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Hoch die internationale Solidarität

"Auf dem Wege zum rein existenziell-ästhetischen Ekel sind der Linken die politischen Talente verloren gegangen. Dieses Talent besteht nämlich gerade in der Annahme der Gespaltenheit und notwendigen kognitiven Dissonanz politischer Arbeit. Nur wer eine radikale Kritik denken kann, ist zu einer akzeptablen pragmatischen Position befähigt.

Nur wer eine akzeptable pragmatische Position unterstützen kann, kann wirklich radikale Kritik entfalten. Um beides tun zu können, muss man unauthentisch sein können. Die berechtigte Frage der alten Gegenkultur, was Politik mit Leben zu tun hat, verdient bessere und kompliziertere Antworten als das Ideal der authentischen Identität oder der ästhetischen Angemessenheit. Peinlich ist oft immer noch besser als authentisch. Authentisch war Hitler."

So Diedrich Diedrichsen vor einer Woche in der Jungle-World (via Rosa Rauschen). Einer dieser Texte, die alles in die Pfanne hauen und als Antwort das hehre Rätsel wählen - und das wohlwissentlich im Rahmen genau jener Raster, die per Analyse denunziert sich finden. Was ja den Text nicht weniger gut macht, alte Adorno-Tricks seien wachen Veteranen wie diesem hier gern zugestanden. Wobei ich den als Pointe guten Schluß doch vehement bestreite: Weil ich schon noch zwischen Authentisch und Inszenierung unterscheiden würde, ...

... auch dann, wenn die Inszenierenden sich ihre Inszenierung selbst glauben und diese die schlimmstdenkbaren Konsequenzen.

Ärgerlich ist allerdings ein wenig diese Selbstbezüglichkeit des Autoren, insofern er die Entwicklung innerhalb der "Linken" isoliert und immanent betrachtet. Es fehlt in annähernd allen Stationen der gezeigten Denkentwicklung das jeweilige Gegenüber. Da formte sich auch was angesichts von Kiesinger, Strauß und Kohl. Und aktuelles Problem ist wohl, daß ein wenig entglitten ist, was dieses Gegenüber sei - Bush, klar. Und Hartz IV. Neocons und Neoliberale und Weltbank oder sowas. Alle eher symbloisch erfaßt? Nein, nicht Israel. Da finden sich wirklich alle Argumente auch im linken Spektrum.

Aber seitdem dieser Neoliberal-Neocon-Komplex als diskursive Formation - kein Autor fällt da in Reinform drunter, ist eine Art Idelatypenkonstruktion, was ich meine, na gut, die FDOG vielleicht doch - teils die Prinzipien maoistischer Tribunale reproduziert und kriegerisch die linke Empörungskultur noch toppt, mit Bildern entfesselter Subjektivität auflädt und im Gestus heroisierender Verantwortungsethik hochpathetisch Freiheit verkündet, so die Frage, was Politik mit Leben zu tun habe, westlich-kulturalistisch für sich vereinahmt, reibt man sich doch verstört die Augen und fragt, welchen Zweck der Diedrichsen-Text denn nun verfolge. Zweckfrei ist der ja wahrscheinlich nicht. Ein Plädoyer gegen Ästhetizismus und das Ideal der authentischen Identität und damit den neoliberal-neocon-Komplex implizit gleich mit, wenn ich nicht irre, aber warum nicht explizit?

Bloß nicht in zu aktuelle Debatten sich einmischen, so scheint's, man könnte falsch liegen. Schade. Als sei nicht offenkundig, daß, ob Fußball-WM oder Nahost-Diskussion, das aktuell dominierende Thema die "Wiedergutwerdung Deutschlands" ist - so nannte das Broder neulich bei SpOn. Das zeichnete sich schon bei der Debatte rund um den Vorfall in Brandenburg ab - wehe dem, der Deutschen Rassismus unterstellt, ein Plädoyer gegen diese Wiedergutwerdung sei dieses. Doch ebenso jene, die ihn geißelten, den Rassismus (völlig zu Recht, das nebenbei): Auch hier ist dieser Topos stets präsent - wir sind jetzt gut, weil wir gelernt haben, dagegen kämpfen zu müssen! Ähnlich die Linien in den Diskussionen rund um den Krieg im Libanon: Die einen werden wieder gut, weil sie gegen Krieg protestieren, die Anderen, weil sie für ihn sind. Extremstes Beispiel der Wiedergutwerdung ist wohl dieser Text hier.

Und eigentlich ist die Antwort zumindest innenpolitisch ebenso einfach, wie sie im Libanon fast unlösbar und somit kompliziert mir erscheint: Reine Ablenkung. Nicht die Debatte über Nahost, das ist schon erschütternd entscheidend, was dort vorfällt - nein, die Konlfiktlinien, die hier sich bilden. Sie lenken ab von dem, was Diedrichsen vor lauter Lifestyle unterschlägt: Die Kritik der politischen Ökonomie.

Die kann auf nationale Selbstbilder und Fragen der Hipness getrost verzichten. Auf Authentisches auch. Diese zur Stilfrage in Pop-Kontexte umzudeuten, da hat er ja selbst auch mitgewirkt, behaupte ich, bei allem Respekt und allen Differenzierungen genau in dieser Hinsicht, die bei ihm sich finden. Diese ganze pro-westliche Hysterie ist doch nur die Vorhut derer, die Fragen nach der Ökonomie jenseits des Nationalen verhindern wollen, deshlb ja die Sloganhaftigkeit ihrer Globalisierungs- und Pro-Kapitalismus-Agitation, die alles Spezifische negiert, negieren soll durch den Wust der großen Thesen. Genau deshalb stricken sie an dieser seltsamen Gleichung, daß Antisemtismus gleich Antiamerikanismus gleich Antikapitalismus sei - weil's klar ist, daß dies in Deutschland mundtot macht. Die Antideutschen reproduzieren auch nur kritisch jene Strukturen, die der Nationalismus vorgibt. Da hilft als Antwort nur einer der alten Demo-Sprüche, die Diedrichsen unterschlägt: Hoch die internationale Solidarität!

Kommentare

Die FdoG??? Wärest Du bitte so gut mir auseinanderzusetzen wo auch ich als FdoG-Autor im Gestus heroisierender Verantwortungsethik hochpathetisch Freiheit verkünde???
Merci.
PS: http://wwww.fdog.org/blog/author/df

@Daniel:

Na, da hättest mir aber auch gleich den hier in's Stammbuch schreiben können:

"Dass die Autorenschaft bei den Freunden doG recht heterogen ist, sollte eigentlich keiner Erläuterung bedürfen. So manchem Lichtkegel entgeht es trotzdem."

Ich bekenne, daß mir eher der Herr Hagen, der Herr Holmes und der zu verletztlichen Zwischentönen immerhin fähige Herr Way da explizit aufgefallen sind.

Bin gerade noch mal gezielt Deine Beiträge durchgegangen, überflogen, meine ich, und die glänzen dann ja doch eher durch "Käseblatt", "Nonsens" und ähnlich subtile Kritikmuster. Oder so orginelle und deskriptiv haltbar Oppositionenkonstruktionen wie "Individduum versus Kollektiv". Bei Toller hieß das wenigstens noch "Masse-Mensch".

Bei euch - nein, ich nehme euch nicht als Kollektiv wahr, sondern als einen Ansammlung von Autoren mit einer ähnlichen, in der Regel undifferenzierten und polemischen Stoßrichtung, die sich aus einem ausgepägt maskulinen Kampfgeist speist - zeigt sich dieses Heroisiernde eher in der Sprache immer dann, wenn's um pro-krigerische Haltungen geht, und in der Konstruktion "pro-westlicher" Einstellungen, denen sich dann im von euch definierten Sinne alle zu unterwerfen hätten. In Deinem konkreten Fall zeigte sich das, wenn ich's eim Überfliegen richtig gelesen habe, wohl in Auseinandersetzung mit dem Islam?

Und jetzt bitte nicht irgendwelche "antiwestlichen" Stereotype mir überbügeln, ich finde einfach manche Sachen richtig, andere falsch, u.a. die Konstruktion "des Westens", und halte es ansonsten mit Kant, Sen, Habermas und Rawls. Und in letzter Zeit auch wieder Marx ...

Hättet ihr wirklich 'ne offene Gesellschaft im Sinne, würdet ihr dieses absurde Linken-Bashing bleiben lassen.

Danke, aber: Das mit dem Linkenbashing musst Du nicht _mir_ erklären. Das mahne ich selbst regelmäßig an.
Eigentlich wollte ich ja nur hören, dass der coolste von allen Freunden doG bin ;-)

Na, zumindest der, der am häufigsten "geil" schreibt ;-) ...

