Die verwaschene Stadt

Gibt man bei Flickr als Suchbegriff "Wäsche" ein, so erscheinen vor allem pittoreske Bildchen mediteraner Altstädte. Zwischen siena- und umbra-getönten, brüchigen und vielschichtigen Fassaden reiht sich Socke an T-Shirt an Unterhose. Das ist für das deutsche Photografenauge ein tolles Motiv. Fensterläden vor Ton und Geziegeltem, der Schrankinhalt vor aller Welt ausgestellt: Das zeigt andere Lebensart . Ein einziges Photo bildet ab einen innerstädtischen Balkon aus deutschen Landen. Ansonsten noch vereinzelt Mütterchen in Gärten und Hinterhöfen, die allesamt die kulturhistorische Vorstufe zu Inge Meysel verkörpern. Und Katzen. Katzen in Wäschekörben. Da wird das Tier, das aus Versehen mitgeschleudert wird, gleich mitgedacht. Passend zur femininen Ikonographie fördert die Google-Bildsuche zum selben Stichwort dann zu Aliens retuschierte, weibliche Models in BH und Slip aus den Untiefen des Netzes hervor, vorzugsweise in strahlendem weiß und knallrot.
Spaziert man vom neuen Berliner Hauptbahnhof in Richtung Regierungsviertel, dann versteht man den Witz in der allmorgendlichen Radio-Satire, das Kanzleramt sehe aus wie eine riesengroße Waschmaschine. Man läuft zwischen Geometrie in demonstrativer Schnörkellosigkeit; selbst die Säulen am Gebäude weiter links, keine Ahnung, wozu dies dient, die ein rein flächige Beton-Vordach stützen, sind nur zu zweit und schmal wie Rundhölzer aus dem Baumarkt. Dieses gallische Gefühl, der Himmel könne auf den Kopf fallen, überträgt sich auf die schwere Platte über einem: Als könne gerade der demonstrative Verzicht auf Prunk, der das Monumentale eher stützt denn durch verspielte Kleinteiligkeit bricht, den Einsturz jederzeit bewirken.
Jedes Element im neuen Regierungsviertel ist eingewoben in das Strukturganze des jeweiligen Gebäudes, die hingewürfelten Quader umzingeln den Reichstag, fast wie zum Angriff bereit. Oder einen abwehrend. Das weiß man ja heutzutage nie so genau. Die Touristen-Polonaisen wirken deplaziert zwischen diesen Bauten. Die Männer - abgesehen von den Asiaten - sehen alle aus wie Variationen der Autoren vom Transatlantic-Forum in vielfältigen Altersstufen, aber praktisch verpackt in dem einem Tagesausflug angemessenen Bekleidungsset.
Ähnlich unangemessen würden Wäscheleinen zwischen den Bauten wirken, sich räkelnde Bulemikerinnen in glänzenden, roten BHs hingegen, die würden passen, ähnlich glatt. Die Spuren des Regens haben Schlieren hinterlassen an den diffusgrauen Fassaden - das ungute Gefühl wird man auch Unter den Linden nicht los. Es regiert das Dumpfe, die Bürgersteige überbordend voll mit schnurrbärtigen Transatlantikern und praktisch gekleideten Frauen, vereint in potenziellen Regenschutz gehüllt; sie gehen langsam, sprechen vor allem süddeutsche Dialekte und riechen wahrscheinlich alle nach Vernell - habe sie nicht beschnuppert. Mein ehemaliges Lieblingshotel durfte auch nicht stehen bleiben da unter den Linden; dieser herrlichehäßliche Kasten an der Friedrichstraße mit dem Frühstückssaal im DDR 70er-Jahre-Chic und Zimmern, in denen man spontan von Russen-Mafiosi phantasierte.
Ein tiefes Durchatmen dann auf Höhe der Humbolt-Uni: Hegel ist immer noch besser als Hitler oder Honecker (keine Ahnung, ob der da überhaupt gelehrt hat, als es schon Humbolt-Uni hieß oder früher; irgendwo in Berlin war's allemal. Der junge Schopenhauer hat seine Vorlesungen tollkühn parallel zum preußischen Staatsphilosophen angesetzt und wunderte sich, daß es doch alle zum Phänomenologen des geistigen Rechts drängte und bei ihm kaum jemand lauschte. Dafür hat er dann bei Fichte-Vorlesungen in seinen Notizen neben den Satz "Das Ich, das sich setzt" einen Stuhl gemalt). Da hört man inwändig Bach beim Flanieren, die Brandenburgischen Konzerte, obwohl damit dann alle kunstgeschichtlichen und regionalen Ordnungen so durcheinander gebracht sind wie die Anordnung der Gebäude in jenem Arreal Berlins, wo die Stadt wirklich schön ist.
Seltsam schön auch das verrostete Skelett des Palastes der Republik, gewaltig und trotzig konterkarriert es den verwitterten Dom. Eine Schande, daß dieses sozialistische Mahnmal weichen muß, in dem Lindenberg einst im Sinne Bots' als weiches Wasser den Stein brechen wollte, als man ihm den Sonderzug nach Pankow doch noch gewährte. Vor der Ruine ein Zentral-Event der Grauen Panther, ein Liedermacher mit Akustik-Gitarre beim Soundcheck - und den Weg an den Hackeschen Höfen vorbei mag ich nicht mal beschreiben, da ist's, wo Berlin in seinem überkandidelten Wichtiggetue am unangenehmsten ist, trotz dieses hübschen Platzes vor der S-Bahn-Station.
