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Die Anti-Traum-Droge, Intermezzo 2: Dramatisierungsmuster

"In "befriedigender Gewalt" ist der Böse normalerweise unbesiegbar, geschützt allein durch Größe, Ausrüstung, Gesetze, Machtgefüge, Position, im Vorteil durch die Machtlosigkeit anderer, die damit nicht fertig werden. In dem Moment, in dem er niedergerungen wird, darf er allerdings durchaus hilflos sein. Das ist uns recht. Zerquetscht ihn wie eine Wanze! Macht ihn platt für das, was er unserer lieben, kleinen, behinderten Judy angetan hat!

Enwticklen Sie Ihe Schurken sorgfältig. Je stärker der schurkische Charakter, umso mehr Spaß macht es, ihn zu vernichten. Um Befriedigung aus seinem Untergang zu ziehen, muss er zunächst einem liebenswerten, hilflosen Opfer etwas antun."

Larry Beinhart, Crime - Kriminalromane und Thriller schreiben, Autorenhaus-Verlag Berlin, 2003. S. 94

Kommentare

Könnte auch aus einem Ratgeber für politische oder militärische Propaganda (Feinbilderzeugung) sein. Was vermutlich der Grund ist, dass Du diesen Krimischreiber-Ratgeber (es ist fast ein Lehrbuch) hier zitierst.

Als (weitgehend erfolgloser) Manchmal-Auch-Schriftsteller habe ich mir "Crime" auch mal angetan; er hat ein seltsam unbefriedigendes Gefühl hinterlassen, wohl, weil er mich fatal an diese "Bewerbungs-Ratgeber" erinnert, die allesamt das perfekte Rezept, um den Traumjob zu kommen, anpreisen. Von einigen, dem (leider) erfahrenen Arbeitssuchenden längst bekannten Binsenwahrheiten abgesehen, unterscheiden sich diese Rezepte allerdings gewaltig - die bittere Wahrheit ist nun mal, dass es kein universell anwendbares Rezept für Bewerbungen geben kann.
Ratgeber-Bücher, wie auch Lehrbücher und Kurse sind oft nützlich. Zu detailierte Ratgeber, womöglich mit universellem Anspruch, die einzig richtigen Methoden zu kennen, und zu dogmatische Lehrbücher und Kurse sind allerdings klassische Anti-Traum-Drogen, Kreativitätstöter, Frustrationserzeuger.
Hinzu kommt, auch bei mir, eine aus Schulzeiten stammende Neigung, "by the book" vorzugehen - sich genau an das offizielle Lehrbuch zu halten, ist in der Schule ein ziemlich sicheres Rezept, um bei überschaubarem Arbeitsaufwand zu einigermaßen gute Noten zu kommen. Das Leben ist aber keine Schule.
Um zur Propaganda zurück zukommen:
Die "Schulbuchgläubigkeit" macht Propagandisten das Leben leichter, es erleichtert Schuldzuweisungen enorm, bis hin zum "selber Schuld".

Die Schuldzuweisung an sich selbst (nicht zu verwechseln mit (echter) Selbstverantwortung oder gar (ehrlicher) Selbstkritik) ist so verlockend einfach, dass sie auch ohne manipulative Propaganda funktioniert:
Wenn ich bisher noch keinen Bestseller zustande gebracht habe, dann nur, weil ich die Tipps aus "Crime" nicht bis ins Detail befolgt habe. Ich brauche mir gar nicht den Kopf über andere Gründe zu machen - es ist fast so leicht, wie auf vernagelte Außenlektoren zu schimpfen, wenn auch nicht ganz so angenehm für das Selbstbild. Aber ehrliche (Selbst-)Kritik könnte noch unangehmer sein. Wobei "Larry Beinhart", wenn ich mich richtig erinnere, gar nicht mal den Anspruch hat, dass seine Tipps jederzeit gewissenhaft von allen angehenden Krimi-Autoren befolgt werden sollten. Ich vermute mal, dass viele Möchtegern-Bestseller-Schreiber aber genau das tun.

Ich hatte beim Posten das Gefühl, das die (annähernd) gesamte Libanon-Debatte dem oben beschriebenen Muster folgt - die einen machen Israel zum Mega-Schurken, der Kinder umbringt und die übermächtige USA im Rücken hat, die anderen behandeln die Hisbollah als Teil einer totalitären Gefahr. Auch wenn ich eher der zweiten Position zuneige, habe ich das Gefühl, daß man bei einer solchen Problemdefinition eher Hollywood- und Thriller-Muster folgt, als das Problem in seiner Vielschichtigkeit auch nur im Ansatz zu begreifen (womit ich jetzt weder das Regime im Iran noch die widerwärtige Hisbollah noch den Islamismus als solchen verniedlichen will). Bush macht so Weltpolitik. Das geht schief.

Und zu "Crime": Ich finde das auch eher mittelmäßig. Gut finde ich das "Wie man einen verdammt guten Roman schreibt", auch wenn's auch ein Rezept-Buch ist, und das von Elizabeth George. Letztere liefert auch kein Rezept-Buch, das läßt Raum für viele Träume ...

