympathisieren als ein Element eventuell zu erklären, nicht jedoch auch nur minimal zu rechtfertigen vermag. Diese Hinwendung ist verwerflich, klar ist sie das. Das alles habe ich hier auch schon mit dem Telegehirn diskutiert.

Wenn mein deutsch- iranischer, muslimischer Kumpel sich darüber empört, am Flughafen (auch vor London) als erster aus der Warteschlange gezogen zu werden, fragt er - in Deutschland aufgewachsen und nicht minder säkular als ich - sich dann regelmäßig, was es denn mit der so lautstark verkündeten Toleranz und auf sich hat. Das kann man jetzt richtig oder falsch finden, das ist aber der Fall.

Das fragt er sich auch, wenn inmitten Berlins bei einem Konflikt im Straßenverkehr ihm zugerufen wird: "Geh doch in den Busch, da wo Du herkommst!" Das hat sich auch ...

.. die Mitglieder einer libanesischen Hip Hop Band gefragt, die wir mal kennenlernen durften, die mit Islamismus nix am Hut hatte und sich trotzdem fragte, weshalb sie ständig so behandelt werden, als seien sie potenzielle Terroristen.

Man macht es denen auch nicht gerade leicht, an die Vision von Menschenrechten und deren Verwirklichung zu glauben, wenn diese in ersten oder letzten Schlachten durchgesetzt werden sollen, bei denen Freunde, Familie und Nachbarn sterben. Das ist noch kein Argument gegen das Vorgehen gegen die Hisbollah, aber der Versuch einer notwendigen Perspektivenübernahme.

Ein universaler Ansatz, der anders als universal auch gar nicht begründbar ist, wird zum Partikularismus einer spezifischen Kultur erklärt, der westlichen, der man sich dann anzupassen habe - das ist strukturell und in der Rhetorik ein Desaster.

Überhaupt nur so kann der Eindruck eines Kulturimperialismus entstehen, gegen den man sich zu behaupten habe. Insofern bringt es auch wenig, ständig in die Schlacht um "westliche Werte" zu ziehen - das identifiziert dann manch einer mit der Totalisierung des schnöden Mammon, mit Sexismus in Hollywood-Filmen und Porno-Industrie, mit Christina Agueileira, mit einer rein materiell sich manifestierenden Kultur im Sinne von konkreten Kulturgütern, vor denen man die Menschen doch schützen müsse. Alles Topoi übrigens auch der christlichen Rechten in den USA wie auch der Konservativen hierzulande. Die scheußlichen Islamisten machen sich diese Motive dann zunutze.

Diese konservative Denke ist teilweise reaktionär, teilweise nicht, man muß aber schon genau hinschauen, wo sie Fragen der Menschenrechte tangiert und wo nicht, sonst wird es auch niemals gelingen, plausibel zu machen, warum Steinigungen scheußlich sind, der elektrische Stuhl aber nicht (ist er nämlich auch).

Ich vermute, daß viele die so oft beschworenen westlichen Werte (die ja gar keine Werte sind, sondern Handlungsregeln, die sich in der Freiheit des jeweils Anderen gründen, den Leitsätzen der Kantischen Rechtslehre folgend) als reine Propaganda empfinden, und genau daraus erklärt es sich, daß sie nicht glauben wollen, daß es Araber waren, die in's WTC geflogen sind. Und jedem, der eben diese - am besten noch unter Erwähnung des Schweinefleisches - beschwört, hören sie dann nicht mehr zu, weil sie eben täglich die Welt so erleben, daß man sie schlicht nicht mag, abwertet, daß man sie platt bombt, sie allesamt und das, woran sie glauben, für totalitär erklärt und sie unter Generalverdacht stellt. Sie fühle sich schlecht behandelt und suchen dann Wege, das zu ändern.

Man muß nicht, man kann teilweise auch nicht dieser Situationsdefinition zustimmen, und ebenso wenig dieser Perspektive auf die Vielfalt und den Reichtum westlicher Kulturen im Plural. Man muß für Frauenrechte eintreten, global, für die Rechte von Schwulen in Estland wie im Iran, für das Recht auf freie Selbstverwirklichung eines jeden und meiner Ansicht nach auf das Recht auf Befriedigung der Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken und Sex.

Wenn man dieses alles jedoch so tut wie die hiesigen Kulturkämpfer, dann erreicht man schlicht das Gegenteil und überzeugt niemanden. Das größte Desaster, das Herr Bush meiner Ansicht nach angerichtet hat, ist, den Eindruck zu erwecken, daß "westliche Werte" so etwas wie ein notfalls mit Gewalt zu exportierendes Kulturgut seien, das aber ebenso wie Hollywood nur schnöder Schein sei, der reine Wirtschaftsinteressen verdecke. Und hier plappern ihm nun alle nach.

Nein, zum Glück nicht alle. Rayson hat, wie ich finde, in Auseinandersetzung mit Ulrich Speck genau den richtigen Weg gewiesen, wie man trotz aller Kampflust an Oppositionen und trotz aller Selbstaufwertungsgelüste die ganzen Fragen überhaupt mal sinnvoll diskutieren kann.

"Oder sollten wir nicht lieber alle Chancen nutzen, den Islamisten das Geschäft zu verderben? Statt ihnen den Triumph zu gönnen, sich als eigentliche Widersacher Israels in Nahost zu profilieren, könnte man auch versuchen, mit den Arabern zu verhandeln, die nun wirklich gar kein Interesse an einem Erstarken der Islamisten haben, aber trotzdem Interessen verfolgen, die mit denen Israels nicht von vornherein zu vereinbaren sind. Da hätten beide Seiten plötzlich das Interesse an einer Einigung.