Ein Kaffee und 'ne Apfelschorle drum an der Kastanienallee, die Zugereiste zwanghaft witzelnd und in neugewonnener Selbst-Ironie sich feiernd "Casting-Allee" nennen. Die Leute, die da so schlurfen Samstag Mittags, hätten bei einem solchen allerdings keine Chance. Im Café schräg gegenüber jammed eine weibliche Folk-Stimme zur E-Gitarre und demonstriert, wieso der Sound der White Stripes eben kein Kompormiß ist im Gegensatz zu ihren Versuchen der Gefälligkeit als Frühstücks-Ambiente.
Dennoch merke ich endlich, was mich an Berlin so stört - in jenem Moment, als eine Dunkelhaarige mit geschürztem Busen per Fahrrad ihre knallorangene Strickjacke spazieren fährt und ein Schreck mich durchfährt. Eine reine Farbe inmitten von oliv! Jeder zweite trägt verwaschenes Oliv, zwischen Jeans, deren Blau demonstrativ und wahrscheinlich aktiv verblichen wurde, zwischen beige und dirty-braunen Jacken, aber bloß nicht zu braunen, mindestens einmal durch Bleiche geschummelt, das ist Pflicht. T-Shirts, Cargo-Hosen, eine einzige gebrochene Farbskala: Selbst die rote Trainingsjacke eines Blondierten - natürlich rausgewachsen, wie alle Frisuren dort rausgewachsen sein müssen, außer den Glatzen, natürlich ist das Blond gelblich und nicht wasserstoffblond - sieht aus, als sei sie vor dem ersten Auftragen in harter Arbeit mehrfach mit schwarzen Jeans gewaschen worden. Die Bewohner eines Hauses, das in reinem Siena strahlt, werden wahrscheinlich durch subtile Mechanismen sozialer Kontrolle alltäglich diskriminiert. Es ist niemand richtig braun und niemand richtig blaß, die Schwarzen mittendrin fallen auf durch Eindeutigkeit, wie sowieso schwarz das Einzige ist, was nicht gebrochen wird. Selbst das Licht in Berlin ist immer etwas milchig - mich befällt tiefe Sehnsucht nach einem kräftigen Fuchsienrot ...
PS: Sogar das anschließende Fußballspiel Hertha BSC II gegen den FC St. Pauli ist irgendwie verwaschen. Die drei Tore für die Hertha fallen aus unklar-chaotischen Spielsituationen, während die unseren ihre hundertprozentigen Torchancen versemmeln. So ganz ehrlich spielen sie dann auch doch nicht gegen den Trainer, aber irgendwie schon, und rund um uns sind alle irgendwie frustriert, aber doch voll des Hohngelächters, als Thomas Meggle den entscheidenden Elfmeter verschießt. Als er vorher schon schlabberig anläuft und den Ball nicht richtig tritt. War schon bei einer der Großchancen so: Statt richtig zu schießen, will er cool das Ding über die Linie schieben, fast im Sinne Berliner Understatements - natürlich bleibt der dann irgendwie hängen, der Ball. Die anderen Versiebenden treffen den Ball nicht richtig, und irgendwann wabert nur noch eine unentschlossene, energielose Fußbllermasse aus zwei Mannschaften über den Platz. Außer der Nr. 11 der Hertha und unserem Jeton Arifi, mein erklärter Lieblingsspieler ist super. Das Stadion-Rund aus bunten, ja, eindeutig BUNTEN Schalensitzen verwischt zum reinen Soundtrack des Chores "Bring back St. Pauli to me!" So bringt der Zug mich zurück nach St. Pauli, und ich atme das klare Licht meiner Stadt und genieße das üppige Grün.
Wobei im Zug dann einen Wagon weiter, in der ersten Klasse, die erste Mannschaft der Hertha sitzt - in knallroten Jacken mit dem Emblem des Sponsors "DB" darauf. Und Falko Götz wechselt nach dem Aussteigen demonstrativ die Bahnsteigseite, stolziert auf einer anderen als seine Mannschaft, schreitet in elegantem und gut frisiertem Führerschritt voran ...

Kommentare
Weiß man eigentlich, was Schinkel und Co. beim Entwerfen für Musik gehört haben - inwändig versteht sich =)
Verfasst von: ? | 27.08.06 13:03
das Dumpfgraue, Hygienische und Versorgungssicherheit-erbittende ist nicht zuletzt eine Folge der Absage an jegliche Romantische Irrationalität, wie sie Dahrendorf so treffend auf deiner neuen Lieblingswebseite fordert.
Rationalität und zumindest ästhetisches Wagnis wieder zusammenzubringen ist eine Riesenaufgabe - dumm nur politische Philosophie und Ästhetisches Handwerk heute weiter auseinanderliegen als um 1800. Kommen offenbar ziemlich wenige drauf, daß sie bis heute von diesem "klassischen" Versuch der Vereinigung zehren.