"Extremstes Beispiel der Wiedergutwerdung"

Ich finde es ja immer sehr schön, wenn sich jemand meiner Kritik am Pazifismus anschliesst...

Ach so, da habe ich dann doch etwas falsch verstanden, oder?

"An meine pazifistischen Freunde" ist eine eher persönliche Botschaft, die aus der Auseinandersetzung mit meinem Umfeld entstanden ist. Leider sind viele dieser Pazifisten entweder gar keine, weil sie mehr oder weniger heimlich Sympathie für die Hisbollah hegen oder sie sind Argumenten gar nicht zugänglich und schalten auf stur. "Jedenfalls keine Bomben werfen" halte ich für eine verdammt verlogene Position.

@Telegehirn:

Die Auseinandersetzung mit Deinem persönlichen Umfeld sei von mir nicht zu kommentieren. Ich kenne auch Deine biographischen Hintergründe nicht.

Das stand aber in einem Blog inmitten einer bestimmten Szene, wurde fröhlich herumgereicht, und Du hast Dich ja selbst gewundert, wer Dich da auf einmal verlinkt.

Wenn Du möchstest, kann ich das noch mal Schritt für Schritt durchgehen, was mir an dem Text die Nackenhaare zu Berge stehen ließ. Am übelsten finde ich, bei wirklich jeder Gelegenheit das Ende des zweiten Weltkrieges heranzuzuziehen. Marx hatte ja Recht mit dem Satz "Geschichte wiederholt sich nicht, und wenn, dann als Farce".

In variierter Form kann man das ganz gut in dieser Diskussion verfolgen: http://www.bissige-liberale.com/2006/08/01/false-friends/#comments - bin da ganz und gar und in jeder Hinsicht aber sowas von bei Rayson.

Jetzt grübel ich so seit Tagen vor mich hin, warum ich eigentlich kaum einschlafen kann, wenn ich Texte wie den Deinen lese. Dieser Eintrag hier und auch der vorherige sind der Versuch, das in Begriffe zu fassen. Ich kann diese Kriegsbegeisterung physisch nicht ertragen. Und wittere zweierlei, bitte, rede es mir wieder aus:

- Eine reine Instrumentalisierung Israels zu innenpolitischen Zwecken, was ich als eine außerordentlich tiefgreifende und empörende Respektlosigkeit sowohl den israelischen als auch den libanesischen Opfern gegenüber empfände und auch sonst Israel gegenüber und den deutschen Juden gegenüber ebenso

- und eben das, was auch hinter pazifistischen Positionen stehen kann, nämlich der Versuch der Wiedergutwerdung im vom Broder genannten Sinne.

Weil's so eine seltsame Überidentifikation mit Israel gibt, Boche ist da auch so ein Kandidat - das ist manchmal wie Walze in der Lindenstraße einst. Weil man als Deutscher Ausschwitz nicht verarbeiten können kann. Wie auch? Das bleibt.

Diese Gleichsetzung von Israel mit dem Kapitalismus an sich oder den USA, wie sie häufig vorgenommen wird, empfinde ich ebenfalls als Frechheit Israel und allen Juden gegenüber, weil's antisemtische Stereotype ("Börsen- und Wucherjude") reproduziert - z.B. Boche mit seinem Einschub, Antiamerikanismus und Antisemitismus seien das gleiche in der verlinkten Diskussion. Weiß nicht, ob Du das auch vertrittst, ist aber fast schon üblich in eurem Lager.

Dann denke ich an meine Seminare bei Frau Lorenz vom Institut für die Geschichte der deutschen Juden hier in Hamburg und bin entsetzt, daß man plakatives und teils dämliches Stänkern gegen etwas, was als Übermacht empfunden wird, mit den Rassegesetzen im 3. Reich gleichsetzt.

Eure Reaktion erinnert strukturell an das, was Hannah Arendt über Philosemiten geschrieben hat. Kann ich gerne mal nachschlagen.

Und wenn die beiden oben genannten Punkte eine Liaison eingehen, dann ist keine Diskussion über das, was da wirklich passiert im Nahen Osten, mehr möglich.

Bevor Du Lust hast, loszupoltern: Ich bin prinzipiell aber sowas von pro-israelitisch und finde die Hisbollah entsetzlich. Ich habe nur die Befürchtung, daß das, was aktuell passiert, sich drastisch gegen Israel wenden wird, wie viele andere ja auch. Und kann auch libanesische Opfer nicht bejubeln.

"Ihr" schreit solche differenzierenden Stimmen nieder wie einst K-Gruppen in der Seminaragitation. Wobei Dein Text noch um Sachlichkeit bemüht war, okay. Was dieser Llarian bei den B.L.O.G.s so von sich gibt, meine Güte.

Noch ein biographischer Einschub, wo Du hier gerade auftauchst, auch wenn das jetzt vielleicht Hohn verursacht: Mein Opa - ein aufrechter Linker, der trotz Todesstrafen-Androhung im 3. Reich den englischen Sender hörte und demonstrativ öffentlichen Kontakt mit Juden pflegte, bis er dann eingezogen wurde - hat mir als einen der ersten Sätze in meinem Leben "Wer noch einmal eine Waffe in die Hand nimmt, dem faule die Hand ab" beigebracht. Weil er seinen Vater im ersten Weltkrieg verloren hat und auch andere Verwandte. Er nannte seine 1933 geborene Tochter Wilfriede. Mein Vater war in der HJ und hat dann kurz vor Kriegsende mit 17 ein Bein verloren. Der ist später im Kampf gegen die Wiederbewaffnung in die SPD eingetreten, aus seiner Perspektive als Wiedergutmachung für das Pimpf-Dasein, und hat sich ein politisches Leben lang mit Völkerverständigung befaßt, war auch in Israel und hat mir da viele der damaligen Backgrounds nahegebracht.

Natürlich ist das alles angesichts von Ausschwitz irrelevant und sei weiß Gott nicht als "Es gab ja auch deutsche Opfer!" mißverstanden, ganz im Gegenteil. Aber es ist auch eine Erfahrung von Menschen hier in Deutschland, die vielleicht ein wenig mehr Demut angesichts von so etwas wie Krieg, in dem Menschen sterben, verwundet werden, invalide bleiben, Angehörige verlieren, auf beiden Seiten, erfordert.

Und dann kann man immer noch darüber streiten, ob es nun gute Gründe für oder bessere gegen das aktuelle Vorgehen Israels gibt. Aber bitte nicht mit diesen Sprüchen wie "Ihr spaziert den Nazis in einer Reihe!", "Ihr seid nur die nützlichen Idioten des Irren in Teheran!", "Ihr seid blind und verblendet!" Das liest sich ja wie der Wachturm.

Hatte eine ähnliche Diskussion mit Statler auch schon mal und wiederhole mich eigentlich:

http://www.blogfrei.de/metalust/2006/02/in_schuetzengraeben.html

So, jetzt hast Du alles abbekommen, was mir heute durch den Kopf ging ...

"Nur wer eine radikale Kritik denken kann, ist zu einer akzeptablen pragmatischen Position befähigt.

Nur wer eine akzeptable pragmatische Position unterstützen kann, kann wirklich radikale Kritik entfalten. Um beides tun zu können, muss man unauthentisch sein können."

Wenn man DD vermutlich autobiographisch aufgeladene Kritik bleiben diese interessanten Sätze übrig. Any comments?

Danke für die lobende Erwähnung. Hoffentlich kompromittiert mich das nicht, und ich muss 10 wirtschaftsliberal-ausgrenzende Beiträge als Buße schreiben ;-)

Ich wollte aber nur noch sagen, dass ich fast allen Beiträgen von Boche, die dieser zum Konflikt bringt, zustimmen kann und sie sogar begrüße. Ich sehe diese als notwendig auf einem bestimmten Stand der Auseinandersetzungen an, wollte aber erstens mit meinem Beitrag, bei dem sich ganz andere als Boche angesprochen fühlen sollten, die Diskussion etwas versachlichen und dann in der Diskussion die vielleicht notwendige Parteinahme während eines Krieges nicht als Lösung des Problems durchgehen lassen.

Ich bin Llarian dankbar, dass er sich als Kontrapunkt der Diskussion gestellt hat. Und ich freue mich, weil ich in der Diskussion ja doch ziemlich isoliert war, ganz besonders, in David jemanden gefunden zu haben, der trotz aller unterschiedlichen Betonungen in ähnlichen Kategorien denkt.

@Anonymous(!?)

Den ersten Satz halte ich für vernünftig. Den Rest nicht mehr.

Ich schätze z.B., der Mann verwechselt Authenzität der Person mit der von einer Ideologie abgeleiteten Authenzität.

aus der Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Authentisch

"Angewendet auf Personen bedeutet Authentizität, dass das Handeln einer Person nicht durch externe Einflüsse bestimmt wird, sondern aus der Person selbst stammt. Gruppenzwang und Manipulation beispielsweise unterwandern persönliche Authentizität.