Ich behaupte nicht, dass dieser Weg zwingend gangbar ist. Aber ihn von vornherein auszuschließen, hielte ich für fahrlässig."

Ja, eben. Und nicht wie Ulrich Speck politisch-pragmatische Fragen mit jenen eines universalen Kulturkampfes vermengen. Man kann nur werben um das universelle Recht auf die Selbstverwirkliichung eines jeden. Solange dieses als Kulturimperialismus wahrgenommen wird, wird das nicht gelingen. Und dann kann man anschließend die Frage stellen, ob die aktuelle Weltwirtschaftsordnung nicht selbst genau dieses Recht, für das wir alle werben wollen, nicht boykottiert. Und auch das ist eine spannende Frage.

11.08.06

Was ist eigentlich so schlimm am Krankfeiern?

Könnte ja sein, daß man danach wieder topfit ist und super-motiviert wieder an die Arbeit ginge und viel produktiver wäre, als wenn man nicht krankgefeiert hätte. Ein automatisches Sabottical von 3 Monaten alle 5 Jahre z.B. ließe sich betriebswirtschftlich im Falle meines Jobs ohne weiteres einrichten. Was als Fragstellung nur Sinn macht, wenn man von langfristigen Arbeitsverhältnissen ausgeht. Beim NDR ist sowas möglich.

Aber diese Gedanken stützen natürlich nur die Nix-Tuer, die sich der protestantischen Arbeitsethik verweigern, um sich dann in Parteien organisieren, die jene auszubeuten, die schuften. Der ganz süße Herr Norberg stellt das in einem langen Text vermeindlich klar, den der weniger süße Herr Wergin - rein subjektives Empfinden meinerseits - ins Netz gestellt hat. Das wird dieses Bild der passiven, rassistischen Schweden gemalt, das im Zuge der Gehirnverwaschung durch Vereinzelung von oben mittels sogenannter "Think Thanks" - nannte man im ersten Weltkrieg nicht Panzer Tanks? - Verbreitung finden soll. Den völlig berechtigten Einwand Dr. Deans, daß man Parteilichkeit doch auch als solche kennzeichnen solle, wischt der nicht ganz so süße Herr Wergin so vom Tische:

"Sie werdens vielleicht nicht glauben, aber die Aufgabe von Think Tanks ist es, Probleme der Politik aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Man nennt das Pluralismus und es soll eine der wichtigsten Elemente demokratischer Gesellschaften sein..."

Ist natürlich ein wenig simpel, wenn der Text selbst, der da veröffentlicht wird, seinen Perspektivismus nicht offen zugibt. Normalerweile kommt ja die rhetorische Nummer ja von den Liberalen, daß sie lieber Quellen und Denker angreifen, als sich mit Argumenten auseinanderzusetzen. Das will ich hier aber nicht nachmachen, der Text gibt wenigstens mal Butter bei die Fische, was das berühmte "skandinavische Modell" betrifft. Suggestiv agiert er nichtsdestotrotz - durch Weglassungen und uneingestandene Prämissenbildung. Mag auch ...

... insgesamt das Wissen mir fehlen, den Text durchgängig zu kritisieren, das ist auch so schon auffllig genug.

Da ist z.B. die Suggestion durch zwei Logiken: Die Logik des utilatristischen Durchschnitts und die der differenzierten, statistischen Gruppenbildung. Das betrifft z.B. dieses Urban Legend von den Pro-Kopf-Einkommen, wo Schweden dann zum fünftärmsten Staat der USA verunklärt wird, wenn er es denn wäre. Das ist so ein Argument wie jenes, daß die Armen weltweit in den letzten wasweißichwievielJahren weltweit reicher geworden seien, welches dann immer pro-kapitalistisch gewendet wird. Das sagt nix aus, weil man so global gar nicht sinnvoll sagen kann, woran konkret das liegt. Und weil's eben mit dem utilitaristischen Durchschnitt arbeitet - so rechnet man die schlimmsten Fälle der Armut einfach weg und erklärt auch nicht, wie sie zustande kommen. Bei diesem Pro-Kopf-Einkommens-Modell wird ebenso die soziale Differenzierung wwie die Höhe des Gefälles weggerechnet. Da ist's scheißegal, an welcher Position einer Tabelle in den USA man stünde, wenn das untere Ende nicht thematsiert wird.

Und das bei einer Ideologie, die sich ach so viel auf das Indiviuum einbildet. Genau das rechnen die ja permanent weg. Wem um's das Indiviuum ginge, der würde sich stellvertretend Einzelne, denen es am schlechtesten geht, angucken und dann daraus Schlüsse ziehen. Nicht so der hehre Liberalismus: Der nivelliert durch Durschnittsbildung.