Auch an dieser Stelle wurde nach 1945 keine neue Balance gefunden zwischen dem notwendigen Abwehrreflex auf einen mörderischen Antimodernismus und einer Rationalität die sich von den massenwirksamen Instrumenten der Herrschaft (im Kampf natürlich sehr hilfreich) wieder der menschlichen Dimension der Rationalität zuwnedet - Adorno läßt grüßen...
ähnliche Beobachtungen von R. Detje zum Theaterbtrieb
http://www.perlentaucher.de/artikel/3337.html
Verfasst von: ? | 27.08.06 13:31
@ ? : darf ich das verwenden?
Verfasst von: Thomas Hannibal | 27.08.06 13:53
"darf ich das verwenden?"
anonyme Kommentare sind aus meiner Sicht per definitionem "herrenlos".
reines "google-food"... natürlich mit einem Minimum an Anstand vorgetragen...
Verfasst von: ? | 27.08.06 15:45
@?:
Magste beim "?" als Nick bleiben? Anonymous - da weiß ich dann nie, ob's immer der gleiche ist oder nicht. Hat freilich auch Aussage und Reiz, klar - ist bei der Anschlußkommunikation für mich allerdings rein pragmatisch schwieriger. Gott, wenn ich sowas schreibe, bricht wahrscheinlich gleich die ganze Postmoderne über mich herein wie das Erhabene ...
"das Dumpfgraue, Hygienische und Versorgungssicherheit-erbittende ist nicht zuletzt eine Folge der Absage an jegliche Romantische Irrationalität, wie sie Dahrendorf so treffend auf deiner neuen Lieblingswebseite fordert"
Ist das so? Für mich ist es eher der Verzicht auf den Mut des Verspielten, der - ganz klassisch mittlerweile - Dissonanz, des Kitsches und des Spaßes an sich selbst mit Anderen ... aber vielleicht ist da ja das gleiche.
"Rationalität und zumindest ästhetisches Wagnis wieder zusammenzubringen ist eine Riesenaufgabe - dumm nur politische Philosophie und Ästhetisches Handwerk heute weiter auseinanderliegen als um 1800."
Wohl wahr ... was das mit Windsor-Knoten zu tun hat, das kann man gerade bei Statler lesen ;-) ...
Und zu diesem Versuch, zu den "menschlichen" Dimensionen der Rationalität zurückzufinden: Es gab und gibt die ja, aber genau dagegen macht die Ästhetik ökonomischer und strategischer Vernunft so nachhaltig erfolgreich Front.
Die Negation des Warenfetischismus in dieser ganzen uneindeutig-inszenierten Second-Hand-Haftigkeit ist ja immer noch einer und läßt noch nicht mal Zwei- oder Vieldeutigkeit zu. Und so wird immer nur der nivellierte Mischmasch raumgreifend, weil diese Vernunft immer auf sowas wie "Pro-Kopf-Einkommen" hinausläuft - oder als Alternative auf Falko Götz ... Tizian, hilf!
Meine Güte, was ein Land, was eine Haupstadt, wenn schon deren Bundesliga-Verein die Logik der Sitzplatzreservierung auf Männerbrüste pflanzt! (... irgendwie ist mir mein gestriger Spaziergang nicht bekommen, hier passieren auf einmal ganz seltsame Sätze ...)
Verfasst von: MomoRules | 27.08.06 15:57
ich versuch mal bei "?" zu bleiben, wenn der browser es nicht wieder schluckt ... ansonsten bin ich aber strikt dagegen, hier oder anderswo durch einen Namen Authentizität vorzugaukeln, um moralische Aufrichtigkeit zu behaupten. Imgrunde interessiert mich hier die praktische Frage, wo Diskurs hinführt, wenn er im Widerspruch zu Habermas' subjektiver Wahrheit des Sprechers geführt wird - ist ein Satz falsch, weil er unauthentsich ist, wenn ja unter welchen Bedingungen.
ein blog ist nun mal kein Gespräch - ein sozialer Kontext besteht nur zwischen Teilnehmern, die ihre physische Identität offenbaren und sich damit z.B der Strafverfolgung aussetzen, ihre Reputation riskieren, etc ... insofern besteht natürlich eine Asymmetrie zw. Blog-Eigentümern und Kommentataoren, die eher namenlosen Passanten gleichen.
das ich dich mit diesem Experiment heimsuche, hängt mit der Qualität deiner postings zusammen... gibt es eigentlich noch mehr blogs, die ein ähnliches Interesse an Ästehtik verraten?
... ein signifikanter Teil der Frühaufklärung basiert auf anonymen Schriften oder Pseudonymen... dort wurden viele Begriffe und Sätze erstmals vorgebracht, die erst viel später Wirkung entfalteten...
Verfasst von: ? | 27.08.06 16:39
Wie du dich nennst, ?, ist eher Wurscht. Wichtiger wäre, verschiedene Beiträge demselben Absender zuordnen zu können, weshalb eine eindeutige Kennzeichnung so sinnlos nicht ist.