Eine als authentisch bezeichnete Person wirkt besonders echt, das heißt, sie vermittelt ein Bild von sich, das beim Betrachter als real, urwüchsig, unverbogen, ungekünstelt wahrgenommen wird. Dabei muss es sich nicht notwendigerweise um die realen Eigenschaften des Betrachteten handeln, sondern es können auch Zuschreibungen des Betrachters diese Eindrücke verursachen, die etwa auch Teil einer gelungenen Inszenierung darstellen können. Ist die Inszenierung übertrieben, wirkt sie schnell Klischee-haft und wird zum Kitsch (siehe auch Medientheorie)."

Genügt dies als Basis für den Begriff "Authentizität"?

DDs Kritik am
"Ideal der authentischen Identität" trifft auf dieser Grundlage sowohl für die genannten Protagonisten von Rot-Grün zu als auch für die von MR gestreiften selbsterklärten "Reformer" der Gegenseite, die viele (nicht falsifizierbare) Vorhersagen, aber wenig Politisches Handeln produziert haben (Krieg ist Gewalt nicht Politisches Handeln.).

- darf ich Dich verlinken? wäre schön.

"Eine reine Instrumentalisierung Israels zu innenpolitischen Zwecken"

Nein. Die innenpolitische Komponente ergibt sich erst aus der gegenteiligen Haltung der "Friedensbewegten" und der notwendigen Kritik an deren Haltung.

"Versuch der Wiedergutwerdung im vom Broder genannten Sinne."

Ja, leider. Die Haltung: Als Deutscher muss ich gegen das Unrecht vorgehen und wer die meisten Opfer hat und weniger Waffen, der ist der "Gute". Gerade weil "die früheren Opfer jetzt zu Tätern" werden, muss man das laut sagen. Damit kann auch Auschwitz kompensiert werden. Motto: Alle sind Opfer und Täter. Damit herrscht moralischer Gleichstand. Handlungsweise: "Kommst du mit Auschwitz, komm ich mit Qana und Beirut. Also halt die Fresse!" Auf der linken hört man was vom "faschistischen Völkermord" der durch die Zionisten im Libanon durchgeführt wird. Chavez mit seinem Nazivergleich ist ja auch noch in Erinnerung.

Ich sehe mich als solidarisch mit Israel, nicht mit "den Juden" oder einer politischen Richtung in Israel. Ich sehe Israel als das was es ist. Ein vom Totalitarismus bedrohter Aussenposten westlicher Werte. Der "Staat der Juden" ist ein säkularer und demokratischer Staat. Was in der Region nicht oft der Fall ist. Wie wohl Deutschland oder jeder andere Staat auf ähnliche Angriffe reagiert hätte?

Israel da eine Sonderolle zuweisen zu wollen, aus welchen Gründen auch immer, ist durchaus eine Form des Antisemitismus oder Philosemitismus. Wie man es sehen möchte. Aber es gilt dabei immer zu bedenken, daß Israel von anderen Staaten das Existenzrecht aberkannt wird. Das bedeutet einen faktisch dauerhaften Kriegszustand. Der wohlgemerkt aufgezwungen ist.

Aber ich schweife ab.

"Ihr spaziert den Nazis in einer Reihe!"

Auf einer "Friedensdemo" in Berlin, zu der auch attac und die WASG Neukölln aufgerufen hatte, nahmen tatsächlich Neonazis teil und das störte nicht.

"Ihr seid nur die nützlichen Idioten des Irren in Teheran!"

Letztendlich ist die Solidaritätkampagne für den libanesischen "Widerstand" nichts anderes als Propaganda für den Iran. In London, auch auf einer "Friedensdemonstration", forderten "Trotzkisten" den Besitz der Atombombe für den Iran.

"Ihr seid blind und verblendet!"

Wer mit der Hisbollah und der Hamas flirtet, der ist eben genau das.

btw: Eine Reaktion war: "Das ist doch über mich! Aber ich hatte keine Tränen in den Augen!"
Es ist nicht leicht im Spannungsfeld zwischen feministischem Pazifismus und [Schlagwörter eintragen] zu leben.

@Thomas Hannibal:

Klar!

@Rayson:

Na, über Llarian äußere ich mich lieber nicht, der macht mich aggresiv mit seiner Selbstgerechtigkeit. Und Boche gegenüber hatte ich ein schlechtes Gewissen, nachdem ich "post" gedrückt hatte, in hier einfch so zu erwähnen, deshalb ja der Hinweis bei euch, weil ich zu verstehen glaube, was ihn motiviert, und wenn ich ihn hier schön erwähne, soll er ja reagieren können. Ich wollte mich auch nicht als "Spalter" betätigen, wie mir ja schon mal unterstellt wurde ;-) ...

Der hat nichtsdestotrotz entweder 'nen Grundkurs in Antisemitismus-Forschung nötig, der Boche, oder er ignoriert sein Wissen. Natürlich ist diese These des Antizionismus als sekundärem Antisemitismus plausibel, und natürlich hat sich historisch Agitation gegen den "westlichen Krämerseelengeist" als Gegenaufklärung mit anderen Quellen des Antisemitismus vermengt. Aber so, wie Boche manchmal argumentiert (und andere auch), wird man dem in negativer Hinsicht Einzigartigen des Antisemtismus hier in Deutschland einfach nicht gerecht, und der auch schaurigen Einzigartigkeit aktuell des arabischen und persischen Antisemitismus ebensowenig.

@Telegehirn:

Werf Du noch mal anderen vor, sie seien Argumentation nicht zugänglich. Du bist auf keines meiner Argumente wirklich eingegangen und hast nur wiederholt, was mir eh klar ist.

@Anonymous & Rayson:

Ich glaube, Diedrichsen meint den Menschen als Ensemble seiner gesellschaftlichen Verhältnisse in seiner postmodernen Reformulierung und weist das zurück, was Heidegger "Eigentlichkeit" nannte. Das ist ja 'ne uralte Kiste, schon in den 60ern würde fröhlich und lautstark z.B. das "Autoren"-Subjekt aufgelöst z.B. im Diskursgeschehen oder im Spiel der Differenzen. Trotzdem hat sich der Kult der "Crediblen" in der Popkultur erhalten und ist dann auch auf die Politik übergeschwappt als Teil einer allgemeinen Ästhetisierung des Politischen. Und das ist nun wirklich nicht der Ort, wo linke Zukunft gedacht werden kann, das halten aktuell die Liberalen besetzt. Insofern hat die radikale Kritik dieses Eigentlichkeitsdenken hinter sich zu lassen, so habe ich das verstanden.

Natürlich scheut er sich dabei vor einer Reformulierung des Politischen, weil er ganz genau weiß, daß er dann bei Habermas landet, und der ist uncool. Wobei bei diesem ja das Authentische sogar einer der Geltungsansprüche ist, aber dazu hat Foucault nun wirklich alles Relevante gesagt.

Er plädiert zudem dafür, Pragmatik und Utopie zu vermitteln, vermute ich, und traut sich auch das nicht wirklich auszusprechen, weil er weiß, in welche Fallen man da tappt. Das ist ja das Problem bei so schlauen Leuten, daß die das Gegenargument immer gleich mit bedenken und deshalb oft nicht mehr wissen, wie sie etwas vertreten sollen. Und das faßt dann den Zustand der aktuellen Linken in ihren nicht-naiven Spielarten tatsächlich ganz gut zusammen ... daß in der Tat die Attacken der Gegenseite nix anderes bewirken als eine Verhinderung des Politischen, siehe Telegehirn, da pflichte ich Anonymous bei ...

@MR

"Natürlich scheut er sich dabei vor einer Reformulierung des Politischen, weil er ganz genau weiß, daß er dann bei Habermas landet, und der ist uncool."

Wieso unterstellst Du DD das? Hat er sich schon in dieser Richtung geäußert? Vielleicht hat DD ja auch begründetere Einwände gegen Habermas, die er leider nicht darlegt (vielleicht das Zeilenlimit der JW?). Bei begründeter Kritik an Habermas denke ich z.B. aktuell an die Argumente von Zimmermann in seinem "Philosophie nach Auschwitz" (Grundidee so ungefähr: Habermas intersubjektiver Universalismus scheitert in dem Moment, in dem die am Diskurs Beteiligten den "guten Willen" zum Dialog (die unbedingte Voraussetzung) einfach nicht aufbringen. Der "Gute Wille zum Dialog" (Habermas nennt dies vermutlich anders) ist selbst nach dem, was man aus der Geschichte der (westlichen) Demokratien ableiten kann, keine universelle Konstante sondern Habermas' Postulat, um darauf seine Theorie zu errichten. Das macht Habermas' Theorie nicht zu einer schlechten Theorie - nur ist sie leider nicht die universelle Theorie des Politischen, die Du oben anzudeuten scheinst...)