In ähnlich tollkühnen, rechnerischen Operationen und uneingestandener Prämissenbildung entstehen solche Aussagen:

"Diejenigen Immigranten, die ihren Unternehmergeist intakt gehalten haben, bringen ihn oft anderswohin. Hunderte von arbeitslosen Somaliern und Iraner verlassen Schweden jedes Jahr und gehen nach Großbritannien, wo sie oft erfolgreich Arbeit finden. Der Unterschied beider Erfahrungen kann sehr überraschend sein. Der schwedische Wirtschaftshistoriker Benny Carlson verglich kürzlich die Erfahrungen somalischer Immigranten in Schweden mit denen in Minneapolis, Minnesota. Mur 30 Prozent hatten einen Job in Schweden, nur halb so viel wie in Minneapolis. Und es gibt dort etwa 800 Unternehmen, die von Somalis geführt werden, verglichen mit nur 38 in ganz Schweden."
Da würde man ja eigentlich mehr drüber wissen wollen. Wie und was für Jobs finden die denn in Großbritannien? Wie groß ist Minneapolis im Vergleich z.B. zu Stockholm? Ich weiß es nicht ... wieso sagt der Mann mir das nicht? Und was für "Unternehmen" sind denn das? Sich selbstständig machende Pizza-Boten, oder haben die Putzjobs oder aber 'nen florierenden Blumenladen oder High-Tech-Klitschen mit Global-Player-Status? Es ist sowieso lustig, ein klassisches Einwanderungsland, daß ethnisch ganz anders strukturiert ist, da zum Vergleich heranzuziehen, und dann noch eines mit ehemaligen Kolonien. Das ist suggestiv, weil so getan wird, als sei das ethnische - und somit immer falsche - Selbstbild erst Resultat eines Sozialsystems. Völliger Humbug.

Auch interessant wäre, was denn die restlichen 40% Somalis so den ganzen Tag treiben da in Minneapolis. Das paßt einfach ziemlich gut zu der ja meines Wissens gut belegten These, daß ca. ein Drittel der Schwarzen in den USA Knast-Erfahrungen durchlitten haben ... und sowieso in den USA das, was hier das Sozialsystem auffängt, dort das Gefängnissystem wegsperrt.

Auch der hier ist lustig:

"Dazu kam, dass die schwedische Wirtschaft von einer kleinen Zahl großer Industrieunternehmen abhing. Dadurch, dass deren Wichtigkeit abnahm und andere sich ins Ausland verlagerten, brauchte Schweden etwas, was ihren Platz einnehmen würde. Aber dieselbe Politik, die einst die großen Formen bevorzugte schuf einen Mangel an kleineren und mittleren Unternehmen. Die, die existierten, wuchsen nicht, zum Teil wegen der Risiken und Kosten der höchst belastenden Arbeitsmarktregeln, die die Anstellung von Arbeitern verhinderten."

Der erste Teil ist ja zentral auch, wenn man sich dieses, unser Land anschaut. Die Massenarbeitslosigkeit hierzulande verdankt sich im Wesentlichen dem Umbruch eines Landes, in dem die industrielle Massenfertigung eben nicht mehr im selben Sinne stattfindet wie zuvor. Die ganze, ehemalige DDR hat da auf einen Schlag erlebt, was z.B. im Ruhrgebiet über Jahrzehnte sich hinzog. Interessant wäre zum Vergleich z.B. Detroit. Was geht da eigentlich so ab?

Natürlich verdankt sich die De-Industrialisierung auch der Lohnhöhe, ist ja gewinnmindernd und soll das ja auch sein. Die Frage, die meines Wissens kein Schwein bisher beantwortet hat, ist, welche Art von Arbeit denn das eigentlich ersetzen soll. Dieses Gerede von der Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft, schön und gut, aber kann die denn überhaupt ohne industrielle Kerne existieren? Und in welchen Bereichen soll denn ein Niedrigslohnsektor vor sich hinwirtschaften? Oder sollen wir uns an Produktionsbedingungen wie in Indien und anderen Ländern anpassen, um ökonomisch fit zu sein?

In diesem ganzen Wortschwall werden die eigentlich wichtigen Fragen gar nicht gestellt - welche Art von kleinen und mittleren Unternehmen soll das denn sein? Und ändert das irgendetwas an den Konzentrationsprozessen, die im ganz normalen Kapitalismus nun mal stattfinden? De facto gruppieren sich diese Kleinen und Mittleren ja um die Großen, was auch gar nix schlimmes sein muß - aber wenn die nur unter indonesischen oder rumänischen Bedingungen bereit sind, in Arbeit zu investieren, was dann? Kinderarbeit erlauben, um endlich den Arbeitsmarkt zu deregulieren? Außerdem ist genau diese Machtanballung großer Unternehmen das, was Demokratie überflüssig macht. Dann sollte man aber auch aufhören, diese zu beschwören und in deren Namen Kriege zu führen, und lieber gleich Quasi-Monarchien von Oligarchen fordern, mit Think Thanks als Hofnarren. Dann beantworten diese die Frage "Wie wollen wir leben?" Aber der, der von Niedringlohnjob zu Niedriglohnjob hechelt, hat ja auch keine Zeit mehr, sie sich zu stellen ...

Norberg nennt Gesundheit und Bildung als potenzielle Job-Motoren. Aber wer soll sich das denn unter den genannten Bedingungen leisten können???

Um zu den uneingestandenen Prämissen überzugehen: Norberg argumentiert implizit marxistisch - wie die meisten Liberalen.


"Aber Mentalitäten tendieren dazu, sich zu verändern, wenn die Anreize sich ändern."

Das Sein bestimmt das Bewußtsein. Eine derartige, deskriptive Entmündigung von Menschen, wie sie dieser Typus von Wirtschaftstheorie vornimmt, ist mir ansonsten nur bei den krassen, prä-faschistischen Kulturalisten bekannt. Es könnte ja sein, daß die Leute einfach anders leben wollen, als Herr Norberg das will. Und genau deshalb wollen solche wie er den Umbau der Systeme: Damit genau die nicht mehr dazu kommen, das auch zu merken ...

10.08.06

Die Ablehnung der Güte als Sicherheitsrisiko

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"Heute nacht da sehen Sie mich Gläser austrinken und ich gehe in's Bett mit jedem!"