Ich lege ja auch Wert drauf, jenseits meiner jämmerlichen irdischen Existenz im Virtual Life als eigenständige Person wahrgenommen zu werden - was ich im Real Life tue und lasse, soll nur dann eine Rolle spielen, wenn ich es in die Diskussion einführe oder ein anderer es verlangt (dann aber bitte begründet). Aber mit jeder Meinung, mit jedem Kommentar, mit jedem Blogeintrag entsteht ein Bild einer Person. Wir als Menschen sind es gewohnt, mit anderen Menschen umzugehen, und deswegen brauchen wir diese Möglichkeit, uns ein Bild verschaffen zu können. Trennung zwischen VL und RL finde ich also ok, aber man sollte in beiden Welten *jeweils* dieselbe Person bleiben.
Verfasst von: Rayson | 27.08.06 17:54
@Rayson, @?
ernste zwischenfrage: es interessiert mich schon, warum im netz viele nicht einfach mit ihrem namen für das einstehen, was sie dort verbreiten. meine "experimente" hinsichtlich dessen haben mir nur klar gemacht, dass ich mich unwohl fühle und nicht seriös. im normalen leben, das von einem "virtuellen" zu trennen mir nicht möglich ist, muss ich das auch. ich erwarte das auch von anderen mir gegenüber.das ist halt meine bürgerliche erziehung.
ich bin nicht überzeugt davon, dass diese nickname-kultur sonderlich demokratisch wäre,eher einer atmosphäre der vermutung und verdachts.in solcher atmosphäre kann dann anonymität u.U. wieder vonnöten sein. (pseudonyme der frühaufklärung)
da aber sehr viele das so machen, kann man sich doch auch mit fragezeichen benennen. warum sollte ich immer die jeweilige person erkennen müssen, wenn ohnehin identitätsspielchen gespielt werden?
Verfasst von: Thomas Hannibal | 27.08.06 18:34
@?:
"ist ein Satz falsch, weil er unauthentsich ist, wenn ja unter welchen Bedingungen"
Darum geht's mir nicht - mir geht es nur um Anschlußkommunikationen, also Bezugnahme auf vorher Kommuniziertes.
So sehr als virtuelle Person wie Rayson will ich gar nicht wahrgenommen werden, aber so ein konstanter Nick ermöglich Spektren der Kommunikation, die man sich sonst gar nicht erschließen könnte. Wenn ich bei Rayson z.B. diskutiere, gehe ich davon aus, daß der eine oder andere mich da schon mal gelesen hat, und das ermöglicht vor allem Witz-Sphären, die man sonst nicht hätte ...
Andere, wirklich gewichtige Blogs zur Ästhetik sind mir außer Thomas Hannibals Apparat auch noch nicht über den Weg gelaufen - schon bildende Künstler, die ihre Werke in's Netz stellen, wie der Jungsiegfried, dessen Bilder ich zwar nicht mag, der aber sehr nett aussieht; aber gewichtige , ästhetische Diskussionen eher nicht. Ich bin der Hinsicht ja auch nur Ausprobierer und nicht so wahnsinnig kenntnisreich, komme eigentlich aus der Moralphilosophie.
@Thoms Hannibal:
Mancher muß sich schon aus beruflichen Gründen "tarnen", was ich völlig legitim finde. Auch ein Spiel mit Kunstfiguren und dem Ausprobieren von Sub-Persönlichkeiten und Identitäten ist so möglich, den ich super finde. Das kann auch knallhart in die Hose gehen, wie die Trolle belegen, aber ansonsten hat das ja eher einen literarischen und auch theoretischen Reiz ... als so eine Variante der Ethik des Spiels, aber gerade nicht des regel-geleiteten.
Verfasst von: MomoRules | 27.08.06 18:50
@MomoRules:
den aspekt des spielerischen verstehe ich natürlich gut, find ich auch ganz okay. ich find`s auch legitim, dass man sich tarnt, gleichwohl find `s schrecklich: warum? muss mancher sich aus beruflichen gründen tarnen? das eben erscheint mir als bedenklich. findet die "zwischenmenschliche" demokratie eben doch am betriebstor ihr ende und der controller merkt sich alles?
Verfasst von: Thomas Hannibal | 27.08.06 19:35
Das "neue" Berlin, das Nach-Mauerfall-Berlin, mutet in seiner Architecktur für mich wie ein groß angelegter Versuch der Kitsch-Prophylaxe an. Alles Schrille, Verspielte, Bunte - also all das, was das "alte" Berlin mal ausgezeichnet hatte, wird sorgsam vermieden. Repräsentativ soll es sein, ruhig monomental, modern sowieso - dabei aber alles vermeiden, was an die pseudo-klassizistische Einschüchterungsarchitektur der NS-Zeit, oder an das überladen-protzige Dekor der Kaiserzeit oder das verkrampfte, gewollte, aber nicht gekonnte, Streben der Ddr nach "Weltniveu" erinnert. Das Dumme dabei ist nur, dass *jede* Momumentalität unweigerlich repressiv wirkt. Dämpfen läßt sich das übrigens durch verspieltes Dekor, etwa im Sinne des Art Deco, oder "organischer" verspielter Formen einger Bauten der expressionistischen Architektur - für beiden gibt es in Berlin ein paar schöne Beispiele.
Ob diese architektonische Kitsch-Prophylaxe bei gleichzeitiger Momumentalität auf die Berliner abgefärbt hat, wage ich nicht zu beurteilen. Die Verwaschenheit könnte Ausdruck einer tiefen Verunsicherung sein.