"...Wobei bei diesem ja das Authentische sogar einer der Geltungsansprüche ist, aber dazu hat Foucault nun wirklich alles Relevante gesagt."

Könntest Du das näher ausführen?

@Anonym:

Ich unterstelle das, weil in der Tat Politische Theorie, die nicht wie Carl Schmitt oder das Telegehirn bei der Unterscheidung zwischen Freund und Feind und der Beherrschung des Ausnahmezustandes stehen bleiben will oder wie Luhmann zwischen Regierung und Oppostion als maßgeblich fassen möchte oder wie manche Wirtschaftliberale bei Eigentumsschutz und freien Verträgen ansetzt (letztere setzen ja bestenfalls Habermas' kommuniktives Handeln voraus), dann bei den alten Griechen landet. Habermas hat Hannah Arendts Begriff kommunikativer Macht weiter entwickelt, den diese aus den alten Griechen herausgearbeitet hat, und ich wüßte dazu keine Alternatiive. Auch das Medium radikler Kritik kann ja nichts anderes sein als der rationale Diskurs - es sei denn, man will Andere ignorieren und entrechten, indem man sich mundtot macht. Das ist ja das Unangenehme an jenen, die als Sehende unter den Blinden weilen, da sie die Wahrheit schauten ...

Diese Kritikmuster an Habermas kenne ich, und natürlich stimmen die auch. Agamben hat ja meines Wissens Karl-Otto Apel sogar gedanklich ins Lager befördert, meines Wissens, um den - weitere wichtige Quelle, aus der Habermas' Denken sich speist - zu "widerlegen".

Das ist aber angesichts dessen, daß das Habermas immer schon in seiner Theorie berücksichtigt hat, so doll nun auch nicht. Der Mann wird ja zumeist positiv rezipiert hinsichtlich seiner diversen Ansätze zum "herrschaftsfreien Diskurs". Der hat aber auch einen kritisch-resignativen Teil, der zumeist gar nicht rezipiert wird. Konstitutiv für alles andere, was er so schreibt, ist die Unterscheidung zwischen strategischem und kommunikativen Handeln, in der älteren Kritischen Theorie hieß erstere instrumentelle Vernunft. Alles, was er behauptet, ist, daß die kommunikative der strategischen vorgängig ist. Die strategische ist jene der "systemischen Imperative", und die wirken im Parteien- und Verbändestaat ebenso wie in der Wirtschaft. Angesichts derer, das schreibt er auch mehrfach, kann die kommunikative Macht allenfalls punktuell wirken. Das ist in etwa das, was Du darstellst: Nimmt das Gegenüber die strategische Einstellung ein oder setzt auf institutionell verfaßte Macht, dann hat man in der Tat keine Chance. Aber das ist halt so - hast Du da 'ne Alternative parat?

Und zu den Geltungsansprüchen und Foucault: Meinst Du jetzt erstere oder zweitere? Das ist jetzt beides 'ne Menge Holz, mal eben so in den Kommentaren ...

Danke für die ausführliche Antwort. Mir scheint wir liegen bei Wertschätzung wie Einsicht in die Grenzen der von Dir genannten Protagonisten nah beieinander.

Um die letzte Frage zu präzisieren: Inwiefern muß ein Subjekt "authentisch" sein (und was heißt "authentisch" in diesem Kontext genau), um am Prozeß der kommunikativen Machtausübung teilzunehmen? Ist der Unterschied: Der Sprecher im Dialog muß "authentisch" sein, der Operateur des instrumentellen, strategischen Systems der Macht muß es nicht sein?

Problem: Nach meiner Beobachtung ist Macht auch in Bürokratien an an das Sprechen gekoppelt, auch in Bürokratien ist Politisches Handeln (zum Beispiel durch die Behördenleitung) die Quelle von Macht und auch in Bürokratien erwecken die Sprecher (die an der Macht teilhabenden) den Anschein der Authentizität, um sich durch ihre Rede als "aufrichtig" zu legitimieren.

Also: Wenn der Unterschied zwischen Strategischer und Kommunikativer Macht ein Irrtum ist, erweist sich der Begriff der "Authentiztät" als inhaltsleer, er ist dann nur eine Vokabel zur Beschreibung einer nicht universell, sondern lediglich im (historisch kontingenten) Einzelfall begründbaren Differenz.

Und dann: Was ist pragmatisches politisches Handeln, und an welchen ethischen Grundsätzen kann es sich orientieren? Welche ethischen Grundsätze kristallisieren sich heraus, wenn darauf verzichtet wird, die eigene kontingente Lebenserfahrung zu universellen Lehrsätzen zu verallgemeinern?

Die Behauptung, das eigene Leben "authentisch" gelebt und dabei "authentisch" gesprochen und gehandelt zu haben, ist keine ausreichende Begründung, um das eigene Leben zum ethischem Maßstab zu erheben - das ist mein Fazit aus bald 40 Jahren 68er Debatte.

@Anonym:

Oha, das sind ja nun wirklich Fragen, die ganze Bücher erfordern ...

Bei dieser System-Lebenswelt-Differenz hänge ich auch gerade fest, weil meine eigene, berufliche Erfahrung auch besagt, daß das Wirtschaftsunternehmen, in dem ich arbeite, im Grunde genommen durch verständigungsorientiertes Handeln zusammengehalten wird. Aber verzeih mir, daß ich das selbst noch mal nachlesen muß, weil das jetzt 10 Jahre her ist, daß es mein Soziologie-Prüfungsthema war.

Zum Authentischen: Wenn ich mich recht entsinne, gibt es bei Habermas den Anspruch auf normative Richtigkeit (Handlungsregeln im Bezug auf Andere, Intersubjektivität), deskriptive Wahrheit (das nennt er anders, das ist die klassische Objekt-Seite) und subjektiv-expressive Wahrhaftigkeit (auch das sind jetzt nicht die ganz korrekten Begriffe, aber sowas meint er, die klassische Subjekt-Seite). Letzterer ist eben "authentischer Selbstausdruck".

Das sind die Geltungsansprüche, also indem ich im Modus eines dieser Kommunkationstypen mich ausdrücke, erhebe ich den Anspruch, daß das gilt, was ich sage - daß es auf der jeweils anvisierten Ebene der Fall ist (das ist jetzt alles Habermas-flapsig).

Wenn ich also sage: "Mich nervt Telegehirn", dann erhebe ich den Anspruch, daß es wirklich der Fall ist, daß er mich nervt, er mich also wirklich nervt. Wenn ich aber z.B. sage: "Ich habe Kopfschmerzen", weil ich gerade keinen Bock habe, mit meinem Lover rumzumachen, dann handel ich strategisch, um ihn zu etwas zu bewegen - mich in Ruhe zu lassen. Dann meine ich's also gar nicht wirklich. Wenn ich ihn gleich k.o. schlage, damit er mich in Ruhe läßt, handel ich ebenfalls strategisch. Ich will dann nicht überzeugen, sondern siegen, sozusagen.

Insofern ist die Unterscheidung verständigungsorientiert und strategisch aber auch kein Irrtum. Habermas spricht dann von "wahrheitsanalogen" Geltungsansprüchen. Und diese Wahrhaftigkeit ist grundlegend.

Nun ist freilich die subjektive Wahrhaftigkeit politisch nur im Sinne von "man meint wirklich, was man sagt" relevant. Aber sowas wie Credibility ist, glaube ich, ja gerade von Schröder ad absurdum geführt worden - der war ja eher beliebt, weil er so ein inkorrekter Schlawiner und guter, amüsanter Stratege war. In Kernfragen - glaubt man ihm seine soziale Ader, oder tut der nur so? - ist das aber aktuell schon auch politisch noch ein Orientierungsprinzip, auch in seinem Fall, glaube ich.

"Was ist pragmatisches politisches Handeln, und an welchen ethischen Grundsätzen kann es sich orientieren?"

Pragmatisch ist ja immer situationsbezogenes Handeln, und das kann selbst zur Ethik werden, sach im mal.

Die ethischen Grundsätze kann man, wenn man will, aus dem obigen ableiten, so ungefähr funktioniert ja die Diskursethik: Um sich mit jemandem vernünftig auf etwas zu einigen, muß man seinen Gründen das gleiche Gewicht zugestehen wie den eigenen, ihn fundamental respektieren und nicht mißbrauchen - da sind tatsächlich Reziprozitäts- und Symetrie-Bedingungen notwendig vorauszusetzen, wenn man vernünftig miteinander redet.

Problem bei Habermas ist ja eher, daß er die Emotionen außen vor läßt, die ethisch relevant sind.