Na, das eine oder andere Bonmot von ihm hat man dann doch parat, und sei's auch nur von Georgette Dee verballhornt. Irgendjemanden kennt ja jeder, der mal in einer Schulaufführung ein Brecht-Drama bestritten hat. Meine Schwester hat mal eine der Huren in der Dreigroschenoper gespielt, und im hannöverschen Mittwochstheater von einst, da auf dem Lindener Berge, habe ich auch mal ein Stück von ihm gesehen. Das mit dem Kongreß der Weißwäscher, und da für diesen Eintrag wichtig ist, an was man sich nicht so genau erinnert, recherchier ich jetzt ganz absichtlich nicht nach, ob's so ein Stück nun gibt oder auch nicht. Auch die Geschichte vom Herrn Keuner, der erbleicht, als man ihm sagt, daß er sich nicht verändert habe, ist mir noch präsent - nicht minder der Ausspruch, daß die Regierung sich doch ein neues Volk wählen solle. Nach dem dem 17. Juni hat Brecht, der Kommunist, das geschrieben.

Ansonsten erstaunt es mich eher, wie völlig unwichtig der Bertolt Brecht für mich und meinen geistigen Werdegang war. So'n "Moon of Albama" vor sich hin zu trällern, das gilt ja nix. Von den Dramatikern waren eher Ioneso, Sartre oder Shakespeare (seltsames Trio, eigentlich) für mich bedeutsam, und jetzt, wo zum fünfzigsten Todestag es allerorten von Brecht nur so wimmelt, scheint's mir, als hätte ...

... ich da wohl was verpaßt.

Das letzte Mal, daß er mir begegnete, das war, als wir ein audiovisuelles Projekt konzipierten. Es sollte in einer, dieser neuen Institutionen spielen, die Hartz IV-Empfänger per Arbeitsamts-Gutschein zum Sandschippen in den Stadtpark schicken - auf 1-Euro-Job-Basis. Wir gaben dem den Arbeitstitel "Die Maßnahme", unsere Kunden waren ganz verzückt und erzählten uns dann einen von "Klar, Brecht!". Natürlich waren wir zu feige, unsere Bildungslücke zuzugeben.

Doch es begab sich aber zu der Zeit, da ich nach Feierabend Kaffee trinkend in meiner kleinen Küche saß und nachgrübelte, wie die Matronen in "Kiezkoller" wohl Energie gewinnen, daß die aktuelle Die Zeit zum Lesen mich einlud.

"Hey, MomoRules, wenigstens die Stellenanzeigen!" "Okay, aber die Matronen ..." "Komm schon, wenigstens das Inhaltsverzeichnis schau Dir mal an". Dabei blieb's nicht, dann war da noch ein Text über eine Droge, die Nahtoderfahrungen hervorruft und neuerdings enorme Erfolge bei der Bekämpfung von Depressiven, sorry, Depressionen feiert. Die Zusammenhänge zwischen beidem, Nahtoderfahrungen und Depressionen, waren dem Autor keine Zeile wert.

Na gut, noch mal in's Feuilleton hineingeblättert. Natürlich mit Brecht als Schwerpunkt. In einem der zentralen Texte zur Brecht-Verteidigung (noch nicht online) - schöner, vorletzter Satz: "Wie feige dagegen seine Verächter mit ihrer postutopischen Coolness, ihr Einverständnis mit der Welt" - fand sie sich dann wieder: Die Maßnahme. Schauriges Stück offensichtlich, Brechts frühe Auseinandersetzung mit dem Kommunismus ist Thema:

""Kaltes Dulden, endloses Beharren" fordert der Kontrollchor in der Maßnahme, Brechts wohl am hartnäckigsten mißverstandenem Text, von den kommunistischen Revolutionären. Die bessere Welt müsse um jeden Preis verwirklicht werden, Mitleid und gerechte Empörung seien bei der Durchsetzung der Gerechtigkeit nur hinderlich."

Hat da gerade jemand "Gutmensch" zu mir gesagt?

"Deshalb haben nach Ansicht des Chores die drei Agitatoren, die einen allzu sanften jungen Genossen exekutierten, vorbildlich gehandelt. Am Ende des Stückes erzählen die Mörder, wie sie den Jungen in die Kalkgrube warfen. Darauf der Chor: "Eure Arbeit war glücklich / ihr habt verbreitet die Lehre der Klassiker / Das Abc des Kommunismus/ Wir sind einverstanden mit euch." Erst kommt die Kalkgrube, dann der Kommunismus."

Erst kommt der Krieg, dann die Demokratie.

"Eine schauderhaftere Pointe läßt sich kaum denken, und der Autor tut nichts, um sie in ein milderes Licht zu rücken. Denn die "Maßnahme" ist kein Hohelied der linken Barbarei, sondern entfaltet zum Zwecke der Karthasis eine Dialektik der Grausamkeiten. (...) Die Apologie der Gewalt im Namen der Freiheit. Die einverständliche Verurteilung der Menschlichkeit. Die Ablehnung der Güte als Sicherheitsrisiko."

Alle Zitate aus: Evelyn Finger, Tot oder nur gestorben, in: Die Zeit Nr. 33, 10. August 2006, S. 37

Und der Haifisch, der hat Zähne. Und die trägt er im Gesicht.

Markt und Vorurteil

Manchmal wollen Bücher, die aus Versehen aus dem Regal fallen, einem direkt etwas sagen. Warum sonst hätte ich in Horkheimers "Gesellschaft im Übergang" sonst genau diese Seite aufgeschlagen?