Aber ganz generell gilt ja: Wichtig ist, as man aus Regeln macht. Was auch bei Bewerbungen zutrifft - da heißt es ja eher auffallen, auch durch Regelverstöße.

"Die "Schulbuchgläubigkeit" macht Propagandisten das Leben leichter, es erleichtert Schuldzuweisungen enorm, bis hin zum "selber Schuld"."

Völlig richtig!

Schlimm ist aber eigentlich, daß es bei Bewerbungen wie auch auf dem Literaturmarkt ja um Images und Posing geht. Und eigentlich will man das ja gar nicht lernen ... ich mußte und kann mich deshlab oft nicht ausstehen.

Bush macht tatsächlich Weltpolitik nach einen Thriller-Drehbuch. Was auch der Grund sein mag, das er, trotz allem, immer noch einige gewisse Popularität besitzt: er ist vielleicht nicht gerade beliebt, aber "die einfachen Leute" verstehen ihn wenigstens. Weil das Thriller-Weltbild relativ einfach und vor allem sehr vertrat ist. Wobei: Ronald Reagan machte das als Präsident in noch stärkerem Maße (kein Wunder eigentlich ... ), allerdings funktionierte das bei ihm besser. Vermutlich, weil die Welt in den 80er anders war, und vermutlich auch, weil Reagans politischen Umfeld eher aus "klassischen" Konservativen als aus "Neocons" bestand. Wer ebenfalls m. E. stark nach Thriller-Muster vorgeht, ist (ausgerechnet) Wladimir Putin. (Natürlich in der Rolle des Helden, nicht des Schurken. Auch krumme Touren und beliebig viele Tote sind in Ordnung, wenn es nur "dem Guten" dient und diese Aktionen "cool" und entschlossen wirken. Politik nach James Bond-Art,was bei einem ehemaligen Geheimagenten vielleicht nur folgerichtig ist ;) .)

"Wie man einen verdammt guten Roman schreibt" kenne ich auch. (Hat mir Rainer Castor mal dringend ans Herz gelegt, nun, Rainer schreibt zwar nicht immer Romane, die ich als "verdammt gut" bezeichnen würde, aber er kann immerhin von seinen Romanen ganz gut leben.) Nützlich finde sonst noch "Marketing für Autoren" von Björn Jagnow, auch wenn er eine Anpassung der Kreativität an Markterfordernisse nahelegt - allerdings ist Jagnow kein "Liberaler", sondern "Linker", so dass seine Tipps abgeklärt und ehrlich wirken, eben die "Spielregeln" erläutern, die es nun einmal auf dem "Literaturmarkt" gibt, ohne diese unbedingt gut zu finden, geschweige denn, sie als Idealzustand anzupreisen.


Man kommt ja um diese Marketing-Aspekte auch nicht herum. Man darf sie nur nicht nutzen, um richtiger Kunst auf die Glocke zu geben, glaube ich ... die sich ja durchaus auch verkaufen kann.

Bis zu einem bestimmten Punkt kann man die Marketing-Nummern aber sogar für sich nutzen, jetzt mal meinen eigenen, ideologischen Prämissen widersprechend: Meine "Unique Selling Prophecy" auf unserem Markt war immer, Pop mit Philosophie incl. Sozialwissenschaften zu vermitteln. Aber so, daß es keiner merkt ;-) ... na ja, in einigen Geschichten schon, in anderen nicht.

Habe bei einem echten Teenie-Medium einst angefangen, als ich noch studiert habe, und da war mir verhältnismäßig schnell klar, daß die populären Formen, die ich dort lernte ('93 war das), recht bald auch in's seriösere Feld rüberschwappen würden. Das ist bisher ganz gut aufgegangen, muß nur seit einigen Jahren aufpassen, nicht als Berufsjugendlicher zu enden, und das ist gar nicht nur einfach, da 'ne Transformation hinzukriegen. Läuft aber bisher auch ganz gut.

Riesen-Unterschied ist freilich, daß ich immer im Rahmen eines Unternehmens agieren konnte, also innerhalb dessen sozusagen das Firmen-Image erweitern. Womit ich mir dann da auch innerhalb dieser Firma bisher mein Standing bewahren konnte, weil diese Vermittlung von Pop und "Seriösem" da sonst keiner so richtig hinbekommt.

Literaturmarkt ist ungleich fieser, weil man durch diese Autoren-Nummer viel vereinzelter unterwegs ist. 'nen Kumpel von mir, der auf unserem Feld eher mit seinem Autoren-Namen aquiriert hat, hat inzwischen echt Probleme, weil dessen scharf-satirische Handschrift nicht mehr gefragt ist. Da habe ich mit 'ner Firma (nicht meiner eigenen, egal)als Mantel viel mehr Optionen, weil man Firmen auch Produkt-Paletten glaubt und abnimmt.

Aber wenn Du Deine Lebenssituation mit Deinen heidnischen Orientierungen mixt, Hartz IV mit Nornirs Aett - hast Du da nicht Mega-Themen, die sich auch super verkaufen ließen?