Aber sowas in die Richtung sind dann die Lehrsätze. Weil man ja gar nicht das eigene, authentische Leben da in dem Mittelpunkt stellt, sondern die Fragen, welches die richtigen Handlungsregeln sind, auf die man sich unter den genannten Voraussetzungen einigt.

In dieser Schule wird ja auch strikt unterschieden zwischen normativen Fragen und jenen des "guten Lebens". Die Frage "Wie soll ich leben" wird nur in dieser spezifischen Hinsicht erörtert - z.B. so, daß ich niemandem schade. Ob ich da drei mal täglich bete oder zweimal mit der selben penne ist im zweiten Fall dann erheblich, wenn diese verletzt ist, wenn ich's nur einmal tue. Darüber hätte man dann im Rahmen dieser Denkweisen schlicht miteinander zu reden und sich zu einigen. Da gilt dann ja immer die Regel, daß die "potenziell Betroffenen" einzubeziehen seien. In diesem Fall sind's eben nur zwei.

Politisch ist sowas nur relevant, wenn es um so Fragen wie Vergewaltigung in der Ehe geht. Da braucht's dann u.U, das Recht als funktionale Ergänzung zur Moral, um die Individualrechte der Frau zu schützen.

Alle anderen Fragen - soll man kreativ sein, täglich joggen oder in Kleinfamilien leben - sind kein sinnvoller Gegenstand solcher normativen Fragen. Es läßt sich sinnvoll begründen, allen täglich zwangsweise Joggen zu verordnen, ohne gegen die Grundlagen vernünftigen Diskutierens zu verstoßen - weil's eben auch Leute gibt, die das nicht wollen. Die Interessen dieser potenziell Betroffenen fänden dann keine Berücksichtigung.

Da ist dann übrigens auch die Differenz strategisch-verständnigungsorientiert wieder wichtig als Differenz politisch/moralisch. Viele wollen ja auch keine Steuern zahlen. Insofern agiert man diesen gegenüber strategisch und zingt sie dazu. Umgekehrt wird ein politisches System nicht bestehen können, in dem keine grundsätzliche Einigkeit hinsichtlich des Sinns von Steuern besteht.

Aber zurück zu '68: Diese haben in der Tat spezifische Glücks-Diskurse generalisieren wollen, und das ist immer hochproblematisch. Aber genau daraus hat Habermas dann ja gelernt, indem er, Kant folgend, Fragen des guten Lebens von jenen der normativen Richtigkeit schied ...

Noch mal Danke für Deine Mühe. Ich verstehe Deinen Standpunkt schon etwas besser.

Während die Anwendung des Begriffs "Wahrheit" in der deskriptiven Sprechweise mit etwas Aufwand (insb. präzise Anwendung von Mathematik) universell und widerspruchsfrei möglich ist, habe ich in dieser Hinsicht bei allen anderen Sprechweisen, die metaphorisch über Welt sprechen, erhebliche Zweifel,

Dein Beispiel: "Ich habe Kopfschmerzen" wirkt in der von Dir angedeuteten Weise als Notlüge , solange der Adressat sie wörtlich interpretiert. Versteht der Adressat sie aber metaphorisch für "Laß mich in Ruhe.", also als Satz aus einer privaten Sprache zwischen zwei vertrauten Personen in einem bestimmten Kontext (z.B. sonntagsmorgens), so ist der "Wahrheitsgehalt" des ersten Satzes keineswegs der einer Notlüge.

Wenn Wahrheitswerte außerhalb der deskriptiven Domäne in der hier angedeuteten Weise in ihrem universellen Gültigkeitsanspuch widersprüchlich sind, weil sie von Sender, Empfänger und Kontext in kontingenter Weise abhängen, dann wird sowohl die Differenz zw. strategisch/kommunikativ als auch die zwischen "Wie soll ich in Bezug auf andere handeln" und "Was ist das gute Leben" brüchig. Was sicher viele Gläubige aktuell mit einem Nicken quittieren würden.
An dieser Stelle darf der Verweis auf Habermas' Wort von der "religiösen Musikalität" natürlich nicht fehlen...;-)

Welche Antwort kann politisches Handeln geben, das den säkularen Staat als das kleinste Übel verteidigen will?

Noch ein kleiner Definitionsversuch:
Instrumentelle oder Strategische Macht ist die Bezeichnung für die Kommunikative Macht von Handelnden, die die Zwecke oder Ziele ihres Handelns nicht als kontingent anerkennen. Die Zwecke oder Ziele der Handelnden sind in diesem Falle in Redeweisen oder Schriften formuliert oder besser kodifiziert, denen von den Protagonisten universelle Gültigkeit zugeschrieben wird.

@Anonym:

Warum kommentierst Du eigentlich als Anonym? Okay, auch 'n Nick, aber trotzdem ...

Das sind nicht in jeder Hinsicht meine Standpunkte, das vielleicht vorab, versuche zu referieren, und wüßte bei vielem auch keine Gegenargumente ... Habermas-Bashing ist ja schon lange Königsdisziplin in bestimmten diskursiven Sphären, und da bemühe ich mich einfach, gegenzuhalten, weil er das nicht verdient hat.

Sowas wie metaphorische Redeweisen sieht Habermas' Theorie der Geltungsansprüche nicht wirklich vor, das wäre für ihn wahrscheinlich Literatur, keine praktische Rationalität. Das Reich der Künste war und ist sein Thema nicht, und das ist bei Fragen, die traditionell Subjektivität genannt wurden, natürlich defizitär, und in Pop-Kontexten sowieso. Das ist auch ein wichtiger Einwand gegen Habermas, da macht es immer Sinn, lieber bei Adorno zu bleiben.

Aber ansonsten argumentierst Du, glaube ich, verzeih mir, an Habermas vorbei.

Verständigungsorientiertes Handeln über Handlungsregeln findet ja alltäglich statt. Sind die Managergehälter zu hoch? Das kann man im Sinne von Wirtschaftstheorien aus der Perspektive der 3. Person beantworten: Wieso, ist doch einfach eine Frage von Angebot und Nachfrage, da sollte man in "natürliche Preisbildungsprozesse" nicht eingreifen.

Aus der Perspektive der 1. Person Plural fragen wir uns hingegen: Wollen wir so miteinander leben? Und dafür und dagegen gibt es Gründe. Und sobald man die anführt, bewegt man sich im wahrheitsanalogen Bereich und will sich mit jemandem einigen, diesen überzeugen. Mehr sagt ja der vielgescholtene Konsens auch gar nicht, wenn ich es richtig verstanden habe: Wenn ich aufrichtig argumentiere, dann will ich andere überzeugen, eben davon, daß es richtig ist, was ich behaupte. Oder auch, daß es falsch ist, Kinder zu schlagen.

Das ist ja zustimmungsfähig, hierzu waren lange, historisch konstatierbare Diskussionen notwendig, und in unserer Kultur hat sich das ja vorrübergehend als geteilte Überzeugung über das Richtige auch durchgesetzt. Ist ja alles wie mit der guten, alten Kant-Aussage im Bereich des Ästhetischen, daß sich dieses eben nicht auf rein subjektive Geschmacksfragen reduzieren ließe.

Habermas macht da nur Verfahren, Praktiken explizit, die sowieso stattfinden, wenn man denn argumentiert - übrigens anders als Apel ohne Letztbegründung. Das ist wichtig in Auseinandersetzung mit dem Kritischen Rationalismus.

Die Frage nach dem säkularen Staat als kleinstem Übel würde dann wohl als Anwendungsfrage deklariert, deren Antwort in realen Dikussionen gesucht zu werden hätte, wobei eben die Grundlage die weiter oben genannten Regeln wären. Und wer gegen diese verstößt, z.B. sagt, Christen hätten ja eh keine Ahnung und somit zu schweigen, verstößt gegen diese. Diese müssen sich dann aber auch den Anforderungen der Rationalität stellen und können nicht einfach höhere Wahrheiten behaupten, die für alle gelten, unabhängig davon, ob alle daran glauben.

Man muß da immer zwei Ebenen unterscheiden: Das Quasi-Transzendentale, als die Möglichkeitsbedingungen gelingender Argumentation, und die Gründe selbst, die bei Anwendung dieser Regeln dann angeführt werden.

Und zudem die Differenz zwischen erster und 3. Person, zwischen Teilnehmer und Beobachter-Perspektive. Idealerweise finden politische Diskussionen aus der Perspektive der 1. Person Plural statt. Das Kriterium, wer zum Wir dazugehört, ist nicht etwa Staatsangehörigkeit, sondern "Betroffene". Soll heißen: Man diskutiert nicht über Asylbewerber, sondern diese hätten mitzudiskutieren, oder man hat stellvertretend deren Perspektive mit einzunehmen.