"Der Trieb zur Selbsterhaltung ist nur eine der Ursachen von Vorurteilen. Eigenliebe, Bedürfnis nach Prestige sind in der Gesellschaft auf's engste mit ihm verknüpft. Jeder muß nicht bloß so handeln, sondern so auftreten und sprechen, daß die Menschen ihm glauben und ihren Vorteil in ihm zu sehen. Es bedarf der positiven Vorurteile über sich selbst."

Max Horkheimer, Über das Vorurteil, in ders. Gesellschaft im Übergang, Frankfurt/M. 1981, 2. Auflage, S.104

Apropos: Die Kommentare blieben gestern offen. Auch ...

... völlig zu Recht attackierter Meinungsterror von Neocon (ätsch!)-Seite und deren hochaggressiven Verbalgeschossen kann man nur mit Kommunkation begegnen und mit sonst gar nix, da finde ich das Schließen von Kommentarspalten die völlig falsche Symbolik. Mich hat's ungeheuer beeindruckt, wie Hannah Arendt als ein Merkmal totalitärer Systeme die Kommunikationslosigkeit und Vereinzelung beschrieben hat - nee, da finde ich den freiwilligen Verzicht auf Diskussion auch für einen Tag als ein außerordentlich irriges Signal. Da stimme ich dieses eine Mal sogar (mit schlechtem Gewissen) dem Telegehirn zu ... einen Tag zu spät, mußte ich aber loswerden.

09.08.06

Je Regen, desto Sieg?

"33% Regenwahrscheinlichkeit geht eigentlich noch."

"Mal o.t.:
Was heißt das denn?
Es regnet vielleicht, wahrscheinlich aber nicht?
Es regnet 1/3 des Abends?
Es regnet von jeder Stunde 20 Minuten?"

"je regen, desto sieg."
gruppo 100% regenwahrscheinlichkeit."

Quelle: St. Pauli Forum

Ja, so ist das mit der Wahrheit, der Statistik und dem Rest. Erstes Heimspiel einer neuen Saison, Kader aufgerüstet, vom Aufstieg bereits im Vorfeld getönt, Stadion-Aus- und Neubau in Sicht und - und doch bleibt uns nichts als die stete Freude darüber, daß es hier in dieser Stadt nur Flüsse, aber keine Weinberge gibt. Nur Astra, und das kommt ja eh besser als Traubensäfte. Das wird heute abend von Nöten sein, nachdem das Auftaktspiel so gnadenlos vergeigt wurde. Ausgerechnet in Wuppertal. Als würde man da nicht normalerweise nur durchfahren auf dem Weg nach Köln.

Der Eindruck, das Team wolle den Trainer spielerisch entsorgen, wird sich mit 33% Wahrscheinlichkeit bestätigen. Und dann sitzt man da wieder, ...

... betrachtet schaurige Spiele mit 55% Ballverlust in Zweikämpfe, dem mehrfachen Vergeben 100%iger durch Felix Luz und vor Enttäuschung nur 70% möglicher Unterstützung durch das Publikum bei einem Anteil von 0,5% Gästefans in selbigem - gegen die Dortmunder Amateure zu spielen, das ist ja eh jedes Mal auf's Neue eine Demütigung.

Aber man freut sich dennoch, vertraute Bank-Nachbarn wiederzusehen, wünscht sich Johnny Depp im Team der "Freibeuter" welcher Liga auch immer und redet im Vorfeld lieber über das Wetter als über das Spiel ... seltsam, daß die Ernüchterung schon eingesetzt hat, bevor es so richtig los geht. Das ist ja fast wie im sonstigen Liebesleben auch - ist es ein gutes Omen, wenn einen beim morgendlichen Einschalten des Radios "What's love got to do with it?" von die olle Tina entgegentönt?

Na, Omen gibt's ja gar nicht, nur die Statistik, die Wahrheit und den Rest, es ist einfach nur Vollmond, da heult man halt mit den Wölfen - dabei siegen wir heute 4:0, mit oder ohne Regen, heulen diese doofen Dortmunder nieder, und morgen finde ich die Welt dann auch wieder super!

08.08.06

Die Anti-Traum-Droge, Intermezzo 3: Warum der Name stört ...

buch_rothko.jpg

Bild-Quelle: bad-bad.de

"Kultivierte Banausen pflegen vom Kunstwerk zu verlangen, daß es ihnen etwas gebe. Sie entrüsten sich nicht mehr über das Radikale, sondern ziehen sich auf die unverschämt bescheidene Behauptung zurück, sie verstünden nicht. Diese beseitigt noch den letzten Widerstand, die letzte negative Beziehung zur Wahrheit, und das anstößige Objekt wird lächelnd unter seinesgeichen, den Gebrauchsgütern katalogsiert, zwischen denen man die Auswahl hat und die man ablehnen kann, ohne selbst nur dafür Verantwortung zu tragen. Man sei eben zu dumm, zu altmodisch, man könne einfach nicht mit, und je kleiner man sich macht, um so zuverlässiger partizipiert man am mächtigen Unisono der vox inhumana populi, an der richtenden Gewalt des petrifizierten Zeitgeistes." Theodor W.. Adorno, Minima Moralia, Frankfurt/M. 2001, Erstveröffentlichung 1951, geschrieben 1946-1947, S. 416

Hey, Mann, das ist doch totalitär! Laß uns lieber 'ne Gala veranstalten, muß doch gehen - Heino Ferch liest "Die Todesfuge" oder so, vielleicht? Fragen wir den doch mal. Komm, nur ein Programmpunkt unter vielen. Paßt doch gerade. Aber kein zu großer Saal, nee, ist was für 3SAT, nee, nicht ARTE, dann verstehen die Franzosen nix, und da muß der Eintritt schon mit zur Finanzierung dienen. Laß uns dem Ganzen 'nen exklusives Image geben, dann zahlen die Leute mehr - das wiederholen ...