Hamburg dagegen - ein Stadt der architektonischen Mittelmäßigkeit und einer Stadtplanung, die sogar da kleinkariert ist, wo sie "weltstädtisch" sein will. Zum Glück eingebettet in einige großartige Stadt-Landschaften. Eine grüne Stadt,durchdrungen von Gewässern. Was Spötter zu der Aussage bringt, Hamburg sei keine Stadt, sondern zersiedelte Landscaft. Die architektonischen Heißluftballons, die hier verstärkt seit Oles Amtsübernahme steigen gelassen werden (sollen), muten jedenfalls wie Fremdkörper an. Kalte Momumentalität ist nicht "hanseatisch".
Wie auch immer: Hamburg ist eine Stadt in der die Kontraste knallen, das bringt schrille Typen, schrille Farben und jede Menge Kitsch hervor. "Tor zur Welt" meinethalben, aber in keiner Hinsicht, auch kulturell nicht, eine Weltstadt. Berlin hat es da schwerer, auch wenn's an Kontraste wahrlich nicht mangelt. Dafür hat Berlin das Potenzial zur Weltstadt, und vor ´33 war es tatsächlich mal eine. Wäre es jetzt nicht so verwaschen, so ängstlich, so sehr im Schatten seiner Geschichte, könnte es wieder eine werden, zumindest kulturell. Ordentlich, sicher, seriös - das paßt nicht zu Berlin. Deshalb sollte man es gar nicht erst versuchen. Sowenig, wie in Hamburg "repräsentativ" bauen zu wollen.
Wie auch immer, Hamburg und Berlin sind die beiden Städte, die ich am intensivsten hass-liebe. Deutschlands größte Städte - und zugleich die Städte Deutschlands, die am wenigsten "deutsch" sind.
Verfasst von: MartinM | 27.08.06 19:42
@ all
ich weiß es zu schätzen, dass das hier nicht in einen flame war ausartet...
"Nur wer eine radikale Kritik denken kann,
ist zu einer akzeptablen pragmatischen Position befähigt. Nur wer eine akzeptable pragmatische Position unterstützen kann, kann wirklich radikale Kritik entfalten. Um beides tun zu können, muss man
unauthentisch sein können. Die berechtigte Frage der alten Gegenkultur,
was Politik mit Leben zu tun hat, verdient bessere und kompliziertere Antworten als das Ideal der authentischen Identität oder der ästhetischen Angemessenheit."
(D. Diedrichsen, Jungle World, 27.7.05)
In unseren massiv fragmentierten Lebenswelt kranken alle Versuche einer auf Verständigung gerichteten Diskussion am "identitären Ballast", der in zwei Richtungen wirkt:
Erstens bin ich gezwungen meine Identität, insb. meine angeblich frei gestaltete Biografie ("Jeder ist seines Glückes Schmied"), ständig zu rechtfertigen - umso mehr in einem synthetischen Umfeld, wo die Wahl meiner Kommunikationsmittel und Identitätsattribute nicht anders beurteilt werden als Akzent und Markenklamotten auf dem Schulhof. ("virtuell" ist ein sehr problematisches Wort, dieser blog ist sysnthetisch und vom Kontext her reduziert, aber soweit ich erkennen kann Teil der Realität, die wir hier teilen...)
Oder ich verzichte auf Selbstreflexion, womit auch der Rechtfertigungsdruck entfällt. Im Extremfall erreiche ich dann vielleicht die authentische Einheit eines Predigers, hoffentlich für "Frieden und Gerechtigkeit" und nicht für sowas wie PI...
Zweitens bin ich als authentischer Sprecher in dem Teil des Common Sense gebunden, der mir im Prozess der dauernden identitären Zuschreibung aufgeklebt wird wie ein Etikett - das reicht dann von "ungewöhnlich sozial für einen WiWi" bis "verblüffend liberal für einen Soziologen".
Ausprobieren von Aussagen sieht aber anders aus und sollte unter viel offeneren Bedingungen stattfinden, mit einem Minimum an identitären Zuschreibungen, die gerade für die Fortsetzung der Kommunikation ausreichen - ob in jedem Falle "Anschlußfähigkeit" nötig ist bezweifle ich. Aussagen stehen halt auch für sich alleine, da kann man am Postmodernismus herumkritisieren so viel man will.
Beispiel Neo-Nazi: Sollte er/sie zu einer anderen Einsicht als bisher kommen, so habe ich null Interesse daran, ihm/ihr deshalb schadenfrohe Vorhaltungen zu machen - ganz im Gegenteil, entscheidend ist mir seine/ihre Einsicht, nicht die beschädigte Identität, die ihre "authentische Unversehrheit" verloren hat.
Ich bin überzeugt, dass der unauthentische Aspekt von Kommunikation als kreatives, experimentelles Gegengift zur Identitätsfalle unbedingt im "Habermas-Universum" ergänzt werden muß. Intersubjektive Ethik allein funktioniert nicht mehr, wenn man vor neuen Problemen wie Deindustrialisierung oder Islamismus steht.
Insofern ist DDs Diktum ein hammermäßiger Meilenstein...
Verfasst von: ? | 27.08.06 20:22
@MM
"Dafür hat Berlin das Potenzial zur Weltstadt, und vor ´33 war es tatsächlich mal eine. Wäre es jetzt nicht so verwaschen, so ängstlich, so sehr im Schatten seiner Geschichte, könnte es wieder eine werden, zumindest kulturell."