Soweit ist aber noch kein materialer Gehalt impliziert. Und das ist auch ds aktuelle Dilemma, das hat Habermas schon im "Strukturwandel der Öffentlichkeit" diagnostiziert: Aktuelle Politik ist Interessenpolitik von Parteien und Verbänden, schließt also a priori Betroffene aus und instrumentalisiert sie. Hinzu tritt, daß Politiker gar nicht mehr als Teil eines Wir auftreten, sondern als vermeindlich problemlösendes Expertensystem, also Politik aus der Perspektive der dritten Person betreiben. Das gefährdet die Demokratie als solche nachhaltig.

"Die Zwecke oder Ziele der Handelnden sind in diesem Falle in Redeweisen oder Schriften formuliert oder besser kodifiziert, denen von den Protagonisten universelle Gültigkeit zugeschrieben wird."

Nee, eben nicht. Es werden Regeln idealtypisch rekonstruiert, die man sowieso schon in Anspruch nimmt - das ist übrigens auch bei Kants Kategorischem Imperativ so, als dessen Reformulierung Habermas die Diskursethik versteht (wobei er zwischen politischen und moralischen Diskursen sauberer unterscheidet, als ich das hier tue).

Im Falle dieses Nahost-Krieges hieße das, daß sowohl Libanesen als auch Israelis die Perspektive der je anderen Seite als gleichwertig zu der eigenen wahrnehmen müßten, alles andere ist irrational. Jetzt höhnt wieder irgendwer von "Sitzblockaden" und "Runden Tischen", weil das natürlich gnadenlos naiv und idealistisch ist. Aber auch da ist's lehrreich, die oben verlinkte Diskussion bei den B.L.O.Gs zu verfolgen - wenn man einen solchen Prozeß nicht als Ziel in's Auge faßt, dann kann man nur für den ewigen Krieg plädieren. Und der ist strategisches Handeln in Reinform ...

OT: Wenn ich mir noch was wümschen dürfte? ;-) Dann wünsche ich mir, deinen Blog inkl. Kommentare als PDF ausdrucken zu können :-)

@Somlu:

Danke! In der Hoffnung, daß das darin begründet, liegt, daß das hier lesenswert ist ;-) ...

Wäre schon ganz schön viel Text, mittlerweile ...

Allerdings ist es lesenswert. Warum sollte ich es sonst ausdrucken wollen. Ich würde es manchmal gerne bequemer haben als am Bildschirm.

Noch mal vielen Dank, dass Du Dir die Zeit nimmst, MR.

Du hattest mich oben nach einer alternativen Form der "Kommunikativen Macht" gefragt, die robuster gegenüber Dialogboykott und Gewalt funktioniert als "die Diskursethik" (also i. W. das, was Du zu recht als derzeitigen Maßstab skizziert hast).

Nach Deiner Antwort kann ich jetzt zumindest offene Punkte für die weitere Untersuchung andeuten:

Erstens: Ausserhalb der deskriptiven Domäne der objektiven physisch fundierten Naturwissenschaft kann während eines Dialogs zwischen "faktisch" und "metaphorisch" nicht widerspruchsfrei unterschieden werden. Der Teil der Naturwissenschaft, der einen widerspruchsfreien deskriptiven Wahrheitsbegriff erlaubt ist kleiner als szientistisch gestimmte Zeitgenossen glauben. Psychologie, Hirnforschung, Evolutionstheorie, Kosmologie und vor allem Wirtschafts"wissenschaft" (unter anderem) enthalten nur sehr kleine deskriptive Inseln in einem Ozean von metaphorischen Behauptungen, Erzählungen, etc. Damit erweist sich gerade der Versuch von Mandatsträgern, auf die obigen Expertensysteme zur politischen Entscheidungsfindung, insb. in der Frage der Gerechtigkeit, zurückzugreifen als widersprüchlich und damit als unangemessen. Kontingente Behauptungen, als "objektive Wissenschaft" tituliert, tragen nicht mehr zur Problemlösung bei als der Dialog der betroffenen Laien, wie von Dir bereits angedeutet. (Dies ist der vielleicht schärfste Einwand gegen die moderne Sozialdemokratie, deren "starker Staat" ein "Experten-Staat" ist.)

Zweitens: Der Unterschied zwischen 1. und 3. Person ist außerhalb des Gültigkeitsbereichs deskriptiver Wahrheit (siehe oben) bedeutungslos.

Dein Beispiel:
"(...) Sind die Managergehälter zu hoch? Das kann man im Sinne von Wirtschaftstheorien aus der Perspektive der 3. Person beantworten: (...) da sollte man in "natürliche Preisbildungsprozesse" nicht eingreifen. Aus der Perspektive der 1. Person Plural fragen wir uns hingegen: Wollen wir so miteinander leben? (...) bewegt man sich im wahrheitsanalogen Bereich und will sich mit jemandem einigen, diesen überzeugen..."

Da der Begriff "natürliche (oder auch andersgeartete) Preisbildungsprozesse" ein metaphorischer und kein "faktischer" ist (Preise sind wie Gehaltszahlungen eine Folge menschlichen Entscheiden und Handelns, nicht eines physischen Ablaufs - es sei denn man bemüht die Metapher von der Totalität der humanen Neuro-Biochemie...), besteht kein Unterschied zwischen den beiden Fragen:
1. Wollen wir die Metapher vom "Preisbildungsmechanismus" auch bei Managergehältern zur rechtsverbindlichen Regel unserer alltäglichen Interaktion machen.
oder 2. Wollen wir eine andere Metapher aus dem Ozean der "Gerechtigkeitsmetaphern" zur Rechtsgrundlage machen?

Drittens: Aus dem Gesagten folgt, daß die Unterscheidung zwischen Beteiligter und Betroffener nur im Bereich der deskriptiven Aussagen widerspruchsfrei ist.

Viertens:
""Die Zwecke oder Ziele (...) Schriften formuliert oder besser kodifiziert, denen von den Protagonisten universelle Gültigkeit zugeschrieben wird."

Nee, eben nicht. Es werden Regeln idealtypisch rekonstruiert, die man sowieso schon in Anspruch nimmt (...)"

Die Konstruktion der Differenz zwischen Beteiligten und Beobachtern, zw. 1. und 3. Person geschieht genau dadurch, daß die Gründe der 1. Person zu "Universellen Gründen" erklärt werden. "Universell gültig" ist die zentrale Metapher in dem Versuch, den Prozess der Kommunikativen Macht (befaßt mit den kontingenten Gründen von Individuem) in den Prozess der Strategischen Macht (befaßt mit "universellen" oder "ewigen" Gründen) zu verwandeln.

Bezogen auf den Nahost-Konflikt ist die Übertragung geradezu banal: Das arabische Lager verzichtet wie das israelische Lager auf "ewige Ansprüche", anerkennt die Anderen als (alltagskulturell sogar nicht so weit entfernte) Mitmenschen, rüstet gemeinsam ab und wendet sich der Schaffung einer Zone des "Guten Lebens" im Nahen Osten zu.

Bezogen auf Westeuropa:
Das kapitalistische wie das anti-kapitalistische Lager verzichtet auf die Durchsetzung pseudo-(natur)wissenschaftlicher angeblich universeller Theorien von der "Guten Gesellschaftsordnung" und wendet sich der gemeinsamen Konstruktion des "Guten Lebens" zu. In lyrischer Kurzform (in Anlehnung an einen Popsong aus dem Kalten Krieg): Auch DAX-Vorstände lieben ihre Kinder, genauso wie Hartz IV Empfänger die ihrigen.

@Somlu:

Einzelne Einträge und Diskussionen kann ich gerne in ein Word-Dokument rüberkopieren und zumailen bei Bedarf!

Hatte tatsächlich auch schon manches Mal überlegt, ob es nicht andere Publikationsformen für manche Einträge und Diskussionen hier, aber auch in anderen Blogs geben könnte ... trotz aller Spezifika insbesondere der Tagesaktualität, Verlinkung und intendierten Flüchtigkeit dieses Mediums... man bräuchte einfach mehr Zeit, sich Gedanken darum zu machen ...

@Anonym:

Ich glaube, Deine Einwände betreffen nur jenen Bereich, den man traditionell als "Wahrheit" bezeichnet hat, nicht jenen der Normativen Richtigkeit. Da ist Universalierbarkeit sogar Kriterium: Die Vorraussetzungen zumindest sind sinnvollerweise nicht einzuschränken. Das ist aber gerade nicht strategisch, wenn ich sage, daß Deinen Einwänden ganz prinzipiell das gleiche Gewicht zukommt wie meinen Ausführungen. Das sind ja auch keine "ewigen Werte", sondern Möglichkeitsbedingungen rationalen Diskutierens ...

Korrekt.