... wir irgendwann nachts im Hauptprogramm.

Mönsch, habe doch schon gesgt, die Ferch-Nummer ist doch nur EINE VON VIELEN. Das betten wir ein in buntere Geschichten, irgendeine Benfiz-Kiste fällt uns schon noch ein, oder ein Sponsor, mit sowas adeln sich die Firmen doch heute gerne. Irgendwas qualitativ Gewichtiges suggerieren wir da.

Aber Benefiz ist noch besser, am besten was mit AIDS, dann kommt vielleicht auch Elton John. Moderation? Irgendwas Süßes mit tiefem Decoltè?

Nee, wir müssen schon Pop und Klassik vermitteln, der Celan ist doch nur für's Feuilleton, und Ferch kann sich damit profilieren, dann macht der das bestimmt.

Zu heavy? Da hört doch eh keiner hin, denkste, das versteht wer? Die stellen sich dabei doch eh nur den Ferch im Unterhemd vor und glauben ernsthaft, er sei der deutsche Bruce Willis, hähä, so was gucken doch eh nur Frauen und schwule Studienräte. Die Lutscher! Aber die haben die Kohle, während unsereuns für die Kinder schuftet, die denen die fetten Pensionen bescheren!

Ach so, wir haben ja gar keine Werbung. Also doch lieber nicht an die Tunten denken? Aber falls doch ein Sponsor her muß, laß uns doch den Fischer oder die Dee gleich mal mit anfragen. Dann lassen wir nach dem Ferch die Nebtrebko "Glücklich ist, er vergißt, was nicht mehr zu ändern ist" singen oder so, dann bleiben die Leute auch dran.

Wie hieß noch mal dieser Typ, der in Capital oder so immer so Kolumnen geschrieben hat, der Kleine mit der großen Brille, der das gebracht hat mit "Adorno hat gesagt, nach Ausschwitz könne man keine Gedichte mehr schreiben. Adorno konnte schon das schon vorher nicht" oder so ähnlich, sowas hat der geschrieben, hähähä ...

Die Anti-Traum-Droge, Intermezzo 2: Dramatisierungsmuster

"In "befriedigender Gewalt" ist der Böse normalerweise unbesiegbar, geschützt allein durch Größe, Ausrüstung, Gesetze, Machtgefüge, Position, im Vorteil durch die Machtlosigkeit anderer, die damit nicht fertig werden. In dem Moment, in dem er niedergerungen wird, darf er allerdings durchaus hilflos sein. Das ist uns recht. Zerquetscht ihn wie eine Wanze! Macht ihn platt für das, was er unserer lieben, kleinen, behinderten Judy angetan hat!

Enwticklen Sie Ihe Schurken sorgfältig. Je stärker der schurkische Charakter, umso mehr Spaß macht es, ihn zu vernichten. Um Befriedigung aus seinem Untergang zu ziehen, muss er zunächst einem liebenswerten, hilflosen Opfer etwas antun."

Larry Beinhart, Crime - Kriminalromane und Thriller schreiben, Autorenhaus-Verlag Berlin, 2003. S. 94

06.08.06

Zurück zu den Sachen und Menschen selbst

Mannomann, jetzt passiert genau das, weshalb ich mich so schwer tat damit, bei dieser Blog-Demo mitzumachen: Während die Angegriffenen sich in ihrer Weltsicht bestätig fühlen, weil diese ja a priori als Selbst-Immunisierung und Selbst-Gerechtigkeit und somit auch total gewordene Selbst-Bezüglichkeit bei ebenso totaler Abwesenheit von Selbst-Kritik konzipiert ist, diskutiert man nun über sich selbst auf Seiten der Angreifer.

Was sogar was Schönes ist, wenn man einmal mehr feststellt, daß das, was viele Liberale gerne für sich in Anspruch nehmen, eben weiterhin primär auf Seiten einer sehr, sehr weit verstandenen Linken stattfindet: Differenzierungsfähigkeit, Individualismus, Selbstkritik und Reflektionsvermögen - und im Zweifel dann doch für die Meinungsfreiheit eintreten.

Während - Ausnahmen wie Karsten und Rayson bestätigen die Regel - auf liberalen Seiten zumeist überall das Gleiche steht. Von den Neocon-Dhimmi-Beschwörern ...

... mal ganz abgesehen: Wo der Kollektivismus und die Gleichschaltung lauert, das kann man eben bei denen ganz gut verfolgen. Daß publizistisch mächtige Drehscheiben, die so tun, als stünden sie in der liberalen Tradition, sich nicht zu schade sind, deren Denken in abgeschwächter Form hoffähig zu machen, das ist das eigentliche Problem.

Da muß man auch ansetzen, aber nicht bei undifferenziertem Broder-Bashing - der hat seine publizistische Rolle gefunden, und wenn man genau hinliest, kann man da auch gelegentlich was lernen. Was nicht daran hindern sollte, vieles dann nachhaltig zu kritisieren und sich ansonsten nicht allzu sehr von den Versuchen, Andere nach dem immer gleichen Muster mundtot zu machen, Gruß an Liza, beeindrucken zu lassen. Nein, ich meine nicht die Walsersche Moralkeule. Ich meine ein an Adorno Geschultsein, ausnahmsweise.