Inwiefern hatte diese Blütezeit mit Architektur zu tun und nicht eher mit den handelnden Personen (vom Künstler bis zum Industriekapitän)?
Verfasst von: ? | 27.08.06 20:28
@Thomas Hannibal:
"findet die "zwischenmenschliche" demokratie eben doch am betriebstor ihr ende und der controller merkt sich alles?"
Ja, ich glaube schon. Handlungs- und somit auch Kommunikationssysteme strukturieren und erhalten sich durch eine Unterscheidung innen und außen, und Firmen sind solche. Wer außen dann wie's innen spricht, ist raus, sozusagen - klar ist das schlimm. Aber gehört zu Konkurrenzgesellschaften und solchen, wo normativ gehaltvolle Identitätsbegriffe eine Rolle spielen - wie ? beschreibt - wohl leider mit dazu ... schade ist das allemal.
@MartinM:
Ich liebe unsere zersiedelte Landschaft und die ganzen, klaren Farben! Hier gibt's rote und grüne Jugendstilbauten und Stuck und Pomp und roten Plüsch, nicht dieses einheitsgraubraunoliv.
Erik hat mich ja schon als Berlin-Hasser zitiert, so isses auch nicht. Ich mag Berlin, wenn sich's nicht gerade zu wichtig nimmt. Ich bin da aber immer wirklich unfreiwillig verspannt und atme erst durch, wenn ich wieder hier bin ... und das liegt auch an diesem Verwaschensein. Da sucht das Auge und findet nix ...
Und dieses Regierungsviertel - das ist doch schlicht ein Hohn, durch solche Geometrien mit dem dritten Reich brechen zu wollen.
Gut, Gaudi muß es ja nicht gleich sein, obwohl ich den super finde, auch nicht strikt preußisch, aber dieses Brasilia da mittendrin, nee, völlig falsches Signal. Keine Spur von Ironie weit und breit - oder ich sehe die nicht.
Das ist Schein-Modernität zum Menschenkleinkriegen, genau wie die ganze Politik der Neuen Mitte, ob Merkel oder Schröder ist ja gehupft wie gesprungen ... dabei hockt nun gerade in Berlin so unendlich viel ungenutzte Kreativität, und genau jene Formen, die sich gerade dort bilden, sitzen die Regierungsgebäude dann demonstrativ platt. Da find ich ja die Plattenbauten chic dagegen. Da gibt's wenigstens noch für jeden Einzelnen sein Fach.
Genau dieses Signal will Ole ja auch setzen - deshalb die Punkervertreibung von der Reeperbahn und die Elbphilharmonie (die ich in den Entürfen aber eigentlich ganz cool finde). Das ist diese alte, Pariser Strategie - hieß der Haussmann, der Typ, der die Boulevards durch die Gassen fräste? Schauerlich.
Und da behauptet Rayson noch, 10 Jahre nach der Hauptstadtdiskussion verstünde die keiner mehr - genau deshalb war ich gegen Berlin und finde das heute noch richtig.
Diese beschauliche Provinzialität Bonns war doch cool! Heißt da heute irgendein Gebäude in Berlin langer Eugen oder so ähnlich? Wein, Weib und Loreley, das hat doch auch Charme.
Und jetzt dieses Weltstadtgerede, meine Güte - wer ständig drüber reden muß, der ist halt keine. Und wer sich verunsichern lassen will, der hat doch selber schuld, und Ängstlichkeit kann man auch überwinden.
Wenn man ständig damit beschäftigt ist, zu diskutieren, welcher Kiez gerade trendy ist und somit zugleich auch damit, Clubs zu verlegen, zu öffnen, zu schließen, zu öffnen, zu schließen, dann braucht man sich auch nicht wundern, als Schatten seiner selbst durch's Leben gespült zu werden ... von der ganzen dort noch viel brutaleren, neuen Armut rede ich damit ganz ausdrücklich nicht. Aber auch im Kanzleramt wird es Kuchen geben ... nein, ich bin gegen jede Gewalt. Aber als Berliner wäre ich noch viel wütender, auch wenn die mit Wowi den netteren Bürgermeister haben ...
@?:
Das Faß war mir jetzt zu groß - das verschiebe ich auf weitere Einträge ...
Verfasst von: MomoRules | 27.08.06 21:57
Ja, die beschauliche Provinzialität Bonns war cool. Trotzdem - und allen rationalen Überlegungen zum Trotz - war ich damals für Berlin als Hauptstadt (wenn es denn schon einen deutschen Nationalstaat geben muss). Weil Berlin nun mal der Ort war und ist, in dem in Deutschland an meisten "Geschichte" gemacht worden ist. Auch weil Berlin der Ort ist, von dem aus sich das "preussische Obrigkeitsdenken" über Deutschland legte, der Ort, von dem aus zwei Weltkriege angezettelt und geführt wurden, der Ort, an dem das schwerste Verbrechen der Menschheitsgeschichte geplant wurde. Auch der Ort, der Hauptschauplatz der "Kalten Krieges" war. In Berlin kann man Deutschland nicht entkommen, in Bonn geht das schon mal, im Hamburg ginge das eventuell noch einfacher. Berlin ist eine unbequeme Hauptstadt, darum soll sie es auch Hauptstadt sein. Und dafür darf sie weder "weichgespühlt" noch a la Brasilia und a la Schlußstrich "neu erfunden" werden.