Der Haken: Wenn man die Wahrheitsansprüche einer insb. "religiösen" universellen Ontologie verwirft, wie es die Europäer in ihrer Mehrheit mal getan haben (wie man nicht nur in den USA beobachten kann, läßt sich diese Entscheidung auch revidieren...), dann ist deskriptive Wahrheit das einzige, was uns im Dialog (also in der sprachlichen Vermittlung) übrig bleibt.

Genau deshalb haben die europäischen Geistesgrößen genau in dem Moment, als die christlichen Wahrheitsansprüche mit empirischen wie logischen Mitteln als widersprüchlich "entlarvt" waren, begonnen, nach Wegen zu suchen, ihre eigenen kontingenten Aussagen zu "universeller Gültigkeit" oder einer Form von "säkularer Metaphysik" zu erheben.

Hume hat noch vor dieser Versuchung gewarnt, aber er konnte die Entwicklung nicht aufhalten.

In manchen Fällen, wie bei Adam Smith, ist die unzulässige Erweiterung zum "pseudo-metaphysischen Lehr-Gebäude" vielleicht erst von übereifrigen Schüler auf der Suche nach einer Ersatzreligion ausgegangen. In Fällen wie Rousseau, Hegel oder Marx war der selbsterklärte messianische Anspruch recht unverblümt...

Fazit: Unser verbliebener Zugang zur Normativen Richtigkeit ist die deskriptive Wahrheit und die Anerkennung des Anderen als Mensch im Dialog. Die Alternative dazu ist nicht ein irgendwie rationaler,kognitiver oder angeborener Zugang sondern der Gottesstaat, den wir schon probiert haben.

Nachtrag

Kurzformel zur Nebegründung des Politischen Handelns:

"Meta-Ethik statt Meta-Physik"


ein paar Hinweise zum Lesen:

Hume, is-ought problem in Treatise of human nature
(http://www.gutenberg.org/etext/4705)

G.E. Moore, Principia ethica
(http://fair-use.org/g-e-moore/principia-ethica/)

metaethics, naturalistic fallacy

Noch ein Hinweis zur Systemtheorie:

Bevor Herr Luhmann seine Interpretation in eine Ontologie mit öffentlichkaitswirksamen Absolutheitsansprüchen ausgebaut hat, klang das Ganze deutlich zurückhaltender und "anschlußfähiger" im Hinblick auf Rationalismus, Sprachanalyse und Kommunikationstheorie, Ethik der Intersubjektivität...

allen voran bei H. von Förster z.B, in Kybernethik, Merve Verlag, darin vor allem "Ethik und Kybernetik zweiter Ordnung"

@Anonym:

Die Links lese ich mir mal in Ruhe durch! Aber man kann jetzt der Kant bis Habermas-Tradition nicht vorwerfen, daß es auch Hegel und Rousseau gab. Ich vermute, daß Albert ähnlich argumentiert hätte, aber das ist ja der falsizierbre Versuch, aus Sprachpragmatik Regeln des Miteinanders bzw. Verfahren, wie diese ermittelbar sein könnten, zu gewinnen. Hume und Moore, Humes Ethik steht hier auch hinter mir im Regal sind schon auch über den Weg gelaufen, aber die Versuche, an diese anzuknüpfen, sind meines Wissens immer in Kommunitarismen und Neokonservatismen gemündet, und mit denen Klitorisbeschneidung zu kritisieren mündet zumeist in Dezisionismen ... ist jetzt so dahergeschrieben, aber ich glaube, implizit nehmen die bis hin zu Rorty die Kant-Habermas-Linie immer schon in Anspruch.

Na, und zu Luhmann: Den betrachte ich wie Foucault immer als "Werkzeugkasten", auch entgegen dessen Intention. Der macht einen sonst wahnsinnig.

Alles richtig.

Nur wieviele Versuche der Falsifizerung entlang dieser Argumentationskette wurden schon unternommen?

Beispiel ist hier wieder 68 und die Folgeprojekte. Ich vermute, wenn man da mal nachschaute, ließe sich feststellen, daß diejenigen Leute nachhaltig positive Wirkung hatten, die sowohl "links-authentischer Weltbeglückung" als auch der Verabsolutierung eines letztlich egoistischen "sozialen Konstruktivismus" aus dem Weg gehen konnten...vielleicht nur wenige Porjekte, aber es gibt sie ;-) z.B. Umweltschutz, der greifbare Verbesserungen anstelle von protestantischer Verzichtsrhetorik setzt.

Was sowohl die Kommunitaristische als auch die im weitesten Sinne utilitaristische (eher sozialdarwnistische) Tradition in der Anglophonie angeht, habe ich den Verdacht, daß nur sehr, sehr wenige Leute mit Humes Forderung ernst gemacht haben, das is-ought-Problem konsequent zu vermeiden.

Die Rhetorik von technischem Fortschritt und Freiheit durch freie Märkte in allen Lebensbereichen einerseits, aber auch die Rhetorik vom nicht hintergehbaren Glauben an die Kraft der lebensnah-weltlichen (häufig wieder religiös begründeten) Gemeinschaft andererseits, erfüllt Humes Forderung nach Verzicht auf induktive Ethik nicht.

@Anonymous:

Ich ziehe mir den bei Gelegenheit noch mal rein, den Hume - das ist bei mir zugebenerweise zu lange her, als daß ich da noch sinnvoll kontern könnte ...

Wieso denn kontern?

In Bezug auf Kommunikative Macht, Intersubjektivität etc. sehe ich keinen Dissens. Mein Vorschlag lautet lediglich, auf den allgegenwärtigen (und selten explizerten) Anspruch auf "universelle Gültigkeit" zu verzichten, und dann genau das zu tun, was seit WW II und dann noch mal seit 68 ziemlich gute Ergebnisse gebracht hat, nicht nur bei den Menschenrechten und der sozialen Gerechtigkeit, sondern auch im Bereich von Technik für den (konkreten) Menschen - statt gegen ihn im Namen eines angeblich unaufhaltsamen Gesetzes der wirtschaftlichen Entwicklung. An dieser Stelle muß dann A. Sen zitiert werden...;-)

Wo Du gerade Rorty erwähnst. Ich denke die Kontroverse zw. ihm und Habermas um Wahrheitsdefinitionen ist von beiden Seiten gelinde gesagt unglücklich geführt worden. Rorty übertreibt seine Skepsis, Habermas das "Kantische" or whatever you call it...

Jetzt noch ne Pointe zum Schluß:
"The West: Unique, Not Universal"
(Samuel Huntington)

Die Einsicht ist richtig, die (gewaltbereite) Folgerung zumindest sehr voreilig gewesen...
(http://cadeiras.iscte.pt/EGGC/Huntington%20-The%20West.pdf)

Überidentifikation mit Israel? Woran machst du das fest? An der Anzahl meiner diesbezüglichen Debattenbeiträge?
Mach ich mich dann auch einer Überidentifikation mit nicht-sozialistischen Krankenversicherungsmodellen schuldig?

"z.B. Boche mit seinem Einschub, Antiamerikanismus und Antisemitismus seien das gleiche"

Das Gleiche? Ja, in der Hinsicht, dass beides Vorurteile sind.
Im Detail betrachtet sind beide Vorurteile und ihre politische wie historische Bedeutung und Auswirkung natürlich grundverschieden. Aber ich weiß nicht, wo ich das Gegenteil behauptet hätte und empfinde es schon als recht unanständig, mich derart verkürzt zu lesen, nur um deinen Kampf gegen diese Formel:
"Antisemtismus gleich Antiamerikanismus gleich Antikapitalismus"
zu führen.
Eine Formel übrigens, die ich so nicht als richtig bezeichnen würde. Aber wer bin ich, mich für nicht vertretene Positionen bei dir entschuldigen zu müssen.

PS: Dank trotzdem für deinen Hinweis auf meine Nennung hier.

PPS: Einen Antisemitismus-Grundkurs brauche ich? Boche bedankt sich für den Tipp, den der nette Philosoph von nebenan ihm vom seinem Rosse hoch zugedacht hat.

@Boche:

Diese Gleichung hattest Du in der Diskussion selbst so formuliert, den Kapitalismus da noch mit hinzuzunehmen, das macht in der Regel die FDOG. Die behaupten ja sogar, der Antisemismus sein wesenhaft Antiliberalismus gewesen, aber kein Rassismus, und das ist so unwahr.

Das meinte ich aber: Man kann da am Vorurteilscharakter ansetzen, für mich ist der historische Antisemitismus schon deshalb was anderes als nur das, weil er sich immer auf eigene Bevölkerungsteile bezogen hat.