Und vor allem darf man sich bei alledem nicht von den grenzpathologischen Eurabia-Fantasien mancher sich als JournalistInnen verstehenden DreckschleuderInnen beeindrucken lassen, nein, ich meine keine einzelne Person, das ist nämlich die eigentliche Gefahr, wenn man sich mit den Diskursen der Gemeingefährlichen auseinandersetzt: Daß im eigenen Denken etwas hängenbleibt. Das sind ja oft uralte Muster, die an Urängste appellieren -. früher unterstellte man anderen Religionen, sie würden Brunnen vergiften und Kinder opfern. Natürlich wirkt sowas. Erzeugt hierzulande sogar sowas wie Angstlust, wie im Horror-Film, und auch das war schon immer so. Auch so erklärt sich wohl deren Traffic. Nur: Gar allzu entsetzlich können die Folgen sein ... da hilft als Gegengift nur die gute, alte Aufklärung und die Hoffnung, daß sie siegt.

Schreibe hier ja implizit und explizit ständig über jene Seiten, die nun zum Glück per Stefan Niggemeier auch mal ein paar mehr Leuten aufgefallen sind - vor der Übernahme dieser Linkliste habe ich mich gescheut, auch, weil diese Seiten doch einen erstaunlichen, heuristischen Wert haben. Die bilden den Schatten der kleinbürgerlichen Mitte ab, um dessen Abgründe man sonst wahrscheinlich gar nicht wüßte.

Dort kann man herrlich nachvollziehen, wie z.B. liberales 68er-Bashing und krasse Formen des Homohasses eine fatale Liaison eingehen. Da sollten sich Liberale mal Gedanken drüber machen, wieso das geht. Und wieso der ursprüngliche Grund der einstigen Liaison, nämlich dieses Pro-Amerika-Israel-Kapitalismus-Konstrukt im Falle des Irak-Krieges, so wurde es mir berichtet, ziemlich exakt auch weiterhin fast gleichlautend auf den Neocon- und den liberalen Seiten sich findet.

Man verstehe mich nicht falsch: Das ist kein Plädoyer für Anti-Amerikanismus oder gar Anti-Zionismus, ist mir beides fremd. Aber eines dafür, die Latte doch mal ein wenig tiefer zu legen und sich statt pro-westlicher Hysterie mal wieder auf das Spezifische einzulassen. Sich z.B. klar zu machen, daß kämpferische Pro-Bush-Agitation die deutsche Variante der Neocons stützt mit ihrem Schwulenhassertum, so einer ist der Herr Bush nämlich auch, wenn ich's richtig mitbekommen habe, man korrigiere mich.

Man kann dann immer noch die Position vertreten, daß der Irak-Krieg richtig war, ich habe da bis heute keine Position, gebe ich offen zu. Man kann sich dann auch auf die Seite Israels im aktuellen Krieg schlagen und dieses Stern-Titelbild empörend finden, und das völlig zu Recht - aber dabei vielleicht mal das, was dort passiert, differenziert beschreiben, das kann man auch, ohne diese schreckliche Hisbollah toll zu finden. Anstatt ständig irgendwelche pro-westlichen Brückenköpfe zu behaupten und damit nur spiegelbildlich das zu reproduzieren, was der Irre in Theheran auch findet. Im Grunde genommen passen sich der und die ganzen Agitateure hierzulande einfach so dermaßen gut wechselseitig in den Kram, daß man sich ja manchmal wundert: Warum eigentlich? Ich finde den auch unsäglich, gemeingefährlich und und schlichtweg verwerflich, was er sagt - aber warum nur stützt der so vortrefflich unsere Pro-Westler hier im Netz? Ich frage ja nur. Ein Teil der Antwort ist, daß man auch engagiert für Menschenrechte eintreten kann, ohne diese als pro-westlich zu behaupten. Die sind einfach vernünftig, und vernünftig sein kann jeder.

Diese in der Tat empörenden Foto-Veröffentlichungen da am rechten Rand sind einfach die passende Ergänzung zu den Kulturkämpfern, bringen so etwas wie die innere Wahrheit deren Diskurses zum Ausdruck, da helfen alle Distanzierungen nix. Man kann auch vieles an Amerika prima finden - finde ich von ganzem Herzen! -, anderes aber auch überhaupt nicht. Man kann vehement pro-israelitisch sein - bin ich - und sich trotzdem Gedanken wie Don Alphonso und MartinM machen, ohne immer gleich alles auf's Ganze der je eigenen, viel zu abstrakten Begrifflichkeit zu beziehen.Bei der eben dann auch mit rauskommten kann, was in diesen mich nachhaltig empörenden Blogs steht.

Was passiert gerade stattdessen? Jo@chim und Daniel führen ihren Streit fort. Nee, deshalb habe ich die Linkliste nicht veröffentlich, schließe mich der Empörung über diese Sauce da rechts an und plädiere trotzdem dafür, weiter an "der Sache" entlang zu diskutieren, so, daß man's im Sinne von Menschen tut. Anstatt diese Weltverdrehung quasi zu personalisieren anhand nur eines, auch meiner Ansicht nach ganz besonders schlimmen Phänomens im Netz, das für einen ganzen Denkkomplex steht - kein Gruß an Kewil.

04.08.06

Hoch die internationale Solidarität

"Auf dem Wege zum rein existenziell-ästhetischen Ekel sind der Linken die politischen Talente verloren gegangen. Dieses Talent besteht nämlich gerade in der Annahme der Gespaltenheit und notwendigen kognitiven Dissonanz politischer Arbeit. Nur wer eine radikale Kritik denken kann, ist zu einer akzeptablen pragmatischen Position befähigt.