"Soziale Schwermut" (padonnez-moi, weiß nicht, wie ich's sonst nennen sollte) plus Spiritiualität, das ist doch eigentlich der Hammer, wenn man's dezidiert gegen Katholizismen und Evangikale einerseits, Neo-Nazi-Germantentum andererseits, rein kapitalistischen Materialimus zum Dritten wendet ... das muß auch gar nicht so platt sein, wie ich's hier gerade schreibe.

Wenn man Raysons Bezüge auf das Christentum liest, ist doch offenkundig, daß gerade in dieser sich auf Wirtschaft aktuell konzentrierenden Gesellschaft das Bedürfnius nach einem Mehr da ist, was man aber (wie Rayson) dann auch nicht den pro-westlichen Kulturkämpfern überlassen darf ...

Du hast so viel Wissen, recherchierst so gründlich, da müßte doch was in Eco-Dimensionen möglich sein, was all die Schurken-Legenden und Erzählmuster vortrefflich attackiert, so wie der das im "Foucaultschen Pendel" gemacht hat ...

Habe mal bei Haitabu vor mich hin fantasiert, was wohl wäre, wenn in einer Parallel-Welt Haitabu noch da wäre und ich wie in den Nebeln von Avalon mal hinübergehen und schauen könnte, wie die da so leben. Und habe mich dann totgeärgert, daß ich so wenig nur über die weiß, die da lebten - muß ja keine Fantasy-Konstruktion sein, innerhalb derer man von denen lernt.

Danke für die Blumen! Nee, ich bin kein zweiter Eco, ein so toller Schreiberling bin ich nicht, aber einen flotten Krimi (nicht nach dem "Crime"-Strickmuster), einen originellen Science Fiction, einen gut recherchierten und dabei lesbaren historischen Roman oder eine intelligenten Fantasy-Roman traue ich mir zu. Lockere Unterhaltung, aber nicht ohne inhaltlichen Anspruch. Das Problem ist nur: wie bringe ich das bei weitgehende fehlendem bzw. gesättigem Markt an den Leser? Ich hatte bereits ein Konzept für einen in Hamburg spielen Kriminalroman, in dem es um (vermeindliche) Ritualmorde geht, und in dem eine Asatru-Gruppe in Verdacht gerät. Nach Russels "Blutadler" ist es praktisch unmöglich, diesen Roman zu "verkaufen", auch wenn "Blutadler" eigentlich ganz anders konzipiert ist: "Ach, da will sich jemand an Russel dran hängen". Was, wenn die Heftromane noch so in Blüte stehen würden wie in den 70ern, allerdings geradezu eine Einladung wäre, mal einen "Blutadler"-mässigen Grusel-Krimi in Heftchenform zu verzapfen. Diesen Markt für literarische Einsteiger gibt es heute leider kaum noch.

Übrigens habe ich vor einer Woche wied mal festgestellt, dass es (in diesem Fall in der Nornirs Ætt) Menschen gibt, die, wären sie Romanfiguren, von der Kritik aller Wahrscheinlichkeit nach als "völlig unglaubwürdig" abqualifiziert würden. ("Beinharts" Kriterien zufolge wären sie jedenfalls unglaubwürdig.) Ich habe so den Verdacht, dass ein realistischer Gegenwartsroman aus meinem Alltag nur unter dem Label "Fantasy" zu verkaufen wären ;)

Haithabu - ja, darüber weiß ich Einiges. Nein, ich würde nicht gern dort leben. Allerdings: besser als im später "deutschen" Teil des Frankenreich lebte man dort schon.

Na, dann eben Fantasy ;-) ... kenne dieses Buch von dem Russel gar nicht, sonst hätte ich ja vielleicht 'ne Idee, wobei ich freilich den Buch-Markt zu wenig kenne.

Aber jetzt mal diese Besteller-Diven angeschaut, abgesehen von der Minette Walters - deren Figuren sind doch auch nur soziale Klischees und wenig glaubwürdig, so holzschnittartig wie die gebaut sind. Und das verkauft sich wie doof, obgleich Frau George auch nix anderes macht als die ganze, englische Krimi-Schiene immer schon, nur daß sie das Melodram als literarisch tarnt - was ja nix macht, Melodramen sind super.

Auch wenn ich hier langsam etwas dööflich weltweise rüberkomme: Ich gucke z.B. prinzipiell keine Konkurrenz-Produkte. Klar orientiert sich man sich an dem, was es schon gab, aber gerade aktuell arbeiten wir am hundertdreißigsten Aufwasch eines Prinzips, das wir irgendwann 1999 etabliert haben (damals noch voller Elan, und andere haben es dann kommerzialisiert, dafür bekamen wir 'nen Preis) - ist jetzt nicht lebensfüllend, aber Geld verdient man damit schon ... parallel an einem anderen Produkt, das auch die halbe Branche kopiert hat, wir sind als Original aber da dann doch die erfolgsreichsten, ganz unbescheiden.

Ich glaube, man darf nicht orginell sein wollen, weil man's eben sowieso schon ist ... und 'nen Eco ist doch auch vor allem Recherche, by the way ...

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