Der 31. August: Es lebe der Kitsch und der Saba-König!
Was soll man von einem Tag halten, an dem Caligula geboren wurde, die Dreigroschenoper ihre Uraufführung feierte und der zugleich der Vorabend des ofiziellen Beginns des Zweiten Weltkrieges war?
Lady Diana fuhr in Paris vor die Wand, und Wikipedia weiß zu berichten, daß an diesem Tag 1942 in Luxemburg ein Generalstreik gegen die deutsche Besatzungsmacht ausbrach, von dem ich gar nix wußte.
Der von Theodor Herzl in Basel in's Leben gerufene, erste Zionistentag in Basel fordert am 31. August 1897 (!) die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina . Nur verständlich angesichts eines europaweit sich intensivierenden Antisemitismus - eine im Zuge der sich verstärkenden Gegenaufklärung auch in Deutschland erneut und doch in historischer Kontinuität sich situierende, noch verschärfter auftretende, massenhaft sich organisierende Menschenverachtung. Gegründet in einem "rassentheoretisch" auftrumpfenden Kulturalismus...
Trinidad und Tobago feiern erst am 31. 8. 1962 ihre Unabhängigkeit ...
... von England. Auch das wird allzu gerne vergessen in aggressiv "pro-westlichen" Zeiten: Ist noch gar nicht so lange her, der Kolonialismus. Den Socer Sound der Insulaner durfte ich ja kurz vor der WM an einem lauschigen Sommerabend auf dem Heiligengeistfeld genießen; schön war's vor Clubheim und AFM-Container mit Noah und ihrem Freund (auch wenn der HSV-Fan ist und an der AOL-Arena immer diese Skulptur des Fußes von Uwe Seeler küssen will. Aber auch unter HSV-Fans gibt es nette Menschen!).
Gut, daß Arie van Lent, Roque Junior und Patrick Nuo heute Geburtstag haben, das ist nich ganz so beeindruckend. Immerhin verstarb ein japanischer Kaiser mit dem sympathischen Namen "Momozono", ebenso Ferdinand Lasalle, Theodor Lessing und und Western-Regisseur John Ford:
"In "Bis zum letzten Mann" durfte sich erstmals in der Filmgeschichte ein Indianer verbal verteidigen, vorher waren sie lediglich Statisten und „zum Abschuss freigegeben“. Fords Filme blieben trotz seiner konservativer Ansichten relativ unpolitisch, romantisch und an der Legende des Wilden Westens orientiert. Zitat aus "Der Mann, der Liberty Valance erschoss": „Wir lassen uns unsere Legenden nicht zerstören.“"
So scheint's, daß an diesem Tag doch eher bedeutende Menschen gestorben sind, als daß solche geboren wurden. Dafür ist der 31.8. Nationalfeiertag in Malaysia und Kirgisistan.
Und da der Hibiskus, dieses traumhafte Gewächs, die Nationalblume von Malaysia ist, verspricht dies ein schöner Tag zu werden. Und vielleicht erscheint mir ja heute ein König aus Saba und entführt mich in ein Wunderland ohne Telegehirne, Politics und voll zwangfreier und lustvoller Kooperation - dann singen wir zusammen das Lied vom Ende des Kapitalismus ("es ist vorbei, vorbei, vorbei - hat ja auch lang genug gedauert - es ist vorbei, vorbei, vorbei") und werfen mit Hibiskusblüten um uns.
Gott, was für ein Kitsch - aber wenn heute noch irgendwo ein zartes Hibiskus-Pflänzchen der Utopie eher darbt denn wuchert, dann inmitten des Kitsches. Deshalb mögen Menschen mit Stadtguerilla-Trauma den ja nicht, sondern glauben lieber, alle anderen würden Schwäche verachten. Andere tarnen die verborgene Sehnsucht inmitten ihres männlichen Selbst mit Windsor-Knoten.
Wieder dritte rasieren sich die Haare an den Seiten und am Hinterkopf, wollen Tunten erst vergasen, haben's dann aber gar nicht gesagt (oder nehmen es zurück) und engagieren sich anschließend marktgerecht geläutert gegen Gewalt auf Schulfhöfen. Stehen in Gruppen an Straßenecken und gucken finster, die sind wirklich sexy. Die predigen Stolz, und an hibiskus-inspirierten Tagen möchte man ihnen zurufen: "Eure Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe, eure Nike-Turnschuh sehnen sich nach Zärtlichkeit!".
Das wäre nur vermutlich gar nicht so ungefährlich und wirkte wahrscheinlich ein wenig irre. Was ja was Schönes ist, diese Form des Irre-Seins. Schiene wahrscheinlich so, als würde man sich auf eine vielbefahrene Kreuzung setzen und die 500.000 Verse des kirgisischen Manas-Epos nonstop rezitieren. Aber an Tagen wie heute dann vielleicht doch lieber Hisbiskus-Lyrik als karges Hochgebirge:
Der Saba-König
Saba-König. Traumgewandet. In Blütenfülle erdenschwer
der lebt nicht mehr, der lebt nicht mehr.
Übrig bleibt - vom Mehr umrandet - Südseeduft als Lebenswehr,
davon mehr, davon mehr.
Hisbiskus-Blüte, knallrot leuchtend, zukunftsschwanger - lebensfroh!
Das ist halt so, das ist halt so.
Im Verwelken neu sich findend, frischumranken sowieso,
den Patio, den Patio
der schützt und mauert rund um's Glauben
der Kübelpflanzen, aufgereiht,
an den Wein, der folgt auf Trauben,
wenn man die Macht dazu verleiht ...
... durch Pierres & Gilles und die Georgette
in den Regalen voll Musik.
Und darum, Leute, jede Wette:
Ende August die Hoffnung siegt!
Na, selbst für'n 10-Minuten-Gedicht grenzwertig. Aber ist ja nur'n Blog.