Nur wer eine akzeptable pragmatische Position unterstützen kann, kann wirklich radikale Kritik entfalten. Um beides tun zu können, muss man unauthentisch sein können. Die berechtigte Frage der alten Gegenkultur, was Politik mit Leben zu tun hat, verdient bessere und kompliziertere Antworten als das Ideal der authentischen Identität oder der ästhetischen Angemessenheit. Peinlich ist oft immer noch besser als authentisch. Authentisch war Hitler."

So Diedrich Diedrichsen vor einer Woche in der Jungle-World (via Rosa Rauschen). Einer dieser Texte, die alles in die Pfanne hauen und als Antwort das hehre Rätsel wählen - und das wohlwissentlich im Rahmen genau jener Raster, die per Analyse denunziert sich finden. Was ja den Text nicht weniger gut macht, alte Adorno-Tricks seien wachen Veteranen wie diesem hier gern zugestanden. Wobei ich den als Pointe guten Schluß doch vehement bestreite: Weil ich schon noch zwischen Authentisch und Inszenierung unterscheiden würde, ...

... auch dann, wenn die Inszenierenden sich ihre Inszenierung selbst glauben und diese die schlimmstdenkbaren Konsequenzen.

Ärgerlich ist allerdings ein wenig diese Selbstbezüglichkeit des Autoren, insofern er die Entwicklung innerhalb der "Linken" isoliert und immanent betrachtet. Es fehlt in annähernd allen Stationen der gezeigten Denkentwicklung das jeweilige Gegenüber. Da formte sich auch was angesichts von Kiesinger, Strauß und Kohl. Und aktuelles Problem ist wohl, daß ein wenig entglitten ist, was dieses Gegenüber sei - Bush, klar. Und Hartz IV. Neocons und Neoliberale und Weltbank oder sowas. Alle eher symbloisch erfaßt? Nein, nicht Israel. Da finden sich wirklich alle Argumente auch im linken Spektrum.

Aber seitdem dieser Neoliberal-Neocon-Komplex als diskursive Formation - kein Autor fällt da in Reinform drunter, ist eine Art Idelatypenkonstruktion, was ich meine, na gut, die FDOG vielleicht doch - teils die Prinzipien maoistischer Tribunale reproduziert und kriegerisch die linke Empörungskultur noch toppt, mit Bildern entfesselter Subjektivität auflädt und im Gestus heroisierender Verantwortungsethik hochpathetisch Freiheit verkündet, so die Frage, was Politik mit Leben zu tun habe, westlich-kulturalistisch für sich vereinahmt, reibt man sich doch verstört die Augen und fragt, welchen Zweck der Diedrichsen-Text denn nun verfolge. Zweckfrei ist der ja wahrscheinlich nicht. Ein Plädoyer gegen Ästhetizismus und das Ideal der authentischen Identität und damit den neoliberal-neocon-Komplex implizit gleich mit, wenn ich nicht irre, aber warum nicht explizit?

Bloß nicht in zu aktuelle Debatten sich einmischen, so scheint's, man könnte falsch liegen. Schade. Als sei nicht offenkundig, daß, ob Fußball-WM oder Nahost-Diskussion, das aktuell dominierende Thema die "Wiedergutwerdung Deutschlands" ist - so nannte das Broder neulich bei SpOn. Das zeichnete sich schon bei der Debatte rund um den Vorfall in Brandenburg ab - wehe dem, der Deutschen Rassismus unterstellt, ein Plädoyer gegen diese Wiedergutwerdung sei dieses. Doch ebenso jene, die ihn geißelten, den Rassismus (völlig zu Recht, das nebenbei): Auch hier ist dieser Topos stets präsent - wir sind jetzt gut, weil wir gelernt haben, dagegen kämpfen zu müssen! Ähnlich die Linien in den Diskussionen rund um den Krieg im Libanon: Die einen werden wieder gut, weil sie gegen Krieg protestieren, die Anderen, weil sie für ihn sind. Extremstes Beispiel der Wiedergutwerdung ist wohl dieser Text hier.

Und eigentlich ist die Antwort zumindest innenpolitisch ebenso einfach, wie sie im Libanon fast unlösbar und somit kompliziert mir erscheint: Reine Ablenkung. Nicht die Debatte über Nahost, das ist schon erschütternd entscheidend, was dort vorfällt - nein, die Konlfiktlinien, die hier sich bilden. Sie lenken ab von dem, was Diedrichsen vor lauter Lifestyle unterschlägt: Die Kritik der politischen Ökonomie.

Die kann auf nationale Selbstbilder und Fragen der Hipness getrost verzichten. Auf Authentisches auch. Diese zur Stilfrage in Pop-Kontexte umzudeuten, da hat er ja selbst auch mitgewirkt, behaupte ich, bei allem Respekt und allen Differenzierungen genau in dieser Hinsicht, die bei ihm sich finden. Diese ganze pro-westliche Hysterie ist doch nur die Vorhut derer, die Fragen nach der Ökonomie jenseits des Nationalen verhindern wollen, deshlb ja die Sloganhaftigkeit ihrer Globalisierungs- und Pro-Kapitalismus-Agitation, die alles Spezifische negiert, negieren soll durch den Wust der großen Thesen. Genau deshalb stricken sie an dieser seltsamen Gleichung, daß Antisemtismus gleich Antiamerikanismus gleich Antikapitalismus sei - weil's klar ist, daß dies in Deutschland mundtot macht. Die Antideutschen reproduzieren auch nur kritisch jene Strukturen, die der Nationalismus vorgibt. Da hilft als Antwort nur einer der alten Demo-Sprüche, die Diedrichsen unterschlägt: Hoch die internationale Solidarität!

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