Es stimmt, dieses Weltstadtgerede ist entlarvend - wer ständig drüber reden muß, der ist halt keine. Weder Berlin noch Hamburg. Wobei - ich hätte nichts dagegen, wenn Berlin einfach Weltstadt wäre - und nicht mehr drüber reden würde.
@? Die Blütezeit Berlins hatte selbstverständlich mit den dort lebenden und wirkenden Menschen zu tun - aber spiegelte sich auch in der dazu "passenden" Architektur wieder. Womit ich nicht die Hinterhöfe der Mietskasernen meine, auch wenn die gebaute Umwelt der meisten Berliner der Weltstadtjahre bestimmten. Zilles Ausspruch "man kann einen Menschen mit einer Wohnung so erschlagen wie mit einer Axt" war ja auf diese nicht menschengerechte Architektur gemünzt. Das ist es wohl, was mich an Repräsentationsbauten aller Art stört: sie sind nicht menschengerecht, große Äxte, die den einzelnen Menschen kleinschlagen.
Verfasst von: MartinM | 28.08.06 13:31
@MartinM:
Der Schlußstrich ist aber das, was hinten raus kam, behaupte ich mal - und genau das war ja abzusehen. Bauen wir halt 'n Holocaust-Denkmal, und ansonsten führen wir jetzt in dessen Namen Kriege (wobei Schröder ja zunächst den gegenteiligen, nationalen Schluß daraus zog, das aber eher republikanisch als populistisch oder gar nationalistisch, wie so gerne behauptet wird).
Wart's ab, bis dann auch der erste namhafte Politiker behauptet, das 3. Reich sei im Kern ein sozialstaatliches Projekt gewesen, auf daß man das, was gut war an der alten BRD, auch noch endgültig abwickeln kann. Mit dem 3. Reich kann man ja alles begründen, wie man auf liberalen Seiten gut verfolgen kann.
Die Aufrüstung der Sicherheitssysteme, nach denen eine Stadt wie Berlin ja geradezu schreit, viel mehr noch als das Schillsche Hamburg aus bestimmten Politiker-Perspektiven, ist ja bereits eine Antwort in diesem Sinne und keineswegs ausschließlich eine Reaktion auf die Gefahr durch Terrorismus.
Alles, auch das Unbequeme, ist der Fall, aber der Politik merkt man das paradoxerweise gerade nicht an.
Das einzig Gute an Berlin als Hauptstadt fand und finde ich die Öffnung in Richtung Osten, wobei genau das freilich auch so richtig schief gehen kann, wenn man sich Polen anguckt im Moment.
Berlin barg und birgt halt eine größere Nationalismus-Gefahr als Bonn oder Hamburg. Zudem Hamburg sich auch gar nicht als Weltstadt, sondern vor Ole vor allem als weltoffen verstand - das ist allerdings nun der Reduktion des Weltoffenen auf Eventisierung und Wirtschaftskontakte gewichen und wird darauf auch reduziert. Die Massen steuern durch verordnetes Vergnügen - Gott, aber solang's den Leuten Spaß macht, ist das ja auch in Ordnung. Irgendwann wird das aber nicht mehr reichen, so viele WMs gibt's ja nicht.
Verfasst von: MomoRules | 28.08.06 14:56
@MR
Ich habe das Gefühl, deine Abneigung gegen Berlin ist in erster Linie eine Abneigung gegen die Wiedervereinigung. Oder auch eine Abneigung gegen das, was in Europa heute noch als "nationale Normalität" betrachtet wird. Ist dein gutes Recht, sieht die Mehrheit des Zwangskollektivs Nation aber wohl anders.
Berlin als Hauptstadt ist ebenso davon eine Folge wie die deutsche Beteiligung an internationalen Militäreinsätzen. Was aber für Berlin spricht, haben in der damaligen Debatte Gysi, Schäuble und Brandt treffend aufgeführt.
Über die Architektur des "neuen" Berlin kann man sicher streiten. Die Ecke ums Kanzleramt sieht nicht besonders gelungen aus, aber mir z.B. gefällt das östliche Zentrum sehr gut.
Verfasst von: Rayson | 28.08.06 16:31
@Thomas Hannibal
Auch wenn wir einen paternalistischen Gesetzgeber haben, der sich immer mehr um seine Schäfchen bemüht, trete ich für das Recht jedes Menschen ein, nur mit denen Geschäfte zu machen, die ihm sympathisch sind. Zumal gerade dieser "Nasenfaktor" in komplexen Entscheidungssituationen eine wichtige Rolle spielt.
Es ist heutzutage nicht leicht, neue Kunden zu gewinnen. Da werde ich die überschaubare Zahl der potenziellen Auftraggeber nicht noch durch eindeutige politische Ansichten weiter reduzieren wollen.
Und es gibt noch einen weiteren Grund: Google.