Der Antzionismus als sekundärer Antisemtismus ist dann in der Regel schon das, was Broder als "die Deutschen werden den Juden Ausschwitz nie verzeihen" immer wieder zitiert, das ist aber auch was anderes als Antiamerikanismus. Und der persische und arabische Antisemtismus sind noch mal was Anderes. Insofern sei das mit dem Grundkurs nicht als Sprüche vom hohen Roß gedacht, sondern als Hinweis, daß bei so sensiblen Themen man sich doch etwas um Differenzierungen mühen sollte, wie es dieser aktuell von Marian hochgefahrene Text ja auch tut.

"Überidentifikation mit Israel? Woran machst du das fest? An der Anzahl meiner diesbezüglichen Debattenbeiträge?"

Ja, und am Denk- und Sprach-Gestus. Manchmal, wenn man das liest, hat man das Gefühl, die Welt sei eine einzige antisemtische Verschwörung. Und das halte ich für übertrieben, auch wenn jeder Hinweis auf Antisemitismus wichtig ist. Ich wollte keineswwegs Deine Intentionen in irgendeiner Form diskreditieren, da habe ich bei Dir hohen Respekt vor.

"Diese Gleichung hattest Du in der Diskussion selbst so formuliert, ..."

Wie gesagt: Was du als Gleichung verstanden hast, war eher als Aufzählung von beliebten Vorurteilen gemeint.

Und dass sich die Vorurteile auch und vor allem gegen Nachbarn und Mitbürger richten, nimmt ihnen doch nicht den Vorurteilscharakter.

Und was die Differenzierung angeht: Natürlich bin ich mir bewusst, dass die verschiedenen Formen des Antisemitismus verschiedenartig motiviert sind und sich historisch unterschiedlich entwickelt haben mögen. Ich hatte aber auch nicht den Anspruch erwecken wollen, eine umfassende Gesamtschau des Phänomens und dessen Abgrenzung zu anderen Vorurteilen und rassistischen Ansichten vorzunehmen.

Was der von Marian eingestellte Text tut, weiß ich immer noch nicht so genau. Dort wird meinem Verständnis nach lediglich die übliche Leier wiederholt, dass man Kritik an Israel/den USA üben kann, ohne Antisemit/Antiamerikaner zu sein. Hinzu kommt noch der obligatorische Verweis auf Israelis/Amerikaner, die dieselbe Kritik auch äußern.
Alles richtig, schön und gut - aber, tut mir leid, daraus kann ich keinen Erkenntnisgewinn generieren.

Dass meine Sprache etwas aufgeregter erscheinen mag, wenn ich mich mit einem Thema beschäftige, das mich aktuell bewegt, sollte nicht zu falschen Schlüssen führen. Das ist eine Eigenart von mir, mich gut in etwas hineinsteigern zu können. Ich würde die Behauptung wagen, dass dies nicht an ein bestimmtes Thema gekoppelt ist.

Nochmal zu der Gleichung Antisemitismus = Antikapitalismus = Antiliberalismus (ggf. = Antiamerikanismus):

Ich würde dies zwar in dieser Ausschließlichkeit für falsch halten, kann aber nicht umhin darauf hinzuweisen, dass da wohl etwas dran sein muss.
Nicht ohne Grund war die Nazi-Propaganda offensichtlich recht klar in der Aussage, Juden, Parlamentarismus, freie Presse und auch freie, kapitalistische Wirtschaft zu vermengen. Ich wage zu vermuten, dass damit auf ein bestehendes Vorurteilsmuster aufgebaut werden sollte.

@Boche:

Ich glaube, daß sich da realhistorisch durchaus was vermengt hat, was mit einer spezifischen Art des deutschen Nationalismus zu tun hat.

Das ergab sich über ein paar Zwischenstationen aus dem Begriff der "Kulturnation", der ein anderes Verständnis des Nationalen als der französisch-republikanische (Partizipation an demokratischen Prozessen) oder auch die amerikanische Vorstellung darstellt. Diese Kulturnations-Nummer pflanzt sich heute fort bis Lammert und so, wenn auch variiert. Aberbei den FDGO und PI auch, wenn auch als "Der Westen" verstanden.

Da fühlte sich dann in der Tat die deutsche "Tiefe" in all ihren Spielarten dem angelsächsischen "Krämerseelengeist" überlegen. Das schreibt sich der Tat manchmal fort in der Kritik an der amerikanischen Unterhaltungsindustrie und einer gewissen Arroganz gegenüber den "kulturlosen" Amerikanern an sich, und da findet dann auch das antiamerikanische Vorurteil statt. In Frankreich noch stärker als hier, aber wem erzähl ich das ;-) ...

Das heißt aber nicht, daß nun jede Kritik an Oberflächlichkeit automatisch gleich an Vorstellungen deutscher Tiefe im genannten, nationalistischen Sinne anknüpft.

Wobei meines Wissens diese Attacken gegen den angelsächsischen Geist nie rassistisch unterfüttert wurden, so wie es in Richtung der Slawen oder Juden passierte. Das waren meines Wissens in deren Augen schon auch Arier.

Die Stereotypen Juden betreffend, in die durchaus auch mal beim "Wucher-" und "Börsenjuden" eine Aversion gegen das Geld- mit Geld-Verdienen statt mit richtiger, aufrichtiger Arbeit sich einschlich, waren ansonsten andere als jene, die gen Westen formuliert sich fanden.

Verweichlicht, nicht kulturschöpferisch tätig, sexuell pervers und degeneriert, schwächlich, hinterlistig usw. waren da eher Zuschreibungen, und vor allem: Parasiten im "Volkskörper" anderer Völker. Hat sich im Gegensatz zum heutigen Antizionismus immer gegen Teile der eigenen Bevölkerung gerichtet, die dann im Rahmen dieser als "das Andere" fungierten, das kann man nicht oft genug betonen, gerade wenn man sich mit PI und Konsorten auseinandersetzt. Das ist eine andere Psychologie, die dahintersteht als beim Antizionismus heutiger Prägung oder bei antiamerikanischen Vorurteilen.

Wobei die DDR-Spielarten des Antisemtismus wohl schon deutlich all das vermengten, aber die muß man ja nun auch nicht überall wittern.

Zentral auch immer die Rolle der jüdischen Weltverschwörung, wie z.B. in den legendären Protokollen der Weisen von Zion formuliert. Wenn heute davon die Rede ist, daß angeblich die Juden an der Wallstreet die amerikanische Außenpolitik steuerten, dann reproduziert sich diese graeunhaft folgenschwere Legende. Das gehen Kapitalismuskritik und Antisemtismus eine ganz klare Verbindung ein.

Das gilt aber aber auch nur dann, wenn da eine jüdische Weltverschwörung behauptet wird - jetzt gleich jede Kritik an amerikanischer Außenpolitik oder global wirkendem Kapital damit zu assoziieren ist Demagogie.

Den Zionismus aber haben aber meines Wissens die Nazis sogar gefördert zunächst, um die Juden loszuwerden, und haben haarsträubende Auswanderungs-Steuern erhoben. Wenn ich's richtig erinner, gab's einen Ausreisestopp erst 1941.

Die Stationen, die in den Holocaust führten, lassen sich in Raul Hilsbergs "Die Vernichtung der europäischen Juden" nachlesen, den Rest habe ich unter anderem aus "Helmut Berding - Der moderne Antisemitismus", aus einem Werk eines Herrn Greive, das, glaube ich, genauso heißt, und diversen anderen Büchern - auch Peter Alters Buch über Nationalismus ist hilfreich.

All diese Topoi kann man man aber nicht mal eben so umkehren, in dem man alle "antikapitalistischen" Elemente dann immer auch gleich als antisemitische und antiamerikanische identifziert, auch wenn das im Broder-Umfeld mittlerweile so üblich ist.

Kern des historischen Antisemtismus ist eine rassistisch unterfütterte Kulturtheorie, die sich an aggressiven und imperialiStischen Nationalismus ("Volk braucht raum") gekoppelt hat. Übrigens ein Rassismus, der sich von dem Rassismus Schwarzen gegenüber deutlich unterscheidet.

Insofern ist das zwar "was dran", aber was jeweils, da muß man schon genauer hinschauen.

So, jetzt habe ich bestimmt lauter Sachen geschrieben, die Du eh schon weißt ... und auch das ist ja nur ein winziger Ausschnitt eines hochkomplexen Phänomens. Die ganzen soziokönomischen und psychologischen Faktoren kommen ja auch noch hinzu, z.B., und anderes mehr ...

Ja, inhaltlich sind wir hier ganz beieinander. Deiner Darstellung habe ich jedenfalls keine Kontrapunkte hinzuzufügen.

Vielleicht merkst du dir das für das nächste Mal, wenn du Sorgen hast, ich könnte zu einfachen Formeln anhängen? ;-)

Oder du verwendest es, um mich - sollte es denn passieren - von zu leichtfertig eingenommenen Positionen zurück zu holen. Wär schön.

@Boche:

Okay!

Mit freundlicher Unterstützung durch:
ringfahndung.de