Wenn ich irgendwann mal zur Überzeugung kommen sollte, dass diese ganze Bloggerei reine Zeitverschwendung war, dann hört "Rayson" einfach auf zu existieren. Mit dem wahren Namen geht das nicht - da muss man damit rechnen, auch noch nach 10 Jahren (im besten Fall) auf etwas angesprochen zu werden, das man dann selbst für Unsinn hält, oder im schlechtesten Fall insgeheim danach beurteilt zu werden.
Verfasst von: Rayson | 28.08.06 16:52
@Rayson:
Habe gar keine wirkliche Abneigung gegen Berlin als solches ... finde da auch vieles sehr toll. Nur das verwaschene und überkandidelt-szenige mag ich nicht, und diesen politischen "Nicht-Prunk aber gewaltig" auch nicht.
Berlin wäre für mich trotz allem Genörgel immer die zweite Wahl nach Hamburg. Na, vielleicht die dritte, Hannover macht auch was mit mir, da komme ich ja fast her... Bremen mag ich auch, Köln nicht, und München ist Ausland.
Hatte allerdings damals in der Tat Riesen-Probleme mit der "Wieder"-Vereinigung, wobei ich mich für DDR-Bürger ernsthaft freute, daß dieses scheußliche Drama des sogenannten "real-existierenden Sozialismus" endlich vorbei war. Und hätte denen auch einen besseren Verlauf des Prozesses gegönnt und entschieden mehr Selbstbestimmung; umgekehrt hat mich deren Naivität aber teilweise auch rasend wütend gemacht. Weites Feld. Bin dann halt einfach 8 Jahre nicht hingefahren.
Sowas wie "Nationale Normalität" im von Dir genannten Sinne weise ich in der Tat auf allen mir bekannten Ebenen als Ideologie ganz dezidiert zurück; mit der "Nation" als "demokratischer Willensgemeinschaft" habe ich nie irgendein Problem gehabt und würde dafür in jeden Kampf ziehen - hatte die Entscheidungen als solche ja auch zu akzeptieren als Demokrat. Habe ich ja auch. ist jetzt so, Mund abwischen und weitermachen. Die Diskussion im Nachhinein für unsinnig zu erklären halte ich aber für aktive Normalisierung, nicht für Normalität.
Mir war jedoch damals überhaupt nicht verständlich, warum ich mit jemanden in Dresden oder Hoyerswerda solidarischer sein sollte als mit jemandem in Uganda oder New Orleans. Jetzt, wo's im genannten republikanischen Sinne eine Nation ist, okay, dann muß man eben in diesem, genannten Sinne nationale Belange betreffendes auch gemeinsam regeln im Sinne demokratischer Prozesse.
Und der Pathos von Brandt damals, den ich bis heute zutiefst verehre, ging mir ganz schwer gegen den Strich, bei allem psychologischen Verständnis dafür, daß er es entwickelt hat - da hatte ich immer das Gefühl, eine Generation will ihre eigenen Erfahrungen allen anderen auch aufzwängen - was meine juvenile Ost-Verwandschaft übrigens durchaus auch so sah.
Schäuble, der, wie Du zu Recht schreibst, mit Sicherheit zu den intelligenstesten Politikern gehört, die dieses Land hervorgebracht hat, habe ich eh nie auch nur ein Wort geglaubt. Das ist für mich ein reiner Stratege. Da fand ich sogar Kohl glaubwürdiger, und was ich an ihm schätzte, war, daß er immer Europäer, nicht Nationalist war, der Dicke.
Ich finde auch die Teilnahme an internationalen Kriegseinsätzen alles andere als "normal", es gibt aber gute Gründe, sie notwendig zu finden, und andere, die dagegen sprechen. Die Art, wie teilweise begründet wurde, fand ich nur teil-plausibel, und die Rhetorik erst Recht. Aber sie pauschal zurückzuweisen ist immer so falsch wie jede Dogmatik.
Na, und die Architektur habe ich ja am Samstag erstmals nicht nur vom Zug gesehen und bin da mal durchspaziert. Ich fand's einfach nur furchtbar. Das sind die Momente, da sympathisiere ich mit eurer Staatskritik ...
Sonst ist man ja eher in Mitte, Moabit, Neukölln, Charlottenburg, Kreuzberg, Schöneberg, Prenzlauer Berg, auch mal Friedrichshain, Dahlem, Tempelhof oder am Postdamer Platz - bis auf letzteren kann man da jeweils schon so seinen Charme entdecken, in Moabit wohl am wenigsten.
Aber richtig wohl fühle ich tatsächlich nur in Schöneberg ... was für mich aussagekräftig ist hinsichtlich der Behauptung "nationaler Normalität" und Normalitätsbehauptungen im Allgemeinen auch.
Verfasst von: MomoRules | 28.08.06 17:36
... und um noch mal etwas Benzin in die Debatte um's neue Deutschland zu gießen (das der neuerweckten Markt- und Bürokratie-Gläubigen):
Erinnern die Vorschläge von Herrn Tiefensee und Herrn Söder (und von anderen, um die parteipolitische Debatte nicht zum zentralen Punkt zu machen) zum Thema "der Langzeitarbeitslose in der Gewalt der Versorgungsbürokratie" eigentlich nur mich an Agambens "homer sacer"? Wie weit ist dieses Land eigentlich von einem "Lager" im Sinne Agambens entfernt?
Verfasst von: ? | 28.08.06 20:06